Digitale Gesellschaft?

Also, ich kann ja verstehen, dass man, wenn man „was“ machen will, sich zunächst mit Leuten zusammensetzt, die man kennt, die einem nah sind, denen man vertraut. Das kenn ich. Ich will jetzt auch gar nicht mit sowas wie „Altersweisheit“ kommen oder einem: haben wir damals auch versucht. (haben wir aber)

Als ich von der Digitalen Gesellschaft gehört habe, habe ich zunächst mal gedacht: naja, noch so’n Verein. Und wenn man sich nochmal ohne Zwischenrufe anhört, was sich Markus Beckedahl so vorstellt, dann klingt das ja alles durchaus vernünftig. Eine Lobbyorganisation für diejenigen, die sich als Netzaktivisten verstehen. Eine Organisation, die die Fachlichkeit und die Kontakte, die sich Beckedahl über die Jahre erarbeitet hat, transferiert und in Gesetzgebungsverfahren Expertisen schreibt oder Kampagnen fährt. Und als Verein endlich das ganze viele Geld, dass ihm in den letzten Jahren angeboten worden ist, Spendenbescheinigungsrelevant annehmen kann. Damit nicht so viele Leute in Ihrer Freizeit Netzpolitik machen müssen, sondern auch noch Geld damit verdienen können. So 30-35.000 € Jahresgehalt stellt er sich so vor, sagt er im Interview mit Philip Banse. Dann sollen die Leute zwei Jahre oder so bei der Digitalen Gesellschaft arbeiten und dann was anderes machen, wenn ihnen danach ist.  So ungefähr ist, stark verkürzt, der Plan.

(Exkurs: im Jahr 1997 war ich ein sogenannter „Lotse“ bei AOL (Link nur auf das, was davon übrig ist). AOL war ein Onlinedienst mit propritärem Zugang, eigenen Einwahlknoten, einem eigenen kleinen Netz mit Chats, Firmen- und Vereinsangeboten, Schwarzen Brettern und Foren, Downloadmöglichkeiten (mit 28.8 kbbs downstream…) Als Lotse war man zuständig für die Überwachung von Chats in Hinblick auf Einhaltung der Nutzungsbedingungen von AOL, einer eigenen Netiquette. Früher oder später stolperte ich über die Thematik „Kinderpornografie“. Es gab öffentliche und nichtöffentliche Chaträume, die man zu Beginn noch unzensiert eröffnen konnte, später nur nach Abgleich einer Blacklist auf der sich Begriffe wie *preteen, *Schmetterlinge, *kipo und ähnliche ein- und zweideutige Begriffe fanden. Das waren aktive Tauschbörsen, man betrat den Chatraum, der limitiert auf 26 Leute war, sagte *List me* (oder auch nicht) und dsa Postfach quoll über mit Pornos – darunter eben auch Kinderpornos. Da manche Bilderverteiler auch in öffentlichen Räumen solches Zeugs verteilten, kamen wir irgendwann zu der Überzeugung, dass die übliche Haltung von AOL da nicht genügte (User löschen, Räume schließen). Die Problematik kommt einem bekannt vor, oder? Wir gründeten also einen Verein, der Lobby sein sollte für die vielen ungehörten User, und der Politik die Problematik näher bringen sollte. In der Satzung war vorgesehen, dass ein Geschäftsführer bestellt werden könne, Fachwissen angehäuft werden sollte, Öffentlichkeitsarbeit stattfinden sollte, Kampagnen und so… undundund.) Es kamen weder viele Mitglieder, die Beiträge bezahlten. Noch gelang es, eine ernsthafte Vertretung von irgendwem zu generieren. Betroffen waren alle, aktivierbar – so mit Gesicht und Klarnamen – wenige. Wie die Geschichte weiter ging, steht auf einem anderen Blatt. (wobei ich sicher bin,d ass Markus das professioneller angeht)

Fräulein Honig hat recht weitgehend schon die wesentlichen Kritikpunkte formuliert:

Die Namensgebung (zweifellos blöde, gaukelt eine Repräsentativität vor, die so nicht mal eben gegeben ist, dazu mehr untenstehend). Die Struktur (wer dabei ist, wird aus Datenschutzgründen nicht veröffentlicht, genauso wenig, wer was entscheidet). Die Partizipationsmöglichkeiten (spenden und ehrenamtlich helfen gerne, jedoch ohne Mitspracherechte). Die Frage, was man generell von Lobbyismus (dem erklärten Ziel des Vereins) hält. Eine möglicherweise vorhandene Parteinähe der Mitglieder (Gründer Markus Beckedahl ist bei den Grünen, die anderen Mitglieder sind, s.o., unbekannt).

