Diskriminierungen

Gerade lese ich einen Kommentar über den neuen Polizeichef von Stuttgart im Rahmen der Stuttgart 21 – Debatte in der Stuttgarter Zeitung. Wie immer in Kommentarspalten von Onlinezeitungen geht es nicht nur nett zu. Es ist oft einfacher, nicht im Angesicht des Gegenübers fiese und beleidigende Kommentare abzugeben. Das passiert oft – ich habe reichlich Forenerfahrung (seit dem Ende der 1990er) und insofern bin ich einiges gewöhnt.

Also, ich lese diesen Artikel heute und da steht zwischendrin ein Kommentar, der mich jetzt dazu gebracht hat, zu bloggen:

Sie zeigen mit ihren leichten ortographischen Schwächen eindrucksvoll, mit welches Geistes Kindern wir uns hier unterhalten.

Einer meiner Söhne ist Legastheniker. Er ist intelligent, hat die Mittlere Reife und geht nach vielen Problemen in der Schule unter anderem wegen der Legasthenie heute seinen Weg. Er musste schon in der Schulzeit Umwege in Kauf nehmen, wir mussten bei Lehreren und Schulleitern vorstellig werden und um die Umsetzung des Legasthenieerlasses (PDF) des Landes kämpfen. Die Grundschule tat sich sehr schwer damit, das anzuerkennen (unter anderem Schreibarbeiten als Strafarbeiten, die Probleme bei schriftlichen Textaufgaben in Mathematik wurde nur nach massiver Interverntion meinerseits überhaupt in Erwägung gezogen, dabei erzählte selbst die Lehrerin:“Herr Rupp, wenn er die schrifltiche Aufgabe lösen soll, benötigt er sehr lange, lese ich sie dagegen vor, hat er als erster die Lösung…) und letztendlich landete er unter anderem deshalb auf der Hauptschule und musste die Mittlere Reife auf einem Umweg machen.

Insofern wünsche ich mir, dass wir die Argumente von Menschen, die nicht immer richtig schreiben, weil sie es nicht können, ernster nehmen und Rechtschreibfehler nicht als Grund zur Häme benutzen – sondern uns darüber bewusst sind, dass es Menschen gibt, die es einfach nicht besser können. Auch diese Menschen müssen uneingeschränkten Zugang zu Bildung und Beuf haben und ihre Argumente zählen nicht weniger, nur weil sie orthografisch nicht (ganz) richtig sind (von der Problematik, die eigenen Fehler zu erkennen, mal ganz abgesehen, das erlebe ich als Vielschreiber immer wieder). Das gebietet nicht zuletzt das Antidiskrimierungsgesetz. Niemand käme auf die Idee, Wolfgang Schäuble weniger ernst zu nehmen, nur weil er im Rollstuhl sitzt. (sondern höchstens wegen seiner schlechten Argumente)….

 

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2 Gedanken zu „Diskriminierungen

  1. Nadine

    Toller Artikel. Ich selber könnte kotzen, wenn man als dumm, ungebildet und teilweise auch dubios abgestempelt wird nur weil man mehr Fehler beim Schreiben macht als andere.
    Ich kann komplexe chem. oder biol. Zusammenhänge erkennen und habe das mit meinen Studium auch bewiesen. Mich dann auf meine Schwäche z.B. bei Bewerbungen zu reduzieren finde ich sehr oberflächlich. Und wie ich vor kurzen feststellte, sind wir bei online Käufen nun auch schon potenziellen Verbrecher, die den anderen auf jeden Fall über den Tisch ziehen. Ich finde so eine Einstellung nur intolerant und schade.

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