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der „Platz an der Sonne“ für Monika Lierhaus

Ich merk grad: man sollte Nachrichten nicht ungeprüft weiterleiten. Trotzdem nehme ich war, dass ich diese Nachricht für wahr halte – was schon schlimm genug ist.

Monica Lierhaus wird neues Werbe-Gesicht der ARD-Lotterie „Ein Platz an der Sonne“: Für ihre Rolle als Botschafterin bekommt sie nach SPIEGEL-Informationen zunächst 450.000 Euro jährlich, später soll es mehr werden.

schreibt Spiegel Online in einem heutigen Artikel.

Jetzt mal ganz abseits von Frau Lierhaus‘ persönlichem Schicksal, das tragisch ist. Und bewundernswert ihr Kampf gegen Sprachlosikeit und Bewegungslosigkeit, ihr Kampf für eine Rückkehr in ein „normales“ Leben. Ja, und da sind wird schon – beim normalen Leben.

Da ist zunächst mal die Tatsache, dass mich der TV Auftritt:, den ich wie viele erst durch die Medeinberichterstattung wahrgenommen habe, ebenfalls sehr brührt hat. Ich bin kein Sportschau-Fan (ich schau ganz gern ab und an mal Fußball, leide seit vielen Jahren mit dem KSC –  aber Samstage verbring ich gerne anders) und ich kannte wohl den Namen, musste aber zunächst nachlesen, wer sie überhaupt ist. Man konnte sehen, dass sie kämpfen muss und dass sie das auch tut.

Aber ich kam dann doch ins Grübeln. Zunächst mal fragte ich mich, wieso sie sich so an die Springergruppe verkauft. Sicherlich Profi genug – oder ihr Management – um sie vor herabwürdigender BILD-Berichterstattung zu schützen – oder sie wusste, wenn ich es nicht tue, kann ich es gar nicht kontrollieren. Keine Ahnung, reine Spekulation. Stefan Niggemeier brachte dann mein Gefühl auf den Punkt:

Und doch stellt sich bei aller Sympathie ein merkwürdiges, irrationales und etwas unfaires Gefühl ein: Die Erkennbarkeit einer Inszenierung, die Offenkundigkeit eines Deals mit Springer, die Berechnung, die hinter all dem steht, lässt den Zuschauer und Leser zu einem Teil des Plans werden, ebenso wie übrigens das Publikum im Saal. Das Erzwingen des Schweigens vorher wirkt im Nachhinein so nicht als Grundrecht, sondern fast als dramaturgischer Kniff, um den Überraschungseffekt beim Wiederauftritt auf der Bühne noch größer werden zu lassen.

Das ist kein gutes Gefühl.

Ja, und dann kommt nach dem Auftritt die Bekanntmachung, dass sie Botschafterin für die ARD-Fensehlotterie wird. Gut, dachte ich, das passt. Ist sicher ein guter Einstieg und da muss man vermutlich nicht die ganze Woche ran und sie kriegt das gut mit der Therapie zusammen. Und jetzt die Sache mit dem Geld. Ich missgönne Frau Lierhaus ihr Einkommen nicht. Ich würde es gar nicht haben wollen. Ich würde mich schämen, wenn ich von einer gemeinnützigen Organisation, die etwas für benachteiligte oder eingeschränkte Personen tut und von Spendengeldern lebt, soviel Geld annehmen würde.

Wikipedia dazu:

Die ARD-Fernsehlotterie „Ein Platz an der Sonne“ ist eine gemeinnützige, soziale Lotterie im Auftrag der ARD und der kommunalen Spitzenverbände zugunsten hilfsbedürftiger Menschen, die 1956 gegründet wurde.

Die Millionen-Erlöse mussten schließlich nach bestimmten Förderrichtlinien an soziale Projekte vergeben werden. Dazu wurde 1967 die Stiftung des privaten Rechts Deutsches Hilfswerk mit Sitz in Hamburg gegründet, die organisatorisch eng mit der Fernsehlotterie verbunden ist. Der Bundespräsident hat die Schirmherrschaft über diese Stiftung übernommen. Initiatoren waren der NDR als federführende Rundfunkanstalt der ARD und die Bundesvereinigung der kommunalen Spitzenverbände. Die Stiftung dient der Verteilung des Reinerlöses der Lotterie unter allen Altersgruppen in allen Regionen Deutschlands.

