ich zieh den Jutta-Schal aus

ein bißchen weh tut es schon. Aber irgendwann ist es mal gut.

Jutta Ditfurth hat ein neues Buch geschrieben. Und keine große Überraschung: über uns Grüne. 20 Jahre nach ihrem Austritt. Der Titel:

»Krieg, Atom, Armut. Was sie reden, was sie tun: Die GRÜNEN«

 

Nun, das ist das dritte Buch über uns. Das erste war „Träumen, Kämpfen, Verwirklichen“. Ein gutes Buch. Vom Titel her. Das war der erste Aufschlag. 1988 geschrieben beschäftigt sich dieses Buch vordergründig mit notwendigen Handlungsfeldern in der Politik, beginnt aber schon auf Seite 141 mit der Abrechnung mit Fischer und seinen Realos. Da war sie noch Parteimitglied. Aber bereit, ihren Kampf gegen die „andere Strömung“ zu vermarkten, Geld damit zu verdienen anstatt eine Lösung herbeizuführen, die Demokratie und Toleranz ernst zu nehmen und zu akzeptieren, das eine basisdemokratische Partei zu anderen Ergebnisse kommen kann als sie selbst.

2000 dann:

Das waren die GRÜNEN.

Untertitel: Abschied von einer Hoffnung. Naja….Da war sie schon 9 Jahre nicht mehr Mitglied der Partei. Aber offenbar wollte sie weiterhin mit dieser Partei Geld verdienen. Sie hat in vielen Analysen durchaus Recht und ich teile ihre Kritik an der „Kriegspartei“ Bündnis 90/Die GRÜNEN oder an manchem Kompromiss. Kompromisse, die, wie es einmal Sylvia Kotting-Uhl formulierte „lediglich alte, trockene kleine Brötchen waren, die uns aber als Sahnetorten verkauft wurden“. Jetzt also das dritte Buch. Verbunden mit diesem Buch ist ein Tingeln durch die politischen Talkshows. Die ebenfalls bezahlt werden. Ob Jutta „nur“ 500 € Aufwandsentschädigung bekommt für anderthalb Stunden oder mehr, weiß ich nicht. Aber 250 € die Stunde dafür zu erhalten, über eine Partei zu lästern, die sie doch so abgrundtief verabscheut, finde ich doch reichlich schizophren.

Natürlich ist der Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Buches nicht zufällig. 7 Landtagswahlen stehen dieses Jahr an. Und eine gute Strategie gehört zum politischen Geschäft. Es fragt sich nur, wessen Geschäft sie hier betreibt? In einem Vorabdruck der „Jungen Welt“ erscheint ausgerechnet das Kapitel über Stuttgart 21 – ich kann mich nicht erinnern, sie jemals in Stuttgart gesehen zu haben. Ob sie die Bewegung wohl mit dem vielen Geld, das sie mit ihr verdient, unterstützt?

In diesem Kapitel finden sich neben Unwahrheiten die üblichen Verdächtigungen:

Stuttgarter Grüne unterstützten die Proteste, aber die regierenden Grünen im Bundestag stimmten im Dezember 2004 dem Projekt »S21« zu.

Das erzählt auch die CDU. Aber es gibt keine Zustimmung einer grünen Fraktion zu Stuttgart 21. Diese Behauptung entbehrt jeder Grundlage.

Heiner Geißler wußte besser als manch »S21«-Gegner, daß ihm gelungen war, »die Austragung des Konfliktes [zu] harmonisieren und [zu] humanisieren«. Es gelang ihm auch, einen Keil in die Bewegung zu treiben[…]

Wie Fischer ist Kretschmann Katholik (auch Fischer ist in seinen »radikalsten« Zeiten nicht aus der Kirche ausgetreten), ein praktizierender sogar, er gehört seit einigen Jahren dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken und dem Diözesanrat des Erzbistums Freiburg an.

