Off-Piraten

Am 20. Mai wurden die Server der Piratenpartei durchsucht, vorher abgeschaltet. Wie man zwischenzeitlich hört, fanden sich im Piratenpad, einer Software, mit der man via Browser online gemeinsam on-the-fly an Texten arbeiten kann, auf einem Pad eine Linksammlung  für DDoS-Attacken, die wohl für einen Angriff auf französische AKW-Betreiber gedacht waren. Zumindest fühlte sich jemand in Frankreich in dieser Hinsicht bedroht, bat bei der deutschen Polizei um Ermittlungshilfe und so rückten die deutschen Polizisten, nicht dafür bekannt, besonders IT-affin zu sein, beim Hoster der Piraten an und kaperten deren Server – und schickten auf diese Weise die Partei offline. Das dauerte bis gestern abend an, seither sind sie aber wieder da.

Das Verhalten der Ermittlungsbehörden ist glasklar zu kritisieren. Es kann ja wohl nicht sein, dass die Server einer wenn auch kleinen Partei von jetzt auf nachher einfach abgeschaltet werden. Zumal die Piraten ja wie keine andere Partei im Internet „leben“. Und es kann nicht sein, dass die Ermittlungsbehörden auf so einem Weg schlicht Server mit beliebigen Inhalten aus dem Netz nehmen können. Das ist nicht, wie man mit einiger Ironie sagen kann, löschen statt sperren, sondern tatsächlich sperren – und wenn man den Stecker zieht, zunächst einmal sehr endgültig. Insofern war dies ein Angriff auf die Meinungsfreiheit – denn aufgrund eines einzigen Dokumentes die komplette Kommunikationsinfratruktur abzuschalten, ist weder angemessen noch war sie notwendig. Ich bin ziemlich sicher, hätte man bei der Piratenpartei angefragt, hätte man dort kooperiert und das Dokument zutage gebracht, gelöscht oder zumindest vom Server genommen und – achso, IP-Nummern werden dort ja nicht gespeichert…..

Dass wie so oft einige Piraten das überbewerten und gar eine Verschwörung draus machen und zumnindest versuchen, einen Zusammenhang zur Wahl in Bremen herzustellen – nun, das trägt nicht dazu bei, diese Partei ernster zu nehmen. Und das ein Ausfall der Server – föderale Infratruktur war ja auch noch vorhanden – eine Auswirkung auf das Wahlergebnis haben wird – nun, das wird niemand ernsthaft behaupten. Sonst spiegeln sie ja alles, diese Piraten – ihre eigenen Bundesinhalte auf Landesserver offenbar nicht…

Womit wir auch schon bei der Kritik wären. Fachlich gesehen ist es natürlich fatal, wenn man die eigene Kommunikationsstruktur dort angesiedelt hat, wo Menschen, die man weder kennt, noch identifizieren kann noch etwas über deren Absichten weiß, Zugang zur eigenen, zentralen IT-Infradtruktur gewährt – bzw. Anwendungen auf demselben Server laufen hat, wo diese auch angesiedelt ist. Das ist sicherheitstechnisch schlicht fahrlässig – was man ja am Ergebnis sieht….

Die andere Frage ist, ob es die Aufgabe einer Partei ist, solche Dinge so laufen zu lassen. Meinem Gefühl und meiner Meinung nach machen die Piraten Dinge, die eigentlich eher außerhalb einer Partei angesiedelt sein müssten. Dazu gehören Aktionen, wie Wikileaks zu spiegeln oder eben ein Etherpad zu betreiben, das dann im Schutz der Piratendomain dazu benutzt wird, DDoS-Attacken möglicherweise vorzubereiten. Aber das muss die Partei für sich beantworten. Ich denke aber, hier ist die Rolle, die eine Partei hat, nicht so ganz klar. Gedanken würde ich mir jedenfalls nach so einem Vorfall machen. Nicht, dass ich es nicht gut finde. Aber ist das tatsächlich Parteiarbeit?