Ja, und ist wohl zum Selbstbedienungsladen der Unterhaltungsindustrie geworden. Mir fehlt jedes Verständnis für ein so exorbitant hohes Gehalt. Ich habe keine Idee, aus welchem Grund sie soviel Geld bekommt. Aber vielleicht hat ja einer der MitleserInnen eine? Wenn ich mir vorstelle, was man mit dem Geld – 37.500 € im Monat = >100mal Hartz IV – alles tun könnte. Wenn sie 10.000 bekäme – immer noch zuviel – dann bleiben immer noch 27.500 für die gemeinnützigen Dinge. So gesehen: könnte mal irgendwer überprüfen, ob die Gemeinnützigkeit dieser Lotterie bzw. dieser Stiftung noch gewährt ist?

Meine Frau, Ergotherapeutin, meinte dazu, vermutlich kann sie das persönlich nicht überblicken nach so einer Krankheit. Nun, das ändert aber nichts daran, dass da jemand ist, der es ihr angeboten hat und jemand, der gesagt hat, sie nimmt es….und insofern ist auch klar, warum so inszeniert wurde: wer wagt es jetzt noch, dagegen anzuschreiben?

Und die politische Frage: wer kontrolliert denn sowas?

Ich glaub ja nicht, dass Frau Lierhaus das liest. Aber wenn wider Erwarten doch, dann können Sie vielleicht eine Antwort geben: warum?

Gutmenschentum und die Wahrheit

Ich bin das, was man derzeit in den Kommentaren der Zeitungen und Magazine einen Gutmensch nennt. Ich glaube an das Gute im Menschen, möchte die Welt verbessern und glaube im Grund genommen an einen Rechtsstaat bzw. die rechtliche Durchsetzbarkeit gewisser Regeln. Ich wünsche mir den Weltfrieden. Meine Grundhaltung gegenüber anderen Menschen ist positiv.

Naiv bin ich jedoch nicht – insofern ist „Gutmensch“ als Kampfbegriff mir gegenüber auch nicht unbedingt korrekt. Ich weiß, dass auch in Deutschland des Recht gebeugt wird, Gerechtigkeit ein unerreichtes Ideal ist. Ich habe in einem bis heute bei meinen GRÜNEN nicht abgeschlossenen, schmerzhaften Diskussionsprozess lernen und einsehen müssen, dass es Menschen auf der Welt gibt, denen man nur mit der Waffe in der Hand entgegen treten kann. Obwohl ich beruflich Menschen aus der Arbeitslosigkeit in reguläre Arbeitsverhältnisse vermittle, so begenet mir doch ab und zu eineR , der/die alles tut, damit es zu keinem Arbeitsverhältnis kommt. Und ich bin mir natürlich bewusst, dass jemand, der aus einem anderen Land zu uns kommt, genausowenig nett und ehrlich ist (oder gar arbeitswilig) wie eineR meiner NachbarInnen. Um es mal so zu sagen: Arschlöcher gibt es überall.

Aber andererseits ist mein ideales Gesellschaftsbild eine multikulturelle Gesellschaft – für die ja ebenso abwertend der Begriff „Multikulti“ gefunden wurde – in der jede/r nach seinen/ihren Möglichkeiten all das werden kann, dass er oder sie möchte oder ihr oder ihm möglich ist. Ob derjenige Moslem, Atheist, Christ, Buddhist, Zeuge Jehovas ist oder an das fliegende Spaghettimonster glaubt, ist dabei völlig egal, genauso, wie es wurschd ist, welche Hautfarbe er oder sie hat, aus welchem Bundesland er oder sie stammt, welche Behinderung, welches Alter, selche sexuelle Orientierung und was man sich sonst noch so an individuellen Merkmalen denken kann.

Daher ist das, was ich in der Debatte um die kruden Theorien des Thilo Sarrazin wahrnehme, zwar nicht wirklich überraschend, aber doch ziemlich erschreckend. Mich erinnert – und das ist ja offensichtlich kein Zufall – die Debatte um Migration in ihrer Abwertung der betroffenen Personen leider an die Art und Weise, wie Sarrazin, Westerwelle, Merkel und viele andre, über diejenigen herziehen, die Sozialleistungen beziehen. (Merkel z. B. heute in Sachen Pflege). Oder grundsätzlich, wie mit Andersdenkenden und deren Meinung umgegangen wird.

Das Vorgehen erscheint mir dabei immer ähnlich: diskriminierende Thesen werden aufgestellt (Migranten, Sozialhilfe/Hartz IV-Empfänger), dabei wird verallgemeinert und pauschalisiert. Ist der Thesen aufstellende prominent genug, dann bekommt er recht einfach eine mediale Bühne. Denn in den Redaktionen des Spiegels, des Sterns, der FAZ, bei Anne Will und Frank Plasberg ist natürlich klar, was Quote schafft: Sarrazin, Missfelder, Hohmann, Möllemann….

