Archiv des Autors: Jörg Rupp

sexualisierte Gewalt: Täter: Mann, Opfer:Mann

Ein wunderschöner Sommertag. Ich flaniere in der Innenstadt. Hab einen privaten Termin, bin aber zu früh unterwegs. Ich bin Anfang 30. Während ich die Straßen entlang laufe – einmal die eine Seite der Fußgängerzone hinauf, einmal hinunter, fallen mir die Blicke eines Mannes auf einem Fahrrad auf. Ich denke mir zunächst nichts dabei. Er begegnet mir wieder – er schaut mich an. Sagt kein Wort. Hält Abstand, gut und gerne 25 Meter. Aber er ist da. Ich glaube an Zufall. Noch. Ich gehe weiter, kaufe mir ein Eis und esse es im Laufen. Schaue mir Schaufenster an. Da ist er wieder. Hinter mir. Ich bekomme ein komisches Gefühl. Kann es nicht genau beschreiben – fühle mich sehr unwohl. Kein Zufall mehr. Was will er von mir? Ich gehe weiter, schaue mich um, schau, ob er sich in Scheiben spiegelt. Tut er. Eindringlicher Blick. Ich biege ab, zu einem Platz, von dem ich weiß, dass er öffentliche Toiletten hat. Ich will mich verstecken, fliehen kann ich offensichtlich nicht. Schnell die Treppe hinunter. Atemlos. Erschrocken. Panisch.

Ich betrete die Toilette, gehe in eine Kabine, setze mich auf die Schüssel und warte. Hoffe, dass er weg ist, wenn ich nach einiger Zeit wieder rauf gehe.

Kurz darauf höre ich Schritte auf der Treppe. Die Kabinentür neben mir geht auf. Schließt sich. Ich bin schweißnass. Wie in vielen öffentlichen Toiletten hat die Trennwand ein kleines Loch. Ich lehne mich mit dem Rücken dagegen.

Dann höre ich Geräusche von nebenan. Ich kann jetzt nicht widerstehen. Ich schaue durch das Loch – und sehe einen erregierten Penis. Er onaniert. Ich öffne schnell die Tür, renne die Treppen hinauf. Sehe sein Fahrrad oben angeschlossen. Renne weiter, raus aus der Innenstadt, hin zu meinem Auto. Fahre die wenigen Meter zu meinem Termin. Bin käseweiß. Bin den Rest vom Tag und der Woche ziemlich durch den Wind.

Ist gut 25 Jahre her. Der Schrecken, die Angst sind noch immer präsent. Die Panik, die Unfähigkeit, der Situation angemessen zu begegnen und ihr zu entgehen, beschäftigt mich bis heute. Ich denke, ich würde heute anders reagieren. Ihn konfrontieren. Fragen, warum er mich verfolgt. Damals konnte ich das nicht, das brach einfach auf mich herein an diesem Tag. Vom diffusen Gefühl zum „der will was (WAS?) von mir“ war ein zäher Prozess, die Erkenntnis ein Schock. Die einzige Reaktion, die mir einfiel, war mich zu verstecken.

Corona ist leider nicht weg – und unser Wunsch nach Transparenz und Zusammenarbeit auch nicht!

Offener Brief mehrerer Gesamtelternbeiräte an Ministerin Eisenmann. Als Mitglied des GEB Karlsruhe und des Landeselternbeirats war ich an der Entstehung beteiligt:

Corona ist leider nicht weg – und unser Wunsch nach Transparenz und
Zusammenarbeit auch nicht!

 

Sehr geehrte Frau Ministerin Dr. Eisenmann, 

 

auch wenn Sie in den letzten Wochen versucht haben, der Öffentlichkeit und
uns bei unseren unzähligen offenen Briefen ein anderes Bild zu vermitteln: 
Bei aller Diversität der Elternschaft in dieser nie dagewesenen Krise eint
uns die Tatsache, dass wir mit Ihrem Krisenmanagement unzufrieden sind. 
Aus diesem Grund haben sich die Elternvertreter aus allen Teilen des Landes
Baden-Württemberg zusammengeschlossen, um Ihnen erneut und vereint einen
Brief zu schreiben.

    

Am 26.5.2020 haben Sie veröffentlicht, dass die Kitas und Grundschulen bis
spätestens Ende Juni geöffnet werden sollen und dass nun zügig mit den
Kommunen und Trägern ein Rechtsrahmen erarbeitet werden soll. Erste
Reaktionen des Gemeindetages, der GEW und verdi zeigen bereits, dass diese
Ankündigung eine Vielzahl an organisatorischen Fragestellungen aufwirft. 
Auch wir stellen uns die Frage, was dies nun konkret für unsere Kinder und
Familien bedeutet.

    

Durch die Erfahrungen der Vergangenheit haben wir daher einen dringenden
Wunsch: Nutzen Sie die Chance und machen es dieses Mal besser! 
Holen Sie alle Beteiligten an einen Tisch, um frühzeitig die weiteren
Schritte zu fixieren. Nicht nur bei den Grundschulen, sondern bei allen
Bildungsformen stellt sich die Frage, 
wie die Rückkehr zum Regelbetrieb verantwortungsvoll gestaltet und ein
Höchstmaß an Präsenz sichergestellt werden können, und was diese Rückkehr in
effektiven Stunden bedeutet. 
Zudem sind wir daran interessiert zu erfahren, wie Sie Ihr Versprechen der
von Ihnen angekündigten Sommerschule und der Förderangebote in den
Sommerferien sicherstellen möchten. 
Denn Kinder haben ein Recht auf Bildung und auf Schutz. Und Familien
benötigen Perspektiven! 
Zudem gibt es den Bedarf für Konzepte zu einer systematischen
Digitalisierung für den Fall, dass Einrichtungen wieder geschlossen werden
müssen. 

    

Eine gute Bildung ist ein unschätzbarer Wert für persönlichen Lebensweg und
unsere Gesellschaft - aber dazu muss Bildung auch ermöglicht werden. 
Geben Sie den Bedürfnissen der Kinder und der Elternschaft in der Politik
mehr Raum. 
Binden Sie daher von unserer Seite den LEB als unser gewähltes Gremium und
als Experten für die Bedürfnisse der Eltern und Familien ein. 
Wir freuen uns auf die Zusammenarbeit!

Mit freundlichen Grüßen

 

GEB² Mannheim – Thorsten Papendick 

STEB Mannheim – Lorenz Losmann 

Elterninitiative Mannheim - Jetzt an die Kinder denken! - Sarah Kinzebach 

GEB Schule Karlsruhe - Jörg Rupp und Peer Giemsch 

GEB Konstanz - Johanna Vogt und Petra Rietzler 

GEB Ludwigsburg Schulen - Christina Bechmann und Erika Macan 

GEB Sinsheim - Jeannette Tremmel 

GEB Heilbronn - Christoph Eberlein und Regina Bavatir-Eckert 

GEB Ettlingen - Seher Conzen und Michael Scherf

GEB Schule Lörrach - Sabrina Hauber 

GEB Schule Heidelberg - Andrea Dittmar 

GEB Stuttgarter Schulen - Manja Reinholdt

GEB Freiburger Schulen - Bettina Knapp und Anja Gössel

GEB Singen - Marc F. Neininger 

GEB der Schulen Villingen Schwenningen – Tino Berthold 

Elternnetzwerk im Verein für Gemeinschaftsschulen BW e.V. - Dr. Ulrike
Felger 

Arbeitskreis Sonderschulen Rhein Neckar e.V - Petra Vecchio 

EB des Ev. Montessori Schulhaus Freiburg - Vorsitzgruppe Oliver Dorgerloh,
Gaby Hönig und Marcus Schäfer 

 

Bericht von der Kundgebung der Karlsruher Verschwörungs- und Naziszene genannt Grundrechtedemo

Am 1. Mai fand in Karlsruhe eine Kundgebung angeblich für die Grundrechte statt:

Das Problem ist, dass niemand dort wirklich sagen konnte, welche Grundrechte denn eingeschränkt sein sollten. Dementsprechend verliefen die Reden – und beinahe wäre die Kundgebung eskaliert, als es um den Mundschutz ging. Auf einmal skandierten alle: Masken ab.

Aber der Reihe nach:

Ich war kurz 15 Uhr am Schlossvorplatz in Karlsruhe. Es hatte geregnet – daher sind viele Teilnehmende erst pünktlich zum Redenbeginn, der noch im Regenschauer stattfand, auf den Platz geströmt. Viele bleiben unter den Arkaden am Schlossplatz stehen. Von Abstandhaltung war wenig zu sehen, die begann erst, als endlich die Polizei aufkreuzte, die vorher nicht zu sehen war. Vor allem unter den Arkaden tummelten sich die Menschen nahe beieinander, es waren auch Begrüßungsumarmungen zu sehen. Rund 250 Menschen waren anwesend.

