Blick zurück nach vorn

Mit einem politisch-persönlichen Knaller endet das Jahr 2012 für mich. Wenn man Solidarität bekundet und man feststellen muss, dass diese Solidarität falsch angebracht war – dann fragt man sich doch, ob man (also ich!)  zukünftig nicht etwas vorsichtiger sein muss – denn in diesem Fall hat das die Schlagkraft, dass man selbst dabei beschädigt wird: Ulf Dunkel ist grüner Landtagskandidat in Cloppenburg und Gegner der Beschneidung männlicher Säuglinge und äußert sich nicht nur mit einem nicht gelungenen Gedicht, sondern dann auch noch dann irgendwann dazwischen – ich habe es nicht gesehen und auch nicht glauben wollen – eindeutig in der Sprache der Antisemiten („irgendwann ist Schluss mit der Erbsünde“ – nicht ohne vorher noch Bezug auf die deutsch-israelischen Verträge genommen zu haben. Der Screenshot liegt mir vor). Ich bin selbst gegen die Beschneidung (hier männlicher) Säuglinge und kann nachvollziehen, dass die Debatte in ihrer Emotionalität auch manch unbedachte Äußerung nach sich zieht – aber da ist jede Solidarität fehl am Platze.

Ein solches Thema braucht einen angemessenen Umgang

schrieb ich schon im Juli dazu – und mit der Sprache der Antisemiten ist nicht nur dem Anliegen geschadet, sondern auch genau das eingetroffen, was viele befürchtet haben. Da gibts nur eins für Ulf: Rück- und Austritt. Was nichts daran ändert, dass ich bei meiner Haltung bleibe, dass dieses Ritual gesetzlich untersagt werden muss.

Um es zu verdeutlichen, da mir von interessierter Seite her anderes unterstellt wird: Ulfs Aussagen sind nicht angemessen und eindeutig antisemitisch. Das geht nicht und daher kann ich nicht länger loyal sein. Hätte ich seine Aussagen vom Oktober vorher gekannt, wäre eine Loyalitätserklärung nie möglich gewesen.

Für mich selbst bleibt dabei die Frage nach der Solidarität. Ich möchte nicht vorsichtiger werden, finde ich doch viel zu oft, dass in der Politik zu wenig Solidarität geübt wird. Aber auch ich muss wohl anfangen, einmal mehr zu überlegen, bevor ich mich öffentlich erkläre. Schade drum. Das gefällt mir nicht.

Und vielleicht auch hier verdeutlicht: ich glaube an das Gute in Menschen. Das mag naiv sein – aber in erster Linie ist mir das wichtig – ebenso wie eine positive Grundhaltung. Daher gefällt es mir nicht – meine Lehre daraus ist aber für die Zukunft, vorsichtiger zu sein – weil man sich in Menschen irren kann – was mir hier passiert ist.

Aber der Rückblick steht ja auch an. Ich hab Facebook genutzt und mal zurückgeschaut, zu was ich mich geäußert habe im Laufe des Jahres und was mir wichtig war.

Im Januar hab ich mich noch viel zu sehr mit den Piraten beschäftigt. Ich war in Berlin auf der „Wir haben es satt“ – Demo, hab passend dazu was gebloggt und mich mit Genderfragen geschäftigt. Mein wichtigster Zeitungslink war der auf das zu leicht zu übersehende Thema der Sexuellen Gewalt gegen Männer in Kriegen – ein viel zu oft vergessenes Thema. Und weil wir uns zum dritten Mal innerhalb von kurzer Zeit auf dem Gerichtswege wehren mussten, hat uns die Rechtschutzversicherung der Debeka gekündigt.

Im Februar war Klausur des neuen, vergrößerten Landesvorstandes. Wir haben vieles wichtiges besprochen – mir ist allerdings das vergrößerte Gremium zu wenig entscheidungsfreudig. Ein Vorsatz für 2013, mehr Stellung zu beziehen. Ich war zusammen mit meinem Sohn bei der Stopp-Acta-Demo in Stuttgart und als Redner bei der Demo in Aalen. Sehr beeindruckt hat mich mein Besuch in der JVA Bruchsal zusammen mit Jürgen Filius.

Im März  hab ich Geburtstag – und alterweise hab ich mich für einen falschen Blogbeitrag beim grünen Landesvorsitzenden Janeczek entschuldigt. Die Schleckerpleite stand in diesem Monat im Mittelpunkt, die mich mehrfach – auch beruflich – beschäftigt hat und natürlich die Frage, ob man Joachim Gauck als Bundespräsident haben möchte. Mein Nein zu Gauck hat er leider bestätigt. Am 11.03. waren wir (ganze Familie) in Neckarwestheim bei der Demo zum Jahrestag des Reaktorunglücks in Fukushima. Und eine Woche später hab ich im Saarland Wahlkampfhilfe geleistet. In Völklingen, ganz in der Nähe meiner alten Wohnung dort und dann noch ein bißchen in Saarbrücken. Und mir wichtig war auch mein Beitrag in der FAZ als Antwort auf den damaligen Bundesvorsitzenden Sebastian Nerz – imer noch ein guter Artikel,wie ich finde.

