Archiv der Kategorie: alter Mann

ohne Amt und Mandat

Jetzt hab ich ne Nacht drüber geschlafen, über das Ergebnis dieser Wahl zum Gemeinderat in Malsch. Ich bin knapp nicht wiedergewählt worden . Auf der Erfolgswelle der Grünen ist unsere Fraktion gewachsen – und ich bin zukünftig nicht mehr dabei.

Ich bin dabei ein bisschen zwiegespalten. Man merkt es schon an den ersten Sätzen: es tut schon etwas weh – obwohl ich ja auch ein halbes Jahr überlegt habe, ob ich überhaupt noch einmal kandidieren möchte.

Denn einerseits bin ich ja oft zornig aus dem Gemeinderat nach Hause gekommen, oft vor allem nach dem, was im nichtöffentlichen Bereich geschehen ist. Andererseits hat die konkrete kommunale Politik auch Spaß gemacht. Und ich glaube, ich habe gute Arbeit geleistet, den Finger in Wunde gelegt, versucht, den Blick über das Ortsschild hinaus zu weiten.

Funfaktor dabei ist, dass ich auch nicht wieder hinein gewählt wurde, weil wir die Unechte Teilortswahl abgeschafft haben – wofür ich gekämpft habe. Mit ihr hätten wir sicher mindestens einen Platz mehr. Aber das ist nur ein Teilaspekt – ich wurde auch nicht wiedergewählt, weil meine Rebellion gegen das System, der „Titten-und-Beine“-Fehltritt, meine Festnahme bei den #Nokargida-Demonstrationen natürlich so gar nicht ins beschauliche Malsch passen. Und ich als zorniger Mann wahrgenommen werde, was selbstverständlich nicht so viele Sympathien schafft. Und meine eigene Wahrnehmung deckt sich durchaus damit. Manchmal höre ich den „Angry young man“ von Billy Joel in meinem Kopf und merke, dass es da durchaus Parallelen gibt.

Es gibt ja auch genügend Dinge, um zornig zu sein. Und ich verliere dabei oft innerlich – nicht immer nach außen sichtbar – die Geduld. Ich werde arrogant, spreche von oben herab oder mit einer solchen Wucht, dass ich meinen ehrlichen und oft richtigen Anliegen dabei manchmal auch noch schade.  Dass man nicht zuhören möchte – weil man muss.

Kann ich anders? Ich kann. Warum tue ich es dann nicht?

Weil ich mich innerlich radikalisiert habe. Dazu hat beigetragen, dass ich in den zweieinhalb Jahren #Nokargida in Karlsruhe mit der Ignoranz der Karlsruher Büger*innen und der Politik nur schlecht fertig geworden bin. Und so wurde ich auch im Gemeinderat ungeduldig und wuchtig, wenn die meines Erachtens schlechte Politik von der Mehrheit durchgesetzt wurde. Das fängt beim Vectoring an, hört nicht beim Umgang mit den Asylsuchenden auf, der Blockade einer Windmessung auf Malscher Gemarkung oder zuletzt der Kulturschmiede, der Umgang mit den Angestellten des Rathauses, der oft all dem widerspricht, wie ich selbst ein mehr als 30-köpfiges Team führe – mit großem Erfolg, auch mit schwierigen Charakteren.

Im Gegensatz zum „Angry young man“ bin ich ja kein junger Mann mehr – und ich kann es sehen. Ich kann es nur schwer ändern. Ganz sollte es auch nicht weg – aber weniger wäre gut.

Zurück zum Gemeinderat: die neue Fraktion ist weiblicher – und sie ist jünger. Das ist gut. Denn ich bin ja schon ein bisschen erschrocken, als mir klar wurde, dass ich nach dieser Legislatur 58 Jahre alt sein werde. Und daher ist es gut – dass ein junger Familienvater, der knapp 10 Jahre jünger ist als ich und eine junge Unternehmerin, die noch jünger ist, an mir „vorbeigewählt“ wurden.

Ich bin ziemlich sicher – wenn ich noch einmal kandidiere, dann als Listenfüller. Ich werde versuchen, meiner radikalen Ader so viel Futter zu geben, wie Extinction Rebellion möglich machen wird. Ich werde weiterhin Anti-Nazi-Demonstrationen meiden – es tut mir nicht gut. Das hab ich bei den Kandel-Demos gemerkt, bei denen ich anwesend war. Ich falle sofort in mein altes Muster zurück – Provokation pur, Wut, Hass. Aber ich werde immer radikal bleiben. Bereit, im Notfall einen Kompromiss zu machen – aber niemals den Kompromiss zum Ziel.

