Archiv der Kategorie: Baden-Württemberg

Die CSU singt der CDU die Wacht am Rhein

(wer’s nicht weiß – das ist eine Redewendung dafür, jemanden ein Ultimatum anzusagen, basierend auf dem bekannten nationalistischen Volkslied „Die Wacht am Rhein“)

Die größtmögliche Konfrontation legt sich lähmend über das Deutschland. Ein halbes Jahr hat die Regierungsbildung seit der Bundestagswahl am 24. September gedauert, seit fünf Monaten erst sind die Ausschüsse besetzt, seit drei Monaten gibt es endlich eine ordentliche Regierung. Seit gut und gern einem Monat streiten sich CSU und CDU über die Asylpolitik, sodass auch die SPD zwischenzeitlich befürchtet, dass es Neuwahlen geben könnte.

„Rache ist ein Gericht, das kalt am besten schmeckt“ – nach diesem Motto agiert die CSU, die zum ungünstigsten Moment versucht, sich endlich Angela Merkes zu entledigen, die ihr so viele Demütigungen zugemutet hat – von der Absage an die PKW-Maut, die die CSU zwar theoretisch durchgesetzt hat, aber auf deren Durchführung wir noch lange warten werden, bis hin den vielen Gelegenheiten, wo sie der 6%-Partei klar gemacht hat, dass sie nur ein kleiner Landesverband ist, der sich einzufügen hat ins Team der 16 Landesverbände der CDU. Die Regierung ist gebildet, eigentlich war nach den vielen Reibereien und Diskussionen des halben Jahres endlich Ruhe und es wäre angesagt gewesen, den Koalitionsvertrag umzusetzen – als man – sicher von langer Hand vorbereitet – der Kanzlerin die Pistole auf die Brust setzte.

Dass es die Asylpolitik ist, die die CSU zum Anlass nimmt, den Showdown zu suchen, ist dabei kein Wunder. Merkel ist  im Sommer 2015 in einem für eine CDU-Frau überraschende Anwandlung von Menschlichkeit dem Bitten von Ungarn und Österreich  gefolgt und hat die Asylbewerber*innen, die unter unmenschlichsten Bedingungen an den Grenzen ausharrten (eine der eindringlichsten Berichte über die Umstände für die Menschen in Ungarn stammt von Martin Kaul) über die Grenze gelassen, kurzfristig das Dublinabkommen ausgesetzt, um es danach wieder in Kraft zu setzen – auch für die Menschen, die im August 2015 über die Grenzen gekommen sind.

Die CSU ist lange schon die treibende Kraft hinter Asylrechtsverschärfungen – wie auch die gesamte CDU. Man muss sich da nichts vormachen – die CDU, die Anfang der 1990er unter dem Eindruck rechtsextremer Gewalttaten das Asylrecht verschärft hat, anstatt die Rechtsextremen in ihre Schranken zu verweisen, ist ein Asylrecht auf der Basis der Genfer Flüchtlingskonvention, wie wir es derzeit noch auf dem Papier haben, nach wie vor ein Dorn im Auge. CDU und CSU singen im Gleichschritt mit der AfD das Lied derer, die meinen, wir „können nicht allen helfen“ und die glauben, dass ein Land wie Deutschland doch nicht seinen ganzen Reichtum mit denen teilen kann, die wir so ausgebeutet haben und an deren Leid wir so viel verdienen und deren Leid wir so weit vertieft haben, dass ihnen nichts anderes mehr bleibt, als ihre Heimat zu verlassen und dahin zu gehen, wo sie vielleicht eine Chance haben, menschenwürdig zu leben.

Leere Betten in der Außenstelle der LEA Karlsruhe in der Mackenkaserne Ende 2015. Menschenrechtgerechte Unterkünfte sehen andes aus.

Merkel hat recht, wenn sie eine europäische Lösung stattdessen fordert – zum wiederholten Mal. Diejenigen, die sich dieser europäischen Lösung verweigern, werden aber von der CSU hofiert. Die CSU sieht ihre Partner in einem Europa der Rechtspopulisten und -extremen, die in Polen, in Österreich, in Ungarn, in Italien, in Tschechien an der Macht sind. Sie setzt – soweit ist die CDU noch nicht ganz, wenn auch einzelne Abgeordnete gerade aus der hiesigen Region wie Axel Fischer oder der KSC-Präsident und CDU-MdB Ingo Wellenreuther – auf einen europäischen Rechtsruck. Sie setzt auf Nationalismus und deutschen Chauvinismus – und treibt dabei das Land nicht nur nach rechts, sondern in die Lähmung.

Der CSU bedeutet ein Europa mit der Europäischen und Genfer  Menschenrechtskonvention nichts. Sie ist für ihre menschenfeindliche Politik bereit, diese bedingungslos zu opfern. und sie setzt darauf, dass es in der CDU genügend Mitglieder hat, die ihr in dieser Position nahestehen.

Aus den anderen Parteien ist dazu wenig zu hören. Die GRÜNEN nutzen die Stunde, um sich an Merkel ranzuwanzen. Endlich können noch ein paar Ministerträume für die Generation nach Fischer realisiert werden. Empörung gegenüber der CSU sieht anders aus – aber das ist kein Wunder – gerade wollten sie noch mit der CSU im Bund koalieren und auch in Bayern schließt man „derzeit“ eine Koalition aus. Die Linke muss angesichts der Wagenknecht’schen Thesen zur Flüchtlingspolitik weiterhin als Ausfall gelten – ihre Kakophonie trägt nicht dazu bei, dass sie jemand in diesen Fragen wirklich ernst nimmt.

Allerdings wäre der vordringlichste Ansprechpartner für diese Fragen die SPD. Nur: die SPD ist in den Flüchtlingsfragen so weit nach rechts gerutscht und weder ihre Basis noch die Basis der anderen Parteien sind offensichtlich in der Lage, sich diesem Rechtskurs entgegenzustellen.

Man muss konstatieren: die CSU ist bereit, eine Regierungskrise hervorzurufen, um Menschenrechte abzuschaffen. Ihre in unerträglichem Tonfall vorgetragenen Forderungen, die am Ende sogar die grundgesetzlich garantierte Richtlinienkompetenz der Kanzlerin in Frage stellt, ist nicht mehr auszuhalten.

