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Ester Seitz‘ letzte Demo in Karlsruhe?

Nachdem ich mich vor einem halben Jahr von den Karlsruher Anti-Nazi-Kundgebungen zurückgezogen hatte, war für heute von Seitz angekündigt, dass sie sich aus Karlsruhe zurückzieht. Ich hatte mich daher für eine Rede angemeldet, die ich auch halten konnte.

Nach der Rede das übliche Procedere – Reden bei den Nazis, Gehupe und Getröte und Musik aus der Konserve um einen Klangteppich zu erzeugen, sodass von den Reden nichts zu hören ist – zumindest nicht in Richtung Innenstadt.

Danach liefen sie los in Richtung Bundesverfassungsgericht. Die Antifa lief ebenfalls parallel mit – wir kamen bis zur Ecke Waldstraße, wo der befriedete Bezirk beginnt. DOrt war erst einmal Stopp – bis die Nazidemo, die über eine andere Strecke dorthin kam, vorbei war. Danach löste die Polizei die Blockade auf und die jungen Antifamitglieder liefen zum Park, um nahe an den Nazis zu sein, einige andere blieben gegenüber des Aufzugs stehen und waren so in Sicht- und Rufweite der Kundgebung – die wir weidlich nutzten. Seitz und irgendeiner ihrer Mitstreiter verlasen Gewalttaten von Migranten, die sie alle Angela Merkel anhafteten. Deshalb auch vor dem Bundesverfassungsgericht, weil ja Legislative und Exekutive versagt hatten – die Judikative hätte längst aktiv werden müssen, so ihre Aussage (sie konnte alles fehlerfrei sagen). Unsere Zurufe „dann klagt doch“ gefielen ihr und ihrer Gefolgschaft allerdings nicht.

Sie hatte einen Sarg mitgebracht, mit dem sie symbolisch den Rechtsstaat beerdigten. Und sie hatten viele Blumen darauf geworfen. Es wurde sehr amüsant, als sie versuchten, ohne die Blumen wieder abzuziehen – die Polizei musste sie mehrfach auffordern, ihre Blumen wieder mitzunehmen, ansonsten würden sie kostenträchtig von der Polizei entfernt werden. Große Aufregung, großes Mimimi, sie habe noch nie gehört, dass die Polizei Blumen wegmachen würde und überhaupt, eine Schande wäre das, denn schließlich hätten sie ja getrauert. Wo wir doch zuvor schon ihre Schweigeminute mit Rufen „gestört“ hatten.

Auch auf dem Rückweg gelang, es die Nazis um Ester Seitz mit Rufen zu provozieren, es waren einige Dresdner Nazis dabei, die so nahe Konfrontation offenbar nicht gewöhnt waren. Zwei/drei provozierende Rufe – und dann ging es los mit „Drecksau“-Rufen, mit „Frei, sozial, National“-Geschrei und dem dumpfen „Komm doch her“.

An Ende dann die Rede von Festerling – die aber auch keiner hören konnte. Meine Rede ging so:

(es gilt das gesprochene Wort)

Ester Seitz will nicht mehr.

Was vordergründig eine gute Meldung ist, weil eine gute Chance besteht, dass nach zweieinhalb Jahren endlich Schluss ist hier in Karlsruhe mit den regelmäßigen Demonstrationen von ganz-rechts-außen-besorgte Bürger hat natürlich noch eine andere Dimension.

Ester Seitz hört nicht auf, weil der Widerstand zu groß war – das zeigen Ihre Verlautbarungen zu diesem Thema – sondern weil ihr zuletzt die Gefolgschaft fehlte. Sie sucht heute hier eine letzte Chance, in dem Sie Tatjana Festerling, eine weitere Pegida-Ex-Größe, wie sie zwischenzeitlich vertrieben von den sonnigen Plätzen der Naziaufmerksamkeit, nach Karlsruhe gebracht hat. Sie hofft, dass mit der Einladung dieser Pseudoprominenten sich doch wieder mehr Leute für ihre kleine Demo interessieren.

Seitz, die hier in Karlsruhe als Ansagerin der unsäglichen Michaels begonnen hat – Mannheimer und Stürzenberger – verlässt den letzten Ort, an dem sie noch ein Standbein hatte.  Das ist kein Erfolg der Gegenbewegung, die nicht müde wurde, es ihr hier so ungemütlich zu machen, wie es nur ging. Wie man hört, geht sie ins Ausland. „Wer Deutschland nicht liebt, soll Deutschland verlassen“ – wenigsten hält sie sich an ihre eigenen, wenn auch blödsinnigen Vorschläge.