Mich stört darüber hinaus, dass das Konzept nicht zu Ende gedacht ist. Man will halt „was“ machen, so genau weiß man das nicht. Man will sich nicht reinreden lassen. Man will Leute beschäftigen – und das könnten durchaus welche derjenigen sein, die jetzt als Gründungsmitglieder auftreten. Wenn man dann hört, was da so als Experte, der Lobbyarbeit machen soll, verdient werden soll, alles aus Spenden wohlgemerkt, dann wird einem schon ein bißchen schwindlig (so als quereingestiegener Sozialpädagoge). Und mit diesem nicht fertigen Konzept und solchen Vorstellungen wagt man sich tatsächlich auf die re:publica und wundert sich, dass man zerissen wird, beinahe. Ich kann verstehen, wenn da Misstrauen herrscht. Vor allem, wenn das Thema Geld so im Vordergrund steht. Markus‘ Verdienste um die Netzpolitik sind natürlich nicht hoch genug zu schätzen, aber bitte, wenn er glaubt, es wäre so, dass vor 7 Jahren, als er angefangen hat, vielleicht ein Dutzend Leute Netzpolitik gemacht haben, dann irrt er. Das ist das, was mich am meisten stört an dieser Gesamtdebatte. Es ist nicht so, als hätte es das eine oder andere nicht schon gegeben, vor der re:publica und vor Netzpolitik.org. Es hieß noch nicht Netzpolitik und stand eben nicht so im Fokus. Wie auch die Piratenpartei meint, ohne sie ginge gar nichts im Netz. Hybris allenthalben. (Mancher Vortrag der re:publica erinnerte mich an Blackboards bei AOL, Foren bei parsimony usw., Usertreffen von ebendiesen, ….)

Es ist richtig, wenn er sagt, dass man dicke Bretter bohren muss. Es ist richtig, wenn er meint, die Expertise müsse organisiert werden, um effektiver Politik machen zu können. Und sicher muss vieles professionalisiert werden – nicht inhaltlich, sondern alleine schon im Auftreten. Aber ob das mit einem intransparenten Vereinskonstrukt gelingt, wage ich zu bezweifeln. Und eigentlich bezweifle ich auch, dass ein neuer Verein not tut. Es müsste mehr Austausch zwischen den Akteuren geben – und nicht nur ein neuer Akteur hinzugegründet werden. Dazu gehören Parteien ebenso wie NGOs und andere Organisationen. Das Politcamp scheint mir da ein guter Ort zu sein, mehr zu organisieren. Es müssen ja nicht immer alle alles mittragen. Ich denke, die Erfahrung mit Bewegungen wie der Anti-AKW-Bewegung sind da sehr hilfreich. Und um der Vereinnahmung durch Parteien wie den Piraten zu entgehen, die meinen, sie wären die Digitale Gesellschaft oder zumindest deren Sprachrohr, gibt es durchaus Mittel und Wege.

Nun denn, vielleicht gibt es auf dem Politcamp Gelegenheit, das in großer Runde zu diskutieren. Und eine Dachorgansiation zu gründen, die sich von unten gründet, nicht von Leuten, die in Berlin sitzen und meinen, sie wären der Nabel der Welt. Darum scheint es mir nämlich tatsächlich zu gehen: eine Organisatonsform zu finden, die Aktivität kanalisiert und den unterschiedlichen Playern zuarbeitet. Nun, dazu braucht es professionelle Strukturen. Und größtmögliche Transparenz.

 

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8 Gedanken zu „Digitale Gesellschaft?

  1. micu

    Danke für den Beitrag.

    Als ich von der Digitalen Gesellschaft gehört habe, habe ich zunächst mal gedacht: naja, noch so’n Verein.

    Was ich mich vor allem frage: Macht das nicht alles der CCC schon? Ja, der CCC ist auch ein Hackerverein von Leuten, die »Spaß am Gerät« haben. Aber mittlerweile hat der CCC ja auch einen ziemlich professionellen PR-Flügel mit Leuten wie Constanze Kurz, Frank Rosengart, etc. und die machen doch genau das, was die »digitale Gesellschaft« für sich beansprucht: Sie reden mit Politikern, sitzen in der Enquete-Kommissionen, schreiben Gutachten für den Bundestag, das Bundesverfassungsgericht, etc. pp., publizieren Bücher, schreiben Artikel oder ganze Kolumnen (»Aus dem Maschinenraum«) für seriöse deutsche Tageszeitungen.

    Was dazu kommt: Möglicherweise wird der CCC inzwischen so ernst genommen, weil er auch die »klassischen« Geeks in seinen Reihen hat, die FOSS-Entwickler, die Hacker, die Frickler, die Bastler, die Mathematik-, Physik-, E-Technik-, … Informatikstudenten und wissenschaftlichen Mitarbeiter, diejenigen, denen es in erster Linie (oder zumindest auch) um die Technik an sich geht. Auf jeden Fall hat er deswegen die Kompetenz in seinen Reihen.

