Desertec – Strom aus der Wüste

In München gründete sich am 13. Juli eine Gruppe aus etwa 20 Konzernen, darunter Siemens, die Deutsche Bank, die Energieversorger RWE und E.ON die Industrieinitiative Desertec. Ihr Ziel: Gewinnung von Solar- und Windenergie in den Wüsten Nordafrikas und des Nahen und Mittleren Ostens. Die Investitionssumme: 400 Milliarden Euro. Deckung von 15% des europäischen Energiebedarfs.
Desertec-Vision

Desertec-Vision

Klingt phantastisch? Jeder Ökostromer, jeder Atomkraftgegner müsste überglücklich sein. Grundlastfähig, 100% Öko. Eine enorme Investition in erneuerbare Energien. Wow. Haben sie es doch endlich doch kapiert?

Bei mir kommen ein paar andere Botschaften an (ja, es könnte an mir oder aber am Sender liegen) 🙂

Wir schaffen es nicht alleine

Um den Energiebedarf in Europa zu decken, müssen keine Investitionen hier vor Ort geleistet werden, sondern wir müssen internationale Standorte aufmachen. Daher sind weitere nationale Anstrengungen unnötig. Die Flächen hier eh zu klein. Bis der Bau der Megakraftwerke in der Wüste fertig ist, brauchen wir eine Übergangstechnologie – und welche die ist, das ist keine Frage. Anhand des Betreiberkonsortiums kann man getrost davon ausgehen, dass das Atomkraft sein soll.

Die Lösung für die Energieprobleme liefern nur die großen Konzerne

Wie in vielen anderen Bereichen auch ist Zentralismus die Lösung – klar, denn die Konzerne, dieses Mammutprojekt jetzt starten wollen, sind abhängig davon, dass die bestehende Struktur – großes Kraftwerk irgendwo, von dort aus Verteilung bis auf die letzte Alm oder Hallig – bestehen bleibt. Grüner (Gegen-)Entwurf dazu war immer schon eine dezentralisierte Energieversorgung, die so nah wie möglich beim Verbraucher stattfindet, regionale Besonderheiten zulässt bzw. diese nutzt. Gleichzeitig gehört dazu natürlich das größte Potential überhaupt: Energie sparen. Dies ist nicht im Sinne großer Lösungen, weil diese an einer hohen Grundlast interessiert sind, wie sie z. B. Milliarden im StandBy geschalteter Elektrogeräte verursachen.

Afrika ist weiterhin Quelle unseres Wohlstandes

Meines Erachtens kann dieses Kraftwerk gerne gebaut werden, aber kein Elektron darf den Kontinent verlassen. Es wäre eine geringfügige Entschädigung für den afrikanischen Kontinent, würde ihm ein solches Kraftwerk geschenkt. Der Versuch einer Entschädigung für Ausbeutung als Absatzmarkt für druch Subventionen zuviel produzierter landwirtschaftlicher Erzeugnisse und Zerstörung regionaler Märkte, Ausbeutung von Ressourcen ohne angemessene Bezahlung (nur 3% des mit Gold erzeilten Gewinnes geht ins Erzeugerland, 97% krallt sich „der Westen“), Verseuchung bei der Urangewinnung, als Schauplatz für Stellvertreterkriege, usw. usf.

Ich lehne dieses Kraftwerk in dieser Form durch dieses Konsortium ab. Energiegewinnung in Großtechnologie lenkt von der notwendigen Umkehr der Energieverschwendung ab und ist ein Mittel zur Ausbeutung und zum Machterhalt.

Update: in der taz:

Afrikas Sonnenstrom exklusiv

ENERGIE Das Megasolarprojekt Desertec behindert den Ausbau der Energieversorgung in Afrika, so fürchten Experten. Vor allem Menschen auf dem Land bleiben ohne Strom

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8 Gedanken zu „Desertec – Strom aus der Wüste

  1. sk4477

    Was mir in der ganzen Strom aus der Wüste Diskussion noch am wenigsten klar ist, sind folgende 2 Punkte:

    Haben wir über diese enorm Distanz nicht einen enormen Transportverlust? Lohnt sich dass dann noch im Vergleich mit vielleicht weniger effizienten, aber dafür lokalen kleineren/kleinst Anlagen?

    Wie hat die EU bzw. die beteiligten Konsortien vor, ihre Stromlieferungen / Invesitionen in politisch vielleicht mal unsicheren Zeiten zu schützen? Folgen wir dann einem amerikanischen Modell und beglücken die Regionen, in denen die Dinger stehen, mit Demokratie und Freiheit notfalls mit Waffengewalt? Oder schicken wir zusammen mit den Anlagen auch gleich noch private paramilitärische „Sicherheitsfirmen“ mit dazu (Blackwater lässt grüßen)?