Ich werde versuchen, etwas Positives aufzubauen. Kommunal. Parents For Future habe ich aus demselben, ungeduldigem Hader „verlassen“. Keine Orga mehr, keine Auseinandersetzung über die Normalisierung der AfD (die auf der klimawahl-2019.eu auftaucht), keine mehr mit bürgerlichen Eltern, die sich an Antikapitalisten stören und sie dann auch noch „Antifa“ nennen. Natürlich werde ich an den Demos teilnehmen – aber ich werde mich „nach hinten“ begeben. Das wird mir schwer fallen, ich bin eine „Rampensau“ und genieße auch die Aufmerksamkeit, die man hat, wenn man irgendwie „vorne“ landet. Aber es wird besser für mich sein. Ich werde lernen, mich zurück zu nehmen.

Politik braucht einen anderen Stellenwert in meinem Leben. Ich spüre oft, dass ich mich über „normale“ Dinge kaum unterhalten kann. Alles ist politisch und Krankheiten sind langweilig und wieso soll ich ne halbe Stunde über meine Kinder reden? (etwas überspitzt formuliert). Welchen Sinn hat es, sich Fußball anzuschauen und sich noch ewig drüber zu unterhalten? Meine Langeweile ist auch Arroganz. Das muss ich loswerden. Bevor ich „And he’s fair and he’s true and he’s boring as hell“ werde.

Insofern ist alles gut. Der Schmerz ist schon fast vergangen. Die letzten Sitzungen des Gemeinderats werden bald vorbei sein und dann heißt es, den Blick nach vorne zu richten. Und anderen Aspekten meiner Persönlichkeit Raum zur Entwicklung zu geben. Einfach wird es nicht, aber ich weiß, dass es gut wird.  Ich möchte nicht länger nur als der „zornige alte Mann“ bekannt sein.

Das heißt nicht, dass ich aufhören werde Politik zu kritisieren, wo ich sie kritikwürdig halte. Aber auch andere Dinge sind wichtig. Das ich anfange, an grüner Politik in BW überwiegend positive Aspekte zu entdecken, ist allerdings eher nicht zu erwarten.

Männer im Zeitalter der Selbstoptimierung

Nein, ich möchte nicht den Blick von bodygeshamter Frauen auf Männer lenken, Frauen unsichtbar machen oder reale Probleme kleinreden. Ich möchte ergänzen. Ein wenig. Und einen Blick werfen auf Männerkörper jenseits der 30.

Blog Lvstprinzip

Blog Lvstprinzip

ist ein Blog über

„Sexfilme und Pornos, die auch Frauen und Paaren gefallen. Feministische Pornografie, Queer Porn, Fairtrade Porn, Slow Porn, Indie Porn.“

Ich bin darüber gestolpert, als ich auf einen Link bei Twitter geklickt hatte, den die Julia gepostet hatte. Julia hat oft sehr interessante Links in eine Blogwelt, die so gar nichts mit meiner politischen, manchmal voller Wut verfassten Blogwelt zu tun hat. Also las ich.

Und blieb ungefähr hier hängen:

Weil ihr meinen Körper, der alles für mich tut, als einen Konjunktiv seht. Wo grundsätzlich ja noch nicht alles verloren ist. Da könnte man ja auch echt noch viel machen. Also, so mit ein bisschen Sport…

Ich bin keine

Frau von knapp 30 und 1,80 die sich mit ihrer bundesdurchschnittsdeutschen Größe 40/42 einfach mal erdreistet, nicht komplett unglücklich zu sein.

Ich bin ein Mann, gerade mal 50, 1,76 groß, der sich mit Hosen Größe 34 und Shirts in zwischenzeitlich eher XL übertrieben gesagt noch vor die Tür traut. Ich wiege 90 Kilo, das ist 15 kg mehr, als ich jemals wiegen wollte.

Mein Köpergefühl ist ungefähr bei

ungefähr 1988

 1988

 

 

 

 

in der Realität dagegen ist es anders:

ka300

2015

Und es ist nicht nur das „ich sehe aus wie mein Vater“-Gefühl und den Bauch spüren, die zunehmende Unbeweglichkeit, weniger Kondition. Ich bin konfrontiert mit einer Welt, in der auch der Mann um die 50 noch fit und schlank ist.

