Archiv der Kategorie: Familie und Gender

Alleinerziehend – alleine gelassen

Noch während ich den Satz lese, explodiert der Zorn in meinem Bauch. Es ist ein alter Zorn, nicht mehr so mächtig, wie er war und er ist lange nicht mehr so heiß. Aber er ist mehr als eine Erinnerung an ein Gefühl, er ist präsent und er ist wohl bekannt. Es ist das Gefühl, dass eine Ungerechtigkeit geschieht und dass sie geschieht, hängt damit zusammen, dass die, die darüber entscheiden, nicht wissen wollen, was sie anrichten.

Die Sätze, die ihn auslösen, gehen so:

Es ist weiterhin unklar, ob jene Mütter und Väter, die von ihren getrennten PartnerInnen keinen Unterhalt für ihre minderjährigen Kinder bekommen, bald mit mehr Geld vom Staat rechnen können.

Die 16 MinisterpräsidentInnen der Länder, die sich am Donnerstag darüber mit dem Bund verständigen wollten, machten eine Einigung zur umstrittenen Reform des Unterhaltsvorschusses davon abhängig, ob die höheren Kosten dafür fair zwischen Bund und Ländern verteilt werden.

Es ist sehr egal, wie die Kosten zwischen Bund und Ländern verteilt werden – denn derzeit werden sie alleine den Alleinerziehenden angelastet – und das war schon immer falsch.

Unterhaltsvorschuss gibt es für die Alleinerziehenden – ich bevorzuge ja eigentlich immer noch Getrennterziehende – deren Expartner, der nicht mit den Kindern zusammen lebt, keinen Kindesunterhalt bezahlt.  Ich kenne dieses Problem aus langen Jahren Präsenz in Expartnerforen und vor allem aus eigener Erfahrung. Meine eigene Erfahrung dazu ist darüber hinaus die eines alleinerziehenden Mannes. Was der Sache noch einmal eine besondere Würze gibt.

Exkurs: „alleinerziehend“ ist man, solange man mit einer/m neuen Partner*in verheiratet ist, Zusammenleben ändert diesen Status nicht. (Die 1950er Jahre haben angerufen und wollen abgeholt werden)

Unterhaltsvorschuss gibt es für Kinder für maximal 72 Monate und bis maximal dem vollendeten 12. Lebensjahr. (Bis dahin werden die Frauen, für dieses Gesetz vermutlich mal geschrieben war, wohl wieder einen neuen Mann, der sie und das fremde Kind versorgt,  gefunden haben^^). Danach müssen die Eltern, deren Kinder unterhaltsberechtigt sind, alleine klar kommen (wenn sie schon keinen mehr ab bekommen oder gar in wilder Ehe leben^^). So ist das Gesetz seit ich es kenne und es ist, seitdem ich es kenne, ein schlechtes Gesetz. Politiker*innen, die darüber sprechen, nutzen die Gelegenheit immer, über die schlechte Zahlungsmoral der Väter zu spekulieren und wie die sich grundsätzlich arm rechnen, damit sie ihren Kindern keinen Unterhalt zahlen müssen. Über zahlungsunwillige Mütter reden sie dabei nie.

Wenn der Staat Unterhalt bezahlt, tritt er für die/den säumigeN Zahler*in ein. In der Regel beantragt man dann zusätzlich eine Beistandschaft, um die Unterhaltsansprüche auch durchzusetzen oder sich zumindest einen einklagbaren Unterhaltstitel zu besorgen.

Ist das Kind dann aber plötzlich – und wer Kinder hat, weiß, wie schnell das gehen kann – 6 Jahre alt oder 6 Jahre lang ohne zweite Erziehungsperson im Haushalt oder wird gar noch 12 Jahre alt während dessen – dann ist es vorbei damit, das der Staat hilft.

Dann muss man die Weihnachts- und Geburtstagsgeschenke, die Klassenfahrten, die durchlöcherten Jeans, den geänderten Modegeschmack, den Wachstumsschub, den PC, damit das Kind auch beim digitalen Lernen, das ja alle Kinder brauchen, mitmachen kann und alles andere eben auch noch, alleine bezahlen. Wenn man Glück hat, kriegt man Job und Kind unter einen Hut und Kind dann auch noch gut betreut – wenn man Pech hat, nicht. Die Ministerpäsidenten interessiert das nicht, Herrn Schäuble sowieso nicht – solche Probleme gibt’s in katholischen Familien nicht – die interessieren alleine die Kosten der Staatskasse – nicht die Sorgen und Nöte derer am anderen Ende der gesellschaftlichen Leiter. Denn wieso soll der Staat denn für all diese Drückeberger (nicht gegendert!) bezahlen? Diese Haltung bleibt gleich – auch wenn die Finanzminister, die Kämmerer der Landkreise wissen, dass sie, selbst wenn sie mal wieder zum großen „wir holen uns den Unterhaltsvorschuss zurück“-Hallali blasen, sie immer nur ca. 1/4 der säumigen Zahler*innen dazu bringen können, zu bezahlen.

Derzeit zahlen die Jugendämter der Kommunen den Unterhaltsvorschuss und holen sich das Geld von den Vätern – und wenigen Müttern – zurück. Doch die „Rückholquote“ ist gering: Nur knapp ein Viertel fließt wieder zurück in die öffentlichen Kassen.

Weil die auch nicht mehr verdienen, weil die sich gar nicht arm rechnen, weil die vielleicht auch eine neue Beziehung haben und möglicherweise noch ein Kind bekommen haben,  weil sie keinen Job finden, der sie ernährt, undundund (kein Exkurs über ausbeuterische Arbeitsverhältnisse).

Ich habe es als alleinerziehender Vater erlebt: drei Kinder aus dieser ersten Ehe, einer ist 1998 zu mir gezogen. Ich war unterhaltspflichtig für 2 Kinder, sie war unterhaltspflichtig für eines. Ich habe gearbeitet, sie nicht. Ich habe meistens bezahlt – auch mal nicht, wenn ich arbeitslos war oder zu wenig Geld verdient hab – aber immer zumindest in Teilen und immer so viel ich konnte. Sie nicht. Da hat keine Beistandschaft geholfen. Sie hätte arbeiten können – hat aber keine Stelle „gefunden“ – das Arbeitsamt hat nicht den geringsten Druck auf sie ausgeübt. Sie hatte zwar gearbeitet – aber das nicht „offiziell“. So überwies ich meistens Unterhalt für 2 Kinder an sie – sie keinen an mich. Auch als der Jüngste dann mit 15 zu mir zog – keinen Cent. Ich will das alles nicht vertiefen – sie ist gestorben und es ist alles lange her.

Und trotzdem bleibt der Zorn auf dieses System, dass uns mit dieser Situation völlig alleine gelassen hat. Sie konnte oder wollte nicht, wohl beides und der Staat, dem Kinder so wichtig sind, Ehe und Familie unter den Schutz des Grundgesetzes gestellt hat, der lässt all diejenigen, die nicht für ihre Kinder zahlen können genauso im Stich wie die, die darauf angewiesen sind, dass das Geld kommt. Denn es ist ja in aller Regel nicht so, dass man gerne keinen Unterhalt bezahlt.

Es hängt soviel damit zusammen – wenn man sich trennt. Nehmen wir den Durchschnittsverdiener:

Verheiratet, ein Kind, 35.000 € im Jahr. Er oder sie verdient mit einem Kind und einem halben Kinderfreibetrag rund 2136,00 €. Wenn er/sie sich trennt, sind es nur noch 1882,00 € – weil er/sie sofort in die Steuerklasse 1 kommt. 250,00 € muss er sofort mehr an Steuern bezahlen. Und auch Steuerklasse 2 bedeutet einen sofortigen Einkommensverlust von 200 €.  Dabei müsste es ja anders sein: jetzt ist doppelte Haushaltsführung angesagt, Dinge müssen neu beschafft werden, Kinderzimmer in beiden Haushalten vorgehalten werden. Das Leben wird sofort teurer – Vater Staat, sind Kinder und Familie nur solange wichtig, wie sie in trauter Eintracht mit Trauschein leben. Steuerermäßigende doppelte Haushaltsführung gibt es nur aus beruflichen Gründen – nie aus Gründen der Lebensführung.

Und wenn das gemeinsame Kind schon 12 Jahre ist – dann müssen das beide irgendwie stemmen.

Das ist mein Zorn, meine Wut.

Von der Reform profitieren laut Schwesig 260.000 Kinder. Unter ihnen insbesondere Mütter mit geringen Einkommen, die durch mehr Unterhalt aus der Armutsfalle geholt werden könnten. Hartz-IV-EmpfängerInnen haben nichts von dem erweiterten Unterhaltsvorschuss, weil die Leistung mit dem Sozialgeld verrechnet wird.

