ich kann das nicht

dieses still sein, wenn etwas falsch läuft, das Klappe halten, wenn alles in mir schreit, das Taktieren, das strategisieren, das Liebkind machen.

Ich habe lange über den Vorfall dieser Woche bei der Gemeinderatssitzung nachgedacht. Es geht mir an die Nieren, wenn mir jemand droht. Ich hab das zum ersten Mal vor zwei Jahren erlebt, als auf der Gegenwind Schluttenbach-Seite dieser Comic aufgetaucht ist. Erschreckend war und ist für mich die Reaktion der Leute, die lachen, das abtun, noch nicht einmal Bedauern äußern – sondern noch meinen, man „müsse das nicht so ernst nehmen“. Auch Pegiden haben mich immer wieder bedroht, in einem Fall ist es sogar jemand, der Mitglied eines Schützenvereins ist. Die Polizei reagiert fast nicht – zwischen Anzeige und Ermittlungen aufnehmen vergehen bis zu 3 Monate. Selbst schuld, meinte ein CDU-Gemeinderat.

Für mich selbst aber gibt es kein „Ruhe geben“. Ich habe angefangen, politisch zu arbeiten, als ich betroffen war von Tschernobyl und den Folgen. Als ich begriffen habe, dass Angestellte des Kernforschungszentrums in Leopoldshafen in die Kindergärten ihrer Kinder liefen und die Erzieherinnen aufgefordert hatten, die Kinder nicht mehr im Freien spielen zu lassen – während Innenminister Zimmermann noch am verharmlosen war.

Ich kann nicht schweigen, wenn Menschen aufgehetzt werden – sei es wegen Windkraftanlagen oder sei es gegen Migranten. Ich kann nicht die Klappe halten, wenn ich das Gefühl habe, Menschen entscheiden nicht im Interesse einer größeren Gesamtheit, für die sie gewählt wurden – sondern nur noch für ihre Partikularinteressen. Und ich kann nicht die Klappe halten, wenn in meiner eigenen Partei Leute anfangen, alles über den Haufen zu werden, nur damit sie wiedergewählt werden, um dann „gestalten zu können“ – und sie es dann tun – aber nicht im Sinne dessen, für das sie gewählt wurden, sondern nur noch, um irgendwie ein paar kleine Schritte zu machen und das dann als große Erfolge zu verkünden – oder gar Ziele ganz aufgeben und das ebenfalls als große Erfolge zu verkaufen. Ich kann nicht meinen Mund halten, wenn  ein Ministerpräsident einfordert, die Besserwisserei zu lassen, er selbst wisse gut, was nötig ist, um wiedergewählt zu werden. Und ich kann nicht still sein, wenn Menschen um 4 Uhr morgens aus den Betten geholt werden, um abgeschoben zu werden und man das mit den „Umständen“ erklärt.  Ich finde es unerträglich, wenn Angestellte/Aufsichtspersonal von Asylbewerberunterkünften verteidigt werden, die Schutzsuchende schlecht behandeln, weil sie ja so stark gefordert sind mit ihrer Aufsicht. Und wenn jemand meint, dass man Waffenlieferungen in Kriegsgebiete rechtfertigen muss, im dem man Pazifismus diskreditiert, dann bin ich zu recht laut empört – und derjenige sollte sich überlegen, ob er noch die vertritt, die ihn gewählt haben.

Reden ist Silber
und Schweigen ist Gold,
wer Gold hat kann schweigen
doch wer hat das gewollt,
daß du nach der Weise
entmündigter Greise
nur heimlich und leise
das Unrecht verfluchst.
Denn schweigst du nur immer
wird alles noch schlimmer,
siehst nie einen Schimmer
vom Recht das du suchst.
Denn für den, der nichts tut,
der nur schweigt so wie du,
kann die Welt, wie sie ist auch so bleiben.
Wer schweigt, stimmt zu.
(bots)

Ja, das war immer mein Motto. Ich habe im Laufe von vielen Jahren in der Politik gelernt, dass man nicht immer alles sofort sagen muss. Dass man manches Mal eine Nacht drüber schlafen muss, bevor die Empörung aus einem heraus schreit. Aber ich habe auch gelernt, dass die Empörung meist gerechtfertigt ist und die Plattitüden falsch sind. Wenn Gestaltungsmehrheiten nicht genutzt werden, dann sind die Gestaltungsmehrheiten unnötig. Wer seine Ziele verrät, wer alles in Frage stellt, für das 60.000 Menschen in ihrer Gesamtheit gestritten haben, der macht sich unglaubwürdig. Ich behaupte nicht, dass ich immer recht habe. Ich bin bereit, mich überzeugen zu lassen. Aber meine Klappe halten, das werde ich nicht.

Ob ich angesichts dessen aber jemand bin, der  im Vorstand von etwas sein sollte, das eine völlig andere Richtung vertritt, das ist die Frage, die ich mir zunehmend stelle. Bringt es etwas – oder trage ich damit am Ende Dinge mit, die nicht mitzutragen sind? Macht das opfern von Zeit, von Energie, von Engagement irgend etwas – wenn am Ende Karrieristen eh machen, was sie wollen? Wenn man einer Mehrheit gegenüber steht, die jeden Inhalt für verhandlungsfähig hält und keine Konflikte mit SPD oder CDU mehr aushält? Der die Wirtschaft wichtiger ist als die Menschen dieses Landes, die nicht in der Lage sind, sich zu wehren?

Ich bin in diese Partei eingetreten, weil sie einmal auch für die Minderheiten im Land stand, die keine Lobby hatten. Heute stelle ich fest, dass die Macht diese Menschen zu Sprechern eben der Lobbys gemacht haben, gegen die wir einst gegründet wurden.

In einer Woche fahre ich in Urlaub. Ich werde darüber nachdenken, ob ich das weiterhin so machen kann oder nicht. Ich trage das Herz auf der Zunge. Ein großer Diplomat bin ich nie gewesen – und werde es auch nicht mehr werden. Ob ich da Parteipolitik an verantwortlicher Stelle machen sollte oder lieber dort etwas tun sollte, wo ich konkret etwas tun kann – das weiß ich nicht mehr. Was ich nie gedacht hätte, ist geschehen. Ich stelle mir die Frage: bin ich noch grün genug für die GRÜNEN – oder umgekehrt?

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3 Gedanken zu „ich kann das nicht

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  2. Paul Burger

    „Auch Pegiden haben mich immer wieder bedroht, in einem Fall ist es sogar jemand, der Mitglied eines Schützenvereins ist.“

    Wahnsinn, wurde er denn als „Mitglied einer solch kriminellen Vereinigung“ schon verurteilt und hingerichtet?
    Mein Mitgefühl, schlimmer könnte es fast nicht kommen, es sei den Sie würden von einem ADAC-Mitglied bedroht, dann könnten Sie sich nicht mal mehr auf die Straße wagen!
    Auch nicht ungefährlich sind zur Zeit Mitglieder in Sportflug-Vereinen (ganz in Ihrer Nähe in Forchheim z.B.) Wenn solch ein Vereins-Narr erstmal droht, da können bei einem Amoklauf schon mal auf einen Schlag 150 Menschen (=15 mal Winnenden) ihr Leben lassen.
    Passen Sie deshalb auch weiter auf sich auf, wir brauchen solche Politiker wie Sie. (Wozu weiß ich jetzt gerade nicht, aber irgendwas fällt mir schon noch ein).

    In diesem Sinne

    MfG Paul

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