Datenklau, nicht Hacking

Man wünscht sich in der Berichterstattung zum aktuellen Datenklau bei Prominenten und Politiktreibenden wirklich mehr Differenzierung. Natürlich ist es ein Drama, wenn ein 20-jähriges Skriptkid unbemerkt in Accounts eindringen kann, dort heraus Daten stiehlt und sie – lange Zeit unbeachtet – veröffentlicht. Die Frage ist: wozu braucht es jetzt mehr IT-Sicherheit, Cyberangriffabwehrzentren – und wieso nicht schlicht und ergreifend mehr Medienkompetenz?

Seit Jahren gibt es regelmäßige Umfragen zur Beliebtheit von Passwörtern. Die Ergebnisse sind jedesmal erschütternd:

Die Passwortliste des HPI:

2018:

  1. 123456
  2. 12345
  3. 123456789
  4. ficken
  5. 12345678
  6. hallo123
  7. hallo
  8. 123
  9. passwort
  10. master

2017:

  1. 123456
  2. 123456789
  3. 1234
  4. 12345
  5. 12345678
  6. hallo
  7. passwort
  8. 1234567
  9. 111111
  10. hallo123

2016:

  1. hallo
  2. passwort
  3. hallo123
  4. schalke04
  5. passwort1
  6. qwertz
  7. arschloch
  8. schatz
  9. hallo1
  10. ficken

Für 2015 und die Jahre davor sieht es sehr ähnlich aus. Jedes Jahr steht das auch in der ganz normalen Presseberichterstattung, auch meine Lokalzeitung berichtet regelmäßig darüber. Parallel dazu wird jedes Mal geraten, diese und ähnliche einfache Passwörter nicht zu benutzen, sondern mehr als 8 Zeichen, Buchstaben und Ziffern zu mischen ebenso wie Groß- und Kleinschreibung und wo möglich, auch Sonderzeichen.

Es gibt darüber hinaus regelmäßige Presseberichte über Passwortklau bei Unternehmen und im Fernsehen, in Filmen wird oft (mit einem Lacher) gezeigt, wie einfach oft Passwörter sind (Name des Hundes, des Kindes, der Ehefrau, 12345 etc.). Jeder kann es wissen, eigentlich weiß es auch jede*r. Und trotzdem – auch 2018 ist das beliebteste Passwort: 123456. Schon als ich Ende der 1990er-Jahre bei AOL gearbeitet habe, war das ein Thema in der Kundenbetreuung. Es ist schlicht erschütternd.

Das ist der Teil, den jede*r selbst beeinflussen kann. Aber: Menschen sind bequem und faul und sich ein komplexes Passwort zu merken – noch dazu für unterschiedliche Dienste unterschiedliche Passwörter – überfordert und erschreckt viele Menschen.

Meine Eltern hatten einen guten Bekannten, der nie sein Auto abschloss. Oft genug ließ er den Schlüssel auch stecken. Das mag damals, als er jung war, nicht sehr riskant gewesen sein – er sagte mal zu mir, dass ihm noch nie ein Auto gestohlen worden wäre und ich glaub, das war auch so, bis er starb. Mit der Zeit hat aber die Gesellschaft gelernt, dass man Autos in der Regel abschließt – und nicht in der Innenstadt auf einem öffentlichen Parkplatz mit dem Schlüssel im Zündschloss stehen lässt. Früher standen auch in Häusern die Türen auf. Das ist genauso absurd, wie als Passwort „123456“ zu benutzen.

Aber nicht nur jede*r Einzelne hat die Pflicht, gut auf seine eigenen Daten aufzupassen und sie bestmöglich zu schützen, wenn ersie nicht möchte, dass jemand Fremdes Zugriff darauf hat – und sei es nur aus Voyeurismus – diejenigen, die einen Zugang zu jedwedem Dienst anbieten, müssen die User vor ihrer Faulheit schützen – so wie es hier pseudowitzig dargestellt ist:

Und darüber hinaus weitere Maßnahmen wie Zeitstempel etc. Die Benutzungvon Passwortmanagern muss von klein auf geübt werden – überall in der Schule dort, wo ein PC eingesetzt wird und Daten gespeichert werden, müssen entsprechende Tools eingesetzt werden – damit zumindest der nachwachsenden Generation die Benutzung entsprechender komplizierter Passwörter oder PW-Tools zur Routine wird – so automatisiert, wie man heute sein Auto abschließt, wenn man ausgestiegen ist. Auch Autos schließen sich automatisch ab zwischenzeitlich – die Autohersteller haben da was verstanden.

Darauf können die Unternehmen verpflichtet werden – es muss einfach bleiben, daher ist der Einsatz von Sicherungsmaßnehmen, die nicht darauf beruhen, sich einen Satz wie „Ichkam1972indieGrundschuleplus4Jahrespäterwoandershin“ –>Ik1972idGp4Jswh“ anzustreben – Fingerabdrucksscanner und vergleichbare Tools, wie sie heute schon gang und gäbe sind, sollten Standard werden. Dazu braucht es Gesetze, eine EU, die das europaweit vorschreibt – und damit dann auch Maßstäbe setzt, die im Rest der Welt zu vergleichbaren Maßnahmen führen. Leistungsfähigere Computer werden zu leistungsfähigeren Hackertools führen – es wird ein dauerhafter Abwehrkampf werden,die derdie Einzelne kaum alleine führen kann. Daher braucht es sinnvolle Maßnahmen auf der Anbieterseite, die eine einfache Nutzung weiterhin ermöglichen – aber die bestmögliche Abwehr bieten. Ja, dafür kann es dann auch meinetwegen ein Siegel geben – und so kann der Benutzer auswählen, was er möchte: einen gesiegelten Dienst oder einen ungesiegelten, ungeprüften, wo man nicht weiß, was mit den Daten geschieht. Das gilt für alles – auch für Betriebssysteme. Das ist staatliche Aufgabe. Die schnell angegangen werden sollte – und dafür braucht’s kein neues Digitalminsiterium, sondern ein Innenministerium, dass den Profis zuhört.

Ein letztes Wort über den Hack, den Einbruch des 20-jährigen Mannes: ich kann ja durchaus verstehen, dass sich jemand ausprobiert. Dass jemand versucht, Passwörter zu knacken, sich in Accounts prominenter Personen einzuloggen, zu lesen, was derjenige so treibt. Neugier ist ein zutiefst menschlicher Antrieb und wer schaut nicht gerne mal durch’s Schlüsselloch? Verwerflich ist das allemal – wäre es dabei geblieben, hätte es keiner gemerkt.

Das andere ist die Veröffentlichung der gewonnen Daten. Das ist darauf gerichtet, die schon geschädigten Menschen, auch wenn sie nichts von ihrer Schädigung wissen, bloß zu stellen, zu erschrecken, zu ängstigen. Das war eine bewusste Wahl – zumal in Form des Adventskalenders.

Und: verwerflich wäre es nicht gewesen, wenn er schlicht eine Mail geschrieben hätte: „Liebe*r Robert Habeck etc., es war ziemlich einfach, in Deine Accounts einzudringen. Dein Passwort „BundesvorsitzenderNr#1″ war leider einfach zu erraten. Zumal du es öfter benutzt. Ich an Deiner Stelle würde es schnell ändern.“

Wie wenn man ein offenes Auto mit steckendem Schlüssel „findet“: man kann reinsitzen,sich umsehen, sich den „Spaß“ machen, es umzuparken – und denjenigen damit die Gefahr deutlich machen – oder andere darauf hinweisen, dass da ein Auto steht, mit dem jede*r rumfahren kann und es dann auch welche tun. Der Unterschied zwischen gutem und schlechtem Benehmen. Um es mal freundlich auszudrücken.

Hilfsbereitschaft: das Beste aus 2018

Das Jahr 2018 hatte wie jedes Jahr viele Facetten. Gutes und Schlechtes, ERfreuliches, Frustrierendes, Ärgerliches, Politisches, Privates.

Am einschneidensten war aber für uns alle der Brand des Nachbarhauses Anfang November. Manche der Familien kannte man vom sehen, mit dem Eigentümer verbindet uns eine lange Freundschaft – Kinder im selben Alter, ähnlicher Humor, herzliche Menschen.