Aber Hauptsache, der Haushalt der Länder und des Bundes stimmen. Ach so – und ganz am Ende fällt mir noch ein:

Schlechte Bildungschancen stehen in engem Verhältnis zu materieller Armut. Und von Armut sind in Deutschland rund zehn Prozent aller Kinder betroffen – das sind 1,5 Millionen Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren. Im internationalen Vergleich liegt Deutschland damit im Mittelfeld der wirtschaftlich am weitesten entwickelten Staaten – so das Ergebnis der UNICEF-Vergleichsstudie „Child Poverty in Rich Countries 2005“. Den engen Zusammenhang zwischen Bildungsabschlüssen und sozialer Herkunft sprach auch Bundespräsident Horst Köhler in seiner Berliner Grundsatzrede an. Er forderte Chancengleichheit im Bildungssystem: „Bildungschancen sind Lebenschancen. Sie dürfen nicht von der Herkunft abhängen.“

Das meine ich. Darüber geredet wird schon lange (deshalb ein Köhler-Zitat). Gefordert wird schon lange. Jetzt könnte man endlich etwas tun. Aber:

DSGB-Geschäftsführer Gerd Landsberg forderte vor dem Treffen der Ministerpräsidenten, Bund und Länder müssten „sämtliche Mehrkosten“ übernehmen, die den Kommunen entstehen. Inklusive der Personal- und Sachkosten.

Wie wäre es denn damit: Die Kosten tragen nicht länger die Väter und Mütter, wenn sie nicht können und ihr streitet Euch so lange ihr wollt, wer die Kosten übernimmt. Bis dahin ist der, der bestellt, der, der bezahlt. Es ist ein Bundesgesetz, der Herr Schäuble ist hat eh ne schwarze Null und alles andere kann so schwer nicht sein.

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Eltern in der Politik

Es gibt Dinge in der Politik, da komm ich aus dem Staunen nicht mehr heraus. Eltern in der Politik ist so eine Initiative.

Die Fraktionen des Deutschen Bundestages und aller Landtage, unsere Parteien von der Bundes- bis zur Gemeindeebene und alle Mandats- und Amtsträgerinnen und -träger Deutschlands sind eingeladen, sich öffentlich selbst zu verpflichten, achtsam mit den familiären Belangen der Menschen, die sich politisch engagieren oder die im politischen Bereich arbeiten, umzugehen.

Heute konnte ich lernen, dass die Reihenfolge kein Zufall ist.

Es folgte eine weitere Debatte, unter anderem mit Till Westermayer und Daniel Holefleisch

elternsonntagfrei

Franziska befürwortet, dass auch unsere Parteitag nicht mehr an Sonntage stattfinden sollten – analog zum Vorschlag von Kristina Schröder für die CDU. Wohlgemerkt: die CDU tagt Montag und Dienstag, sonntags tagt bei denen nur Vorstand und Präsidium.

Unsere (Bundes-)Parteitage finden von Freitag bis Sonntag statt – und die Zeit ist immer zu knapp. Eine ganze Reihe von Anträgen wird schon nicht mehr behandelt, sondern über dien Scoring-Verfahren ausgewählt – die Anliegen der Anträge, die keine ausreichenden Stimmen bekommen, werden zumindest in den Fachgremien behandelt. Liese man also den Sonntag weg – dann müsste man von Donnerstag bis Samstag tagen. Das ist äußerst arbeitnehmerunfreundlich.

Keine Frage, Politiker*innen arbeiten sehr viel, bis zu 16 Stunden/Tag in den Sitzungswochen, außerhalb derer mit vielen Abendterminen. Und auch da haben sie doch einiges an Wochenendterminen zu absolvieren. Wenn man kleine Kinder hat, ist das schwer miteinander zu vereinbaren.

Nur: es wurde ja niemand in den Bundestag gezwungen. Und: all die anderen Menschen da draußen, die ehrenamtlich Politik machen, die haben das selbe Problem. Und da sehr viele von ihnen eine Arbeitsstelle haben, können sie nicht einfach so unter der Woche mal nen freien Tag einplanen, um das auszugleichen oder halt erst um 11 Uhr anfangen zu arbeiten – nein, die meisten, die eine reguläre Arbeitsstelle außerhalb der Politik haben, haben eine 40-Stunden-Woche – und auch Familie und dann eben noch Wochenendtermine – denn wann bitte soll man mal ausgiebig politisch diskutieren, Programmentwürfe lesen, Anträge schreiben, sich in Themen einarbeiten? Viele Landes- und Bundesarbeitsgemeinschaften finden an Wochenenden statt – und die Abgeordneten, die dann mit der Basis diskutieren könnten, die wollen dann frei haben? Das kann’s ja irgendwie auch nicht sein! Abgeordnete sind privilegiert, verdienen viel Geld, können ihre Zeit einigermaßen frei einteilen und haben auch lange sitzungsfreie Zeiten in den Ferien – wofür normale Arbeitnehmer immer einen hohen Organisationsgrad benötigen, um die vielen Ferienwochen mit 24 Tage Mindesturlaub (oder manchmal auch ein paar Tage mehr) zu vereinbaren. Abgeordnete haben Geld genug, sich zumindest einen Babysitter zu organisieren und ihn gut zu bezahlen.

Ja, ich kann mir vorstellen, dass das nicht einfach ist – aber wer denkt an die Basis? Und wer denkt an all die Leute, die Partner*innen haben, die keinen Bock haben, in irgendeiner Stadt zu sein am Wochenende oder sonstwo, weil der/die Partner*in Politik „macht“? Weil sie eben keine Politik machen? Wo auch das Wochenende zur Erholung da ist?

So sehr ich verstehen kann, was diese Initiative bezwecken will – so wenig ist sie geeignet, dem Problem gerecht zu werden, das Ehrenamtliche haben. Da kann man nur sagen: Augen auf bei der Bewerbung um ein Mandat!

Ja, Bildungsurlaub, Franziska. Nach einem Jahr Wartezeit! Und wie lange hat es gedauert, das überhaupt durchzusetzen! Und ich bspw. bilde mich beruflich fort an sechs Wochenenden im Jahr plus Zusatztermine – ich muss auf jeden Fall Jahresurlaub, den ich auch für Zeiten mit meinen Kindern benötige, nehmen. Offenbar ist der Elfenbeinturm sehr hoch, in dem die Unterzeichner*innen der Initiative sitzen. So hoch, dass sie nicht sehen können, wie sehr sie die Arbeit von Ehrenamtlichen entwerten. Ich bin im Gemeinderat – ich hab auch ab und zu Wochenendtermine. Ich war jetzt 16 Jahre lang hyperaktiv in der grünen Partei – ohne meine Frau wäre das mit Kindern nie möglich gewesen. Da muss man dann halt sagen: ich mach Politik, der Partner*in hält mir den Rücken frei. Das sollte gehen mit der Höhe der Diäten und sonstigen Einnahmequellen. Und wer die Zeit mit den Kindern vermisst – der muss halt was anderes machen oder damit leben. Diejenigen, die in diesem Land prekär in mehr als einem Job arbeiten, denen geht da auch so – nur haben sie halt keine Wahl.

Kein Mitleid von mir. Und keine Unterstützung für diese Initiative. Denn sie ist ein Zeugnis davon, wie wenig man begreift, was ehrenamtliche Arbeit in Parteien ist, was sie die Ehrenamtlichen kostet, was diese aber aus Herzblut bereit sind zu geben und wieviel sie tun – in ihrer Freizeit. Für Dinge, die Abgeordnete letztendlich bezahlt bekommen. Diese Initiative ist in meinen Augen ein Affront gegen alle, die genau das tun – Politik um der Sache willen. Wer das im Mandat nicht hinbekommt – soll das Mandat niederlegen und was anderes machen. Tut vielleicht offenbar mal ganz gut.

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Hatespeech by Bürgermeister von Eltville

Eltville liegt in Hessen.

eltville

Und Eltville hat einen Bürgermeister, der twittert.  Er ist von der CDU, noch dazu von der CDU Hessen, da erwartet man als Grüner nicht all zuviel. Ich folge ja noch immer dem einen oder anderen Piraten, manchen aus Gewohnheit, manchen aus Faulheit, sie zu entfolgen und außerdem gehört ja auch der politische Gegner in die Timeline. Ich kenne nette Piraten und solche, mit denen ich noch nicht einmal ein Bier trinken will. In Karlsruhe bspw. ist einer, noch dazu im Vorstand, der zieht zwar immer über mich her – schafft es aber nicht, wenn er 10 Meter von mir steht und mich fotografiert, das Wort an mich zu richten. Was soll’s. Zurück zu Herrn Kunkel von der CDU. Über einen Piraten, dem ich folge, wurde ich auf folgenden Tweet aufmerksam:

Herr Kunkel bezieht sich auf Artikel wie den vom „Westen“ und es geht um die alte Frage: sollendürfen Muslime gendergetrennte Badezeiten verlangen bzw, wie es im Artikel heißt, ob Schwimmzeiten und Schwimmkurse für muslimische Einwohner eingerichtet werden können. Auch in Mainz gibt es einen entsprechenden Vorstoß:

Beim Thema Schwimmunterricht an der Schule sind sich die muslimischen Vereine in Mainz einig: Dieser soll ab der Pubertät für Jungen und Mädchen getrennt stattfinden.

Auch für Transsexuelle gibt es übrigens Schutzräume in Schwimmbädern mit getrennten Badezeiten – aus Schutz vor Diskriminierung.