Und die vierte Macht, der Journalismus? Dass die BILD die Zeit für gekommen hält, auf dieser Welle wieder mehr Käufer zu finden, war völlig klar. Aber all die anderen? Es gibt auch journalistisch keine Bereitschaft, sich in aller Deutlichkeit diesem Rechtsruck entgegen zu stellen. Die AfD hochgeschrieben, ihr in Talkshows die Bühne bereitet, Pegida zu besorgten Bürger*innen hin verharmlost, immer wieder bereit, mit reißerischen Schlagzeilen auf die wenigen Kriminellen unter den Geflüchteten hinzuweisen und so einen Scheinriesen mit aufzubauen – muss man sagen: es ist kein Verlass auf die vierte Macht im Land.

Und am Ende steht ein Linker wie ich da und muss sagen: wer außer Angela Merkel steht in der CDU dafür, zumindest den Anschein zu wahren – und mehr tut Merkel ja lange nicht mehr – um eine EMRK-konforme Politik durchzusetzen? Niemand. Ich sehe schlicht niemanden, der hinsteht und sagt: all das, was wir völkerrechtlich ratifiziert haben,steht der Politik, wie sie von der CSU, Teilen der SPD und CDU gefordert wird, entgegen, darf und kann nicht umgesetzt werden.

Früher dachte man bei den GRÜNEN so

Es ist kaum zu fassen, dass ich Tag für Tag in einem Land aufwache, dass mit der Bundesrepublik, die scheinbar nationalen Chauvinismus überwunden hatte, nichts mehr oder nur wenig zu tun hatte. Die Millionen, die nach wie vor in der Flüchtlingshilfe engagiert sind – sie sind nur ein Feigenblatt – solange sie weiterhin diese Parteien wählen, die diesen Weg nach rechts weiter beschreiten. Allerdings: ich sehe keine Partei,die sich diesem Rechtsruck konsequent entgegen stellt. Alleine die Linke macht Hoffnung – alle anderen sind in die menschenfeindliche Politik verstrickt, von der CSU bis hin zu den GRÜNEN.

Ich würde gerne sagen: holt Euch Euer Land zurück, das liberale, das menschenrechtgerechte, das würdevolle Deutschland, reißt es den Rechtspopulisten von Links bis Rechts aus den Händen. Zeigt, dass wir gelernt haben, was passiert, wenn Menschen und ganze Menschengruppen verächtlich gemacht werden, entmenschlicht werden, in Sippenhaft genommen werden. Allein: ich habe zurzeit keine Ahnung, wer das hören könnte und wollte.

Obergrenze und atmender Rahmen

Es ist ein fauler und dazu dreckiger Kompromiss, den die GRÜNEN da gestern Abend vorgeschlagen haben und der sich zu später Stunde über die sozialen Netzwerke verbreitete:

Es ist also so weit – die GRÜNEN rücken davon ab, dass das Recht auf Asyl bedingslos ist, dass es gilt, wann immer jemand an der Grenze steht und „Asyl“ sagt. Die derzeit verbreiteten Textbausteine aus der Parteizentrale lauten:

Man arbeitet sich also daran ab, dass man das Wort Obergrenze vermeidet, spaltet Haare. Es bewahrheitet sich also, was Horst Seehofer im Wahlkampf sagte und was von allen vehement abgelehnt wurde: die Obergrenzen von 200.00 Menschen kommt – ihm ist es egal, wie die anderen das nennen wollen. Der Preis wird sein, dass die hier schon angekommenen Geflüchteten, vor allem aus Syrien, ihre Familien nachholen können – der widerrechltich ausgestze Familinenachzug wieder möglich sein wird. Ton und Inhalt erinnern  sehr an den Kompromiss, den Winfried Kretschmann in Sachen der Sicheren Herkunftsländer geschlossen hat: Zustimmung bei substantiellen Verbesserungen für diejenigen, die schon hier sind. Als ich aus dem grünen Landesparteirat zurückgetreten, bin, habe ich aufgezeigt, was von den damals versprochenen substantiellen Verbesserungen übrig geblieben ist: nichts

Die Sondierungen aus Sicht der grünen Umfaller

Entgegen der weitläufigen Meinungen, seit Seehofer das erste Mal „200.000“ gesagt hat, hat er sich durchgesetzt – mehr oder minder. Die spannende Frage bleibt: fallen diejenigen, die im Rahmen des Familiennachzugs hierher kommen, darunter oder nicht. Ich befürchte das Schlimmste.

Mit der Botschaft – das ist unsere Schmerzgrenze, lenkt man gewohnt und routiniert ab von den Konsequenzen, die ein solcher Kompromiss für die Menschen hat,die aus ihren Ländern flüchten müssen und versuchen, nach Europa zu kommen. Eine solche Obergrenzen – ich weigere mich, den „Atmenden Rahmen“ als solchen überhaupt ernst zu nehmen – zementiert die Festung Europa.

Im Wording der GRÜNEN heißt es: in den letzten Jahren sei die Grenze von 200.000 nur fünfmal überschritten worden. Ja, warum nur, liebe GRÜNE?

Da sind die Lager in Libyen, von denen selbst die EU sagt, dass dort KZ-ähnliche Zustände herrschen. Libyens Küstenwache, ausgerüstet von eben dieser EU, scheint verantwortlich zu sein für das Ertrinken von 5 Menschen. Und in Libyen werden Menschen als Sklaven verkauft, wie schon mehrere Monate bekannt ist. Ohne die Vereinbarung mit Libyen, die Menschen in ihrem Land aufzuhalten, mit den beschrieben Konsequenzen, sind die  200.000 kaum zu halten. Grüne scheinen das fürs mitregieren in Kauf nehmen zu wollen.

Da sind die Lager in Griechenland, die überfüllt sind und in denen ebenfalls Zustände herrschen, die nichts mit den Menschenrechten zu tun haben. Auch die ungarischen Verhältnisse sind für Flüchtende unmenschlich, haben nichts mit der Genfer Flüchtlingskonvention oder der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte zu tun. Nach Bulgarien darf teilweise nicht mehr abgeschoben werden, auch in Italien ist die Lage nicht so, wie sie sein sollte – überfüllte Lager, unzureichende gesundheitliche Versorgung, Menschen leben teilweise auf der Straße. Trotz der Schließung der Balkanroute schaffen es immer noch Menschen zu uns. Und das dürfen zukünftig nur noch 200.000 Menschen sein, wenn Jamaika kommt.  Durch die restriktiven Bedingungen,der Schließung der Grenzen, der faktischen Festung Europa, sind seit 2014 mehr als 10.000 Menschen im Mittelmeer ertrunken. Von der Situation bzw. dem Deal mit dem Unrechtsstaat Türkei ganz zu schwiegen.

Ich vermute mal, dass zur Obergrenze ein „wir schieben schneller ab und zwar auch nach Afghanistan und noch stärker in die Sicheren Herkunftsländer, die ja mit grüner Unterstützung ausgeweitet wurden, hinzu kommt – damit der Rahmen nicht zu sehr atmen muss.