Die nächste Generation der ehrgeizigen Würdenträger folgt dieser Strategie. Boris Palmer, Oberbürgermeister von Tübingen, das mal eine linke Hochburg war, […]

Ja, da erzählt sie die immer gleiche Geschichte. Verschwörung, Bürgerlichkeit, …

»Man hat keine Angst mehr vor uns«, sagt der mögliche künftige grüne Ministerpräsident Kretschmann. Ja, leider. »Wir stehen für Verläßlichkeit.« Genau das ist das Problem. Die herrschenden Kreise können sich fest darauf verlassen, daß die Grünen nur wegen »S21« oder Atomanlagen kein Amt riskieren, sie können längst sicher sein, daß die Grünen die herrschende Wirtschaftsweise nicht mehr infrage stellen und daß sie »für deutsche Interessen« sogar mit in den Krieg ziehen. Was ist da schon ein Bahnhof?

Und kolportiert, dass es nur um Ämter ginge. Kann man machen, muss man aber nicht – denn es ist nicht wahr. Ich mag nicht ausschließen, dass es bei uns auch Leute gibt, denen es genau darum geht, die gibt es in jeder Partei. Aber an Stuttgart hängt die Glaubwürdigkeit in der grünen Hochburg Baden-Württemberg. Denn auch wenn es Jutta nicht gefällt: es gibt niemanden außer uns GRÜNE, die diesen Bahnhof noch stoppen könnten. Das ist der Teil der Geschichte, den sie nicht erzählt. Und die Frage, die sich stellt, ist: warum?

Die SPD ist für den Bahnhof, die CDU sowieso und die FDP erst recht. Die Linke ist in BW zu schwach, könnte aber in diesem Punkt, sofern sie es über die 5%-Hürde schafft, ein Bündnispartner sein. Die jetzigen Machthaber und die Bahn haben eine Reihe von Verträgen geschlossen, die nicht einfach so für nichtig, unwirksam erklären kann oder gekündigt werden können. Nicht in einem Staat, bei dem man sich darauf verlassen können muss, das Verträge eingehalten werden. Ein ganz wichtiges Element unseres Rechtstaates. Eine SPD-geführte Regierung wird darauf drängen, einen Volksentscheid und die davor notwendige öffentliche Debatte so zu organisieren, dass hinterher eine Zustimmung zu diesem Bahnhof vorliegt. Eine Fortsetzung der CDU/FDP-Regierung wird diesen Bahnhof natürlich bauen.  Das kann es nicht sein, was sie will. Oder doch? Ist es ihr wichtiger, weiterhin über uns GRÜNE herzuziehen als diesen Bahnhof zu verhindern? Denn nur wir als regierungsführende Partei werden in der Lage sein, diesen Volksentsheid anders zu organisieren. Nur mit einem starken Wahlergebnis wird uns das gelingen.

Und nochwas zu ihrer geradezu hämischen Abfertigung des Schlichtungsprozesses:

Wenn die Bewegung gegen »S21« die Erfahrung machen könnte, das Projekt zu verhindern, könnte daraus die Kraft erwachsen, sich auch andere Vorhaben von Staat und Kapital genauer anzusehen

Natürlich die Verschwörung von Staat und Kapital, die GRÜNEN mittendrin. Wirkt immer. <ironieoff> Aber tatsächlich muss man sich fragen, ob man es zulassen kann, dass mitten in einer Millionenstadt wie Stuttgart die Gewalt eskaliert, es zu Straßenschlachten kommt? Gewalt war und ist keine Lösung. Es ist tatsächlich mit der Schlichtung gelungen, der Tatsache gerecht zu werden, dass dieser Widerstand gegen den Bahnhof aus der Mitte der Gesellschaft gekommen ist und weiter kommt. Die Bewegung ist nicht gespalten, wie sie behauptet, sie ist weiterhin präsent. Mit Ihrer grünen Verschwörungstheorie betreibt sie das Geschäft der CDU. Wenn es ihr gelänge, mit ihrem Buch uns GRÜNEN in Baden-Württemberg zu schwächen, säßen am Ende die Stuttgart-21-Befürworter wieder am Hebel.

Ich habe nie wirklich verstanden, warum Menschen wie Jutta diese Partei verlassen haben. Ich war nie ein Freund von Joschka Fischer & his friends. Und ich halte nicht nur die Kriegsbeteiligungen für falsch, sondern auch die Bereitwilligkeit, mit er und seine Freunde sich und die Partei der Erpressung der SPD ergeben haben. Aber ich bin geblieben. Habe mit anderen zusammen, die ebenfalls geblieben sind, versucht, den Scherbenhaufen, den sie und andere hinterlassen haben, zusammen zu fegen.