Ich bin auch kein Fan davon, Muslimen während der regulären Öffnungszeiten gesonderte Badezeiten einzuräumen, erinnere mich aber auch gut an Schwimmzeiten für Schwangere in öffentlichen Bädern. Herr Kunkel mag das aber gar nicht einsehen, dass Muslime eventuell ein anderes Gefühl für Nacktheit haben und scheint nicht zu wissen, dass es bspw. für muslimische Frauen Burkinis gibt – eine gute Alternative, wie mir scheint. Ob ein Ort darüber hinaus nochmal gesonderte Schwimmzeiten einführen möchte – nun, ich halte die Debatte für überflüssig und man sollte das nach örtlichen Gegebenheiten lösen. Getrennten Schwimmunterricht, wenn es möglich ist – das sah ja auch der Bundesgerichtshof so. Wenn ich mir unseren Gemeindehaushalt anschaue, dann scheint mir das hier zum Beispiel kaum möglich.

Jedenfalls folgte eine Tirade nach der anderen – einerseits vom einen oder anderen Piraten – und vom Bürgermeister Kunkel. Meine Erfahrung mit Piraten ist ja, dass sie auf Kritik meistens mit völligem Unverständnis oder gar sinnlosen Gegenangriffen reagieren.

Ich habe mich dabei vor allem gegen die Begriffe „Gutmensch“ und die negative Konnotation  von „Gender Mainstreaming“ gewandt – noch dazu in einem Kontext beim Herr CDU-Bürgermeister. Wenn man den gesamten Thread verfolgt, wird man noch ein paar Piraten finden, die sich für die Unverfänglichkeit dieser Begriffe verwendet haben.

Zu Gutmensch gibt es einen Wikipedia-Artikel – und im Zusammenhang mit „Muslimen“ und vermeintlichen „Sonderrechten“, die sie einfordern, bekommt das ganze einen antimuslimischen Imperativ. Dagegen habe ich mich gewandt. Denn es ist der selbe Imperativ, der von den Rassisten von Pegida und anderen Rechtsaußen benutzt wird, um von Schutzsuchenden und anderen Zuwanderern zu verlangen, sie mögen sich bitte anpassen. Diese Anpassung bedeutet aber dann Assimilation, wie ich es hier formuliert habe:

Gender Mainstreaming bedeutet:

Gender-Mainstreaming, auch Gender Mainstreaming geschrieben, bedeutet, bei allen Entscheidungen auf allen gesellschaftlichen Ebenen die unterschiedlichen Lebenssituationen und Interessen von Frauen und Männern zu berücksichtigen, um so die Gleichstellung der Geschlechter durchzusetzen.

Für den Bürgermeister übrigens „Genderkäse“.

Ob die Gleichstellung der aller Geschlechter durch GM überhaupt durchzusetzen ist, sei dahingestellt. Aber das Kuriose daran ist, dass dieser Tweet ja deutlich macht, dass der Herr Bürgermeister gar nicht erkannt hat, dass es hier schlicht einen Zielkonflikt gibt: will ich Rücksicht nehmen auf die Belange einer Minderheit oder will ich das nicht, weil die Einschränkung für die Mehrheit zu bedeutsam wäre.

Was aber hier passiert, ist, dass zwei Stereotype, wie ich sie immer und immer wieder von Leuten aus dem Pegida-Umfeld zu hören bekomme, reproduziert werden: Muslime (und andere Zuwanderer) müssen sich anpassen, sie haben nichts zu fordern (so wie ja jetzt Asylbewerber_innen bzw. Schutzsuchende Asylforderer heißen) und wer verkennt, dass diese eine ungerechtfertigte Forderung ist, der ist ein Gutmensch, ein Naivling, der Gutes tun will und das Schlechte dabei herbeiführt. Ich weiß nicht, was daran schlecht sein soll, einer Minderheit wegen ihres Schamgefühls ein/zwei Stunden extra Badezeit in den Randstunden der Öffnungszeiten zu ermöglichen. Das wäre schlicht ein wenig Empathie. Müsste aber nicht sein – und es wird ja auch nicht überall verlangt.

Dass aber am Ende weder von den meisten #Piraten, die das verfolgt haben, noch vom Bürgermeister eine Einsicht zu erkennen ist, dass sie die von Pegida vorgelegte Hatespeech reproduzieren und dabei auch nicht davon absehen, den politischen Gegner zu beleidigen, das macht dann schon nachdenklich. Hatespeech wird verharmlost – und ein Bürgermeister, der auch Asylbewerber_innen und Muslime in seinem Ort hat und für alle da sein soll – der verwendet die Sprache derjenigen, die ganz rechtsaußen stehen.

Ich war übrigens nicht der Einzige, der das so gesehen hat:

und die Reaktionen sind unter alle Sau, wenn ich das mal so sagen darf:

 

Wie wichtig es ist, den Rechten entgegen zu treten und auch ihre Sprache zu kritisieren und immer und immer wieder darauf hinzuweisen – hier kann man es sehen.

Und ich finde, dieser Kommentar, vor allem in der Verbindung zwischen GM und Gutmensch, verbunden mit unsachlicher Kritik an einer möglicherweise berechtigten Forderung, ist:

ein Hasskommentar, wie ihn Anja Reschke meint.

Denn:

Mit anderen Worten: Es ist völlig egal, ob die Nazis von früher das Wort erfunden haben. Entscheidend ist, dass die Nazis von heute sich den Begriff angeeignet haben. Es gibt zwar immer wieder Versuche von besonnenen Leuten, Gutmenschzurückzuerobern, und mit etwas gutem Willen kann man Harald Martensteins Satz, der in der „Zeit“-Reklame zitiert wird, als einen solchen betrachten. Doch wenn ein Wort so oft von Rassisten im Munde geführt wird, bleibt an ihm der Pesthauch der ekeligen Gesinnung haften.

aus:

Wer Gutmensch sagt, verdient sich seinen Shitstorm

Der lange Weg nach rechts: Vom alten mährischen Familiennamen ist Gutmensch zum Hasswort der Gegenwart geworden. Benutzen kann man es nicht mehr. Manche haben das allerdings noch nicht mitbekommen.

Der Bürgermeister von Eltville offenbar auch nicht.

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der Tag danach

Heute morgen bin ich aufgewacht und was sofort bei dieser verbalen Entgleisung, die ich mir gestern geleistet habe. Es drängt in mir, aufzuschreiben, was mir dazu durch den Kopf geht.

Das Motiv

Ich wollte provozieren und ich wollte verkürzen. Und ich war verärgert. Ich erinnerte mich an einen Spiegelartikel von Vera Kämper, den ich sehr eindrücklich fand und in dem Katja Suding mit den Worten zitiert wird:

„Attraktivität hilft, Aufmerksamkeit zu bekommen“, erklärt die FDP-Politikerin,

und schon das fand ich ärgerlich. Nicht, dass ich sie wegen ihrer vermeintlichen Attraktivität als nicht intelligent empfand, sondern weil ich finde, dass Äußerlichkeiten, als Attribut im Wahlkampf nichts verloren haben. Weder bei Frauen noch bei Männern. Es gibt und gab recht breite Debatte über Schröder in teuren Anzügen mit den Insignien der Macht – teuerer Anzug, Rotwein und Zigarre – und es scheint mir zweifelhaft, ob sich ein Mann als „James Bond“ inszenieren würde, um Stimmen zu fangen – naja, außer er ist bei der: FDP. Das obige Zitat entlarvt die Kampagne auch soweit, dass sie einen Aspekt nach vorne stellt, der mit Inhalten nicht zu verknüpfen ist. Und es gibt durchaus Stimmen, die meinen Eindruck bestätigen:

Die FDP kämpft mit allen Mitteln. Lange Beine und mit Six Pack“ bis zu „Sex sells. Auch hier der bewährte Altherren-Schwenk. Top!!“

Interessant dabei auch, dass die Bläßing-Kampagne bundesweit kaum Aufmerksamkeit erzeugt hat. Auch das für mich eine Bestätigung meines Eindrucks, dass die sexistische Kampagne frauenzentriert ist. Viele Medien sprechen ja auch ganz bewusst von einer „sexy Kampagne“. Ich finde das schlicht unagemessen.

 

Die Wortwahl

Absolut unangemessen. Irgendwer twitterte gestern

aber dass DIESE Formulierung nicht gerade (ich sage mal) „glücklich gewählt“ war, konnte man eigentlich auch vorher wissen.

und das ist das, was mich ja am meisten an mir selbst ärgert. Selbstverständlich hätte ich mir denken können, was passiert, wenn man so Worte wählt. Und spätestens heute morgen mit dem Aufwachen ist es auch ganz deutlich. Ich wollte den Sexismus anprangern, dabei provokant sein – und habe mich sexistisch geäußert. Das ist durch nichts zu rechtfertigen – kurzfristige geistige Umnachtung  vielleicht gerade noch. Ich fand vor allem auch nach der Brüderle-Geschichte, dass ausgerechnet eine FDP-Spitzenkandidatin genau die Klischees widerspiegelt, die damals so viel begründete Entrüstung hervorgebracht hatten, eine Respektlosigkeit sondergleichen. Und bin dabei selbst respektlos geworden. Sowas darf nicht passieren.

