eine Politik für morgen

605552_web_R_by_Dieter Schütz_pixelio.de

Dieter Schütz / pixelio.de

Ich schreibe hier und an anderer Stelle ja schon länger immer mal wieder das „robotische Revolution“. Analog zur industriellen Revolution leben wir in einer Zeit, in der sich die Arbeitswelt massiv verändert. Roboter übernehmen zunehmend Aufgaben, die bislang von Menschen ausgeführt worden sind. An einiges haben wir uns gewöhnt, an anders wird heute noch gar nicht gedacht, manches wird gerade eingeführt. Aber der Weg ist noch lange nicht zu Ende. Ich möchte ein paar Beispiele geben, um deutlich zu machen, wohin der Weg gehen kann und vermutlich auch wird. Nichts ist so durchsetzungsfähig wie der Fortschritt. Es ist an uns, zu definieren, wie wir ihn gestalten wollen.

Arbeitsplätze werden verschwinden. Und es wird keine neuen dafür geben. Unternehmen werden zusehends Berufe in Aufgabengebiete aufteilen und automatisierbare Aufgaben zuerst outsourcen und irgendwann diese outgesurcten Arbeitsplätze robotisieren. Die Folgen werden mehr und mehr im Arbeitsbereich „gering und geringer qualifizierte Tätigkeiten“ weitreichend sein. Beispiele gefällig?

Ich hab ja Einzelhandelskaufmann im Lebensmittelhandel gelernt. Gehe ich heute einkaufen, kann ich die Veränderungen sehen: Scannerkasen, RFID-Chips, Auspackteams, genormte Läden, genormte Regale. Es gibt Vorschriften in Bezug auf die Artikel, die Läden haben dürfen. Es gibt Vorschriften, in welchem Regal welcher Artikel steht. Während wir früher noch selbst Abteilungen umgebaut haben, aus dem großen Sortiment heraus bestimmt haben, was wir bestellen und wohin wir es räumen, über Erst- und Zweitplatzierungen nachgedacht haben, Spiegel gesetzt haben (also bestimmt, wo welcher Artikel im Regal steht), wir haben Ware ausgezeichnet und damit auch ausgepackt aus den Kartons, die heute sehr oft einfach nur noch an perforierten Stellen aufgerissen werden und die Ware im Karton ins Regal gestellt werden. Kassenabrechnungen erfolgen automatisch, Umsätze werden online übertragen, Bestellungen vom Warenwirtschaftssystem ausgeführt, Lagerhaltung genormt. Und noch einiges mehr.

Es ist folgendes Szenario nicht nur denkbar, sondern teilweise Realität und in Blick, was in  anderen Branchen auch ohne weiteres vorhersehbar:

Jeder Artikel erhält einen RFID-Chip. Obst und Gemüse und andere Wiegeware gibt es nur noch in genormten Größen in bestimmten Behältern. Der Kunde befüllt seinen Einkaufswagen mit allen Artikeln, die er möchte. An der Kasse steht ein Kassenautomat (Roboter), der die Funkimpulse empfängt, auswertet, addiert und die Zahlung via Karte oder Bargeldzähler entgegennimmt. Der ganze Laden wird mit Kameras überprüft, was Diebstahl unmöglich machen wird. Verdächtiges Verhalten führt zu Stichproben. Die Ware wird von einem selbstfahrenden LKW angeliefert, ins Lager gesetzt. Dort übernehmen Warenroboter, wie wir sie aus Großlagern kennen, die Verteilung im Laden, in dem die Waren immer an derselben Stelle stehen. Ein Roboter kann die Waren einräumen, der ist auch nie zu faul, alt vor neu zu platzieren. Putzroboter halten den Laden sauber, auch wenn etwas herunterfällt. Mit Kameras problemlos zu erkennen. An jedem Artikelstandort im Regal hängt ein QR-Code, sodass die Kunden mit ihrem Smartphone Informationen zum Artikel abrufen können, wenn sie das wollen. Da kein Personal mehr gebraucht wird, gibt es auch keine Öffnungszeiten mehr. Alles andere gibt es im Internet oder in extra Läden wie Hofläden oder Branchenläden. Selbiges Szenario ist auf den kompletten Einzelhandel übertragbar. Bücher werden eh zusehends vom Markt verschwinden wie die Platten- und CD-Läden. Sofern überhaupt noch Läden notwendig sein werden, ist jeder Artikel auf diese Art und Weise verkaufbar. Wer etwas anders möchte, wird teuer dafür zahlen müssen.