Ich weiß noch, ich lag auf der Couch und las, die Beine hochgestreckt, irgendwo verschollen im Perryversum, als ich ein Blaulicht auf unserer Straße bemerkte. Ich schaue nicht bei solchen Dingen – also blieb ich liegen, obwohl durch die Reflektionen an der Wand erkennbar war, dass da irgendwas direkt bei uns war. Ich dachte zuerst einen Krankenwagen. Als das dritte Auto mit Blaulicht und Sirene vor unserem Haus hielt, wurde ich dann doch neugierig.

Drei Feuerwehrautos standen auf der Straße, in 100 Metern Entfernung zu unserem Haus war in beiden Richtungen die Straße abgesperrt. Im Nachbarhaus auf der gegenüberliegenden Straßenseite drangen Feuerwehrleute in die ans Wohnhaus anschließende Werkstatt ein – früher Teil einer Schreinerei. Es qualmte wie verrückt, dicke Rauchschwaden quollen über die Straße – und trotzdem sah es bis dahin noch harmlos aus. Die Feuerwehrleute hielten mit dicken Rohren mitten hinein. Innerhalb weniger Minuten leckten aus Rauch und Qualm aber die ersten Flammen – zumindest sah es für den Beobachter so aus, kurz darauf brannte der Dachstuhl. Das Haus war verloren.

Eine Whatsapp an die Nachbarn brachte zumindest Klarheit: keine Schwerverletzten. Immerhin. Die Feuerwehr leistete eine gute, aber lange und anstrengende Arbeit – in einer langen Nacht und in den nächsten Tagen, wo sie anfangs immer wieder auch wieder Glutnester löschen musste.

Was aber dann in den folgenden Tagen und Wochen geschah, war einfach wundervoll. Alle dort wohnenden Familien waren obdachlos – von heute auf morgen. Sie hatten alles verloren, nicht alle hatten eine Hausratsversicherung. Trotz angespannter Wohnungslage fanden alle Familien eine neue Wohnung ( und der Politiker in mir sagte sich: schön und gut, aber wieso waren diese Wohnungen zuvor nicht auf dem Markt?) und in Malsch entwickelte sich eine enorme Hilfsbereitschaft. Und während das Haus nach und nach verschwand – aktuell steht nur noch der Korpus – wuchs die Solidarität.

Die Gemeinde richtete ein Spendenkonto ein, über das mehrere tausend Euro zusammen kamen – ich hatte die Freude, diese als Gemeinderat natürlich mit annehmen zu dürfen. Die Nachbar*innen sammelten Geld, buken Kuchen und verkauften den unter enormen Zuspruch an einem Samstag morgen vor dem ALDI, der Malscher Fotograf Duchac widmete seine Aktion „(D)Ein Porträt hilft“ kurzfristig für die Brandopfer um und es gab sehr viele Spendenangebote, Möbel, Kleider und Spielsachen. Binnen weniger Tage hatten alle wieder genügend Klamotten und über eine Facebookseite kanalisierten wir die Möbelspenden – sodass sich die Menschen die Möbel, die ihnen angeboten wurden, auswählen konnten.

Die Sachspenden und die Geldspenden an die Gemeinde und die Betroffenen direkt sind ein helles Licht in dieser manchmal dunklen Zeit.

beitragsfreie KiTas – es wird Zeit

Die SPD in Baden-Württemberg hat beschlossen einen Volksentscheid zu beitragsfreien Kindergärten/Kindertagesstätten zu starten.  Das ist übrigens kein Vorstoß, um in Zeiten schlecher Umfragwerte auf sich aufmerksam zu machen, die SPD BW fordert das schon länger.

Nicht nur die CDU, sondern auch die GRÜNEN lehnen das ab. Ich habe das lange inhaltlich geteilt, sehe auch, dass zuerst in Qualität investiert werden muss – aber habe zwischenzeitlich meine Meinung geändert. Wer Kindergärten als Bildungseinrichtungen versteht und nicht als Kinderaufbewahrungsanstalt – der muss dem Auftrag, dass Bildung grundsätzlich kostenfrei zu sein hat, nachkommen und KiTas beitragsfrei machen. Außerdem scheint es kein Ende der „Qualität zuerst“-Debatte zu geben. Kein Mensch sagt, wie denn das Qualitätsniveau aussehen muss, damit in beitragsfreie KiTas investiert werden kann. Das ist schön für die, die das nicht wollen – so bleibt das Qualitätsargument über Jahrzehnte valide und keiner kommt jemals an den Punkt, an dem man sagt: okay, jetzt ist die Qualität gut und nun ändern wir das endlich mit den Beiträgen.

Ein neueres Argument in der Debatte ist „

Bundesweit fehlen Erzieherinnen und Erzieher, und die Betreuungsschlüssel stimmen in vielen Kitas nicht“

Das stimmt – ich weiß aus kommunaler Sicht, dass es problematisch ist, ausreichend Erzieher*innen zu finden. Nur: warum werden dann nicht mehr ausgebildet? Wieso ist es nach wie vor eine Ausbildung, die in drei von vier Jahren unbezahlt ist? Wieso ist sie nicht dreijährig – wiewohl das machbar ist, wie die PIA-Ausbildung bei Erzieher*innen zeigt? Also: wieso ist die PIA-Ausbildung nicht der Standard?

In Baden-Württemberg gibt es zwei staatlich anerkannte Ausbildungswege zum Erzieherberuf:


Klassische Ausbildung (seit mehr als 150 Jahren)
drei Jahre Schule (Berufskolleg, Unterkurs, Oberkurs), ein Jahr Berufspraktikum (bezahlt)

PiA = Praxisintegrierte Ausbildung (seit 2012)
„duales System“: drei Tage Schule, zwei Tage Praxis – drei Jahre lang mit bezahltem Vertrag

https://www.fachschule-stuttgart.de/ausbildung/pia-oder-klassische-ausbildung.html

Auch das führt dazu, dass es zuwenige Erzieher*innen gibt, das schafft strukturelle und Qualitätsprobleme. Nur: die Landesregierung investiert nicht in diese Qualität.

Bau von KiTas liegt in kommunaler Hand. Auch der Betrieb durch private Träger lässt die Kommune nicht aus der Pflicht: gehört die privat (was kirchliche Träger mit einschließt) betriebene Kita zur Bedarfsplanung, hat der Träger den Anspruch auf anteilige Übernahme der Betriebskosten – zwischen 63 und 68 Prozent. Darüber hinaus bekommt mancher kirchliche Träger mehr als das.

Im Grund genommen sollte die kommunale Bedarfsplanung die Grundlage bilden für den Bau und den Betrieb von Kitas. Am einfachsten wäre es, jede Kommune reichte ihre Bedarfsplanung beim Land ein, dieses schreibt den Bau/Erweiterung/Sanierung aus und betreibt die KiTa als Land Baden-Württemberg. Alle Mitarbeiter*innen sind Angestellte beim Land, es bleibt die Möglichkeit, dass ein privater Anbieter sich für den Betrieb einer solchen KiTa bewirbt und wie bisher Zuschüsse zu den Betriebskosten bekommt. Der Kommune, für die Planung erhalten bleibt und damit ihre eigene Hoheit, nach individuellen Bedürfnissen, angepasst beispielsweise an die kommunale Bauplanung, bleiben lediglich geringe Kosten. Das Land oder ein Träger machen den ganzen Rest – Qualität, Größe, Gruppengröße, Arbeitsverträge, Sanierung und Bau.

Und schon wäre es einfacher, die KiTas beitragsfrei zu machen. Denn die Kommunen wehren sich natürlich mit Händen und Füßen gegen die Beitragsfreiheit – weil sie befürchten, dass das Land die Kosten nicht rechtzeitig übernimmt. Das Land Baden-Württemberg arbeitet gerne mit kommunalen Geldern, die verspätet ausbezahlt werden.

insofern hat die SPD recht und ich werde bei einer Volksabstimmung ein deutliches „JA“ zu ihrer Volksabstimmung machen. Bildung ist Ländersache – wird Winfried Kretschmann nicht müde, zu betonen, um kein Geld für die Digitalisierung von Schulen nicht annehmen zu müssen. Wenn Bildung Ländersache ist, ist der Bau, der Betrieb von KiTas auch Ländersache und so beitragsfrei zu machen wie Schulen auch. Das lässt Raum für völlig private Betreiber mit anderen Konzepten. So wie es auch heute private Schulen gibt.


