Archiv der Kategorie: Familie und Gender

beitragsfreie KiTas – es wird Zeit

Die SPD in Baden-Württemberg hat beschlossen einen Volksentscheid zu beitragsfreien Kindergärten/Kindertagesstätten zu starten.  Das ist übrigens kein Vorstoß, um in Zeiten schlecher Umfragwerte auf sich aufmerksam zu machen, die SPD BW fordert das schon länger.

Nicht nur die CDU, sondern auch die GRÜNEN lehnen das ab. Ich habe das lange inhaltlich geteilt, sehe auch, dass zuerst in Qualität investiert werden muss – aber habe zwischenzeitlich meine Meinung geändert. Wer Kindergärten als Bildungseinrichtungen versteht und nicht als Kinderaufbewahrungsanstalt – der muss dem Auftrag, dass Bildung grundsätzlich kostenfrei zu sein hat, nachkommen und KiTas beitragsfrei machen. Außerdem scheint es kein Ende der „Qualität zuerst“-Debatte zu geben. Kein Mensch sagt, wie denn das Qualitätsniveau aussehen muss, damit in beitragsfreie KiTas investiert werden kann. Das ist schön für die, die das nicht wollen – so bleibt das Qualitätsargument über Jahrzehnte valide und keiner kommt jemals an den Punkt, an dem man sagt: okay, jetzt ist die Qualität gut und nun ändern wir das endlich mit den Beiträgen.

Ein neueres Argument in der Debatte ist „

Bundesweit fehlen Erzieherinnen und Erzieher, und die Betreuungsschlüssel stimmen in vielen Kitas nicht“

Das stimmt – ich weiß aus kommunaler Sicht, dass es problematisch ist, ausreichend Erzieher*innen zu finden. Nur: warum werden dann nicht mehr ausgebildet? Wieso ist es nach wie vor eine Ausbildung, die in drei von vier Jahren unbezahlt ist? Wieso ist sie nicht dreijährig – wiewohl das machbar ist, wie die PIA-Ausbildung bei Erzieher*innen zeigt? Also: wieso ist die PIA-Ausbildung nicht der Standard?

In Baden-Württemberg gibt es zwei staatlich anerkannte Ausbildungswege zum Erzieherberuf:


Klassische Ausbildung (seit mehr als 150 Jahren)
drei Jahre Schule (Berufskolleg, Unterkurs, Oberkurs), ein Jahr Berufspraktikum (bezahlt)

PiA = Praxisintegrierte Ausbildung (seit 2012)
„duales System“: drei Tage Schule, zwei Tage Praxis – drei Jahre lang mit bezahltem Vertrag

https://www.fachschule-stuttgart.de/ausbildung/pia-oder-klassische-ausbildung.html

Auch das führt dazu, dass es zuwenige Erzieher*innen gibt, das schafft strukturelle und Qualitätsprobleme. Nur: die Landesregierung investiert nicht in diese Qualität.

Bau von KiTas liegt in kommunaler Hand. Auch der Betrieb durch private Träger lässt die Kommune nicht aus der Pflicht: gehört die privat (was kirchliche Träger mit einschließt) betriebene Kita zur Bedarfsplanung, hat der Träger den Anspruch auf anteilige Übernahme der Betriebskosten – zwischen 63 und 68 Prozent. Darüber hinaus bekommt mancher kirchliche Träger mehr als das.

Im Grund genommen sollte die kommunale Bedarfsplanung die Grundlage bilden für den Bau und den Betrieb von Kitas. Am einfachsten wäre es, jede Kommune reichte ihre Bedarfsplanung beim Land ein, dieses schreibt den Bau/Erweiterung/Sanierung aus und betreibt die KiTa als Land Baden-Württemberg. Alle Mitarbeiter*innen sind Angestellte beim Land, es bleibt die Möglichkeit, dass ein privater Anbieter sich für den Betrieb einer solchen KiTa bewirbt und wie bisher Zuschüsse zu den Betriebskosten bekommt. Der Kommune, für die Planung erhalten bleibt und damit ihre eigene Hoheit, nach individuellen Bedürfnissen, angepasst beispielsweise an die kommunale Bauplanung, bleiben lediglich geringe Kosten. Das Land oder ein Träger machen den ganzen Rest – Qualität, Größe, Gruppengröße, Arbeitsverträge, Sanierung und Bau.

Und schon wäre es einfacher, die KiTas beitragsfrei zu machen. Denn die Kommunen wehren sich natürlich mit Händen und Füßen gegen die Beitragsfreiheit – weil sie befürchten, dass das Land die Kosten nicht rechtzeitig übernimmt. Das Land Baden-Württemberg arbeitet gerne mit kommunalen Geldern, die verspätet ausbezahlt werden.

insofern hat die SPD recht und ich werde bei einer Volksabstimmung ein deutliches „JA“ zu ihrer Volksabstimmung machen. Bildung ist Ländersache – wird Winfried Kretschmann nicht müde, zu betonen, um kein Geld für die Digitalisierung von Schulen nicht annehmen zu müssen. Wenn Bildung Ländersache ist, ist der Bau, der Betrieb von KiTas auch Ländersache und so beitragsfrei zu machen wie Schulen auch. Das lässt Raum für völlig private Betreiber mit anderen Konzepten. So wie es auch heute private Schulen gibt.


Dann reden wir eben über Verhütung und Abtreibung

Ich bin Vater von fünf leiblichen Söhnen und einem Stiefsohn. Dass ich 1987 zum ersten Mal Vater wurde, habe nicht ich entschieden, das war die Entscheidung meiner ersten Frau. Sie hatte für sich entschieden, dass sie noch ein Kind haben wollte. Ich war 20, sie 23 Jahre alt. Ich war Auszubildender zum Einzelhandelskaufmann Lebensmittel, sie „Hausfrau und Mutter“ – sie hatte keine  Ausbildung und die Öffnungszeiten der Kindergärten waren Ende der 1980er Jahre darauf ausgerichtet, dass die Frau zu Hause blieb. Ich war sicher, sie nimmt die Pille, sie hatte sie abgesetzt. Wir hatten eine Vereinbarung. Sie sagte: „Ich dachte, du hast es gemerkt, dass ich sie nicht mehr nehme“.

Wir kamen finanziell damals geradeso über die Runden – mit meinem Auszubildendengehalt und Wohngeld und ein wenig Kindesunterhalt und ein wenig Sozialhilfe. Ich hatte mir gerade mein erstes Auto gekauft – auf Raten.

Abtreibung kam für in Frage. Sie war schwanger, sie wollte das Kind. Ich wollte es glaube ich auch – allerdings wusste ich nicht wirklich, was es bedeutete. Ich hätte mich trennen können – aber das kam für mich auch nicht in Frage. Noch hing der Himmel voller Geigen. Die Geburt des ersten Sohnes hat mich, 21-jährig, ganz schön aus der Bahn geworfen. Die Geburt war nicht schön, sie hatte nicht genug Kraft und das Kind blieb stecken, der Arzt musste eine PDA machen und hat das Kind in meiner Gegenwart herausgedrückt. Dem Kind ging es gut – aber ich hab ihn 30 Minuten lang ignoriert, bis sie wieder wach war. Ich war nicht wirklich bereit für eine Vaterschaft und brauchte ein halbes jahr, bis ich die Rolle annehmen konnte. In der Zeit habe ich mich mindestens einmal in eine andere Frau verliebt und bin doch davon zurückgeschreckt, die Ehe zu beenden. Verantwortung und so. Man lässt eine Frau mit einem Kind nicht sitzen. So war ich erzogen und doch wäre es wohl besser gewesen, wir hätten es zumindest zusammen bearbeitet. Das haben wir nicht.

Es kamen zwei weitere Söhne, eines war ein Wunschkind, eines nenne ich bis heute manchmal mein Rotweinkind. Ich liebe sie alle über alles. Trotzdem kam 8 Jahre später dann die Trennnung und die Basis für diese Trennung wurde damals im Badezimmer gelegt, als sie beschlossen hat, keine Pille mehr zu nehmen und trotzdem mit mir zu schlafen.  Und nein, ich finde nicht, dass ich mich hätte vergewissern müssen, denn wir hatten eine Vereinbarung. Während ich das tippe, merke ich, wie ich über 30 Jahre später den Zorn wiederentdecke, den ich damals so tapfer hinuntergeschluckt habe.

(Keine Sorge, der Sohn kennt diese Geschichte zwischenzeitlich)

Ich trennte mich. Wir versuchten, Freunde zu bleiben, aber es gelang uns nicht. Stattdessen stritten wir uns bis zu ihrem Tod vor ein paar Jahren. Über so vieles, auch über Geld. Ich versuchte, meinen Unterhalt zu bezahlen, was mir nicht immer gelang. Sie versuchte ein/zweimal,den Umgang zu unterlaufen, was ihr nicht gelang. Einer der Söhne zog zu mir, einer in eine eigene Wohnung, dann am Ende der Jüngste zu mir – da war der Mittlere schon wieder weg. Sie bezahlte nie Unterhalt, ich fast immer, wenn auch nicht immer den ganzen Betrag.

Ich hatte wieder eine Beziehung, ich wollte keine Kinder mehr. Vier waren eigentlich genug. Ich lernte, ohne Pille zu verhüten, meine heutige Frau ist Migränikerin und die Pille tat ihr nicht gut. Sie besprach das mit mir. Wir waren gemeinsam veranwortlich und ich benutzte Kondome, obwohl ich es nicht mochte. Ich wusste, sie wollte Kinder, blieb aber mir zuliebe kinderlos.  Als sie mir 2002 in einem Gespräch sagte, dass es für sie jetzt okay sei, dass sie keine Kinder bekommen werde und ihre Eltern (von ihr) keine Großeltern werden und sie sich damit abgefunden habe, konnte ich mich davon lösen. Ich sagte: wenn es passiert, passiert es. Es passierte und es kamen noch einmal zwei weitere, wundervolle Söhne.