Es ist das persönliche Scheitern einer Frau, die dachte, wenn sie sich mit ungezügeltem Machtwillen den von Thomas Rettig initiierten Pegidaableger unter den Nagel reißt, sie irgendetwas für sich persönlich erreicht. Personen und Unterstützer waren ihr immer nur Mittel zum Zweck, das scheint auch fast dem letzten, die dort drüben gestanden sind, klar geworden zu sein. Und obwohl sie fast alles versucht hat, sie wurden immer weniger. Sie hat Karlsruher Nazis nach Thüringen geschleppt, nachdem es dort zu Ausschreitungen in der Asylunterkunft kam, sie war in Mainz, gegen die „Lügenpresse“ mit bundesweiter Aufmerksamkeit, immer die Fanboys dabei. Sie hat sich mit wem auch immer verbündet, keine dieser Verbündeten ist geblieben – am Ende muss es die mit Freischärlern im bulgarischen Wald lebende Tatjana Festerling sein.

 

Mehr als 300 Nazis und angeblich bürgerliche, besorgte Bürger waren es zu Beginn. Von Anfang an waren sie Teil einer Bewegung von Rechtsextremen, haben sich von den Berserkern „beschützen“ lassen, hatten immer wieder Leute dabei, die nicht nur die Reichskriegsflagge schwenkten, sondern auch hier in Karlsruhe Hitlergrüße zeigten – oftmals unter dem wohlwollenden Wegsehen der Ordnungskräfte. Was anderswo die Staatsanwaltschaft auf den Plan rief – als Michael Mannheimer Merkel als schlimmster Kanzler seit Hitler“ nannte – führte hier zu ungehinderter Fortsetzung der Ansprache

Wir erinnern uns an traurige Höhepunkte wie das geschmetterte „Rumsfallera“ vom in Ungnade gefallenen Thomas Rettig und den Verschwörungstheorien bis hin zum kostenfreien Eigenheim für Asylbewerber/innen anderer Redner/innen oder dem Demogeld für Antifast/innen, über das auch hier in Karlsruhe gesponnen wurde.

Wisst Ihr, Ihr Nazis: Antifaschismus ist nicht nur Handarbeit, wie viele hier immer wieder betonen – sie war und ist auch immer ehrenamtlich. Und es ist eine große Freude, Teil dieser Bewegung zu sein – ganz ohne Demogeld. Wobei – mein Tesla da drüben in der Tiefgarage und die regelmäßigen Erholungsurlaube mit Antifa Reisen das ist alles schon ganz angenehm…

Wir erinnern uns an blockierte Kreuzungen und Polizist/innen, die sie mit brutaler Gewalt räumten. Wir erinnern uns an Anwohner/innen, die von der Straße aus bedroht wurden – die Polizei sah weg. Wir erinnern uns daran, dass viele von uns hier kriminalisiert wurden, bestraft wurden unter tw. an den Haaren herbeigezogenen Anklagen, tw. sind immer noch Verfahren anhängig, Verfahren, in denen es vorkommt, dass Menschen, die dafür da sind, Recht und Gesetz zu schützen, bewusst die Unwahrheit sagen.

Getroffen: OB Mentrup, der Pappkamerad

Wir erleben bis heute eine Abwesenheit der Stadt Karlsruhe und ihrer Vertreter und Politiker/innen – der Grund, warum ich mich persönlich seit Beginn des Jahres zurückgezogen habe. Anstatt dass sich Bürgermeister, Gemeinderäte, Abgeordnete in die erste Reihe gestellt haben, haben sie großzügig mit Abwesenheit geglänzt. Ja, es gab Ausnahmen – Karin Binder von der LINKEN zum Beispiel oder Michael Borner von den GRÜNEN, um zwei zu benennen und natürlich Michael Brandt als zwischenzeitlich Bundestagskandidat, der glaube ich bei so gut wie allen Demos hier dabei war – aber der Schutz, den Mandatsträger hier hätten für uns Gegendemonstrant/innen hätte sein können, der hat nicht stattgefunden. Niemand hätte erwartet, dass OB Mentrup hier alle 14 Tage steht – aber er ist ja nicht der einzige prominente Vertreter des Rathauses, der hier hätte sein können. Von der verbalen Unterstützung mal ganz abgesehen. Und wo sonst Fahnenmeere etablierter Parteien zu sehen sind – hier, wo es gegen Nazis geht, ist Leere.