Ich trinke gern Bier, ich esse gern Chips, ich esse gerne Wurstbrot. Ich bewege mich zu wenig.

2016-10-07-09-24-00

All das weiß ich. Im Grunde genommen weiß ich auch, dass ich eine Veranlagung habe – und die zu bekämpfen, mich viel kosten würde. Ich kenne ausreichend Kommentare, die sich über meinen Bauch, naja, mein bisschen Übergewicht lustig machen. Wenn das aus dem direkten Umfeld kommt – dann trifft es mich. Und ich sehe mich ja auch. Vor dem Spiegel, nackt, in Badehosen auf Urlaubsbildern. Ich stelle fest, wie es ist und kann es nicht überwinden. Ich gehe zwar gerne ins Schwimmbad – aber zwischenzeitlich vermeide ich es. Oder ich sitze lange im Schatten und habe ein weites Shirt zur Badehose an. Die Idee, einfach „oben ohne“ auf die Straße gehen zu können – hab ich nicht mehr.

Ich kämpfe mit der Idee, mit FDH abzunehmen – und wenn ich dann ne Woche lang weniger Fett gegessen habe, schleiche ich 3 Tage lang um den Kühlschrank, haue mir dann abends um 22 Uhr eine Dose Griebenwurst und Zwiebeln in die Pfanne und esse die mit 2 Scheiben Brot weg.

Ich mache – wie aktuell – eine Bier und Chips-Pause. Damit vergewissere ich mich in erster Linie, dass ich zwar regelmäßig Alkohol trinken kann – aber kein Alkoholproblem habe.  Und mit den Chips geht das auch immer ne Weile gut – bis ich dann irgendwann im Supermarkt steht und mir sage: naja – mit den Kindern heute Abend einen Film streamen und dazu was zu knabbern – und hastenichtgesehen hab ich wieder erste ne Tüte gekauft und dann nen Karton Salt & Vinegar-Chips bestellt. Die 5 Kilo, die dann grade weg waren, sind ruckzuck wieder da – kann ich am Gürtel beobachten.

Ich führe Selbstgespräche, schimpfe mit mir, ärgere mich, denke „daskanndochnnichtsoschwerseinanderekönnendasdochauch“

und scheitere nicht nur regelmäßig, sondern auch mit zunehmender Tendenz. Seit ich das Rauchen aufgegeben habe – im Sommer 2002 – habe ich im Schnitt ungefähr jedes Jahr ein Kilo zugenommen.

Meine Frau findet das alles nicht so tragisch, lobt mich aber, wenn ich weniger aussehe:

„Man sieht immer gleich, wenn du mal kein Bier und Chips zu Dir nimmst“.

Stimmt. Und dann frag ich mich wieder: warum nur? Lese Frauentexte zu Körperlichkeit, weil es die Männertexte dazu nicht gibt. Wenn, dann gibt es entweder ganz dicke Männertexte oder welche über Diäten. Schäme mich, geniere mich. Esse Wurstbrote, mache vegetarische Tage, hoffe auf einen Automatismus, der das da unten wieder wegmacht, gehe ins Fitnessstudio, blicke neidisch auf andere Männer, die das irgendwie gut im Griff haben  – nur ich schaff es nicht. Der einzige Lichtblick sind Männer in meinem Alter, die noch dicker sind.

Immer wenn ich denke, ich bin dick, treff ich einen, der noch dicker ist.

Da kann man sich wenigstens auf seinen 90 ausruhen und hoffen, dass es keine 92 werden. Und weiterhin denken, dass man was falsch macht. Falsch ist. Ich bin glücklich verheiratet – aber ich will doch trotzdem noch attraktiv sein!

Ich mag mich. Mag, dass ich auch mit 50 noch über einen Kletterparcours komme. Dass ich beim 24-h-Lauf für Kinderrechte auch noch einige Runden mitrennen kann – wenn auch etwas langsamer. Ich mag mich und meine Energie, meinen Zorn, meinen politischen Instinkt und meine Geradlinigkeit, meinen Mut, meine Frau, meine Kinder und dass ich in der Lage bin, mich immer wieder neu zu erfinden, dass ich optimistisch  bin und dass ich Menschen mag.

Aber wenn ich mich anschaue, sehe ich halt einen dicklichen, mittelalten weißen Mann. Damit klarzukommen – das ist eine Heidenarbeit. Nicht mit mittelalt und weiß – sondern mit dicklich.