Nach der Geburt des jüngsten Sohnes geschah emotional etwas interessantes. Ich hielt dieses kleine Wesen in den Armen, noch blutverschmiert – mir stiegen die Tränen in die Augen, erfüllt von Liebe für den kleinen Kerl. Und ich wusste: das war es. Genug. Ich möchte definitiv keine Kinder mehr. Und mir war klar – das geht nur sicher (siehe Rotweinkind weiter oben), wenn du eine Vasektomie vornehmen lassen wirst.  Ja, auch das besprachen wir – aber es war meine Entscheidung. Ich wollte keine Kinder mehr und die beste Methode, zu verhüten, war, mir die Samenleiter durchtrennen zu lassen. Der Eingriff war leicht, ich hatte keine Probleme – obwohl auch die auftreten können.Das Risiko war meines.

Ich hab als Vater versucht, trotz Trennung, das alles so gut wie möglich zu machen. Wir haben mit der Trennung und unserem Streit viel bei den großen Jungs angerichtet – das weiß ich. Es wäre viel anders zu machen – aber damals war es so und heute kann ich das alles nicht mehr ändern. Ich habe versucht, immer Unterhalt für die Jungs zu bezahlen – es gelang nicht immer, aber das lag nicht am Willen. Ich habe, obwohl ich keinen Kindesunterhalt bekommen habe, nicht meinen mit dem, den wir zu bekommen hatte, verrechnet-  obwohl ich das als die größte Ungerechtigkeit empfunden habe. Ich hab Umgang wahrgenommen, hatte die Kinder die Hälfte der Ferien und sogar einen zusätzlichen Tag unter der Woche – damit es nciht imer 14 Tage dauerte, bis ich sie wieder gesheen hatte. Als ich in Saarbrücken gewohnt hab, haben sie ein Zimmer bei meinen Eltern belegt und ich bin dazu gekommen. Ab und zu hab ich mal ein Wochenende verschoben – aber immer alle wahrgenommen.

Ich fühle mich nicht angesprochen von einem Artikel wie „Raus aus meinem Uterus. Der § 219a und seine Freunde.“ – aber ich bin zornig, dass ein solcher Artikel überhaupt notwendig ist. Nein, für meine beiden Frauen wäre nie ein Abtreibung in Frage gekommen. Aber ich fand es immer richtig und wichtig, dass die Frau so etwas letztendlich entscheiden würde. Ich liebe meine Jungs und ich wollte keinen missen und zum Glück war ich nie in einer Situation, in der eine solche Entscheidung im Raum gestanden hätte. Aber ich habe immer verstanden, dass eine solche Entscheidung auf einen zukommen kann. Und ich habe immer verstanden, dass es einen Mann am Ende zwar etwas angehen mag – aber er in dieser Frage nicht wirktlich etwas entscheiden kann. Er kann anbieten, da zu sein – aber die Geschichte ist voll von Männern, die das gesagt haben – und dann verschwunden waren. Es ist die Entscheidung des Menschen, der das Kind austragen darf – oder muss.

Es ist nicht die Entscheidung von eigenen oder fremden Männern, es ist nicht die Entscheidung von anderen Frauen. Es ist nicht die Entscheidung der Familie oder von Bekannten oder Freunden. Es ist die Entscheidung der Person, die austragen muss – oder eben eine Abtreibung an sich vornehmen lassen muss. Sonst geht das niemanden etwas an. Niemanden.

Aus einem Facebookeintrag eines Väterrechtlers

Dass Maskulisten und Väterrechtler und konservative Politiker aller Couleur angesichts der neuerlichen Debatte um den §219 toben und das Recht auf Abtreibung sowie die Selbstbestimmung der Frau über ihren Körper in Frage stellen, ist für mich als Mann beschämend. In keine meiner Beziehungen waren wir jemals in der Situation, dass eine Abtreibung zur Debatte stand. Aber es wäre uns nie in den Sinn gekommen, deshalb Frauen, die abgetrieben haben oder es überlegten oder vorhatten, zu verurteilen. 

Und ganz ehrlich: als Mann hab ich mich in dieser Debatte soundso eher zurückzuhalten. Ich kann es nicht beurteilen. Ich kann mir vorstellen, dass ich nachvollziehen kann, was es bedeutet. Aber letztendlich kann ich mir nur vorstellen, was es für mich bedeuten würde, wenn meine Frau abtreiben würde.

Die, die jetzt wieder so vehement fordern, dass Frauen nicht abtreiben sollendürfen – die weigern sich doch seit Jahren, Erziehungszeiten nicht nur für die Rente wirklich wirksam anzuerkennen. Sie diskreditieren Väter, die in Elternzeit gehen, sie thematisieren nicht, dass viele Väter, die aktuell in Elternezit gehen, nicht nur als Weicheier verspottet werden, sondern auch das Risiko eingehen, dass ihr berufliches Fortkommen behindert wird.  Sie thematisieren nicht, dass viele Väter die Elternzeit tatsächlich als Erziehungsurlaub verstehen – und sie nicht alleine zuständig sind, sondern die Frau irgendwie mit dabei sein muss. Am besten macht man gemeinsam 3 Monate Urlaub und schreibt einen Blog darüber^^. Sie thematisieren gleichzeitig nicht, dass es für Väter wenig Infrastruktur gibt. Sie thematisieren nicht, dass ander Väter, die kein Elternzeit nehmen, misstrauisch auf die Männer blicken, die da mit ihren Frauen auf Spielplätzen und  Cafés herumhängen. Sie machen keine Kampagnen für aktive Vaterschaft auch nach der Trennung und Scheidung – und dass das Unterhaltszahlugnen mit einschließt. Dafür machen sie Kampagnen für Wechselmodelle – vor allem mit dem Hintergedanken, dass beim 50:50-Wechselmodell kein Unterhalt mehr zu bezahlen sei. Sie ächten keine säumigen Unterhaltszahler – sondern gründen Vereine, die diese unterstützen und lobpreisen die, die ins Ausland flüchten und Frau und Kinder sitzen lassen oder ihre Arbeit kündigen oder sich arm rechnen.

Und auch deshalb muss der §218 komplett weg – und deshalb muss es möglich sein, dass eine Frau sich entscheidet und sich mit ihrer*m Arzt/Ärztin berät. Und diese*r Arzt/Ärztin muss darauf hinweisen können – wo auf immer, in Broschüren oder im Internet – dass er oder sie Abtreibungen vornimmt – damit Frauen sich informieren können. Alles andere ist der Versuch, unter angeblichen aber überkommenen Moralvorstellungen Frauen dazu zu zwingen, Kinder auszutragen. Das ist Vergewaltigung, das ist Missbrauch und das ist grundfalsch.


auch Männer brauchen eine #metoo-Kampagne

Am 25. November ist der Internationale Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen. Nachdem in den sozialen Medien im vergangenen Jahr mit #MenAreTrash und #metoo zwei Kampagnen Aufmerksamkeit erregten, war das Thema „Gewalt gegen Frauen“, vor allem sexualisierte Gewalt gegen Frauen ganzjährig im Fokus gewesen.

Die nicht neue Erkenntnis im Jahr 2018: 113.965 Frauen wurden Opfer häuslicher Gewalt unter den 138.893 gesamten Anzahl an Opfern – das sind 82%. Es sind rund 4.000 Frauen mehr als im Vorjahr, weil Freiheitsberaubung, Zwangsprostitution und Zuhälterei neu mit eingerechnet werden (komisch, dass man das früher herausgerechnet hat) und 147 Tötungsdelikte sind darunter – 147 Frauen wurden Opfer von ihres aktuellen oder ehemaligen Partners.

Und, bekannt wie unverändert seit Jahren:

Der überwiegende Teil der Täter sei „bio-deutsch“. „Häusliche Gewalt geht durch alle Gruppen“, betonte die Ministerin. Generell sei die Gefahr höher, wenn Alkohol, Geldsorgen und psychische Probleme im Spiel seien. Doch auch in gut situierten Familien gebe es Fälle.

Unter dem Hashtag „MenAreTrash“, zu Deutsch: „Männer sind Müll“, twitterte Sibel Schick vor einiger Zeit: „Es ist ein strukturelles Problem, dass Männer Arschlöcher sind“. Das ist natürlich ein Problem für Männer, die zu denen gehören, die keine Gewalt ausüben. Noch schlimmer für die, die sich selbst als Opfer von Frauen sehen. Man mag darüber streiten, ob eine solche massive Abwertung der gesamten Gattung „Mann“ zielführend ist – allerdings entspricht es durchaus der Sprache dieser Männer, wenn sie über Frauen reden, der gemeint ist. Insofern: weiter so!

Und was ist denn mit den Männern? Sie schaffen es nicht, ihr Problem in den Fokus zu rücken – weil sie kein Verständnis dafür haben, dass männliche Gewalt an Frauen (und Männern) ein eigenständiges Thema ist, das aber ein gerüttelt Maß an männlicher Reflektion benötigt. Etwas, das mit dem Selbstverständnis dieser Art von Männern, die das diskutieren, oft genug unvereinbar ist. Maskulisten nennt man sie – und unter der Federführung von Andreas Kemper und vielen anderen habe ich sogar mal einen Artikel zu einem Buch über sie beigetragen.

Ja, es gibt da ein Problem. Männer, abseits vom sich prügelnden Mann, werden Opfer häuslicher Gewalt. Subtrahiert man die Zahlen von oben, kommt man auf 24.928 männlicher Opfer. Ein Teil davon wird in homosexuellen Beziehungen Opfer eines Mannes werden, aber das lassen wir mal dahingestellt. Knapp 25.000 Männer werden in Deutschland Opfer gewalttätiger Frauen. Wieso interessiert das keinen?

Unter anderem deshalb:

Männer schaffen es nahezu nicht, dieses Thema auf eine Art und Weise zu thematisieren, die kein Antifeminismus ist. Sie präsentieren es oft genug gewalttätig oder mit gewalttätiger Sprache, sie sprechen dabei oft sexistisch und sie präsentieren es unreflektiert, sie versuchen, Kampagnen gegen Gewalt an Frauen mit „aber die Männer!“ zu instrumentalisieren. Sie weigern sich, anzuerkennen, dass männliche Gewalt in der Regel in ihren Auswirkungen vehementer ist als die von Frauen. Und das es keine Männerhäuser gibt, ist nach ihrer Meinung alleine der Tatsache geschuldet, dass Frauen als Gleichstellungsbeauftragte dieses Thema unter den Teppich kehren.