Und es ist kaum anzunehmen, dass die Polizei mit Pferden in eine Blockade reitet, wenn dazwischen Mandatsträger/innen gestanden wären. Dafür haben wir erlebt, dass wir über diesen gesamten Zeitraum als gewalttätig diffamiert wurden und der friedliche Protest in den Medien praktisch nicht vorkam.

Wir alle haben in zweieinhalb Jahren gelernt, dass auf die bürgerliche Gesellschaft kein Verlass ist, wenn es um Antifaschismus geht. Wir haben gelernt, dass „Wehret den Anfängen“ manchem leicht über die Lippen kommt –aber wenn er oder sie sich oder andere dann erwehren soll – er oder sie lieber woanders ist. Wir haben gelernt, dass hier 2,5 Jahre lang Nazis nahezu ungehindert machen konnten, was sie wollten. Ein Bild, dass mir immer in Erinnerung bleiben wird, ist der von der Polizei für die Nazis hell erleuchtete Stephanplatz – während in Dresden am Tag zuvor die Semperoper das Licht ausschaltete und Pegida im Dunkeln lies. Und nie vergessen werde ich die Straßenbahnen, die die Stadt mehrfach zur sicheren Abfahrt der Nazis bereitstellte.

Ich habe Pegisten gehört, wie sie darüber lachten und von „ihren“ Straßenbahnen sprachen, die sie „wieder“ bekämen. Dies um die sichere Heimfahrt der Nazis zu gewährleisten, die angeblich gefährdet war. Habt Ihr jemals davon gehört, dass sich jemand Gedanken um die sichere Heimkehr von  Antifaschist/innen in dieser Stadt gemacht hat?  Nichts beschreibt besser die Karlsruher Verhältnisse, die Haltung der Stadt Karlsruhe zu praktiziertem Antifaschismus.

Ob es das vorerst war hier in Karlsruhe oder nicht – das werden wir sehen. Ich glaube erst daran, wenn es keine neuen Anmeldungen mehr gibt. Bis dahin bleibe ich, bleiben wir, wachsam.

Ich beende meine Rede mit dem bekannten Zitat von (Pastor Martin Niemöller)

 

“Als sie kamen, um die Juden zu holen, schwieg ich, weil ich kein Jude war. Als sie kamen, um die Kommunisten zu holen, schwieg ich, weil ich kein Kommunist war. Als sie kamen, um die Gewerkschafter zu holen, schwieg ich, weil ich kein Gewerkschafter war. Dann, als sie kamen, um mich zu holen, gab es keinen mehr, der für mich seine Stimme hätte erheben können.”

Vielen Dank!

Rede #NoKargida vom 22. Februar 2016

Es gilt das gesprochene Wort:

1 Jahr Kargida – 13 Monate Nokargida

Liebe Karlsruher_innen,

da drüben wollen sie heute feiern: 1 Jahr Kargida. Sie wenden sich gegen die „Systemmedien“ und die Lügenpresse, gegen „Asylwahnsinn“  – dabei ist schon „1 Jahr Kargida“ gelogen. Denn mit viel Tamtam hat man sich im Sommer letzten Jahres umbenannt – in „Widerstand“ und sich von der Pegidabewegung losgesagt.

Nun ist zwischenzeitlich auch „Widerstand“ Geschichte – die Organisator_innen bekommen keinen Fuß auf den Boden. Egal wo sie sind – es kommen nie mehr als 40 Personen und meist sind es dieselben. Jetzt heißen sie „Karlsruhe wehrt sich“, aber heute irgendwie auch nicht, obwohl  Karlsruhe wehrt sich – also die Fanboygruppe von Ester Seitz und anderen, rechtsnationalen Frauen wie Melanie Dittmer und Sabine Schüssler, auch hierhin mobilisiert. Umgekehrt nicht. 40 waren es im August im thüringischen  Suhl, als man dachte, man könne auf der Asylwelle surfen und so mehr Leute mobilisieren. Im Großen und Ganzen dieselben, die heute Abend auch hier sein werden, standen dort. Allein, verlassen, isoliert, kein Mensch interessierte sich für sie. Außer sie selbst. Und 40 waren es dann auch letzte Woche beim SWR in Mainz, dieselben 40 Gesichter, 40 Leute und dann zu doof, ihre Aussagen auch nur ansatzweise zu belegen. Noch nicht einmal  das schon immer wiederholte „Lügenpresse“-Geschreie konnte man auch nur einen geraden Satz belegen – dafür bescherte uns Ester Seitz, nachdem sie drei Tage lang darüber nachgedacht hatte auf Facebook die Botschaft: auch verschweigen sei Lüge und dass ja bekannt wäre, dass ganz viel verschwiegen würde.