Das ist die Lage, die die GRÜNEN gerne festschreiben wollen, damit sie regieren können. Die grüne Mitregierung steht auf den Toten der europäischen Asylpolitik. Denn das ist das, was diese Obergrenze, dieser atmende Rahmen bedeutet – eine Festschreibung des Status Quo – wozu auch die Aushölung des Asylrechts seit 1993 gehört. Die Floskel „das Asylrecht gilt“ ist eine leere Hülse angesichts der Zustände an Europas Grenzen.  Und es bedeutet, dass die GRÜNEN damit als Stimme derjenigen, die sich für Verbesserungen einsetzen, ausfallen. Denn Kritik an diesen Verhältnissen, die die Obergrenze garantieren, könnte zum Regierungsverlust führen.

Schon im Wahlkampf, nach der Wahl und mit Beginn der Sondierungen wurden die Stimmen lauter die meinten, dass es ohne Grüne noch schlimmer würde. Die Gefolgschaft wird seit Wochen auf „das kleinere Übel“ eingeschworen. Die GRÜNEN als Stimme der Menschenrechte sind verstummt, egal, was ihre Vertreter*innen nun verlautbaren werden, egal, mit welchen Worten sie versuchen werden, uns vom Gegenteil zu überzeugen.

unnötiger Sonderurlaub wegen G20 für die BW-Polizei kostet mindestens 200k €

Klar, ich gönne jedem Sonderurlaub. Nur – für Polizeibeamte nach einem regulären Einsatz wie beim G20-Gipfel?

Besondere Leistungen und Verbesserungsvorschläge

(1) Einer Beamtin oder einem Beamten können für Leistungen, die besondere Anerkennung verdienen, im Kalenderjahr bis zu drei Tage Sonderurlaub unter Belassung der Bezüge bewilligt werden.

Beim G20-Gipfel in Hamburg kamen laut einer Antwort des Innenministeriums 1158 Beamte aus BW zum Einsatz. 78 davon wurden verletzt, aus keiner der registrierten Verletzungen resultierte eine Arbeitsunfähigkeit einer Polizeibeamtin/eines Polizeibeamten. So das Ergebnis zweier Anfragen bei Frag den Staat.

Nichtsdestotrotz wurden 1158 Polizeibeamten Sonderurlaub gewährt,

Auf Grund der sehr hohen Belastungen für die in Hamburg eingesetzten Polizeikräfte

wie das Innenministerium mitteilt. Obwohl mitgeteilt wird, dass

sich die Innenresorts der Länder und des Bundes unmittelbar im Anschluss an das G20-Gipfeltreffen in Hamburg, allen eingesetzten Polizeibeamtinnen und –beamten grundsätzlich Sonderurlaub zu gewähren

scheinen das nicht alle Bundesländer gemacht zu haben. Welche, erfährt man nicht.

Nach den uns vorliegenden Informationen hat die überwiegende Anzahl der anderen Bundesländern für ihre eingesetzten Polizeibeamtinnen und –beamten ebenfalls drei Tage Sonderurlaub gewährt.

Überwiegend kann heißen: 9 von 16. Wir wissen es nicht.

War der G20-Einsatz eine „besondere Belastung“? Das Innenministerium entscheidet arbeitnehmerfreundlich und sagt ja. Nur, ist es nicht generell die Aufgabe der Polizei, Demonstrationen zu ermöglichen, zu schützen, zu leiten? Und ist es nicht generell die Aufgabe der Polizei, Veranstaltungen wie den G20-Gipfel zu schützen? Woher kam die „besondere Belastung“?

Aus langen Schichten? Hoher Belastung?

Polizisten beim G20-Gipfel

Ist diese hohe Belastung nicht entstanden, weil die Polizei unnötigerweise an vielen Stellen eskaliert hat? Ist die hohe Belastung entstanden, weil zu wenige Polizist/innen in Hamburg im Einsatz waren? Weil die Einsätze schlecht geplant waren?

Selbst die FAZ sieht die Sonderurlaube und Elbphilharmie-Gratis-Ticket-Aktion für beim Gipfel eingesetzte Beamte/innen ungewohnt kritisch:

Woher kommt wohl das staatstragende Getue, das jetzt wieder um die Polizei gemacht wird? Kann man sie, wie jede andere Berufsgruppe auch, nicht einfach als eine Ansammlung von Personen betrachten, in der es, wie unter Ärzten, Bäckern, Sportlern, Juristen oder Journalisten, solche und solche gibt, die ihrer ja freiwillig gewählten Arbeit nachgehen, die einen gut bis sehr gut, die anderen weniger? Offenbar nicht. Was die Polizei tut und lässt, scheint über jeden Zweifel erhaben, auch wenn auf Videos zu sehen ist, wie eine unbewaffnete, auf einem Einsatzwagen stehende Frau mit Wasserwerfern traktiert wird oder am Boden liegende Personen noch geprügelt und getreten werden.

1158 Beamt/innen mal mindestens 1800 € Sold macht etwas über 200 k €. Nur brutto. Keine Nebenkosten wie Beihilfe, keine sonstigen Kosten, keine Überstunden für Kolleg/innen, die ersetzen müssen eingerechnet, nur den niedrigsten Sold, den man in Internetgehaltsportalen findet. Also vermutlich eher eine halbe Million € – grob geschätzt. Zum Fenster rausgeworfen.

Müssen wir jetzt damit rechnen, dass es immer so ist? Also, Sonderurlaub nach Risikofußballspielen, Sonderurlaub nach Castortransporten, Sonderurlaub nach Pegidademos oder Hogesa?

Die Ausschreitungen beim G20-Gipfel sind ein Politikum – und nun wird so getan, als wäre es besonders gewesen, dass Polizist/innen ihre Arbeit machen. Damit wird auch eine Demonstration, ein Grundrecht, zum Sonderfall. Diese Propaganda kostet den/die Steuerzahler/in viel Geld. Geld, das an anderer Stelle dringen gebraucht wird, auch in Baden-Württemberg. Der Sonderurlaub war unnötig und nicht angebracht. Die Botschaft, die mit ihm unters Volk gebracht wird, ist gefährlich.

Transparenz über Lobbyismus nur gegen Gebühren – Frag den Staat besser nicht

Ja, ich kann verstehen, dass es für Behörden nervig ist, wenn Bürger/innen anfragen, wie das denn ist so mit staatlichem Handeln. Ich kann verstehen, dass man Gebühren erheben möchte, um damit zu verhindern, dass übereifrige Fragesteller die Verwaltung überstrapazieren.