Es ist schade – denn 25.000 Opfer wären es wert, dass man sich für sie so einsetzt, dass man sich auch damit beschäftigen möchte. So ist das übrigens seit Jahren und das hängt auch damit zusammen, dass diese Gruppe von Männern dabei deutlich im rechten politischen Milieu zu verorten ist.

Mir ist diese Art von Antifeminismus, wie ich es im Buch beschreibe, zum ersten Mal in Bezug auf Trennung und Scheidung zu Ohren gekommen. Politisch links sozialisiert war ich ziemlich erschrocken – erstens über den Tonfall und zweitens über die Fälle, über die in der Öffentlichkeit so gut wie nichts bekannt war.

Im Laufe meines privaten und politischen Lebens begegnete mir das Thema dann immer wieder.  Meine Scheidung und die Folgen waren nicht gewaltfrei. Ich habe meine Exfrau nicht geschlagen und sie mich nicht. Aber wir haben uns nichts gegönnt und sind übereinander verbal hergefallen, haben uns weh getan, uns abgewertet, die Schwachstelle gesucht. Ihr neuer Mann hat einmal versucht, mich zu provozieren, sodass ich ausraste. Er hat mich mehrfach verbal bedroht, sie hat es vor den Kindern geschehen lassen – aber es ist nie etwas passiert. Die Scheidung und die Folgen war keine meiner Ruhmestaten und heute würde ich manches anders machen. Dass sie gestorben ist, macht es nicht einfacher, so kann ich manches nicht mehr gerade rücken, den Ausgleich nach all der Wut suchen.

Zuletzt hatte ich ewig lange Debatten bei Demokratie in Bewegung, als wir die Frauenquote installiert haben. Ich weiß nicht, wie oft dieses Thema immer und immer wieder von Männern hochgezogen wurde, thematisiert wurde – die armen Männlein, die ihre Macht, die so noch gar nicht hatten, teilen sollten. Schon die Hoffnung auf einen Posten, ein Mandat zu teilen, war ihnen unmöglich und die Diskussionen darüber ermüdend, oft gewalttätig und bösartig.

Bei Facebook  habe ich Manndat abonniert und im Internet schaue ich ab und an bei Wikimannia vorbei. So kann ich sehen, wo diese Debatte steht.

Manndat hat dieser Tage einen Text veröffentlicht, über das „Manifest der Gesellschaft zur Vernichtung der Männer, SCUM“ von Valerie Solanas. Sie setzen #metoo und #MenAreTrash mit Männerhass gleich, stellen Feminismus in Bezug zu SCUM und behaupten „dass Männerhass für Frauenpolitik so wichtig ist“ – und sind damit mal wieder in der Debatte an dem Punkt, an dem sie schon vor 20 Jahren waren. Keinen Schritt weiter gekommen. Bis heute haben diese Männer (und genau diese Debatte habe ich auch bei Demokratie in Bewegung immer wieder geführt) nicht begriffen, dass es bei Feminismus nicht um „Antimännerpolitik“ geht, sondern sich Feminismus für Gleichberechtigung aller Geschlechter einsetzt. Und dass #MenAreTrash überhaupt kein Fundament mehr hat, wenn Männer endlich anfangen, sich und ihre Rolle zu reflektieren.

Mannsein bedeutet für diese Typen,stark zu sein. Ihr Problem mit Streit nach Trennung und Scheidung ist nicht nur der Streit,verbotener Umgang, Frauen, Unterhaltszahlungen, sondern dass sie nicht bestimmen können, wie alles so abläuft, die Frau sich nicht unterordnet. Es gibt strukturelle Ungerechtigkeiten, es gibt böse Frauen, das ist richtig – nur hat all dies auch maßgeblich etwas damit zu tun, dass (gesellschaftlich) davon ausgegangen wird, dass Kinder besser bei der Frau aufgehoben sind – das ist ein patriarchalisches Muster.  Sie bekämpfen seit vielen Jahren die SPD und ihre Aussage „Wir müssen die männliche Gesellschaft überwinden“ – weil sie denken, dass sie irgendwie ausgerottet werden sollen – anstatt zu begreifen, dass männliche Strukturen für die Ungerechtigkeiten sorgen, denen sie auch ausgesetzt sind. Und dass es männliches Selbstverständnis ist, das neben ihre unermüdlichen Versuchen, #metoo und ähnliche Kampagnen zu kapern, verhindert, dass über das Notwendige gesprochen wird. Sie bekämpfen die „Genderideologie“ mit Worten, wie sie die AfD benutzt und sind dabei auch allem, was irgendwie mit LGBT zu tun hat. So lehnen sie die Tatsache ab, dass es mehr als zwei Geeschlechter gibt.

Es gibt darüber hinaus in all den Jahren keine gesellschaftlich spürbare positive Kampagne von Männern für beispielsweise aktive Vaterschaft. Männer, die dem Maskulager zuzuordnen sind, fällt in aller Regel erst nach der Trennung ein, dass Vater sein mehr bedeutet, als das Geld zu verdienen. Ich kenne keine Kampagne von Männerrechtlern, die sich für Arbeitszeitverkürzungen einsetzt, damit Familienväter mehr Zeit für die Familie haben und sich Eltern gleichberechtigt um Familie und Broterwerb kümmern können. Und Männer, die sich dafür einsetzen, das toxisch weiße maskuline Rollenbild zu überwinden, werden bekämpft.

Nichtsdestotrotz sind 25.000 Männer,die Opfer häuslicher Gewalt werden, nicht wegzudiskutieren.  Sie brauchen Hilfe, sie brauchen Anlaufstellen. Sie brauchen eine Kampagne, die ihnen eine Stimme gibt. Denn auch sie werden sich überwiegend nicht trauen, an die Öffentlichkeit zu gehen, sich zu offenbaren. Denn auch das ist eine Frage männlichen Selbstverständnisses.  Unterlegen zu sein, passt bei vielen nicht ins Bild. Egal ob vor Gericht – oder ob ihnen eine Frau eine Ohrfeige verpasst hat oder sie verprügelt wurden.

Es gibt herzzereissende Geschichten. Es gibt Geschichten voller Hass und psychischer und physischer Gewalt. Vielleicht findet sich ja jemand, der einen Weg findet, diesen Männern eine Stimme zu geben,ohne in einen antifeministischen Reflex zu verfallen. Wünschenswert wäre es.

Politik muss jünger und weiblicher werden

Unter dem Titel

„Jünger und weiblicher“ – Sind die Kategorien der SPD-Erneuerung so richtig?

schreibt Eric Flügge, Politikberater, einen längeren Beitrag über die Versuche der SPD, mehr Frauen, und da vor allem jüngere Frauen,  in die politische Arbeit der SPD einzubinden. Die alte Dame SPD umweht der Hauch einer älteren Männer- und Machopartei, bei der es Frauen schwer haben, politische Karriere zu machen. Sie tut sich schwer mit Veränderungen und die Machtzirkel wehren sich gegen die jüngste Offensive der SPD, die Partei zu verjüngen.

Was man oft hört nach Niederlagen, wie sie die SPD bei der Bundestagswahl erfuhr, hörte man denn auch von Martin Schulz:

Seine Partei werde sich nun „grundsätzlich neu aufstellen“. Und es sei seine Aufgabe, diesen Prozess als „gewählter Vorsitzender zu gestalten“.

Es ist nichts Neues, dieselben Ankündigungen kennen wir aus 2013

Nahles und Gabriel wollen die Partei umkrempeln, sie öffnen und effektiver machen und weiblicher natürlich auch. Es soll alles ein bisschen so werden wie in einem modernen Unternehmen.

Nichtsdestotrotz – die betroffenen Machtzirkel sind seitdem vier Jahre älter und die Nachrückenden Jungmänner wollen schließlich irgendwann auch an die Fleischtöpfe.

Flügge reagiert auf die Vorstellungen, wie man es erwarten kann:

„Ich finde die Kategorien „jung“ und „weiblich“ schwierig, weil sie kein Qualitätssignum sind.

als ginge es alleine um Qualität. Das ist die Argumentationslinie der Piratenpartei, die auch fand, dass sie postgender wäre, Bewerber/innen alleine nach Qualität aufzustellen seien und sich dann fast nur Männer auf aussichtsreichen Plätzen fanden. Einer der Gründe ihres Scheiterns.

Flügge fackelt auch nicht lange und findet neue Kriterien, die für die zu erneuernde SPD zu finden wäre:

vielfältiger„, „freundlicher“ und „wissbegieriger

denn dann muss es ja auch keine Frau sein, sondern es kann zum Glück auch ein Mann sein. #tiefdurchatme

Und jung muss er auch nicht sein, sondern es könnte so einer sein:

Aber was macht das mit den älteren, männlichen Mitgliedern, wenn sie regelmäßig zu hören bekommen, sie würden wegen ihrer Körperlichkeit für die Entwicklung überflüssig oder gar zur Belastung?

Nun, diese Männer könnten  „wissbegierig“ und „freundliche“ an der „vielfältigen“ Entwicklung der Partei interessiert sein anstatt am Festhalten an ihren Posten und Einfluss und zur Seite treten.

Dass Flügge kurz darauf auch Quoten in Abrede stellt

Vielleicht lohnt aber auch der Blick über das Konzept der Quoten hinaus.

wundert dann nicht mehr. Niemand mag Quoten – aber niemand hat bisher aufgezeigt, dass etwas anders als Quoten helfen würde, wenn es um das Thema mehr Frauen in der Politik geht.

Wir bei DEMOKRATIE IN BEWEGUNG haben eine 50%-Frauenquote und eine 25%ige, nicht kumulierende Vielfaltsquote für Menschen mit Diskriminierungserfahrung. Dies nicht, weil wir Männer diskriminieren wollen, sondern weil wir eingesehen haben, dass kein Instrument so nachhaltig und sicher wirkt wie die Quote. Die SPD hat keine progressive Quote wie Grüne/Linke und wir auch – und folglich ist der Anteil an Frauen im Bundestag bei der SPD 16% niedriger als bei den GRÜNEN.