Es ist ein Witz, eine Zumutung, dass diese Menschen seit einem Jahr, uneinsichtig ihrer Unbedeutsamkeit, ungeachtet, dass ihnen immer mehr Leute davon gelaufen sind, kaum einer ihre Youtube-Videos anschaut, kaum einer es aushält, Bücklingen und Rettichen zuzuhören oder einem Michael Mannheimer und wie sie alle hießen, die sich in Karlsruhe ein Stelldichein gaben in diesem vergangenen Jahr. Und warum stehen wir noch hier? Weil es weder die Stadt noch die Ordnungsbehörden oder gar die Polizei in diesem Jahr geschafft hat, bei offen volksverhetzenden Aussagen den Stecker zu ziehen, den Rechtsstaat zu schützen. Geschafft hat man es allerdings, dass diesen Nazis – und ich habe heute Morgen nochmal in meine Rede vom 10. März letzten Jahres geschaut, so habe ich sie schon damals richtigerweise benannt – der Weg freigeprügelt wurde, ziviler Ungehorsam kriminalisiert wurde, Sitzblockaden mit unangemessener Gewalt aufgelöst wurden.

Wir haben erlebt, dass Zaungästen dieser Kundgebungen bedroht wurden, wir haben erlebt, dass Stadträten und anderen Morddrohungen zugeschickt wurden. Und egal was passiert ist – sie durften reden, sich versammeln, es wurde ihnen der Weg freigemacht, wir wurden kriminalisiert, beschimpft. Die BNN behauptet bis heute, dass es besser wäre, man würde sie ignorieren. Zuletzt im Dezember forderte ihr Chefredakteur Leiter der Karlsruher Lokalredaktion erneut, die Gegendemonstrationen zu unterlassen. Auch weil die Polizist_innen unangemessen belastet würden, die hier Dienst tun, weil sie eh schon viele Überstunden haben. Und das nur, weil wir, die Gegendemonstrat_innen ihnen mehr Aufmerksamket schenkten, als ihnen gebührt. Aber mit der Demokratie spielt man nicht.

Und es geht diesen Leuten nicht nur um Aufmerksamkeit, sondern es geht ihnen um mehr.

Diese Leute wollen einen anderen Staat. Diese Leute denken, sie sprächen für die schweigende Mehrheit der Bevölkerung. Diese Leute glauben, dass, wenn sie es nur oft genug wiederholten, dann würde man ihnen ihre hetzerischen Thesen schon glauben. Heute konnte man lesen, dass Frauke Petry von einer AfD-Regierungsbeteiligung träumt.

Diese Leute verstehen sich als Vorhut. Als diejenigen, denen man später – wer immer „man“ auch ist – auf die Schulter klopft und sie lobt für ihr Durchhaltevermögen – so Michael Mannheimer in seiner Rede vom 30. Juni. Sie saugen nicht den Honig aus der Aufmerksamkeit – sie saugen den Honig aus der Selbstbestätigung – und der Tatsache, dass wir alleine gelassen werden von der Presse und von der Stadt. Denn der Widerstand gegen diese Neonazis, Rassisten, Rechtsextremen – der könnte von einem breiteren Bündnis getragen werden. Aber von Beginn an hat man lieber über vermeintliche Randale – ohne die Polizei dabei zu hinterfragen – berichtet, als sich kritisch damit auseinandergesetzt was hier, mitten in der Hauptstadt des Rechts, durch Mikrofone gebrüllt wurde.

Der Spuk wäre längst vorbei – wären Stadt und regionale Presse Hand in Hand zusammen mit uns gegen diese Leute vorgegangen. Der OB und der Stadtrat in der ersten Reihe. Man ist froh, wenn man überhaupt Gemeinderatsmitglieder sieht, geschweige denn Parteivertreter_innen oder gar ihre Fahnen.