Dann reden wir eben über Verhütung und Abtreibung

Ich bin Vater von fünf leiblichen Söhnen und einem Stiefsohn. Dass ich 1987 zum ersten Mal Vater wurde, habe nicht ich entschieden, das war die Entscheidung meiner ersten Frau. Sie hatte für sich entschieden, dass sie noch ein Kind haben wollte. Ich war 20, sie 23 Jahre alt. Ich war Auszubildender zum Einzelhandelskaufmann Lebensmittel, sie „Hausfrau und Mutter“ – sie hatte keine  Ausbildung und die Öffnungszeiten der Kindergärten waren Ende der 1980er Jahre darauf ausgerichtet, dass die Frau zu Hause blieb. Ich war sicher, sie nimmt die Pille, sie hatte sie abgesetzt. Wir hatten eine Vereinbarung. Sie sagte: „Ich dachte, du hast es gemerkt, dass ich sie nicht mehr nehme“.

Wir kamen finanziell damals geradeso über die Runden – mit meinem Auszubildendengehalt und Wohngeld und ein wenig Kindesunterhalt und ein wenig Sozialhilfe. Ich hatte mir gerade mein erstes Auto gekauft – auf Raten.

Abtreibung kam für in Frage. Sie war schwanger, sie wollte das Kind. Ich wollte es glaube ich auch – allerdings wusste ich nicht wirklich, was es bedeutete. Ich hätte mich trennen können – aber das kam für mich auch nicht in Frage. Noch hing der Himmel voller Geigen. Die Geburt des ersten Sohnes hat mich, 21-jährig, ganz schön aus der Bahn geworfen. Die Geburt war nicht schön, sie hatte nicht genug Kraft und das Kind blieb stecken, der Arzt musste eine PDA machen und hat das Kind in meiner Gegenwart herausgedrückt. Dem Kind ging es gut – aber ich hab ihn 30 Minuten lang ignoriert, bis sie wieder wach war. Ich war nicht wirklich bereit für eine Vaterschaft und brauchte ein halbes jahr, bis ich die Rolle annehmen konnte. In der Zeit habe ich mich mindestens einmal in eine andere Frau verliebt und bin doch davon zurückgeschreckt, die Ehe zu beenden. Verantwortung und so. Man lässt eine Frau mit einem Kind nicht sitzen. So war ich erzogen und doch wäre es wohl besser gewesen, wir hätten es zumindest zusammen bearbeitet. Das haben wir nicht.

Es kamen zwei weitere Söhne, eines war ein Wunschkind, eines nenne ich bis heute manchmal mein Rotweinkind. Ich liebe sie alle über alles. Trotzdem kam 8 Jahre später dann die Trennnung und die Basis für diese Trennung wurde damals im Badezimmer gelegt, als sie beschlossen hat, keine Pille mehr zu nehmen und trotzdem mit mir zu schlafen.  Und nein, ich finde nicht, dass ich mich hätte vergewissern müssen, denn wir hatten eine Vereinbarung. Während ich das tippe, merke ich, wie ich über 30 Jahre später den Zorn wiederentdecke, den ich damals so tapfer hinuntergeschluckt habe.

(Keine Sorge, der Sohn kennt diese Geschichte zwischenzeitlich)

Ich trennte mich. Wir versuchten, Freunde zu bleiben, aber es gelang uns nicht. Stattdessen stritten wir uns bis zu ihrem Tod vor ein paar Jahren. Über so vieles, auch über Geld. Ich versuchte, meinen Unterhalt zu bezahlen, was mir nicht immer gelang. Sie versuchte ein/zweimal,den Umgang zu unterlaufen, was ihr nicht gelang. Einer der Söhne zog zu mir, einer in eine eigene Wohnung, dann am Ende der Jüngste zu mir – da war der Mittlere schon wieder weg. Sie bezahlte nie Unterhalt, ich fast immer, wenn auch nicht immer den ganzen Betrag.

Ich hatte wieder eine Beziehung, ich wollte keine Kinder mehr. Vier waren eigentlich genug. Ich lernte, ohne Pille zu verhüten, meine heutige Frau ist Migränikerin und die Pille tat ihr nicht gut. Sie besprach das mit mir. Wir waren gemeinsam veranwortlich und ich benutzte Kondome, obwohl ich es nicht mochte. Ich wusste, sie wollte Kinder, blieb aber mir zuliebe kinderlos.  Als sie mir 2002 in einem Gespräch sagte, dass es für sie jetzt okay sei, dass sie keine Kinder bekommen werde und ihre Eltern (von ihr) keine Großeltern werden und sie sich damit abgefunden habe, konnte ich mich davon lösen. Ich sagte: wenn es passiert, passiert es. Es passierte und es kamen noch einmal zwei weitere, wundervolle Söhne.

Nach der Geburt des jüngsten Sohnes geschah emotional etwas interessantes. Ich hielt dieses kleine Wesen in den Armen, noch blutverschmiert – mir stiegen die Tränen in die Augen, erfüllt von Liebe für den kleinen Kerl. Und ich wusste: das war es. Genug. Ich möchte definitiv keine Kinder mehr. Und mir war klar – das geht nur sicher (siehe Rotweinkind weiter oben), wenn du eine Vasektomie vornehmen lassen wirst.  Ja, auch das besprachen wir – aber es war meine Entscheidung. Ich wollte keine Kinder mehr und die beste Methode, zu verhüten, war, mir die Samenleiter durchtrennen zu lassen. Der Eingriff war leicht, ich hatte keine Probleme – obwohl auch die auftreten können.Das Risiko war meines.

Ich hab als Vater versucht, trotz Trennung, das alles so gut wie möglich zu machen. Wir haben mit der Trennung und unserem Streit viel bei den großen Jungs angerichtet – das weiß ich. Es wäre viel anders zu machen – aber damals war es so und heute kann ich das alles nicht mehr ändern. Ich habe versucht, immer Unterhalt für die Jungs zu bezahlen – es gelang nicht immer, aber das lag nicht am Willen. Ich habe, obwohl ich keinen Kindesunterhalt bekommen habe, nicht meinen mit dem, den wir zu bekommen hatte, verrechnet-  obwohl ich das als die größte Ungerechtigkeit empfunden habe. Ich hab Umgang wahrgenommen, hatte die Kinder die Hälfte der Ferien und sogar einen zusätzlichen Tag unter der Woche – damit es nciht imer 14 Tage dauerte, bis ich sie wieder gesheen hatte. Als ich in Saarbrücken gewohnt hab, haben sie ein Zimmer bei meinen Eltern belegt und ich bin dazu gekommen. Ab und zu hab ich mal ein Wochenende verschoben – aber immer alle wahrgenommen.

Ich fühle mich nicht angesprochen von einem Artikel wie „Raus aus meinem Uterus. Der § 219a und seine Freunde.“ – aber ich bin zornig, dass ein solcher Artikel überhaupt notwendig ist. Nein, für meine beiden Frauen wäre nie ein Abtreibung in Frage gekommen. Aber ich fand es immer richtig und wichtig, dass die Frau so etwas letztendlich entscheiden würde. Ich liebe meine Jungs und ich wollte keinen missen und zum Glück war ich nie in einer Situation, in der eine solche Entscheidung im Raum gestanden hätte. Aber ich habe immer verstanden, dass eine solche Entscheidung auf einen zukommen kann. Und ich habe immer verstanden, dass es einen Mann am Ende zwar etwas angehen mag – aber er in dieser Frage nicht wirktlich etwas entscheiden kann. Er kann anbieten, da zu sein – aber die Geschichte ist voll von Männern, die das gesagt haben – und dann verschwunden waren. Es ist die Entscheidung des Menschen, der das Kind austragen darf – oder muss.