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  2. Markus Beckedahl

    Findest Du 30-35K pro Arbeitsplatz / Jahr echt viel? Ich hab Arbeitgeberbrutto gerechnet, inklusive Kosten für Arbeitsplatz, Telefon, etc. Da kommt einiges zusammen und für paar hundert Euro kriegen wir nicht unbedingt die fittesten jungen Menschen, sondern vielleicht nur die, die nichts anderes finden.

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    1. Jörg Rupp Beitragsautor

      Hallo Markus, das klang nicht nach Arbeitgeberbrutto, sondern nach Gehalt. Das ist aber das grundsätzliche Problem: es ist alles so unklar und wischiwaschi und wenn man was kritisiert, dann wird konkretisiert – aber erst dann. Einem gemeinnützigen Verein, der 30-35K Gehalt bezahlt, würde ich nichts spenden.
      Frag doch mal die MdBs, was so ein Wahlkreismitarbeiter bekommt….

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  3. X

    @Geld

    Nun, das hängt von der benötigten Expertise ab – oder eben Ausbildung.

    Nur als Gegenüberstellung.

    Durchschnittsgehalt eines Fachinformatikers: 24.000€ / Jahr (ich weiß nicht, ob das Einstiegsgehalt ist, vermutlich)
    DurchschnittsEINSTIEGSgehalt eines Diplom-Informatikers: 36.000€ / Jahr.

    Von 36.000€ (Brutto) lässt sich wahrlich gut Leben.

    Wenn man natürlich die BESTEN der BESTEN der BESTEN, SIR! willst, gut, da lockst du niemanden mit dem Gehalt. Klar. Nicht, wenn er Informatik- oder BWL-Student war.

    Aber möglicherweise will man ja auch Sozialwissenschaftlicher in den Reihen oder Politikwissenschaftler. Pädagogen? Soweit ich das sehe haben es gerade Studenten der Politikwissenschaft nicht leicht einen ((gut) bezahlten) Job zu finden.

    Wurde denn gesagt, was diese Angestellten als Fähigkeiten mitbringen müssen? Nur dann lässt sich entscheiden, ob das ein hohes Gehalt ist.

    Schlußendlich darfst du @Markus aber nicht vergessen – ihr wollt ein gemeinnütziger Verein sein. Vereine zahlen oft nicht besonders gut, eben weil ihnen das Geld fehlt oder man sich an den Mitgliederbeiträgen und Spenden nicht „bereichern“ will. Als e.V. müsst ihr da mehr Fingerspitzengefühl in der Abwägung zwischen erwarteten Fähigkeiten des Angestellten und dem gezahlten Gehalt zeigen.

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  4. micu

    In dem Zusammenhang — muss ich sagen — finde ich es schon sehr löblich von der »digitalen Gesellschaft«, dass sie den Anspruch hat, ihre Angestellten auch fair und vernünftig zu bezahlen (von dem 300€-Praktikum einmal abgesehen *g*).

    Da haben Markus und X recht: 30-35K / Jahr Einstiegsgehalt sind in der Tat für einen Hochschulabsolventen — z.B. im Bereich Informatik — mit halbwegs gutem Abschluss nicht viel. Es gehört für einen solchen immer noch eine Portion Idealismus dazu, diesen Job anzunehmen — wegen des Geldes wird er dies sicher nicht tun. Für einen solchen Verein, der sich mit der digitalen Gesellschaft auseinandersetzt, wäre es auf jeden Fall imho sehr zuträglich, wenn er zum Ziel hat, auch technisch/fachlich versierte Leute hauptamtlich zu beschäftigen — eben z.B. Informatiker, Ingenieure, Mathematiker, etc. — und eben nicht nur Sozialwissenschaftler, Medienwissenschaftler, Soziologen, usw.

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  5. Markus

    @Jörg: Natürlich rede ich von Arbeitgeberbrutto, wenn ich derjenige bin, der die Finanzen mit verwaltet (also aus Arbeitgebersicht rede). Hätte ich gewusst, dass das falsch ankommen kann, hätte ich das auch anders ausgedrückt. War mir aber echt nicht bewusst, weil das auch echt nicht viel ist. Zusätzlich kommen zu Arbeitgeberbrutto natürlich noch Mietkosten pro Schreibtisch, Telefon und vielleicht ab und an nach Brüssel fahren und dort günstig übernachten. Dann bleibt Arbeitgebernetto nicht mehr ganz soviel übrig. (Das rechne ich alles mit, wenn ich pro Arbeitsplatz 30-35k / Jahr sage)

    Ich bin dennoch zuversichtlich, dass wir in der Lage sein dürfen, trotz geringem Gehalt hoch motivierte und hochqualifizierte Menschen zu finden, wenn wir ausreichend Spenden dafür gesammelt haben sollten.

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  6. Pingback: Zur digiges mal was Positives | Tales from the Mac Hell

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