Ich war mit dem Antifa-Mundschutz dort – ich wollte mich nicht verstecken.

Auf der rechten Seite des Platzes waren einige Rechtsradikale zu sehen und leicht zu identifizieren: Mundschutz in Deutschlandfarben, neue, bedruckte Shirts mit Grundrechtsartikel: 5,8,11.  Meinungsfreiheit, Versammlungsfreiheit, Freizügigkeit. Das eine oder andere Gesicht war mit und ohne Mundschutz zu erkennen. Sehr aggressiv auf mich schauend, einer davon bewegte sich auf mich zu, bog aber rechtzeitig ab, als sich ein Ordner näherte. Eine Dame mit ausführlichem Grundrechteschild meinte, ich wäre wohl am falschen Ort, woraufhin ich sie fragte, ob es schon wieder vorbei wäre mit den Grundrechten. Darauf war sie erst einmal still.

Im Aufruf zentral steht die Behauptung:

Gegenwärtig sind viele bürgerliche Freiheiten, die ansonsten eine essenzielle Rolle im Prozess der demokratischen Willensbildung einnehmen, extrem eingeschränkt

Welche bürgerlichen Freiheiten wie eingeschränkt sind, konnte niemand so genau sagen. Der eine Redner findet es schlimm, dass die Maßnahmen gegen Corona auf dem Rücken der Kinder ausgetragen werden, die nicht auf den Spielplatz dürfen und nicht in die Schule und KiTas.

Der andere Redner findet, dass man sich nicht im Klein klein verlieren sollte und daher nicht über Spielplätze reden sollte.  Grundsätzlich schien man sich einig, das Schlimmes drohe. Und überzeugen könne man andere im direkten Bekanntenkreis. Wohlwissend, wer sich da alles auf dem Platz rumtrieb, wurde aber empfohlen, nichts über Verschwörungen und 5G und solche Sachen zu sagen,sonst würde niemand mehr zuhören. Man solle sagen, für was man sein. Aber was genau er damit meinte –  das sagte er nicht. Denn:

Die Meinungsfreiheit konnte ja nicht eingeschränkt sein – schließlich traf man sich auf einem öffentlichen Platz und konnte frei sprechen. Die Versammlungsfreiheit war nicht eingeschränkt, aus demselben Grund. Und die Freizügigkeit auch nicht – schließlich konnte jede:r hinkommen der:die wollte.

Natürlich ist es so, dass die Auflagen und Schutzmaßnahmen die Rechte beschränken. Mindestabstand zwischen den Teilnehmenden oder Beschränkungen der maximalen Teilnehmendenzahl sind ebenso eine Zumutung wie mögliche Verlegungen von Kundgebungen an Orte, die die zu erwartende Mengen aufnehmen. So wie es bspw. in Stuttgart geschehen ist, wo die Hygienedemo auf den Canstatter Wasen verlegt wurde. Dass die Maßnahmen kein Ablaufdatum haben, stimmt so auch nicht. Was natürlich bedenklich ist, dass das Ende vom Wohl und Wehe der Vereinbarung der Kanzlerin mit den Ministerpräsidenten abhängt. Und konkrete Regeln dann wieder unter die Länderhoheit fallen. Kontaktverbote und Ausgangsbeschränkungen sind in der Realität eine Einschränkung. Geschlossene Läden und Gastrobetriebe ebenfalls.

Aber: dass die Maßnahmen reguliert werden, entweder durch Gerichte oder öffentlichen Druck, war in den letzten Wochen immer wieder zu sehen. Ja,die Behörden schießen manches Mal übers Ziel hinaus, aber oft genug reagieren sie auch schon auf öffentlichen Druck. Es ist wie immer,mit besonderen Vorzeichen: Demokratie ist auch eine Sache der Verhandlung. Judikative und Exekutive agieren. Wenn auch in einzelnen Fällen nur schwerfällig oder wie hier in Malsch, wo Gemeinderatssitzungen seit Beginn der Maßnahmen ausgesetzt sind und der Ort mittels Krisenstab „regiert“ wird und selbst der Ältestenrat nicht zufrieden ist mit den Informationen, die er erhält. Insofern heißt es wachsam bleiben, im Zweifel Verbündete suchen – aber daraus eine Verschwörung zu basteln, in der, wie es gestern zu hören war, diese Maßnahmen sehr wahrscheinlich nicht mehr zurückgenommen werden, die Maßnahmen geplant waren, das geht selbst mir zu weit, der ich sicherlich kritisch bin, was Einschränkungen von Grundrechten angeht. Wer Diktatur oder DDR 2.0 ruft, hat (bewusst?) übersehen, dass Korrekturen vorgenommen werden.

Vor der Kundgebung wurde die aktuelle Ausgabe des „Demokratischen Widerstands“ verteilt. Kostenlos natürlich. Das ist die Zeitung, die Anselm Lenz herausgibt, mittlerweile hat er 720.000 Ausgaben drucken und in der Republik verteilen lassen. Offiziell war die Karlsruher Kundgebung bislang nicht im Verzeichnis der Regionalgruppen auf „nichtohneuns.de“ zu finden – anscheinend gibt es aber doch Verbindungen. Interessant ist die Frage, wie jemand wie Lenz eine fünfseitige Zeitung in einer Auflage von zwischenzeitlich 720.000 Stück drucken lassen kann – und diese dann noch kostenlos in der Republik verteilt bekommt. Wer die Geldgeber hinter Lenz sind, möchte allerdings niemand von den Aluhutträgern gerne wissen. Die Frage taucht nicht auf, in der Telegramgruppe, in der ich sie stelle, gibt es nur die Antwort „Spenden“, mein Nachfragen dazu endet mit meinem Rauswurf.

Insgesamt muss man konstatieren: es trifft sich bei diesen Kundgebungen alles, was irgendwie nen Hau hat. 5-G-Verschwörer (Das Coronavirus wird mit 5 G verbreitet), dauernd ist auch der Name „Bill Gates“ zu hören  oder zu lesen. Gates‘ Engagement in der Pharmaforschung sorgt dafür, dass alle denken, er stecke dahinter. Gates‘ Engagement dürfte allerdings darauf beruhen, das er Geld verdienen möchte. Und als Wohltäter auftreten. Es wird behauptet, er habe alles vorausgesagt und gechipt sollen wir alle auch werden. Einige seiner Aussagen werden aus dem Zusammenhang gerissen.

In den Facebook- und Telegramgruppen, soweit sie überhaupt lesbar sind bei all dem Geschwurbel über Gates, Freie Energie, Licht, das heilt, der Negation der Pandemie überhaupt und so weiter werden darüber hinaus natürlich als Presseberichte getarnte Verschwörungstheorien der klassischen rechten Portale von KenFM bis hin zur „Achse des Guten“ und anderen, einschlägigen Portalen geteilt – die natürlich immer nur wahrheitsgemäß berichten.^^

Dann wird in den Reden permanent Angst geschürt vor den jetzigen Einschränkungen,die uns auferlegt wurden, um die Pandemie einzudämmen. Kerim Kakmaci, Keynote-Speaker & Experte für Mut, der dritte Redner, schießt allerdings den Vogel ab. Zunächst muss er die Menge beruhigen, die drauf und dran ist, die Mundschutz abzunehmen, laut und wütend „Mundschutz ab“ skandiert, nachdem der zweite Redner versucht hat, für diese Maßnahme Verständnis zu wecken.. Das scheint eh das größte Problem zu sein – der Mundschutz. Maulkorb nennen sie ihn und bringen ihn in Verbindung mit dem Grundgesetz, der Meinungsfreiheit. Als würde der Mundschutz jemanden daran hindern, etwas zu sagen. Anschließend behauptet er, dass 39% der Betriebe bis Ende des Jahres 2020 insolvent wären – und damit 39% der Arbeitnehmenden insgesamt. Eine Berechnung, die meine Intelligenz beleidigt – aber mit Applaus goutiert wurde. (Als würden überall gleichviel Menschen arbeiten). Woher er diese Zahl hat, erfunden oder irgendwie berechnet,erklärte er nicht. Weitere Behauptungen, wie dass die Verordnungen nicht zurück genommen würden, wurden ebenfalls einfach erfunden. Hier hat jemand bewusst das gemacht, was der Regierung vorgeworfen wird: Angst und Panik geschürt. Die Tränendrüse durfte natürlich nicht fehlen – als er von den Kindern sprach, die nicht in KiTas oder in die Schule dürften und ebenso den Kontaktbeschränkungen unterliegen, brach ihm gekünstelt beinahe die Stimme. Dass es aktuelle Erkenntnisse gibt, wonach Kinder genauso ansteckend sind wie Erwachsene und die Kontaktsperren daher sinnvoll – kein Wort davon. Und natürlich durfte nicht fehlen, dass ihn in 20 Jahren sein jetzt 9 Monate altes Kind Kind fragen würde, wo er denn gewesen wäre, als im Jahr 2020 die Demokratie abgeschafft wurde.