Warum ist es aber richtig, mehr Frauen zu fordern, speziell auch mehr junge Frauen?

Frauen machen anders Politik, sie schaffen Rollenmodelle.

Das besondere an diesen Rollenmodellen ist, dass sie eigentlich nicht typisch weiblich sind, sondern vor allem nicht mehr herrisch-breitbeinig.

Und es gibt viele Männer, denen das gut gefällt, dass die patriarchalischen Rollenmodelle weniger werden. Frauen streben nicht weniger nach Macht und es gibt Frauen, die sind genauso berechnend und eiskalt, wie die Männer, denen wir genau das vorwerfen. Also gibt es auch keinen Grund, nur noch Männern den Raum zu geben.^^

Die Hälfte der Macht für die Frauen – das heißt nicht, dass Frauen weniger machtbewusst sind – aber dass sie die Hälfte der Bevölkerung sind und deshalb Anspruch darauf haben, diese selbst zu vertreten. Frauen machen das nicht schlechter – aber eben doch manchmal anders.

Männer können keine Frauen repräsentieren, sich allenfalls begrenzt für diese einsetzen. Auch wenn ich sexuelle Belästigung von Frauen schlecht finde – was ich tue – kann ich nicht nachempfinden, wie es ist, so belästigt zu werden. Ich kann mir einbilden, es nachempfinden zu können – alleine, es ist nur eine Einbildung.

Politik ist immer noch eine Männerdomäne. Machtkämpfe werden zwischen Männern ausgetragen, Frauen aus vielen politischen Entscheidungen gerne herausgehalten. Das ist schon immer so. Frauen finden wesentlich weniger Gehör. Es gibt kaum Vorbilder für Frauen. Männern hingegen wird allgegenwärtig vorgelebt, dass sie erfolgreich sein können und werden.

Diese Strukturen brechen wir nur auf, wenn mindestens genauso viele Frauen an politischen Prozessen und Entscheidungen teilhaben wie Männer!

Das wissen wir, das können wir wissen. In der SPD weigert man sich offensichtlich, sich zu erneuern. Die, die dran sind, wollen dran bleiben.

 

Flügges Replik bei Twitter auf meine Kritik liest sich so:

Als ich ihm bekannte Argumentationsketten vowerfen, wird er erwartungsgemäß persönlich bzw. macht aus Zwischenrufen Brüllerei:

und reproduziert so männliche Verhaltensmuster – mit dem Versuch, den Gegenüber zu diskreditieren. Dass er in seinem Text „freundlicher“ gefordert hat, wird damit völlig abstrus.

Ich habe 2010 als Mitglied des Parteirats der GRÜNEN in BW das grüne Männermanifest unterzeichnet. Darin steht:

Wir sind Grüne Feministen und haben gute Erfahrungen gemacht, Macht und Einfluss zu teilen. Wir sind mit Quoten  und Doppelspitzen groß geworden. Wir kennen und schätzen gleiche Rechte und gleiche Pflichten sowie die Verantwortung, als Beispiel voranzugehen. Uns trägt die Vision einer Gesellschaft verschiedenster Individuen, die unter gleichen Bedingungen zusammenleben.

Wir sind keine Dinosaurier mehr. Wir wollen auch keine Alleinernährer sein. Wir wollen weniger Leistungsdruck, bessere gesundheitliche Prävention und mehr wertvolle Zeit. Wir wollen keine Helden der Arbeit sein, wir wollen leben. Wir wollen Macht, Verantwortung und Pflichten teilen und das Korsett alter Geschlechterrollen von uns reißen. Wir wollen neue Perspektiven für Männer im 21. Jahrhundert!

Jedes Wort davon stimmt heute noch. Denn was Männer gerne ignorieren, die keine Macht abgeben wollen – auch die Rolle der Männer verändert sich. Denn eine gleichberechtigte Gesellschaft bekommen wir nicht, wenn nur die eine Seite ihre Rechte einfordert und die andere sich in Abwehr verkämpft. Emanzipation ist keine Einbahnstraße. Auch für Männer hat der Rollenwechsel viele Vorteile. Und es ist an der Zeit, dass wir die männliche Gesellschaft überwinden. Das geht aber nur, wenn wir die Rollenbilder und -erwartungen verändern – für Männer und Frauen.

Und dazu muss nicht nur die SPD, sondern die Politik insgesamt jünger und weiblicher werden.

Alleinerziehend – alleine gelassen

Noch während ich den Satz lese, explodiert der Zorn in meinem Bauch. Es ist ein alter Zorn, nicht mehr so mächtig, wie er war und er ist lange nicht mehr so heiß. Aber er ist mehr als eine Erinnerung an ein Gefühl, er ist präsent und er ist wohl bekannt. Es ist das Gefühl, dass eine Ungerechtigkeit geschieht und dass sie geschieht, hängt damit zusammen, dass die, die darüber entscheiden, nicht wissen wollen, was sie anrichten.

Die Sätze, die ihn auslösen, gehen so:

Es ist weiterhin unklar, ob jene Mütter und Väter, die von ihren getrennten PartnerInnen keinen Unterhalt für ihre minderjährigen Kinder bekommen, bald mit mehr Geld vom Staat rechnen können.

Die 16 MinisterpräsidentInnen der Länder, die sich am Donnerstag darüber mit dem Bund verständigen wollten, machten eine Einigung zur umstrittenen Reform des Unterhaltsvorschusses davon abhängig, ob die höheren Kosten dafür fair zwischen Bund und Ländern verteilt werden.

Es ist sehr egal, wie die Kosten zwischen Bund und Ländern verteilt werden – denn derzeit werden sie alleine den Alleinerziehenden angelastet – und das war schon immer falsch.

Unterhaltsvorschuss gibt es für die Alleinerziehenden – ich bevorzuge ja eigentlich immer noch Getrennterziehende – deren Expartner, der nicht mit den Kindern zusammen lebt, keinen Kindesunterhalt bezahlt.  Ich kenne dieses Problem aus langen Jahren Präsenz in Expartnerforen und vor allem aus eigener Erfahrung. Meine eigene Erfahrung dazu ist darüber hinaus die eines alleinerziehenden Mannes. Was der Sache noch einmal eine besondere Würze gibt.

Exkurs: „alleinerziehend“ ist man, solange man mit einer/m neuen Partner*in verheiratet ist, Zusammenleben ändert diesen Status nicht. (Die 1950er Jahre haben angerufen und wollen abgeholt werden)

Unterhaltsvorschuss gibt es für Kinder für maximal 72 Monate und bis maximal dem vollendeten 12. Lebensjahr. (Bis dahin werden die Frauen, für dieses Gesetz vermutlich mal geschrieben war, wohl wieder einen neuen Mann, der sie und das fremde Kind versorgt,  gefunden haben^^). Danach müssen die Eltern, deren Kinder unterhaltsberechtigt sind, alleine klar kommen (wenn sie schon keinen mehr ab bekommen oder gar in wilder Ehe leben^^). So ist das Gesetz seit ich es kenne und es ist, seitdem ich es kenne, ein schlechtes Gesetz. Politiker*innen, die darüber sprechen, nutzen die Gelegenheit immer, über die schlechte Zahlungsmoral der Väter zu spekulieren und wie die sich grundsätzlich arm rechnen, damit sie ihren Kindern keinen Unterhalt zahlen müssen. Über zahlungsunwillige Mütter reden sie dabei nie.

Wenn der Staat Unterhalt bezahlt, tritt er für die/den säumigeN Zahler*in ein. In der Regel beantragt man dann zusätzlich eine Beistandschaft, um die Unterhaltsansprüche auch durchzusetzen oder sich zumindest einen einklagbaren Unterhaltstitel zu besorgen.

Ist das Kind dann aber plötzlich – und wer Kinder hat, weiß, wie schnell das gehen kann – 6 Jahre alt oder 6 Jahre lang ohne zweite Erziehungsperson im Haushalt oder wird gar noch 12 Jahre alt während dessen – dann ist es vorbei damit, das der Staat hilft.

Dann muss man die Weihnachts- und Geburtstagsgeschenke, die Klassenfahrten, die durchlöcherten Jeans, den geänderten Modegeschmack, den Wachstumsschub, den PC, damit das Kind auch beim digitalen Lernen, das ja alle Kinder brauchen, mitmachen kann und alles andere eben auch noch, alleine bezahlen. Wenn man Glück hat, kriegt man Job und Kind unter einen Hut und Kind dann auch noch gut betreut – wenn man Pech hat, nicht. Die Ministerpäsidenten interessiert das nicht, Herrn Schäuble sowieso nicht – solche Probleme gibt’s in katholischen Familien nicht – die interessieren alleine die Kosten der Staatskasse – nicht die Sorgen und Nöte derer am anderen Ende der gesellschaftlichen Leiter. Denn wieso soll der Staat denn für all diese Drückeberger (nicht gegendert!) bezahlen? Diese Haltung bleibt gleich – auch wenn die Finanzminister, die Kämmerer der Landkreise wissen, dass sie, selbst wenn sie mal wieder zum großen „wir holen uns den Unterhaltsvorschuss zurück“-Hallali blasen, sie immer nur ca. 1/4 der säumigen Zahler*innen dazu bringen können, zu bezahlen.

Derzeit zahlen die Jugendämter der Kommunen den Unterhaltsvorschuss und holen sich das Geld von den Vätern – und wenigen Müttern – zurück. Doch die „Rückholquote“ ist gering: Nur knapp ein Viertel fließt wieder zurück in die öffentlichen Kassen.

Weil die auch nicht mehr verdienen, weil die sich gar nicht arm rechnen, weil die vielleicht auch eine neue Beziehung haben und möglicherweise noch ein Kind bekommen haben,  weil sie keinen Job finden, der sie ernährt, undundund (kein Exkurs über ausbeuterische Arbeitsverhältnisse).

