Archiv der Kategorie: Familie und Gender

Hallo Rapunzel, wir müssen reden

ein „offener Brief“

Hallo Rapunzel,

ich kaufe viel Eurer Produkte im Bioladen oder bei Alnatura, seit vielen, vielen Jahren. Ihr macht leckerer Schokolade, tolle Müslis, ein fabelhaftes Samba und sehr leckere Penne. Heute fiel ich in meinem Bioladen über Euren Schokoladenaufsteller – passend zu Ostern wohl – und musste mit Entsetzen die Produkte „MilchMichl“ und „MichMarie“ als neue Produkte entdecken.

2013-03-26 18.00.04

Das ist klassische, sexistische Produktpolitik. Klar, die „Mädchenschokolade“ ist rosa, die „Michl“ ist ganz klar hell(!!)blau. Ich weiß echt nicht mehr, was ich sagen soll. Ich kann kaum annehmen, dass Ihr die Debatten um die rosa Überraschungseier nicht mitbekommen habt.

Dieser taz-Artikel beschreibt es eigentlich ziemlich gut –

Wahrscheinlich gibt es bald auch die Kinder-Schokolade in Rosa, in Konkurrenz zur lila Milka.

nur ist es nicht die böse Kinderschokolade, mit der Ferrero weiter in die Sexismusfalle tappt, sondern Ihr, die „Guten“ (dachte ich und ihr wohl auch) von Rapunzel. Ja, in Eurer Firmenphilosophie steht nichts von „Sexismus vermeiden“. Aber trotzdem dachte ich irgendwie, das wäre für ein Unternehmen, wie Ihr es seid, gar kein Thema. Faire Schokolade, sexistische Kackscheiße. Eine Kombination, die ich mir nicht hätte ausdenken können.

Die Emma schreibt dazu:

,Rosa macht Mädchen dümmer'“. Zum Wohl ihrer Profitraten vermüllt die Pink-Industrie den kleinen Mädchen das Gehirn.“ Heraus kämen Prinzessinnen, die nur eins im Kopf haben: Konsum

Ich bin frustriert und sauer und werde vorerst auf Eure Produkte verzichten.

Frohe Ostern

der #aufschrei fängt erst an

oder: ist das der Beginn vom Ende des Patriarchats, wie wir es kennen?

Unter dem Hashtag #aufschrei ist eine Debatte entbrannt, die mehr als überfällig war. Mein eigenes Unbehagen mit vermeintlich männlichem Gehabe hab ich im Blog „Bin ich auch so einer“ weitgehend ausformuliert. Gut 2000 Zugriffe hat es auf diesen Text gegeben. Und doch bin ich auch kaum weiter. Mein eigenes Verhalten kann ich reflektieren, ändern oder zumindest damit leben. Das meiner Geschlechtsgenossen nicht. Und das von Frauen, die sich dem nicht mehr ganz so herrschenden Meinungsdruck unterwerfen, erst recht nicht.

Jan Fleischhauer heute im Spiegel ist so einer dieser Verharmloser.

Schwer zu sagen, was man bei dem neuerlichen Aufschrei mehr bewundern soll: den Empörungsgestus, der genau jenen „Tugendfuror“ unter Beweis stellt, den Gauck im SPIEGEL beklagt hat. Oder den hochgespannten Zentralratston, den man normalerweise von Institutionen wie der Synode der Evangelischen Kirche, dem Bundesvorstand der Grünen oder dem Paritätischen Wohlfahrtsverband kennt.

schreibt er. Er hat es nicht verstanden, will es nicht verstehen. Denn es geht doch ihm und anderen darum, den im #aufschrei dokumentierten alltäglichen Sexismus, vom Herrenwitz bis zu gefährlicher sexueller Belästigung, von Ausnutzen und Einfordern von Sex als „Belohnung“ nicht verächtlich zu machen, sondern ihn schuldlos weiter tot zu schweigen, ihn zu akzeptieren, ihn schuldlos zu halten. Es erinnert mich an eine große Grüne der ersten Stunden, Waltraut Schoppe.

Zur Erinnerung:

Doch die „Reala“, wie pragmatisch orientierte grüne Frauen damals genannt wurden, ließ nicht locker und forderte vor dem Deutschen Bundestag bis dato Unvorstellbares – eine „Bestrafung bei Vergewaltigung in der Ehe“, was prompt Tumulte im Hohen Haus auslöste. Als die mutige Novizin auch noch zur Einstellung des „alltäglichen Sexismus hier im Parlament“ aufrief und Formen des lustvollen schwangerschaftsverhütenden Liebesspiels empfahl, glich der Bundestag einem Tollhaus. Selten fielen wohl in dem männerdominierten Plenum obszönere Zwischenrufe als nach dieser tabubrechenden Attacke.

Es ist so ähnlich heute. Es sind nicht nur die Männer derselben Parteien CDUCSUFDPSPD im Deutschen Bundestag, die auch damals schon mit ausfallenden Bemerkungen auf sich aufmerksam machten, es sind auch dieselben Reaktionen, von denen die Fleischhauers nur eine von vielen ist, die systematisch sind für die Art und Weise, wie mit der Frage umgegangen wird.

Joachim Gauck hat es versucht, der von einem breiten Bündnis gewählte Präsident, ein Mann, von dem Mann es nicht erwartet hätte, diese Reaktion. Er spricht vom Tugendfuror und der flächendeckenden Fehlhaltung, die er nicht erkennen möchte. Doch die Reaktion blieb nicht aus, auch wenn die konservativen Männer dieser Republik versuchen, aus dem #aufschrei eine „Jugendbewegung“ zu machen oder den Sturm der Entrüstung zu einem Stürmchen herunter zu schreiben, weil es ja angeblich nur viele Retweets waren – also nur „Kopien“. Nun ja, er hat vermutlich Twitter nicht verstanden. Aber Gauck hat verstanden – und heute seine Position korrigiert.

Ich schäme mich für Männer und Frauen, die sich auf die Fahnen haben, diese ungestüme Leid, dass sich hier endlich Bahn bricht, lächerlich zu machen. Der Tenor geht dabei in bekannte Richtungen – bis hin zu Frauen, die andere Frauen beschuldigen, durch ihr aufreizendes Äußeres doch selbst schuld zu sein an der Belästigung (Zitat: „aber die Bluse haben sie auf“). Und viel zu viele Männer machen das auch.

Nein, liebe Männer, liebe Frauen, liebe Einhörnchen: ich will mich nicht nur unbefangen Frauen nähern, ohne Angst haben zu müssen, sie habe Angst, sondern mich auch meines Interesses nicht schämen zu müssen. Ich fahre viel ÖPNV mir begegnen viele in meinen Augen gut aussehende Frauen. Und manche durchaus aufreizend angezogen (aber nicht, um mich! anzumachen). Und einigen davon werfe ich gerne einen zweiten Blick zu. Aber verdammt noch mal: ich käme doch keine Sekunde auf die Idee, mich an sie ranzumachen, mich an sie zu drücken im engen Bahnwaggon, in der Menschenmenge, „aus Versehen“ ihre Brust zu berühren. Ich spräche sie nicht an und machte Bemerkungen über ihre Oberweite. Nein, es ist nicht in Ordnung, von einer Frau, die ich gut aussehend finde und einen Kurs bei meinem Bildungsträger besucht, als „Lohn“ für eine Vermittlung oder Beratung zu ihren Bewerbungsunterlagen Sex im Beratungszimmer einzufordern – und sie zu mobben und ihr Unterstützung zu verweigern, wenn sie sich weigert. Sie womöglich anzuschwärzen bei der Arbeitsagentur oder dem Jobcenter. Ja, ich frotzle mal, mache Witze, flirte. Aber ich vergewissere mich – indem ich darauf achte, wie das Gegenüber reagiert – dass ich keine Grenze überschreite und im Zweifel frage ich! Das geht und keiner fällt davon tot um und meine Krone hat hinterher noch alle Zacken.

Nicht das, was Ihr Fleischhauers unter „ganz normal“ versteht ist normal, sondern es ist übergriffig und ekelhaft. Das was ich mache – so ungefähr zumindest -sollte normal sein.

Der Kachelmann

ist ein Justizopfer. Stimmt. Keine Frage. Und das was ihm passiert ist, ist kein Einzelfall. Oder doch. Einer, der immer wieder vorkommt. Leider.

Er hat seine Lehre gezogen, aus dem Fall. Ein Unwort geprägt. „Opferabo“. Das angeblich Frauen hätten.