Taxifahrer werden aussterben, weil es analog zu den DB-Fahrrädern überall selbstfahrende Autos in Car-Sharing-Form  geben wird oder man Zugang mittels Smartphone (oder was auch immer darauf folgt), haben wird. Oder man löst eine Karte an einem Fahrkartenautomaten. Und mit den selbstfahrenden Autos wird der Fahrlehrer aussterben. Der LKW-Fahrer. Es wird eine Weile dauern, aber es wird passieren. Und es ist ja auch logisch: der Automat wird immer besser reagieren als ein Mensch. Züge könn(t)en heute schon komplett alleine fahren.

Die Pflege wird weitgehend automatisiert werden. Es gibt heute schon Roboter, die einen Teil der Pflegeaufgaben übernehmen. Essen zubereiten, servieren, Geschirr säubern, aufräumen. Ohne Probleme auf diese Art und Weise machbar. Automatisierte Restaurants? Von McDonalds dahin ist es nur ein kleiner Schritt. Automatisierte Landwirtschaft? Keine große Sache. man wird fast alles mit Robotern anpflanzen, pflegen, ernten können.

Und so weiter, und so fort.

Was folgt daraus? Wir brauchen eine Bildungspolitik, die dem gerecht wird. Die die Menschen heute schon mit der Technologie vertraut macht. Wer braucht Zehn-Finger-tippende Sekretär_innen, wenn die Spracherkennung das Tippen übernimmt? Wer braucht einen Buchhalter, wenn Einkauf und Versand automatisiert werden? Die Menschen besser ausbildet und Kinder nicht früh in Kategorien presst, sondern ihre individuellen Stärken herausfindet und zulässt, dass es Kinder gibt, die eben nicht gut rechnen, aber dafür gut konstruieren können – und in der Lage sind, mit einem Hilfsmittel gute Ergebnisse zustande bekommt.

Wir brauchen einen Arbeitsmarkt, der in der Lage ist, Arbeitnehmer_innen, die aufgrund von Automatisierung ihren Arbeitsplatz verlieren, eine Perspektive bieten kann. Wir brauchen eine sehr radikale Arbeitszeitverkürzung – und eine Steuerpolik, die einen Teil der Mehrgewinne auffängt und in entsprechende Ausgleiche investiert. Wir brauchen gesellschaftliche Aufgaben, die Menschen fordern und eine Demokratie, die in der Lage ist, Menschen mit mehr Zeit auch Raum für Engagement und Einfluss zu geben.

Wir brauchen Politiker_innen, die in der Lage sind, in langen Linien zu denken. Ein Zukunftsministerium, das Entwicklungen früh erkennt und entsprechend in den Ressorts Pläne entwickelt, wie man dem gerecht wird. Eine Datensicherheitspolitik, die die Menschen lehrt, in einer Informationsgesellschaft die eigenen Daten zu schützen und Angriffe erkennt.

Wer aber immer nur bis zur nächsten Wahl denkt, wird von solchen Entwicklungen überrollt werden. Schaue ich mir die Altparteien an, dann stelle ich fest, dass es ein starkes Verharren in bekannten Positionen gibt. Es gibt bei uns gerade mal ein paar Ansätze für diese Zukunftsthemen. In anderen Parteien sehe ich das eher gar nicht. Wir brauchen Menschen,die sich dieser Themen annehmen. Nicht nur in der Politik, auch in der Gesellschaft. Denn weitere Fragen wie Urheberrecht und Patente spielen da ebenfalls hinein: wem gehört das Wissen, das die ganze Menschheit voranbringt?