So müssen wir weiterhin dulden, dass gegen diejenigen, die hier Schutz suchen, gehetzt wird, dieselbe Presse, die sich weigert, die Inhalte zu thematisieren, als Lügenpresse beschimpft wird. Wir müssen dulden, dass Demokraten in Gefängnisse gewunschen werden und wir müssen ertragen, dass mit schriller Stimme Parolen geschrien werden, als hätte es nie eine Aufarbeitung deutscher Geschichte gegeben. Wir müssen weiterhin ertragen, dass von Kundgebung zu Kundgebung Menschen von außerhalb Karlsruhes hierher gebracht werden, die sich dann „Widerstand Karlsruhe“ oder „Karlsruhe wehrt sich“ nennen – weil es sonst überall gelungen ist, mit einem breiten Bündnis und viel Präsenz, gelungen ist, sie aus den Städten zu jagen. Nur in Karlsruhe nicht. Warum das so ist? Schauen Sie sich um. Lesen Sie Zeitung. Bis hin zu Leserbriefen dieser Kameraden findet man dort alles – nur keine kritische Auseinadersetzung mit ihnen. Selbst wenn Leute reden, die in jedem zweiten Satz „Jetz sag ich euch was, des isch de Knaller“ rufen.

Karlsruher_innen, wehrt Euch endlich gegen diese Leute. Geht auf die Straße, samstags, dienstags, wann immer sie da sind, wenn es regnet, stürmt oder schneit. Macht Lärm, lasst nicht zu, dass ihre Parolen in den Straßen widerhallen. Es ist höchste Zeit, diese Leute, die auf der nationalen Welle, die durch dieses Land rollt, surfen, die sich Pöstchen und politische Karrieren versprechen, aus dieser Stadt zu vertreiben. Aber dazu müssen hier jede Woche noch mehr Menschen stehen. Menschen, die sich ihnen laut und entschlossen entgegen stellen. Menschen, die die Polizei nicht einfach als „irgendwie Antifa“ kriminalisieren oder denunzieren kann. Menschen, die erkannt haben, dass es zu spät ist, sich den Anfängen zu wehren – es hat bereits angefangen. Dass da drüben – das ist ein kleiner Auswuchs, ein kleiner Pickel am Arsch der Rechtsextremen und Nationalisten in diesem Land. Aber er ist eben auch ein Teil davon. Wir wollen sie hier nicht.

In diesen Zeiten, in denen Asylpakete geschnürt werden, Folterstaaten zu sicheren Herkunftsländern erklärt werden, Unrechtsstaaten zum Freund und Handlungsgehilfen, da ist es wichtig, zusammen zu stehen und die Demokratie zu verteidigen. Die Asylbewerber_innen, die Menschen,die hier Schutz suchen, die hierher Geflüchteten – sie reißen diesem Land die Maske vom Gesicht. Während 11% der Bevölkerung die Aufgabe annehmen, die damit einhergeht, Menschen menschenwürdig zu behandeln, unterzubringen, zu versorgen, schnüren die Bundes- und Landesregierungen Pakete, die die Menschenrechte in diesem Land zur schieren Verhandlungsmasse machen. Menschenrechte sind aber keine Verhandlungsmasse!

Diese Krise, die keine Flüchtlingskrise, sondern eine Demokratiekrise ist, offenbart, wie leichtfertig man bereit ist, die Menschlichkeit auf dem Altar einer schwarzen Null im Haushalt zu opfern. Wie leicht ist man bereit, eigentlich unveränderbare Grundgesetzartikel bis zur Unkenntlichkeit zu verändern. Welches ist der nächste Artikel? Gesundheitliche Unversehrtheit? Es gab schon Ansätze, Folter wieder zu erlauben, wenn nur der Grund wichtig genug ist. Pressefreiheit? Wir erinnern uns, wie schwer es war und ist, die Politik aus den Rundfunkräten herauszuhalten und an der Geschichte des ZDF, wie sehr die Politik versucht, Einfluss zu nehmen!