Der Begriff wurde von Jörg Kachelmann geprägt: Der Schweizer Moderator hatte im Herbst davon gesprochen, dass Frauen in der Gesellschaft ein „Opfer-Abo“ hätten. Mit ihm könnten sie ihre Interessen 
in Form von Falschbeschuldigungen – unter anderem der Vergewaltigung – gegenüber Männern durchsetzen. „Das ist das Opfer-Abo, das Frauen haben“, sagte Kachelmann dem Spiegel. „Frauen sind immer Opfer, selbst wenn sie Täterinnen wurden. Menschen können aber auch genuin böse sein, auch wenn sie weiblich sind“, sagte der Moderator.

so ist es in der Zeit zu lesen. Hat er Recht? Er beharrt auf seiner Meinung. Er hat Recht. Bedingt. Aber eben nicht nur.  Und nicht so. In Diskussionen mit mir dazu per Twitter verlinkt er allzu gerne auf einen Buchabschnitt seines Buches. Und auch wenn er darauf besteht, sich mit niemanden gemein zu machen:

so ist seine Sprache doch verräterisch. Ich nehme an, dass er natürlich im Netz recherchiert hat. Und so kommen Wörter wie „Opferabo“, „Opferindustrie“, „Image der Frau als Opfer“ zustande. Wörter, die den Blick verstellen, auf das, was da letztendlich passiert ist. Wörter, die ich zu gut aus der Maskuszene kenne, die ich seit vielen Jahren beobachte. Natürlich ist seine leidvolle Erfahrung ein gefundenes Fressen für die rechte Maskuszene, zu deren Held er wird und der als Beleg für den Mythos der massenweisen Falschbeschuldigungen herhalten muss. (kein Link!)

Kachelmann ist das Opfer einer Frau, deren Eifersucht explodiert ist, die offenbar versucht hat, ihn mit der Falschbeschuldigung einer Vergewaltigung öffentlich zu schlachten. Es ist ihr gelungen, ihm seinen Status als den netten Wetterman zu nehmen, der uns Wetternachrichten auf unvergleichliche Art und weise neu nahegebracht hat (Blumenkohlwolken!) in beinahe in den Ruin zu treiben. Sie hat es geschafft, ihn hinter Gitter zu bringen und er wurde dort über die Maßen hinaus festgehalten. Der Staatsanwalt hat offenbar genüsslich öfter Informationen an die Presse gegeben, als für einen neutralen Verlauf des Prozesses gut war. Und mit Alice Schwarzer fand sich eine bereitwillige Jägerin, die bis heute an seiner Glaubwürdigkeit Zweifel streut, den Freispruch nicht anerkennen will.

Aber was resultiert daraus? Eine feministische Verschwörung? Oder nur fehlerhaftes Verhalten bei einigen Personen?

Fakt ist: am Ende hat das Recht gewonnen. Aber Gerechtigkeit ist nicht wieder hergestellt worden. Das ist auch unmöglich. Die Prominenz, die ihm zuvor soviele Annehmlichkeiten gebracht hat, hat sich gedreht, wurde zu seinem Unglück. Die Boulevardpresse fiel wie im ähnlich prominenten Fall Andreas Türck über ihn her – und lies ihm keine Ruhe mehr. Aber letztendlich konnte in einem Indizienprozess die Falschbeschuldigung erkannt werden, Kachelmann wurde frei gesprochen. Was nichts daran ändert, dass er weiterhin nicht mehr bei der ARD die Wettervorhersage macht und es viele Leute gibt, die ihn nicht für den netten Mann von nebenan hielten, sondern nun auch einiges über ihn wissen, dass sie lieber nicht gewusst hätten. Klar, „wer ohne Schuld is, der werfe den ersten Stein“ – und trotzdem trägt  die Gesellschaft hier eine Doppelmoral als Monstranz vor sich her, die ihresgleichen sucht.

Die Öffentlichkeit hat geurteilt. Er beschäftigt sich seit dem mit der Problematik „Falschbeschuldigungen“. Ja, das gibt es. Es gibt eine Studie, auf die sich rechte Männerrechtler wie Arne Hoffmann  in dieser Frage immer wieder gerne berufen – allerdings zitieren sie gerne „punktuell“ – freundlich ausgedrückt – einen Polizeibeamten, der von deutlich mehr als der Hälfte der Fälle berichtet. Doch diese gibt tatsächlich für das Jahr 2000 für Bayern einen Anteil von 7,4 Prozent falschen Verdächtigungen an allen Anzeigen wegen Vergewaltigung an. Aber:

Diese näherungsweise Berechnung auf Grundlage der Sachbearbeiterbefragung liegt erstaunlich nahe bei dem von den Sachbearbeitern durchschnittlich geschätzten prozentualen Anteil der Vortäuschungen und falschen Verdächtigungen an allen Anzeigen gem. § 177 StGB – Sexuelle Nötigung; Vergewaltigung mit 33,4%. In ihren Schätzungen geben diese also – auf Basis ihrer  beruflichen Erfahrungen – relativ genau den prozentualen Anteil der Anzeigen an, bei denen auch  nach Abschluss der Ermittlungen nicht alle Zweifel an den Angaben des Opfers ausge räumt werden konnten. Berücksichtigt man für eine – wiederum näherungsweise – Berechnung nur die tatsächlich als Vortäuschung oder falsche Verdächtigung angezeigten Fälle, und die gem. § 170 II StPO eingestellten Verfahren, die von den Sachbearbeitern als „mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Vor täuschung oder falsche Verdächtigung“ bewertet wurden, dann ist aus Sicht der ermittelnden  Beamten immer noch etwa jeder fünfte Fall sehr zweifelhaft.

Es sind also mehr, ein Drittel der Fälle sind zweifelhaft. Das heißt noch nicht, dass sie nicht wahr wären, aber es gibt Indizien. Dazu gehören auch  Dinge wie

„Opfer erstattete erst rund zwei Monate später im Rahmen der  Scheidungsauseinandersetzung Anzeige.“

oder

„Opfer stand zum Zeitpunkt der Anzeigeerstattung deutlich sichtbar unter  Medikamenten- bzw. Drogeneinfluss, schlief ständig ein und konnte anfangs keine detaillierten Angaben machen.“
Da ich jetzt weder Statstiker bin noch Kriminalbeamter, will ich es mal dabei belassen. Laienhaft: krass! Was mich umtreibt: besteht politischer Handlungsbedarf? Ja und Nein. Mit dem Wissen meiner eigenen strittigen Scheidung im Kopf weiß ich, das Menschen bereit sind, sich Dinge anzutun und sich an den Kopf zu werden, dass man an ihrem Verstand zweifeln muss. Jahre des Erlebens von Geschichten von Männern und Frauen in Scheidungsverfahren haben mir gezeigt, dass man Rachegelüste nicht am Geschlecht festmachen kann. Und so gibt es in einem solchen Prozess, an dem Menschen beteiligt sind, die sehr in der Öffentlichkeit stehen, ja, diese auch suchen/gesucht haben, ein paar Dinge, die die Justiz beachten sollte. Stillschweigen und Ausschluss der Öffentlichkeit vom ersten Tag an sollte selbstverständlich sein. Schutz der Angeklagten und der Ankläger ebenfalls. Ein Staatswanwalt, der so agiert wie im Prozess Kachelmann müsste sofort entlassen werden – ein völliges Unding. Die Polizei muss weiter sensibiliet werden -steht aber im Anzeigefall vor einem Dilemma.
Das Opfer muss einer rechtsmedizinisch haltbaren Untersuchung zugeführt werden. Erkennt sie den Opferstatus zunächst nicht an und der Vergewaltigungsvorwurf ist wahr, bekommt sie ein Problem. Geht sie rüde mit dem/r vermeintlichen Täter_in um, hat sie ebenfalls ein Problem. Es muss für solche Vorfälle geschulte Polizist_innen geben, die in der Lage sind, die Unschuldsvermutung professionell umzusetzen, ohne den Opferschutz zu vernachlässigen. Eine echte Krisenintervention. Schwierig. Eigentlich kann man nur alles falch machen. Was wir als Politik aber tun können, ist dafür zu sorgen, dass es diese speziell ausgebildeten Polizist_innen gibt. Dass die Umsetzung erfolgt. Supervision stattfindet. 7,4 % sind kein Pappenstiel.
Und Kachelmann? Der könnte seine Prominenz einsetzen, um zu einem differenzierten Bild beitragen. Rita Eva Neesser hat seinen Prozess verfolgt, hat ihn verteidigt. Das tue ich übrigens auch, bis heute. Auch nicht immer einfach gewesen – so wie es grundsätzlich schwer ist, die Unschuldsvermutung argumentativ durchzuhalten und Vorverurteilungen abzuwehren. Heute sammelt sie, wie die besten Männerrechtler Beispiele für Faschbeschuldigungen durch Frauen. Und er verlinkt darauf. Er (und sie) stellen unser Rechtssystem in Frage. Ja, man muss immer wieder Fragen stellen. Es gibt spektakuläre Fehlurteile von Harry Wörz bis Jörg Kachelmann. Wo Menschen agieren, passieren Fehler. Schlimme Fehler. Furchtbare Fehler. (und oft genug gestehen sie ihn hinterher nicht ein)  Hier maximale Sicherheit zu schaffen, muss ein Grundanliegen von Politik sein.
In der Form aber, ind er augeblicklich agiert, stellt Kachelmann das System insgesamt in Frage. Hätte er Recht, lebten wir in einem Unrechtsstaat. Das tun wir aber nicht. Er könnte hergehen und seine Prominenz und seine unbestreitbar richtige Wut über seinen Fall dazu benutzen, das System Berichtersattung in Frage zu stellen. Statt dessen kommt er auf die feministische Verschwörung, das Opferabo. Er bedroht mit seiner Kampagne alle Frauen, die Opfer von sexueller Nötigung, Vergewaltigungen geworden sind. Das ist fatal. Vorallem, weil er es nicht sieht. Auf seinem Kreuzzug. Es gibt andere Wege, den Opfern zu helfen. Anlaufstellen. Hotlines. Aufklärung. Ohne Wut. Ohne Hass. Ihnen muss geholfen werden. Auch das ist eine politische Aufgabe. Im übrigen: nur mit Fingerspitzengefühl voran zu bringen. Nicht mit Schaum vor dem Mund. Kachelmann: packen wir’s an.