Dazu hab ich den Tweet abgesetzt – und war dann für ne halbe Stunde außer Haus ohne PC und Smartphone, danach hab ich meine Familie bekocht und so ne ganze Zeit nicht so recht mitgekriegt, dass der Sturm am Himmel aufzieht – sonst hätt ich den Tweet sofort gelöscht und mich sofort entschuldigt. Zwischendurch dacht ich dann mal: naja, halb so wild, dass sich ein paar FDPler aufregen, ist ja klar – aber während ich mir den englischen Patienten auf arte angesehen habe, hab ich auch nichts mehr mitgekriegt. Erst danach saß ich wieder am PC – aber da war es schon zu spät. Ich bin, entgegen meiner sonstigen Art, weggetaucht.

Mein eigenes Frauenbild wurde mir dabei per Twitter entgegengehalten. Ich hab mich dazu ja im Rahmen des #aufschreis geäußert:

Mich macht es als Mann unsicher, wenn ich das Gefühl bekomme, ein nicht vermeidbarer Blick auf einen Busen macht mich schon zum Sexisten. Dabei ist mir das selbst unangenehm.

Und der Blick sollte dahin gelenkt werden. Mit tiefen Dekolletee, mit Oberkörperprofilfotos. Das lass ich mir auch nicht ausreden. Aber mit meiner eigenen Ablehnung deshalb – da muss ich was unternehmen.

…weil ich nicht mehr unbefangen bin. Und das wäre ich gern.

Insofern kann ich nur wiederholen: ich empfinde Scham und es tut mir sehr leid.

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Fasching und der liebe Alkohol

am 11.11. um 11:11 Uhr beginnt die 5. Jahreszeit – die Fastnachts/-Faschings-/Karnevalskampagne. Bis Ende Januar/Anfang Februar bekommt davon meist wenig mit, dann beginnen die Umzüge. Nicht nur an den sogenannten „närrischen“ Tagen, sondern meist weit davor, vor allem hier in der Gegend. In den letzten Jahren haben sich zudem als Publikumsmagnet sogenannte Nachtumzüge heraus kristallisiert – bei denen es jedoch leider immer wieder zu Saufgelagen kommt, vielfach junge Menschen schon angetrunken dort erscheinen und dementsprechend auffallen. Oft genug geht das dann mit gewalttätigen Auseinandersetzungen, Pöbeleien, Krankenhausaufenthalten einher. Ganz aktuell gab es einen Vorfall in Bühl:

Gegen 18.30 Uhr waren rund 300 Jugendliche mit einem Regionalzug aus Norden angekommen, die allesamt versuchten, den einzigen Linienbus in Richtung Unzhurst zu stürmen. Weil einzelne ‚Fahrgäste‘ bereits Notausstiege zerstörten und sogar auf das Dach des Busses kletterten, war an eine Personenbeförderung nicht mehr zu denken. Weitere ‚Fahrgäste‘ ließen ihren Unmut über den schließlich ausgefallenen Transfer am Inventar des Busses aus. Die hinzugerufene Polizei konnte zwar die eskalierte Situation beruhigen, der Bus allerdings war für eine ordnungsgemäße Personenbeförderung nicht mehr zu gebrauchen.

und zusammenfassend:

Mehrere Anzeigen wegen Köperverletzungsdelikten, zwei Sachbeschädigungen, vier Beleidigungen, ein Diebstahl und drei Gewahrsamnahmen sind die vorläufige Bilanz der Bühler Polizei nach dem Nachtumzug in Unzhurst in der Nacht zum Samstag. Der Hästrägerverein „Wildsäu vom Hungerberg 1998 e.V.“ zogen die Konsequenzen aus ähnlichen Vorfällen am letztjährigen Nachtumzug in Haueneberstein (16.02.2012). Der Umzug findet dieses Jahr nicht mehr statt.

Es ist schon ein schockierend. Aber neben Verboten, Zwangsmaßnahmen und dem großflächigen Einsatz von Alkoholpräventionsteams in Form besorgter Eltern gehört doch etwas Ursachenforschung dazu. 300 Jugendliche kommen mit dem Zug an. Ein Bus (50 Plätze nehme ich an) stehen zur Verfügung. Das nenne ich eine schlechte Vorbereitung, zudem das vermutlich im Zug feststellbar war. Keine Kommunikation zwischen Bahnpersonal und lokalen Behörden/Polizei/Veranstalter. Schlecht. Kann man sich ja eigentlich denken, dass da ein Bus nicht genügt. Sonderbusse wären notwendig gewesen. Nichtsdestotrotz muss man sich fragen, was in eine Horde Jugendliche fährt, die einen Bus deshalb demolieren. Alkohol? Und wieso werden nur einige Personalien aufgenommen? Und nicht alle? Fragen über Fragen.

Eine Antwort könnte heißen: Enthemmung und Kontrollverlust. Und dazu fällt mir ein Gespräch mit einer Schulkameradin ein, das ich vor kurzem bei einem Bier(!) hatte. Da wir beide Kinder in dem Alter haben, in dem wir waren, als wir uns wegen der Schulpflicht noch täglich sahen, haben wir uns zwangsläufig auch über „solche“ Themen unterhalten. Meine großen Söhne trinken auch Alkohol, auch manchmal zu viel (da findet man dann einen morgens auf der Couch statt im Bett). Und einen musste ich mal frische Kleider in die Klinik, wo er zur Entnüchterung war, bringen. „Man“ kennt sich also aus. Wir waren uns einig, dass auch früher Alkohol getrunken wurde. Ich war lange Jahre im Karnevalsverein als Blasmusiker aktiv, Alkohol war da immer ein Thema. Und ja, es konnte nicht immer verhindert werden, dass schon Unter-16-jährige Alkohol tranken, aber ab der Grenze war es dann „normal“. Die Sommer verbrachten wir musizierend und feiernd  in Bierzelten und anderen Festen, Fasching auf den Straßen in der Region und als Gastmusiker auf Prunksitzungen, der Verein unternahm auch mal Ausflüge oder Besuche in Partnerstädten, verbunden mit mehr oder weniger langen Busfahrten. Ich spielte Fußball – auch da war Alkohol trinken gang und gäbe. Meist Bier, aber auch sowas wie „gedopte“ Asbach Uralt – das aber dann eher in der Faschingszeit. Und auch damals gingen schon auf Umzügen an Fasching Schnapsflaschen durch die Reihen.

Ich kann eigene Volltrunkenheit an einer Hand abzählen – für mein ganzes 47-jähriges Leben wohlgemerkt. Ich hatte öfter mal einen Affen, wie man hier sagt.  Aber das war es. Aber meine „alte Bekannte“ und ich waren uns einig – wir kannten unsere Dosis. Weil wir probiert haben. Und es nicht ständig Aktionen gegen Trinken gab, keine moralische Entrüstung, keine Elternaktionen, bei denen Eltern mit irgendwelchen Sprüchen auf Jugendfestivals rumlaufen und aufpassen, dass niemand (zuviel) Alkohol trinkt. Es gab Ecken, da war man unter sich – und da hat man sich ausprobiert. Heute wartet an jeder Ecke ein Sittenwächter. Keine Prohibition – aber Komasaufen kommt nicht alleine von Jugendlichen, die zuviel saufen, weil sie das wollen – sondern auch, weil sie nicht gelernt haben, mit der Droge Alkohol umzugehen. Wie kleine Kinder, die ganze Tafeln Schokolade essen – und es ihnen anschließend schlecht geht. Es gab geschützte Räume – und wenn’s zuviel wurde, ist auch mal ein Erwachsener eingeschritten. Und hat weder sofort die Polizei noch die Eltern informiert.

Alkohol ist eine gesellschaftlich anerkannte Droge. Überall zugänglich, Teil von Ritualen wie Fassanstiche. Der Bierpreis auf Oktoberfest und Canstatter Wasen ist jedes Jahr eine Schlagzeile wert. Jugendlich müssen auch mal über die Stränge schlagen dürfen – damit sie rausfinden, was gut – und was nicht gut für sie ist. Ein Glas Bier unter Papas Augen ist kein „ausprobieren“. Etwas mehr Gelassenheit würde uns allen in dieser Frage gut tun – und beim nächsten Nachtumzug ein paar Busse mehr wären auch nicht schlecht.

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Vater sein

Der Till Westermayer inspiriert mich zu einem Artikel über Familie. Hab ich lange nicht gemacht, obwohl sie doch im letzten Jahr nach dem Tod meiner Exfrau eine ganz neue Bedeutung bekommen hat.