Stehen Sie auf, erheben Sie sich, empören Sie sich, wehren Sie sich. Dieser Staat ist der Beste, den wir auf dem Gebiet der Bundesrepublik jemals hatten. Weder das Grundgesetz noch alle Gesetze sind perfekt. Und es gibt natürlich Problem mit rechtsstaatlichen Verfahren und politischen Prozessen. Aber im Vergleich sind wir weit, sind wir sicher, funktioniert das alles noch. Aber jetzt müssen wir selbst das verteidigen. Gegen wieder auferstandene Nazibewegungen, gegen eine Kanzlerin und ihre CDU, wie das Gegenteil dessen tun, was sie sagen und Europa zu einer Festung ausbauen wollen, gegen wildgewordene CSUler, gegen willfährige Sozialdemokraten und rückgratlose Grüne, gegen FDPler, bei denen die Freiheit erst da anfängt, wo die Steuerlast am geringsten ist und Linke, die lieber dem Antiamerikanismus frönen als sich für die Menschenrechte aller einzusetzen. Nobodys perfect – aber alles ist besser als das, was die da drüben wollen.

Und daher, zu guter Letzt:

Am 13. März ist Landtagswahl. Gehen Sie wählen. Wählen Sie schwarz, gelb, grün, rot, noch roter – jede Stimme, die nicht an die AfD und andere rechte Parteien geht, ist eine Stimme gegen Rechte in den Parlamenten. Jede nicht abgegebene Stimme ist ein für sie. Und sie dürfen mir glauben: auch mir fällt es dieses Jahr nicht leicht, wählen zu gehen. Überzeugen Sie Freund_innen, Nachbar_innen, Bekannte, Kolleg_innen davon, zur Wahl gegen rechts zu gehen.

Wählen Sie notfalls die Tierschutzpartei – das ist immer noch besser, als gar nicht zur Wahl zu gehen.

Ich danke für die Aufmerksamkeit

#Nokargida Kundgebung

Meine Moderation zur Nokargida-Kundgebung am 26. Januar war so angelegt, dass ich um 5 die Rednerinnen herum – OB Mentrup, Angel Stürmlinger (IGM) , Thomas Schalla (Dekan evangelische Kirche), Manuela Nehal (Flüchtlingshilfe) und Alex Ebert (Antifa) die 6 Pegida-Forderungen beschriebe – wie sie vordergründig klingen und wie sie tatsächlich zu verstehen sind. Wir waren h2015-01-26 16.54.08eute abend „nur“ rund 1200-1500 Menschen bei der Kundgebung. Die Polizei sprach von 1000, was die Presse einfach so übernimmt – Fakt ist, dass der Stephanplatz zu Beginn so gut wie voll war. Regen und Wetter und viele Regenschirme machten einen schlechten Sound – und so konnte man hinten nur schlecht verstehen, was gesagt wurde und einige sind wohl früher heim gegangen – keine Wunder bei dem Wetter. Aber das ist eigentlich egal – wichtig ist, dass wir mindestens 1000 waren – und das bei 2°, Regen und Schnee und einem kalten Wind.

Meine Rede ging so (Moderationsanweisungen nehm ich raus) (es gilt das gesprochene Wort):

Guten Abend, Karlsruherinnen und Karlsruher. Heute sind wir alle Karlsruher, die wir hier zusammen gekommen sind, ganz gleich, wo wir wohnen.

Wir, die Organisatoren und die Unterstützerorganisationen, sind tief berührt von der großen Teilnahme hier heute abend. So viele Menschen wollen mit uns zusammen ein Zeichen setzen für gelebte Vielfalt in dieser Stadt. Über 60 Organisationen unterstützen unseren Aufruf Vielfalt willkommen heißen! Das macht uns Mut. Es ist ein breites gesellschaftliches Bündnis, das zeigt, dass jede Art der Gewalt, des Rassismus und der Verletzung der Menschenwürde hier in Karlsruhe keinen Fußbreit Raum findet.

KARGIDA, der Karlsruher Franchisenehmer von PEGIDA in Dresden, ist bislang nur ein virtueller Ableger. Bisher gibt es keinerlei Aktivitäten dieser Gruppe außerhalb von Facebook. Aber sie haben angekündigt, auch hier Fuß fassen zu wollen! Und mit der Legitimierung durch Pegida erheben sie damit auch deren Forderungen zu den ihrigen. Forderungen, die auf den ersten Blick doch manchem nicht unvernünftig erscheinen – wenn man nicht genau hinschaut

  • Ein neues Zuwanderungsgesetz – und damit ein Ende der „unkontrollierten, quantitativen Zuwanderung“. Stattdessen sollen Regeln für eine „qualitative“ Einwanderung formuliert werden.

