ein Wort zum Sport

Sport ist schön. Meine persönliche Geschichte des Sports ist geprägt von Fußballspielen und damit auch Bier trinken lernen, Kameradschaft, Verletzungen, einer euphorischen Zeit als KSC-Fan, zwei kurzen, aber heftigen Karate-Ausflügen (immerhin der orangene Gurt 🙂 und einer aus gesundheitlichen Gründen ausgesetzten Karriere als Freizeitjogger – die ich im Herbst wieder aufnehmen möchte.

Olympia heute

Zum „Sport“ gehört aber auch die Wahrnehmung des Profisports. Ich hab vor einiger Zeit zum Thema „Fußball“ gebloggt und meine Meinung dazu hat sich seitdem kaum geändert. Ich schau in letzter zeit wieder etwas intensiver nach dem KSC und ich war einmal im Stadion – ein Geburtstagsgeschenk für meinen Vater zum 75. – mal wieder mit seinen Söhnen zum KSC, so wie früher. Im April 2012 habe ich mir Gedanken gemacht über unserer „sportliche Elite“ – und die Frage nach ihrer Moral. Und nun stehen aktuell olympische Winterspiele ins Haus – bald schon werden sie in Sotschi die Hänge hinunterwedeln, durch Eiskanäle rasen und so weiter und so fort. Das Problem ist: Sotschi liegt in Russland – und Russland ist unter Vladimir Putin weit davon entfernt ein freiheitlicher Staat zu sein. Der Rollback nach der Zeit von Gorbatschow, der Perestroika und der Öffnung des Landes ist schier unaufhaltsam und die Grp0machtphanatsien eines Präsidenten, der sich nicht entblödet, sich als „Mann“ zu installieren, mit nacktem Oberkörper bei irgendwelchen abenteuerlichen Tätigkeiten wie fischen – ich denke manchmal: das kann doch nicht sein, dass sowas verfängt, dass so viele Russen das gut finden, dass er es immer und immer wieder wiederholt – aber scheinbar ist das so.

Derzeit aktuell ist die Diskriminierung von Homosexuellen durch russische Gesetzgebung. Die Tonlage bei Verlautbarungen dazu ist sehr unerträglich, wie zum Beispiel:

„Männer sollten Frauen lieben und umgekehrt. Dies ergibt sich aus der Geschichte.“

Die Gesetzgebung des Verbots der „Werbung für nicht traditionelle sexuelle Beziehungen“ sorgt dafür, dass Homosexualität nicht mehr gelebt werden kann in Russland. Es kommt zu Übergriffen. Und trotzdem sollen die Winterspiele dort stattfinden.

Einige Sportler_innen wie die Hochspringerin Green Tregaro haben versucht, ihre Solidarität mit den Homosexuellen zu demonstrieren (Sie hatte sich die Fingernägel in Regenbogenfarben lackiert – ein Symbol der Schwulen- und Lesben-Bewegung) – und werden nun sogar vom Leichtathelitikverband zurückgepfiffen:

Auch im WM-Finale in Moskau am Samstag hatte Green Tregaro auf diese Weise protestieren wollen. Doch zuvor wurde sie vom Leichtathletik-Weltverbandes IAAF gewarnt, sie würde damit den Verhaltenskodex des Verbandes verletzen. Laut der IAAF-Vorgaben ist es Athleten untersagt, während eines Wettkampfes werbliche oder politische Aussagen zu machen. Bei einem Verstoß droht die Disqualifikation. Nach einem Gespräch zwischen Vertretern des schwedischen Verbandes und des IAAF habe Green Tregaro die Farbe entfernt, teilte der Generalsekretär des schwedischen Teams mit.

Gleichzeitig formulieren Politiker jeder Couleur die gleichen Floskeln wie schon bei den Olympischen Spielen in China:

Auch Cameron sagte, es sei besser, an den Spielen teilzunehmen und damit gegen die homosexuellenfeindliche Politik Russlands zu demonstrieren.

Nein, das ist falsch. Auch vor den Spielen in China gab es ähnliche Verlautbarungen. Geändert hat sich dort nichts. Gar nichts. Es gibt Vorschläge – bspw. die Spiele kurzfristig woanders hin zu verlegen und russische Sportler_innen von der Teilnahme auszuschließen. (ja, und man müsste drüber nachdenken, wen noch).

