Du arbeitest ja gar nichts (richtiges)!

Irgendwann ist es dann mal gut. Und irgendwann muss ich es dann mal aufschreiben. In zahllosen Diskussionen mit Rechten in Onlineforen wie dem bei ka-news, in zahllosen E-Mails, in Kommentaren hier, die längst gelöscht sind oder bösartigen E-Mails, die mich erreichen, wiederholt sich immer und immer wieder ein Vorwurf, ich würde ja nichts richtiges arbeiten, ich lebte von Staatsgeldern, verdiene also mehr oder weniger mein Geld wohl im Schlaf oder durch gutes Zureden. Ja, ich weiß, man sollte nicht drauf antworten, man sollte sich nicht provozieren lassen und überhaupt: rechtfertigen schon gar nicht. Und trotzdem – es ist eine Unverschämtheit und dieses Argument richtet sich gerne gegen die, die im sozialen Bereich arbeiten, gerne verbunden mit der Botschaft der „Weltfremdheit“:

sell_palmer

Meist in Diskussionen um Asylbewerber*innen, heute Morgen mal wieder bei Boris Palmer im FB-Profil.(Link auf Facebook)

Ich hab es satt. Ich arbeite zurzeit zu 60% in der Flüchtlingshilfe, berate Asylbewerber*innen in der Erstaufnahme in ihrem Asylverfahren. Mein Arbeitgeber, der Freundeskreis Asyl Karlsruhe e. V., hat sich um die Stellen in der Flüchtlingshilfe beworben und zusammen mit anderen Organsitionen (Caritas, Diakonie, AWO) erhalten. Ich erhalte also mein Geld nicht „vom Staat“, sondern von einem Auftragnehmer des Staates. Zu 40% arbeite ich bei initial e. V., einem Bildungsträger in Karlsruhe. Dort arbeite ich im Vermittlungscoaching, vermittle Menschen mit Vermittlungshemmnissen mit einer Erfolgsquote von um die 50% wieder in Stellen auf den ersten Arbeitsmarkt. Darüber hinaus nehme ich seit kurzem Aufgaben im Fallmanagement war – was klassische Sozialarbeit ist. Auch initial ist ein Auftragnehmer öffentlicher Aufträge, in dem Fall seitens der Arbeitsagentur, des Jobcenters oder der Rentenversicherungsträger. Diese Aufträge sind nichts anderes als andere öffentliche Aufträge. Sie unterscheiden sich letztendlich nicht im Geringsten von Aufträgen wie der Sanierung einer Straße, wie ich sie im Gemeinderat permanent mit vergebe. So wenig, wie jede kleine Gemeinde eine eigene Tiefbauabteilung hat, so wenig biete bspw. die Arbeitsagentur selbst Kurse oder Coaching an, wie ich es durchführe. Diese Arbeit leiste ich an 5 Tagen die Woche, 8 Stunden am Tag und im Bereich der Flüchtlingshilfe, in der Hochzeit des letzten Herbstes, auch mit weitaus mehr Stunden, auch an Feiertagen oder sonntags. Bei initial war ich zu 100% die letzten 8 Jahre zuvor.

Ich habe also seit 8 Jahren Kontakt nicht nur zu Arbeit suchenden und helfe ihnen auf dem Weg zurück in den ersten Arbeitsmarkt oder auch in andere Maßnahmen, beim Rentenantrag oder eine Umschulung/Zweitausbildung, ich hatte vor der Zeit bei initial auch Jobs bei ganz „normalen“ Arbeitgebern, wie man meiner Biografie entnehmen kann.

Um meine Arbeit, die ich gut mache, weiter zu professionalisieren,  nehme ich seit 3 Jahren eine selbst finanzierte Fortbildung wahr. Und wenn alles klappt, werde ich nebenberuflich ein Studium beginnen – auch selbst finanziert.

Darüber hinaus bin ich ehrenamtlicher Gemeinderat und habe die letzten 15 Jahre – bis ich mich im letzten Herbst gelöst habe – ehrenamtlich bei den GRÜNEN engagiert. Ich habe Familie und zurzeit kümmere ich mich zusammen mit ihr um einen syrischen Asylbewerber, den wir hier bei uns aufgenommen haben und für den meine zwei kleinen Söhne darauf verzichtet haben, jetzt getrennte Zimmer zu haben und warten, bis er selbst für sich sorgen kann – worum ich mich mit kümmere.

