als ich zwölf war

habe ich angefangen, mich „richtig“ für Musik zu interessieren. Ich holte den alten Plattenspieler meines Vaters aus dem Keller, einen transportablen Philipps-Kofferplattenspieler, stelle mein mit dem Kommunionsgeld erworbenen Radiorekorder daneben und kaufte mir in Ettlingen beim Kaufhaus Schneider am neuen Markt meine ersten drei Schallplatten – drei Singles: Abba – Does your Mother know; Sailor – Some Girls und Scorpions – Is there anybody there. Ich weiß es noch wie gestern. Ich lag auf meinem Bett und hörte die drei Singles – A und B – Seite  – rauf und runter und stellte im Radio S3 ein – SWF3 hörten nur die anderen. Ich besaß bald zwei Popkasetten mit aktuellen Chart-Hits – von Hot Chocoloate und Wings bis hin zu Boney M. Zum 13. Geburtstag erhielt ich Genesis – Second’s  Out als Doppelkasette(!) und fing an, nebenher zu arbeiten. Vom verdienten Geld kaufte ich mir eine Steroanlage Marke ITT. Und ab dann regelmäßuig Schallplatten. (Zur Orientierung – wir befinden uns in den Jahren 1978 ff.) Diese kaufte man bei uns im „Bladde Lädle“ – Die Adresse in Ettlingen. Man konnte fachsimpeln – auch mit 14-jährigen wurde gesprochen, allerdings wurde man etwas arrogant behandelt, wenn man richtige Musik wie Led Zeppelin kaufte (spiel ihm mal die Seite 2 vor, das kauft der nie…:-)…was man sich so merkt….), die neuesten Platten kaufen, es gab einen ganzes Regal voll mit Japan-Pressungen und Picture-LPs. Auch LPs im Selbstvertrieb wie die von Schwoißfuaß gab es dort. Es lief immer gute Musik. Und er hatte alles vorrätig, was der nicht ganz mittellose, weil selbst verdienende Gymnsiast kaufen wollte und was garantiert nicht in den Charts lief.

In Karlsruhe gab es noch zwei ähnliche Läden, der Rest war viel zu sehr Mainstream. Mit dem Siegeszug der CD verschwand der eine oder andere Plattenladen. Das Bladde Lädle überlebte noch lange und war auch noch als CD-Laden beliebt.

Ich wurde älter, kaufte CDs anstatt Schallplatten – besaß aber immer noch einen Plattenspieler und hatte meine Schallplatten im Wohnzimmer. Sie überstanden Umzüge, eine Scheidung, Kellerzwischeneinlagerungen. Meine Lieblings-LPs kaufte ich nach. Ich besitze heute meine 6. Genesis – Second’s Out. Die 6. war dann endlich ein Download.

Die Platten- und CD-Läden sind verschwunden. Zuerst verdrängt von großen Einkaufsmärkten, den Kunden, die es gerne bequemer hatten, dann von Elektronikmärkten mit CD-Abteilung, dann vom Internetversand und Ebay, und der Fortschritt hin zu iTunes und Sptify lässt kaum auf eine Wiederkehr hoffen. Es ist anders.

Arbeitsplätze gingen verloren. In der Vinylpressindustrie. Im Einzelhandel. Im Vertrieb. In der Logistik. Geblieben sind Künstler_innen, die GEMA und die Verwerter. Und nun (nicht erst seit gestern) geht es den letzteren ans Geschäftsmodell.

Es ist nie schön, wenn sich etwas ändert – man versteht eigentlich nicht, was los ist. Bisher hat man doch immer alles richtig gemacht. Das Geschäft lief. Aber auf einmal kommen keine Kunden mehr. Kaufen im Internet. Kaufen was anderes. Es gibt neue Konkurrenz. Die Kunden bestellen gar im Ausland. So geht es grad den Verwertern.

Bis in die 1990er-Jahre hinein war es üblich, dass man zu einem Telefonanschluss sich ein Telefon bei der Telekom gemietet hat. Nachdem man nicht nur ein einheitsgraues Gerät im Angebot hatte und die ersten bunten Telefone und dann die mit Tasten und die Schnurlosen für den Endverbraucher bezahlbar wurden, entstand ein riesiger Markt. Und kaum war er da – war er auch schon wieder weg. Die ersten Handys tauchten auf, auf einmal gab es günstige Telefone von anderen Herstellern als der Telekom zu kaufen – zu erschwinglichen Preisen. Das war gut so – für den Verbraucher. Dann wurden die Netze geöffnet. Die Telekom verlor Marktanteile. Massiv. Hatte Konkurrenz, wo sie vorher Monopolistin war.

Es gab keine Debatten, dass man die Arbeitsplätze schützenn müsste oder gar die Netze zusammenbrechen würden. Man freute sich über den Wettbewerb und manche_r, der/die von der Telekom wegging, kam bald wieder. Mancher aber nicht. Als sie mehr und mehr Kund_innen verlor, weil ihre Mitarbeiter Kunden_innen nicht als Kund_innen betrachteten, änderten sie nach und nach ihre Strategie. Heute sind sie wieder attraktiv, mit guten und interessanten Angeboten. Teil des Marktes. Innovativ (manchmal). Niemand rümpft mehr die Nase über die altbackene Telekom.