Aber es ist wie immer: Politik ist in Baden-Württemberg etwas für Menschen, die es sich leisten können oder die jemanden haben, der es ihnen bezahlt. Das hiesige Informationsfreiheitsgesetz, unter grün-rot versprochen, eh lange verzögert, wurde Ende 2016 verbabschiedet.

In „einfachen Fällen“ dürfen keine Gebühren erhoben werden. Ohne vorherige Information des Antragstellers dürfen die Gebühren 200 Euro nicht übersteigen.

Bis zu 200 € sind eine wirksame Methode, zu verhindern, dass der Anspruch auch von Menschen, die es sich nicht leisten können, erhoben werden kann. Ich erlebe es derzeit selbst.

Ich habe nachgefragt, wie viele Termine Winfried Kretschmann seit dem 3. September 2015 mit Vertreter/innen der Automobilindustrie wahrgenommen hat, um zu sehen, wie hoch nach Aufkommen des Dieselskandals die Aktivitäten waren. Ich hatte vor, in einer zweiten Anfrage den entsprechenden Zeitraum vor diesem Datum abzufragen.

wie oft hat sich Ministerpräsident Kretschmann oder jemand als Vertreter von ihm mit Vertretern von Daimler, VW, BMW sowie Bosch seit dem 3.9.2015 getroffen bzw. terminlich fixiert telefoniert.

Für diese einfache Anfrage, die ein wenig Wühlen im Kalender des MP bedeutet (geschätzter Zeitaufwand: 2 Stunden), kündigt man an, dass dies mindestens 200 € kosten werde, höchstens aber 500 €. In meinen Augen ist dies eine einfache Auskunft, die Gebühren sind nicht angemessen. Allein – mir fehlt das Geld für einen Anwalt.

 

 

Es bleibt der fade Beigeschmack, das man in BW seine Geheimnisse zu wahren weiß. Alle Kritik an dem Gesetz, die es im Vorfeld gab, ist an den Politiker/innen der Landesregierung abgeprallt. Auch an denen, die ein IFG für richtig und wichtig befanden.

Ich gehe davon aus, dass diese Gebührenandrohung der Beleg dafür ist, dass es in den letzten Jahren eine ziemlich hohe Schlagzahl von Kontakten zwischen Kretschmann und der Automobilindustrie gegeben hat. Ich kann es aber nach wie vor nicht beweisen.

Kluge Antwort per Twitter:

von wegen „Gehörtwerden“

Umweltminister Untersteller erreicht seine bzw. die Ziele seiner Landesregierung nicht.

Es sieht unter anderem vor, den CO2-Ausstoß des Landes bis 2020 um mindestens 25 Prozent und bis 2050 um 90 Prozent zu senken.

„Wenn es gut läuft, um zwei Prozent, wenn es schlecht läuft, um sechs Prozent.“ Unter anderem würden im Stromsektor, der Landwirtschaft, der Abfallwirtschaft und im Verkehrssektor die Ziele nicht erreicht.

Dass der Minister alle Schuld von sich weist, ist dabei natürlich klar, eigene Versäumnisse kommen nicht in Betracht. Aus eigener Erfahrung weiß ich – die Windkraft per ordre de mufti durchzusetzen – ist schief gegangen, wo immer es ging. Anstatt vorher mit möglichen Regionen ins Gespräch zu gehen, wurde ein halbherziges Gesetz verabschiedet, dass den Kommunen die Verantwortung auch für die Planung – und damit auch viele Kosten – zuschob. Überraschung: viele konservative Gemeinderäte, die schon zuvor gegen Windkraft waren, waren es immer noch und taten alles dafür, sie weiterhin zu verhindern. Der andere Weg wäre gewesen, die Planungen selbst in die Hand zu nehmen und sie dann umzusetzen. Hier in Malsch, wo in Sachen Windkraft eine Riesendebatte lief, lies er sich übrigens erst blicken, der Herr Minister, als das Kind längst im Brunnen lag.

Dass im grün geführten Umweltministerium aber hektische Aktivitäten herrschen, weil man sich der Brisanz verfehlter Klimaziele ausgerechnet einer grün geführten Landesregierung bewusst ist, zeigte die gestrige Sitzung des Gemeinderats in Malsch. In der Vorlage fanden wir folgendes Dokument (pdf).

Die Verbandsversammlung des Regionalverbands Mittlerer Oberrhein hat am 26.07.2017 die Durchführung des Anhörungsverfahrens zum Entwurf der Teilfort-schreibung des Regionalplans Mittlerer Oberrhein 2003, Kapitel 4.2.5 Erneuerbare Energien, Plansätze 4.2.5.1 „Allgemeine Grundsätze“ und 4.2.5.3 „Vorbehaltsgebiete für regionalbedeutsame Photovoltaik-Freiflächenanlagen“ beschlossen.

Für die Gemeinde Malsch wurde als potenzielles Vorranggebiet Solar eine 6,3 ha große Fläche an der Autobahn im Gewann Valchenteiler (siehe Karte im Anhang) eingetragen. In einem Gespräch der RVMO mit der Gemeindeverwaltung am 07.06.2017 brachten wir unsere Bedenken und Vorbehalte schon dringlich zum Ausdruck.

Diese Bedenken wurden schlicht ignoriert, eine Fläche an der Autobahn, an der derzeit Wald als Ausgleich für den Kiesabbau aufgeforstet wird, ohne weitere Rücksprache seitens des Regionalverbands in die Planungen aufgenommen.

Man wird gehört – aber nicht erhört, wie es der grüne Ministerpräsident süffisant formulierte. Mag was dran sein – aber ein solches Vorgehen ist schlichte Ignoranz. Ignoranz aus Panik.

Was folgen musste, folgte: die Mehrheit des Gemeinderates lehnte die Planungen natürlich ab, gegen die Stimmen der BfU/Grünen-Fraktion. In meiner  Begründung führte ich aus, dass man angesichts des Verpassens der Temperaturerhöhung beim Klimawandel von 2° jeden Flecken zur Verfügung stellen müsse – global denken,lokal handeln – fand natürlich keinen Anklang in einem Gemeinderat, bei dem oft das Gefühl hat, es wird nur bis zum Ortsschild gedacht. Das Vorgehen des Regionalverbands als ausführendes Organ von Minister Untersteller betonte ich jedoch ist dennoch kritikwürdig. So geht das auf keinen Fall. Zumindest nicht, wenn man mal was von einer „Politik des Gehörtwerdens“ gesprochen hat.