Es ist nicht die Entscheidung von eigenen oder fremden Männern, es ist nicht die Entscheidung von anderen Frauen. Es ist nicht die Entscheidung der Familie oder von Bekannten oder Freunden. Es ist die Entscheidung der Person, die austragen muss – oder eben eine Abtreibung an sich vornehmen lassen muss. Sonst geht das niemanden etwas an. Niemanden.

Aus einem Facebookeintrag eines Väterrechtlers

Dass Maskulisten und Väterrechtler und konservative Politiker aller Couleur angesichts der neuerlichen Debatte um den §219 toben und das Recht auf Abtreibung sowie die Selbstbestimmung der Frau über ihren Körper in Frage stellen, ist für mich als Mann beschämend. In keine meiner Beziehungen waren wir jemals in der Situation, dass eine Abtreibung zur Debatte stand. Aber es wäre uns nie in den Sinn gekommen, deshalb Frauen, die abgetrieben haben oder es überlegten oder vorhatten, zu verurteilen. 

Und ganz ehrlich: als Mann hab ich mich in dieser Debatte soundso eher zurückzuhalten. Ich kann es nicht beurteilen. Ich kann mir vorstellen, dass ich nachvollziehen kann, was es bedeutet. Aber letztendlich kann ich mir nur vorstellen, was es für mich bedeuten würde, wenn meine Frau abtreiben würde.

Die, die jetzt wieder so vehement fordern, dass Frauen nicht abtreiben sollendürfen – die weigern sich doch seit Jahren, Erziehungszeiten nicht nur für die Rente wirklich wirksam anzuerkennen. Sie diskreditieren Väter, die in Elternzeit gehen, sie thematisieren nicht, dass viele Väter, die aktuell in Elternezit gehen, nicht nur als Weicheier verspottet werden, sondern auch das Risiko eingehen, dass ihr berufliches Fortkommen behindert wird.  Sie thematisieren nicht, dass viele Väter die Elternzeit tatsächlich als Erziehungsurlaub verstehen – und sie nicht alleine zuständig sind, sondern die Frau irgendwie mit dabei sein muss. Am besten macht man gemeinsam 3 Monate Urlaub und schreibt einen Blog darüber^^. Sie thematisieren gleichzeitig nicht, dass es für Väter wenig Infrastruktur gibt. Sie thematisieren nicht, dass ander Väter, die kein Elternzeit nehmen, misstrauisch auf die Männer blicken, die da mit ihren Frauen auf Spielplätzen und  Cafés herumhängen. Sie machen keine Kampagnen für aktive Vaterschaft auch nach der Trennung und Scheidung – und dass das Unterhaltszahlugnen mit einschließt. Dafür machen sie Kampagnen für Wechselmodelle – vor allem mit dem Hintergedanken, dass beim 50:50-Wechselmodell kein Unterhalt mehr zu bezahlen sei. Sie ächten keine säumigen Unterhaltszahler – sondern gründen Vereine, die diese unterstützen und lobpreisen die, die ins Ausland flüchten und Frau und Kinder sitzen lassen oder ihre Arbeit kündigen oder sich arm rechnen.

Und auch deshalb muss der §218 komplett weg – und deshalb muss es möglich sein, dass eine Frau sich entscheidet und sich mit ihrer*m Arzt/Ärztin berät. Und diese*r Arzt/Ärztin muss darauf hinweisen können – wo auf immer, in Broschüren oder im Internet – dass er oder sie Abtreibungen vornimmt – damit Frauen sich informieren können. Alles andere ist der Versuch, unter angeblichen aber überkommenen Moralvorstellungen Frauen dazu zu zwingen, Kinder auszutragen. Das ist Vergewaltigung, das ist Missbrauch und das ist grundfalsch.


Zurück zum System Ausschuss/Gemeinderat in Malsch

Am  Dienstag den 4.12.18 hat die Mehrheit des Gemeinderats beschlossen, den technischen und den Verwaltungsausschuss wieder einzuführen. Damit ist ein Versuch beendet, der in meinen Augen vielversprechend begonnen hatte. Wie Sie vielleicht gelesen haben, habe ich gegen diese Rückkehr zum „so haben wir es schon immer gemacht“ gestimmt. Denn eine der Begründungen lautete: deshalb (also wegen der Abschaffung der Ausschüsse) ginge alles länger und nur deshalb müssen zwei/drei Gemeinderäte eben einfach früher gehen und ihre Anwesenheitspflicht verletzen.

In meiner Wahrnehmung war es anders. Die längste Sitzung, an der ich im Gemeinderat jemals teilnahm, war irgendwann 2015 glaube ich und sie dauerte bis nach 23 Uhr. Da hatten wir aber noch Ausschüsse. Auch die allermeisten Sitzungen, die länger dauerten, fanden in der Periode statt, in der noch Ausschusssitzungen stattfanden. Als Mitglied des Verwaltungsausschusses habe ich aber oft erlebt, dass Dinge, die im Verwaltungsausschuss behandelt wurden, gleichermaßen noch einmal im Gemeinderat behandelt wurden. Oft genug mit wortwörtlich denselben Redebeiträgen von denen, die Reden vorbereiten. Wenn solche Themen nur einmal behandelt werden, dann ist das eine Verkürzung der Sitzungszeit.

Was mich vor allem umtreibt, ist die Transparenz. Dass ich zu Beginn der aktuellen Amtsperiode immer wieder in Hinblick auf Nichtöffentlichkeit von Tagesordnungen insistiert habe, hartnäckig und immer wieder, hat nicht gerade zu meiner Beliebtheit unter den Kollege*innen beigetragen. Aber der Verwaltungsausschuss war zu Beginn fast durchgängig nichtöffentlich. Das war bis zur vorläufigen Abschaffung der Ausschüsse dann nach und nach anders – und besser – geworden. Für den Gemeinderat gelten noch einmal schärfere Regeln, was die Öffentlichkeit angeht – und so war viel mehr öffentlich als unter der alten Regelung. Es wurde auch mehr diskutiert, man konnte die Meinungsfindungen besser nachvollziehen – so zumindest mein Eindruck. Und, die Bürger*innen (und die Presse) sind eher zu einer Gemeinderatssitzung gekommen als zu einer Verwaltungsausschusssitzung oder der des technischen Ausschusses.

Bild: felix_w@pixabay.com

Aber Dauer der Sitzungen war für mich nie ein großes Thema. Seit Dezember 2017 beginne ich meine Arbeit um 4 Uhr morgens. Auch an den Tagen nach Gemeinderatssitzungen. Ich könnte, als Vorgesetzter auch später kommen, aber von Sonderrechten hab ich noch nie viel gehalten. Also schlafe ich etwas vor und etwas nach – das geht schon. Manchmal habe ich zwischendrin auch um 0 Uhr anfangen müssen zu arbeiten. Auch das ging.

Insofern empfand ich die 14-tägigen Gemeinderatssitzungen einen Gewinn für die Demokratie und die Transparenz des Gemeinderats.  Meine Befürchtung ist, dass wieder mehr nichtöffentlich stattfindet. Am vergangenen Dienstag waren übrigens zwei Tagesordnungspunkte nichtöffentlich. (Ich hatte nach einem Gespräch mit Herrn Reiter darauf verzichtet, einen Antrag auf Öffentlichkeit herstellen zu lassen, fallen gelassen – weil sich so die Erledigung der TOPs verschoben hätte). Bei beiden waren Referenret*innen da, um die Vorbereitung zu erleichtern – mit erhellenden Beiträgen. Einen sachlichen Grund für die Nichtöffentlichkeit (Schaden von der Gemeinde abwenden etc. ) gab es nicht. Wenn in der nächsten Sitzung diese Tagesordnungspunkte öffentlich aufgerufen wird, werden die Referent*innen bei mindestens einem der beiden TOPs nicht da sein – die Information der Öffentlichkeit leidet unter der Nichtöffentlichkeit. So ungefähr war es oft mit den Ausschüssen.

