Afghanistan – kein Ende in Sicht?

Eigentlich hatte ich mich schon gefreut, einen Bericht zur großen Anti-Atom-Demo am Samstag in Berlin mit 50.000 TeilnehmerInnen zu schreiben. Aber das hier geht vor:

Da dreht es einem den Magen um. Schon seit Jahren, eigentlich. Der „Krieg gegen den Terror“, die Rache für die Twin Towers, die Jagd nach Osama bin Laden, der Kampf auch um die deutsche Freiheit am Hindukusch, sie fordert Jahr für Jahr mehr und mehr zivile Opfer.

Das Gesicht dieses Jungen ist beinahe bis zur Unkenntlichkeit verbrannt. Kein Bild, dass die Äußerungen Frank-Walter Steinmeiers untermauern dürfte.

Man weiß von zerbombten Lazaretzelten, Rot-Kreuz-Lagern, Hochzeitsgesellschaften, und Schreckliches mehr. Bisher waren es „nur“ die Amerikaner, die mit der Operation Enduring Freedom Tod und Leid unter die Bevölkerung Afghanistans brachte. Bisher. Am Freitag hat ein deutscher Bundeswehroberst einen Flugzeugangriff der NATO angeordnet, bei dem 2 stecken gebliebene Tanklastzüge bombardiert wurden. Dabei sind – je nach Angaben – zwischen 50 und 150 Menschen ums Leben gekommen. Viele Zivilisten darunter. Verteidigungsminister Jung, der zivile Opfer bis zum Montag vormittag noch geleugnet hat, räumt diese zwischenzeitlich ein.Nichtsdestotrotz beharrt er darauf, dass überwiegend Taliban getroffen worden seien – als hätte ein deutscher Oberst ein Recht, 50 bis 150 Menschen, die er auf einem Foto, auf dem schattenafte Gestalten neben einem Tanklaster zu sehen sind, zum Tode zu verurteilen.

Man weiß gar nicht, was man sagen soll. Ich weiß nur eins. Dieser Einsatz, zudem Kanzler Schröder 2001 die grüne Partei mit Rücktrittsdrohungen unter tätiger Mithilfe von Außenminister Fischer und großen Teilen auch der grünen Fraktion gezwungen hat, ist damit völlig delegitimiert. Jede Hoffnung auf einen Strategiewechsel ist gescheitert, der Heilsbringer Obama wird nichts ändern, im Gegenteil. Der Nachschub der NATO, der zunehmend durch den von deutschen Soldaten mäßig kontrollierten Norden des Landes führt – und damit ein attraktives Ziel für Attentate und Entführungen von Ressourcen wird – führt dazu, dass die deutschen Soldaten zunehmend in die OEF-Aktionen eingebunden werden. Die künstliche Trennung von ISAF und OEF war ja eh nur rhetorische Übung.

Es gibt nur eine Antwort. Die Bundeswehr muss aufhören, diesen Krieg gegen die Zivilbevölkerung Afghanistans mit zu betreiben. Der Einsatz macht sie mitschuldig am Mord an unschuldigen Zivilisten. Krieg ist Mord und bleibt es, Soldaten sind Mörder (Tucholsky). In diesem Einsatz besonders. Der Abzug von diesem völkerrechtswidrigen Einsatz muss schnell beginnen, sofort geplant werden. Morgen muss damit begonnen werden. Verteidigungsminister Jung sollte nach seinen skandalösen Beschwichtigungsphrasen zurücktreten. Oberst Klein sollte entlassen werden und seine und Jungs Geldansprüche bis zur Pfändungsfreigrenze bis zu seinem Tod den Angehörigen der zivilen Opfer ausbezahlt werden.

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3 Gedanken zu „Afghanistan – kein Ende in Sicht?

  1. Sonja Rothweiler

    Lieber Jörg,

    besser hätte ich meine Gedanken zu diesem leidvollen Thema nicht zu Papier bringen können. Vielen Dank.

    Ich bin froh, dass du unser Kanddidat bist.

    Gruß Sonja

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  2. Thomas

    Hallo,

    entweder ist der Spiegel-Artikel
    http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,647593,00.html
    ein gefälschter, oder alle regen sich ganz ohne nähere Kenntnis dessen, was wirklich passiert ist, künstlich auf. Wahrscheinlich um sich als Friedensstifter zu profilieren – natürlich aus der Ferne.

    Mir scheint der Bericht aus Kunduz echt, und er wirft ein ganz anderes Licht auf den Fall als das ganze restliche Mediengetöse um zivile Opfer.

    Soweit ich das beurteilen kann, versucht die ISAF-Truppe, den Afghanen zu helfen, die tyrannischen Taliban endlich loszuwerden. Die Afghanen honorieren das wohl auch.
    Allerdings kann das durchaus schiefgehen. Es zieht sich ja auch schon ewig hin. Krieg ist einfach furchtbar. Wenn aber die ISAF abzieht, sterben vermutlich noch viel mehr Zivilisten unter dem Taliban-Terror.

    Ein klassisches Dilemma 🙁

    Grüße
    Thomas

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    1. joerg

      Hallo,
      der verlinkte Bericht zeigt einmal mehr, dass die Soldaten dort nicht wissen, was in diesem Land los ist. Das war nicht der erste Tanklastwagen, der entführt wurde. Oft machen die Fahrer gemeinsame Sache mit den Entführern und fahren die Wagen in den Straßengraben, dass es wie ein Unfall aussieht. Hier ist ja so eine ähnliche Situation entstanden. Dann kommen bald viele Menschen, um das Benzin abzuzapfen – das spricht sich sehr schnell herum wird mir immer wieder aus NGO-Kreisen so auch bestätigt.
      Versuchen Sie mal rauszufinden, wer denn die ominösen „Taliban“ sind. Wie wollen sie das feststellen, auf einem Foto, das in der Nacht aufgenommen wurde.
      Dieses Land ist so nicht regierbar. Es wird von Clans regiert – so eine Art Föderalismus. Wer etwas erreichen möchte, muss mit diesen reden. Und nicht korrupte Machthaber an eine zentrale Regierung setzen und den Rest des Volkes zusammenbomben.

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