Ich bin sicher, hätte man sich gut mit uns in Benehmen gesetzt, wäre ihnen aufgegangen, dass es durchaus Flächen entlang der Autobahn gibt, die bebaubar wären. Nun, das werden wir jetzt selbst machen.

2011 ist Grün angetreten, einen Politikwechsel einzuführen. Davon ist so gut wie nichts übrig.

 

Autos, Autos, Autos – oder lieber doch nicht?

Dieselskandal, Autokartell, Absprachen, Ministerpräsidenten, die sich Reden von Konzernen redigieren lassen und andere, die weiterhin den Diesel favorisieren – die Nachrichten rund ums Auto reißen dieser Tage nicht ab.

Über allem schwebt die Frage: wieso schaffen es deutsche Autobauer nicht, das Elektroauto endlich bezahlbar auf den Markt zu bringen, Ladeinsfrastruktur aufzubauen, eventuell gleichartige Batterietauschsysteme zu etablieren, um Standards zu schaffen?

Und wieso stellt denn niemand die noch dringendere Frage: wollen wir das, brauchen wir das?

Die Zahl der Fahranfänger sinkt konstant, weder Führerschein noch Auto haben noch den Stellenwert, den sie in den 1980/90ern hatten, als ich noch jung war. Kein Wunder, in vielen Städten kommt man immer schlechter vorwärts, auf Autobahnen ist Stau und der ÖPNV fährt vielerorts auch bis in ländliche Regionen. In den Städten lebt man besser ohne Auto – und wenn mit Führerschein, dann mit Carsharing.

Die Idee, einfach alle benzin- und dieselgetriebenen Autos durch Elektromobile zu ersetzen, macht eher Angst als dass sie bei mir lustvolle Utopien freisetzen würde. Ob ich im Diesel oder dem E-Auto nicht vorwärtskomme, macht kaum einen Unterschied. Und ob es mir

Die Straßen, die wir der Blechflut hinterher bauen oder sanieren müssen, frisst öffentliche Gelder in Milliardenhöhe. Immer mehr Waren landen von der Schiene auf der Straße – anstatt umgekehrt.

Sinnvoll wäre es also, diese Krise des deutschen Automobilbaus zu nutzen, um Verkehrskonzepte einzufordern, die es lange schon gibt: mehr vernetzte Mobilität, weg vom Individualverkehr zu mehr ÖPNV, da wo es gut möglich ist, günstiger ÖPNV, eventuell eine Mobilitätsabgabe pro Haushalt und eine fahrscheinlose Nutzung desselben.

Ich würde erwarten, dass die Parteien ihre Autopolitik auf den Prüfstand stellten, die emotionale Bindung zur angeblichen Leitindustrie – in der Pflege arbeiten mehr Menschen – hinterfragen und die Autohersteller mit ihrer Verpflichtung der Allgemeinheit zu konfrontieren.

Noch mehr Autos, dauerhaft, kann niemand wollen. Es macht keinen Sinn, den Individualverkehr auszubauen, ihn auszureizen bis zum geht-nicht-mehr.  Ja, es braucht Individualverkehr – aber ob jeder Haushalt zwei Autos benötigt, oder ob nicht eines reicht und ne Carsharingkarte oder Monatskarte – die Frage sollte man schon stellen. Wieso lässt der Staat statt einer Abwrackprämie in bar keine Wahl, stattdessen eine Carsharing-Mitgliedskarte oder 10 Jahre Mobilität im ÖPNV zu wählen. Ach, man könnte soviel machen.

Man muss dann auch keine Kampagnen fahren, ob die Batterie bei der Herstellung nun mehr oder weniger CO² produziert und ob es bei Modellwechseln dann überhaupt noch Batterien für das alte Modell gibt – welche Bösartigkeiten man diesen Autobauern zutraut! Oder die Frage stellen, woher all der Strom kommen soll und sich, weil man Angst, die Antwort könnte „Braunkohle“ heißen, dazu versteigt, zu behaupten, all E-Auto-Besitzer bezögen Ökostrom. (das wird schon bei den öffentlichen Ladesäulen nicht so sein)

Man könnte gemütlich den Wandel begleiten und fördern. Am Ende stehen in jeder kleinen Gemeinde ein paar Elektro-Car-2-Go, mehr Güter auf die Schiene oder mehr regional produziert, weniger Parkraum wird benötigt, Ressourcen werden gespart, der ÖPNV besser ausgenutzt und niemand muss mehr Parkplätze für LKW-Fahrer ausbauen, weil es zu viele auf der Straße gibt, weniger Tote durch Feinstaub oder Stickoxide, gute Luft auch am Neckartor.

Ja, er könnte schön sein – so ein Wandel. Wenn man doch endlich einsehen würde, dass sie vorbei ist – die große Zeit des Automobils.

 

Ester Seitz‘ letzte Demo in Karlsruhe?

Nachdem ich mich vor einem halben Jahr von den Karlsruher Anti-Nazi-Kundgebungen zurückgezogen hatte, war für heute von Seitz angekündigt, dass sie sich aus Karlsruhe zurückzieht. Ich hatte mich daher für eine Rede angemeldet, die ich auch halten konnte.

Nach der Rede das übliche Procedere – Reden bei den Nazis, Gehupe und Getröte und Musik aus der Konserve um einen Klangteppich zu erzeugen, sodass von den Reden nichts zu hören ist – zumindest nicht in Richtung Innenstadt.

Danach liefen sie los in Richtung Bundesverfassungsgericht. Die Antifa lief ebenfalls parallel mit – wir kamen bis zur Ecke Waldstraße, wo der befriedete Bezirk beginnt. DOrt war erst einmal Stopp – bis die Nazidemo, die über eine andere Strecke dorthin kam, vorbei war. Danach löste die Polizei die Blockade auf und die jungen Antifamitglieder liefen zum Park, um nahe an den Nazis zu sein, einige andere blieben gegenüber des Aufzugs stehen und waren so in Sicht- und Rufweite der Kundgebung – die wir weidlich nutzten. Seitz und irgendeiner ihrer Mitstreiter verlasen Gewalttaten von Migranten, die sie alle Angela Merkel anhafteten. Deshalb auch vor dem Bundesverfassungsgericht, weil ja Legislative und Exekutive versagt hatten – die Judikative hätte längst aktiv werden müssen, so ihre Aussage (sie konnte alles fehlerfrei sagen). Unsere Zurufe „dann klagt doch“ gefielen ihr und ihrer Gefolgschaft allerdings nicht.