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3 Gedanken zu „Off-Piraten

  1. Lukas

    ich gebe dir sehr recht beim letzten punkt. meiner meinung nach ist das mit dem etherpad oder dem wikileaks auch nicht aufgabe der partei. genau wie sie auch irgendwelche infrastruktur im zusammenhang mit dem arabischen frühling bereitgestellt haben. und wenn, dann sollte es zumindest klar von der eigentlichen parteiarbeit getrennt werden und zwar sowohl organisatorisch, als auch technisch-infrastrukturell.

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  2. NineBerry

    Also, die IT-Infrastruktur ist schon verteilt, einige Landesverbände betreiben eigene Hardware. Der Mumble-Dienst (Adhoc-Telefonkonferenzen) läuft z.B. in NRW. Ebenso gibt es in NRW einen Mirror des Piratenwikis (24 Stunden aktuell, nur lesbar). Das Vorstandsportal wird in Bayern betrieben, Liquid Feedback läuft in Berlin.

    Auch das Wikileaks-Hosting läuft separat in einer eigenen Infrastruktur.

    Eventuell wäre es sinnvoll, Dinge wie die Bundeswebsite und die Mitgliederverwaltung separat von den kollaborativen Diensten zu halten.

    Das Problem wäre dadurch aber nicht weniger aufgetreten. Unsere kollaborativen Medien Wiki,Pads und Mailinglisten sind aufgrund unserer Philosophie nun einmal frei für jeden zu nutzen. Es ist absolut nicht gewollt, dass hier nur Mitglieder Zugriff haben. Gleichzeitig enthalten sie immer wichtige Informationen zur Organisation und dienen zur Organisation. Es ist einfach prinzipiell nicht möglich, diese beiden Aspekte zu trennen.

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  3. JohannQ

    @Lukas:

    Beim Etherpad würde ich dir teilweise recht geben. Da muss man als Partei eben „sicherstellen“, dass dort nur Dinge passieren, die im weitesten Sinne mit den Parteizielen und dem Grundgesetz in Einklang zu bringen sind. Da wir bei der PP Zensur und Überwachung fast vollständig, und eine wohl signifikante Minderheit auch absolut ablehnen, würde das wohl bedeuten, dass man die Etherpads nicht für jedermann zugänglich macht… Ist dann allerdings die Frage, ob das nicht fast das ganze sinnfrei macht.

    Ich verstehe auch nicht, warum man nicht z.B. einen partei-nahen Verein gründet, mit getrennten Strukturen, allgemeineren Zielen und seperater Infrastruktur. „Sicherheitshalber“, bzw. um auch noch „offener“ sein zu können, bei manchen Diskussionen.

    Zu Wikileaks muss ich sagen, dass ich das definitiv als ein Projekt sehe, was eine Partei unterstützen kann / sollte, wenn, bzw. auch weil WL eben Ziele hat, die mit den eigenen übereinstimmen. Als an einer Bundesregierung beteiligten Partei wäre es vielleicht „diplomatisch unklug“, aber solange man in der Opposition ist, sollte man es definitiv erwägen… wenn einem Grundrechte, Rechenschaftspflicht von Politik & Diplomatie gegenüber den Bürgern und im allgemeinen Transparenz, am Herzen liegen! 😉 Bei WL ist ja kein „going rogue“ zu erwarten, im Gegensatz zu ein paar Anons beim Etherpad, wo das „immer mal wieder“ passieren kann…

    @NineBerry: Etherpads sind aber deutlich „schneller“ was „Unfug besprechen / plannen / anstellen“ angeht.. und auch tw. „annoymer“ zu nutzen als die von dir genannten anderen Kanäle.

    @Jörg: Das stellt’s definitiv recht gut klar so. Trifft nicht ganz meine Meinung, teilweise, aber wenn das so wäre, dann würde ich vielleicht auch eher die Grünen als „traditionelle, etablierte“ Partei unterstützen! 😉

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