Der April war sicherlich ein durchwachsener Monat. Mit einem nur halb durchdachten Tweet morgens um halb sieben stehe ich plötzlich im Fokus eines taz-Redakteurs. Und obwohl es mir gelingt, die Sache klar zu stellen – zumindest im Blog und im direkten Umfeld, werd ich auch noch auf der LSK im Dezember darauf angesprochen. So ganz ist es mir nicht gelungen, die Deutungshoheit wieder zu gewinnen. Aber ich habe neben berechtigter Kritik auch viel Solidarität erfahren dürfen. Auch der Kopftuchstreit – mit ein Grund für manches Hindernis in meiner politischen „Karriere“ -ploppt immer wieder auf. Mein kleiner Sohn wird endlich 4 – er hat es kaum erwarten können.

Im Mai war ich auf der re:publica – ein immer wieder besonderes Ereignis. Für’s nächste Jahr muss ich mich allerdings etas besser vorbereiten. Die Kontext veröffentlicht einen Text zur Verbreitung der Atombombe durch die Forscher des (heute so genannten) KIT – ein Beleg für unser kritisches HInterfragen des Engagements der Forscher dort heute, auch in Fragen des ITU und der Zivilklausel, die mich das ganze Jahr über immer wieder beschäftigt. Die GRÜNEN Karlsruhe laden Ellen Esen zu einem Vortrag über die Neonaziszene in der Region ein – ein wichtiger Termin. Und Ende des Monats fahren wir in Urlaub.

Im Juni bin ich ziemlich sauer über die Basisdemokratie innerhalb der grünen Partei, wenn es um die Zustimmung zum Fiskalpakt geht. Es ist Landesausschuss im Heilbronner Niemandsland – und ich bewohne ein psychedelisches Hotel. Und auf meine Frage „was ist eigentlich aus „Kerstin aus Kalk“ geworden?“ habe ich bis heute keine Antwort gefunden.

Im Juli erscheint endlich das Buch „Die Maskulisten“ über die rechte Männerszene im Netz, zu dem ich einen Beitrag leisten konnte. In Karlsruhe reklamieren mehrere Menschen für sich, den Stadtslogan „breit gefächert“ erdacht zu haben – wo er doch so nahe liegt. Ich kam da auch drauf, aber diese Chuzpe ist manchmal schwer zu ertragen. Mit meinen Kindern entdecke ich endlich den Wildnispfad bei der Bühler Höhe und reise für 5 Wochen nach München – mein letzter Einsatz bei Lilalu, den ich aufgrund von Mobbing beende.

Im August passiert wenig, weil ich 7 Tage die Woche 11 Stunden arbeite. Die Kinder reisen für 14 Tage nach München und dürfen mitmachen. In Malsch bricht nach der Infoveranstaltung zu den Windrädern über die Sommerpause eine heftige Debatte los – die bis heute 4 Bürgerinitiaitven gegen und eine für Windkraft in Malsch hervorrufen – letztere durch meinen Impuls.

Der September kostet mich viel Kraft – ich wollte noch mal im Stammwahlkreis für den Bundestag nominiert werden, was leider nicht klappt. Ob es nicht ganz so schlimm ist, weil Danyal Bayaz sich dann auch auf der Landesliste durchsetzt, weiß ich noch nicht so genau. Ich werde im November in Rastatt/Baden-Baden nominiert. Ich freue mich auf den Wahlkampf. Der Sozialkongress in Bielefeld war eine gute Erfahrung – leider fehlte am Ende irgendwie die Zusammenfassung, sodass man nicht so richtig wissen konnte, was in den vielen Workshops debattiert worden war. Und in Baden-Würrteberg bricht die Debatte über das Alkoholverbot auf öffentlichen Plätzen neu los, nachdem sich der Ministerpräsident auf die Seite der Verbieter schlägt.

Im Oktober stand auch im Zeichen der Beschneidunsdebatte und ich schreibe Änderungsanträge für die BDK – auch zu diesem Thema. Fritz Kuhn wird OB inStuttgart, das Stuttgarter Rathaus wird bald zur Fritzbox  – der grüne Wandel in Baden-Württemberg verfestigt sich. Die BI in Malsch ist gegründet und ich verbringe viel Zeit damit, die Homepage zu erstellen. Ich wähle bei der Urwahl Trittin und Roth – weil ich keine Kirchenfrau an der Spitze haben möchte. Die Basis entscheidet sich anders. Wir waren schon wieder im Urlaub – dieses Mal auf der schwäbischen Alb.

Im November werde ich dann doch für den Bundestag als Direktkandidat nominiert – noch habe ich Hoffnung für die Listen-LDK. Politik bestimmt zunehmend Denken und Handeln. Es folgen BDK und am letzen des Monats die Listen-LDK. Die Flüchtlingsschwemme aus Mazdeonien undSErbien beschäftigt mich – Roma sind immer noch die Verfolgten Europas. Ich schreibe einen Leserbrief und bekomme mehrere, sehr unangehme, anonyme Briefe daraufhin – der Rassismus sitzt mitten in der Gesellschaft.