Sie hatte einen Sarg mitgebracht, mit dem sie symbolisch den Rechtsstaat beerdigten. Und sie hatten viele Blumen darauf geworfen. Es wurde sehr amüsant, als sie versuchten, ohne die Blumen wieder abzuziehen – die Polizei musste sie mehrfach auffordern, ihre Blumen wieder mitzunehmen, ansonsten würden sie kostenträchtig von der Polizei entfernt werden. Große Aufregung, großes Mimimi, sie habe noch nie gehört, dass die Polizei Blumen wegmachen würde und überhaupt, eine Schande wäre das, denn schließlich hätten sie ja getrauert. Wo wir doch zuvor schon ihre Schweigeminute mit Rufen „gestört“ hatten.

Auch auf dem Rückweg gelang, es die Nazis um Ester Seitz mit Rufen zu provozieren, es waren einige Dresdner Nazis dabei, die so nahe Konfrontation offenbar nicht gewöhnt waren. Zwei/drei provozierende Rufe – und dann ging es los mit „Drecksau“-Rufen, mit „Frei, sozial, National“-Geschrei und dem dumpfen „Komm doch her“.

An Ende dann die Rede von Festerling – die aber auch keiner hören konnte. Meine Rede ging so:

(es gilt das gesprochene Wort)

Ester Seitz will nicht mehr.

Was vordergründig eine gute Meldung ist, weil eine gute Chance besteht, dass nach zweieinhalb Jahren endlich Schluss ist hier in Karlsruhe mit den regelmäßigen Demonstrationen von ganz-rechts-außen-besorgte Bürger hat natürlich noch eine andere Dimension.

Ester Seitz hört nicht auf, weil der Widerstand zu groß war – das zeigen Ihre Verlautbarungen zu diesem Thema – sondern weil ihr zuletzt die Gefolgschaft fehlte. Sie sucht heute hier eine letzte Chance, in dem Sie Tatjana Festerling, eine weitere Pegida-Ex-Größe, wie sie zwischenzeitlich vertrieben von den sonnigen Plätzen der Naziaufmerksamkeit, nach Karlsruhe gebracht hat. Sie hofft, dass mit der Einladung dieser Pseudoprominenten sich doch wieder mehr Leute für ihre kleine Demo interessieren.

Seitz, die hier in Karlsruhe als Ansagerin der unsäglichen Michaels begonnen hat – Mannheimer und Stürzenberger – verlässt den letzten Ort, an dem sie noch ein Standbein hatte.  Das ist kein Erfolg der Gegenbewegung, die nicht müde wurde, es ihr hier so ungemütlich zu machen, wie es nur ging. Wie man hört, geht sie ins Ausland. „Wer Deutschland nicht liebt, soll Deutschland verlassen“ – wenigsten hält sie sich an ihre eigenen, wenn auch blödsinnigen Vorschläge.

Es ist das persönliche Scheitern einer Frau, die dachte, wenn sie sich mit ungezügeltem Machtwillen den von Thomas Rettig initiierten Pegidaableger unter den Nagel reißt, sie irgendetwas für sich persönlich erreicht. Personen und Unterstützer waren ihr immer nur Mittel zum Zweck, das scheint auch fast dem letzten, die dort drüben gestanden sind, klar geworden zu sein. Und obwohl sie fast alles versucht hat, sie wurden immer weniger. Sie hat Karlsruher Nazis nach Thüringen geschleppt, nachdem es dort zu Ausschreitungen in der Asylunterkunft kam, sie war in Mainz, gegen die „Lügenpresse“ mit bundesweiter Aufmerksamkeit, immer die Fanboys dabei. Sie hat sich mit wem auch immer verbündet, keine dieser Verbündeten ist geblieben – am Ende muss es die mit Freischärlern im bulgarischen Wald lebende Tatjana Festerling sein.

 

Mehr als 300 Nazis und angeblich bürgerliche, besorgte Bürger waren es zu Beginn. Von Anfang an waren sie Teil einer Bewegung von Rechtsextremen, haben sich von den Berserkern „beschützen“ lassen, hatten immer wieder Leute dabei, die nicht nur die Reichskriegsflagge schwenkten, sondern auch hier in Karlsruhe Hitlergrüße zeigten – oftmals unter dem wohlwollenden Wegsehen der Ordnungskräfte. Was anderswo die Staatsanwaltschaft auf den Plan rief – als Michael Mannheimer Merkel als schlimmster Kanzler seit Hitler“ nannte – führte hier zu ungehinderter Fortsetzung der Ansprache

Wir erinnern uns an traurige Höhepunkte wie das geschmetterte „Rumsfallera“ vom in Ungnade gefallenen Thomas Rettig und den Verschwörungstheorien bis hin zum kostenfreien Eigenheim für Asylbewerber/innen anderer Redner/innen oder dem Demogeld für Antifast/innen, über das auch hier in Karlsruhe gesponnen wurde.

Wisst Ihr, Ihr Nazis: Antifaschismus ist nicht nur Handarbeit, wie viele hier immer wieder betonen – sie war und ist auch immer ehrenamtlich. Und es ist eine große Freude, Teil dieser Bewegung zu sein – ganz ohne Demogeld. Wobei – mein Tesla da drüben in der Tiefgarage und die regelmäßigen Erholungsurlaube mit Antifa Reisen das ist alles schon ganz angenehm…

Wir erinnern uns an blockierte Kreuzungen und Polizist/innen, die sie mit brutaler Gewalt räumten. Wir erinnern uns an Anwohner/innen, die von der Straße aus bedroht wurden – die Polizei sah weg. Wir erinnern uns daran, dass viele von uns hier kriminalisiert wurden, bestraft wurden unter tw. an den Haaren herbeigezogenen Anklagen, tw. sind immer noch Verfahren anhängig, Verfahren, in denen es vorkommt, dass Menschen, die dafür da sind, Recht und Gesetz zu schützen, bewusst die Unwahrheit sagen.

Getroffen: OB Mentrup, der Pappkamerad

Wir erleben bis heute eine Abwesenheit der Stadt Karlsruhe und ihrer Vertreter und Politiker/innen – der Grund, warum ich mich persönlich seit Beginn des Jahres zurückgezogen habe. Anstatt dass sich Bürgermeister, Gemeinderäte, Abgeordnete in die erste Reihe gestellt haben, haben sie großzügig mit Abwesenheit geglänzt. Ja, es gab Ausnahmen – Karin Binder von der LINKEN zum Beispiel oder Michael Borner von den GRÜNEN, um zwei zu benennen und natürlich Michael Brandt als zwischenzeitlich Bundestagskandidat, der glaube ich bei so gut wie allen Demos hier dabei war – aber der Schutz, den Mandatsträger hier hätten für uns Gegendemonstrant/innen hätte sein können, der hat nicht stattgefunden. Niemand hätte erwartet, dass OB Mentrup hier alle 14 Tage steht – aber er ist ja nicht der einzige prominente Vertreter des Rathauses, der hier hätte sein können. Von der verbalen Unterstützung mal ganz abgesehen. Und wo sonst Fahnenmeere etablierter Parteien zu sehen sind – hier, wo es gegen Nazis geht, ist Leere.