Ich habe es als alleinerziehender Vater erlebt: drei Kinder aus dieser ersten Ehe, einer ist 1998 zu mir gezogen. Ich war unterhaltspflichtig für 2 Kinder, sie war unterhaltspflichtig für eines. Ich habe gearbeitet, sie nicht. Ich habe meistens bezahlt – auch mal nicht, wenn ich arbeitslos war oder zu wenig Geld verdient hab – aber immer zumindest in Teilen und immer so viel ich konnte. Sie nicht. Da hat keine Beistandschaft geholfen. Sie hätte arbeiten können – hat aber keine Stelle „gefunden“ – das Arbeitsamt hat nicht den geringsten Druck auf sie ausgeübt. Sie hatte zwar gearbeitet – aber das nicht „offiziell“. So überwies ich meistens Unterhalt für 2 Kinder an sie – sie keinen an mich. Auch als der Jüngste dann mit 15 zu mir zog – keinen Cent. Ich will das alles nicht vertiefen – sie ist gestorben und es ist alles lange her.

Und trotzdem bleibt der Zorn auf dieses System, dass uns mit dieser Situation völlig alleine gelassen hat. Sie konnte oder wollte nicht, wohl beides und der Staat, dem Kinder so wichtig sind, Ehe und Familie unter den Schutz des Grundgesetzes gestellt hat, der lässt all diejenigen, die nicht für ihre Kinder zahlen können genauso im Stich wie die, die darauf angewiesen sind, dass das Geld kommt. Denn es ist ja in aller Regel nicht so, dass man gerne keinen Unterhalt bezahlt.

Es hängt soviel damit zusammen – wenn man sich trennt. Nehmen wir den Durchschnittsverdiener:

Verheiratet, ein Kind, 35.000 € im Jahr. Er oder sie verdient mit einem Kind und einem halben Kinderfreibetrag rund 2136,00 €. Wenn er/sie sich trennt, sind es nur noch 1882,00 € – weil er/sie sofort in die Steuerklasse 1 kommt. 250,00 € muss er sofort mehr an Steuern bezahlen. Und auch Steuerklasse 2 bedeutet einen sofortigen Einkommensverlust von 200 €.  Dabei müsste es ja anders sein: jetzt ist doppelte Haushaltsführung angesagt, Dinge müssen neu beschafft werden, Kinderzimmer in beiden Haushalten vorgehalten werden. Das Leben wird sofort teurer – Vater Staat, sind Kinder und Familie nur solange wichtig, wie sie in trauter Eintracht mit Trauschein leben. Steuerermäßigende doppelte Haushaltsführung gibt es nur aus beruflichen Gründen – nie aus Gründen der Lebensführung.

Und wenn das gemeinsame Kind schon 12 Jahre ist – dann müssen das beide irgendwie stemmen.

Das ist mein Zorn, meine Wut.

Von der Reform profitieren laut Schwesig 260.000 Kinder. Unter ihnen insbesondere Mütter mit geringen Einkommen, die durch mehr Unterhalt aus der Armutsfalle geholt werden könnten. Hartz-IV-EmpfängerInnen haben nichts von dem erweiterten Unterhaltsvorschuss, weil die Leistung mit dem Sozialgeld verrechnet wird.

Aber Hauptsache, der Haushalt der Länder und des Bundes stimmen. Ach so – und ganz am Ende fällt mir noch ein:

Schlechte Bildungschancen stehen in engem Verhältnis zu materieller Armut. Und von Armut sind in Deutschland rund zehn Prozent aller Kinder betroffen – das sind 1,5 Millionen Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren. Im internationalen Vergleich liegt Deutschland damit im Mittelfeld der wirtschaftlich am weitesten entwickelten Staaten – so das Ergebnis der UNICEF-Vergleichsstudie „Child Poverty in Rich Countries 2005“. Den engen Zusammenhang zwischen Bildungsabschlüssen und sozialer Herkunft sprach auch Bundespräsident Horst Köhler in seiner Berliner Grundsatzrede an. Er forderte Chancengleichheit im Bildungssystem: „Bildungschancen sind Lebenschancen. Sie dürfen nicht von der Herkunft abhängen.“

Das meine ich. Darüber geredet wird schon lange (deshalb ein Köhler-Zitat). Gefordert wird schon lange. Jetzt könnte man endlich etwas tun. Aber:

DSGB-Geschäftsführer Gerd Landsberg forderte vor dem Treffen der Ministerpräsidenten, Bund und Länder müssten „sämtliche Mehrkosten“ übernehmen, die den Kommunen entstehen. Inklusive der Personal- und Sachkosten.

Wie wäre es denn damit: Die Kosten tragen nicht länger die Väter und Mütter, wenn sie nicht können und ihr streitet Euch so lange ihr wollt, wer die Kosten übernimmt. Bis dahin ist der, der bestellt, der, der bezahlt. Es ist ein Bundesgesetz, der Herr Schäuble ist hat eh ne schwarze Null und alles andere kann so schwer nicht sein.

Eltern in der Politik

Es gibt Dinge in der Politik, da komm ich aus dem Staunen nicht mehr heraus. Eltern in der Politik ist so eine Initiative.

Die Fraktionen des Deutschen Bundestages und aller Landtage, unsere Parteien von der Bundes- bis zur Gemeindeebene und alle Mandats- und Amtsträgerinnen und -träger Deutschlands sind eingeladen, sich öffentlich selbst zu verpflichten, achtsam mit den familiären Belangen der Menschen, die sich politisch engagieren oder die im politischen Bereich arbeiten, umzugehen.

Heute konnte ich lernen, dass die Reihenfolge kein Zufall ist.

Es folgte eine weitere Debatte, unter anderem mit Till Westermayer und Daniel Holefleisch

elternsonntagfrei

Franziska befürwortet, dass auch unsere Parteitag nicht mehr an Sonntage stattfinden sollten – analog zum Vorschlag von Kristina Schröder für die CDU. Wohlgemerkt: die CDU tagt Montag und Dienstag, sonntags tagt bei denen nur Vorstand und Präsidium.

Unsere (Bundes-)Parteitage finden von Freitag bis Sonntag statt – und die Zeit ist immer zu knapp. Eine ganze Reihe von Anträgen wird schon nicht mehr behandelt, sondern über dien Scoring-Verfahren ausgewählt – die Anliegen der Anträge, die keine ausreichenden Stimmen bekommen, werden zumindest in den Fachgremien behandelt. Liese man also den Sonntag weg – dann müsste man von Donnerstag bis Samstag tagen. Das ist äußerst arbeitnehmerunfreundlich.

Keine Frage, Politiker*innen arbeiten sehr viel, bis zu 16 Stunden/Tag in den Sitzungswochen, außerhalb derer mit vielen Abendterminen. Und auch da haben sie doch einiges an Wochenendterminen zu absolvieren. Wenn man kleine Kinder hat, ist das schwer miteinander zu vereinbaren.

Nur: es wurde ja niemand in den Bundestag gezwungen. Und: all die anderen Menschen da draußen, die ehrenamtlich Politik machen, die haben das selbe Problem. Und da sehr viele von ihnen eine Arbeitsstelle haben, können sie nicht einfach so unter der Woche mal nen freien Tag einplanen, um das auszugleichen oder halt erst um 11 Uhr anfangen zu arbeiten – nein, die meisten, die eine reguläre Arbeitsstelle außerhalb der Politik haben, haben eine 40-Stunden-Woche – und auch Familie und dann eben noch Wochenendtermine – denn wann bitte soll man mal ausgiebig politisch diskutieren, Programmentwürfe lesen, Anträge schreiben, sich in Themen einarbeiten? Viele Landes- und Bundesarbeitsgemeinschaften finden an Wochenenden statt – und die Abgeordneten, die dann mit der Basis diskutieren könnten, die wollen dann frei haben? Das kann’s ja irgendwie auch nicht sein! Abgeordnete sind privilegiert, verdienen viel Geld, können ihre Zeit einigermaßen frei einteilen und haben auch lange sitzungsfreie Zeiten in den Ferien – wofür normale Arbeitnehmer immer einen hohen Organisationsgrad benötigen, um die vielen Ferienwochen mit 24 Tage Mindesturlaub (oder manchmal auch ein paar Tage mehr) zu vereinbaren. Abgeordnete haben Geld genug, sich zumindest einen Babysitter zu organisieren und ihn gut zu bezahlen.

Ja, ich kann mir vorstellen, dass das nicht einfach ist – aber wer denkt an die Basis? Und wer denkt an all die Leute, die Partner*innen haben, die keinen Bock haben, in irgendeiner Stadt zu sein am Wochenende oder sonstwo, weil der/die Partner*in Politik „macht“? Weil sie eben keine Politik machen? Wo auch das Wochenende zur Erholung da ist?

So sehr ich verstehen kann, was diese Initiative bezwecken will – so wenig ist sie geeignet, dem Problem gerecht zu werden, das Ehrenamtliche haben. Da kann man nur sagen: Augen auf bei der Bewerbung um ein Mandat!

Ja, Bildungsurlaub, Franziska. Nach einem Jahr Wartezeit! Und wie lange hat es gedauert, das überhaupt durchzusetzen! Und ich bspw. bilde mich beruflich fort an sechs Wochenenden im Jahr plus Zusatztermine – ich muss auf jeden Fall Jahresurlaub, den ich auch für Zeiten mit meinen Kindern benötige, nehmen. Offenbar ist der Elfenbeinturm sehr hoch, in dem die Unterzeichner*innen der Initiative sitzen. So hoch, dass sie nicht sehen können, wie sehr sie die Arbeit von Ehrenamtlichen entwerten. Ich bin im Gemeinderat – ich hab auch ab und zu Wochenendtermine. Ich war jetzt 16 Jahre lang hyperaktiv in der grünen Partei – ohne meine Frau wäre das mit Kindern nie möglich gewesen. Da muss man dann halt sagen: ich mach Politik, der Partner*in hält mir den Rücken frei. Das sollte gehen mit der Höhe der Diäten und sonstigen Einnahmequellen. Und wer die Zeit mit den Kindern vermisst – der muss halt was anderes machen oder damit leben. Diejenigen, die in diesem Land prekär in mehr als einem Job arbeiten, denen geht da auch so – nur haben sie halt keine Wahl.