Ich persönlich finde die Rückkehr zum alten System nicht richtig. Nichtsdestotrotz werde ich mich weiterhin dafür einsetzen, dass Tagesordnungspunkte, die öffentlich sein können, auch öffentlich sind und die sogenannten Vorberatungen nicht überhand nehmen. Denn oft genug zeigt sich nur in der Vorberatung, wo die Unterschiede und Interessenlagen der einzelnen Fraktionen/Gemeinderäte sind. Das ist oft abgeschliffen, wenn es zur offiziellen Stellungnahme kommt. Und das ist nicht im Interesse einer transparenten und demokratischen Entscheidungsfindung.

sind gewalttätige Proteste legitim?


Seit vier Wochen dominieren die gewalttätigen Proteste und die gewalttäige Gegenreaktion der Regierung „En marche“ in Frankreich, vor allem in der Hauptstadt Paris die Auslands-Berichterstattung.

Wieviel Sympathie gab es für Macron, als er nach der Enttäuschung über Hollande die Wahl gewonnen hatte. Mit 66,1 % gewann er bei den Präsidentenwahlen, die rechtsradikale Le Pen erreicht 33,9%. Macron trat als unabhängiger Kandidat mit seiner Bewegung „EnMarche“ außerhalb des etablierten Parteienspektrums an. Eine seiner zentalen Forderungen lautete:

Wirtschafts-, Sozial- und Finanzpolitik: Der Ex-Wirtschaftsminister will das Land wettbewerbsfähiger machen, das Arbeitsrecht lockern, 120.000 Stellen im öffentlichen Dienst abbauen und in fünf Jahren 60 Milliarden Euro einsparen.

Viele der Kommentatoren haben damals nach der Wahl geschrieben, dass eine große Aufgabe sein wird, Frankreich wieder mit sich selbst zu versöhnen und Zuversicht zu schaffen. Die Bevölkerung in den europäischen Nationalstaaten leidet überall unter dem neoliberalen Kurs in Brüssel und durch die von Deutschland vorgelegte Agenda 2010. Deutschland ist Hegemon, die anderen Länder kommen in der Form wirtschaftlich kaum mit dem größten Niedriglohnsektor in der Eurozone mit. Das ist mehrfach diskutiert und belegt – alleine: es gibt in Deutschland keine Bewegung, die sich dem ernsthaft entgegen setzt.

Die französische Bevökerung hat sich – mal wieder – darauf verlassen, dass neue Besen gut kehren. Alles schien besser als Francois Hollande, der seine Versprechen nicht erfüllte. Dann eine ganz neue Bewegung – die offen neoliberal zu agieren versprach. Aber geändert hat sich am Ende für die meisten Leute nichts. Es ist wie überall in Europa: die Reichen werden reicher, Konzerne fahren hohe Gewinne ein, die sie an ihre (reichen) Aktionäre und im Management verteilen, die Mittelschicht kommt grade noch so über die Runden und am unteren Ende wird es schon duster. Darunter eine Klasse von Menschen, deren Erwerbsleben geprägt ist von Umbrüchen, Arbeiten mit dem Mindestlohn, in Deutschland immer wieder Arbeitslosigkeit und Zeitarbeit. Darunter dann diejenigen, die als Werkvertragler*innen und Subunternehmer*innen die eigene Ausbeutung auf die Spitze treiben – am Beispiel Paketbot*in oder Amazon-Lagerarbeiter*in immer wieder verdeutlicht. Und natürlich die, die der Arbeitslosigkeit aus vielerlei Gründen kaum entkommen können.

Frankreich hat nach der Wahl etwas ähnliches erlebt wie Deutschland nach der Agenda 2010: eine Wirtschaft, die wieder zu laufen anfing, sinkende Arbeitslosenzahlen. Im Gegensatz zu Deutschland aber hat sich das Außenhandelsdefizit nicht erholt – und wird es auch nicht – denn von Frankreich hat Deutschland wegen Schröders Niedriglohnsektor kaum Konkurrenz zu befürchten. Dafür passiert das selbe wie in Deutschland – das Geld kommt nicht bei den Ärmsten an. Eineinhalb Jahre ist Macron an der Macht – die positiven Veränderungen kommen nicht wirklich dort an, wo sie am nötigsten gebraucht werden.

Anders als in Deutschland aber entlädt sich die Wut der Franzosen über eine im Ursprung ökologische Reform in Form von Protesten. Während in Deutschland in der vergleichbaren, aber doch existenzbedrohlicheren Situation mit drohenden Fahrverbote die Menschen still leiden und sich ihre Militanz in Facebookkommentaren entlädt – so gehen die GilletsJaunes zu Beginn wegen einer Ökosteuer auf die Straße, die letztendlich die Wut auf die Höhe der Steuern allgemein ist, die für niedrige und mittlere Einkommen einfach nicht mehr zu bezahlen sind. Steuern, Miete, Lebensmittel – am Ende bleibt Monat übrig, nicht Geld. Hier wie dort.

Ist Gewalt aber die richtige Antwort? Ja und Nein. Ja, weil jede*r seine eigene Form des Protestes finden und leben muss. Ja, weil andere Formen des Widerstands zu nichts geführt haben, die Leute nicht gehört werden. Nein, weil Gewalt seltenst eine Lösung ist. Und Nein, weil zu viele Menschen, die nicht an den Protesten teilnehmen oder gar schuldig sind, unter der Gewalt leiden. Kollateralschänden wie die Frau, der ein Auge von Gummigeschossen ausgeschossen wurde, obwohl sie nicht beteiligt war. Oder die verbrannten Autos von Bürger*innen, die mit diesem Auto nur zur Arbeit müssen. Und die Menschen, die wegen der Riots nirgendwo mehr hin kommen – weder zur Arbeit (in Krankenhäusern, Pflegeheimen, als Schaffner, in Behörden, ….) noch zum Arzt, weil nichts mehr fährt, Straßen blockiert sind oder Menschen in fahrenden Autos angegriffen werden – einfach so.

Und am Ende? Wo stehen die GilletsJaunes? Politisch ist es diffus. Sind rechts- und links gerichtet, oft genug aber offensichtlich Ausdruck einer allgemeinen Unzufriedenheit. Dass in Deutschland alles rechts von der CSU sich dieser Proteste annimmt, ist auch kein Geheimnis und zeugt von wenig Verständnis für das, was dort passiert. Hauptsache Protest, Hauptsache, das System überwinden – was auch immer das System ist. (Und Hauptsache,es ist keine linke Demo wie gegen G20, die ja denselben Impuls haben – eigentlich). In Deutschland antidemokratisch – in Frankreich ist es nicht ganz klar, wohin der Zug geht. Da, wo die Proteste rechts unterwandert sind, kann man sie nicht gutheißen. Und es gibt ja Berichte über Impulse aus dem Le-Pen-Lager in diese Bewegung hinein und Faschisten, die dort mitlaufen. Und mit Rechten marschiert man nie zusammen – und bei Protesten dieser Dimension, noch dazu relativ unkoordiniert, marschiert man automatisch mit Rechten zusammen. Es scheint, als solle halt Macron weg, weil nach anderthalb Jahren noch imer keine Besserung in Sicht ist.

Bildquelle: http://www.yanass.net/les-gillets-jaunes-au-secours-de-lautomobiliste-victime-descroquerie/

Man wünscht sich eine soziale Bewegung, europaweit, die endlich den Neoliberalismus hinwegfegt. An dem Punkt haben die GilletsJaunes meine ganze Sympathie.Leider sind sie das nicht nur. Und da jede*r, der mitmacht, willkommen ist, ist auch nicht klar, wo das alles hinführt. Zumal eine geringe Bereitschaft besteht, sich der rechtsextremen Kräfte zu entledigen – da reichen einzelne belegte Aktionen bei Weitem nicht aus. Am Ende, so hofft die französische Regierung wohl, werden die Weihnachtsfeiertage und die Zeit bis zum Neuen Jahr die Proteste ermüden. Wenn nicht, wird auch diese Bewegung Leute finden müssen, die für sie spricht. Oder die Regierung muss sich einige Tage Zeit nehmen und mit allen sprechen,die bereit sind, ins Gespräch zu gehen.