In all den Reden und Beiträgen, auf Plakaten wurde über die reale Pandemie kein Wort verloren. Es ging an keiner Stelle um Arbeitnehmer:innenrechte, es ging nicht um Pflegekräfte, die real unter immens schweren Bedingungen arbeiten, es ging nicht um niedrige Gehälter in Careberufen, es ging nicht um das Recht auf körperliche Unversehrtheit im demokratischen Abwägungsprozess, es ging nicht um die Toten dieser Pandemie und zumindest mal  einen Blick über die Grenzen, wie diese negierte Pandemie in anderen Ländern verläuft, es ging nicht um Solidarität – nein, es ging um Recht haben, Recht bekommen und um Egoismus. Menschen, die ihre Kinder mit Schildern, auf denen „ich will wieder ins Schwimmbad“ mit auf diese Demo zerrten, wurden gewürdigt. Nein, es wäre schon alles vorüber und die Regierung müsse alle Maßnahmen sofort aufheben.

Quelle: rnd.de, 30.4.20

Am Ende blieb die wichtigste Einschränkung allerdings völlig unbeachtet. Wer heute eine Veranstaltung anmeldet, der muss als Auflage erfüllen, dass er Name und Adresse der Teilnehmenden erfasst. Wie schon zuvor beim DGB in Ettlingen, wo ich an der Kundgebung zum 1. Mai teilhahm,

sollte sich jede:r Teilnehmende in eine Liste eintragen oder einen Zettel mit Namen in eine Box einwerfen. Der Veranstalter in Karlsruhe hat das am Anfang gesagt – vorgegangen und diese Auflage erfüllt hat aber nach meiner Beobachtung so gut wie niemand. Es gab keine wahrnehmbare Bewegung nach vorne, es wurde am Ende nicht mehr dran erinnert. Da es keine Absperrungen wie z. B. in Ettlingen gab, konnte der Platz von allen Richtungen betreten und verlassen werden. Diese Auflage ist wichtig, weil im Falle einer Infektion so Infektionswege nachvollzogen werden können. Polizei und Ordnungsamt haben hier in höchstem Maße fahrlässig gehandelt, in dem sie die Einhaltung dieser Auflage nicht kontrolliert haben.

Schule und Corona – erzürnter Brief an Ministerin Eisenmann

Guten Tag Frau Ministerin Eisenmann,

mit großem Interesse habe ich Ihren Elternbrief gelesen, der mich heute einerseits über die Schule und andererseits über den Landeselternbeirat, in dem ich bald Mitglied sein werde, erreicht hat.

Ich war gespannt, ob es jetzt endlich konkrete Aussagen Ihrerseits zum weiteren Verlauf des Unterrichts unter Coronamaßnahmen gibt. Ich wurde in meinen Erwartungen nicht enttäuscht – es gibt sie nicht.

Als im März endlich Verhaltensregelungen den Bürger:innen auferlegt wurden, wurden vorsichtig, ich sag mal, die Zügel angezogen. Es ist auch aus heutiger Sicht verständlich, dass man damals nicht über die Osterferien hinaus konkrete Aussagen treffen wollte. Zu groß war die Hoffnung, sicherlich auch bei Ihnen, nach Ostern wieder in einen regulären Schulbetrieb zurück wechseln zu können. Das war menschlich – und wie wir heute wissen: fahrlässig.

Aber was will man machen, wenn Richtlinien wie die Digitalisierungshinweise 14 Jahre lang, während rund um den Erdball eine auch 2005 kaum vorstellbare Digitalisierungswelle rollte, nicht aktualisiert wurden. In den Richtlinien von 2005 fabulierte man noch über den Einsatz von Powerline-Adaptern das galt dann bis 2019. Nach wie vor liegt der Schwerpunkt aller IT-Strategien auf dem Einsatz von „Geräten“. Doch was heute fehlt, ist eine nachweislich sichere IT-Infrastruktur. Eigene Server haben die wenigsten Schulen – Server,die heute fehlen. Von Personal, das damit umgehen kann, ganz zu schweigen. Selbst an der Schule unseres Jüngsten, an der man sich sehr engagiert, ist Teleunterricht im Moodle-Modus nicht möglich. Mal funktioniert es nicht, mal kriegt es der Lehrkörper nicht hin. Ich mache da niemandem persönliche Vorwürfe. Bis heute gehört dezentraler Unterricht nicht zur Lehrerausbildung. Und unter IT versteht man noch immer am ehesten Powerpoint und 10-Finger-System. Lehrer:innen, die es wagen, die mobilen Endgeräte ihrer Schüler:innen einzusetzen, gelten als Held:innen des Alltags.

Und so sieht auch der aktuelle Home-Schooling-Alltag aus. Alles ist darauf ausgerichtet, dass Schüler:innen zu Hause Zugriff auf einen PC oder ein Laptop haben – und natürlich einen Drucker mit Scaneinheit. Schon mit Tablets wird es schwierig. Wenn, dann braucht es ausreichend Bandbreite im Upload(!), um erledigte Aufgaben zu fotografieren. Und dann noch ausreichend Geld auf den Prepaidkarten, bei sozial Benachteiligten, um die Daten hochzuladen. Dass in vielen Haushalten reguläre Internetanschlüsse fehlen, weil sie nicht bezahlt werden können, ist Ihnen vermutlich noch gar nicht aufgefallen. Das Wort „Lernmittelfreiheit“ sagt Ihnen sicherlich etwas. Darf ich Ihnen die Rechnung für die nächsten Druckerpatronen schicken?

Dann muss die Lehrer:in noch kontrollieren. Und Rückmeldung geben. Dass es Lehrer:innen gibt, die sich gar nicht melden, gehört zu den Geschichten, die passieren – zu denen Sie sich aber nicht äußern.

Fakt ist jedenfalls, dass wir alle gar nicht wissen, wie sich eine Coronainfektion auf junge Menschen auswirkt. Es gibt ernst zu nehmende Berichte, nach denen es gesundheitliche Folgen auch für junge Menschen gibt. Kinder sterben auch an Covid-19 – und das nicht nur in Bangladesh – sondern in Europa. Wie um Himmels Willen kann man da die Schule bald wieder öffnen wollen? Ihre Salamitaktik sorgt übrigens dafür, dass sich weder Schule, Lehrer:innen noch Schüler:innen wirklich auf Schule @home einlassen. Es ist noch immer eine Übergangslösung – und Sie tun alles dafür, dass es so bleibt. Anstatt endlich zu sagen: gehen Sie davon aus, dass wir die Schulen erst nach den Sommerferien wieder öffnen können. Oder vielleicht auch erst im Jahr 2021.

Es wird Zeit, dass Sie sich klar äußern. Die Schulen so schnell wie möglich mit mehr Geld, als im Digitalpakt zur Verfügung steht, zukunftssicher machen. Dass Sie von Prüfungen in diesem Jahr absehen und Jahresleistungen honorieren und auf freiwillige Lösungen setzen. Vielleicht machen Sie das zukünftig immer so? Zumindest 2021 wäre das angebracht.

Während Sie noch versuchen,so billig wie möglich mit Moodle davon zu kommen, stehen bei privaten Trägern der Erwachsenenbildung längst Unterrichtssysteme zur Verfügung. Klassenräume, Chats mit Lehrer:innen, Online-Unterricht, Unterrichtsvideos, Prüfungssysteme, Lernschritte, Lernkontrolle. Eines der System, das von alfatraining, kommt sogar aus Baden-Württemberg. Leider aus dem nicht so gerne gesehenen badischen Teil, aber das würden Sie sicherlich verkraften. Fahren Sie hin, schauen Sie es sich an, kaufen Sie es. Skalieren Sie es auf Schulgröße. Das geht. Ich habe bei einem solchen Träger gearbeitet, ich weiß das. Kaufen Sie Server, kaufen Sie Bandbreite, verlegen Sie Glasfaser. Von mir aus gründen Sie eine staatliche Telekom, damit es auch vorankommt und überlassen Sie das alles nicht dem Markt.

Exkurs und Utopie:
Ein solches System könnte den regulären Unterricht an der Schule, wie wir ihn heute kennen, ergänzen oder sogar fast komplett ersetzen. Voraussetzung dafür wären für jede:n Schüler:inn ein Endgerät (hardwareseitig eingeschränkt, damit ausschließlich für Schule nutzbar), ein adäquater Anschluss ans Internet, in der Grundschule die Heranführung an die Technologie und ab der Sekundarstufe die konsequente Nutzung. Was würde das Geld für die Schulträger sparen,die viel weniger in Gebäude investieren müssten!