Sorgerecht

der vorletzte Schritt ist getan. Schon bald können uneheliche Väter beim Familiengericht einen Antrag auf gemeinsame Elterliche Sorge stellen und bekommen es auch, sofern dem Kindeswohl nichts weiter entgegen steht. Ein richtiger, ein wichtiger Schritt – und doch noch nicht genug.

Die grüne Bundestagsfraktion und sie vor allem auch durch die Arbeit der in diesen Fragen sehr gut aufgestellten Katja Dörner haben darüber hinaus in einem Entschließungsantrag die vorhandenen Lücken im jetzigen Gesetzentwurf der Regierung offen gelegt.

Der Antrag sollte beim Jugendamt gestellt werden. Das Jugendamt kann die Mutter informieren udn gleichzeitig eine vernünftige Beratung anbieten. Gleichzeitig müssten Jugendämteraber endlich kontrolliert werden, ob sie ihre Rolle neutral wahrnehmen. Eine Beratung für antragstellende Väter gehört da natürlich dazu. Ohne die Schaffung einer solchen Infrastruktur ist das dann zwar niederschwelliger, allerdings ist die Neutralität nicht gewährleistet.

Die Widerspruchsfrist von 6 Wochen für die Mutter sollte länger und flexibler gehandhabt werden.  Eine Hemmung während der Mutteschutzfrist (8 Wochen nach der Geburt) gehört dazu. 14 Tage mehr können hilfreich sein.

Konflikte sollen verstärkt durch Beratungs- und Mediationsangebote gelöst werden. Eine Mediationspflicht von mindestens 5 Stunden scheint mir allerdings angemessen zu sein. Konflikte lassen sich unter professioneller, guter Anleitung oft entschärfen.
In der taz erschienen dazu drei Artikel, eine Beschreibung, ein Pro– und ein Kontraartikel. Der Kontraartikel von Isabel Lott hat mich dazu motiviert, dazu zu bloggen. Sie zeichnet das Bild des ignoranten Vaters und hat natürlich passende Beispiele für die Männer, die sich ja grundsätzlich seltenst um ihren Nachwuchs kümmern wollen:

über unzuverlässige Väter, die Termine mit den Kindern absagten, weil sie lieber ins Kino gingen, oder den Unterhalt nicht bezahlten, weil ihre zwei Motorräder so teuer waren

Seit 1999 treibe ich mich im Internet in sogenannten „Scheidungsforen“ herum. Grund waren eine äußerst strittige Sorgerechtsstreiterei zu Beginn, dazu Hilfe suchen und Unterhaltsstreitereien mit der Mutter meiner Kinder. Fachliche und emotionales Unterstützung – die ich von Frauen wie Männern erfahren habe. Ich kenne diese Materie durch und durch, ich kenne Geschichten von treulosen und ignoranten Vätern – und solche von umgangsverweigernden Müttern. Aber es gibt auch jeweils die Gegenseite dazu und oft genug ist das, was erzählt wird, nur die halbe Wahrheit.
So wie es beschrieben ist, sind das auch heutzutage schon  Gründe für eine Aufhebung der gemeinsame Sorge. Schwerer wiegt in den Augen von Frau Lott offenbar die Sorge, dass sich
One-Night-Stands und Kurzaffären, also fremde Männer
in dsa Leben einer Frau einmischen können. Liebe Frau Lott, bei gemeinsamer elterlicher Sorge geht es um „das Leben einer Frau“ nur sekundär – es geht vor allem darum, einem Kind zu ermöglichen, dass die leiblichen Eltern auch die sorgenden Eltern sein können. Ein One-Night-Stand, sodenn er denn irgendwie bekannt oder auffindbar sein sollte, muss „auch“ Unterhalt für das Kind bezahlen. Das tut er in aller Regel auch gerne – sofern er das kann (da. 1/3 aller Unterhaltsschuldner können nicht mehr oder überhaupt bezahlen, das belegen alle Zahlen über die Versuche, die Gelder einzutreiben). Er soll aber auch Verantwortung übernehmen, für sein Kind da sein, es versorgen können, es kennen können. Das tut er gemeinhin viel lieber, wenn er auch das Gefühl hat, dass seine Meinung in Erziehungsfragen auch etwas zählt. Wenn ihn das alles nicht interessiert – dann wird er auch keine gemeinsam Sorge beantragen. Das gilt ebenso für „Kurzaffairen“. Die Frage ist aber: wieso sollen Väter, die offenbar ein Interesse daran haben, sich um ihre Kinder zu kümmern, davon ausgeschlossen werden, auch etwas entscheiden zu können? Frau Lott reklamiert ja abwesende Väter. Jetzt gibt es welche, die so sind, wie sie das will – also interessiert an ihren Kindern – und die sollen aber bitte keine gemeinsame Sorge haben dürfen? Das ist widersinnig.
Nicht mal ein Konto für das Kind kann eine Mutter ohne den Vater eröffnen. Er kann verhindern, dass die Mutter mit dem Kind aus beruflichen Gründen in eine andere Stadt zieht.
schimpft sie am Ende ihres Kontra-Artikels. Gut so, finde ich. Es geht beim Konto ja nicht nur um die Kontoeröffnung – sondern auch um die Verfügbarkeit über die dort hinterlegten Beträge. Die kann sie nur noch gemeinsam mit dem sorgeberechtigten Vater abheben. Und der Umzug: wenn eine gute Bezeihung zwischen Vater und Kind besteht und dieses bei der Mutter wohnt, ist es im Interesse des Kindes, dass der Kontakt zum Vater erhalten werden kann. Ein Umzug kann dafür sorgen, dass dieser Kontakt völlig abbricht. Das entpräche nicht dem Kindeswohl.
Frau Lott argumentiert einzig und allein für eine fiktive Alleinerziehende, die das Leben ihres Kindes alleine bestimmen will. Sich nicht darum scheren will, was ein möglicher sorgender Vater zu ihren Entscheidungen zu sagen hat. Sie argumentiert alleine aus der Sicht einer Frau, die schlechte Erfahrungen gemacht hat. Sie argumentiert keine Sekunde im Interesse des Kindes. Aber bei der elterlichen Sorge geht es alleine darum. Um das, was dem Kind gut tut. Das ist schon in bestehenden Beziehungen mit Kindern schwer genug. Aber auch da ist man nicht immer einer Meinung. Aber selten hat jemand per se einfach so recht. Und auch Mütter können sich irren. Und falsche Entscheidungen treffen.
Eltern sollten Eltern bleiben können. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie man miteinander streiten kann, obwohl man es besser weiß. Das liegt aber nicht am der gemeinsamen Sorge, sondern an der fehlenden Einsicht bei den streitenden Eltern. Manches in meiner eigenen Geschichte wäre mit ein bißchen gutem Willen auf der jeweils anderen Seite (als auch auf meiner) vermeidbar gewesen und friedlicher zu lösen. Hinterher ist man immer schlauer. Aber mit dieser Erfahrung plädiere ich für gemeinsame Sorge von Geburt an, automatisch mit einer zur obigen Regelung adäquaten Einspruchsfrist- und möglichkeit der Mutter – sowie einer Mediations oder niedrigschwelliger Beratungspflicht in jedem Streitfall. Um einen Ausgleich der Elterninteressen und den immer im Vordergrund stehenden Kindesinteressen. Das Leben mit Kindern ist gezeichnet von Kompromissen. Eltern haben oft unterschiedliche Vorstellungen. In einer funktionierenden Beziehung sind sie daran gewöhnt, diese Kompromisse selbst zu finden. Sie haben eine gemeinsame Wertebasis, sonst würde die Beziehung nicht funktionieren. Das schließt zwar Streitigkeiten nicht aus, macht sie aber unwahrscheinlicher als wenn zwei Menschen jeweils alleine oder gar in anderen Beziehungen leben. Kinder aber wollen beide Elternteile. In aller Regel. Dem wird die gemeinsame Sorge gerecht. Gemeinsame Sorge fördert das. Alleinige wirkt dem entgegen.

bin ich auch so einer?