Betrachtet man die Gedanken der olympischen Bewegung und vergleicht es mit der aktuellen Problematik, dann kann einem angesichts soviel Doppelmoral schon schlecht werden:

Die olympische Bewegung drückt sich in einer Vielzahl von Aktivitäten aus, zu der die einzelnen Organisationen verpflichtet sind. Zu den wichtigsten Aufgaben zählen:

  • Förderung des Frauensports in allen Bereichen und auf allen Stufen mit dem Ziel der Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau
  • Kampf gegen jede Form der Diskriminierung
  • Kampf gegen Doping
  • Kooperation mit öffentlichen und privaten Organisationen zur Integrierung des Sports als Nutzen für die Menschheit
  • Unterstützung der ethischen Werte im Sport und des Fair Plays
  • Vermittlung zwischen nationalen und internationalen Sportorganisationen zur Unterstützung des allgemeinen Sports und von Wettkämpfen insbesondere
  • Widerstand gegen alle Formen kommerzieller Ausbeutung des Sports und der Athleten

Für mich ist zwischenzeitlich klar: Profisport hat mit all diesen Grundsätzen im Kern nichts mehr zu tun. Wichtig ist nur noch der Medaillenspiegel – wie sich ja auch in der derzeitigen Debatte der deutschen Dopinggeschichte und Äußerungen von beispielsweise Hans-Dietrich Genscher („Von Ihnen als Sportmediziner will ich nur eins: Medaillen in München.“), dessen Profil viel zu sehr vernebelt ist durch seine Rolle bei der Wiedervereinigung.

Deshalb ist es eigentlich egal, wo diese Spiele stattfinden. Die Idee, mit dieser Bewegung einen Beitrag zum Aufbau einer friedlichen und gerechten Welt zu leisten, indem der Sport ohne jegliche Diskriminierung die Jugend der Welt im Geist von Freundschaft, Solidarität und Fair Play zusammenführt, wie die „Wikipedia schreibt, ist gescheitert. Profisport ist nichts weiter als Betrug, ohne Anstand und Moral. Die wenigen Sportler_innen, denen klar ist, was sie tun, wenn sie in einem Land wie Russland an einem Wettbewerb – einem von vielen anderen, wie man sagen muss, ist gering. Ständig muss man sich anhören: „das kann man nicht verlangen, schließlich sind die olympischen Spiele DAS Ereignis für einen Sportler im Leben. Da ist ein Boykott nicht drin.

Wenn das so ist, dann bleibt nur der Boykott des Wahrnehmens dieses Ereignisses. So wie es die öffentlichen-rechtlichen Sender zwischenzeitlich schaffen, die Tour de Doping France aus der Berichterstattung weitgehend zu verbannen, so sollte man aufhören, darüber zu berichten, Zeitungen ihre Sonderseiten einstellen, keine Politiker_innen da hinfahren und kein Unternehmen mehr Werbeverträge mit teilnehmenden Sportler_innen abschließen.

Zuviel verlangt? Eigentlich nicht – aber leider totale Utopie. In einer von gesundem Menschenverstand regierten Welt vielleicht schon – in einer Welt des Kapitalismus, bei dem es nur um „immer weiter, immer schneller, immer höher“ geht – um mehr, mehr mehr, völlig undenkbar. Insofern tu ich das, was ich immer tue: ich lese keine Medaillenspiegel, ich schau mir das nicht an, außer in der Tagesschau vermutlich und ich kauf keine Produkte, für die solche Sportler_innen Werbung machen. Traurig aber wahr.

Insofern bleibt vielleicht nur noch ein Ziel: die vielen, vielen Millionen und Milliarden, die wir in die Sportförderung des Profisports stecken, so schnell wie möglich einzusparen. Jugendsport ja, Elitenförderung nein. Sollen sie sich ihr Leben, ihre Organisationen und ihre Funktionäre von Coca-Cola, McDonalds, Mercedes, Audi, Kraft und Nestle, die genau so skrupellos sind, finanzieren lassen. Da ist für mich die Lehre aus der Frage: Boykott für Sotschi – ja oder nein.

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