Weglaufen hilft nichts. In einer Demokratie kann nur mit absoluten Mehrheiten seine Ziele durchsetzen. Wenn man diese Mehrheiten nicht erreicht, muss man Kompromisse eingehen. Seine Ziele überprüfen, wenn die Menschen diese Ziele ablehnen. Verbündetet suchen. Teilziele definieren. Ich habe in den Jahren gelernt, dass Demokratie weh tun kann. Und weh tun muss – denn solange sie das tut, funktioniert sie. KeineR hat die Wahrheit gepachtet und viele Dinge erreicht man nur mit kleinen Schritten. Ich würde auch lieber mit großen Schritten vorangehen – aber das ist selten möglich. Aber vor lauter Ungeduld und Rechthaberei letztendlich für die CDU Wahlkampf zu machen – nun, das würde mir nie einfallen. Ich würde mich nicht dafür hergeben, das politische Geschäft derjenigen zu betreiben, die umso vieles mehr meine politischen Gegner sind.

Ich war lange Jahre ein Jutta-Ditfurth-Fan. Wegen ihrer klaren Sprache, ihrer Fähigkeit, Dinge auf den Punkt zu bringen. (und natürlich dieser sagenhaften Elefantenrunde mit Strauß) Und womöglich auch ein bißchen aus Sentimentalität und dem Wunsch nach mehr Radikalität bei uns GRÜNEN. Aber in meinen Augen hat sie selbst über ihrer Verbitterung das Ziel aus den Augen verloren. Ihr erstes Buch hieß „Träumen, Kämpfen, Verwirklichen“. Sie hat das Kämpfen aufgegeben und wird so nie zum Verwirklichen kommen. Ich hänge heute meinen Jutta-Fanschal an den Haken. Und da bleibt er auch. Schade – wir hätten sie noch gebraucht.

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11 Gedanken zu „ich zieh den Jutta-Schal aus

  1. Timothy Simms

    „Ich habe nie wirklich verstanden, warum Menschen wie Jutta diese Partei verlassen haben.“

    Nachdem ich gestern auf der Heimfahrt von Ulm noch ein wenig in dem Buch gelesen habe, verstehe ich das sehr gut. Im Prinzip wirft sie den Grünen eines vor: Dadurch dass die Grünen sich an Regierungen beteiligen und in den Parlamenten mitarbeiten, schwächen sie den außerparlamentarischen Widerstand letztlich. Weil die Leute dann Grünwählen statt Bahnhöfe zu besetzen, Strommasten umzusägen usw. usf.

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    1. Jörg Rupp Beitragsautor

      naja, ich hab bei ihr aber eher den Einduck, dass es darum geht, ihre Ziele durchzusetzen, ohne wenn und aber. Warum sonst hat sie Ökolonx gegründet und sitzt (saß) weiterhin im Römer?

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  2. Sylvia Kotting-Uhl

    Arme Jutta! Wie traurig ist es sich 20 Jahre nach einer Trennung immer noch an dieser abarbeiten zu müssen. Für mich war ihr zwanghaftes Verhalten immer eine Warnung bei noch so großer situativer Entfernung niemals aus meiner Partei auszutreten – es sei denn, mit anschließender völliger Polit-Abstinenz.
    Bei aller Zustimmung zu deinem Artikel, lieber Jörg, muss ich dich aber an der Stelle, an der du mich zitierst, verbessern: ich habe damals die Kompromisse nicht als „alte trockene“, sondern als „kleine“ Brötchen bezeichnet – im Sinne von „kleine Brötchen backen“.

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  3. Timothy Simms

    @jörg
    keine ahnung – ich beziehe mich nur auf meine lektüre ihres aktuellen buches. die linie zwischen „ziele ohne wenn und aber durchsetzen“ und „immer unbedingt recht haben“ ist schwer zu ziehen. politik bedeutet immer auch interessenausgleich – innerhalb der partei, in den parlamenten, in den bürgerinitiativen usw. Warum ökolinx? Keine Ahnung… vermutlich, weil mit einem Stadtverordnetenmandat Macht und Ressourcen verbunden sind.