Und was mach ich jetzt mit diesem Text?

Ich lass ihn mal stehen. Und veröffentliche ihn. Was schwieriger ist, als ich dachte. Und hoffe mal, dass sich andere melden, denen es auch so geht. Und mich nicht zu viele auslachen.

Man(n) ist ja nicht gerne alleine.

Blog umbenannt – auf zu neuen Ufern?!

Auf Anraten von Chris Kühn habe ich Anfang 2015 meinen Blog umbenannt. „Grün p(p)uR“ erschien nach dem Suding (FDP)-Zitat unpassend und man riet mir, ein paar Signale zu senden, dass ich „verstanden“ habe. „Grün pur“ war auch so verstanden worden, dass ich meinte, die alleinige Wahrheit gepachtet zu haben (nö, aber ich weiß, dass ich zu oft so formuliere, als wäre dem so). Man legte Maß an mich an – was richtig war. Die Provokation war unpassend geworden, nachdem ich verbal so daneben gehauen hatte.

Für anderthalb Jahre hieß das Blog jetzt schlicht „Jörg Rupps Blog“, ein Blog für Malsch, Karlsruhe und die ganze Welt, weil es ein politisches Blog war – und auch weiterhin sein wird. Ich beschäftige mich ja vor allem mit Blogschreiben, weil es ein Ventil ist für das, was mich politisch beschäftigt. Die GRÜNEN, nach wie vor, Politik allgemein, die Nazis nicht nur in Karlsruhe, der Gemeinderat in Malsch, jetzt neu „JETZT!ANFANGEN“.

Manchmal hatte ich hier persönliche Dinge veröffentlicht – aber irgendwie passte das nie zum Rest. Ein neues Blog eröffnen und dann zwei führen – ich habe die Befürchtung, ich würde dann beiden nicht mehr gerecht. Es ist ja auch nicht so, dass ich Texte schrieb, die journalistischen Ansprüchen genügten oder super gut wären. Die Illusion habe und hatte ich nicht. Ich schreibe, wie mir „der Schnabel gewachsen“ ist, aus meiner persönlichen Sicht und oft genug überlese ich Tippfehler und entdecke sie erst beim vierten Mal drüber lesen. Ich bin textaffin, selbst wenn ich male, male ich am liebsten Text.

Textmalerei

Textmalerei

Aber in mir steckt auch der Mensch Jörg. Der Mensch, der erkannt sein will. Der Mensch, der Dinge erlebt und fühlt, der eine Sicht auf die Dinge hat, die man mit dem Hobby-Politiker nicht in Verbindung bringt. Es gibt Aspekte, die ebenfalls nach außen wollen. In der weiten Debatte um Gender steckt zum Beispiel immer noch der Männerrechtler, der mal versucht hat, Vaetergruen zu betreiben. Der Titel „nichts unversucht“ soll auch zeigen, dass die Biografie auf dieser Seite genau etwas ähnliches aufweist – selbstverständlich gibt es viele Dinge, die ich nie versucht habe und auch nie versuchen werde. Aber auf meinem Weg habe ich mich immer wieder neu erfinden müssen – im Rahmen meiner Möglichkeiten habe ich vieles nicht unversucht gelassen. Und wer weiß, worauf ich mich noch einlassen werde.

Der „mittelalte, weiße Mann“ ist ein Hinweis darauf, dass auch Genderaspekte aus meiner Sicht thematisiert werden können. Und dieser Text hier ist der Aufruf an mich, mutig zu sein. Es werden hier keine großen Geheimnisse gelüftet werden, keine Angst, mein Sexualleben wird (vermutlich) völlig außen vor bleiben. Aber manchmal brauchen auch noch so gute Texte eine Ergänzung. Dieser wirklich gute Text war der Anlass für mich (ich lese regelmäßig durch verschiedenste Blogs) , darüber nachzudenken, wie das für einen mittelalten (50 – gilt das noch als mittelalt?), untrainierten, weißen Mann ist, in einer Welt, in der das männliche Leitbild der dreißigjährige, selbstoptimierte Modelltyp ist, der mindestens einmal im Jahr einen Halbmarathon läuft. Ich wollte (und werde) einen Text dazu schreiben – aber unter dem bisherigen Titel erschien mir das unpassend. Und wie gesagt – ein extra Blog?

Also, auf zu neuen Ufern. Mal sehen, ob es mir gelingt.