Die Zukunft wird spannend. Aber sie muss vor allem dafür sorgen, dass sie erfüllend bleibt für alle Menschen. Dazu gehört die Anpassung an veränderte äußere Umstände. Die robotische Revolution ist eine davon. Denn wenn es nicht genug Arbeit gibt, muss die weniger vorhandene besser bezahlt werden. Oder es wird noch ganz andere Formen der Entlohnung und Befriedigung von Grundbedürfnissen geben – das bedingslose Grundeinkommen ist da vermutlich nur ein Schritt, denn auch Zugangsgerechtigkeit muss neu gedacht werden. Man könnte vom hundertsten ins tausendste kommen. Zukunft, wir kommen.

Be the first to like.

4 Gedanken zu „eine Politik für morgen

  1. Ivo

    Dazu gehört noch die Herausforderung das alles ohne Verschuldung, ohne ungerechte Rohstoffpreise, ohne Verschwendung und mit nur 10% des Exporterlöses von heute zu bewerkstelligen. Das geht nur wenn Jeder eine Arbeit bekommt, mit dem Fahrrad oder Bus zur Arbeit kommt, seine Behausung Isoliert ist… Dann können wir endlich ein glückliches und zu-friedenes Land sein.
    Je früher wir diese Richtung einschlagen desto mehr Spaß bleibt erhalten.
    Wer rechtzeitig seinen Weg ändert kann seinen Stil retten.
    Wer später seinen Weg ändert kann seine Würde retten.
    Wer zu spät seinen Weg ändert kann nur noch seine Haut retten.

    Antworten
  2. Mark

    Was mir an dem Artikel gefällt ist, dass ich durchaus eine Ambivalenz zwischen „Zukunt gestallten“ und „das Gute bewahren“ spüre. Soll alles schön Gerecht gehen, es soll für alle was bei Abfallen – aber die Chance das es mit Vollgas in neue Formen der Diktatur geht, denke ich, ist hoch. Das muss auch nicht chinesisch, russisch oder oligopolisitisch werden – da gibt es bestimt noch andere Möglichkeiten, die Massen zu beherrschen. Oder die Massen meinen, einfach, Sie müssten so Leben und können keine Alternativen mehr erkennen.

    Oder wenn alles so schön erfolgreich robotisiert ist – dann kommt die Naturkatastrophe auf die wir ja alle Warten und uns zurück in die Steinzeit wirft.

    Das Warten auf Armageddon und auf die Apokalypse ist für mich immer die Kehrseite des Fortschritsglauben. Schöne Bücher, in denen die Möglichen Szenarios beschrieben werde sind für mich die Klassiker: 1984, Huxleys Schöne Neue Welt, John Wyndham „Die Triffids“.

    Antworten
  3. bruhein

    Meines Erachtens werden wir eine Renaissance des kleinen Einzelhandels in den Städten (und größeren Dörfern) erleben.
    Der Grundbedarf wird mit neuem Supermärkten gedeckt, die aber ganz anders funktionieren, als im Blog dargestellt. Alles andere, das Besondere, das mit Beratungsbedarf, mit echten Menschen, das wird wieder in den Zentrem stattfinden. Der große Einkaufsmarkt, der Megastore für Leute, die nicht blöd sind, hat m.E. keine Zukunft. Denn, wenn man keine Beratung benötigt/möchte, wird das Internet mit „next day delivery“ immer den besseren Preis bieten – und das 24/7.
    Die Weiterentwicklung des klassischen Supermarkts mit den Robotern aus dem Blog ist m.E. nicht konkurrenzfähig, weil zu teuer. Ich glaube, dass wir in Zukunft einen Tablet-PC am Kühlschrank hängen haben werden. Dort tippen/touchen wir unseren Bedarf ein und um 16.00 Uhr kommt der Lieferwagen mit meiner Bestellung in der Papiertüte. Wenn ich um 21.30 Uhr noch eine Lauchstange benötige gehe ich zum lokalen Einzelhändler im Zentrum und bezahle richtig viel Geld dafür.
    Der Supermarkt ist ein Hochregallager mit mehreren Temperaturzonen und „Pickstrassen“. Die Einsparung von teuren Displayflächen, Licht, Kühltheken, Kassensystemen und mehreren 1000 qm Parkplatz bezahlt die Auslieferung.
    Wenn ich Gemüse vor dem Kauf anfassen möchte, gehe ich auf den Wochenmarkt. Der wird vermutlich häufiger stattfinden und größer sein.