Es ist die bekannte Forderung der Rechten in diesem Land, die wollen, dass man Schutzsuchende, die hierher kommen, einteilen möge in gute und schlechte Flüchtende. Eine Forderung, die Misstrauen gegenüber diesen Menschen streuen soll. Eine Forderung, die ignoriert, dass es zum Beispiel für Sinti und Roma in Europa keine sicheren Herkunftsländer gibt. Eine Forderung, die auch unsere Verantwortung für Flucht und Vertreibung negiert, die das individuelle Recht auf Asyl aushebeln möchte. Europa muss gefahrenfreie, legale Wege für Flüchtlinge eröffnen  – etwa über Visa, zum Beispiel für syrische Bürgerkriegsflüchtlinge, und umfassende Aufnahmeprogramme. Schutzsuchende haben das Recht auf menschenwürdige Aufnahme und faire Asylverfahren. Es darf keine Zurückweisungen von Flüchtlingen an den Grenzen geben.

 

Die zweite Forderung der Pegida lautet

  • Die Aufnahme des Rechts, „aber auch der Pflicht“ zur Integration im Grundgesetz. Dadurch würden laut Pegida viele Ängste, wie jene vor dem Verlust der deutschen Kultur, automatisch beseitigt werden.

Wie wenig Pegida und ihre Mitläufer auf dem Boden des Grundgesetzes stehen, zeigt diese Forderung. Wir leben in einer freien Gesellschaft, das Recht auf die freie Entfaltung der Persönlichkeit ist eben im Grundgesetz festgeschrieben. Niemand kann gezwungen werden, sich zu integrieren – wir können allen Menschen, die hierher kommen, ein Angebot machen. Je besser es ist, umso eher werden sie es auch annehmen. Und nur wenn wir diesen Menschen auf Augenhöhe anstatt mit Chauvinismus und Direktivismus begegnen, werden sie dieses Angebot auch annehmen. Schlimmer jedoch ist die nichtausgesprochene Konsequenz aus dieser Forderung: was passiert, wenn sich jemand nicht integriert und: wer überwacht denn die Integrationswilligkeit und –fähigkeit jedes Asylsuchenden, über welchen Zeitraum reden wir? Wer glaubt, es drohe der „Verlust“ der deutschen Kultur – nun, der möge daran erinnert sein, dass selbst die Kartoffel ein Importprodukt ist. Kultur verändert sich. Alles verändert sich stetig. Nichts ist so beständig wie der Wandel. Davor kann niemand die Pegiden schützen.

 

Die dritte Forderung der Pegida lautet

  • Die konsequente Ausweisung bzw. ein Einreise- und Aufenthaltsverbot für „religiöse Fanatiker und Islamisten“, die in heiligen Kriegen kämpfen würden.

Das ist ja fast der größte Unsinn, den es geben kann. Es ist richtig, dass versucht wird, radikalisierte junge Erwachsene an der Ausreise in die Kriegsgebiete zu hindern. Und Hassprediger kann es geben wie Sand am Meer – wenn sie auf Menschen treffen, die um den Wert eines demokratischen Staates wissen, die erleben, das sie in der Gesellschaft, in der sie hineingewachsen sind, gut aufgehoben sind, dann gibt es keinen Nährboden für Hasspredigten. Es ist gemeinsame Aufgabe aller, dafür zu sorgen.

 

 Die vierte Forderung der Pegida lautet:

  • Direkte Demokratie auf Bundesebene auf der Basis von Volksentscheiden

Wer kann dazu schon Nein sagen? Niemand, eigentlich. Aber wenn man die Intention anschaut, mit der diese Forderung erhoben wird, dann muss man sich fragen, ob man diese unterstützt. Und da kommt zusammen, was zusammen gehört – auch die rechtspopulistische AfD erhebt diese Forderung – mit derselben Intention. Volksentscheide sollen nämlich nicht die repräsentative Demokratie ergänzen – sondern teilweise ersetzen. Man erhofft sich Entscheidungen wie in der Schweiz – das Verbot von Moscheen oder Minaretten anstatt Religionsfreiheit, Begrenzung der Zuwanderung (egal welcher) anstatt individuellem Recht auf Asyl. Und man streut Misstrauen – gegen Politik, gegen die Art und Weise, wie in Kompromissen politische Entscheidungen zustande kommen. Volksentscheide finden sich dazu im Forderungskatalog aller in Parlamenten vertretenen demokratischen Parteien.