Wenn man dazu noch die Lehrpläne individualisierte – also Wissensziele innerhalb bestimmter Zeitspannen festlegt, könnte sogar von starren Ferienregelungen abgewichen werden. Lehrer:innen wären ganzjährig mit regulären Stundentafeln an der Schule oder im Homeoffice mit gesetzlichem Urlaub. Arbeitszeiten der Eltern könnten sich dem Lernrhythmus der Kinder anpassen – anstatt strikter Schul- und Ferienzeiten. Präsenzzeiten ergänzten dann nur noch den Unterricht.

Sehr geehrte Frau Ministerin – ich habe Sie ja in Karlsruhe live erlebt. Ich habe bis 2016 auf Landesebene Politik gemacht (nein, nicht in der CDU) – ein bisschen weiß ich also über Politik, über das, was man sagen kann und darf und was Zwänge sind. Ich weiß, so leicht sind Sie nicht zu beeindrucken und schon gar nicht vom eingenommenen Kurs abzubringen. Aber es wird Zeit, dass Sie ihr Herz in die Hand nehmen und die Schulen so schnell wie möglich darauf vorbereiten, dass es länger gehen könnte. Auch wenn das schwierig ist – ich weiß, Sie haben die Stärke, das auch durchzustehen – oder zumindest auch erst einmal im Kabinett durchzusetzen,diese Botschaft. Klare Worte statt Hinhaltetaktik, ein klares Ziel vor Augen. Machen Sie Baden-Württemberg zum digitalen Musterschulland. Bevor es Bayern wird.

Und: beziehen Sie uns Eltern ein. Es gibt hier so viele, die daran verzweifeln, was im Bildungsland vor sich geht,die Wissen haben und sich einbringen wollen und können. Ohne uns geht es nicht.

Es ist ein Trauerspiel.

Mit freundlichen Grüßen aus der badischen Provinz

Jörg Rupp

Bericht aus der Systemrelevanz

Regulär arbeite ich als Standortleiter bei einem Unternehmen, das Obstkörbe an Arbeitsplätze liefert. Der Karlsruher Standort ist der drittgrößte im Unternehmen, ich bin verantwortlich für 15 Auslieferungsfahrzeuge und 35 Mitarbeitende, davon 10 Minijobber und Werkstudierende.  Am 16. März haben wir Kurzarbeit beantragt, seit dem 20. März bin ich selbst in Kurzarbeit. Diese habe ich kurz unterbrochen, um an einem Samstag zusammen mit einer 450-€-Kraft das Kühlhaus zu räumen, in dem noch 3t Äpfel, Birnen und Clementinen lagerten. Wir haben sie an einen türkischen Lebensmittelhändler sehr günstig verkauft und dann mit einem Sprinter in fünfeinhalbstündiger Arbeit geliefert. Die Woche zuvor hatte ich 70 Karton (ungefähr 350 kg) schneller verderbliche Ware – Trauben und Pflaumen – an den Karlsruher Zoo gespendet.

voller Lieferwagen.

Einmal die Woche fahre ich ins Lager, um nach dem Rechten zu sehen. Es ist still dort. Das Kühlhaus brummt vor sich hin, die Autos stehen unverändert auf ihren Plätzen und werden vom Regen täglich ein wenig schmutziger. Ansonsten gibt es wenig zu tun – ich schau nach der Post, scanne evtl. ein Schreiben und schick es in die Zentrale.

Da die Kurzarbeit angekündigt war, habe ich noch rechtzeitig einen 450-€-Job gesucht – und gefunden. Im März wurde deutlich, dass Leute gesucht würden, die Regale in Supermärkten auffüllen. 5 Minuten von hier ist ein REWE und ich weiß, dass dort ein solches Auspackteam arbeitet. Da mir bewusst war, dass ich die Leute dort immer nur abends gesehen habe, bin ich für meine Verhältnisse spät einkaufen gegangen, habe dann dort gefragt und hatte am 23. März meinen ersten Arbeitstag. Ich verdiene Mindestlohn, 9,35 € und ich finde, dass das nicht angemessen ist.

1979 (13-jährig) hatte ich in diesem Bereich begonnen: Marktumbauten über das Wochenende. Das bedeutet damals: Regale ausräumen, putzen, eventuell abbauen, neu aufbauen/verschieben, füllen. So leer sind heute die Nudelregale, dass ich da fast ein Deja-Vue habe. Während der Schulzeit habe ich genau das, was ich heute mache, immer wieder gemacht: ich war Auspackhilfe und habe bei Warenlieferungen dem Marktpersonal geholfen. Allerdings war man damals noch direkt beim Supermarkt angestellt und erhielt einen tariflichen Stundenlohn.

1983 habe ich die Schule geschmissen und ’84 eine Ausbildung zum Lebensmitteleinzelhandelskaufmann begonnen. Während meiner Ausbildung entstanden die ersten Auspackteams. Damals konnte man im eigenen Unternehmen noch einen Nebenverdienst haben und so habe ich am Warentag oft bis Mitternacht Ware verräumt. Schließlich wurde ich ja im 3. Lehrjahr zum ersten Mal Vater und zuvor waren wir schon zu dritt.

1988 wurde ich Marktleiter und Auspacken gehörte zu meinen liebsten Aufgaben. Damals konnte man noch das Sortiment selbst mit bestimmen und auch Regale „spiegeln“, also Platzierungen selbst machen. Ich habe es geliebt.

1990, mit 24 Jahren, hab ich den Lebensmitteleinzelhandel verlassen – als Marktleiter hatte ich eine mindestens 60-Stunden-Woche, was nicht sehr familienverträglich war. Trotzdem macht ich sogar noch Sport nebenher.

ein sogenannter Elefantenfuß bzw. Rollhocker.

Es ist heute anders. Ich bin körperlich kaum mehr in der Lage bin, diesen Job auszuüben. Ich bin an das viele Bücken, in die Knie gehen, auf „Elefantenfüße“ stehen und Stehen nicht mehr gewohnt. Auch nach drei Wochen komme ich mit Muskelschmerzen nach Hause, die Füße und die Beine tun weh. Die Arbeit beginnt um 18 Uhr und endet, wenn wir fertig sind. In der ersten Woche  habe ich fast 20 Stunden gearbeitet, jetzt sind es 3 Abende pro Woche, im Schnitt 4,5 Stunden. Hätte ich vor 30 Jahren den Job nicht verlassen, wäre es sicher nicht so schlimm – allerdings sind Langzeitschäden ja nicht auszuschließen und wer weiß, ob ich dort überhaupt noch wäre.

Unter dieser körperlicher Anstrengung noch einen Mundschutz zu tragen, mit dem ich schwerer atmen könnte, kann ich mir derzeit nicht vorstellen. Die Kunden im Markt sind sehr unterschiedlich: es gibt welche, die gehen durch den Laden, als wäre nichts. Sie kommen mir immer mal näher als 1,50m. Manche tragen Mundschutz, ab und zu kommen welche mit Handschuhen. Zwei sehr aggressive Kunden habe ich erlebt: der eine wollte nicht, dass man überhaupt in seine Nähe kommt und hat verzweifelt versucht, von anderen weg zu bleiben. Der andere hat sich darüber beklagt, dass ein Kollege seinen Kumpels gedankenlos die Hand zur Begrüßung gegeben hatte und dann Ware eingeräumt hat. Als könnte man wissen, wer das Päckchen bisher in der Hand gehalten hat – auch, seit es im Regal steht. Beide Männer sind sehr laut geworden und waren kaum ansprechbar. Man hat ein hohes Risiko – schließlich bewegt man sich am Ende durch den gesamten Markt und begegnet vielen Menschen auf relativ engem Raum, wo man sich oft nicht aus dem Weg gehen kann. Und oft genug wird man nicht „gesehen“.

Zu meinen Kolleg:innen Abstand zu halten, ist auch schwer, wenn man gemeinsam eine Palette abräumt. Zu warten bis dieder Kolle:gin jeweils fertig ist: kaum realisierbar.  Nur alleine in einem Gang zu arbeiten – auch nicht realisierbar. Nicht so, wie heute gearbeitet wird. Die Ware kommt in der Regel auf Paletten, wird an den Kopfenden der Warengänge abgestellt. Aufsortiert sind sie nicht sortenrein, zumal ja auch nicht jeder Markt ganz gleich aussieht.  Man hat also verschiedene Abteilungen auf der Palette und sortiert sich einen Einkaufswagen mit Paketen für einen Gang. Es kann also durchaus sein, das man zu zweit im Konservengang arbeitet und sich in die Quere kommt. Abzuwarten, bis derdie Andere jeweils fertig ist, geht nicht. (also ginge schon, aber dann würde alles viel länger dauern). „Früher“ haben wir die Ware vor die Ware gestellt, dann gab es einen Mitarbeiter pro Gang. Das wäre auch heute noch zielführender – zumal man dann das Sortiment besser kennen würde.