Ich vermute und befürchte, dass die GilletsJaunes das Schicksal vieler anderer Bewegungen erleiden, die sich in Europa in den letzten Jahren auf die Straße gegen den Kapitalismus begeben haben. Oder sie weiten sich aus. Und dann komme selbst ich ins Grübeln: will ich denn aus meiner Wohlfühlblase heraus? Will ich Opfer bringen, wenn das bedeutet, dass für alle etwas besser wird? Denn dass es an mir, an uns, die wir uns in der unteren Mittelschicht mit zwei Jobs und Reihenhaus ganz gut eingerichtet haben, vorbeigeht, wenn all das wahr würde, was zu fordern wäre, vorbei ginge, ist kaum zu erwarten. Denn auch das ist mir klar: ich will, dass oben mehr weggenommen wird, um es denen, die unten sind, zu geben. Nur: ich selbst sitze ja in der Mitte. Wirklich?


Berlin-Bücher für Boris

Nö Palmer – Berlin ist schön

Gestern Abend hatten wir eine wunderschöne Nikolausfeier am Gymnasium des Jüngsten. Konzert der Streicherklasse, der Singklasse, Fingerfood, Hot-Dogs, alkoholfreie Cocktails, Tombola, Selbstgebastelstes zum Verkauf. Und: Bücherflohmarkt. 

Mitten in diesem Bücherflohmarkt entdecke ich ein Buch, das mich mal sehr amüsiert hat. „Neukölln – mon amour“. Ein Buch, wie geschrieben für Boris Palmer. Dachte ich mir – und kaufte es schwupps.

Das werd ich ihm schicken, denn Neukölln ja wohl all das repräsentiert, wovor er solche Angst hat.


In seinem neuesten Buch unternimmt »Lesebühnenstar« (taz) Uli Hannemann einen humoristischen Streifzug durch seinen »Problemkiez« und widmet sich erneut Neuköllner Absurditäten und Absonderlichkeiten. Seine Geschichten in Eckkneipen, in der berühmt-berüchtigten Hasenheide oder einfach auf der Straße. Sie erzählen von Hundehaltern, Kleinkriminellen und zugezogenen Yuppies, die unentwegt von »Kreuzkölln« schwärmen. 40 neue ironischgroteske Alltagsgeschichten mit hohem
Unterhaltungswert.


Ich selbst komm seit meinem Austritt aus den Grünen nicht mehr so oft nach Berlin. Ich bin dort immer viel gelaufen – vom Hotel oder der Wohnung, in der ich untergebracht war bis dahin, wo ich hin wollte – und kann Palmers Unwohlgefühl so gar nicht nachvollziehen. Berlin ist schön – aber es ist halt weder Malsch,Ettlingen, Karlsruhe, Stuttgart. Berlin ist Berlin. Wie Paris Paris ist. Großstädte haben ihren eigenen Flair – und wo so viele Menschen wohnen, gedeiht halt nicht nur Positives. Und im Verhältnis ist es halt am Ende in Tübingen auch nicht anders. Aber wenn ich in Berlin ankomme – dann fühle ich mich pudelwohl.

Insofern: wer auch positive Berlinbücher hat, kanns ja nachmachen und ihm schicken. Was wäre es wundervoll, wenn er viele,  viele Berlinbücher geschickt bekommt. Müssen ja keine neuen sein – auf dem Bücherflohmarkt für 50 Cent reicht vollkommen.

mit Widmung, versteht sich


Alltagsrassismus und Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit

Ich war bei Facebook einige Zeit mit dem regional bekannten Autos Matthias Kehle „befreundet“. Ich nehme an, dass wir uns im Rahmen der Nokargida-Proteste geadded hatten. Da er hier aus Karlsruhe kommt, gibt es fast automatisch Menschen, die wir beide kennen. Nachdem es beim einen oder anderen Thema Meinungsverschiedenheiten gab, haben wir die Facebook-Bekanntschaft wieder aufgelöst.

Vor ein paar Tagen hat er bei einer gemeinsamen Bekannten einen Comic zum 1. Advent gepostet: ein Mann, der in ein Haus einbricht, mit dem Text: „Pole bricht seine erste Tür auf.“ Ich hatte diesen Text mit „nicht lustig“ kommentiert, worauf er fast erwartungsgemäß mit Unverständnis reagierte.

Der Comic wurde anscheinend gemeldet, er erhielt eine dreitägige Sperre. Es entspann sich daraufhin folgender Mailwechsel:

Verehrter Jörg Rupp,

ich gehe mal davon aus, dass ich die dreitägige Sperrung bei Facebook Ihrer Denunziation zu verdanken habe. Nun also ist mir klar, wes Geistes Kind Sie sind. Sie haben einen gewichtigen Freund mehr.

Matthias Kehle

Ich antwortete:

Herr Kehle,

Ihr Beitrag war diskriminierend und FB sieht das offensichtlich auch so – auch wenn Sie das nicht teilen. Die Veröffentlichung fällt unter Ihre Verantwortung, nicht unter meine. Insofern sind Sie auch für die Folgen verantwortlich. Und sonst niemand.

Ich jedenfalls bin dessen Geistes Kind, dass ich Polenwitze nicht lustig finde. Aber jeder auf dem Niveau, auf dem er sich gerne bewegt.

Viele Grüße

Jörg Rupp

Herr Kehle ohne Anrede:

In meinem Fall ist die dreitägige Sperrung in der Weihnachtszeit geschäftsschädigend. Das nehme ich Ihnen übel.

Meine Antwort:

Ich habe den Polenwitz nicht gepostet.

Kaum entsperrt, postete er bei FB folgenden Text:

woraufhin sich in seinem Profil natürlich ein Dialog über mich losging, in dessen Verlauf er sich zu der weiteren  Behauptung verstieg:

Wir halten fest: Herr Kehle weiß nicht, wer ihn gemeldet hat, nimmt aber an, dass ich es war, weil ich ihn negativ kommentiert hatte. Der Comic war lustig, wenn man gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit lustig findet und über Stereotype über Angehörige anderer Nationen als diskriminierende Witze lachen kann. Als er bei FB wieder posten kann, macht er aus seiner Vermutung eine Tatsache und steigert noch, dass ich anderen auch das Leben schwer machen würde und ruft dazu auf, mich zu blockieren – aufgrund seines Vortrags. Das ist das, was er offenbar mit „gewichtigem Freund“ meint. Seine Diskriminierung interessiert ihn nicht bzw. hält er aufrecht – man ist ja so gerne politisch unkorrekt –  nur sein „Geschäft“ ist ihm dabei wichtig. Wie schön wäre es, wenn es für sein Geschäft Konsequenzen hätte, dass er so politisch unkorrekt ist.

Seine Mails hatten den Betreff „Denunziation“….. was ja als Begriff ohne staatliche Repression gar keinen Sinn macht. Herr Kehle nennt sich Autor, er sollte über die richtige Verwendung von Begriffen Bescheid wissen.

Interessant ist dabei, dass Herr Kehle Mitglied bei PEN ist.  PENs Charta enthält folgenden Abschnitt:

Ich bin sicher, PEN interessiert sich für die Äußerungen des Herrn Kehle und seinen Beitrag zur gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit, der ihrer Charta widerspricht.

P.S.: ich hab ihn aufgefordert, seinen Post über mich zu löschen und sich zu entschuldigen. Was er vorhin getan hat:

auch Männer brauchen eine #metoo-Kampagne

Am 25. November ist der Internationale Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen. Nachdem in den sozialen Medien im vergangenen Jahr mit #MenAreTrash und #metoo zwei Kampagnen Aufmerksamkeit erregten, war das Thema „Gewalt gegen Frauen“, vor allem sexualisierte Gewalt gegen Frauen ganzjährig im Fokus gewesen.

Die nicht neue Erkenntnis im Jahr 2018: 113.965 Frauen wurden Opfer häuslicher Gewalt unter den 138.893 gesamten Anzahl an Opfern – das sind 82%. Es sind rund 4.000 Frauen mehr als im Vorjahr, weil Freiheitsberaubung, Zwangsprostitution und Zuhälterei neu mit eingerechnet werden (komisch, dass man das früher herausgerechnet hat) und 147 Tötungsdelikte sind darunter – 147 Frauen wurden Opfer von ihres aktuellen oder ehemaligen Partners.