Auf diesen Weg wollen sich die Verwerter von „Kunst“ nicht begeben. Sie führen einen Abwehrkampf gegen neue Vertriebswege, gegen Kopiermöglichkeiten – anstatt nach neuen Geschäftsmodellen zu suchen. So wie AOL einst das DSL-Geschäft verschlafen hat und seinen proprietären Zugang beibehalten hatte – so verschlafen einige heute offenbar die Möglichkeiten, die das Netz ihnen bietet. Der Markt wird das lösen. Die Künstler_innen werden andere Wege finden, ihre Produkte zu verkaufen. Vielleicht wird es weniger große Villen für nen Sommerhit geben. Und keine Millionen mehr für Spielfilme oder tausende für Auftritte in Samstagabend-Shows. Aber es wird weiter Künstler_innen geben. Und da wir alle Kunst kaufen möchten – werden wir einen Markt finden, auf dem wir uns einig werden. Es mag sein, dass dabei der eine oder andere unter die Räder kommt. Das muss nicht sein. Wenn zum alten Markt  niemand mehr kommt, muss man halt zum neuen Markt gehen. Dorthin, wo die Kunden sind. Wo sie es einfach haben. Bequem. Und vielleicht nicht mehr ganz so teuer.

Als ich zwölf war, kaufte ich Schallplatten und Kasetten. Das gibts heute fast nicht mehr. Und es ist gut so. Dinge verändern sich. Und so schwer es manchmal ist – die Veränderungen sind notwendig. Denn nur so kommen wir voran.

Be the first to like.

2 Gedanken zu „als ich zwölf war

  1. gulaschkantine

    …als ich zwölf war hatten die Scorpions grad ‚Blackout‘ rausgebracht, ansonsten ging`s mir wie oben beschrieben. 🙂

    Veränderung ist mE aber nur sinnvoll möglich, wenn es keine Monopolisten (GEMA) mit undurchsichtigem Geschäftsmodell gibt und dadurch oben geforderten Markt torpediert.

    Dadurch werden neue Märkte verhindert und alte zerstört.

    Schönen Gruß

    Antworten
  2. Mikel

    Ein interessanter Beitrag mit nachvollziehbaren Gedankengängen, DOCH die Aussage „Dinge verändern sich. Und so schwer es manchmal ist – die Veränderungen sind notwendig. Denn nur so kommen wir voran.“ möchte ich nicht unkommentiert lassen:

    Was verstehen Sie unter „voran“ kommen? In welche Richtung und zum Wohle von wem?

    Ob es sich nun um technischen Fortschritt oder politisches Handeln dreht, nicht jede Veränderung ist gut oder sinnvoll!
    WARUM sind Veränderungen grundsätzlich „notwendig“, wenn sich etwas als gut für den Menschen bewährt hat?

    Sorry, aber ich habe an der Grundaussage so meine Zweifel! Es gibt genügend Beispiele dafür, dass Veränderungen zum Nachteil für die Gesellschaft waren. Ich behaupte zum Beispiel, dass seit der „großen Freiheit“ mit den privaten TV-Sendern und deren häufig äußerst merkwürdigen Ausstrahlungen, ein Weltbild in den Köpfen der Leute entstanden ist, das mit der Realität oft nichts zu tun hat. Kein Wunder also, dass z.B. über DSDS die meisten Menschen besser Bescheid wissen, als dass sie den Namen ihrer Bundeskanzlerin kennen. So kann man ein ganzes Volk auch „verdummen“ lassen, denn „doof“ wird man in eine Gesellschaft in der Regel nicht geboren, sondern wird von ihr dazu gemacht…

    Oder man schaue sich Preis-Leistung samt der Arbeitsumstände für die Menschen bei der Deutschen Post an. WAS ist durch die Privatisierungs-Aktionen hier denn besser geworden???

    Auf das Thema Leih- und Zeitarbeit gehe ich mal lieber nicht weiter ein, sonst wird aus meinem Kommentar hier doch noch ein ganzer Roman.

    Statt sich über immer neue Gesetze und Vorschriften Gedanken zu machen, sollten die „Volksvertreter“ künftig öfter die Augen außerhalb ihrer Parteien und Interessen-Cliquen aufmachen.

    Manches was wie „Fortschritt“ aussieht, hat in der Vergangenheit ganze Kulturen wieder zurück in die Steinzeit befördert.
    Aktuell habe ich das Gefühl, dass wir uns gerade auf dem Weg zurück in’s finstere Mittelalter befinden. Meine Aussage mag verrückt und übertrieben klingen, aber ich bin mir sicher, dass der Weg auf dem wir uns befinden, eben nicht „voran“ im positiven Sinne geht.

    Schuld daran haben mangelnde politische Bildung und ein gegen Null tendierendes Interesse seitens der Bürger an einer aktiven Teilnahme innerhalb der Gemeinschaft/Gesellschaft.
    Und damit meine ich nicht die in Parteien organisierten Menschen.

    Also: Veränderungen JA, doch nicht grundsätzlich, immer und überall.

    Antworten

Kommentar verfassen