Ich schreibe das alles auf, weil es ja nicht nur mich trifft, diese Art der Argumentation. „Schaff was Richtiges, dann darfst Du auch was sagen“. „Nur wer was leistet, darf sich eine Meinung leisten“. Gleichzeitig wird dann natürlich in Frage gestellt, dass eine Arbeit, die nicht irgendwie mit den Händen ausgeführt wird, keine „richtige“ Arbeit ist. Bei mir kommt noch dazu, dass ich bei Vereinen arbeite. Ein e. V. kann aber ganz sicher auch Arbeitgeber sein, wiewohl man heutzutage wohl eher eine gGmbH gründen würde^^. Dieses Nichtwissen über Strukturen wird dann noch als Erkenntnis und Beleg für die Unterstellung mitgeliefert.

Wir, die wir bei Auftragnehmern des Staates arbeiten, wir leisten alle unsere Arbeit. Harte Arbeit oft genug, denn man arbeitet mit Menschen, hat Einfluss auf ihren Werdegang, sieht sie gewinnen und scheitern, begleitet sie auf einem Stück ihres Weges, kann helfen – oder steht hilflos vor Tatsachen wie einem völlig kaputten Arbeitsmarkt oder einer unseligen Flüchtlingspolitik. Wenn wir freiberuflich arbeiten, dann tun wir das oft unterbezahlt – es bspw. in diesem tagesspiegel-Artikel beschrieben ist. Als Frau von der Leyen als Arbeitsministerin beschlossen hatte, dass sie die Auszahlung von Geldern vom Monatsersten auf den -letzten verschiebt, haben wir kurz gearbeitet und danach bin ich für ein Jahr zurück in die Freiberuflichkeit und hab mir über zwei Sommer einen Job bei Lilalu e. V (!) (heute Applaus) in München gesucht. Und statt der Sommerferien mit meinen Kindern diese mit 3000 fremden Kindern verbracht. Die, die so laut lamentieren, dass ich keine richtige Arbeit machte – die wären vermutlich zum Arbeitsamt getrottelt und hätten sich über die böse Welt beschwert.

Es gibt viele Menschen, die mich berührt haben in diesen Jahren, der Erfolg oder Scheitern mir nahe gegangen sind. Sei es der ehemalige Alkoholiker, der sich von Hartz IV den Führerschein abgespart hat und sich damit am Ende die Chance eröffnet hat, den Job zu bekommen, den er sich gewünscht hat – und ihn auch über ein qualifizierendes Praktikum bekommen hat oder den ehemaligen Unternehmer, der nach einem Betrug des Geschäftspartners mit 50 zum ersten Mal arbeitslos und vom Jobcenter abhängig war und erst im zweiten Anlauf bei uns am Ende einen Job in seiner Branche wieder annehmen konnte – weil er sich zuvor geschämt hatte und Angst hatte, ehemalige Kunden wieder zu treffen. Oder Menschen, bei denen man im qualifizierenden Praktikum feststellt, dass es einfach nicht mehr geht. Oder der junge Mann, der einfach beschloss, dass er keine Hilfe will und lieber weiter arbeitslos ist. Menschen, die aufgrund von Behinderungen keine Chance auf einen Job bekommen, weil Unternehmen Angst haben, sie hätten Schwierigkeiten, sie wieder los zu bekommen oder weil man sie halt etwas länger einarbeiten muss. Mein Job ist es, dabei nicht nur B-(und C-Z)Pläne zu entwickeln, sondern oft genug auch Unternehmen davon zu überzeugen, dass es sich lohnt, sich auch jemanden mit „sowas“ (was auch immer das im konkreten Fall ist) anzuschauen und ihm /ihr einen Chance zu geben – was mir gut gelingt.

Ich arbeite so wie viele andere auch für mein Geld. Ich arbeite – und war somit auch in der Lage, mich von der Politik abzuwenden – weil ich noch was anderes kann (sogern ich es auch mandatiert gemacht hätte). Ich habe viele Rückschläge, gerade beruflicher Art, in meinem Leben erlitten, teilweise selbst verschuldet, teilweise fremdverschuldet. Ich habe niemals aufgegeben, war nie länger arbeitslos, sondern hatte Nebenjobs oder mich umschulen lassen, war in den verschiedensten Branchen tätig. Ich muss mir nichts vorwerfen lassen, vor allem nicht, ich wisse nicht, was Arbeit ist. In meinen härtesten Jahren, als wir in meiner erster Ehe mehr knapp als flüssig waren, es Monate gab, an denen am 5. des Monats das Geld alle war – aber Kinder im Haus – hatte ich zwei Jobs – einen mit 40 Stunden und einen zweiten mit 30 Stunden. In meiner Selbstständigkeit bin ich bis zu 36 Stunden am Stück (mit Schlafpausen auf dunklen Parkplätzen) Taxi gefahren. Mir erzählt kein dummdreister Rechtspopulist, was Arbeit ist. Es reicht.

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