Und, bekannt wie unverändert seit Jahren:

Der überwiegende Teil der Täter sei „bio-deutsch“. „Häusliche Gewalt geht durch alle Gruppen“, betonte die Ministerin. Generell sei die Gefahr höher, wenn Alkohol, Geldsorgen und psychische Probleme im Spiel seien. Doch auch in gut situierten Familien gebe es Fälle.

Unter dem Hashtag „MenAreTrash“, zu Deutsch: „Männer sind Müll“, twitterte Sibel Schick vor einiger Zeit: „Es ist ein strukturelles Problem, dass Männer Arschlöcher sind“. Das ist natürlich ein Problem für Männer, die zu denen gehören, die keine Gewalt ausüben. Noch schlimmer für die, die sich selbst als Opfer von Frauen sehen. Man mag darüber streiten, ob eine solche massive Abwertung der gesamten Gattung „Mann“ zielführend ist – allerdings entspricht es durchaus der Sprache dieser Männer, wenn sie über Frauen reden, der gemeint ist. Insofern: weiter so!

Und was ist denn mit den Männern? Sie schaffen es nicht, ihr Problem in den Fokus zu rücken – weil sie kein Verständnis dafür haben, dass männliche Gewalt an Frauen (und Männern) ein eigenständiges Thema ist, das aber ein gerüttelt Maß an männlicher Reflektion benötigt. Etwas, das mit dem Selbstverständnis dieser Art von Männern, die das diskutieren, oft genug unvereinbar ist. Maskulisten nennt man sie – und unter der Federführung von Andreas Kemper und vielen anderen habe ich sogar mal einen Artikel zu einem Buch über sie beigetragen.

Ja, es gibt da ein Problem. Männer, abseits vom sich prügelnden Mann, werden Opfer häuslicher Gewalt. Subtrahiert man die Zahlen von oben, kommt man auf 24.928 männlicher Opfer. Ein Teil davon wird in homosexuellen Beziehungen Opfer eines Mannes werden, aber das lassen wir mal dahingestellt. Knapp 25.000 Männer werden in Deutschland Opfer gewalttätiger Frauen. Wieso interessiert das keinen?

Unter anderem deshalb:

Männer schaffen es nahezu nicht, dieses Thema auf eine Art und Weise zu thematisieren, die kein Antifeminismus ist. Sie präsentieren es oft genug gewalttätig oder mit gewalttätiger Sprache, sie sprechen dabei oft sexistisch und sie präsentieren es unreflektiert, sie versuchen, Kampagnen gegen Gewalt an Frauen mit „aber die Männer!“ zu instrumentalisieren. Sie weigern sich, anzuerkennen, dass männliche Gewalt in der Regel in ihren Auswirkungen vehementer ist als die von Frauen. Und das es keine Männerhäuser gibt, ist nach ihrer Meinung alleine der Tatsache geschuldet, dass Frauen als Gleichstellungsbeauftragte dieses Thema unter den Teppich kehren.

Es ist schade – denn 25.000 Opfer wären es wert, dass man sich für sie so einsetzt, dass man sich auch damit beschäftigen möchte. So ist das übrigens seit Jahren und das hängt auch damit zusammen, dass diese Gruppe von Männern dabei deutlich im rechten politischen Milieu zu verorten ist.

Mir ist diese Art von Antifeminismus, wie ich es im Buch beschreibe, zum ersten Mal in Bezug auf Trennung und Scheidung zu Ohren gekommen. Politisch links sozialisiert war ich ziemlich erschrocken – erstens über den Tonfall und zweitens über die Fälle, über die in der Öffentlichkeit so gut wie nichts bekannt war.

Im Laufe meines privaten und politischen Lebens begegnete mir das Thema dann immer wieder.  Meine Scheidung und die Folgen waren nicht gewaltfrei. Ich habe meine Exfrau nicht geschlagen und sie mich nicht. Aber wir haben uns nichts gegönnt und sind übereinander verbal hergefallen, haben uns weh getan, uns abgewertet, die Schwachstelle gesucht. Ihr neuer Mann hat einmal versucht, mich zu provozieren, sodass ich ausraste. Er hat mich mehrfach verbal bedroht, sie hat es vor den Kindern geschehen lassen – aber es ist nie etwas passiert. Die Scheidung und die Folgen war keine meiner Ruhmestaten und heute würde ich manches anders machen. Dass sie gestorben ist, macht es nicht einfacher, so kann ich manches nicht mehr gerade rücken, den Ausgleich nach all der Wut suchen.

Zuletzt hatte ich ewig lange Debatten bei Demokratie in Bewegung, als wir die Frauenquote installiert haben. Ich weiß nicht, wie oft dieses Thema immer und immer wieder von Männern hochgezogen wurde, thematisiert wurde – die armen Männlein, die ihre Macht, die so noch gar nicht hatten, teilen sollten. Schon die Hoffnung auf einen Posten, ein Mandat zu teilen, war ihnen unmöglich und die Diskussionen darüber ermüdend, oft gewalttätig und bösartig.

Bei Facebook  habe ich Manndat abonniert und im Internet schaue ich ab und an bei Wikimannia vorbei. So kann ich sehen, wo diese Debatte steht.

Manndat hat dieser Tage einen Text veröffentlicht, über das „Manifest der Gesellschaft zur Vernichtung der Männer, SCUM“ von Valerie Solanas. Sie setzen #metoo und #MenAreTrash mit Männerhass gleich, stellen Feminismus in Bezug zu SCUM und behaupten „dass Männerhass für Frauenpolitik so wichtig ist“ – und sind damit mal wieder in der Debatte an dem Punkt, an dem sie schon vor 20 Jahren waren. Keinen Schritt weiter gekommen. Bis heute haben diese Männer (und genau diese Debatte habe ich auch bei Demokratie in Bewegung immer wieder geführt) nicht begriffen, dass es bei Feminismus nicht um „Antimännerpolitik“ geht, sondern sich Feminismus für Gleichberechtigung aller Geschlechter einsetzt. Und dass #MenAreTrash überhaupt kein Fundament mehr hat, wenn Männer endlich anfangen, sich und ihre Rolle zu reflektieren.

Mannsein bedeutet für diese Typen,stark zu sein. Ihr Problem mit Streit nach Trennung und Scheidung ist nicht nur der Streit,verbotener Umgang, Frauen, Unterhaltszahlungen, sondern dass sie nicht bestimmen können, wie alles so abläuft, die Frau sich nicht unterordnet. Es gibt strukturelle Ungerechtigkeiten, es gibt böse Frauen, das ist richtig – nur hat all dies auch maßgeblich etwas damit zu tun, dass (gesellschaftlich) davon ausgegangen wird, dass Kinder besser bei der Frau aufgehoben sind – das ist ein patriarchalisches Muster.  Sie bekämpfen seit vielen Jahren die SPD und ihre Aussage „Wir müssen die männliche Gesellschaft überwinden“ – weil sie denken, dass sie irgendwie ausgerottet werden sollen – anstatt zu begreifen, dass männliche Strukturen für die Ungerechtigkeiten sorgen, denen sie auch ausgesetzt sind. Und dass es männliches Selbstverständnis ist, das neben ihre unermüdlichen Versuchen, #metoo und ähnliche Kampagnen zu kapern, verhindert, dass über das Notwendige gesprochen wird. Sie bekämpfen die „Genderideologie“ mit Worten, wie sie die AfD benutzt und sind dabei auch allem, was irgendwie mit LGBT zu tun hat. So lehnen sie die Tatsache ab, dass es mehr als zwei Geeschlechter gibt.

Es gibt darüber hinaus in all den Jahren keine gesellschaftlich spürbare positive Kampagne von Männern für beispielsweise aktive Vaterschaft. Männer, die dem Maskulager zuzuordnen sind, fällt in aller Regel erst nach der Trennung ein, dass Vater sein mehr bedeutet, als das Geld zu verdienen. Ich kenne keine Kampagne von Männerrechtlern, die sich für Arbeitszeitverkürzungen einsetzt, damit Familienväter mehr Zeit für die Familie haben und sich Eltern gleichberechtigt um Familie und Broterwerb kümmern können. Und Männer, die sich dafür einsetzen, das toxisch weiße maskuline Rollenbild zu überwinden, werden bekämpft.