Das wird ein schwieriger Text. Als Mann bin ich vordergründig immer des Sexismusses verdächtig – schlimm genug! Und insofern mag es mir passieren, dass ich Formulierungen wähle, die andere (Frauen?) als nicht angemessen betrachten. Ich gebe mir zwar Mühe, das zu vermeiden, aber wer weiß?!

Schon der Anfang dieses Artikels zeigt mir, wie schwer das alles ist. Wenn man nicht „so einer“ sein möchte. Ich gebe zu – ich bin nicht gefeit vor der Attraktivität anderer Frauen als meiner eigenen, ich nehme Dekolletés ebenso wahr wie kurze Röcke und befürchte: würde ich von Alkohol nicht müde, würde ich meine Außenwirkung nach dem 5. Bier womöglich ebenfalls mächtig überschätzen. Und vielleicht ist es mein Glück, das ich nie der Aufreißer-Typ war, ich hab immer auf eindeutige Signale gewartet, sodass ich sicher war, ich würde mich weder aufdrängen noch könnte der Korb zu groß werden.

Seit vielen Jahren mache ich Politik auch im Themengebiet Gender. Ich hab am Maskulismusbuch von Andreas Kemper mitgeschrieben, kenne also ziemlich viel unangenehme sexitische Kackscheiße, verbunden mit rechtsgerichteten, rückwärtsgewandten Ansichten sogenannter Männerrechtler.

Was mich an dieser Debatte, die auf Twitter aber jetzt unter dem hashtag #aufschrei sich seine Bahn bricht, erschrickt, ist zum einen eine gewisse Undifferenziertheit. Mich macht es als Mann unsicher, wenn ich das Gefühl bekomme, ein nicht vermeidbarer Blick auf einen Busen macht mich schon zum Sexisten. Dabei ist mir das selbst unangenehm. Das ist die eine Seite. Die andere Seite ist das, was da an täglichem Angebagger, Angegrapsche bis hin zu sexueller Gewalt beschrieben wird. Von Frauen und Männern. Home- und heterosexuell. Es ist schlicht unerträglich. Weil scheinbar so normal.

Und das ist es wohl. Gesellschaftlich anerkannt, geduldet, gewollt. Ich brech’s jetzt mal auf  „Frau ist Mann zu Willen“ herunter.

Das Privatfernsehen trägt viel dazu bei. Sendungen wie „Der Bachelor“, „Bauer sucht Frau“ sind Beispiele dafür – bei letzterem vor allem die begleitende Berichterstattung gerade von Blättern wie dem Stern und Spiegel bis hin zur Tagespresse. Im ZDF sind es Stars wie Thomas Gottschalk, der durch solche Aussagen glänzt: (übrigens ganz unbeachtet im Stern veröffentlicht):

„Wenn es in Deutschland ein paar hunderttausend Männer gibt, die künftig schon deshalb ‚Wetten, dass…?‘ anschalten, weil sie in Michelles Dekolleté sehen wollen, soll’s mir recht sein“, sagte Gottschalk dem „Spiegel“.

Kein Aufreger, weil normal. Mario Barth’s beinahe komplettes Programm basiert auf Sexismus – und er füllt damit Fußballstadien und darf damit auch noch den Werbe-Anchorman machen – was offenbar funktioniert. Nicht wenige Filme zeigen Szenen, in denen Männer der Widerspenstigen dann doch endlich am Ende den Kuss aufdrängen – und sie sich nach anfänglichem Wehren dem hingibt – „nein“ bedeutet ja doch „ja“. In diesen  Tagen beginnt die sogenannte 5. Jahreszeit – Fasching. Ich bin im Fastnachtsverein groß geworden, habe dort in meiner Jugend Musik gemacht. Es wird wieder tausende Prunksitzungen geben, in denen Männer und Frauen über sexitische Witze zu Lasten beider Geschlechter lachen. Und nicht nur harmlose. Wir alle kennen das, die meisten von uns ertragen es oder gehen dem aus dem Weg – Protest dagegen hört man selten.

Alles nicht so schlimm? Doch – denn die Normalität, mit der sexuelle Belästigung, Beleidigung, Sexismus herunter gespielt wird, die Art und Weise, wie Männer Rainer Brüderle ihre Solidarität zusichern – ganz vorne die unerträgliche BILD – die Sprüche von „ach hab dich nicht so“ bis hin zu „die will  doch, die tut nur so“, all das ist schlimm.

Ich weiß, das ich kein Sexist bin. Und ich weiß, dass so, wie ich mich verhalte, ich mich nicht für Männer, die sich absolut Scheiße verhalten, rechtfertigen muss.  Aber trotzdem bleibt bei mir ein Gefühl des Unwohlseins. Bin ich irgendwo respektlos? Überschreite ich Grenzen? Wie deutet sie meinen Blick? Hat sie bemerkt, dass ich auf ihren Busen geschaut hat (hat sie vermutlich)?

Für mich als Mann stellt sich am Ende die Frage: wie kann ich angesichts der Übermacht dieser ganzen sexistischen Arschlöcher noch völlig unbefangen eine Frau nett und attraktiv zu finden und mit ihr flirten (was ich gerne tue!) – ohne am Ende Angst haben zu müssen, dass mir mein Interesse (vielleicht noch nicht einmal von der Frau selbst, sondern auch noch von jemandem Dritten) falsch ausgelegt wird? Dafür gibt es eine Lösung – und weil es so ist, finde ich dieses ganzen Kackmist, den Leute wie Mario Barth und Rainer Brüderle mit ihrem bescheuerten, ekelhaften Verhalten anrichten, zum Kotzen. Nicht weil ich auch so bin. Sondern weil ich nicht mehr unbefangen bin. Und das wäre ich gern. Wieder.

Update:

Nach meinem eigenen Tappen in die erlernte Sexismusfalle (Titten und Beine/Suding)  ist dieser Text nicht mehr ganz unwidersprüchlich. Ich musste lernen, dass ich sexistische Äußerungen mache,  weil ich unreflektiert provozieren wollte. Meine Haltung hat sich nicht geändert. Aber ich bin nicht davor gefeit, mich so zu äußern.

Gleichstellungspolitik

oder doch nur Frauenpolitik?

Die grüne Bundestagsfraktion befand sich in Klausur. Das nutzt sie dazu, ein paar Beschlüsse zu fällen. Es muss ja nicht nur Papier, sondern auch Inhalte produziert werden, Handlungsmöglichkeiten ausgelotet, Leitlinien und Perspektiven beschlossen werden. Dazu sind Klausuren unter anderem da.

Zu einem relevanten Teil ging es um Gleichstellungspolitik und ich hatte dazu einen kurzen Twitterdisput mit Beate Müller-Gemecke, die ich ja als Sozial- und Arbeitspolitikerin sehr schätze, in dem ich schon vermutete, dass es weniger um Gleichstellungs- sondern eher um Frauenpolitik ginge. Das Papier, das dazu heute veröffentlich wurde, heißt dann wohlweislich:  GLEICHSTELLUNG IM LEBENSVERLAUF – die PDF_Datei aber „Beschluss_Weimar_Frauen“ und das Papier dreht sich auch praktisch um die Rolle der Frau in der Welt und ihre Benachteiligung. Nicht das ich das alles negieren würde, aber ich finde nach wie vor, dass zu einer erfolgreichen Frauenpolitik auch eine erfolgreiche eigenständige Männerpolitik gehört – oder aber eine deutlichere Unterwerfung unter das Prinzip Gender Mainstreaming.

Das Papier beginnt mit Sätzen wie:

Frauen sind weniger erwerbstätig als Männer und arbeiten in schlechter bezahlten Branchen, sie sind öfter in beruflichen Auszeiten oder Arbeit in Teilzeit oder Minijobs.

Das ist richtig.  Aber eben nicht nur. Daher gehe ich einen Schritt zurück und hole mir mal aus der Wikipedia die Definition von „Gleichstellung„:

Unter Gleichstellung versteht man die Maßnahmen der Angleichung der Lebenssituation von im Prinzip als gleichwertig zu behandelnden Bevölkerungsgruppen (wie Frau und Mann) in allen Lebensbereichen.