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  4. Torsten

    Warum ist es schizophren über etwas zu lästern, was man nicht gut findet und sich dafür bezahlen zu lassen? Du magst nicht ihrer Meinung sein, aber hier liegt kein Widerspruch im verhalten der Autorin.

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    1. Jörg Rupp Beitragsautor

      weil es für mich nicht zusammenpasst. Sonst inszeniert sie sich als moralische Instanz, jetzt bedient sie sich des angeblichen Gegners, um Geld zu verdienen. Ein Buch, gut, meinetwegen. Aber alle 10 Jahre eins?

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  5. Hermann Ott

    Hallo Jörg,

    vielen Dank für die ehrlichen Worte. Ich war damals noch sehr jung, habe Jutta Ditfurth aber nie als fundamentale Vorkämpferin für ökologisch-soziale Politik verstanden, sondern als kompromisslose Egomanin. Insofern war es gut dass sie gegangen ist. Wie Du wünsche ich mir jedoch, dass uns das Feuer nicht abhanden kommt – auch wenn wir keine absoluten Mehrheiten bekommen. Aber die Mitte definiert sich von den Enden her…

    Dass Jutta Ditfurth immer noch nachtreten muss ist ein Jammer, aber vermutlich wird sie nur als Grünen-Kritikerin überhaupt wahrgenommen. Sie instrumentalisiert die Grünen immer noch – wie gehabt…

    Grüne Grüsse Hermann

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  6. Andrea Lindlohr

    Schöner Text, Jörg!
    Ich bin ein paar Jahre jünger, für mich ist Jutta Ditfurth eine TV-Figur meiner Kindheit. Mit war ihre Aufteilung der Welt in Gut und Böse, die ach so gerechte Linke versus den Schweinestaat, immer als undifferenzierte rhetorische Finte suspekt.
    Aber was mir Respekt abnötigt: Sich vor über 20 Jahren so stark als Medien-Marke etabliert zu haben, dass man heute noch davon zehren kann. Das muss man erstmal hinbekommen: So viel Energie in das eigene charismatische Auftreten zu investieren, während die Welt um einen herum immer technokratischer wird. Inhaltlich ist viel Unsinn dabei herausgekommen, aber streitbar war es – zumindest in den besseren Zeiten.

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  7. Rossmann

    Natürlich müssen Sie das Buch auf persönliche animositäten reduzieren, sonst müssten Sie sich mit dem Inhalt beschäftigen. Was auch immer JuDI Interesse an den Grünen noch sein mag, solche Bücher bleiben legitim. Die Grünen – das ist heute letztlich die FDP für den sozial uninteressierten angepassten aber Müll trennenden Bildungsbürger aus der gehobenen Mittelschicht, der möglichst alles so belassen will wie es ist, weil es ihm recht gut darin geht. Die Grünen sind von daher zu kritisieren, weil sie mehr als jede andere Partei dazu beiträgt das Grundsätzliches sich nicht ändern wird, die mehr als es eine CDU oder FDP je vermochte zur Entmenschlichung dieser Gesellschaft beigetragen hat: Auslandseinsätze, Hartz 4 etc. und dabei immer noch wie das gute Gewissen der Marktwirtschaft daherkommt. Deshalb, und nicht weil Ihr wirklich etwas anderes als andere Parteien zu bieten hättet, seid Ihr so erfolgreich.

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    1. Jörg Rupp Beitragsautor

      Ich habe mich mit dem Buch beschäftigt – mit dem Teil, der öffentlich zugänglich war, ohne Geld dafür bezahlen zu müssen. Und da stehen schlicht UNwahrheiten drin. Und wer Unwahres sagt, hat dafür seine Gründe – meist keine guten. Wir sind erfolgreich, weil wir anders sind. Und es wird weiterhin bei uns viele Leute geben, die dieses Anderssein auch erhalten werden. Es geht allerdings nicht zurück in die 80er. Im Übrigen mögen auch Sie nachlesen, was wir zwischenzeitlich beschlossen haben.

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