der #aufschrei fängt erst an

oder: ist das der Beginn vom Ende des Patriarchats, wie wir es kennen?

Unter dem Hashtag #aufschrei ist eine Debatte entbrannt, die mehr als überfällig war. Mein eigenes Unbehagen mit vermeintlich männlichem Gehabe hab ich im Blog „Bin ich auch so einer“ weitgehend ausformuliert. Gut 2000 Zugriffe hat es auf diesen Text gegeben. Und doch bin ich auch kaum weiter. Mein eigenes Verhalten kann ich reflektieren, ändern oder zumindest damit leben. Das meiner Geschlechtsgenossen nicht. Und das von Frauen, die sich dem nicht mehr ganz so herrschenden Meinungsdruck unterwerfen, erst recht nicht.

Jan Fleischhauer heute im Spiegel ist so einer dieser Verharmloser.

Schwer zu sagen, was man bei dem neuerlichen Aufschrei mehr bewundern soll: den Empörungsgestus, der genau jenen „Tugendfuror“ unter Beweis stellt, den Gauck im SPIEGEL beklagt hat. Oder den hochgespannten Zentralratston, den man normalerweise von Institutionen wie der Synode der Evangelischen Kirche, dem Bundesvorstand der Grünen oder dem Paritätischen Wohlfahrtsverband kennt.

schreibt er. Er hat es nicht verstanden, will es nicht verstehen. Denn es geht doch ihm und anderen darum, den im #aufschrei dokumentierten alltäglichen Sexismus, vom Herrenwitz bis zu gefährlicher sexueller Belästigung, von Ausnutzen und Einfordern von Sex als „Belohnung“ nicht verächtlich zu machen, sondern ihn schuldlos weiter tot zu schweigen, ihn zu akzeptieren, ihn schuldlos zu halten. Es erinnert mich an eine große Grüne der ersten Stunden, Waltraut Schoppe.

Zur Erinnerung:

Doch die „Reala“, wie pragmatisch orientierte grüne Frauen damals genannt wurden, ließ nicht locker und forderte vor dem Deutschen Bundestag bis dato Unvorstellbares – eine „Bestrafung bei Vergewaltigung in der Ehe“, was prompt Tumulte im Hohen Haus auslöste. Als die mutige Novizin auch noch zur Einstellung des „alltäglichen Sexismus hier im Parlament“ aufrief und Formen des lustvollen schwangerschaftsverhütenden Liebesspiels empfahl, glich der Bundestag einem Tollhaus. Selten fielen wohl in dem männerdominierten Plenum obszönere Zwischenrufe als nach dieser tabubrechenden Attacke.

Es ist so ähnlich heute. Es sind nicht nur die Männer derselben Parteien CDUCSUFDPSPD im Deutschen Bundestag, die auch damals schon mit ausfallenden Bemerkungen auf sich aufmerksam machten, es sind auch dieselben Reaktionen, von denen die Fleischhauers nur eine von vielen ist, die systematisch sind für die Art und Weise, wie mit der Frage umgegangen wird.

Joachim Gauck hat es versucht, der von einem breiten Bündnis gewählte Präsident, ein Mann, von dem Mann es nicht erwartet hätte, diese Reaktion. Er spricht vom Tugendfuror und der flächendeckenden Fehlhaltung, die er nicht erkennen möchte. Doch die Reaktion blieb nicht aus, auch wenn die konservativen Männer dieser Republik versuchen, aus dem #aufschrei eine „Jugendbewegung“ zu machen oder den Sturm der Entrüstung zu einem Stürmchen herunter zu schreiben, weil es ja angeblich nur viele Retweets waren – also nur „Kopien“. Nun ja, er hat vermutlich Twitter nicht verstanden. Aber Gauck hat verstanden – und heute seine Position korrigiert.

Ich schäme mich für Männer und Frauen, die sich auf die Fahnen haben, diese ungestüme Leid, dass sich hier endlich Bahn bricht, lächerlich zu machen. Der Tenor geht dabei in bekannte Richtungen – bis hin zu Frauen, die andere Frauen beschuldigen, durch ihr aufreizendes Äußeres doch selbst schuld zu sein an der Belästigung (Zitat: „aber die Bluse haben sie auf“). Und viel zu viele Männer machen das auch.

Nein, liebe Männer, liebe Frauen, liebe Einhörnchen: ich will mich nicht nur unbefangen Frauen nähern, ohne Angst haben zu müssen, sie habe Angst, sondern mich auch meines Interesses nicht schämen zu müssen. Ich fahre viel ÖPNV mir begegnen viele in meinen Augen gut aussehende Frauen. Und manche durchaus aufreizend angezogen (aber nicht, um mich! anzumachen). Und einigen davon werfe ich gerne einen zweiten Blick zu. Aber verdammt noch mal: ich käme doch keine Sekunde auf die Idee, mich an sie ranzumachen, mich an sie zu drücken im engen Bahnwaggon, in der Menschenmenge, „aus Versehen“ ihre Brust zu berühren. Ich spräche sie nicht an und machte Bemerkungen über ihre Oberweite. Nein, es ist nicht in Ordnung, von einer Frau, die ich gut aussehend finde und einen Kurs bei meinem Bildungsträger besucht, als „Lohn“ für eine Vermittlung oder Beratung zu ihren Bewerbungsunterlagen Sex im Beratungszimmer einzufordern – und sie zu mobben und ihr Unterstützung zu verweigern, wenn sie sich weigert. Sie womöglich anzuschwärzen bei der Arbeitsagentur oder dem Jobcenter. Ja, ich frotzle mal, mache Witze, flirte. Aber ich vergewissere mich – indem ich darauf achte, wie das Gegenüber reagiert – dass ich keine Grenze überschreite und im Zweifel frage ich! Das geht und keiner fällt davon tot um und meine Krone hat hinterher noch alle Zacken.

Nicht das, was Ihr Fleischhauers unter „ganz normal“ versteht ist normal, sondern es ist übergriffig und ekelhaft. Das was ich mache – so ungefähr zumindest -sollte normal sein.

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9 Gedanken zu „der #aufschrei fängt erst an

  1. Mark

    Jörg, alles schön und gut. Wenn wir darüber reden, ist ja schon mal was gewonnen – aber ich glaube, dass es für „Männer“ einfach nicht interessant ist, sich zu emanzipieren und somit Souverän zu werden und alle diese „sexistischen Situationen“ auch souverän zu meistern.

    Wenn Mann wirklich was ändern wollte, dann wäre das in normalen Gesprächen auch mal unter Männern Thema. Jetzt höre ich eigentlich nur Meinungen à la Gauck. Ich muss immer wieder feststellen, dass wenn Mann versucht mit Männern über etwas persönlicheres zu sprechen oder über etwas anderes als Fußball, Arbeit, Autos, Haus bauen oder die Preisentwicklung – dann sind die meist recht kurz – und einseitig.

    Ich glaub, das läuft bei Männern weiter, wie mit jedem Aufschrei. Hat da jemand was gesagt? Guggt jemand gerade was ich mache? Bekomm ich einen auf den Deckel? Nein? Na, dann weiter so.

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  2. Lusru

    Zum WELTFRAUENTAG etwas KLARTEXT:
    Was ist das JETZT:
    Ist das eine alte oder eine neue Sau, die durchs strapazierte Piraten-Wahlkampf-Dorf getrieben werden soll – oder die das Dorf nun selber treibt (wie das auch immer gelesen wird – ist es jeweils auch gemeint)?
    Alte (geschlachtete) Sau: „Antisemitismus“, neue „Sau“ (-?-): SExismusAU-schrei ?
    So hatte ich mir das fast gedacht, als die eine oder andere action publik gemacht wurde.

    So sehr ich die jeweils dazu bekundeten Absichten (aber nur diese, nicht zu verwechseln mit den dazu plazierten actions) und Notwendigkeit der Betrachtung und Veränderung stütze, so sehr ist es schon peinlich, wenn derart here Sichten den mikrig und fahrlässig betriebenen Piraten-Wahlkampf nun „aufpeppen“ soll – denn mehr wird auch hier nicht.
    MannFrau führe sich mal vor Augen:
    Da gibt es ca. 15 Bevölkerungsprozent stringent abhängige arbeitende Lohnsklaven, die mit ihrer Arbeit weder sich noch ihre Familie ernähren können, da gibt es ca 10% der Mütter, die allein erziehen und nicht wissen, wie das unter gegenwärtigen Bedingungen gehen soll, da gibt es ca. weitere 8% der nach dem verurteilten Verbrecher Hartz benannten Regelung, die sich völlig entblößen mußten und DADURCH in den persönlichen Ruin getrieben wurden, aus dem sie nie mehr entweichen können, da gibt es Leiharbeit und Scheinselbswtändigkeit, die die Existenz von Arebeitsplätzen und Familien vernichten, da gibt es Rentner und Vorrentner, die nicht wissen, wovon sie künftig wohnen und leben sollen, da wird von Amts wegen der offizielle Armutsbericht in das Gegenteil verfälscht um zu vertuschen und zu beschönigen, daß 50 % der Bevölkerung nur über 1% des Vermögens im Lande verfügen, aber 10 % der Bevölkerung allein über mehr als 50 % des Vermögens, da werden in DIESER Situation höchste Bankergehälter und Banker-Boni an Bankerversager und Gesellschaftsschmarotzer toleriert, die die vorher genannten auch noch aufzubringen haben uvam. – und in DIESER Situation kommt zielgerichtet und piratesk organisiert ein sogenannter „Aufschrei“ – nicht gegen unsere Probleme im Land wie zuvor aufgeführt, die zu 90% zu Lasten von Frauen gehen, zu deren fast nicht erträglicher Not, nein:
    Da wird kampangemäßig abgelenkt auf den Verhaltenskodex von Männern, jedoch nicht etwa auf einen erwünschten sondern auf den von unverbesserlichen, die sich NUR AUFGRUND DER OBEN GENANNTEN VERHÄLTNISSE ÜBERHAUPT NOCH IN DER GESELLSCHAFT ALS „BESTIMMER“ UND KOTZBROKEN AUFFÜHREN KÖNNEN:

    und dann lese ich deine rührseelige Ablenkerei, triefend vor Selbstmitleid aufgrund verlustig gegangenen Mandates.
    Hast du dir diese seltsame Piratsche mal aus diesem Gesichtspunkt überlegt, daß es eventuell im Momennt ECHTE weil SCHER WIEGENDE Probleme im Land (und in ganz Europa) gibt, und genau deren Nichtbehandlung und Überdeckung mit PseudoSchreien wie“Sexismusaufschrei“ erneut einem Schwall von jungen Leuten Ausweglosigkeit suggeriert und in die Arme von „Frei.Wild(erern)“, in die Richtung von Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und nicht zuletzt judenfeindliche Bauernfängerei treibt?
    Aber dahaben wir ja dann für alle, die auf solche Zusammenhänge verweisen, ein bewährtes Mittel: Das müssen „Antisemitisten sein“ …
    Eventuell denkst du mit deinem Vermögen im Interesse deiner und der anderen Kinder auch mal das von dieser Seite her durch (weitersagen erlaubt):
    Was dürfte wohl der EIGENTLICH ERFORDERLICHE AUFSCHREI gegenwärtig sein, na?
    Piraten hatten soetwas schneller erkannt, und DANACH gehandelt, statt die Manieren nicht Hoffähiger zu „beschreien“
    Wie banal klischehaft (vom „Hörensagen“) und ratlos scheinen deine Worte doch in diesem Text.
    ÜBEL kann man, übrigens wie bei dem sogenannten „Antisemitismus“, nur an der WURZELpacken, ansonsten gilt:
    UNKRAUT VERGEHT NICHT, wo auch immer.
    Dein Text spricht NICHT von den „Wurzeln“ sondern von den BLÜTEN ….

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  3. Beelzebub

    Mit Vergnügen und großer Zustimmung habe ich zur Kenntnis genommen, Jörgiboy, dass es dir ein Anliegen sei, dich gegen „Alltagssexismus“ zu engagieren, und dass der „Aufschrei“ dagegen erst angefangen habe. Passt bestens, ich hätte dazu gleich mal ein paar Beispiele, bei denen ich gespannt bin, wann gegen diese Art „Alltagssexismus“ das große Protestgeschrei von dir und deinen Gutmenschen-Artgenossen in ähnlicher Weise überall zu hören ist, wie das hysterische Gezeter, das aus dem blöden Spruch eines angetrunkenen Politikers eine Art Sexualverbrechen macht.

    Ich warte auf deine Aufschreie und lautstarken Proteste gegen

    – Buchtitel wie „Nur ein toter Mann ist ein guter Mann“ oder „Ein bißchen Männerhaß steht jeder Frau“,

    – Illustriertentitelschlagzeilen wie „Eine Krankheit namens Mann“,

    – „wissenschaftliche“ Abhandlungen wie „Der Mann, ein Fehlgriff der Natur“,

    – Schlagertexte wie „Männer sind Schweine“,

    – Autoaufkleber wie „Ich bremse auch für Männer“,

    – T-shirts für „freche Powergirls“ mit Aufdrucken wie „Jungs sind dumm. Werft Steine nach ihnen!“

    – politische Forderungen wie „Der Anteil der Männer muß auf ungefähr 10 % der menschlichen Rasse reduziert und festgeschrieben werden.“,

    – Haß- und Hetzparolen wie „Terror strahlt aus vom Mann, Terror erleuchtet sein Wesen, Terror ist sein Lebenszweck.“

    Was, du willst dagegen gar nichts unternehmen? Weil es ja gar kein Sexismus ist?

    Recht haste, Jörgiboy, für solch widerliches Haß- und Hetzgeschrei pauschal gegen alle Männer ist der Begriff „Sexismus“ absolut unangemessen.

    Femifaschismus passt sehr viel besser.

    Und falls du bereits so abgestumpft bist, dass du den faschistischen Inhalt obiger Zitate nicht erkennen kannst, ersetze dort einfach mal das Wort „Männer“ jeweils durch „Juden“, „Neger“ oder „Zigeuner“. Klingelt’s jetzt?

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    1. Jörg Rupp Beitragsautor

      Wenn Du glaubst, dass ich auf der Basis einer Anrede „Jörgiboy“ irgendwie auch nur ansatzweise auf irgendeinen Satz eingehe, hast Du Dich getäuscht. Aber du darfst als leuchtendes Beispiel dafür stehen bleiben, auf welchem Niveau Maskus wie Du gerne debattieren. Und weitere Antworten bleiben nur stehen, wenn Du Dich an die Netiquette hältst. Alles klar?

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        1. Beelzebub

          Na gut, **zensiert** (oder ist hier auch der Hinweis auf Zensur bereits zensurwürdig?), ich werte dein Statement, dass du dich wegen angeblichen Nettiquetteverstoßes zu den zahlreichen von mir angeführten femifaschistischen Anwürfen nicht äußern willst, als faule Ausrede, und dass du tatsächlich nur vermeiden willst, offen zugeben zu müssen, dass all die Anti-Alltagssexismus-Aufschreihälse mit zweierlei Maß messen, und dass es bei der von den „Grünen“ so oft geforderten „Geschlechtergerechtigkeit“ in Wahreit wieder einmal ausschließlich um Frauenbevorzugung geht.

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          1. Jörg Rupp Beitragsautor

            Genau, solange der Netiquettenverstoß nicht zurückgenommen wird, werde ich mich mit Dir inhaltlich zum Thema Sexismus nicht unterhalten.

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            1. Beelzebub

              [JR] Du hast es immer noch nicht verstanden: solange du meinst, dass das mit [zensiert] erledigt ist und du dich nicht entschuldigt hast, solange schreibst Du hier nichts rein und ich werde mich mit dir inhaltlich nicht unterhalten.

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  4. Lusru

    Solltet Ihr euch nicht lieber um eure Familien und Lieben kümmern, daß die auf die Beine kommen und es ihnen gut geht, als diese hirnerweichende Piratenaktion des herbeigerufenen „Alltagssexismus“ hier zum Familygame zu machen und so zu tun, als ob es in D nicht über 30 % der Bevölkerung gäbe, die im Armutsbereich existieren müssten, kurz: Habt Ihr eventuell auch etwas Wichtiges im Kopf, als auf den längst abgefahrenen und ausgelutschten Wahlfeldzug der Piratenpartei aufzuspringen, dennen nichts anderes eingefallen war, weil alle anderen Themen bereits von anderen Parteien besetzt waren?
    Hallo, aufwachen bitte!
    Faschismus gibt es überall, auch beim Antifaschismus!
    Wann?
    Wenn etwas übertrieben und hochstilisiert wird und das dann nur noch Meutenhaft behandelt wird – das ist Alltagsfaschismus, z.B. wie das der „Antialltagssex“ gerade Gefahr läuft, zu werden…
    Man muß nicht jeder Sau hinterherrennen, die gerade ausgebrochen ist, bleibt mal im Rahmen und in dem eurer Partei, da gibt es viel zu tun – oder will hier gerade sich jemand woanders andienen, ein Mandatsangler?

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