Waren einräumen war früher ein fester Bestandteil des Berufs. Nicht nur die frische Ware, sondern auch die in den Supermarktregalen – von Kaffee bis hin zu Kosmetikartikeln. Irgendwann haben die Ketten angefangen, diesen Teil des Berufs an externe Dienstleister zu vergeben. Der Vorteil lag auf der Hand: der Dienstleister war nicht an den Tarifvertrag gebunden und bis zur Einführung des Mindestlohns konnte man die Mitarbeitenden auch nach Anzahl der erledigten Pakete bezahlen. Es waren erhebliche Möglichkeiten da, den Preis und den Lohn in der Folge zu drücken.  „Alt vor neu“ ist in der Regel keine Regel mehr – sollte schon, aber konsequent macht das niemand mehr. Wichtig ist, dass die Ware schnell in die Regale kommt. Die Hamsterkäufe haben dafür gesorgt, dass manche Altware verkauft wurde, die immer wieder nach hinten geschoben wurde. Der Vorgang des Wareverräumens wird durch zentrale Regalgestaltung entwertet , derdie Minijobber:in bekommt keinen adäquaten Lohn, eine Bindung an den Markt ist kaum dar, Anweisungen dürfen nur vom Teamleiter kommen, das Ladenpersonal hat keine Weisungsbefugnis. Ich versuche, so zu arbeiten, wie mach das mal gelernt habe, soweit das heutzutage noch geht. Aber natürlich komme ich an meine Grenzen.

Fazit: es ist halt ein Job, den man da macht. Und es ist schwere, körperliche Arbeit. Man füllt nur auf, es fehlt der Ausgleich, den man früher hatte: mal ne Stunde an die Kasse oder an die Bedienungstheke, die Zeit für Kundengespräche und -beratung, und so vieles mehr, was diesen Beruf auch ausmacht. Gesellschaftlich werden Mitarbeitende in Supermärkten seit Corona als systemrelevant betrachtet – die Auffüllenden werden so gut wie nirgendwo erwähnt. Wie in vielen anderen Dingen in dieser Krise: die ganz unten auf der Leiter werden übersehen.

Corona-App wird kommen – gezwungen freiwillig

Die Lage ist und bleibt undurchsichtig, noch niemand versteht so richtig, was genau passiert, es gibt noch immer keine sicheren Corona-Tests und bis die Herde immun ist – in einer globalisierten Welt also die Weltbevölkerung – wird es dauern. Ob es einen Impfstoff geben wird, ist unklar – aber das ist zweitrangig. Denn wer sagt uns denn, dass im nächsten Jahr nicht ein neuer Virus vom Tier auf den Menschen springen wird und die gleiche „Karriere“ macht wie Corona?

Die Anzeichen, dass unter einer auch nur teilweisen Aufhebung des Lockdowns die Infektionen wieder ansteigen, sind recht deutlich. Zu früh, zu wenig Schutz gibt es. Zu Wenige sind  bereit, sich einzuschränken. Es scheint, als wäre die kapitalistische Gesellschaft im Wartestand, am Tag X, wenn – ja was eigentlich genau – passiert, sofort wieder durchzustarten. Wie Rocky Balboa muss sie einen herben Schlag einstecken, geht vielleicht zu Boden, richtet sich auf, schüttelt sie sich – und am Ende gewinnt sie – oder erreicht zumindest ein Unentschieden. Das scheint der Wille und der derzeitige Glaube in der Gesellschaft und in der Politik zu sein. „Hinterher“ müsse es wieder weiter gehen.

Ich befürchte, dass sich abzeichnen wird, dass „es“ länger als bis Juni andauern kann. Wir haben unseren Urlaub zwar auf Ende August/Anfang September umgebucht, aber ich vermute mal, dass wir ihn nicht antreten werden. Vielleicht im nächsten Jahr an Pfingsten.

Wie lange wird sich die Weltgesellschaft den downgelockten Zustand leisten können? Was passiert, wenn klar wird, dass es nicht schnell wieder aufhört? Wenn man nicht weiter Geld in ein System pumpen kann, das sich nicht trägt?

Ein Mittel, dass man sich vorstellt, ist eine Corona-App. Per Bluetooth verbindet sich das eigene Smartphone/Telefon/anderes Device mit allen anderen um sich herum und anonymisiert werden alle Kontakte festgehalten, die man so über den Tag hatte. Infiziert man sich, werden die Daten dazu benutzt, denjenigen festzustellen, von dem man sich infiziert hat und so lassen sich die eigenen und dessen Kontakte schnell in Quarantäne verfrachten. All das, bis es entweder eine Herdenimmunität gibt –  sofern es sie geben wird – und wir nicht mehr damit rechnen müssen, nicht richtig behandelt werden zu können, weil es zu viele Patient:innen gibt. Es soll anonym sein – aber was passiert eigentlich, wenn der Infizierte nicht frewillig mitmacht? Erzähle mir keiner, er wäre dann nicht identifizierbar.

Es gibt Verlautbarungen, aus der CDU beispielsweise, die fordern, die App automatisch auf allen erreichbaren Smartphones installieren zu lassen und eine Widerspruchslösung wollen. Sprich: ein automatisches Update fürs Gerät wird eingespielt, die App meldet sich und man kann auswählen, ob sie aktiviert wird oder nicht. Konstantin von Notz von den Grünen widerspricht (noch) und meint, die Apps werden nur erfolgreich sein, wenn sie transparent und freiwillig seien.

Wenn die App die Lösung für ein „Weiter so“ zu sein scheint, dann wird es sie geben.  Nicht freiwillig. Irgendwann gibt es ein Update des Betriebssystems, die App wird installiert – und vielleicht gibt es die Wahl, sie zu aktivieren oder nicht. Aber sehr wahrscheinlich wird das „Ja“ oder „Nein“ darüber entscheiden, wie stark die persönlichen Ausgangseinschränkungen bestehen bleiben.

Zum Beispiel könnte es so sein,dass mein Arbeitgeber wieder öffnet, Kurzarbeit beendet. Der Ausgang bleibt generell für Alle beschränkt – aber wer die App aktiviert hat, darf „ganz normal“ seiner Arbeit nachgehen. Und mein Arbeitgeber wird aus Fürsorge für alle Mitarbeitenden verlangen, dass jede:r diese App aktiviert hat. Gleiches wird dann an allen anderen Stellen auch passieren: wer die App nicht aktiviert hat, wird keinen Zugang haben. Man stelle sich vor: Tinder oder andere Flirt-Apps deaktivieren sich, wenn man die Corona-App nicht auf dem Gerät hat.

Dabei ist es unerheblich, ob es die Datenspende-App oder die „ich bin infiziert“-App ist, die eingesetzt wird. Am Ende wird festgestellt werden können, wer keine App hat. Man geht durch die Straße, hat keine App oder sie deaktiviert. Wenn man auf die ersten Menschen trifft, die keine haben,werden die der anderen vor Dir warnen. Jede Kneipe wird den Zugang auf die beschränken, die eine aktivierte App haben. Jeder andere öffentliche Ort auch – Fußballstadien, Konzerthallen. Überall werden Scanner stehen – und wer keine aktivierte App hat, wird nicht eingelassen.

Die Gefahr: wenn sich jeder dran gewöhnt hat, werden mit der Zeit zusätzliche Funktionen möglich sein. Was immer man sich auch vorstellen kann, wird möglich sein. Schließlich haben ja ganz viele nach wie vor „nichts zu verbergen“. Daher wird jede:r, der die App nicht hat, verdächtig sein.

Ja, es wird Mittel und Wege geben, das zu umgehen. Aber darauf wird es hohe Strafen geben. Womöglich sogar Prämien für die, die jemanden melden, der solches tut. Die Aufrufe bspw. des Baden-Württembergischen Ministerpräsidenten, „Corona-Verstöße“ zu melden zeigen schon, wohin der Weg gehen könnte. Mit

„Da geht es jetzt wirklich um Menschenleben“, betonte Kretschmann.

ist vieles erreichbar und der soziale Druck wird steigen,je länger die Beschränkungen andauern, je mehr Menschen von Arbeitsplatzverlust bedroht sind und je mehr Märkte und Marktsegmente  zu kollabieren drohen.

Die App wird kommen.

Ein dystopischer Ausblick? Womöglich. Aber soweit hergeholt, sicherlich nicht.

