Männer im Zeitalter der Selbstoptimierung

Nein, ich möchte nicht den Blick von bodygeshamter Frauen auf Männer lenken, Frauen unsichtbar machen oder reale Probleme kleinreden. Ich möchte ergänzen. Ein wenig. Und einen Blick werfen auf Männerkörper jenseits der 30.

Blog Lvstprinzip

Blog Lvstprinzip

ist ein Blog über

„Sexfilme und Pornos, die auch Frauen und Paaren gefallen. Feministische Pornografie, Queer Porn, Fairtrade Porn, Slow Porn, Indie Porn.“

Ich bin darüber gestolpert, als ich auf einen Link bei Twitter geklickt hatte, den die Julia gepostet hatte. Julia hat oft sehr interessante Links in eine Blogwelt, die so gar nichts mit meiner politischen, manchmal voller Wut verfassten Blogwelt zu tun hat. Also las ich.

Und blieb ungefähr hier hängen:

Weil ihr meinen Körper, der alles für mich tut, als einen Konjunktiv seht. Wo grundsätzlich ja noch nicht alles verloren ist. Da könnte man ja auch echt noch viel machen. Also, so mit ein bisschen Sport…

Ich bin keine

Frau von knapp 30 und 1,80 die sich mit ihrer bundesdurchschnittsdeutschen Größe 40/42 einfach mal erdreistet, nicht komplett unglücklich zu sein.

Ich bin ein Mann, gerade mal 50, 1,76 groß, der sich mit Hosen Größe 34 und Shirts in zwischenzeitlich eher XL übertrieben gesagt noch vor die Tür traut. Ich wiege 90 Kilo, das ist 15 kg mehr, als ich jemals wiegen wollte.

Mein Köpergefühl ist ungefähr bei

ungefähr 1988

 1988

 

 

 

 

in der Realität dagegen ist es anders:

ka300

2015

Und es ist nicht nur das „ich sehe aus wie mein Vater“-Gefühl und den Bauch spüren, die zunehmende Unbeweglichkeit, weniger Kondition. Ich bin konfrontiert mit einer Welt, in der auch der Mann um die 50 noch fit und schlank ist.

Ich trinke gern Bier, ich esse gern Chips, ich esse gerne Wurstbrot. Ich bewege mich zu wenig.

2016-10-07-09-24-00

All das weiß ich. Im Grunde genommen weiß ich auch, dass ich eine Veranlagung habe – und die zu bekämpfen, mich viel kosten würde. Ich kenne ausreichend Kommentare, die sich über meinen Bauch, naja, mein bisschen Übergewicht lustig machen. Wenn das aus dem direkten Umfeld kommt – dann trifft es mich. Und ich sehe mich ja auch. Vor dem Spiegel, nackt, in Badehosen auf Urlaubsbildern. Ich stelle fest, wie es ist und kann es nicht überwinden. Ich gehe zwar gerne ins Schwimmbad – aber zwischenzeitlich vermeide ich es. Oder ich sitze lange im Schatten und habe ein weites Shirt zur Badehose an. Die Idee, einfach „oben ohne“ auf die Straße gehen zu können – hab ich nicht mehr.

Ich kämpfe mit der Idee, mit FDH abzunehmen – und wenn ich dann ne Woche lang weniger Fett gegessen habe, schleiche ich 3 Tage lang um den Kühlschrank, haue mir dann abends um 22 Uhr eine Dose Griebenwurst und Zwiebeln in die Pfanne und esse die mit 2 Scheiben Brot weg.

Ich mache – wie aktuell – eine Bier und Chips-Pause. Damit vergewissere ich mich in erster Linie, dass ich zwar regelmäßig Alkohol trinken kann – aber kein Alkoholproblem habe.  Und mit den Chips geht das auch immer ne Weile gut – bis ich dann irgendwann im Supermarkt steht und mir sage: naja – mit den Kindern heute Abend einen Film streamen und dazu was zu knabbern – und hastenichtgesehen hab ich wieder erste ne Tüte gekauft und dann nen Karton Salt & Vinegar-Chips bestellt. Die 5 Kilo, die dann grade weg waren, sind ruckzuck wieder da – kann ich am Gürtel beobachten.

Ich führe Selbstgespräche, schimpfe mit mir, ärgere mich, denke „daskanndochnnichtsoschwerseinanderekönnendasdochauch“

und scheitere nicht nur regelmäßig, sondern auch mit zunehmender Tendenz. Seit ich das Rauchen aufgegeben habe – im Sommer 2002 – habe ich im Schnitt ungefähr jedes Jahr ein Kilo zugenommen.

Meine Frau findet das alles nicht so tragisch, lobt mich aber, wenn ich weniger aussehe:

„Man sieht immer gleich, wenn du mal kein Bier und Chips zu Dir nimmst“.

Stimmt. Und dann frag ich mich wieder: warum nur? Lese Frauentexte zu Körperlichkeit, weil es die Männertexte dazu nicht gibt. Wenn, dann gibt es entweder ganz dicke Männertexte oder welche über Diäten. Schäme mich, geniere mich. Esse Wurstbrote, mache vegetarische Tage, hoffe auf einen Automatismus, der das da unten wieder wegmacht, gehe ins Fitnessstudio, blicke neidisch auf andere Männer, die das irgendwie gut im Griff haben  – nur ich schaff es nicht. Der einzige Lichtblick sind Männer in meinem Alter, die noch dicker sind.

Immer wenn ich denke, ich bin dick, treff ich einen, der noch dicker ist.

Da kann man sich wenigstens auf seinen 90 ausruhen und hoffen, dass es keine 92 werden. Und weiterhin denken, dass man was falsch macht. Falsch ist. Ich bin glücklich verheiratet – aber ich will doch trotzdem noch attraktiv sein!

Ich mag mich. Mag, dass ich auch mit 50 noch über einen Kletterparcours komme. Dass ich beim 24-h-Lauf für Kinderrechte auch noch einige Runden mitrennen kann – wenn auch etwas langsamer. Ich mag mich und meine Energie, meinen Zorn, meinen politischen Instinkt und meine Geradlinigkeit, meinen Mut, meine Frau, meine Kinder und dass ich in der Lage bin, mich immer wieder neu zu erfinden, dass ich optimistisch  bin und dass ich Menschen mag.

Aber wenn ich mich anschaue, sehe ich halt einen dicklichen, mittelalten weißen Mann. Damit klarzukommen – das ist eine Heidenarbeit. Nicht mit mittelalt und weiß – sondern mit dicklich.

Und was mach ich jetzt mit diesem Text?

Ich lass ihn mal stehen. Und veröffentliche ihn. Was schwieriger ist, als ich dachte. Und hoffe mal, dass sich andere melden, denen es auch so geht. Und mich nicht zu viele auslachen.

Man(n) ist ja nicht gerne alleine.

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