Kein Mitleid von mir. Und keine Unterstützung für diese Initiative. Denn sie ist ein Zeugnis davon, wie wenig man begreift, was ehrenamtliche Arbeit in Parteien ist, was sie die Ehrenamtlichen kostet, was diese aber aus Herzblut bereit sind zu geben und wieviel sie tun – in ihrer Freizeit. Für Dinge, die Abgeordnete letztendlich bezahlt bekommen. Diese Initiative ist in meinen Augen ein Affront gegen alle, die genau das tun – Politik um der Sache willen. Wer das im Mandat nicht hinbekommt – soll das Mandat niederlegen und was anderes machen. Tut vielleicht offenbar mal ganz gut.

Hatespeech by Bürgermeister von Eltville

Eltville liegt in Hessen.

eltville

Und Eltville hat einen Bürgermeister, der twittert.  Er ist von der CDU, noch dazu von der CDU Hessen, da erwartet man als Grüner nicht all zuviel. Ich folge ja noch immer dem einen oder anderen Piraten, manchen aus Gewohnheit, manchen aus Faulheit, sie zu entfolgen und außerdem gehört ja auch der politische Gegner in die Timeline. Ich kenne nette Piraten und solche, mit denen ich noch nicht einmal ein Bier trinken will. In Karlsruhe bspw. ist einer, noch dazu im Vorstand, der zieht zwar immer über mich her – schafft es aber nicht, wenn er 10 Meter von mir steht und mich fotografiert, das Wort an mich zu richten. Was soll’s. Zurück zu Herrn Kunkel von der CDU. Über einen Piraten, dem ich folge, wurde ich auf folgenden Tweet aufmerksam:

Herr Kunkel bezieht sich auf Artikel wie den vom „Westen“ und es geht um die alte Frage: sollendürfen Muslime gendergetrennte Badezeiten verlangen bzw, wie es im Artikel heißt, ob Schwimmzeiten und Schwimmkurse für muslimische Einwohner eingerichtet werden können. Auch in Mainz gibt es einen entsprechenden Vorstoß:

Beim Thema Schwimmunterricht an der Schule sind sich die muslimischen Vereine in Mainz einig: Dieser soll ab der Pubertät für Jungen und Mädchen getrennt stattfinden.

Auch für Transsexuelle gibt es übrigens Schutzräume in Schwimmbädern mit getrennten Badezeiten – aus Schutz vor Diskriminierung.

Ich bin auch kein Fan davon, Muslimen während der regulären Öffnungszeiten gesonderte Badezeiten einzuräumen, erinnere mich aber auch gut an Schwimmzeiten für Schwangere in öffentlichen Bädern. Herr Kunkel mag das aber gar nicht einsehen, dass Muslime eventuell ein anderes Gefühl für Nacktheit haben und scheint nicht zu wissen, dass es bspw. für muslimische Frauen Burkinis gibt – eine gute Alternative, wie mir scheint. Ob ein Ort darüber hinaus nochmal gesonderte Schwimmzeiten einführen möchte – nun, ich halte die Debatte für überflüssig und man sollte das nach örtlichen Gegebenheiten lösen. Getrennten Schwimmunterricht, wenn es möglich ist – das sah ja auch der Bundesgerichtshof so. Wenn ich mir unseren Gemeindehaushalt anschaue, dann scheint mir das hier zum Beispiel kaum möglich.

Jedenfalls folgte eine Tirade nach der anderen – einerseits vom einen oder anderen Piraten – und vom Bürgermeister Kunkel. Meine Erfahrung mit Piraten ist ja, dass sie auf Kritik meistens mit völligem Unverständnis oder gar sinnlosen Gegenangriffen reagieren.

Ich habe mich dabei vor allem gegen die Begriffe „Gutmensch“ und die negative Konnotation  von „Gender Mainstreaming“ gewandt – noch dazu in einem Kontext beim Herr CDU-Bürgermeister. Wenn man den gesamten Thread verfolgt, wird man noch ein paar Piraten finden, die sich für die Unverfänglichkeit dieser Begriffe verwendet haben.

Zu Gutmensch gibt es einen Wikipedia-Artikel – und im Zusammenhang mit „Muslimen“ und vermeintlichen „Sonderrechten“, die sie einfordern, bekommt das ganze einen antimuslimischen Imperativ. Dagegen habe ich mich gewandt. Denn es ist der selbe Imperativ, der von den Rassisten von Pegida und anderen Rechtsaußen benutzt wird, um von Schutzsuchenden und anderen Zuwanderern zu verlangen, sie mögen sich bitte anpassen. Diese Anpassung bedeutet aber dann Assimilation, wie ich es hier formuliert habe:

Gender Mainstreaming bedeutet:

Gender-Mainstreaming, auch Gender Mainstreaming geschrieben, bedeutet, bei allen Entscheidungen auf allen gesellschaftlichen Ebenen die unterschiedlichen Lebenssituationen und Interessen von Frauen und Männern zu berücksichtigen, um so die Gleichstellung der Geschlechter durchzusetzen.

Für den Bürgermeister übrigens „Genderkäse“.

Ob die Gleichstellung der aller Geschlechter durch GM überhaupt durchzusetzen ist, sei dahingestellt. Aber das Kuriose daran ist, dass dieser Tweet ja deutlich macht, dass der Herr Bürgermeister gar nicht erkannt hat, dass es hier schlicht einen Zielkonflikt gibt: will ich Rücksicht nehmen auf die Belange einer Minderheit oder will ich das nicht, weil die Einschränkung für die Mehrheit zu bedeutsam wäre.

Was aber hier passiert, ist, dass zwei Stereotype, wie ich sie immer und immer wieder von Leuten aus dem Pegida-Umfeld zu hören bekomme, reproduziert werden: Muslime (und andere Zuwanderer) müssen sich anpassen, sie haben nichts zu fordern (so wie ja jetzt Asylbewerber_innen bzw. Schutzsuchende Asylforderer heißen) und wer verkennt, dass diese eine ungerechtfertigte Forderung ist, der ist ein Gutmensch, ein Naivling, der Gutes tun will und das Schlechte dabei herbeiführt. Ich weiß nicht, was daran schlecht sein soll, einer Minderheit wegen ihres Schamgefühls ein/zwei Stunden extra Badezeit in den Randstunden der Öffnungszeiten zu ermöglichen. Das wäre schlicht ein wenig Empathie. Müsste aber nicht sein – und es wird ja auch nicht überall verlangt.

Dass aber am Ende weder von den meisten #Piraten, die das verfolgt haben, noch vom Bürgermeister eine Einsicht zu erkennen ist, dass sie die von Pegida vorgelegte Hatespeech reproduzieren und dabei auch nicht davon absehen, den politischen Gegner zu beleidigen, das macht dann schon nachdenklich. Hatespeech wird verharmlost – und ein Bürgermeister, der auch Asylbewerber_innen und Muslime in seinem Ort hat und für alle da sein soll – der verwendet die Sprache derjenigen, die ganz rechtsaußen stehen.

Ich war übrigens nicht der Einzige, der das so gesehen hat:

und die Reaktionen sind unter alle Sau, wenn ich das mal so sagen darf:

 

Wie wichtig es ist, den Rechten entgegen zu treten und auch ihre Sprache zu kritisieren und immer und immer wieder darauf hinzuweisen – hier kann man es sehen.

Und ich finde, dieser Kommentar, vor allem in der Verbindung zwischen GM und Gutmensch, verbunden mit unsachlicher Kritik an einer möglicherweise berechtigten Forderung, ist:

ein Hasskommentar, wie ihn Anja Reschke meint.

Denn:

Mit anderen Worten: Es ist völlig egal, ob die Nazis von früher das Wort erfunden haben. Entscheidend ist, dass die Nazis von heute sich den Begriff angeeignet haben. Es gibt zwar immer wieder Versuche von besonnenen Leuten, Gutmenschzurückzuerobern, und mit etwas gutem Willen kann man Harald Martensteins Satz, der in der „Zeit“-Reklame zitiert wird, als einen solchen betrachten. Doch wenn ein Wort so oft von Rassisten im Munde geführt wird, bleibt an ihm der Pesthauch der ekeligen Gesinnung haften.

aus:

Wer Gutmensch sagt, verdient sich seinen Shitstorm

Der lange Weg nach rechts: Vom alten mährischen Familiennamen ist Gutmensch zum Hasswort der Gegenwart geworden. Benutzen kann man es nicht mehr. Manche haben das allerdings noch nicht mitbekommen.

Der Bürgermeister von Eltville offenbar auch nicht.

der Tag danach

Heute morgen bin ich aufgewacht und was sofort bei dieser verbalen Entgleisung, die ich mir gestern geleistet habe. Es drängt in mir, aufzuschreiben, was mir dazu durch den Kopf geht.

Das Motiv

Ich wollte provozieren und ich wollte verkürzen. Und ich war verärgert. Ich erinnerte mich an einen Spiegelartikel von Vera Kämper, den ich sehr eindrücklich fand und in dem Katja Suding mit den Worten zitiert wird:

„Attraktivität hilft, Aufmerksamkeit zu bekommen“, erklärt die FDP-Politikerin,

und schon das fand ich ärgerlich. Nicht, dass ich sie wegen ihrer vermeintlichen Attraktivität als nicht intelligent empfand, sondern weil ich finde, dass Äußerlichkeiten, als Attribut im Wahlkampf nichts verloren haben. Weder bei Frauen noch bei Männern. Es gibt und gab recht breite Debatte über Schröder in teuren Anzügen mit den Insignien der Macht – teuerer Anzug, Rotwein und Zigarre – und es scheint mir zweifelhaft, ob sich ein Mann als „James Bond“ inszenieren würde, um Stimmen zu fangen – naja, außer er ist bei der: FDP. Das obige Zitat entlarvt die Kampagne auch soweit, dass sie einen Aspekt nach vorne stellt, der mit Inhalten nicht zu verknüpfen ist. Und es gibt durchaus Stimmen, die meinen Eindruck bestätigen:

Die FDP kämpft mit allen Mitteln. Lange Beine und mit Six Pack“ bis zu „Sex sells. Auch hier der bewährte Altherren-Schwenk. Top!!“

Interessant dabei auch, dass die Bläßing-Kampagne bundesweit kaum Aufmerksamkeit erzeugt hat. Auch das für mich eine Bestätigung meines Eindrucks, dass die sexistische Kampagne frauenzentriert ist. Viele Medien sprechen ja auch ganz bewusst von einer „sexy Kampagne“. Ich finde das schlicht unagemessen.