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  2. Daniel

    Ich sehe in Desertec auch nicht die optimale Lösung aller unserer Energieprobleme, aber allein ein solches Projekt (wenn es den tatsächlich umgesetzt wird) möglich zu machen verdient imho ein gewisses Lob. Die darin erkennbare (falls nicht nur geheuchelte) Bereitschaft einiger Großkonzerne sich auch mal auf etwas neues einzulassen, halte ich grundsätzlich für eine positive Entwicklung. Dezentrale Öko-Energieversorgung muss natürlich weiterhin maximal forciert werden. Wenn wir am Ende dann „zuviel“ Energie haben sollten, was ich mir, v.A. wenn man die Zukunftsperspektiven von E-Autos betrachtet, die eine deutliche Verschiebung bei den Primärenergieressourcen vom Erdöl hin zur elektrischen Energie zur Folge haben dürfte, nicht so wirklich vorstellen kann, gibt es immer noch die Möglichkeit diese zu exportieren. Also lassen wir die Konzerne doch ihr schönes Desertec bauen (und das Hochspannungs-Gleichstromnetz, das wir für unser grünes intelligentes Stromnetz in Europa benötigen gleich mit) und gleichzeitig fördern wir es so gut wie es irgendwie geht dezentrale Öko-Energieanlagen. Als „Lückenbüßer“, das muss auch ganz klar gesagt werden, können dann weder „modernisierte“ Kohlekraftwerke noch Atomkraftwerke dienen. Gründe (nur in Stichworten): Hochfahrdauer, Eigenenergieverbrauch, CO2 Emmisionen (ja das gilt selbst für AKW’s auch wenn deren Emmisionen v.A. bei der „Erzeugung“ des Brennstoffes entstehen) und natürlich die mangelnde Flexibilität um die Schwankungen der Regenerativen abzufangen. Allenfalls sind einige Gaskraftwerke die schnell hochfahrbar sind denkbar. Ich hoffe, dass uns die Energiewende rechtzeitig gelingt, auch wenn es dafür manchmal schon zu spät scheint müssen wir umso vehementer dafür eintreten.

    Mit freundlichen Grüßen aus Potsdam

    Daniel

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  3. BrunO

    @Daniel:
    Ich sehe in Desertec eher wie Jörg und andere einen Angriff auf die dezentrale Energieversorgung, ein Versuch, daß (mit den Monopolen und sonst) alles so bleibt, wie es ist. Der Kapitalismus träumt nur zentral und gigantisch. Ich habe das etwas ausführlicher als hier schon am 14.07 gebloggt. Jörg sieht mir diese Schleichwerbung hoffentlich nach: http://bit.ly/19Op9N

    Gruß an alle

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  4. Harald

    Sehr schön gesagt, Jörg. Und wichtig für diese Diskussion, damit wir nicht blindlings scheinbar schönen Projekten hinterher rennen und plötzlich in der Sackgasse stehen. Die Idee, dieses Kraftwerk dem afrikanischen Kontinent zu schenken finde ich bestechend, denn es wäre nicht nur ein phänomenales Symbol, sondern auch ein wichtiger Beitrag zur dortigen Energieversorgung und zum weltweiten Klimaschutz – wenngleich ja auch dort vieles dezentral machbar wäre.

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  5. TheK

    Ich sehe die Sache in vieler Hinsicht deutlich positiver. Die Energiemenge, die eine solche Anlage gewinnen kann, würde selbst ausreichen, um ganz Europa _und_ ganz Afrika mit einer Pro-Kopf-Energiemenge wie in Europa zu versorgen, man muss das Ding nur entsprechend riesig auslegen.

    Allerdings wäre würde diese Lösung in der Tat in Sachen Zentralismus alles übertreffen, was es irgendwo auf der Welt je gegeben hat – ein einziges Mega-Kraftwerk übernimmt die Energieversorgung für rund 1,5 Mrd. Menschen? Missfällt mir aus vielerlei Gründen – angefangen von der Wirtschaftsmacht über die Angreifbarkeit (das ganze ist nicht gerade eine politisch supertolle Region) bis zu technischen Problemen.

    Sehr interessant ist das ganze allerdings für die direkt an die Sahara angrenzenden Staaten – für diese wäre durch Desertec eine Energieversorgung aufbaubar, mit der „Energiesparen“ für alle Ewigkeit uninteressant wird und bei der sicherlich immer noch genug übrig bleibt für ein Verbundnetz bis nach Europa. Aber bitte: Erst kommt das Land, wo die Anlage steht (schon alleine, um Zoff zu vermeiden!).

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