Und daher muss dieser Satz entpauschalisiert werden. Das Bremer Institut für Arbeitsmarktforschung und Jugendberufshilfe liefert für Dezember dazu folgende Zahlen:

Der Anteil der Frauen an der registrierten Arbeitslosigkeit in der Bundesrepublik Deutschland betrug im Dezember 2012 46,0%. (Dezember 2011: 46,9%)

Die schlechter bezahlten Branchen in dieser Pauschalität wage ich zu bezweifeln, denn wenn ich dran denke, dass Männer bspw. überwiegend im Paketdienst arbeiten und mir dazu noch ein paar weitere Beispiele einfallen würden wie der Sicherheitsdienst, Gebäudereiniger (da wo Fensterreinigung mit drin ist) Haus- und Hofdienste, und so weiter – dann ist diese Verpauschalierung ein Schlag ins Gesicht der Männer, die ebenfalls von Niedriglöhnen betroffen sind. Und ob wie so bei „überwiegend“ landen, ist für mich nciht völlig klar – aber möglicherweise gibt es irgendwo eine Statistik?

Die beruflichen Auszeiten und die Mini- und Teilzeitjobs – das sehe ich ähnlich. Aber hier fängts dann an: wieso ist das nur ein Problem, bei dem die Politik auf die Frauen schauen muss? Ist es denn nicht eher so, dass man auch Männern dringend den Weg in Teilzeitarbeit leichter machen muss? Ist die Anforderung an „Männerjobs“ nicht praktisch ausschließlich die Bereitschaft, Vollzeit zu arbeiten. Ich sehe täglich, dass es gerade Männer, die gesundheitlich angeschlagen sind, schwer haben, eine Stelle zu finden, die ihrer verminderten Leistungsfähigkeit entsprechen. Und junge Familienväter, die gerne ihre Arbeitszeit reduzieren möchten, stehen oft genug vor dem Problem, dass sie das nicht können.

Im Papier geht es weiter mit:

Eine moderne Gleichstellungspolitik muss also den gesamten Lebensverlauf in den Blick nehmen

Korrekt – aber warum wird dann nur wieder über Frauen geredet? Nur wenn sich für Männer und Frauen etwas ändert, wird sich die Situation für beide Geschlchter verbessern.

Es folgen 5 Punkte, die ich alle so unterschreibe – bis auf

Beim Unterhaltsrecht wiederum wird die sonst so dominante Absicherung über die Ehe durchbrochen, hier wird die schnelle finanzielle Eigenständigkeit der Partner nach einer Scheidung gefordert.

was völlig in Ordnung ist, wenn man davon ausgeht, dass man nach einer gewissen Zeit, die ja auch immer noch vorgesehen ist, sich wieder um sein eigenes Leben kümmert, wenn man geschieden ist. Ja, es braucht Übergansfristen für Ehen, die schon länger andauern – aber ich finde, ab einem bestimmten Stichtag ist das nicht mehr zu rechtfertigen. Daher konstatiert man weiter unten auch richtig:

Frauen müssen heute – genauso wie Männer – grundsätzlich selbst für ihren Unterhalt sorgen.

Väter und Männer kommen zwar vor in diesem Papier – aber eben „auch“ vor.

Aber auch Väter wünschen sich mehr Zeit mit der Familie

Der Satz ist falsch. Familien wünschen sich, dass beide zusammen mehr Zeit für Familie haben. Kein „auch“. Keine Überraschung, keine Almosen, kein Ergebnis von Erziehung – sondern eine Selbstverständlichkeit. Noch immer wird so getan, als müssten Männer dazu getrieben werden, Familienarbeit zu leisten:

Auch für Männer wären die Anreize größer, ihre Arbeitszeit zeitweise für Sorgearbeit zu reduzieren

Ansonsten steht da natürlich viel richtiges drin – aber der Grundtenor bleibt gleich: in diesem Politikfeld machen wir vor allem Politik für Frauen. Eine eigenständige Männerpolitik in diesem Bereich ist nicht notwendig – sagt ja auch Katrin Göring-Eckart in diesem Streitinterview mit Ursula von der Leyen.

Wenn Jungs das Gefühl haben, dass das tollste Vorbild ein Macho ist, sollte man darüber reden. Dafür brauchen wir aber keine neue Männerpolitik, das ist ganz normale Bildungspolitik.

So ist das nur ein weiteres Papier, das alte Forderungen zwar richtigerweise neu auflegt – aber immer noch nicht den Sprung zu einer Gleichstellungspolitik schafft, die diesen Namen auch verdient. Der Grundton bleibt: Männer müssen zu richtigem Verhalten erzogen werden. Und auch wenn ich das bei einzelnen MdBs nicht wahrnehme, so bleibt bei mir, der ich jetzt viele Jahre Genderpolitik mache, diese Wahrnehmung da. Ich erinnere mich gut,  wie ich angegangen wurde, als ich vor 4 Jahren den Halbsatz „aber auch Männer sind zunehmend davon (Vereinbarkeit von Familie und Beruf) betroffen“ im Wahlprogramm haben wollte. Dafür habe ich einen ganzen Tag lang verhandelt.

Solange sich meine grüne Partei nicht wirklich innerlich von dieser Haltung löst, solange wird sie nicht in der Lage sein, eine gerechte Gleichstellungspolitik zumindest einmal zu formulieren. Männer wie Frauen brauchen eigenständige Akzente, individuelle Anreize und Rücksichtnahme. Scheißjobs gibt es für jedes Geschlecht. Katrin bestätigt diese Haltung, während ich diesen Beitrag schreibe übrigens mit diesem Tweet:

Welche Männer will man mit solchen Aussagen erreichen? Welche Frauen?

Für die ganz normalen Menschen da draußen ist das so nicht relevant. Menschen brauchen Vorbilder.

Wenn die smarte Biochemikerin in der TV-Serie „Post Mortem“ einen grausamen Mordfall löst, dann begeistert das Frauen für den Beruf. Die TU Berlin will deshalb in Serien für technische Berufe werben.

Wem ständig der Zeigefinger gezeigt wird, wird sich nicht kooperativ verhalten, sondern rebellieren (oder resignieren).  Deshalb wird es Zeit für eine echte grüne , die Frauen und Männer ernst nimmt in dem, was sie brauchen, um diese für sich auch umzusetzen. Männer sind anders. Frauen auch. Aber gemeinsam sind sie vor allem Menschen, mit meist ganz ähnlichen Bedürfnissen, abseits aller Klischees. Ein gutes Leben, genug zum Leben, Sicherheit. Daran gilt’s zu arbeiten – nicht neue Klischees zu produzieren.

Familie oder nicht?

Die Frankfurter Allgemeine titelt:

Warum ist das mit den Kindern so kompliziert?

Trotz aller Anreize werden wenig Kinder geboren. Das größte Hindernis, so fand das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung heraus, sind die kulturellen Einstellungen: Das Leben mit Kindern gilt als anstrengend und soll perfekt gelingen. Muss das so sein?

Es folgen eine Reihe von Zustandsbeschreibungen dieser Republik von verschiedenen Autor_innen – von Familienfreundlichkeit, die man sich erkaufen muss, weil es sie sonst angeblich nicht mehr gäbe, bis hin zu den Müttern, die ausschließlich und nur erst mal Teilzeit arbeiten, zum Klotz am Bein, der Forderung nach Steuerfreiheit. Einzig Sandra Kegel schreibt:

Denn Kinder versprechen eine Glückserfahrung, die mit Geld nicht aufzuwiegen ist – weil sie dem Leben einen Sinn geben.

Ich würde jetzt nicht so weit gehen, und den Sinn meines Lebens „nur“ an den Kindern festmachen. Aber diese Artikel machen mich wütend – weil er den Blick verstellt, auf das, was Leben mit Kindern bedeutet. Auch in den zwischenzeitlich beinahe hundert Lesermeinungen zum Artikel finden sich wenige positive Artikel zum Leben mit Kindern. Von Menschen, die Kindernnutzen berechnen bis hin zur üblichen Tirade auf Feministinnen, die

 die mit ihrer unsäglichen Gegenderei Leid und Unfrieden verursacht haben

Ich habe zwei Familien gegründet. Die erst noch ganz jung. Mit 19 bin ich zu meiner anschließend ersten Frau gezogen, die schon ein Kind hatte. Wir haben zusammen drei weitere bekommen. Und und 1998 scheiden lassen. 2003 und 2008 haben meine zweite, jetzige Frau und ich zwei Jungs bekommen. Zwischen (eigenem) Kind drei und Kind vier liegen 11 Jahre, fast auf den Monat genau.

Ich erinnere mich gut, dass ich als Kind mir immer vorstellte, viele Kinder zu haben. Ich konnte auch als Jugendlicher immer gut mit Kindern umgehen. Vielleicht hätte ich Erzieher lernen sollen. Zum ersten Kind konnte ich keine Entscheidung fällen. Es war schon da und ich nahm es an. Und auch wenn er heute nach einer sehr strittigen und emotional verletzenden Trennung und Scheidung nicht mehr mit mir spricht, so wird er doch immer irgendwo mein Sohn bleiben. Von den anderen Söhnen möchte ich keinen missen. Jeder ist anders, alle sind sich ähnlich.