In der ZEIT ist aktuell ein Text zu lesen, in dem zwei Väter sich beklagen. Weil … das wir nicht so ganz klar. Irgendwie klappt es nicht so richtig mit der Vereinbarkeit von Beruf und Familie, Kindern und Karriere. Sie fühlen sich schlecht, weil sie, wenn sie denn schon mal Zeit für das Kind haben, doch berufliche SMS schreiben, und überhaupt: Überforderung. Und dann: Ratlosigkeit. Ich kann das zum Teil nachvollziehen

schreibt er. Ich hab den Artikel auch gelesen und entdecke in ihm Parallelen zu diesem Text, ebenfalls aus der Zeit. Es geht letztendlich darum, wie ein gutes Leben mit Kindern aussehen kann. Bei dem „Vereinbarkeitstext“ geht’s mir ähnlich wie Till, der schreibt:

Verzicht auf Perfektion aber nicht nur auf der Karriereseite, sondern auch auf der Kinderseite: Kinder großzuziehen, ist, sollte, finde ich, Alltag sein. Familienarbeit heißt eben auch Kochen, Waschen, Putzen, Kinder ins Bett bringen, … und nicht nur: »Qualitätszeit«.

Darüber hinaus – und das fehlte mir und ich wollte es nicht nur bei ihm kommentieren – gehört auch, dass man sich und seine eigenen Bedürfnisse ernst und wichtig nimmt – und diese auch lebt. Die beiden Journalisten reklamieren Sigmar Gabriel, der 3 Monate „Auszeit“ genommen hat und sich  trotzdem um seinen Beruf gekümmert hat:

Gleich in den ersten Tagen twitterte er ein Bild von sich, vor dem Laptop sitzend, die Kaffeetasse in der Hand: „Mariechen ist abgefüttert, der Kaffee ist da, also kann’s losgehen :-))“. Und dann diskutierte er online eine Stunde lang über die Rente, den Euro, die SPD. Genau das ist er doch, der tägliche Selbstbetrug:

Und? Ist das nicht okay? Die Krux ist doch, dass man sich selbst so völlig unwichtig nimmt, dass man gar nicht mehr vorkommt oder zumindest in angemessenem Abstand zum Lebensmittelpunkt „Kind“, dass einem gar nichts mehr übrig bleibt, als zum Helikopter-Elter zu werden. „Hyperprotektion“ nennt es Nina Pauer in der Zeit. (Leider verliert sie ein bisschen den Faden und diskriminiert echte Allergien/Unverträglichkeiten wie Laktose-Intoleranz. Wir wissen hier wie das ist, wenn ein Kind nach einem halben Glas „normale“ Milch erst mit Bauschmerzen auf der Couch liegt – und dann aufs Klo rast. Sowas ist vermeidungspflichtig). Aber im Grund genommen ist es das: der Wusch, alles Schlimme und Böse von den Kindern fernhalten. Das Kind soll die Eltern cool finden, am besten noch vom Kind während der Pubertät zum Kumpel mutieren (weshalb man sich auch noch mit 49 jugendlich kleiden muss und bei Primark und H&M einkauft), nur die beste Bildung erhalten und bloß nie krank werden. Deshalb findet Sagrotan einen reißenden Absatz – ich nenne es bei mir immer die Generation „Sagrotan“, die garantiert ohne einer einzigen Bakterie in der Umwelt getroffen zu haben, groß wird – und fahren Mütter und Väter ihre Kinder zur Schule und Kindergarten.

Ich habe 5 (6) Söhne. Mit zwei Frauen. Meine erste Frau hatte glücklicherweise muss ich schon fast sagen, schon ein Kind, als wir uns kennen gelernt haben. Das hat entspannt – wie Pauer richtig schreibt, war beim ersten eigenen Kind nicht immer dauernd alles neu für mich. Also hab ich eigentlich 6 Söhne. Ich selbst bin halt auch irgendwie kein Superpapa. Ich spiele nicht gerne. Weder Brettspiele, noch Indianer und Cowboy, ich finde selbst erfundenes Theater meiner Kinder langweilig und interessiere mich kein bisschen für den Inhalt der Computerspiele und zum Fußballspielen (der Kleinste) nehme ich mein eBook mit oder fahre währenddessen einkaufen. Wenn er ein Supertalent ist, werd ich das rechtzeitig erfahren und wenn ich nur jedes zweite Tor von ihm sehe, wird die Welt – weder seine noch meine – untergehen. Ich will wissen, was in der Schule läuft – aber nicht jedes Detail. Ich will wissen, wer seine Freunde sind – kann mir aber auch nicht immer alle Namen aller Kinder merken, die ich noch nie gesehen hab. Die, die schon mal hier waren, kenne ich. Ich hab bis heute nicht mit allen Eltern aus der Schule telefoniert, kenne aber die meisten zumindest vom sehen  – auf einer freien Schule bist du mehr anwesend als bei einer regulären. Ich mach mir Sorgen – vor allem nach den zwei Unfällen im letzten Jahr, die beide hätte das Leben kosten können – aber ich werd den Teufel tun, sie ab da einzusperren.

Und ich hab ein eigenes Leben. Eines, das einen 40-Stunden-Job beinhaltet und sicherlich nochmal 10 Stunden Politik in der Woche – Sitzungen, Blogbeiträge, Facebookdebatten, Anträge schreiben, Wahlprogramme lesen, zu Parteitagen und AG-Sitzungen fahren, …). Ich mache nebenberuflich eine Ausbildung in Transaktionsanalyse mit 6 Wochenenden im Jahr + Lesen und Lernen, damit mein Quereinstieg in die Sozialpädagogik ein fachliches Fundament erhält.

Aber als im letzten Jahr meine Exfrau starb, mit der ich mich lange gestritten habe – viel um Geld, direkt (Unterhalt) und indirekt (wer versichert die Kinder) und natürlich auch um Verletzungen vielerlei Art – hab ich erst um sie getrauert und tue dies immer noch. Und hab versucht, so gut wie möglich für meine großen Söhne, die gerade alle drei im Umbruch entweder aus (abgebrochenem Studium) ins Berufsleben oder Ausbildungsplatzsuche oder Schule in „was will ich werden“ standen. Ich habe Waisenrentenanträge ausgefüllt, aktuell einen Grabstein für das Grab organisiert, weil der Witwer das scheinbar nicht auf die Reihe kriegt und es ihnen wichtig ist, ich hab versucht, sie zu trösten, ich hab versucht, heraus zu finden, wie man bei drei erwachsenen Söhnen mehr präsent ist, ohne zu übertreiben und es damit irgendwie zu entwerten und ohne sie zu vernachlässigen. Es scheint mir gut gelungen zu sein, wenn ich ihre Raktionen richtig werte.

Und ich mache morgens die Kinder fertig  (meine Frau ist ein Morgenmuffel und ich mit dem ersten Hahnenschrei normalerweise wach), mache meinen Teil des Haushaltes, bring den größeren der beiden auf die Straßenbahn, weil ich eh in die gleiche Richtung muss und den kleinen auf dem Weg dahin in die KiTa. Ich versuche, gemeinsam mit meiner Frau, ihnen möglichst viel Freiraum für ihre Entwicklung zu geben. Sie herausfinden zu lassen, was sie wollen. Dazu gehört Klavier – weil es in der freien Schule ein Musikzimmer gab, auf dem man in freien Schulen einfach so rumklimpern kann und der Wunsch so aus dem Kind entstehen kann. Dazu gehört Sport. Dazu gehören Grenzen (Schmatz nicht, man sagt Danke und Bitte und solche Dinge) und Regeln.

Kinder müssen frei sein, sich selbst zu finden. Kinder sind eigenständige Wesen, die niemandem gehören, außer sich selbst. Sie sind kein Selbstverwirklichungsobjekt und wollen ab der Pubertät wenig mit uns Eltern zu tun haben. Wenn wir Glück haben und wir nicht allzuviel falsch gemacht haben, ändert sich das wieder. Und wenn Kinder lernen sollen, wer sie selbst sind und was sie glücklich macht – dann brauchen Sie dafür Vorbilder von Menschen, die das auch wissen – und sich selbst den Raum geben. Manchmal in zeitlichen Konflikt – aber in der Abwägung um Zeit oder nicht dürfen nie immer die Kinder gewinnen. Ich liebe meinen Job so wie meine Frau den ihren liebt – das können die Kinder erfahren, wenn wir davon sprechen oder sie damit in Berührung kommen. Ich liebe mein Hobby Politik – und die Kinder konnten erfahren, dass ich in der Abwägung zu anderen Hobbies auch Dinge sausen lies, was mir auch Spaß gemacht hat.  „Meine Kinder“ sind ein wichtiger Teil meines Lebens, aber eben ein Teil und nicht mein „Ein und Alles“. Ich würde alles für sie tun – aber doch nicht dauernd – sondern wenn sie es brauchen. Klar, wenn einer der Großen anruft, dass er pleite ist und er Geld braucht, dann kriegt er Geld. Aber wenn er es zurückzahlen kann – dann soll er das auch tun. Nicht weil wir es (immer) brauchen – sondern weil er Verantwortung für sich selbst hat, wenn er erwachsen ist.

Ich kann nicht alles Böse von ihnen fernhalten. So sehr es mir weh tut – sie müssen Enttäuschungen kennen lernen, Streit mit Freunden, Trennungen, Misserfolge, Niederlagen, Streit mit den Eltern, sterbende Haustiere und Großeltern. Als ich sechs Jahre alt war, ist meine Oma, zu der ich einen starken Bezug hatte, gestorben. Ich durfte aus Überbehütung meiner Eltern nicht mit auf die Beerdigung. Ich bin heute, 41 Jahre später, zwar etwas milder – aber immer noch unglaublich zornig auf sie deshalb. Wer in der Welt und der Gesellschaft (über)leben soll, der muss lernen, wie sie funktioniert und was das Leben ausmacht – Geburt, Leben, Streben, Tod.