Und es ist kaum anzunehmen, dass die Polizei mit Pferden in eine Blockade reitet, wenn dazwischen Mandatsträger/innen gestanden wären. Dafür haben wir erlebt, dass wir über diesen gesamten Zeitraum als gewalttätig diffamiert wurden und der friedliche Protest in den Medien praktisch nicht vorkam.

Wir alle haben in zweieinhalb Jahren gelernt, dass auf die bürgerliche Gesellschaft kein Verlass ist, wenn es um Antifaschismus geht. Wir haben gelernt, dass „Wehret den Anfängen“ manchem leicht über die Lippen kommt –aber wenn er oder sie sich oder andere dann erwehren soll – er oder sie lieber woanders ist. Wir haben gelernt, dass hier 2,5 Jahre lang Nazis nahezu ungehindert machen konnten, was sie wollten. Ein Bild, dass mir immer in Erinnerung bleiben wird, ist der von der Polizei für die Nazis hell erleuchtete Stephanplatz – während in Dresden am Tag zuvor die Semperoper das Licht ausschaltete und Pegida im Dunkeln lies. Und nie vergessen werde ich die Straßenbahnen, die die Stadt mehrfach zur sicheren Abfahrt der Nazis bereitstellte.

Ich habe Pegisten gehört, wie sie darüber lachten und von „ihren“ Straßenbahnen sprachen, die sie „wieder“ bekämen. Dies um die sichere Heimfahrt der Nazis zu gewährleisten, die angeblich gefährdet war. Habt Ihr jemals davon gehört, dass sich jemand Gedanken um die sichere Heimkehr von  Antifaschist/innen in dieser Stadt gemacht hat?  Nichts beschreibt besser die Karlsruher Verhältnisse, die Haltung der Stadt Karlsruhe zu praktiziertem Antifaschismus.

Ob es das vorerst war hier in Karlsruhe oder nicht – das werden wir sehen. Ich glaube erst daran, wenn es keine neuen Anmeldungen mehr gibt. Bis dahin bleibe ich, bleiben wir, wachsam.

Ich beende meine Rede mit dem bekannten Zitat von (Pastor Martin Niemöller)

 

“Als sie kamen, um die Juden zu holen, schwieg ich, weil ich kein Jude war. Als sie kamen, um die Kommunisten zu holen, schwieg ich, weil ich kein Kommunist war. Als sie kamen, um die Gewerkschafter zu holen, schwieg ich, weil ich kein Gewerkschafter war. Dann, als sie kamen, um mich zu holen, gab es keinen mehr, der für mich seine Stimme hätte erheben können.”

Vielen Dank!

Ehe für alle – nur mit dem Festhalten an der Forderung erreichbar

Jetzt ist sie da, die Ehe für Alle.

Grund zur Freude, nach einem gut 30-jährigen Kampf für die Gleichstellung von hetero- und homosexuellen Paaren im Eherecht.

Natürlich kann man sich darüber streiten, warum denn ausgerechnet die Ehe, gesellschaftlich ein Auslaufmodell, nun so wichtig war. Für diejenigen, die sie seit so vielen Jahren fordern, war das im Bundestag eine wichtige Entscheidung. Seit rund 30 Jahren wollen Homosexuelle dieselbe Möglichkeit haben wie heterosexuelle Paare – weil eben die Ehe weitergehende Rechte bedeuten als nur die Verpartnerung – die als Kompromiss schon seit ein paar Jahren möglich ist.

Ich möchte einen anderen Punkt beleuchten. Wie oben geschrieben und allgemein bekannt, wird die Ehe für Alle schon sehr lange gefordert. 2001 wurde dann als halbgarer Kompromiss die Eingetragene Partnerschaft aus der Taufe gehoben, musste mehrfach nachgebessert werden – und von konservativen Behörden teilweise unter entwürdigenden Umständen dann durchgeführt. In Baden-Württemberg wurde Paaren, die sich verpartnerten bis 2011, dem Wechsel zu grün-rot, die Zeremonie im Standesamt oder dem gemeindlichen Trauzimmer verweigert – und teilweise auf der KFZ-Zulassungsstelle durchführen mussten (übrigens im Beitrag verteidigt von Herrn Rülke von der FDP, der das nicht als Diskriminierung verstanden wissen wollte) und oft genug belastet durch höhere Gebühren.

Extra 3 Beitrag 12.09.2010

Der Beschluss des Deutschen Bundestags war nur möglich, weil sich die Betroffenen nicht damit zufrieden gegeben haben, mit dieser halben Gleichstellung. Sie haben an ihrer Forderung festgehalten, haben sich nicht vom konservativen gesellschaftlichen Widerstand beeindrucken lassen, sondern durch Beharrlichkeit dafür gesorgt, dass sich nicht nur die gesellschaftliche Stimmung gewandelt hat – sondern am Ende sich auch die konservative Mehrheit im Bundestag diesem Wandel nicht länger widersetzt hat.

Die Ehe für Alle ist ein Beleg dafür, dass es sich lohnt, auch visionäre, utopische Forderungen zu stellen, sich nicht der vermeintlichen Realität zu beugen, sich nicht mit halbgaren Kompromissen zufrieden zu geben, sondern auch nach erfolgten Kompromissen – die nötig sind, als Schritte auf dem Weg zum Ziel – weiter an der ursprünglichen Forderung festzuhalten.

Tag der deutschen Zukunft in Karlsruhe – eine Antwort auf eine Einladung

Seit ich im Januar 2015 Teil des Teams war, das #Nokargida initiiert hat und als Redner, als Moderator, als Anmelder auf verschiedenen Demonstrationen war, habe ich die besondere Aufmerksamkeit der Rechten in Karlsruhe und Umgebung. Ich hab die Vorfälle und Bedrohungen mehrfach hier beschrieben.

Am 3. Juni findet in Karlsruhe der Tag der deutschen Zukunft statt.

Nun haben sie mich mit ihrem zweifelhaften Humor eingeladen, beim TddZ zu sprechen:

Nun, ich bin sicher, meine Rede hätten den „hohen, qualitativen Ansprüchen“ nicht entsprochen.