Ich kann Kinder nicht in Nutzen berechnen. Ich beschwere mich nicht über mangelnde Perspektiven mit Kindern. Ich suche einen Weg. Und finde ihn meist. Ja, Kinder erfordern Opfer. Wenn man den Verzicht auf jährlichen Urlaub in der Karibik oder schon in der Türkei oder Ägypten als Opfer empfindet. Sofern man sich das nicht trotzdem leistet…

Für mich war es nie ein Opfer, auf weite und teure Urlaubsreisen zu verzichten. Ich brauche kein Hotel, kein All-Inclusive. Uns reicht ein Campingplatz. Den größten Luxus, den wir uns leisten, ist das schon aufgebaute Zelt oder ein Wohnwagen. Ferienwohnung. Ich muss mich nicht darüber beschweren, dass sich meine Kinder in Hotels „benehmen“ müssen. Nicht mit sandigen Füßen und nassen Badehosen am Tisch sitzen können. Ich gehe dahin, wo es niemanden stört. Ich schaue in Kindergarten und Schule, dass es dort so abläuft, wie ich mir das vorstelle – unter der Prämisse, dass es meinem Kind gut geht. Ich kämpfe wie ein Löwe und finde Kompromisse. Einer meiner Söhne geht auf eine freie Schule, weil er im regulären Schulsystem nicht zurecht gekommen ist. Einer ist mit ADS und Legasthenie so diskriminiert worden, und hat am Ende mit Glück doch noch einen Lehrer gefunden, der ihn nahm, wie er ist, seine Stärken förderte und ihn so dazu brachte, nach der Hauptschule noch die mittlere Reife zu machen und nun eine Ausbildung macht. Einer studiert, einer schaut grad, wo der Hase lang läuft und der Kleinste wird heraus finden, dass er nicht die ganze Familie herumkommendieren kann. Sie sind 6 Menschen, deren Existenz an keine Bedingung geknüpft ist. Deren Wohlergehen mir selbstverständlich am Herzen liegt. Die aber gleichzeitig mir den Raum lassen müssen, um mir selbst gerecht werden zu können.

Man bekommt nie das Ideal. Verzichten lernen heißt sich selbst zurück nehmen. In meiner ersten Ehe hatte ich nur noch die Wahl zwischen Einkommen herbei schaffen und Familienleben. Zu mehr gab es keinen Raum. Daher – und aus ein paar Gründen mehr, die aber hier nichts zur Sache tun – musste ich mich trennen, weil es keine Abhilfe gab. In meiner zweiten Ehe habe ich von Anfang an meinen eigenen Platz gesucht. Keine Aufopferung mehr. Leben mit Kindern, das eigenes Leben und Verwirklichen mit einschloss.

Denn Kinder können auch lernen, dass ihre Eltern eigenständige Personen sind, mit eigenen Bedrüfnissen und keineswegs perfekt. Die auch mal weinen, zornig sind, ungerecht, fehlerbehaftet und verletzt. Die Grenzen kennen und einfordern. Und trotzdem einen lieb haben, bedingslos. Egal welchen Mist sie bauen. Egal, wie zornig sie einen machen. Egal, wie unfair sie selbst zum eigenen Kind sein können. Wie desinteressiert auch manchmal an dem, was sie tun, weil man garnix damit anfangen kann, was sie da tun.

Kinder zu haben ist ein Wert an sich. Sie die Welt kennen lernen zu sehen, ihren Weg finden zu sehen, mitzuerleben, wie sie ihren Platz finden, wie sie mit einem und sich  selbst kämpfen ist eine ungeheure Erfahrung. Wie sie heraus finden,was sie können und was sie nicht können. Sie los zu lassen, die schwierigste und befreiendste Erfahrung, die man sich täglich neu erarbeiten muss.

Am Ende befriedigt ihre bloße Existenz. Kein Geld der Welt, kein Amt, kein Mandat, keine Reise nach Südafrika oder zum Mond können mir das bieten, was mir meine Kinder abverlangen: mich täglich zu hinterfragen, sie zu lieben, sie kommen und gehen zu lassen und heraus finden, was sie einfach so von mir und von anderen haben, gelernt haben oder mit der Muttermilch aufgesogen – wie man so schön sagt. Am Ende gehen sie hinaus in die Welt, alleine und eigenständig.

Das Leben mit Kindern gilt als anstrengend und soll perfekt gelingen

Nichts gelingt perfekt und alles, was einem nicht gerade so gelingt, ist anstrengend. Auch ein Leben ohne Kinder ist anstrengend. Für die allermeisten Menschen. Und was bitte ist „perfekt“. Eigenes Haus, 20 Geschenke zu Weihnachten und Geburtstag. Urlaub? Oder ganz einfach ein Leben gemeinsam, mal mehr (zu Beginn), mal weniger (so ab 10 Jahren :-). Gelebt vom Willen, es gut zu machen und respektvoll? Ich glaube, für ein perfektes Leben mit Kindern braucht es nichts von dem, da geschrieben wurde bei der FAZ. Sondern nur den Willen, ihnen gerecht zu werden, ihnen zu vertrauen, für sie da zu sein, wenn sie einen brauchen und sie ins Leben zu entlassen und zu einem aufrechten Menschen zu „erziehen“ – was immer „erziehen“ auch bedeuten mag.

Bist du ein Vorhautgegner?

Eine Debatte rollt durchs Land und diese hat sich an einem Urteil des Kölner Landgerichts entzündet, das in einem konkreten Fall die Beschneidung eines 4-jährigen muslimischen Jungen für rechtswidrig erklärt hat. Dass überhaupt eine solche Debatte entstehen konnte, liegt vor allem auch daran, dass zum ersten Mal überhaupt in Deutschland über die Beschneidung von Kindern entschieden wurde.

Wie Thomas Stadler in seinem juristischen Blog einsichtlich darlegt, handelt es sich bei der Beurteilung der Frage, ob Beschneidung von Säuglingen oder kleinen Jungs erlaubt sein sollte, um die Einschätzung, welches der Rechte, nämlich

die Religionsfreiheit (der Eltern) auf der einen und das Recht des Kindes auf körperliche Unversehrtheit und die Wahrung des Kindeswohls auf der anderen Seite

einander nachgeordnet sein sollen. Welches Recht ist höher zu werten?

Meines Erachtens ist das Recht des Kindes auf körperliche Unversehrtheit aus vielerlei Gründen höher zu werten. Ich möchte aber einen Aspekt nochmals herausgreifen:

Von Risiken einmal ganz abgesehen finde ich es unglaublich, dass allen Ernstes behauptet wird, es handele sich eh nur um „ein Stückchen Haut“, wiewohl die Vorhaut durchaus Funktionen hat. Aber mit der Vorhaut rückt auch die männliche Sexualität in das Blickfeld und manch eine_r müsste da das Bild des unsensiblen Mannes, der eh nur „rein-raus“ möchte, revidieren (was nie für den eigenen Mann gilt, sofern es einen gibt, der ist ja immer anders, aber alle anderen…). Das geschieht, wenn überhaupt, nur sehr unwillig. Und die Vorstellung, dass die Vorhaut, die da so einfach als unnützes Überbleibsel einfach so weg kann

Aus meiner Sicht wird die Vorhaut nicht gebraucht und sollte gleich nach der Geburt entfernt werden.

scheint angenehmer zu sein, als sich vorzustellen, dass es sich hierbei um eine erogene Zone handelt, und insofern der Vergleich unter dem Aspekt „erogene Zone“ mit der Klitorisbeschneidung also so weit hergeholt nicht ist – wenn sie auch in den Auswirkungen eine völlig andere Dimension hat. Und wenn man darüber hinaus weiß, dass man sich erhoffte, beschnittene Jungen würden weniger masturbieren, dann steht man erneut vor der Vorstellung einer wie auch immer gearteten „schmutzigen“ Art der männlichen Sexualität. Das hängt natürlich damit zusammen, wie Sexualität heute transportiert wird, um das vorhandene patriarchale Bild des Mannes, der Frauen zu Sex zwingt, sich Sex kauft, onanierend vor Playboyfotos oder dem Spätporno auf RTL 2 sitzt uns so wieter – ein Korb voller Klischees, über deren Realität man sich am besten keine Gedanken macht.

EIne ähnlich absurde Abwägung gibt es übrigens bei den Zeugen Jehovas (und auch  bei Sinti und Roma), wo Bluttransfusionen aus religiösen Gründen untersagt sind. Im Handlungsleitfaden für die DRK-Kliniken in Berlin findet sich dabei folgender Satz(PDF) in Bezug auf die Einwilligung zu einer Nichtbehandlung:

Fehlt einem Kind die Einwilligungsfähigkeit, entscheiden die Sorgeberechtigten. An diese Entscheidung ist der Arzt allerdings nur gebunden, wenn sie nicht zu einer Gefährdung des Kindeswohls führt. Von einer Gefährdung des Kindeswohls ist aber auszugehen, wenn die Sorgeberechtigten die Zustimmung zu einer medizinisch notwendigen Bluttransfusion verweigern.