Schule nach Corona

Die Coronapandemie hat Kultusministerien, Schulen, Eltern und Schüler:innen dazu gezwungen, mehr oder weniger von Heute auf Morgen auf Schule @daheim umzustellen. Die Notwendigkeit, dies schnell und ohne großartige Vorbereitung zu tun, hat sehr schmerzlich offenbart, wie wenig Schule und Bildung digitalisiert ist, wie abhängig Bildung von Präsenz ist, wie unterschiedlich versiert Lehrer:innen sind, wie unterschiedlich Lehrer:innen bereit und in der Lage sind, neue Wege zu gehen. Bildungsgerechtigkeit erfährt noch einmal eine ganz neue Bedeutung und die Frage, de sich ja in allen Bereichen der Gesellschaft stellen müsste ist: was lernen wir daraus und wollen wir hinterher einfach zurück zu dem, was immer so war.

In jeder Krise steckt eine Chance und kann man zunächst zurückblicken – und dann den Blick nach vorne wagen.

Im Blick zurück fällt auf: subsidarisch waren Zustand und Ausstattung von Schulen vor allem ein Problem städtischer und gemeindlicher Haushalte. Eine Schule, die in einem Ort stand, der gute Steuereinnahmen hatte, war, wenn die Schulleitung mit einigermaßen offenen Augen durch ihr Schulhaus ging, gut ausgestattet, Toiletten, naturwissenschaftliche Räume, IT und PC-Räume waren auf einem guten Stand. In ärmeren Gebieten oder auch nur Gemeinden war das anders. Wir alle kennen Bilder von maroden Schulen, kennen Berichte von veralteter IT und Computerräume – wenn überhaupt vorhanden.

Die Lehrerversorgung war und ist schlecht. Man hat zwar vielerorts die Schulzeiten durch bspw. das G8 verkürzt – aber irgendwie ist der Bedarf nach mehr Lehrer:innen wegen längerem Unterricht,mehr Aufgaben, Ganztagessschulen nie wirklich in den Kultusministerien angekommen – zumal der Haushälter der jeweiligen Regierung auch noch ein Wörtchen mitzureden hatte. Und so reden wir seit Jahren von Lehrendenmangel. Und anstatt wirklich Neues zu wagen, Systeme umzustellen, die Chancen, die die digitalisiertere Gesellschaft bietet, zu nutzen, wird an Althergebrachtem festgehalten.

Und Bildungsgerechtigkeit,ein Schulsystem, das wirklich niemanden zurücklässt –  bleibt eine Utopie. Nicht nur in Baden-Württemberg, wo grün-rot mit viel Elan das Projekt „Gemeinschaftsschule“ gestartet hat, und dann unter dem Druck von Eltern, Lehrer:innenverbänden und der eigenen Mutlosigkeit diese weitgehend zu einer besseren Werkrealschule hat verkommen lassen – anstatt endlich ein Zweisäulensystem einzuführen und durchzusetzen.  Von „gemeinsamen Unterricht bis Klasse 9 oder 10“ ganz zu schweigen.

Wie wäre es denn, wenn man die Schule mit täglicher Präsenzpflicht umbaute – zu einer Schule, die Schule @daheim erlaubte?

In der Erwachsenenbildung ist es gang und gäbe, dass virtuelle Klassenzimmer entstehen, derdie Lehrende an irgendeinem Ort in der Republik (oder auf dem Planeten) ist, mehrer Klassenräume betreut, Prüfungen online abgenommen werden. Unterricht mit Arbeitsblättern und Videos, die man anschauen muss, um weiter zu kommen, ergänzt wird. Und derdie Lehrende trotzdem anstprechbar für alle Teilnehmenden ist.

Ein solches System könnte den regulären Unterricht an der Schule, wie wir ihn heute kennen, ergänzen oder sogar fast komplett ersetzen. Voraussetzung dafür wären für jede:n Schüler:inn ein Endgerät (hardwareseitig eingeschränkt, damit ausschließlich für Schule nutzbar), ein adäquater Anschluss ans Internet, in der Grundschule die Heranführung an die Technologie und ab der Sekundarstufe die konsequente Nutzung.

Es gäbe die Möglichkeit, Unterricht zu entzerren. Schüler:innen könnten jeden Monat nur drei von vier Wochen an der Schule sein müssen. Oder sogar noch weniger. Schulhauspflege- und abnutzung wäre eingedämmt, Ausbauten vielelicht nicht nötig, öffentliche Haushalte würden geschont.  Die Präsenzpflicht würde um eine Online-Präsenzpflicht erfüllt. In Sonderfällen könnten Schüler:innen sogar komplett ihre Schulpflicht zu Hause erfüllen. Sozialarbeiter:innen und Lehrer:innen könnten die Umstände daheim verifizieren, dort, wo es schwierig wäre oder schwierig ist, auf einer Präsenzpflicht bestehen oder Räumlichkeiten im Schulhaus oder Jugendzentren bereitstellen. Wer mit seinen Kindern ein Jahr auf eine Reise gehen möchte – könnte das tun. Es müsste nur gewährleistet sein, dass zu den regulären Unterrichtszeiten dsa jeweilige Kind online ist.

Wenn man dazu noch die Lehrpläne individualisiert – also Wissensziele innerhalb bestimmter Zeitspannen festlegt, könnte sogar von starren Ferienregelungen abgewichen werden. Lehrer:innen wären ganzjährig mit regulären Stundentafeln an der Schule oder im Homeoffice mit gesetzlichem Urlaub. Arbeitszeiten der Eltern könnten sich dem Lernrhythmus der Kinder anpassen – anstatt strikter Schulzeiten.

Schneller lernen oder langsamer Lernen wäre möglich – Sitzenbleiben könnte abgeschafft werden, am Ende sogar das Festhalten an Jahrgangsstufen. Jede:r lernt in seinem:ihrem Tempo und kommt inidivuell zum ZIel. Man kann die Prüfungen ablegen, wenn man soweit ist – nicht, wenn man X Jahre lang ein bestimmtes Fach belegt hat. Es bräuchte keine „Hochbegabten“ mehr, keine Sonderschulen – sondern nur noch individuelles Lernen. Alle Schüler:innen würden von einem Team begleitet, das auch Ergo, Physio- und Logopädie umfasst, Sozialarbeiter:innen stellen Handlungsbedarfe fest. Vereinssport kann – in ausreichendem Maße – Schulsport ersetzen.

Ich könnte mir noch viel mehr vorstellen. Viel weitergehende Änderungen und  Erweiterungen. Aber es wäre wichtig, dass jetzt die Gelder aus dem Digitalpaket in die digitale Schule investiert werden – und nicht banal in IT-Ausstattungen der Schulen oder Tablets für Alle – mit denen dann klassische Arbeitsblätter ausgefüllt werden. Und natürlich gelten diese Handreichungen für alle, die es eben nciht gerade so können.

Schule @daheim – jeden Tag. Eine gute Utopie.

Coronazeiten

Die dritte Woche beginnt Morgen, am 6. April 2020. Meine dritte Woche in 99% Kurzarbeit. Die Gehaltsabrechnung ist in dieser Woche per Post gekommen, noch sind die Auswirkungen der Kurzarbeit – für mich ab 21. März – finanziell überschaubar. Ich habe mir gerade noch rechtzeitig einen Aushilfsjob gesucht, die Absagen von Patienten in der Ergotherapiepraxis meiner Frau sind noch überschaubar und wir hoffen so, gemeinsam einigermaßen gut durch diese Zeiten zu kommen. Existenznöte – noch sind sie nicht wirklich nötig. Noch können wir darüber sinnieren, dass und wann wir den Pfingsturlaub auf die großen Ferien verschieben.

Mein Lebensrhythmus hat sich verschoben – bisher stand ich früh um 3 Uhr auf, wachte fast immer von alleine auf – jetzt brauche ich den Wecker, um um 7 Uhr aufzustehen.  Auch die Kinder brauchen einen Takt, den ich vorzugeben habe. Wir haben keinen hübschen Tagesplan – ich strukturiere manuell. Der Jüngere hat Schulaufgaben, der Größere sucht gerade einen neuen Weg. Dreimal die Woche hab ich ab 18 Uhr den erwähnten Nebenjob – Regale einräumen bei REWE – das wirft den Tag nochmal ganz anders durcheinander, weil meine Frau nicht immer um 18 Uhr Feierabend hat.  Ich muss vorkochen oder was Fertiges in den Kühlschrank oder auf den Herd stellen. Und nicht alles, was Pubertierende in ihren Zimmern machen, hat derzeit mit Schule zu tun.

Die Tage sind kürzer geworden. Anders. Voller und leerer, gefüllt mit neuen und alten Dingen. Ich lese tagsüber. Schaue fern. Ich arbeite in einem Supermarkt und fülle Dinge in Regale, die ich nie kaufen würde, bei denen mir schon die Existenz des Produkts massives Kopfschütteln hervorruft. Wusstet Ihr, wie viele „Fix-Produkte“ es gibt? Es ist schier unglaublich, wie trotz diverser Rezepteseiten im Netz Leute Essen nicht mehr herstellen können, wenn Sie nicht den Inhalt eines Beutels mit Gewürz und Farbstoff in einen halben Liter Wasser werden können.  Und meine „richtige“ Arbeit fehlt mir.