Bin ich ein Rabenvater? Keine Ahnung. Ich hab für mich und hoffentlich auch für meine Kinder einen Weg gefunden, mit dem wir alle leben können. Ja, ich könnte mehr präsent sein. Die Frage ist, ob ein unzufriedener, präsenter Vater irgendwem etwas bringt. Leben mit Kindern heißt, sie zu lehren, dass sie wichtig sind – für mich, aber eben auch für sich. Wenn  ich ihnen vorlebe, dass ich selbst nicht mehr wichtig bin, weil sie auf der Welt sind – wie sollten sie lernen, dass sie selbst wichtig sind?

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CDU und Sex

das schließt sich irgendwie aus. Also, ein Verhältnis, das man unverkrampft, offen, tolerant bezeichnen kann. Das artikuliert sich in sonderbaren Reden vor dem baden-württembergischen Landtag – und in einer katastrophalen Ignoranz drängender Probleme. Da ist einmal die Debatte um den baden-württembergischen Bildungsplan.

facepalm

Mehr könnte einem eigentlich nicht einfallen. CDU-Hauk, der neben dem Schäuble-Schwiegersohn Strobl ebenfalls Spitzenkandidat für die Landtagswahl 2016 werden möchte – zeigt „Verständnis“ für den Petenten und seine Unterstüzter der Online-Petition gegen den Bildungsplan, in dessen Entwurf die Landesregierung als Leitprinzipien die Toleranz gegenüber sexueller Vielfalt in Schulen verankert wissen möchte – eine Petition, in zu lesen ist:

In »Verankerung der Leitprinzipien« fehlt die ethische Reflexion der negativen Begleiterscheinungen eines LSBTTIQ-Lebensstils, wie die höhere Suizidgefährdung unter homosexuellen Jugendlichen, die erhöhte Anfälligkeit für Alkohol und Drogen, die auffällig hohe HIV-Infektionsrate bei homosexuellen Männern, wie sie jüngst das Robert-Koch-Institut veröffentlichte, die deutlich geringere Lebenserwartung homo- und bisexueller Männer, das ausgeprägte Risiko psychischer Erkrankungen bei homosexuell lebenden Frauen und Männern.

Nun, für diese Haltung fehlt mir jegliches Verständnis – denn es ist anzunehmen, dass diese negativen Folgen eher eine Folge des nicht toleranten Umgangs mit dem LSBTTIQ-Lebensstil sind – nicht umgekehrt. Wer diese Folgen nicht will, muss informieren und aufklären (HIV!) und nicht verschweigen. Nur wer in seinem Selbst angenommen wird, ist in der Lage, ein selbstbewusstes Leben zu führen, wer sich in seinem Grundbedürfnis nach Liebe und Sexualität verstecken muss, wird krank werden. Soviel Psychologie sollte sogar ein Realschullehrer gelernt haben. Dass es ist die Angst vor: „wenn die das kennen lernen und keiner sagt ihnen, dsas das nicht normal ist, dann werden die auch so“ ist, ist dabei klar. Nur: diese unaufgeklärte Haltung kann nicht Leitbild einer modernen Politik sein. Das absurde Argument: „wer das als (LSBTTIQ-Lebensstil) als normal bezeichnet, zerstört die „normale“ Ehe und Familie“ ist auch kaum zu verstehen – denn iemand sagt ja, dass Frau und Mann nicht mehr heiraten dürfen. Man erinnere sich: Verständnis für diese Petition erwecken führende Mitglider einer Partei, die es bis 2011 zugelassen ahben, dass sich homosexuelle Menschen, die sich verpartnern wollten, dies (auch) in KFZ-Zulassungsstellen tun mussten – und willfähriger Hilfe von regionalen (CDU-geführten) Kommunalpolitikern. Dazu kommt auf Bundesebene die aktuelle Debatte um die Pille danach. Welche Frauenbild da herrscht. die Pille danach sol laut CDU – immerhin Regierungspartei – nicht rezeptfrei zu bekommen sein. Da wird davon gesprochen, dass Frauen diese dann „wie Smarties“ nähmen. Wer sowas sagt, ignoriert völlig, neben allen richtien Argumenten wie sie im verlinkten taz-Artikel genannt werden,

Der Witz dabei ist, Frauen die Entscheidung, was sie mit ihrem Körper machen, zuzugestehen. Es heißt, ihnen zuzutrauen, dass sie entscheiden können, ob sie lieber die Nebenwirkungen der Tablette in Kauf nehmen oder die einer ungewollten Schwangerschaft.

die Nebenwirkungen dieser Pille. Und diese können heftig sein. Ich habe das miterleben müssen, als meine heutige Frau in einem frühen Zeitpunkt in unserer Beziehung, in der wir definitiv keine gemeinsamen Kinder wollten, diese Pille nehmen musste. Es ging ihr schlecht, so schlecht, dass es für mich so eindrücklich war, dass ich mir sicher war, dass ich das nie mehr wollte. Und sie erst! Die Haltung, Frauen könnten sich so ein Zumutung für sich und ihren Körper einfach so antun – was unionsgebildete Abreibungsgegner ja auch immer unterstellen – der hat schlicht keine Ahnung. (Und ja, ich glaub, ich muss das noch nicht einmal gendern. Ich glaub, CDU-Frauen wissen das, dürfen es aber nicht sagen). Ein Medikament mit einer derartig starken Wirkung hat sehr wahrscheinlich auch sehr starke Nebenwirkungen. Ich glaube, der CDU und ihren Mannen geht es dabei vor allem um selbstbestimmte Sexualität – bei Frauen in der Pillenfrage – und bei Homo- und anders Sexuellen generell. Vielleicht ekeln sie sich vor küssenden Männern. Oder haben Angst, dass ihr Kinder „sowas“ ausprobieren – und sie nachher nicht Opa werden, weil sie ja die Adoption nicht zulassen werden. Ein Bild, das weit verbreitet ist. Ich musste am eigenen Leib erfahren, wie das ist, wenn jugendliche Ausprobieren mit Homosexualität den Eltern bekannt wird. Die Freundschaft sollte beendet werden, es wurde zwischen den Eltern(!) ein Kontaktverbot vereinbart – das natürlich nicht lange hielt. Dabei bestand für mich nie in Frage, dass ich heterosexuell bin. Aber mit 15 muss man halt sowas auch mal ausprobieren. Und obwohl das nicht die einzige Erfahrung war, hab ich heut 5 Söhne und bin verheiratet. Also alles nix weiter als unbegründete Ängste, verbunden mit Vorurteilen und Unverständnis. CDU-Mitglieder sind offenbar verklemmt. Umso wichitger ist Aufklärung. So gesehen, ist dieser Bildungsplan gut geeignet, die CDU weiter zu moderniesieren. Probiert halt mal was aus, ihr CDUler – es wird Euch die Augen öffnen. Und die Zeiten, in denen Frauen nur noch im dunklen Schlafzimmer nach dem Ehegelübde Sex haben dürfen – wenn der Mann wollte und zwar nur und immer dann – sind zum Glück lange vorbei. Ich weiß nicht, wovor sie da Angst haben. Aber irgendwiewas mit Sex ist ja immer.

Update: 25.01.2014

Früher oder später werd ich doch immer wieder bestätigt:
CDU-Bräuchle wird auf idea.de – Das christliche Nachrichtenportal so zitiert:

Jugendliche brauchten eine Ermutigung zu verbindlichen Treuebeziehungen, aus denen Familie entstehen könne, „aber keine Bestärkung im Ausreizen und Ausprobieren aller sexuellen Varianten und Orientierungen“.

Übrigens, schon in der Plenardebatte war abzusehen, dass über die Schiene „sexuelle Vielfalt“ versucht wird, uns wieder in Zusammenhang mit der Pädophilie-Debatte zu bringen:

Toleranz gegenüber verschiedenen Lebensentwürfen dürfe nicht mit Akzeptanz von sexueller Vielfalt gleichgesetzt werden. Jede auf Gleichwertigkeit mit „bunten Lebensentwürfen“ zielende Relativierung des Leitbildes von Ehe und Familie sei entsprechend dem biblischem Zeugnis und der Verfassung abzulehnen. Zudem sei nicht definiert, wo sexuelle Vielfalt ende: „Angesichts der offenen Debatten in Kreisen der Grünen zum Beispiel um Pädophilie ist hier Vorsicht geboten.“

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von wegen „Generation Praktikum“

der Versuch einer Antwort:

Generation Praktikum: „Ihr habt es ja so gut“

schreibt Katharina Nocun in einem breit beachteten Beitrag und beschwert sich über die mangelnden Chancen „ihrer“ Generation. Die an der 5%-Hürde gescheiterte Spitzenkandidatin der Piraten in Niedersachsen macht deutlich, dass ihre Generation keine Beteiligungsmöglichkeit hat, keine Rente, keine sicheren Arbeitsplätze, keine Partei,die sie vertritt, keinen Bock, weil keine Zukunftsaussichten, Kinder zu zeugen.