Nichtsdestotrotz sind 25.000 Männer,die Opfer häuslicher Gewalt werden, nicht wegzudiskutieren.  Sie brauchen Hilfe, sie brauchen Anlaufstellen. Sie brauchen eine Kampagne, die ihnen eine Stimme gibt. Denn auch sie werden sich überwiegend nicht trauen, an die Öffentlichkeit zu gehen, sich zu offenbaren. Denn auch das ist eine Frage männlichen Selbstverständnisses.  Unterlegen zu sein, passt bei vielen nicht ins Bild. Egal ob vor Gericht – oder ob ihnen eine Frau eine Ohrfeige verpasst hat oder sie verprügelt wurden.

Es gibt herzzereissende Geschichten. Es gibt Geschichten voller Hass und psychischer und physischer Gewalt. Vielleicht findet sich ja jemand, der einen Weg findet, diesen Männern eine Stimme zu geben,ohne in einen antifeministischen Reflex zu verfallen. Wünschenswert wäre es.

ich bin ab sofort auch Religionsexperte

Cem Özdemir ist neuerdings Islamexperte. Keien Ahnung, wie er dazu kommt. In den  Jahren, in denen ich aktiv in der grünen Partei war und er wahrnehmbar war, ist er mir nie mit überaus kritischen Reden (geschrieben hat er meist weniger) zum Islam aufgefallen. Dass er türkischer Herkunft ist, macht ihn nicht zum Islamexperten. Ja, er ist ein großer Erdogangegner, aber wer mit ein bisschen Verstand ist das nicht? Macht ihn das zum Islamexperten? Und wo genau ist denn da die Schnittstelle?

Jedenfalls macht Herr Özdemir nun einen auf Islamexperten. Er hat zusammen mit Hamed Abdel-Samad, der so lustige Dinge sagt wie:

ohne uns auch zu sagen, wo er findet, dass Sarrazin mit seiner „Hetze„recht hat, eine Initiave gegründet, die einen säkularen Islam fordert – zumindest auf deutschem Boden.

Weiteres illustres Mitglied dieser Islamexpert*innen ist Seyran Ates, die mal folgendes sagte.

„Bei den Grünen begegnet man den meisten Kopftuchträgerinnen und VerteidigerInnen des Kopftuchs, den meisten Kulturrelativisten und Multikulturalisten“

An der Stelle fängt es an, eklig zu werden und man fragt sich: ist Özdemir von allen guten Geistern verlassen?

Aber nein, Özdemir ist, seit er kein Minister werden konnte,weil ihm Lindner die Tour vermasselt hat, ein wenig abgetaucht – das heißt, es sprechen weniger Leute mit ihm. Und im ZDF-Politbarometer kommt er gar nicht mehr vor, sondern Robert Habeck – was darauf schließen lässt, dass es gar nicht um ihn ging, sondern eher um den Grünenvorsitzenden an und für sich. Was tun, wenn man so eine unvollendete Politikkarriere hat, wo man doch gerade noch einer der besten Politiker war, den die Grünen aufzubieten hatten – und nun irgendwo auf dem Abstellgleis steht?

Man rutscht innerhalb der Grünen nach ganz rechts. Es gibt einen nicht kleinen Kreis innerhalb der Grünen, der offen islamkritisch bis islamophob eingestellt ist. Die ursprüngliche Gruppe „Säkulare Grüne“ war so organisiert und entsprechend zielgerichtet – ein Grund, warum ich sie damals verlassen habe. Aber es gibt noch immer radikal antimuslimische Personen dort. Konfrontiert war ich mit diesen Leuten zum ersten Mal Anfang der Nullerjahre, als wir die erste große Kopftuchdebatte führten. Unter dem Titel: der Islam ist per se gewalttätig, vor allem der muslimische Mann war manche muntere Diskussion zu führen, die nicht selten in persönlichen Anfeindungen endete, wenn man für das Selbstbestimmungsrecht muslimischer Frauen plädierte. Aber weiße Männer und vor allem weiße Frauen wissen oft besser, was andere, nichtweiße Frauen machen sollen.

Dieser Kreis, den ich neuerdings den Palmerflügel nenne, wird innerhalb der Grünen stärker – und hat nun mit Özdemir einen prominenten Lautsprecher. Islamkritik ist angesichts der Debatte um Migration und Integration ein Thema, das viel Aufmerksamkeit und Talkshow-Präsenz verspricht. Und damit wird es dann fatal.

Es gibt sicherlich einiges, was man am Islam kritisieren kann. Ich habe im Laufe meines Lebens viele Muslime kennen gelernt. Die meisten sind friedliche Bürger*innen, die den Islam mehr oder weniger leben. Einer meiner Mitarbeiter praktiziert den Islam – ich habe aus Rücksicht für ihn einen Gebetsraum schaffen lassen. Selbstverständlich finde ich. Wenn ein Christ den Raum auch zum beten nutzen möchte, müssten sich die beiden halt einigen, wer wann reingeht.

Die meisten Muslime leben den Islam das wie Christen, die an Ostern und Weihnachten in die Kirche gehen – und ansonsten Kirchensteuer bezahlen, weil man halt nicht austritt. Ich kenn auch unangenehme Menschen unter ihnen und ich hab auch den einen oder anderen mit komischem Frauenbild kennen gelernt und auch muslimische Frauen, deren Unterwürfigkeit kaum auszuhalten war. Aber andere Rollenverteilungen bricht man nicht von heute auf morgen auf. Und eine Reform des Islam erzwingt man nicht – sondern man gestaltet ihn von unten. Und das hat eigentlich nichts mit dem Islam zu tun – rückständige Frauenbilder findet man in allen Religionen, alle Bevölkerungsgruppen und -klassen.

Aber wieso der Fokus auf den Islam? Wieso nicht auf Religionen generell?

„Deutsche Muslime seien in der Pflicht, „den Bedenken der nichtmuslimischen Bevölkerung positiv entgegenzuwirken, nämlich durch die Entwicklung eines Islams, der mit den Menschenrechten vollumfänglich vereinbar ist“.“

Ich seh das so: Erstens mal gibt es im Islam so viele Strömungen wie im Christentum. Die alle über einen Kamm zu scheren,halte ich für verwerflich. Nun kritisieren Özdemir und seine rechte islamkritische Truppe ja die übergroße Präsenz von konservativen Islamverbänden in der Islamkonferenz. Nun, es ist so, dass ich vom Christentum auch nur überwiegend katholische und evangelische Neuigkeiten wahrnehme. Und die sind alles andere als modern – sondern konservativ.

Auch im Islam gibt es das – und ich denke, die sind so erfolgreich, wie die Kirchenreformierer. Wenig. Und radikale Strömungen gibt es natürlich auch unter Christen. Wieso diskutieren wir nicht über die Menschenrechte derjenigen, der als Zeuge Jehovas Bluttransfusionen für seine Kinder ablehnt?

Ihr seht, ich weiß da „ziemlich viel“ drüber. Also, so allgemein.  🙂 Bin ich jetzt Experte?

Was wir brauchen, anstatt antimuslimischen Rassismus durch Menschen wie Özdemir hoffähig zu machen, eine generelle Debatte über die Rolle, die Religion(en) und Religionsgemeinschaften in der Gesellschaft einnehmen. Ich muss nicht über DITIB spekulieren, wenn die Piusbrüder  sich ja auch überall breit machen – oder ich muss über beide diskutieren.

Ich hätte nicht nur gerne einen säkularen Islam – sondern auch einen säkularen Staat. Eine Trennung von Staat und Religionen, der den Mitgliedern ihre Freiheit lässt, ihren Glauben zu leben und zu praktizieren. Der ihnen keine Kleidervorschriften macht, sondern sie respektiert. Der Atheisten auf dieselbe Stufe stellt, ihnen denselben Raum und Einfluss ermöglicht – oder keinen für alle. Am liebsten den Gottesbezug aus allen Verfassungen und auch aus der Eidesformel. Oder eben auch „so war mir Allah helfe“ – oder das fliegende Spaghettimonster. Entweder alles – oder keines.