Mein Onkel, mit dem wir noch Vaters Geburtstag im März zusammen gesessen haben und über Patientenverfügungen diskutiert haben,  ist an Corona gestorben, seine Frau liegt damit im Krankenhaus und wir sorgen uns alle um sie. Und natürlich sorgen wir uns um uns. Im Supermarkt bin ich vielen Kontakten ausgesetzt und nicht jede_r Kund_in weicht zur Seite. Zum Glück wird es nach 19 Uhr ruhiger. Meine Frau kommt in viele Haushalte und in Pflegeheime bei Hausbesuchen – auch da ist sie einem erhöhten Risiko ausgesetzt. Schutzkleidung ist für sie nur schwer und mit erheblichen Kosten zu besorgen. Und die Unsicherheit, wie lange sie noch arbeiten darf – aktuell solange es medizinisch nötig ist, also ein Rezept vorliegt – treibt uns um. Nicht wegen der Einnahmen – sondern wegen der Frage, was dann mit ihren Patienten wird, wenn sie nicht hinkommen darf. Denn natürlich kann sie in personell nicht adäquat ausgestatteten Pflegeheimen nicht nur therapeutisch arbeiten – sondern auch pflegerisch, wenn nötig.  Natürlich ist der Hausbesuch in manchen Haushalten eine willkommene Abwechslung, wenn man nicht mehr rauskommt und die polnische „Haushaltshilfe“ schlecht deutsch spricht und versteht.

Meine Eltern bleiben zu Hause – ich gehe einkaufen. Nach 35 Jahren wieder die Nachfrage: Mutti, es gab keine 6er Kaffeefilter – brauchst du dringend welche oder reicht es auch, wenn du erst nächste Woche welche hast? Klopapier ist zum Glück bei uns nirgendwo ein Problem – im Notfall weiß ich, wo ich welches bekomme. Aber schon der Gedanke an die Aussicht, keines zu bekommen und dann auf der Schüssel sitzend keines zu haben,  ist entwürdigend. Deshalb hamstern auch viele Leute.

Währenddessen treibt einen die Frage um, was an all diesen Grundrechteeingriffen gerechtfertigt ist. Und man sieht natürlich die Blüten, die Übereifrige treiben. Sieht die Gefahr, dass nicht alle Maßnahmen zurückgenommen werden, die Probleme beim Datenschutz, die Frage, wie weit ist diese Gesellschaft bereit zu gehen, um die Gefahr für die Gesundheit abzuwehren – und was bekommen wir an Rechten frewillig zurück und was müssen wir uns zurück erkämpfen. Ab wann ist Kritik gerechtfertigt? Wann kann und wann will sie gehört werden? Ich erlebe gerade in den Sozialen Medien viele Leute, die gar nicht darüber nachdenken wollen, dass die Maßnahmen der Regierung, der Kreis und Gemeinden nicht gerechtfertigt sein könnten. Von Verwaltungen mal ganz abgesehen.

Vieles ist anders. Und doch sind meine, unsere Probleme First-World-Probleme. Die Wahrscheinlichkeit, hier, im reichen Westen und im weißen Mittelstand zu überleben, ist höher als anderswo.  Das Gesundheitssystem ist nicht auf eine Pandemie vorbereitet – aber irgendwie machen wir das Beste draus und noch fühle ich mich noch nicht unsicher. Ja, es gibt Missstände in Pflegeheimen , noch mehr als schon bekannt. Viele andere Dinge werden offenbar – zum Beispiel, dass geschlossene Grenzen illegale Beschäftigung von Pflegenden aus Osteuropa in Haushalten behindern. Und dass wir dies seit so vielen Jahren hinnehmen. Inklusive der Steuerhinterziehung.

In meinem Kopf ist ein Kaleidoskop an Dingen, Gedanken, Ideen und Sichtweisen zu dieser Krise, ihren Folgen und den gesellschaftlichen Ursachen für die Missstände. Zu den nötigen Maßnahmen und wo überzogen wird (der Austräger des kostenlosen Werbeblattes hier im Ort wurde belehrt,dass er ohne Genehmigung das Blättchen nicht verteilen darf – was schlicht nicht wahr ist) und wo das alles hinführen wird. Es verändert sich alles nahezu täglich, wir schwanken zwischen Optimismus, dem Versuch,Normalität herzustellen und der Sorge, dass im nahen Umfeld Menschen erkranken – oder gar wir selbst.

Wir werden lange an diese Tage zurückdenken und was sie verändert haben. Wir müssen aber alle darauf achten, dass wir die Veränderungen mitgestalten können. Ein einfaches „Weiter so“ kann es hinterher nicht geben. Dazu ist zu viel offensichtlich geworden.

Karneval in Malsch ist leider auch Verschwörungstheorie

Ich sag es nochmal vorweg und deutlich:

Der Karneval in Malsch ist nicht nur – aber darf auch Witze von einem, der islamophob, antisemitisch und rassistisch ist nutzen – und im aktuellen Fall eine politische Verschwörungshteorie beinhaltet. Und der Vorstand sieht keinen Grund zur Selbstkritik – sondern bleibt dabei: Witze dürfen von einem einschlägig bekannten islamophoben, antisemitischen und rassistischen Karikaturisten kommen.

Was ist geschehen?

In der Faschingszeit veröffentlicht die GroKaGe ihre Heft Pflugschar – in dem sie den Verein vorstellt, dazwischen Geschichten von und mit Malscher Bürger_innen veröffentlicht, die sie lustig finden (naja) und dort werden eine Reihe von Bilderwitzen veröffentlicht.

Darunter war in diesem Jahr einer, der es in sich hatte:

Auf dem Bild zu sehen: eine  Aussage des Karikaturisten Widenroth, der einschlägig als islamophob, antisemitisch und rassistisch bekannt ist, zum Klimawandel,.

Wie ich so bin, habe ich der GroKaGe eine Mail geschrieben und um eine Stellungnahme gebeten. Diese kam heute Nachmittag. Da sie in meinen Augen unzureichend ist, veröffentliche ich den kompletten Vorgang.

Ich schrieb mit Verteiler GroKaGe, örtliche Presse und Bürgermeister:

Offener Brief an die GroKaGe Malsch:

Werte Grokage Malsch, in der aktuellen „Pflugschar“ findet sich ein Bilderwitz, der an und für sich harmlos wäre – wäre da nicht die in deutschen Farben eingefärbte Lügennase mit dem fiktiven Ministerium für Umweltwahrheit. Die Anspielung ist natürlich auf „1984“ gemünzt und dem Ministerium für Wahrheit, dass mit „Neusprech“ die Bürger des fiktiven Staates „Ozeanien“ manipuliert.

Impliziert wird mit der Veröffentlichung dieser Karikatur, dass der menschengemachte Klimawandel nicht stattfände und wir alle manipuliert würden – schließlich wäre es ja weiterhin sehr kalt. Alleine dieser Winter zeigt, dass dem nicht so ist.

Aber davon abgesehen, bedient die Grokage damit einen Narrativ, wie er auch in der rechtspopulistischen Szene bedient wird. Folgerichtig findet man diese Karikatur auch z. B. auf der Seite des EIKE-Instituts, einer Vereinigung, die den Klimawandel leugnet und die mindestens AfD-nah ist (AfD-Vertreter im Vorstand). Und auch der indirekt erhobene Vorwurf, beim menschengemachten Klimawandel handele es sich um eine Lüge, findet man vor allem in diesen Kreisen. So lancieren Sie ein rechte Verschwörungstheorie. Wohin uns rechte Verschwörungstheorien führen, hat uns uns der Schmutzige Donnerstag in Hanau gezeigt.

Der Karikaturist Wiedenroth, von dem diese Karikatur stammt, ist bekannt dafür,dass viele seiner Werke von Kritikern etwa als islamophob, antisemitisch und rassistisch angesehen werden. Ich habe an die GroKaGe Malsch keinesfalls den Anspruch einer Endredaktion wie es eine Zeitung oder ein Magazin hätte. Aber ein wenig Recherche über das, was man veröffentlicht, hielte ich schon für selbstverständlich. Wiedenroth ist einschlägig bekannt als Haus- und Hofkarrikaturist der Rechten. An der Flensburger Hochschule wurde eine Ausstellung des Karikaturisten abgesagt mit folgender Begründung: Die Flensburger Hochschule begründete ihre Absage der Ausstellung, zu der auch eine einstündige Veranstaltung zum Thema „Politische Karikatur“ geplant war, in einer Stellungnahme gegenüber shz.de: „Die für den 16. Mai angekündigte einwöchige Ausstellung des Karikaturisten Götz Wiedenroth im Modul 1 der Europa-Universität Flensburg wird nicht stattfinden. An der Europa-Universität, die sich in ihrem Leitbild auf „Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit und Vielfalt“ verpflichtet hat, gibt es keinen Raum für antisemitische, fremden-, frauen- und islamfeindliche Inhalte. Die Karikaturen von Götz Wiedenroth machen sich für Positionen stark, die an der EUF keine Heimat haben; die Universität ist nicht bereit, diese Positionen durch eine Ausstellung zu unterstützen.“ – Quelle: <https://www.shz.de/16715226> https://www.shz.de/16715226 ©2020 Seine Reaktion darauf, die Sie auch im Internet finden, spricht eindeutig die Sprache der Neuen Rechten.