Denn ich hätte davon gesprochen, dass Flucht und Asyl grundlegende Menschenrechte sind, dass Abschiebungen nicht lösen und dass die deutsche Zukunft auf multikulturellen Säulen steht – denn der Region Deutschland mit zufälligen Grenzen, den Bäumen, der Erde, den hier lebenden Tieren, der Natur und allen – außer ein paar Nazis und anderen Nationalisten – ist es sehr egal, wer hier lebt.

Wir sind alle Kinder dieser Erde, wir leben in und auf einer Welt. JedeR sollte das Recht haben, dort zu leben, wo er oder sie möchte. Die Zukunft liegt mir am Herzen, die Deutsche Zukunft – naja. Nationalismus ist mir völlig fremd.

Insofern hätten sie mich sicherlich wieder ausladen müssen. 🙂

Umverteilen: wenn – dann richtig

Im Januar diesen Jahres hatte ich einen Mann im Coaching, der in einem Mietzimmer mit ungefähr 16 m² für ungefähr 450 € wohnte. Dusche war auf dem Flur, das Warmwasser funktionierte für einen Zeitraum von mehreren Wochen wegen Sanierungsarbeiten nicht. Die Toilette war in einem unterträglichen Zustand, davon habe ich Fotos gesehen. Ich hätte mich da nicht drauf gesetzt: Klobrille kaputt, der Wasserkasten lose. Die Spülung funktionierte nicht. Im Zimmer des Mieters gab es Mäuse, mitten im Zimmer war eine Säule, sodass der Raum nur schlecht zu bewohnen war.

Ich höre von anderen Menschen, die in Karlsruhe in Zwangs-Wohnungsgemeinschaften wohnen, ähnliche Dinge, wenn auch nicht immer so krass. Die Post ist oft nicht sicher, kommt nicht an, Briefe werden aus dem Briefkasten geklaut. Oft verwundert, erfahren Menschen das erste Mal von mir, dass sie ein Postfach bei der Post anmieten können – was zwischenzeitlich zwar Geld kostet, aber immer noch billiger ist, als Sanktionen für Hartz IV zu bekommen, weil man unentschuldigt nicht zum Termin gekommen ist, von dem man nichts wusste, weil der Briefkasten geräubert wurde.

In Karlsruhe und in vielen anderen Städten ist vor allem bezahlbarer Wohnraum knapp. Die Mieten schießen durch die Decke, gebaut werden trotzdem oft genug noch Eigentumswohnungen und Reihenhäuser. Gerade in den Speckgürteln vieler großen Städte traut man sich nicht an Geschossbau, weil es das Ortsbild (zer-)stören würde. Parallel dazu haben wir ein Problem mit der Flächenversiegelung – und einen hohen Leerstand in wirtschaftlich abgehängten Regionen. Die Leute ziehen dahin, wo es Arbeit gibt. Arbeit gibt es da, wo entsprechende Infrastruktur vorhanden ist.

Leerstand in Deutschland

Preisverfall auf dem Land, abnorme Mietkosten in Ballungsräumen: so ist die Lage mehr oder weniger bundesweit. Deutlich ist, dass viele Probleme miteinander Hand in Hand gehen: Arbeitslosigkeit, Leerstand, soziale Teilhabe, Perspektive. Die deutsche Teilung ist nicht überwunden, der Ausverkauf des Ostens durch die Treuhand zeigt die langfristigen Folgen. Wir können das Rad nicht zurückdrehen, die Dinge sind geschehen – aber wir könn(t)en die Folgen abmildern.

Die „Herstellung gleichwertiger Lebensverhältnisse“  welche in Artikel 72 Absatz 2 Grundgesetz (GG) als Auftrag formuliert wurde, ist nicht erfüllt. Die Lösung kann nur die Schaffung von Anreizen sein, dass Unternehmen in die Gegenden ziehen,  in denen Leerstand und hohe Arbeitslosigkeit herrscht anstatt sich damit zufrieden zu geben, dass manche Regionen immer reicher, andere immer ärmer werden. Die reichen Bundesländer wehren sich, über den Länderfinanzausgleich – ein Instrument zur Herstellung gleichwertiger Lebensverhältnisse – Ausgleichszahlungen zu leisten. Das ist egoistisch und wird dazu noch mit einer Polemik verteidigt, die ihresgleichen sucht. Parallel dazu haben wir heute, 2017, eine große Anzahl an hierher geflüchteten Menschen, die aus Gemeinschaftsunterkünften, nach Anerkennung ihres Flüchtlingsstatus, in normale Wohnungen ziehen wollen. Aber warum sollten sie nach Mecklenburg-Vorpommern ziehen wollen?

Mein Vorschlag ist, in den Regionen, in denen der dringend benötigte Wohnraum leer steht, Infrastruktur zu schaffen. Geflüchtete, Langzeitarbeitslose bekommen Wohnungen, drum herum werden Infrastrukturelemente geschaffen. Straßen ausgebaut, kleinteiliger Einzelhandel geschaffen, mit Fördergeldern Selbstständigkeit gefördert, kleinere Produktionseinheiten geschaffen – z. B. für den öffentlichen Dienst: PC-Werkstätten, Büromöbelmanufaktur, Office-Ausstattung, KFZ-Werkstätten, …. warum nicht wieder Manufakturen auflegen, vor allem in den Branchen, wo wir Ware aus ausbeuterischer Arbeit auf dem Markt haben? Kleidung, Schuhe aus deutschen Landen, hier produziert, unterstützt wird die Beschaffung von fair produzierten Rohstoffen. Und so weiter, und so fort.

Zur Finanzierung werden mehr und höhere Steuern erhoben, die Körperschaftssteuer vor allem, die sich Unternehmen, wenn sie sich engagieren, wieder zurückholen können, außer, die überschreiten eine zu definierende Größe, Vermögenssteuer. Darüber hinaus werden Verwaltungseinheiten abgebaut: aus 16 werden 8 Bundesländer.

So könnte Bayern mit Sachsen, Hessen mit Thüringen, BW mit Rheinland-Pfalz und dem Saarland, die Stadtstaaten aufgelöst werden, NRW könnte bleiben, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt und Brandenburg und Niedersachsen bliebe auch wie es ist. Würde viel Geld sparen.

Natürlich ist das alles nicht SO einfach, das sind Vorschläge, Denkanstöße – aber ich denke, gleichwertige Lebensverhältnisse zu schaffen, gleiche Perspektiven für alle, die hier leben, ist eine zentrale Gerechtigkeitsfrage. Es ist die Gretchenfrage, ob wir bereit sind, wirklich alle mitzunehmen. Und im nächsten Schritt gilt dies dann für ganz Europa. Wer braucht dann noch Bundesländer…..?