Seifenblase*Seufz*. Ja, Ihr hab es schwer.

Aber wann sollen wir denn bitte sehr Kinder bekommen? Während des Studiums mit Bachelor-Master-System vielleicht? Mit Anwesenheitspflicht, Regelstudienzeitdiktat und Studienkredit? Während des unbezahlten Praktikums? Vielleicht beim niedrig bezahlten Volontariat oder Ausbildung ohne Übernahmeaussicht mit Überstunden-Garantie? Oder zwischen zwei jobbedingten Umzügen weil wir ja so unglaublich flexibel und mobil für den Arbeitsmarkt sind? Wer zahlt uns den Karriereknick durch Kinderzeit? Was ist wenn man am Ende Alleinerziehend ist? Und überhaupt, wo wir schon einmal beim Thema sind: Wer passt auf das Kind auf? Wenn es nicht einmal genug Kindergärten, KiTa-Plätze, Ganztagsschulen und mit Familie vereinbare Jobs gibt. Sorry, aber uns Egoismus zu unterstellen, weil wir wenig und eher spät Kinder bekommen, ist in Anbetracht der Umstände mehr als unangebracht.

Und zweifelsohne gibt es da ein Problem. Aus diesem Artikel im Blog entstand einer für die Zeit:

Piraten: Meine Generation hat keine Lobby

Aber sie gibt sich in beiden Artikeln nur kurz mit denjenigen ihrere Generation ab, die auch betroffen sind: denen mit Mittlerer Reife und mit Hauptschulbschluss. Die ohne Abschluss kommen gar nicht vor.

Es ist ein Jammerartikel und das Problem liegt schon darin, dass sie diese Gruppen, die nicht zu ihrer gehören, praktisch ausblendet.Auch sie redet nicht für alle, auch sie denkt nicht für alle mit, sie denkt nur an sich und ihresgleichen.

Als ich 25 Jahre jünger war, hatten wir ähnliche Probleme. Die Renten waren nur noch laut Norbert Blüm sicher, es war abzusehen, dass man kaum sein Leben lang im selben Job arbeiten würde und die von Wirtschaftsexperten vorgetragene, heute durch Tatsachen belegte Fakten, dass der asiatische Raum mal eine Wirtschaftsstärke erreichen könnte wie die „unsere“ wurde höchstens belächelt – Pläne oder langfristige Visionen gab es dafür nicht. Dafür sind wir mit Tschernobyl aufgewachsen, mit saurem Regen und Waldsterben, mit einem Ozonloch und Hautkrebswachstum, das alle wirtschaftlichen Wachstüme hinter sich lies, in einem zweigeteilten Deutschland, in die ein SPD-Kanzler amerikanische Mittelstreckenrakten stationieren lies und unter ständiger Angst vor dem Ernstfall, Angst vor einem Atomunfall wie in Harrisburg und nach Tschernobyl vor mehr Atomkraftwerken im dichtbesiedelten Land.

Ja, auch wir hatten Zukunftsangst. Ich habe mich mit 18 gefragt, ob ich Kinder in „diese Welt“ setzen möchte – und dann hat mich die Biologie überholt und ich habe festgestellt, dass man Kinder auch, wenn auch mühsam, mit einem Gehalt als Einzelhandelkaufmann ernähren kann. Ich bin groß geworden mit dem Bild, dass ein Mann „seine“ Familie ernähren können muss und hab mich davon verabschieden müssen, es dann auch langfristig zu können – wenn ich auch noch ab und an mit dieser Familie in Urlaub fahren wollte.

Und jetzt kommt da eine daher, die Teil einer Partei ist, die gerade die Lobby dieser Generation, der sie angehört, an die Wand gefahren hat und jammert uns was vor. Und „alle“ finde es gut. Ja, auch wir waren nicht mehr zufrieden mit dem, was SPD und CDU (und die FDP, die damals noch eine liberale Partei waren) uns geboten hat. Nein, auch wir fanden uns nicht vertreten von den „alten Säcken“ im Bundestag, in den Landtagen und vor allem in der Kommunalpolitik. So wie ihr gegen ACTA, waren wir in Wackersdorf und in Kalkar, Brokdorf und Gorleben. Und so wie dort ein paar von den Älteren waren, so waren auch ein paar von uns (unter anderem ich) auch auf ACTA- und anderen Demos. Aber wir haben nicht gejammert.

Wir haben etwas getan. Wir haben eine junge Partei gegründet, weil uns die SPD nicht mehr gereicht hat. Wir sind eingezogen in die Kommunalparlamente, haben Sacharbeit gemacht, in die Landtage, in den Bundestag. Wir haben gestritten bis nachts um 1 Uhr auf Mitgliederversammlungen, in BIs, auf Versammlungen. Wir haben Kinder gezeugt, erzogen und wenn es keine Betreuung gegeben hat, haben wir sie selbst organisiert. Weil es keine Bioläden gab, haben wir Landwirtschaft studiert und Höfe übernommen. Bioläden gegründet. Kommunen. Raus aufs Land und selbst versorgt. Ihr wollt das alles heute vom Staat geliefert bekommen. Wir waren Handwerker, Kaufleute, Bänker und wir waren Studenten und Akademiker.

Ja, es gibt da ein Problem mit Jobperspektiven. Aber meine Generation hätte kaum zugelassen, das eine Regierung eine ganze Branche an die Wand fährt wie die aktuelle die Solarbranche. Während Ihr in der Occupy-Bewegung schlapp macht, weil man durchhalten muss, haben wir über den Marsch durch die Institutionen am Ende die Atomwirtschaft besiegt. Wir hatten Angst, aber auch den Mut, anzufangen. Ihr demonstriert vor der deutschen Bank  und habt dann Euer Konto bei Ihr. Ihr habt Angst vor schlechtem Essen – aber ihr kauft bei McDonalds und Aldi. Ihr ärgert Euch über schlechte Arbeitsbedingungen in Fernost – aber Ihr kauft bei Apple, Primark und H&M.

Ihr habt nicht gelernt, dass das private auch politisch ist. Politische Haltung muss in konkrete Handlung münden. Die Piraten müssen scheitern, weil sie nicht in der Lage sind, hinter ihrem Rechner hervor zu kommen und ihre Forderungen Ausdruck zu verleihen. 30.000 21.265 Mitglieder zahlen keinen Beitrag und die, die in die Parlamente gehen, geben von ihren Diäten nichts ab. Ihr seid unsolidarisch. Sie müssen scheitern, weil sie nicht gelernt haben, zu diskutieren, andere Meinungen auszuhalten und Demokratie als System der Mehrheitsentscheidungen zu akzeptieren.

Statt echter Reformen wurde von Wahl zu Wahl an kranken Systemen herumgedoktert. Mich wird das noch zu Lebzeiten einholen. Es macht mich wirklich wütend, dass es derzeit keine dauerhaften, tragfähigen Lösungen gibt.

schreibt sie, die Gute. Mich macht es wütend, diese „Alles-oder-Nichts“-Haltung. Politische Prozesse sind langwierig. Es werden selten schnelle Entscheidungen getroffen. Die Änderungen im Verständnis von Familie, Energiepolitik, Geschlechterrollen, Ökologie undundund haben dreißig Jahre gedauert – und wir stehen in vielen Dingen erst am Anfang. Wer Sicherheit will, muss sie sich schaffen. Wenn Eure Partei nichts taugt, geht in andere. Verändert sie oder macht Eure Partei mehrheitsfähig. Ja, ihr habt andere Ziele als wir (obwohl, dass was sie schreibt, in ein grünes Programm passt). Aber eben nicht nur. Wer etwas verändern will, braucht den Mut und die Kraft, durchzuhalten. Die Kraft, Niederlagen anzunehmen – und trotzdem weiter zu kämpfen.

Derzeit werden die Lasten des demografischen Wandels abgewälzt auf die Jungen und die Mittelschicht.

Jede Last wird auf die nächste Generation abgewälzt. Jede Generation muss mit dem leben, was ihr die vorhergehende hinterlässt. Das ist normal. Wir haben die Erde von unseren Kindern nur geborgt. Ihr auch. Und ihr habt die verdammte Pflicht, Verantwortung zu übernehmen. Dieser verweigert Ihr Euch, wenn Ihr weiterhin annehmt, ihr könnt mit einem Gewurschtel wie den Piraten etwas verändern. Ihr streitet Euch über eine ständige Mitgliederversammlung – und seid noch nicht einmal in der Lage, gemeinsame Ziele zu formulieren.  Ihr – oder einige von Euch- meinen, Liquid Feedback sei die Lösung – dabei schafft Ihr es noch nicht einmal, 10 Arbeitsgruppen zu bilden, die zu 10 Themen Vorschläge machen, über die ihr dann abstimmt. Weil Ihr schon denen misstraut, die den Entwurf schreiben. Was Euch schwach macht, ist Euer Misstrauen, Euer Egoismus, der sich auch in den beiden Artikeln wiederfindet. Am Ende – und wenn man die Zeitkommentare dazu liest – bekommt man das Gefühl, es geht letztendlich nur ums Geld. Einkommen. Akademikergehälter, die höher sein müssen als derjenigen, die nicht studiert haben. Während Ihr Euch über die Studiengebühren, die wir wieder abgeschafft haben, erfreut machen andere Eurer Generation mit Meister-Bafög, das sie auf Heller und Pfennig zurückzahlen müssen, ihren Handwerksmeister.