    Antworten
  4. Hypochonder Rockstein

    Robotik, mmi und Cyborgphilosophie sind zunächst wertfrei. Die vor 22 Jahren von Donna Haraway vorgetragene Cyborgphilosophie ist einer von vielen Wegen zur Freiheit. Wenn Technikkritik effizient sein soll, muss sie differenziert sein. Der noch nicht pervertierte Sinn von zunächst neutralen Maschinen, von Prothesen- und Cyborgtechnologie ist zb Kreativität, Gesundheit, Sicherheit, Freizeit, Freiheit und Erweiterung der Möglichkeiten des Bewusstseins. Die Wirkung und Verantwortung eines Werkzeugs liegt sehr beim Hersteller und Benutzer. Die noch nicht auf dem freien Markt erhältliche Technik aus der Forschung ist der in der Sciencefiction Literatur beschriebenen und in Secondlife durchaus üblichen noch viel ähnlicher. Manchmal praktisch, manchmal umständlich :|] Schlimm ist der massenweise Missbrauch von Technologie und die naturzerstörerische Überproduktion. http://sensiblochamaeleon.wordpress.com/?s=beendet+unn%C3%B6tige+produktion Die Herstellung sinnloser Produkte muss komplett unterbunden und sämtliche unnötige Arbeit beendet werden. Das ist der Schlüssel für sehr viele politische Probleme!

    Die derzeit mit dem unglücklich gewählten Titel „Stop the Cyborgs“ an Google Glass geübte Kritik trägt Merkmale der Maschinenstürmer zwischen 1811 bis 1845.

    http://sensiblochamaeleon.blogspot.com/2012/08/sight.html

    diese Diskussionen ähneln ebenso den abertausenden fb privacy Debatten

    https://www.facebook.com/groups/323441564697/

    und knüpfen an das Rätsel an, warum die Sendung „die Überwachungskamera-eine kleine Kritik“ aus dem BR-Archiv verschwunden scheint.

    http://www.youtube.com/watch?v=b_QQLxRCxFY

    Kapitel „Video-Überwachung“ in http://hypochonder-rockstein.abilix.de/videolandschaft.html

    http://medienkunstnetz.de/themes/cyborg_bodies/

    http://wayback.archive.org/web/20120214194015/http://www.stanford.edu/dept/HPS/Haraway/CyborgManifesto.html

    http://en.wikipedia.org/wiki/Cyborg

    http://thesocietypages.org/cyborgology/

    http://events.ccc.de/congress/2007/Fahrplan/events/2228.en.html

    http://www.youtube.com/watch?v=ZFvgxzDK5VQ

    Diesbezügliche Kampagnen der Zukunft sollten detailgenau statt pauschal technikfeindlich sein! Maschinen erleichtern die Arbeit und garantieren mehr Freizeit. http://sensiblochamaeleon.wordpress.com/bots-roboter-und-webcrawler/ Ausserdem schaffen Sie allein aufgrund ihrer Struktur und Komplexität ständig neue Arbeitsfelder.

    Antworten

Kommentar verfassen