Hier wird offenbar im Sinne des Kindeswohls ganz selbstverständlich der Wille der Eltern übergangen.

In der Debatte muss man aber, bei aller Entrüstung, die sich auch in mir breit macht, Fingerspitzengefühl wahren. Ich halte wenig davon, nun mit der Brechstange vorzugehen. Wir können nicht so tun, als hätte es die stillschweigende Akzeptanz der Jungenbeschneidung aus religiösen Gründen nicht gegeben. Ich weiß allenfalls von ein paar Männerrechtlern, leider nur die von der „ganz rechts außen“ – Seite, die das hin und wieder debattiert haben. Und wir können nicht so tun, als wäre dieser Staat ein laizistischer Staat. Das ist er nicht, die Religionen haben große  Macht, von Kirchensteuereintreibung durch den Staat bis hin zur Rolle Tendenzbetriebe für die Kirchen im Arbeitsrecht. Wir müssen darauf achten, dass aus der Auseinandersetzung mit den Glaubensgemeinschaften kein Religionshetze wird – denn betroffen sind vor allem zwei Religionen, für die wir im Umgang mit ihnen auf den Kontext achten müssen. Dem Judentum gegenüber sind aufgrund unserer historischen Rolle nach wie vor zu einer rücksichtsvollen Kritik gezwungen. Schon jetzt taucht in der Debatte die Wahrnehmung auf, man wolle ihnen vorschreiben, wie sie zu leben haben. Und auch im Umgang mit dem Islam bedarf es einer umsichtigen Argumentation. Denn es droht natürlich auch die Gefahr, dass sich die Rechtsaußen der Republik dieser Debatte bemächtigen und so Vorbehalte gegen Menschen schüren, die diesen beiden Religionen angehören.

Meine Idee ist deshalb, die Beschneidungen zwar zu verbieten, sie aber übergangsweise straffrei zu stellen – und gleichzeitig eine gesellschaftliche Debatte darüber zu beginnen. Das kann mit einem runden Tisch im Bundestag beginnen, an dem aber nicht nur die Religionsgemeinschaften sitzen dürfen, sondern auch Vereine wie der „Mogis e. V.“, Männerinitiativen, Ärzte, Jugendamt, Verfassungsrechtler. Ein breit gefächertes Meinungsbild soll dabei entstehen, bei dem es auch keine Tabus geben darf. Ich würde mir wünschen, wenn am Ende das Ritual erhalten bliebe – aber in einer unblutigen, alternativen Zeremonie (die es heute schon gibt, es ist ja nicht so, als würden Juden und Muslime in der restlichen Welt über dieses Ritual debattieren!) und ein Junge mit der Religionsmündigkeit selbst über seinen Penis entscheiden darf. Ohne eine ausführliche Diskussion, an der die Öffentlichkeit teilhaben können muss, besteht die Gefahr, dass die Brechstange des Urteils dazu führt, dass Beschneidungen illegal durchgeführt werden oder ein Beschneidungstourismus entsteht – und andererseits die Debatte darüber weiterhin von schrillen Tönen begleitet wird – was nicht angemessen ist. Ohne eine solche Debatte ist eine Ablehnung des Kölner Urteils, wie es jetzt durch die Bank weg (mit Ausnahme der Linken und einiger Grüner) von den Fraktionen im Deutschen Bundestag wohl vorgenommen wird, nicht nur unverständlich, sondern auch völlig kontraproduktiv. Ein solches Thema braucht einen angemessenen Umgang – in dem wir alle etwas nicht nur über Religion und unseren Umgang mit ihr, sondern auch über unsere Moralvorstellungen und sogar männliche Sexualität lernen können.

Rettung für Schleckerbeschäftigte?

Schlecker ist insolvent. Und so ganz langsam beginnt die Steuergeldmaschine zu rollen, denn Schlecker will rund 12.000 Arbeitsplätze abbauen. 12.000 Arbeitsplätze, beinahe ausschließlich werden Frauen arbeitslos werden, die sich über Jahre in die schlecht bezahlten Jobs haben pressen lassen. Sie verlangen jetzt gesellschaftliche Solidarität. Aber warum sollte die geleistet werden?

Meine Parteifreundin Charlotte Schneidewind-Hartnagel begründet das so:

„Die Tatsache, dass 12.000 Schlecker-Frauen vor dem existenziellen Ruin stehen und sich der Bund bedeckt hält, was die Schaffung von Perspektiven für die Beschäftigten angeht, zeigt einmal mehr, welche Wertigkeit Branchen, in denen überwiegend Frauen arbeiten, haben.“

Also, zunächst mal bekommen die Schleckerfrauen ALG1, was nicht den exitenziellen Ruin bedeutet. Und welche Perspektiven will man schaffen? Seit Jahren findet im Einzelhandel eine zunehmende Konzentration auf wenige Unternehmen statt – dies wird nicht verhindert, sondern durch Ausweisung großer Flächen geradezu gefördert. Ich habe im Einzelhandel mal gelernt – damals gab es noch Lebensmittelsupermärkte mit 500 m² – heute undenkbar. Nachbarschaftsmärkte sind fast keine mehr zu finden, der Kunde will Einkaufserlebnisse oder zumindest alles unter einem Dach, sodass man nur einen Laden anfahren muss. Kleine Läden, Fachgeschäfte, bleiben dabei auf der Strecke. Hipp ist es höchstens noch, auf einen Markt zu gehen und sich dort mit frischer Ware einzudecken. Also, was soll man mit 12.000 arbeitslosen Verkäuferinnen anfangen auf einem solchen Arbeitsmarkt? Wohin sollen sie qualifiziert werden?

Ich frage das ernsthaft – schließlich ist genau das mein tägliches Brot. In den Bürobereich hinein – kaum möglich. Als kaufmännische Mitarbeiterin ist selbst in 4%-Arbeitslosenquoten-Zonen wie Karlsruhe und Region kaum ein Arbeitsplatz außerhalb von Zeitarbeit zu finden. Ältere Mitarbeiter_innen ab Mitte 40 sind auch mit Praktika und Eingliederungszuschüssen nur schwer zu vermitteln.  Was bleibt dann auf der Basis Einzelhandelskauffrau? Call-Center? Möglich, da werden immer Leute gesucht. Und zu ähnlichen Konditionen wie bei Schlecker. Bäckerein boomen. Ich weiß zwar auch nicht, wer die ganzen, schlecht schmeckenden aufgebackenen Teiglinge aus ganz Europa isst, aber scheinbar läuft das gut. Die Bezahlung ist ähnlich wie bei Schlecker schlecht. Aber immerhin gibt’s da zumindest noch ab und an Stellenangebote.

Erzieher_innen werden händeringend gesucht. Aber da will man ja keine einfachen Frauen mit Hauptschul- oder Realschulabschluss, da soll ja mehr Qualität geliefert werden – was ich hier schon kritisiert habe. Meine Antwort mit „einfachen Erzieher_innen“ wäre eine Perspektive – aber dazu müsste sich die Landtagsfraktion bewegen. Eine gute Option, finde ich.

Tja, und was machen wir eigentlich mit den anderen 12.072 (2010) durch Insovenz arbeitslos gewordenen Menschen in Baden-Württemberg. Wer setzt sich für die ein?

Ich finde es völlig unverständlich, dass sich die Landesregierung und die Fraktion so für Schlecker ins Zeug legt. Die Insolvenz von Schlecker ist selbst verschuldet. Sie basiert einerseits darauf, dass der alte Schlecker nichts in die Märkte investiert hat. Klein, muffig, Warenpräsentation unter aller Kanone – das wollten die Kunden bei vorhandener Konkurrenz wie dm und Rossmann mit modernen, großen (sic!) Märkten nicht. Sie basiert darauf, dass die Kunden dort nicht mehr einkauften, weil sie die Berichte über Lohndumping und schlechtem Image leid waren. Boykott einer Ladenkette – nicht mehr überraschend, nachdem sogar LIDL die öffentlich bekannt gewordnen Auswirkungen seines Umgangs mit Mitarbeiter_innen gespürt hat. Und wir wollen nicht vergessen – die Schlecker-Frauen, die jetzt um Solidarität bitten, haben jahrelang die Verhältnisse dort mit beschönigt. Sie verteidigt. Trotz bekannter Probleme dort beworben und dort gearbeitet.

Nach diversen Rückmeldungen merke ich, dass ich das ein bißchen schräg formuliert habe und möchte das korrigieren. Natürlich kann man aus der Loyalität, die ein Arbeitnehmer seinem Arbeitgeber gegenüber haben muss, kein „selbst schuld“ formulieren – und ist auch nicht so gemeint. Die Jobsituation im Einzelhandel habe ich ja ausreichend beschrieben. Das hat für viele der Schleckerfrauen natürlich zu keiner guten Perspektive geführt.