Der Dezember ist für mich zu Beginn ein politisches Debakel – es gelingt mir noch nicht einmal, einen Listenplatz zu erreichen. Doch auch hier erfahre ich viel Solidarität und Trost. Mir war es immer wichtig, noch etwas anderes machen zu können – und so gelingt es mir schon einen Tag später, wieder Pläne zu machen. Optimist durch und durch – hier sehr hilfreich. Die Fehleinschätzung über die Chancen ist es aber, die besonders weh tut – und ich beginne, mich neu zu sortieren. Mein Arbeitgeber stellt mich wieder fest an, Weihnachten, Geschenke kaufen steht an. Sylvia Kotting-Uhl lädt mich zu ihrer Geburtstagsfeier ein – ein wunderschönes Fest. Ich finde Zeit, mit meinen Söhnen ein längeres Gesrpäch über mich als Vater im Laufe der Jahre zu führen. Das muss weiter geführt werden, weil alles noch nicht klar geworden ist. Heute abend kommt ein alter Freund, der mir, als ich 2006 sehr verzeifelt war, geholfen hat, wieder eine Perspektive zu entwickeln. Der Kreis schließt sich.

Ein Jahr ist zu Ende, ein neues kommt. Ich wäre gerne nächstes Jahr MdB geworden, aber es soll wohl nicht sein. Ich habe einen tollen Job, eine Familie, alle sind gesund, die Praxis meiner Frau läuft gut, es geht uns gut. Eine solide Basis für nie nächsten Jahre, wie ich finde. Es wird schön werden – solange wir uns treu bleiben. Es wird Siege geben, Niederlagen, Streit und Versöhnung. Aber keinen Weltuntergang.

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7 Gedanken zu „Blick zurück nach vorn

  1. Tobias Raff

    Hallo Jörg,

    ich freue mich, dass Du die Sachlage im Fall Dunkel endlich eingesehen hast. Hierbei empfiehlt sich vielleicht nicht nur öfter zu überlegen, wem Du Solidarität bekundest, sondern auch, ob Kritik, die von außen kommt, nicht doch berechtigt ist. Austeilen kannst Du sehr gut Jörg, einstecken leider so gut wie gar nicht. Ich wünsche Dir und Deiner Familie einen guten Rutsch und ein schönes neues Jahr!

    Herzliche Grüße

    Tobias Raff

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    1. Jörg Rupp Beitragsautor

      Es ist ja leider so, dass Menschen wie Du gar nicht begreifen können, was Solidarität überhaupt ist. Du hast gar nicht verstanden, um was es geht.
      Aber trotzdem: auch Dir und Deiner Famile einen guten Start ins neue Jahr.

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  2. Pingback: Ulf Dunkel verliert Rückhalt « Tobias Raff – Blogger Autor Publizist

    1. Jörg Rupp Beitragsautor

      Und das sind genau die Aussagen, von denen ich am 31.12 Kenntnis erhalten habe und aufgrund derer ich mich entsolidarisiert habe. Und das mit allem Recht.

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      1. Tobias Raff

        Muss ich Dir jetzt schon Deinen eigenen Text vorlesen? Hier:
        „…dann fragt man sich doch, ob man (also ich!) zukünftig nicht etwas vorsichtiger sein muss – denn in diesem Fall hat das die Schlagkraft, dass man selbst dabei beschädigt wird.“
        Das einzige, das dieser Satz aussagt, ist, dass Du Dich von ihm distanzierst, damit Deine eigene Person nicht beschädigt wird. Über die, die er damit massiv beleidigt, verlierst Du nicht mal ne Silbe. Aber lassen wir das. Ich glaube nicht, dass Du das je verstehen wirst.

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        1. Jörg Rupp Beitragsautor

          Wie gesagt, Sie reißen gerne aus dem Zusammenhang. Aber gut, dass man das hier sehen kann.
          Aber einmal hüpf ich noch über Ihr Stöckchen: mein Grundhaltung – das macht mein Beitrag deutlich – ist soolidarisch gegenüber u. a. grünen Parteimitgliedern bzw. Menschen, von denen ich annehme, dass sie meine WErte im Großen und Ganzen mit mir teilen. Ich weiß, dass Ihnen eine solche Haltung als (Ex-)Pirat fremd ist. Wenn ich aber durch diese Grundhaltung, die ich für eine positive halte, durch fehlende Informationen beschädigt würde, dann ist das in meinen Augen die ganze Solidarität nicht wert. Denn Solidarität bedingt ja auch, dass auf der „anderen Seite“ eine faktische Unschuld im Sinne des Vorwurfs herrschte. Das ist im Fall Ulf Dunkels aber nicht gegeben – und das bedeutet für mich, dass ich auf so etwas zukünftig achte.
          Jeden weiteren Beitrag, in dem Sie mich duzen, werde ich löschen. Ich möchte mit Ihnen nicht per Du sein. Damit das ein für alle mal klar ist.

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