sportliche Elite

Im Fernsehen sehen sie gut aus, sie vertreten „unser“ Land bei sportlichen Wettkämpfen, wir fiebern mit ihnen, freuen uns über ihre Siege, trauern ob ihrer Niederlagen. Sie sind Idole für ganze Scharen von Jungsportlern, werden ob Disziplin, Durchhaltevermögen und Erfolg als Vorbilder auf Throne gehoben, freundlich befragt, fotografiert, geehrt. Sie mussten früher nciht zur Bundeswehr, sie werden von Staatsdiensten freigestellt, ohne dass sie kündigen müssen, sie greifen Milliarden an Sponsorengelder ab. Unsere Elitesportler.

Hat aber jemals irgendwer diese sportliche Elite an ihren moralischen Maßstäben gemessen? Sie gefragt, nachdem was sie außerhalb des Sportplatzes repräsentieren? nach der Verantwortung für das, was sie tun?

Drei aktuelle Beispiele:

Oliver Kahn hat aktuell einen Werbevertrag für den Bruzzler von Wiesenhof erhalten. Wiesenhof  ist immer wieder in den Schlagzeilen, wegen Hygienemängeln und zuletzt wieder wegen Tierquälerei. Vor allem der letztere Vorwurf ist im Zusammenhang mit der Massentierhaltung im Geflügelbereich eigentlich Dauerthema. Die meisten erinnern sich mit GGrausen an Film über Wiesenhof in der ARD:

Kahns Rolle ist die eines glaubwürdigen Markenbotschafters und eines anerkannten Fußball-Experten, der zu den Großereignissen immer präsent ist – da werden sich die Würste schon gut verkaufen. Dass er dabei das System „Wiesenhof“ stützt – Hauptsache die Kasse stimmt.

Sebastian Vettel ist Formel-1-Pilot. Ich persönlich finde schon die Berufswahl merkwürdig, aber bitte, jede_r nach ihrer Facon. Angeischts der Menschenrechtslage in Bahrain wurde letztes Jahr das Formel-1-Rennen abgesagt. Dieses Jahr -heute – fand es aber statt. Vettel äußerte sich zu denForderungen, das Rennen erneut abzusagen so:

„Unser Job ist der Sport, sonst nichts.“

Die Idee, dass diese Veranstaltung dazu genützt werden könnte, ein deutliches Zeichen gegen die Unterdrückung in Bahrain zu setzen, die scheint niemandem der großen Vorbilder gekommen zu sein. Die Ignoranz, mit der vor allem die deutschen Stars Schumacher und Vettel hier vorangehen, ist schier unerträglich. Hauptsache, die Kasse stimmt – so muss man es leider sagen.

Ariane Friedrich ist Polizeikommisarin und eine bekannte deutsche Hochspringerin. Sie hat am Wochenende eine E-Mail erhalten, die ganz klar als sexuelle Belästigung anzusehen ist:

Willst du mal einen schönen Schw*** sehen, Gerade geduscht und frisch rasiert.“

Zusätzlich hat er wohl noch eine Datei mitgeschickt, die vermutlich das beschriebene zeigt – man weiß es nicht. Frau Friedrich ist nicht zu beneiden und leider geht es vielen Menschen so, die im öffentlichen Leben stehen, vor allem Frauen. Es gibt eindeutige, rechtlich völlig einwandfreie Maßnahmen, die man nach einer solchen Mail ergreifen kann. Strafanzeige, E-Mail-Filter zum Beispiel. Frau Friedrich ist Polizeikommisarin, sie muss wissen was zu tun ist. Statt dessen – oder sogar zusätzlich? – richtet sie auf ihrem Facebookprofil einen Internetpranger ein und veröffentlicht Name und Wohnort des Belästigers dort. Ohne zu prüfen, wieviele Menschen es mit dem Namen an diesem Ort gibt, ohne sich zu vergewissern, ob der Beschuldigte überhaupt der Täter ist – das Profil könnte ja entweder gefaked oder gefished sein – ohne jegliches Schuldbewusstsein, wie man nachlesen kann, wie sie sich zu dem Vorgang äußert:

Ich wurde in der Vergangenheit beleidigt, sexuell belästigt und einen Stalker hatte ich auch schon. Es ist Zeit, zu handeln, es ist Zeit, mich zu wehren. Und das tue ich. Nicht mehr und nicht weniger.

Dann wird es Zeit, dass man Frau Friedrich entlässt. Was macht sie, wenn Sie nach der Sportkarriere wieder im sicheren Staatsdienst, einen solchen Stalker oder Belästiger verhaften muss? Ihn am ****** durch die Stadt schleifen? Gleich erschießen?

Vor wenigen Tagen ist durch die Veröffentlichung eines Namens auf Facebook ein 17-jähriger fälschlicherweise beinhe Opfer eines Lynchmobs geworden.  Als wäre all das nicht passiert, agiert Frau Friedrich – sonst eigentlich symphatisch, sportlich erfolgreich – im Reich der Selbstjustiz.