Es gibt Lösungen für diese Frauen. Wie für andere Arbeitslose auch. Es gibt Qualifizierungsmaßnahmen. Als ALG1-Bezieherinnen sind sie durchgängig besser gestellt als erwerbslose Verkäuferinnen im ALG2-Bezug. Wer kümmert sich um die – und die gibt es auch! Wer geht für die auf die Straße – ist ja leider nicht ganz so öffentlichkeitswirksam wie zusammen mit dem DGB für Schlecker?

Was nicht lösbar ist, ist der problematische Arbeitsmarkt im Einzelhandel.  Konzentration auf wenige Ketten. Schlechte Arbeitsbedingungen. Outsourcing klassischer Verkäufer_innentätigkeiten auf 400-€-Job-Unternehmen, die bspw. Regalservice machen oder Inventuren durchführen – außerhalb der Öffnungszeiten. Mehr und mehr Selbstbedienungskassen in Supermärkten, Warenwirtschaftssysteme, die eigenhändig Bestellungen durchführen, Regale, d ie überall gleich aussehen und zentral geplant werden. SB-Gemüse, SB-Fleisch, SB-Wurst, SB-Käse, Drogerieprodukte ohne Beratung. Kostenreduktion wo immer man hinschaut. Kein Wunder beim Preisverfall in diesen Segmenten. Die ARbeitslosigkeit in diesen Bereichen wird weiterhin hoch sein. Hier findet ein Wandel statt. Wenn es bald nur noch SB-Kassen und externe Auffüller gibt, werden nur noch ein paar türkische und andere kleine Händler Arbeitsplätze anbieten, wie sie jetzt gesucht werden – bei weitem nicht genügend,

Die Probleme liegen anderswo. Es hilft nicht, am Frauentag für Verkäuferinnen auf die Straße zu gehen. Es braucht zahlreiche Initiativen und Flexibilität auch in Hinblick auf andere Berufe. Mehr Geld für die Pflege – und auch hier wie im Erzieher_innenbereich geringer qualifizierte Tätigkeiten. Die Re-Regulierung von Zeitarbeit und vor allem von 400-€-Jobs, die sofort mit einem System ersetzt werden müssten, das Geschäftsmodelle mit 95% Mitarbeiter_innen auf Aushilfsbasis unterbindet.

Als letztes: der Vergleich mit den Jobs in der Autoindustrie ist nicht gerechtfertigt. Dort wurde Kurzarbeitergeld bezahlt – übrigens mit einer Regelung, die für alle Kurzarbeiter egal in welchen Branchen gilt. Das könnte ja Schlecker übrigens auch tun: seine Verkäufer_innen auf mehrere Filialen verteilen und die Arbeitszeit bei ihnen reduzieren. Den Vorschlag hör ich nirgends….Und es hätte einen weiteren Vorteil: sollte Schlecker auf die Idee kommen, die Öffnungszeiten seinen Mitbewerbern gegenüber anzupassen, hat er schon Personal, dass er nur wieder so bezahlen muss wie vorher – würde bedeuten, er könnte viele der Frauen behalten.

Kein Geld für Schlecker. Die Ursachen bekämpfen, nicht die Symptome.

ich sprüh’s an jede Wand?

Ina Deter hat sie gefordert – die neuen Männer. Sie hat dabei sehr offen gelassen, was sie damit meint – was vielen den Raum lies, dort hinein zu interpretieren, was man so für sich selbst dachte. Gemeinhin wird der „neue Mann“ aber als das Gegenteil vom Mann im Patriarchat interpretiert – wie er – überdeutlich – hier dargestellt wird. Seine Rolle neu finden soll er, im Haushalt helfen, Kinder betreuen, emotional sein, reflektiert, nicht Sonntag früh beim Stammtisch, Partner, nicht der, der „die Hosen anhat“. Ein Partner in einer Beziehung auf Augenhöhe.

Zwischenzeitlich redet man sogar über das „Nice-Guy-Syndrom, das dramatischerweise dazu führt, dass offenbar

Frauen  Männer sexuell unattraktiv finden, die ständig nur als der Nette und Harmoniesuchende agieren und Konfrontationen stets ausweichen.

In der Zeit findet sich ein derzeit stark debattierter Beitrag von Nina Pauer, in der sie klischeehaft beschreibt

Heute tragen die jungen Männer Bärte und spielen Gitarre. Sie sind lieb, melancholisch und sehr mit sich selbst beschäftigt. Für die Frauen wird das zum Problem.

wie neue Männer, belastet mit dem Nice-Guy-Syndrom Frauen frustrieren, sie sich doch eher den zupackenden Mann wünschten. Sie stellt es so dar, als wären es vor allem auch eigene Erfahrungen, aus denen sie auf den Rest der Männerwelt schließt. Und das Bild des gitarrespielenden Bartträgers, der es dann nicht schafft „richtig“ zu flirten oder gar ma Ende „einfach mal küsst“ ohne zu fragen, der zupackende Mann, der Aufreißer – der fehlt ihr. Überhaupt das Küssen: in einem klugen Artikel im FAZ-Blog beschreibt Julia Seeliger aka @zeitrafferin, dsas es -nicht nur eigentlich – uncool ist, ungefragt zu küssen. Womit sie recht hat. Und schreibt die Botschaft aus ihren „geheimen Kanälen“:

Im Übrigen würden sich viele Männer auch freuen, wenn die Frau mal den ersten Schritt macht.

Korrekt. Kann ich bestätigen. So geheim ist das gar nicht. Ich habe in meinem Leben auch nicht immer der Forderung nach dem „ersten Schritt“  erfüllt. Das klassische „willst du mit mir gehen“ – gab es nie. Aber bis heute ist diese Erwartungshaltung da. Der Mann hat den ersten Schritt zu tun. Die Frage nach „willst du mich heiraten“ – die hat vor allem der Mann zu stellen und bitte noch gleich die wunderschönen Ringe mitzukaufen. Die Frage muss natürlich romantsich verbrämt an einem besonderen Ort – Urlaub, gutes Restaurant – gestellt werden und nicht bloß nicht nach einem durchschwitzten Beischlaf im gemeinsamen Bett. Er kauft die Ringe – sie kümmert sich dann zusammen mit einer Horde Freundinnen um die gelungene Ausrichtung der Hochzeitsfeier, schleppt ihn auf Hochzeitstage, das Kleid muss auch sauteuer sein – ein unvergesslicher Tag, bombastisch – durch und durch amerikanisiert.

Der Rollback findet statt – und er findet sich in Artikeln wie dem von Nina Pauer wieder. Einem Artikel, der nicht in der Bunten gestanden ist – sondern im intellektuellen Blatt „Zeit“. Wollte die Redaktion provozieren? Man weiß es nicht. Ich finde es aber erschreckend, dass sich solche Plattitüden verbreiten. Denn es ist ja nicht nur dieser Artikel, es ist eine ganze Reihe von ihnen – die das Bild der modernen Familie/Beziehung humorvoll, überspitzt und voller überkommener Klischees insLächerliche zieht. Wie das Herumhacken auf den angeblichen Latte-Macchiato-Müttern in Berlin und Frankfurt. Und wir, die wir uns dafür einsetzen, die klassiche Männerrollen zu überwinden, müssen rückwärtsgewandt Kämpfe führen. Autor_innen wie Nina Pauer gehen hand ind Hand mit der maskulistischen Szene, die ebenfalls gerne vom „richtigen Mann“ schwärmt und alle, die sich für „neue Männer“ einsetzen, als Pudel beschimpft – die, die noch dazu für die Gleichberechtigung kämpfen und Feminismus nicht er se vedammen, gar als „Lila Pudel“.

Das Bild des gehemmnten jungen Mannes, der sich nicht an die Frau traut, gezeichnet mit

Statt seinen Stolz zu nehmen und nach einem letzten romantisch-heroischen Versuch einzusehen, dass es richtig wäre aufzugeben, trauert er, wochen-, monatelang.

ist sowas von 1950er, dass es weh tut. Ja, Männer dürfen weinen, Männer dürfen trauern, Männer dürfen unerfüllt lieben und Männer dürfen nicht wissen, wie sie die Angebetene herumkriegen – zu was auch immer. Und wenn eine Frau dsa merkt – dann kann sie sich ja trauen und sagen: trau dich ruhig. Ich wünsch es mir. Ich bin sicher, das würde es so leicht machen, wie Frau Pauer sich das wünscht. Eine Rückkehr zum Macho, der sich „die Weiber schnappt“ – die darf gerne weiter an Stammtischen und in Maskuforen gefordert werden, der Zugang und der Ausdruck von Gefühlen gerne weiter pudelig. Wir sind da weiter.