 

Die fünfte Pegidaforderung lautet

  • Ein Ende der „Kriegstreiberei mit Russland und ein friedliches Miteinander der Europäer“ – ohne Autoritäts-Verlust der EU-Staaten durch die „irrwitzige Kontrolle aus Brüssel“. Dabei müsse der Autoritäts-Verlust der Parlamente einzelner EU-Staaten „durch die irrwitzige Kontrolle aus Brüssel“ verhindert werden.

Man kann über europäische Politik sicherlich uneins sein – aber das Schreckgespenst europäischer Kontrolle an die Wand zu malen – das ist falsch. So ist es ist beispielsweise absurd, dass Europa sich nach wie vor nicht zu einer einheitlichen Außen- und Sicherheitspolitik durchringen konnte. Und auch ein europäisches, geordnetes Asylverfahren, wie schon vorhin beschrieben, auf dem Boden der Charta der Menschenrechte, der Genfer Flüchtlingskonvention und den Werten des Abendlandes sollte doch auch im Interesse der Pegiden sein. Und man kann Europa sicherlich in der Russlandfrage viel vorwerfen – Kriegstreiberei würde noch nicht einmal mir als Pazifisten einfallen.

 

Die letzte Pegidaforderung lautet

  • Mehr Mittel für die Innere Sicherheit Deutschlands, vor allem für die Polizei und ein Ende des Stellenabbaus bei Selbiger

Da sind wir uns einig. Aber auch hier gilt. Wer erhebt diese Forderung und warum. Wenn im Zuge dieser Forderung immer und immer wieder wider jede Statistik und Fachleuten behauptet wird, dass es vor allem Migranten sind, die Straftaten begehen – dann bekommt diese Forderung einen Zungenschlag, die ganz im Tonfall aller ihrer bisherigen erhobenen Forderungen war: Autoritär, auf Kontrolle ausgerichtet, von Misstrauen geleitet und offen aggressiv und abwertend im Zusammenhang mit den Begründungen für ihre Forderungen. Pegida will keinen Dialog, Pegida hält einen wütenden Monolog. Ihr Pegiden, es gibt in diesem Land ausreichend Möglichkeiten, sich Gehör zu verschaffen. Man muss nicht anderen Menschen mit Misstrauen, mit Hass, mit Verachtung begegnen. Aber um es mit dem Ministerpräsident dieses Landes zu sagen: alle werden gehört, erhört werden können aber in einer pluralistischen Gesellschaft nicht alle – am Ende steht immer eine Entscheidung, der einige nicht folgen können. Das ist das Wesen der Demokratie. Und es ist eine demokratische Grundhaltung, die es erfordert, dass man andere Meinungen und Entscheidungen aushält. Zur Demokratie gehört Respekt – und ganz sicher nicht die Abwertung andersgläubiger. Wer meint, 17.000 Dresdner sprächen für das ganze Volk und man habe deshalb ihren Forderungen unabdingbar zu folgen – der hat Demokratie nicht verstanden, der will einen anderen Staat.

Vielen Dank, das Sie auch bei diesem Wetter und der Kälte hier zusammen mit uns ein deutliches Zeichen gesetzt haben und mit uns Vielfalt willkommen geheißen haben. Miteinander haben wir uns heute Abend gegen die gewandt, die Menschen unter anderem aufgrund ihrer Herkunft oder ihres Glaubens das Lebensrecht in Karlsruhe und diesem Land absprechen wollen. Gemeinsam haben wir uns gegen jede Art der Gewalt, des Rassismus und der Verletzung der Menschenwürd gestellt. Danke an Sie alle, die Sie heute Abend hier waren, danke alle Redner_innen für ihre Beiträge. Sollte es Kargida tatsächlich gelingen, eine Demonstration zu organsieren, sei ihnen gesagt: wir kommen wieder! Und ich hoffe auf Sie alle!

Am Rande des Platzes, dort am Rand der Amalienstraße, haben einige unserer Unterstützerorgansationen Informationsstände aufgebaut. Schauen Sie dort gerne vorbei. Und hier spielt jetzt noch ungefähr die nächste halbe Stunde Taxi Sandanski, so dass Sie noch gut ein bisschen dableiben können, diskutieren können, tanzen können.

Ich erkläre diese Versammlung für beendet. Kommen Sie alle gut nach Hause.