Es gibt viele weitere Beispiele für die Verantwortungslosigkeit unserer „Vorbilder“. Man sollt erwarten, dass mit der Bekanntheit auch ein Sinn für Verantwortung entwickelt wird. Leider Fehlanzeige.

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5 Gedanken zu „sportliche Elite

  1. Michael Gwosdz

    Moin Jörg, die Kritik an Kahn kann ich gut verstehen, weil der sich fürs Sauberwaschen von Wiesenhof bezahlen lässt, auch die an Vettel, weil er schon albern naiv ist, aber sich an der Reaktion eines Stalkingopfers so abzuarbeiten? Hab das eben erst mitbekommen, mir durchgelesen und find’s ziemlich daneben. Die rechtlichen Möglichkeiten zum Schutz vor Stalking sind sehr begrenzt, natürlich auch aus guten Gründen der Rechtstaatlichkeit, aber in der sehr begrenzten Wirkung für die Opfer oft wirkungslos. Sicher war die Aktion von ihr unüberlegt, aber aus meiner Sicht trotzdem eine nachvollziehbare Reaktion. Rechtlich falsch, aber Dein Kommentar und v.a. Deine Frage, was sie als nächstes macht, zeugt nicht gerade davon, Dich in ihre Lage hineingedacht zu haben. Den Werbemillionenverdiener Kahn mit dem Stalkingopfer Friedrich zu verrühren geht nicht!

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    1. Jörg Rupp Beitragsautor

      Hallo Michael, ich finde schon, dass man das verrühren muss – auch wenn es rein formal um unterschiedliche Dinge geht. Frau Friedrich benutzt ihre Prominenz – und vermutlich ihren Status als beurlaubte Polizeibeamtin – um gegen jemanden öffentlich vorzugehen, dem sie nichts nachweisen kann. Verfolgt man die Debattte in ihrem FB-Profil, dann kann man darin lesen, dass der Mensch, den Sie dieser Tat bezichtigt, diese bestreitet. Es steht also Aussage gegen Aussage. Und dann greift die Unschuldsvermutung.
      Doch, ich habe mich sehr gut eingedacht. Ich verstehe die Empörung, sexuelle Belästigung ist unerträglich. Trotzdem, gerade wenn sie sich so stark hier beeinträchtigt fühlt – wie reagiert sie, wenn ein ähnlicher Fall passiert und sie verhaften muss? Natürlich habe ich stark überspitzt – mir geht es nur darum, ob noch das Maß gerechtfertigt ist. Und das ist es nicht – nicht mit diesem Pranger, in dessen Folge weiß Gott was passieren kann – zumal sie als Prominente eine enorme Reichweite hat. Ich halte ihre Reaktion nicht für nachvollziehbar, nicht für angemessen und nicht für verantwortungsvoll – zumal als Polizistin. Ihre Empörung dagegen teile ich.

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  2. Michael Gwosdz

    Hallo Jörg,

    Du unterstellst in Deiner Antwort, Frau Friedrich hätte bewusst Ihre Prominenz benutzt und konstruierst im Blog absurde Vermutungen darüber, was sie „nach der Sportkarriere wieder im sicheren Staatsdienst“ wohl macht. Gilt hier nicht auch die Unschuldsvermutung? Kann es nicht genauso gut sein, dass es sich um die sicher juristisch nicht richtige und wegen der Prangerwirkung auch nicht legitime, aber gleichwohl psychologisch verständliche Reaktion einer zutiefst verletzten und vermutlich verängstigten Frau handelt? Dies in einem Topf mit einem bewusst kalkulierten, lange verhandelten und gut bezahlten Werbeauftritt eines Olli Kahn zu verrühren, das finde ich auch trotz Deiner Reaktion für unangemessen.

    Und da Du noch einmal fragst: „Wie reagiert sie, wenn ein ähnlicher Fall passiert und sie verhaften muss?“ Ich gehe davon aus, dass sie in einem solchen Fall, der sie ja nicht persönlich betreffen wird (sonst wäre sie befangen), mit professioneller Distanz rational handelt.

    Unschuldsvermutung eben. Womit ich den Pranger nicht gutheiße, aber das ist eine andere Geschichte.

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    1. Jörg Rupp Beitragsautor

      Mir ging es ja auch um die Verantwortung dieser „Eliten“. Und natürlich macht es einen Unterschied, ob Anna Schmidt aus Oberursel mit 79 Freunden oder Ariane Friedrich, die zwischenzeitlich über 10.000 „gefällt das“ auf ihrem Profil hat, sowas veröffentlicht. Das meine ich mit „der eigenen Verantwortung bewusst sein“. Im Übrigen unterstelle ich nichts, ich stelle eine Frage, basierend auf ihrem aktuellen Verhalten. Ich unterstelle, dass sie ihre Prominenz in diesem Fall, für ihre Beschuldigung, bewusst eingesetzt hat – weil sie ja Opfer wurde, weil sie so prominent ist.

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  3. Pingback: ein Wort zum Sport

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