 

Die Wortwahl

Absolut unangemessen. Irgendwer twitterte gestern

aber dass DIESE Formulierung nicht gerade (ich sage mal) „glücklich gewählt“ war, konnte man eigentlich auch vorher wissen.

und das ist das, was mich ja am meisten an mir selbst ärgert. Selbstverständlich hätte ich mir denken können, was passiert, wenn man so Worte wählt. Und spätestens heute morgen mit dem Aufwachen ist es auch ganz deutlich. Ich wollte den Sexismus anprangern, dabei provokant sein – und habe mich sexistisch geäußert. Das ist durch nichts zu rechtfertigen – kurzfristige geistige Umnachtung  vielleicht gerade noch. Ich fand vor allem auch nach der Brüderle-Geschichte, dass ausgerechnet eine FDP-Spitzenkandidatin genau die Klischees widerspiegelt, die damals so viel begründete Entrüstung hervorgebracht hatten, eine Respektlosigkeit sondergleichen. Und bin dabei selbst respektlos geworden. Sowas darf nicht passieren.

Dazu hab ich den Tweet abgesetzt – und war dann für ne halbe Stunde außer Haus ohne PC und Smartphone, danach hab ich meine Familie bekocht und so ne ganze Zeit nicht so recht mitgekriegt, dass der Sturm am Himmel aufzieht – sonst hätt ich den Tweet sofort gelöscht und mich sofort entschuldigt. Zwischendurch dacht ich dann mal: naja, halb so wild, dass sich ein paar FDPler aufregen, ist ja klar – aber während ich mir den englischen Patienten auf arte angesehen habe, hab ich auch nichts mehr mitgekriegt. Erst danach saß ich wieder am PC – aber da war es schon zu spät. Ich bin, entgegen meiner sonstigen Art, weggetaucht.

Mein eigenes Frauenbild wurde mir dabei per Twitter entgegengehalten. Ich hab mich dazu ja im Rahmen des #aufschreis geäußert:

Mich macht es als Mann unsicher, wenn ich das Gefühl bekomme, ein nicht vermeidbarer Blick auf einen Busen macht mich schon zum Sexisten. Dabei ist mir das selbst unangenehm.

Und der Blick sollte dahin gelenkt werden. Mit tiefen Dekolletee, mit Oberkörperprofilfotos. Das lass ich mir auch nicht ausreden. Aber mit meiner eigenen Ablehnung deshalb – da muss ich was unternehmen.

…weil ich nicht mehr unbefangen bin. Und das wäre ich gern.

Insofern kann ich nur wiederholen: ich empfinde Scham und es tut mir sehr leid.

Fasching und der liebe Alkohol

am 11.11. um 11:11 Uhr beginnt die 5. Jahreszeit – die Fastnachts/-Faschings-/Karnevalskampagne. Bis Ende Januar/Anfang Februar bekommt davon meist wenig mit, dann beginnen die Umzüge. Nicht nur an den sogenannten „närrischen“ Tagen, sondern meist weit davor, vor allem hier in der Gegend. In den letzten Jahren haben sich zudem als Publikumsmagnet sogenannte Nachtumzüge heraus kristallisiert – bei denen es jedoch leider immer wieder zu Saufgelagen kommt, vielfach junge Menschen schon angetrunken dort erscheinen und dementsprechend auffallen. Oft genug geht das dann mit gewalttätigen Auseinandersetzungen, Pöbeleien, Krankenhausaufenthalten einher. Ganz aktuell gab es einen Vorfall in Bühl:

Gegen 18.30 Uhr waren rund 300 Jugendliche mit einem Regionalzug aus Norden angekommen, die allesamt versuchten, den einzigen Linienbus in Richtung Unzhurst zu stürmen. Weil einzelne ‚Fahrgäste‘ bereits Notausstiege zerstörten und sogar auf das Dach des Busses kletterten, war an eine Personenbeförderung nicht mehr zu denken. Weitere ‚Fahrgäste‘ ließen ihren Unmut über den schließlich ausgefallenen Transfer am Inventar des Busses aus. Die hinzugerufene Polizei konnte zwar die eskalierte Situation beruhigen, der Bus allerdings war für eine ordnungsgemäße Personenbeförderung nicht mehr zu gebrauchen.

und zusammenfassend:

Mehrere Anzeigen wegen Köperverletzungsdelikten, zwei Sachbeschädigungen, vier Beleidigungen, ein Diebstahl und drei Gewahrsamnahmen sind die vorläufige Bilanz der Bühler Polizei nach dem Nachtumzug in Unzhurst in der Nacht zum Samstag. Der Hästrägerverein „Wildsäu vom Hungerberg 1998 e.V.“ zogen die Konsequenzen aus ähnlichen Vorfällen am letztjährigen Nachtumzug in Haueneberstein (16.02.2012). Der Umzug findet dieses Jahr nicht mehr statt.

Es ist schon ein schockierend. Aber neben Verboten, Zwangsmaßnahmen und dem großflächigen Einsatz von Alkoholpräventionsteams in Form besorgter Eltern gehört doch etwas Ursachenforschung dazu. 300 Jugendliche kommen mit dem Zug an. Ein Bus (50 Plätze nehme ich an) stehen zur Verfügung. Das nenne ich eine schlechte Vorbereitung, zudem das vermutlich im Zug feststellbar war. Keine Kommunikation zwischen Bahnpersonal und lokalen Behörden/Polizei/Veranstalter. Schlecht. Kann man sich ja eigentlich denken, dass da ein Bus nicht genügt. Sonderbusse wären notwendig gewesen. Nichtsdestotrotz muss man sich fragen, was in eine Horde Jugendliche fährt, die einen Bus deshalb demolieren. Alkohol? Und wieso werden nur einige Personalien aufgenommen? Und nicht alle? Fragen über Fragen.

Eine Antwort könnte heißen: Enthemmung und Kontrollverlust. Und dazu fällt mir ein Gespräch mit einer Schulkameradin ein, das ich vor kurzem bei einem Bier(!) hatte. Da wir beide Kinder in dem Alter haben, in dem wir waren, als wir uns wegen der Schulpflicht noch täglich sahen, haben wir uns zwangsläufig auch über „solche“ Themen unterhalten. Meine großen Söhne trinken auch Alkohol, auch manchmal zu viel (da findet man dann einen morgens auf der Couch statt im Bett). Und einen musste ich mal frische Kleider in die Klinik, wo er zur Entnüchterung war, bringen. „Man“ kennt sich also aus. Wir waren uns einig, dass auch früher Alkohol getrunken wurde. Ich war lange Jahre im Karnevalsverein als Blasmusiker aktiv, Alkohol war da immer ein Thema. Und ja, es konnte nicht immer verhindert werden, dass schon Unter-16-jährige Alkohol tranken, aber ab der Grenze war es dann „normal“. Die Sommer verbrachten wir musizierend und feiernd  in Bierzelten und anderen Festen, Fasching auf den Straßen in der Region und als Gastmusiker auf Prunksitzungen, der Verein unternahm auch mal Ausflüge oder Besuche in Partnerstädten, verbunden mit mehr oder weniger langen Busfahrten. Ich spielte Fußball – auch da war Alkohol trinken gang und gäbe. Meist Bier, aber auch sowas wie „gedopte“ Asbach Uralt – das aber dann eher in der Faschingszeit. Und auch damals gingen schon auf Umzügen an Fasching Schnapsflaschen durch die Reihen.

Ich kann eigene Volltrunkenheit an einer Hand abzählen – für mein ganzes 47-jähriges Leben wohlgemerkt. Ich hatte öfter mal einen Affen, wie man hier sagt.  Aber das war es. Aber meine „alte Bekannte“ und ich waren uns einig – wir kannten unsere Dosis. Weil wir probiert haben. Und es nicht ständig Aktionen gegen Trinken gab, keine moralische Entrüstung, keine Elternaktionen, bei denen Eltern mit irgendwelchen Sprüchen auf Jugendfestivals rumlaufen und aufpassen, dass niemand (zuviel) Alkohol trinkt. Es gab Ecken, da war man unter sich – und da hat man sich ausprobiert. Heute wartet an jeder Ecke ein Sittenwächter. Keine Prohibition – aber Komasaufen kommt nicht alleine von Jugendlichen, die zuviel saufen, weil sie das wollen – sondern auch, weil sie nicht gelernt haben, mit der Droge Alkohol umzugehen. Wie kleine Kinder, die ganze Tafeln Schokolade essen – und es ihnen anschließend schlecht geht. Es gab geschützte Räume – und wenn’s zuviel wurde, ist auch mal ein Erwachsener eingeschritten. Und hat weder sofort die Polizei noch die Eltern informiert.

Alkohol ist eine gesellschaftlich anerkannte Droge. Überall zugänglich, Teil von Ritualen wie Fassanstiche. Der Bierpreis auf Oktoberfest und Canstatter Wasen ist jedes Jahr eine Schlagzeile wert. Jugendlich müssen auch mal über die Stränge schlagen dürfen – damit sie rausfinden, was gut – und was nicht gut für sie ist. Ein Glas Bier unter Papas Augen ist kein „ausprobieren“. Etwas mehr Gelassenheit würde uns allen in dieser Frage gut tun – und beim nächsten Nachtumzug ein paar Busse mehr wären auch nicht schlecht.

Vater sein

Der Till Westermayer inspiriert mich zu einem Artikel über Familie. Hab ich lange nicht gemacht, obwohl sie doch im letzten Jahr nach dem Tod meiner Exfrau eine ganz neue Bedeutung bekommen hat.

