Schultrauma

Es gibt gute Gründe, die in meiner eigenen Geschichte liegen, warum ich für Reformpädagogik, für notenfreies Lernen, mich für freie oder demokratische Schulen oder zumindest Gemeinschaftsschulen einsetze. Es muss natürlich immer für das Kind passen und  für unseren Jüngsten suchen wir derzeit ein Gymnasium.

Ich habe eine typische „ich scheitere auf dem Gymnasium“-Karriere gemacht – guter Grundschüler, aber ab der Mittelstufe wurden die Noten nach und nach schlechter. Bis dahin fiel mir alles zu, ab da musste ich lernen – und das fiel mir schwer. Hinzu kamen Lehrer, die es in sich hatten. Schreiende, fiese Gymnasiallehrer, ungerecht benotend und natürlich von Pädagogik keine Spur. Ich war schon als Jugendlicher keiner, der sich ins Muster pressen lies.  Bis heute bin ich Volltischler – als Schüler eben jemand, der zwar nicht alles ordentlich im Heft hatte, aber trotzdem wusste, wo die Dinge sind. Meine Lehrer*innen und Schule generell ist aber auf Leertischler geeicht – damals wie heute.  Und mit unnötig langen Rechenwegen hatte ich ebenfalls Probleme (und Punktabzug), Sprachen lernte ich lieber durch Sprechen als durch Vokabeln büffeln oder Buchseiten abschreiben und so weiter.  „Aus heutiger Sicht kann ich meinen Teil erkennen, ich weiß aber auch, woran es bei den Lehrer*innen lag.

Meine ganze Berufswahl und -„karriere“ ist ein Muster meines chaotischen Lerntyps

Der kreativ-chaotische Lerntyp nehmen die Welt hauptsächlich über die Augen auf und es gelingt ihnen gut, sich Texte bildlich vorzustellen, was gleichzeitig für seine große Phantasie und kreative Neigung spricht. Kreativ-chaotische Lerner sind sehr unterhaltsame, positive und harmonische Zeitgenossen, aber ihr Schreibtisch ist leicht mit einem Schlachtfeld zu verwechseln. Spaß, Abwechslung und neue Herausforderungen lassen sie auf Hochtouren laufen, doch sind sie unter Druck, verlieren sie den Überblick über ihr Chaos und machen Flüchtigkeitsfehler. Unbehagen bereitet ihnen daher penibler Ordnungssinn und festgefahrene Prozesse. Ihm hilft eine größere Aufmerksamkeitsspanne und einmal mehr hinschauen, hinhören und überlegen. (Stangl, 2018).

Verwendete Literatur
Stangl, W. (2018). Die Lerntypentheorie – eine Kritik. [werner stangl]s arbeitsblätter.
WWW: http://www.stangl-taller.at/ARBEITSBLAETTER/LERNEN/Lerntypen.shtml (2018-03-10).

– ich habe immer Stellen gebraucht, in denen ich viel Freiheit hatte. Als 22-jähriger Marktleiter, als Auslieferungsfahrer, als Call-Agent, in der als GF-Assistent,  in der Flüchtlingshilfe, heute als Standortleiter – ich brauche Entscheidungsfreheit und eine „lange Leine“, wie man so schön sagt. Wenn es eng wird, durch Vorschriften, Regeln, dann geh ich in die Rebellion. Ich bin zwar fähig, mein Verhalten zu ändern oder den Gegebenheiten anzupassen – aber ich brauche dafür Zeit  oder muss die Stelle wechseln.

Jedenfalls waren wir gestern an dem Gymnasium, das ich damals nach der 9. Klasse verlassen musste, um am Tag der offenen Tür zu sehen, ob es für unseren Sohn in Frage kommt. Und obwohl ich ja immer mal wieder in diesem Gebäude war – immer bei außerschulischen Veranstaltungen -, seitdem ich dort wegging, war es mir gestern unheimlich. Kaum im Gebäude, fing ich an zu schwitzen, ich bekam Atemnot, musste raus. Meine Frau sagte, dass ich einen hochroten Kopf hatte und ich hatte ein permanent schlechtes Gefühl. Ich konnte es sofort identifizieren. Mein Kind hierhin? Meine Alarmanlagen schrillten, ich wollte raus aus dem Gebäude, ich wollte hier nicht auf Elternabende. Ich schritt auf den Wegen, die ich als Jugendlicher ging, sah in Zimmer, in denen ich maximale Demütigung erfuhr (Rupp, im Arrest sortierst du die Kabel der Länge und Farbe nach) und mir wurde richtig, richtig eng.

Ich habe das meiner Frau gegenüber angesprochen und so ging sie alleine mit dem Sohn durchs Gebäude, schaute sich mit ihm zusammen die Angebote an und ich suchte mir meinen eigenen Weg. Sprach mit Lehrer*innen, Schüler*innen und anderen Eltern, was sie über die Schule wussten. Betrachtete die Übersicht über den Lehrkörper und was natürlich klar war – keiner der Lehrerinnen, die damals an der Schule waren, unterrichteten heute noch dort. Nach und nach beruhigte ich mich – aber ich hab auch heute Nacht von Schule geträumt und insgesamt weiß ich, dass das Trauma, das ich überwunden glaubte, doch tiefer sitzt als gedacht. Vor Jahren bin ich einem der damaligen Lehrer begegnet, er hat einen flotten Spruch über mich als Schüler gemacht (Sie waren ja damals ein komplizierter Schüler) und ich bin fast explodiert. Es ist nach wie vor präsent in mir.

Quelle: http://kraetzae.de/_de/inhalt.gfx/wik1.gif

Was ist das für ein Schulsystem, das so etwas einem Kind, einem Jugendlichen antun kann? Ich werde mit meiner immer vorhandenen Wut auf diese Lehrer*innen leben müssen, weiter Reinhard Mey’s „Zeugnistag“ singen und daran arbeiten, dass ich das nicht auf die Lehrer*innen meiner Kinder projiziere. Einfach ist das nicht – aber alleine die Bewusstheit und das meine Frau das weiß und mich notfalls bremst, gibt mir Hoffnung, dass ich das gut hinbekomme. Schlimm genug, dass es so ist.

Und wenn Sie das hier lesen, Frau N*, Frau P* oder Herr G* – schämen Sie sich.

Kommentar verfassen