Der Blogbeitrag endet mit den Worten:

Meine Generation ist nicht unpolitisch. Wir wollen etwas bewegen. Nur müssen wir uns als Gesellschaft eben auch als Ganzes bewegen, um das Ruder noch herumreißen zu können.

 Doch, ihr seid unpolitisch. Ihr wollt etwas bewegen, ohne die Opfer bringen zu müssen. Ihr wollt, dass wir Euch zuhören und das tun, was Ihr wollt. So einfach ist es aber nicht. Die Gesellschaft wird sich nur ändern, wenn die Mehrheit dazu bereit ist. Und dazu müsst ihr sie und uns überzeugen. Und das bedeutet, dass ihr vormachen müsst, dass es sich so zu leben lohnt, wie ihr das wollt. Mein Eindruck ist: ihr wollt nur, dass wir Euch absichern. Etwas dafür tun wollt ihr nicht. Und deshalb habt Ihr keine Lobby. Weil ihr noch nicht einmal Eure eigenen Lobby sein wollt. Befreit Euch von Euren Helikopter-Eltern. Legt los. Wir warten. Und wenn nicht – machen wir halt so weiter, wie WIR denken, dass es richtig ist. Es zeigt uns ja niemand was anderes.

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her mit den wilden Weibern

oder so ähnlich könnte die Forderung aussehen, liest man Tills Blog von heute zur Verteilung von Männern und Frauen als Autor_innen der letzten 100 Beiträge bei Carta. Till ist ja selbst Autor dort. In einem längeren P.S. zu diesem Artikel klärt er nochmal näher auf, wie lange die Debatte um diese Frage auch schon carta selbst beschäftigt, deren Empfehlung lautet:

Aber sie (Frauen) sollten es (bloggen/schreiben)lauter tun. Eine Flüstertüte nehmen und rufen, ‘seht her, ich hab was geschrieben, das euch interessieren wird!’. Mit Leuchtfarbe auf Twitter, facebook, identi.ca – wo auch immer, annoncieren. In anderen Blogs Werbung machen. Sich vernetzen. Sich was trauen. Für Öffentlichkeit sorgen.

Ein kurzer Vergleich. Die Netzpiloten stehen scheinbar vor einem ähnlichen Problem:

https://twitter.com/Isarmatrose/status/319446876149657600

Und schaue ich in die Liste der Autoren bei heises Telepolis  zeichnet eine Frau unter lauter Männern als Autor_innen und Blogger_innen. SChaue ich ins baden-württembergische Blog von uns Grünen, in dem ich auch sporadisch mitschreiben, dann finde ich dort 10 Autor_innen von 20. Die letzten 15 Beiträge sind von Männern geschrieben – das war kaum besser, auch solange noch Silke Krebs ihre Freitagskolumne dort geschrieben hatte.

Als mögliche Lösung schlägt sie einen Ort vor, an dem quasi das Schwimmen geübt werden kann, der sanfte Übergang von Tweets und Kommentaren zu eigenen Blogtexten.

kann man bei Till noch als Lösungsvorschlag von Vera Bunse von Carta nachlesen.

Ist es das? Oder ist es das nicht?

Am 15. November veröffentlicht die AGOF folgende Studie:

Während Sport- und Testergebnisse bei den männlichen Onlinern stark nachgefragt sind (76,6% bzw. 68,7%), interessieren sich zwei Drittel der Frauen für Lifestyle-Themen wie VIP-News oder Horoskope. Bei weit über 50 Prozent der Männer stehen zudem Nachrichten (Weltgeschehen oder regional), der Bereich „Flirten und Kontakte“ so­wie Webblogs/ Blogs auf der Liste der häufig genutzten Aktivitäten. Sechs von zehn Frauen wiederum nehmen im Internet besonders oft die Themenkomplexe „Familie und Kinder“, „Essen, Trinken und Genießen“ in Anspruch, sowie jede Zweite außerdem Jobbörsen.

Ähnliche Ergebnisse bekommt man auch für die Nutzung von Smartphones:

Frauen wollen wissen, wie es ihren Freundinnen und Verwandten geht. […]Männer dagegen fokussieren sich stärker auf praktische Anwendungen.

Ich glaube, Till beschreibt das Problem schon selbst ganz gut:

[…]ich kenne mich da allerdings zugegebenermaßen nicht so besonders aus, was Männerthemen wären

Es ist ein klassisches Genderproblem. Männer sind anders, Frauen auch. Es ist das selbe wie mit Frauen in der Politik: die wenigsten drängen sich auf. Deshalb gibt es keine Frauen bei den Piraten, also so gut wie keine (ja, ich weiß, die Berliner Liste!) und wenige bei der CDU und erst recht wenige bei der SPD. Bei uns funktioniert das nur über die Quote. Weil sich sonst die Männer vordrängen würden und die Frauen mit der Schulter zucken. Klar, nicht alle. Aber selbst toughe Frauen wie Kerstin Andreae, die 3 Kinder während des Mandats auf die Welt bringen und wieder Spitzenkandidatin der baden-württembergischen Grünen ist – ist weit seltener in der Presse als ihr Mitspitzendkandidat Cem Özdemir.

Frauen schreiben schon – nur eben nicht so sehr zu Politik wie Männer. Wir finden eine gleichwertige oder sogar andere Geschlechterverteilung bei Themenblogs, die außerhalb der Politik angesiedelt sind. Politische Blogs von Frauen sind halt eher selten. Es gibt keine Quote,. die das unsichtbar macht. Sondern es liegt hier. Auf dem Präsentierteller. Man muss es nur sehen wollen.

Frauen sind anders sozialisiert. Verhalten wird über Generationen weiter gegeben. Das ist nicht innerhalb von wenigen Jahrzehnten grundlegend zu ändern. Wir sind nicht da, wo wir hin wollen. Auch daher war das piratige „postgender“ eine Negierung gesellschaftlicher Realitäten.

Das „Politikgeschäft“ ist eines, das typisch männliche Verhaltensweisen erfordert. Das politische Bloggeschäft auch: zeig dich, melde dich zu Wort, sag offen Deine Meinung, versuche nicht, zu vermitteln, präsentiere dich.

Wenn wir das in Bezug setzen zu dem, was wir über das Nutzungsverhalten wissen, dann passt das einfach. Die traditionellen Protagonisten der Geschlechter verharren überwiegend in traditionellen Geschlechterrollen. Ausnahmen gibt es. Das Ziel bleibt: umgekehrt muss es sein. Das Verharren in Geschlechterrollen muss die Ausnahme werden. Nicht nur deshalb ist und bleibt Feminismus notwendig. An den Stellen, an denen es keinen Einfluss gibt, wird es überdeutlich.

Be the first to like.

Hallo Rapunzel, wir müssen reden

ein „offener Brief“

Hallo Rapunzel,

ich kaufe viel Eurer Produkte im Bioladen oder bei Alnatura, seit vielen, vielen Jahren. Ihr macht leckerer Schokolade, tolle Müslis, ein fabelhaftes Samba und sehr leckere Penne. Heute fiel ich in meinem Bioladen über Euren Schokoladenaufsteller – passend zu Ostern wohl – und musste mit Entsetzen die Produkte „MilchMichl“ und „MichMarie“ als neue Produkte entdecken.

2013-03-26 18.00.04

Das ist klassische, sexistische Produktpolitik. Klar, die „Mädchenschokolade“ ist rosa, die „Michl“ ist ganz klar hell(!!)blau. Ich weiß echt nicht mehr, was ich sagen soll. Ich kann kaum annehmen, dass Ihr die Debatten um die rosa Überraschungseier nicht mitbekommen habt.

Dieser taz-Artikel beschreibt es eigentlich ziemlich gut –

Wahrscheinlich gibt es bald auch die Kinder-Schokolade in Rosa, in Konkurrenz zur lila Milka.

nur ist es nicht die böse Kinderschokolade, mit der Ferrero weiter in die Sexismusfalle tappt, sondern Ihr, die „Guten“ (dachte ich und ihr wohl auch) von Rapunzel. Ja, in Eurer Firmenphilosophie steht nichts von „Sexismus vermeiden“. Aber trotzdem dachte ich irgendwie, das wäre für ein Unternehmen, wie Ihr es seid, gar kein Thema. Faire Schokolade, sexistische Kackscheiße. Eine Kombination, die ich mir nicht hätte ausdenken können.

Die Emma schreibt dazu:

,Rosa macht Mädchen dümmer'“. Zum Wohl ihrer Profitraten vermüllt die Pink-Industrie den kleinen Mädchen das Gehirn.“ Heraus kämen Prinzessinnen, die nur eins im Kopf haben: Konsum

Ich bin frustriert und sauer und werde vorerst auf Eure Produkte verzichten.

Frohe Ostern

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