Angesichts Ihrer großen Jugendarbeit ist die Verbreitung von rechten Verschwörungstheorien durch Sie sehr bedenklich.

Ich bitte Sie um eine Stellungnahme.

Die Reaktion darauf:

Helau Herr Rupp,

es freut uns, dass Sie unsere Narrenzeitschrift lesen. Der Sinn und Zweck unserer Narrenzeitschrift „Die Pflugschar“ ist es, einmal im Jahr mit lustigen Geschichten aus dem Ortsgeschehen für Kurzweil bei den Lesern zu sorgen. Zusätzlich stellen wir alle unsere Aktiven vor. Wie Sie richtig erkannt haben, handelt es sich um einen „Bilderwitz“. Es ist ein Lückenfüller, kein politisches Statement!

Mit närrischen Grüßen und 3 x Helau Große Karnevalsgesellschaft Malsch e. V.

Da kann man nur fragen: wenn dies „Humor“ in den Augen der GrokaGe ist – wer hat ihn lanciert und eingebracht und warum ist man nicht in der Lage, in einer einfachen Reaktion zu sagen: tut uns leid, da ist uns was passiert?  Und mit welchen Inhalten und „Humor“ werden die Kinder aus Malsch sonst noch konfrontiert, wenn sie dorthin gehen?

Mit Humor hat dies alles nichts zu tun, mit Karneval schon gar nicht. In Malsch ist man offensichtlich bereit,  die Positionen –  in diesem Fall die einer Verschwörung der Bundesregierung gegen die Bürger_innen – , für die sich Wiedenroth stark macht, durch eine Veröffentlichung zu unterstützen. Und das ist ja auch ein Statement.

Freitags gegen Altersarmut – Mahnwache Karlsruhe

Für heute, den 24. Januar 2020 hat bundesweit die Bewegung „Fridays gegen Altersarmut“ in vielen Städten sogenannte Mahnwachen abgehalten. Der Karlsruher Ableger wurde von einem „Latsche Yalcin“  angemeldet, zeitweise war Michael Pfahler Mitadministrator der zugehörigen Facebookgruppe, nachdem aber aufgedeckt wurde, dass dieser für die AfD im Kommunalwahlkmapf kandidiert hatte, war er das sehr schnell wieder nicht mehr.

Ich habe die Facebookgruppe besucht und versucht, dort mit den Leuten zu diskutieren – nachdem sie sehr erregt auf die Hinweise von Ver.di reagiert hatten, das die Gruppierung rechts unterwandert sei. Auch das Karlsruher Netzwerk gegen rechts, deren FB-Präsenz ich noch immer betreue, veröffentlichte entsprechende Recherchen.

Schon in den Facebookdiskussionen wurde deutlich, wer sich da organisierte. Ich recherchierte in den offenen Facebookprofilen, die bei ca. 25% der von mir überprüften Profile rechte Likes, unter anderem für die AfD, einmal für die NPD, rechtspopulistischen Portalen wie „Hallo Meinung“ oder „journalistenwatch“ und anderen, einschlägigen Seiten. Die AfD, die Kleinspartei „Die Rechte“ und andere mobilierten für diesen Freitag.

Yalcin selbst bezeichnet sich als „nicht rechts“; sieht aber auch keinen Anlass, sich gegen rechte Vereinahmung zu wehren, sich von Rechten wie Michael Pfahler zu distanzieren, Rechten deutlich zu machen, dass sie auf seiner Veranstaltung nicht willkommen seien. Er nimmt billigend in Kauf, dass diese Leute auf seiner Veranstaltung präsent sind.

Also fand sich heute eine kleine Gruppe Antifaschisten, die diese Veranstaltung besuchte. Es war eine kleine Veranstaltung, der SWR berichtet von rund 60 Leuten – ich hätte auf höchstens 50 geschätzt. Allerdings hatte der Veranstalter 200 Leute angemeldet.

Wir mischten uns friedlich unter die Leute, verteilten eigene Flugblätter, in denen vor rechter Unterwanderung gewarnt wurde und erklärt wurde, warum es wichtig ist, diese zu erkennen. Die Flugblätter fanden Abnehmer, bis der Veranstalter die Verteilung untersagte.

Zu Beginn wurden – um den multinationalen Charakter zu betonen – Flaggen mehrerer Nationen verteilt – deutsche, italienische, russische, türkische Fahnen. Am Ende waren praktisch nur deutsche Fahnen zu sehen

Reden wurden keine gehalten, der Veranstalter begrüßte lediglich die Teilnehmenden. Als ich direkt neben dem Infotisch stand, hörte ich, wie sich drei Damen unterhielten. Dass Deutschland doch immer noch Schuld habe und wie andere Länder doch auch schuldig wären, was die nicht alles getan hätten. Mein Einwurf, dass dies wohl Holocaustverharmlosung wäre und ob das ihr ernst wäre und ob sie nicht wisse, was passiert sei –  wurde mit „was der Ami in Vietnam getan hat“ entgegnet. Leider konnte die Diskussion nicht zu Ende geführt werden, weil mein Lieblingspolizist eingriff, mich aufforderte, nicht länger zu provozieren, da er mir ansonsten einen Platzverweis erteilen würde. Mein Einwurf, dass man der Verharmlosung des Holocausts immer entgegen treten müsse und ob er wohl fände, dass ich dies nicht tun solle – und ob das zitierfähig sei – begegnete er mit Schweigen – aber ich konnte zurück in die Veranstaltung.

Der Veranstalter nahm den Hinweis überheblich auf, verwies darauf, das an andere Stelle das Gegenteil diskutiert würde, was als Schutzbehauptung anzusehen war, zumal er auch meinte, was er denn tun solle. An anderer Stelle würde vielleicht über Kindesmissbrauch gesprochen, da könne er auch nichts dagegen tun. Mein Hinweis, dass man Rechte ausschließen könne und sie auffordern, nicht teilzunehmen, versuchte er, ins Lächerliche zu ziehen. Einer der Teilnehmenden warf ein, dass „Rechte wenigstens ihr Land lieben würden“ – was er einfach so stehen ließ – und nannte mich einen „Speichellecker“ – auch das unkommentiert vom Veranstalter.  Darüber hinaus bestätigte Yalcin, dass er beim Fähnchenverteilen davon ausgegangen war, dass vor allem deutsche Fahnen verwendet würden. Damit dürfte klar sein, welcher Art seine Veranstaltung sein sollte. Ein weiterer Teilnehmer, der gegen Altersarmut war, fand, dass es aber schon einen Niedriglohnseltor geben müsse.

Schlüssige Konzepte fand man auf den verteilten Flugblättern der Gruppe keine, außerdem fehlte der ViSDP – lediglich eine anonyme Mailadresse wurde angegeben.

Man muss konstatieren, dass einige der Teilnehmenden wohl kein Bewusstsein dafür haben, dass Veranstaltungen von Rechten genutzt werden, um Bürgerlichkeit vortäuschen zu können oder Leute zu rekrutieren oder schlicht auch ihre Inhalte unterzubringen. Es waren sicher Leute dabei, denen es um das Thema „Altersarmut“ ging. Das darüber hinaus aber rechte und rechtsextreme Positionen bis hin zur Holocaustverharmlosung geäußert wurden, machte deutlich, dass die Unterwanderung ein Fakt ist, Thema, Aufruf und Art der Mahnwachen das entsprechende Klientel anzieht. Es beruhigt allenfalls, dass die Resonanz schlecht war.Im Nachgang werden im FB-Forum auch Links auf rechte Berichterstattung verlinkt und geliked.

Die BNN berichten heute, ohne auf die Hintergründe der rechten Teilnehmer*innen einzugehen.

Fazit: es war so, wie erwartet – am Ende war es eine rechte Veranstaltung, sosehr man sich auch Mühe gab, das zu kaschieren.

Kurzer Ausflug nach Rastatt:

Dort stolperte ich heute Morgen über folgenden Facebook-Beitrag

und siehe da: