der Tag danach

Heute morgen bin ich aufgewacht und was sofort bei dieser verbalen Entgleisung, die ich mir gestern geleistet habe. Es drängt in mir, aufzuschreiben, was mir dazu durch den Kopf geht.

Das Motiv

Ich wollte provozieren und ich wollte verkürzen. Und ich war verärgert. Ich erinnerte mich an einen Spiegelartikel von Vera Kämper, den ich sehr eindrücklich fand und in dem Katja Suding mit den Worten zitiert wird:

„Attraktivität hilft, Aufmerksamkeit zu bekommen“, erklärt die FDP-Politikerin,

und schon das fand ich ärgerlich. Nicht, dass ich sie wegen ihrer vermeintlichen Attraktivität als nicht intelligent empfand, sondern weil ich finde, dass Äußerlichkeiten, als Attribut im Wahlkampf nichts verloren haben. Weder bei Frauen noch bei Männern. Es gibt und gab recht breite Debatte über Schröder in teuren Anzügen mit den Insignien der Macht – teuerer Anzug, Rotwein und Zigarre – und es scheint mir zweifelhaft, ob sich ein Mann als „James Bond“ inszenieren würde, um Stimmen zu fangen – naja, außer er ist bei der: FDP. Das obige Zitat entlarvt die Kampagne auch soweit, dass sie einen Aspekt nach vorne stellt, der mit Inhalten nicht zu verknüpfen ist. Und es gibt durchaus Stimmen, die meinen Eindruck bestätigen:

Die FDP kämpft mit allen Mitteln. Lange Beine und mit Six Pack“ bis zu „Sex sells. Auch hier der bewährte Altherren-Schwenk. Top!!“

Interessant dabei auch, dass die Bläßing-Kampagne bundesweit kaum Aufmerksamkeit erzeugt hat. Auch das für mich eine Bestätigung meines Eindrucks, dass die sexistische Kampagne frauenzentriert ist. Viele Medien sprechen ja auch ganz bewusst von einer „sexy Kampagne“. Ich finde das schlicht unagemessen.

 

Die Wortwahl

Absolut unangemessen. Irgendwer twitterte gestern

aber dass DIESE Formulierung nicht gerade (ich sage mal) „glücklich gewählt“ war, konnte man eigentlich auch vorher wissen.

und das ist das, was mich ja am meisten an mir selbst ärgert. Selbstverständlich hätte ich mir denken können, was passiert, wenn man so Worte wählt. Und spätestens heute morgen mit dem Aufwachen ist es auch ganz deutlich. Ich wollte den Sexismus anprangern, dabei provokant sein – und habe mich sexistisch geäußert. Das ist durch nichts zu rechtfertigen – kurzfristige geistige Umnachtung  vielleicht gerade noch. Ich fand vor allem auch nach der Brüderle-Geschichte, dass ausgerechnet eine FDP-Spitzenkandidatin genau die Klischees widerspiegelt, die damals so viel begründete Entrüstung hervorgebracht hatten, eine Respektlosigkeit sondergleichen. Und bin dabei selbst respektlos geworden. Sowas darf nicht passieren.

Dazu hab ich den Tweet abgesetzt – und war dann für ne halbe Stunde außer Haus ohne PC und Smartphone, danach hab ich meine Familie bekocht und so ne ganze Zeit nicht so recht mitgekriegt, dass der Sturm am Himmel aufzieht – sonst hätt ich den Tweet sofort gelöscht und mich sofort entschuldigt. Zwischendurch dacht ich dann mal: naja, halb so wild, dass sich ein paar FDPler aufregen, ist ja klar – aber während ich mir den englischen Patienten auf arte angesehen habe, hab ich auch nichts mehr mitgekriegt. Erst danach saß ich wieder am PC – aber da war es schon zu spät. Ich bin, entgegen meiner sonstigen Art, weggetaucht.

Mein eigenes Frauenbild wurde mir dabei per Twitter entgegengehalten. Ich hab mich dazu ja im Rahmen des #aufschreis geäußert:

Mich macht es als Mann unsicher, wenn ich das Gefühl bekomme, ein nicht vermeidbarer Blick auf einen Busen macht mich schon zum Sexisten. Dabei ist mir das selbst unangenehm.

Und der Blick sollte dahin gelenkt werden. Mit tiefen Dekolletee, mit Oberkörperprofilfotos. Das lass ich mir auch nicht ausreden. Aber mit meiner eigenen Ablehnung deshalb – da muss ich was unternehmen.

…weil ich nicht mehr unbefangen bin. Und das wäre ich gern.

Insofern kann ich nur wiederholen: ich empfinde Scham und es tut mir sehr leid.

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12 Gedanken zu „der Tag danach

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  3. ClaudiaBerlin

    Worin lag denn jetzt der Sexismus? Geht aus diesem Artikel nicht hervor.

    Ich nehme an, das dritte Zitat („irgendwer“) ist deins? Auf was bezieht sich da „diese Formulierung“? Egal worauf, ist das doch ein sehr zurückhaltend kritisierender Satz. Und „nicht glücklich gewählt“ löst also einen Shitstorm wg. „Sexismus“ aus?

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  4. Kai

    „Attraktivität hilft, Aufmerksamkeit zu bekommen”, erklärt die FDP-Politikerin“

    Jetzt muss niemand entrüstet tun und behaupten, das wäre nicht so (bestes Beispiel, das Aufpeppen von Merkel vor der Kanzlerkandidatur). Viele Politiker müssen nicht mir einer Tüte überm Kopf herumlaufen und werden auf Wahlplakaten auch von ihrer Schokoladenseite in Szene gesetzt. Ältere Herren inszenieren ihre Seriösität als „Grey Hair“ – warum sollte sich eine attraktive, junge Frau also nicht auch in Szene setzen dürfen. Was ist daran anders oder schlechter als an einem seriös daherkommenden Olaf Scholz auf dem Wahlplakat (Beispiel: http://www.demokratie-goettingen.de/content/uploads/2011/04/SPD-Kampagne-Scholz-2011.jpg). Die visuellen Eindrücke zählen auf dem Plakat – daher nennt man es auch Image-Kampagne. Wenn Sie nun weiter auf dem Thema herumreiten, scheint es Sie zu stören, dass so etwas bei Frau Suding ganz besonders schlecht ist. Man könnte vermuten, dass Sie hinter dem Image der Frau Suding nichts als heisse Luft sehen. Also wirklich „nur Titten und Beine“ und ansonsten recht hohl. Wenn das so wäre, wäre das wirklich ein Thema für eine Diskussion. Dann sollten Sie aber auch genau das zum Ausdruck bringen.

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  5. JOSEF-GEORG

    Der rupp-(ige) Kommentar war doch gar nicht soo schlimm. Tatsächlich gibt’s Politikerinnen, die ein Outfit haben, das einen erschrecken muss/kann. Die meisten sind aber stromlinien-förmig angepasst. Da begründet übrigens ein Menschenfresser warum er am liebsten Politiker-innen verspeist: Weil die wenig Rückgrat haben, dafür viel Sitzfleisch. Gut, nicht?
    Uebrigens gibt’s auch grüne Politiker, mit Bartli und Struppelmähne, die aussehen, als würden sie die Gesundheit ihrer Partnerin dauerhaft gefährden, gell, Herr Rupp…

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  6. Maria

    Mir ist eigentlich ziemlich wurst, was Sie über Suding schreiben. Letztlich haben sie Sie nur als Vehikel benutzt, um sich selber ins Gespräch zu bringen. So alt, so lahm. Es zeigt lediglich mal wieder, auf was für einem jämmerlichen Niveau sich unsere politische Klasse bewegt. Als wenn die Grünen nun so wahnsinnig andere Inhalte hätten als die FDP.
    Letztlich verkaufen die Grünen das selbe System mit einer leicht variierten Verpackung. Hier wie dort geht es nur darum, sich Einfluss, ein paar Privilegien und Staatsknete zu sichern und ganz sicher nicht um Inhalte. Weil das ganz viele Leute schon lange gemerkt haben, war die Wahlbeteiligung bei der Bürgerschaftswahl in Hamburg so mies wie nie. Unsere albernen Postdemokraten üben sich derweil in Ignoranz und Selbsthypnose, weil die Wahrheitt einfach zu schrecklich ist und unsere Demokratie-Simulation halt erfordert, dass man so tut, als hätten die Wähler tatsächlich irgendeine Entscheidungsgewalt. Gerade die Grünen in BW und Hamburg haben eindrucksvoll bewiesen, dass grüne Politik eben keine Alternative ist, sondern eben die selbe Scheiße in grün, Stichworte hier Stuttgart 21 und Moorburg. Seit dem völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegen Jugoslawien, glaubt Euch eh kein Mensch, der noch bei Trost ist, irgendwas mehr und neuerdings solidarisiert Ihr Euch sogar mit ukrainischen Faschisten. Da sind mir die Beine von Suding doch lieber, und ich hab noch nie die FDP gewählt und werde das auch niemals tun.