In der ZEIT ist aktuell ein Text zu lesen, in dem zwei Väter sich beklagen. Weil … das wir nicht so ganz klar. Irgendwie klappt es nicht so richtig mit der Vereinbarkeit von Beruf und Familie, Kindern und Karriere. Sie fühlen sich schlecht, weil sie, wenn sie denn schon mal Zeit für das Kind haben, doch berufliche SMS schreiben, und überhaupt: Überforderung. Und dann: Ratlosigkeit. Ich kann das zum Teil nachvollziehen

schreibt er. Ich hab den Artikel auch gelesen und entdecke in ihm Parallelen zu diesem Text, ebenfalls aus der Zeit. Es geht letztendlich darum, wie ein gutes Leben mit Kindern aussehen kann. Bei dem „Vereinbarkeitstext“ geht’s mir ähnlich wie Till, der schreibt:

Verzicht auf Perfektion aber nicht nur auf der Karriereseite, sondern auch auf der Kinderseite: Kinder großzuziehen, ist, sollte, finde ich, Alltag sein. Familienarbeit heißt eben auch Kochen, Waschen, Putzen, Kinder ins Bett bringen, … und nicht nur: »Qualitätszeit«.

Darüber hinaus – und das fehlte mir und ich wollte es nicht nur bei ihm kommentieren – gehört auch, dass man sich und seine eigenen Bedürfnisse ernst und wichtig nimmt – und diese auch lebt. Die beiden Journalisten reklamieren Sigmar Gabriel, der 3 Monate „Auszeit“ genommen hat und sich  trotzdem um seinen Beruf gekümmert hat:

Gleich in den ersten Tagen twitterte er ein Bild von sich, vor dem Laptop sitzend, die Kaffeetasse in der Hand: „Mariechen ist abgefüttert, der Kaffee ist da, also kann’s losgehen :-))“. Und dann diskutierte er online eine Stunde lang über die Rente, den Euro, die SPD. Genau das ist er doch, der tägliche Selbstbetrug:

Und? Ist das nicht okay? Die Krux ist doch, dass man sich selbst so völlig unwichtig nimmt, dass man gar nicht mehr vorkommt oder zumindest in angemessenem Abstand zum Lebensmittelpunkt „Kind“, dass einem gar nichts mehr übrig bleibt, als zum Helikopter-Elter zu werden. „Hyperprotektion“ nennt es Nina Pauer in der Zeit. (Leider verliert sie ein bisschen den Faden und diskriminiert echte Allergien/Unverträglichkeiten wie Laktose-Intoleranz. Wir wissen hier wie das ist, wenn ein Kind nach einem halben Glas „normale“ Milch erst mit Bauschmerzen auf der Couch liegt – und dann aufs Klo rast. Sowas ist vermeidungspflichtig). Aber im Grund genommen ist es das: der Wusch, alles Schlimme und Böse von den Kindern fernhalten. Das Kind soll die Eltern cool finden, am besten noch vom Kind während der Pubertät zum Kumpel mutieren (weshalb man sich auch noch mit 49 jugendlich kleiden muss und bei Primark und H&M einkauft), nur die beste Bildung erhalten und bloß nie krank werden. Deshalb findet Sagrotan einen reißenden Absatz – ich nenne es bei mir immer die Generation „Sagrotan“, die garantiert ohne einer einzigen Bakterie in der Umwelt getroffen zu haben, groß wird – und fahren Mütter und Väter ihre Kinder zur Schule und Kindergarten.

Ich habe 5 (6) Söhne. Mit zwei Frauen. Meine erste Frau hatte glücklicherweise muss ich schon fast sagen, schon ein Kind, als wir uns kennen gelernt haben. Das hat entspannt – wie Pauer richtig schreibt, war beim ersten eigenen Kind nicht immer dauernd alles neu für mich. Also hab ich eigentlich 6 Söhne. Ich selbst bin halt auch irgendwie kein Superpapa. Ich spiele nicht gerne. Weder Brettspiele, noch Indianer und Cowboy, ich finde selbst erfundenes Theater meiner Kinder langweilig und interessiere mich kein bisschen für den Inhalt der Computerspiele und zum Fußballspielen (der Kleinste) nehme ich mein eBook mit oder fahre währenddessen einkaufen. Wenn er ein Supertalent ist, werd ich das rechtzeitig erfahren und wenn ich nur jedes zweite Tor von ihm sehe, wird die Welt – weder seine noch meine – untergehen. Ich will wissen, was in der Schule läuft – aber nicht jedes Detail. Ich will wissen, wer seine Freunde sind – kann mir aber auch nicht immer alle Namen aller Kinder merken, die ich noch nie gesehen hab. Die, die schon mal hier waren, kenne ich. Ich hab bis heute nicht mit allen Eltern aus der Schule telefoniert, kenne aber die meisten zumindest vom sehen  – auf einer freien Schule bist du mehr anwesend als bei einer regulären. Ich mach mir Sorgen – vor allem nach den zwei Unfällen im letzten Jahr, die beide hätte das Leben kosten können – aber ich werd den Teufel tun, sie ab da einzusperren.

Und ich hab ein eigenes Leben. Eines, das einen 40-Stunden-Job beinhaltet und sicherlich nochmal 10 Stunden Politik in der Woche – Sitzungen, Blogbeiträge, Facebookdebatten, Anträge schreiben, Wahlprogramme lesen, zu Parteitagen und AG-Sitzungen fahren, …). Ich mache nebenberuflich eine Ausbildung in Transaktionsanalyse mit 6 Wochenenden im Jahr + Lesen und Lernen, damit mein Quereinstieg in die Sozialpädagogik ein fachliches Fundament erhält.

Aber als im letzten Jahr meine Exfrau starb, mit der ich mich lange gestritten habe – viel um Geld, direkt (Unterhalt) und indirekt (wer versichert die Kinder) und natürlich auch um Verletzungen vielerlei Art – hab ich erst um sie getrauert und tue dies immer noch. Und hab versucht, so gut wie möglich für meine großen Söhne, die gerade alle drei im Umbruch entweder aus (abgebrochenem Studium) ins Berufsleben oder Ausbildungsplatzsuche oder Schule in „was will ich werden“ standen. Ich habe Waisenrentenanträge ausgefüllt, aktuell einen Grabstein für das Grab organisiert, weil der Witwer das scheinbar nicht auf die Reihe kriegt und es ihnen wichtig ist, ich hab versucht, sie zu trösten, ich hab versucht, heraus zu finden, wie man bei drei erwachsenen Söhnen mehr präsent ist, ohne zu übertreiben und es damit irgendwie zu entwerten und ohne sie zu vernachlässigen. Es scheint mir gut gelungen zu sein, wenn ich ihre Raktionen richtig werte.

Und ich mache morgens die Kinder fertig  (meine Frau ist ein Morgenmuffel und ich mit dem ersten Hahnenschrei normalerweise wach), mache meinen Teil des Haushaltes, bring den größeren der beiden auf die Straßenbahn, weil ich eh in die gleiche Richtung muss und den kleinen auf dem Weg dahin in die KiTa. Ich versuche, gemeinsam mit meiner Frau, ihnen möglichst viel Freiraum für ihre Entwicklung zu geben. Sie herausfinden zu lassen, was sie wollen. Dazu gehört Klavier – weil es in der freien Schule ein Musikzimmer gab, auf dem man in freien Schulen einfach so rumklimpern kann und der Wunsch so aus dem Kind entstehen kann. Dazu gehört Sport. Dazu gehören Grenzen (Schmatz nicht, man sagt Danke und Bitte und solche Dinge) und Regeln.

Kinder müssen frei sein, sich selbst zu finden. Kinder sind eigenständige Wesen, die niemandem gehören, außer sich selbst. Sie sind kein Selbstverwirklichungsobjekt und wollen ab der Pubertät wenig mit uns Eltern zu tun haben. Wenn wir Glück haben und wir nicht allzuviel falsch gemacht haben, ändert sich das wieder. Und wenn Kinder lernen sollen, wer sie selbst sind und was sie glücklich macht – dann brauchen Sie dafür Vorbilder von Menschen, die das auch wissen – und sich selbst den Raum geben. Manchmal in zeitlichen Konflikt – aber in der Abwägung um Zeit oder nicht dürfen nie immer die Kinder gewinnen. Ich liebe meinen Job so wie meine Frau den ihren liebt – das können die Kinder erfahren, wenn wir davon sprechen oder sie damit in Berührung kommen. Ich liebe mein Hobby Politik – und die Kinder konnten erfahren, dass ich in der Abwägung zu anderen Hobbies auch Dinge sausen lies, was mir auch Spaß gemacht hat.  „Meine Kinder“ sind ein wichtiger Teil meines Lebens, aber eben ein Teil und nicht mein „Ein und Alles“. Ich würde alles für sie tun – aber doch nicht dauernd – sondern wenn sie es brauchen. Klar, wenn einer der Großen anruft, dass er pleite ist und er Geld braucht, dann kriegt er Geld. Aber wenn er es zurückzahlen kann – dann soll er das auch tun. Nicht weil wir es (immer) brauchen – sondern weil er Verantwortung für sich selbst hat, wenn er erwachsen ist.

Ich kann nicht alles Böse von ihnen fernhalten. So sehr es mir weh tut – sie müssen Enttäuschungen kennen lernen, Streit mit Freunden, Trennungen, Misserfolge, Niederlagen, Streit mit den Eltern, sterbende Haustiere und Großeltern. Als ich sechs Jahre alt war, ist meine Oma, zu der ich einen starken Bezug hatte, gestorben. Ich durfte aus Überbehütung meiner Eltern nicht mit auf die Beerdigung. Ich bin heute, 41 Jahre später, zwar etwas milder – aber immer noch unglaublich zornig auf sie deshalb. Wer in der Welt und der Gesellschaft (über)leben soll, der muss lernen, wie sie funktioniert und was das Leben ausmacht – Geburt, Leben, Streben, Tod.

Bin ich ein Rabenvater? Keine Ahnung. Ich hab für mich und hoffentlich auch für meine Kinder einen Weg gefunden, mit dem wir alle leben können. Ja, ich könnte mehr präsent sein. Die Frage ist, ob ein unzufriedener, präsenter Vater irgendwem etwas bringt. Leben mit Kindern heißt, sie zu lehren, dass sie wichtig sind – für mich, aber eben auch für sich. Wenn  ich ihnen vorlebe, dass ich selbst nicht mehr wichtig bin, weil sie auf der Welt sind – wie sollten sie lernen, dass sie selbst wichtig sind?