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  7. Bobby Gebhardt

    Eine halbherzige erbämliche Entschuldigung.Man ist das ja gewöhnt von “ unseren Politikern “ .Die nächsten Wahlen kommen bestimmt 🙂

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  8. Aschersleben

    Jetzt führen Sie auch noch die verlogene Hetzkampagne gegen Brüderle ins Feld, als wüssten Sie nicht, dass diese „Geschichte“ eine ganz transparente Inszenierung war, komplett mit der nachgeschobenen Astroturfing-Kampagne #aufschrei. Wann lernen Sie endlich, sich zu schämen und einzusehen, wo Ihr Fehler wirklich lag?

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  9. Turboliberaler Neokapitalist

    Schön, dass sie ihre Wortwahl überdacht haben. Selbst das ist heute nicht mehr selbstverständlich. Damit ist es aber für mich inhaltlich nicht erledigt. Dass es Ihnen vorrangig um Antisexismus ging halte ich nämlich für unglaubwürdig. Viel wahrscheinlicher ist dass sie einfach in ihrem FDP-Hass ihre Contenance verloren haben:

    „Zwischendurch dacht ich dann mal: naja, halb so wild, dass sich ein paar FDPler aufregen, ist ja klar“

    Eignet sich sehr schön als Indiz für meine These. Eine relativ klar erkennbar sexistische Wortwahl erschien ihnen zunächst unproblematisch weil es gegen die Richtigen ging.

    „Die FDP kämpft mit allen Mitteln. Lange Beine und mit Six Pack” bis zu “Sex sells. Auch hier der bewährte Altherren-Schwenk. Top!!“

    Ein Altherren-Schwenk der NICHT von Suding bestellt war und für den man sich bei ihr entschuldigt hat. Es sei denn sie wollen unterstellen, dass man entsprechend gekleidet selber Schuld sei. Antisexistisch würde sich das aber nicht gerade anhören.

    „Das obige Zitat entlarvt die Kampagne auch soweit, dass sie einen Aspekt nach vorne stellt, der mit Inhalten nicht zu verknüpfen ist.“

    Zur Entlarvung würde gehören, dass man primär auf diese Attraktivität, d.h. auf die Spitzenkandidatin gesetzt hätte. Das halte ich für nicht tragbar. Mein Eindruck ist z.B. dass die FDP deutlich mehr Themenplakate (ohne Bilder) mit konkreten Forderungen ins Stadtbild gebracht hat, als die meisten anderen Parteien. Die Fotos der Kampagne sind auch weder anzüglich oder auf Sudings körperliche Attribute fixiert (auch bei den Gala-Fotos war das nicht der Fall. Im zugehörigen Interview ging es übrigens auch um Inhalte)

    Konsequent ignorieren sie übrigens auch die einzig derzeit belastbare Empirie zur Frage ob es vorrangig an Suding (und ihrer Attraktivät) lag. Die veröffentlichten Zahlen von infratest sprechen da eine ganz andere Sprache. Wie passen die mit einer angeblich inhaltlosen und nur an Sex-Sells orientierten FDP Hamburg zusammen? Oder sind nur Babys und Welpen (Grüne Hamburg) vernünftige Form?

    Sie können die FDP ja gerne hassen. Sie befinden sich in bester und breiter Gesellschaft. Aber vielleicht sollte man einfach mal ab und an die Schnappatmung abstellen bevor man sich äußert? Ich weiß dass es für viele Zeitgenossen schwer zu akzeptieren ist: es gibt durchaus zur Vernunft befähigte Menschen die FDP ganz ohne „Sex Sells!“ wählen.

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