Macht man dann deutlich, dass es eben nicht in Ordnung, ganze Bevölkerungsgruppen zu diskriminieren, dass Thesen falsch sind, das Herrenmenschentum nicht in Ordnung ist, dann füllen sich die Kommentarspalten mit den Broders und Matuschecks, die Leserforen mit Weiblein und Männlein, die davon reden, dass man doch wohl die Wahrheit sagen dürfe und dass diese Kritik, Empörung über die Diskriminierung die Meinungsfreiheit beschränke und überhaupt. Das geht einmal quer durch die Gesellschaft. Am Ende darf natürlich nicht die BILD fehlen, die noch immer meint, sie wäre „Volkes Stimme“.

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BILD-Titelseite vom 04.09.2010

Denn nicht die Differenzierung der Thesen steht dann im Vordergrund, sondern es soll und muss der Eindruck erweckt werden, es würde eine Meinung unterdrückt. Dass das Gegenteil der Fall ist, offensichtlich an Sarrazin, der ja sein Buch veröffentlichen darf, der Zugang zu Diskussionssendungen hat, dessen Buch vorab veröffentlicht wurde, dass wird ins Gegenteil verkehrt. Und viele Menschen springen drauf an. Und schaut man sich die Thesen an, die die BiLD da veröffentlicht, dann fragt man sich, auf dem Boden welchen Grundgesetzes deren Redakteure sich befinden. Man darf all die Dinge sagen, sie sind allgegenwärtig in den Kommentaren, in der Politik, an den Stammtischen, auf der Straße. Das ändert nichts daran, dass man genau diese Thesen kritisieren muss, weil sie zu undifferenziert sind, pauschal verächtlich machen. Es grenzt für mich an Volksverhetzung, den Eindruck zu erwecken, man dürfe z. B. nicht sagen, dass man sich nicht dafür entschuldigen müssen möchte, dass man einE DeutscheR ist. Es ist falsch, dass man keine Arbeit bekommt, wenn man keinen Beruf gelernt hat und es ist grundfalsch, dass sich „die Ausländer“ nur an uns anpassen müssen. Wer auch immer „wir“ sind.

Aber so erzeugt man Stimmungen im Land. Denn es ist ja tatsächlich nicht so, dass eine Debatte über die Integration nicht geführt würde!

Toleranz ist schwer. Und Toleranz muss weh tun, sonst ist es keine.Es ist einfach, sich an die zu gewöhnen, die so sind wie man selbst. Und es ist schwer, einzusehen, dass man selbst etwas tun muss, damit Menschen sich hier integrieren. Darüber hinaus kann es nicht sein, dass Wohnviertel so aus der Kontrolle des Staates gleiten, dass sich die Polizei nicht mehr durchsetzen kann. Das geht nicht. Es gibt hier Regeln und Gesetze, an die muss man sich halten. Es gibt keine Todesstrafe und es gibt Religionsfreiheit. Ehrenmorde sind nicht zu akzeptieren. Aber genauso hat der Staat eine Fürsorgepflicht. Dass in Strafgefängnissen manchmal keine Therapien angeboten werden, kann nicht sein. Dass Deutschkurse weniger gefödert werden und man nicht versucht, die Leute, die hierher kommen, dort abzuholen, wo sie sind, wenn sie nicht selbst kommen, geht auch nicht. Aber zur Religionsfreiheit gehört eben auch ein Ort, an dem man seine Religion ausüben kann. Was ist so schwer daran, zu erkennen, dass, näme man sich das Verbot der Ausübung der christlichen Religion in manchen arabischen Ländern als Maßstab, es keine Religionsfreiheit gäbe? Und was ist falsch daran, wenn sich Christen nicht mit radikalen Evangelikalen oder bombenwerfenden irischen Radikalen in einen Topf werfen lassen möchten?

Am Ende bleibt, dass wir alle Individualisten sind. Um positiv zu gestalten, müssen wir daran glauben, dass unser positiver Beitrag etwas positives bewegt. Können wir das nicht, dann ziehen wir uns zurück, tragen nichts mehr bei. Verlieren die Perspektive. Und daraus resultieren dann die Probleme – nicht nur – in der Integration, die wir heute haben. Es gibt welche, keine Frage. Doch lösen können wir sie nur, wenn wir einen positiven Weg finden, in dem alle zu ihrem Recht kommen oder Kompromisse mittragen, die sie nicht das Gesicht verlieren lassen. Das dauert länger, als „Kopftuch runter, Türken Raus“ – um einen ungeliebten Parteifreund zu zitieren (ja, es gibt sowas auch bei uns GRÜNEN). Aber es wird dazu führen, dass es mehr Özils, Podolskis, Schimanskis, Sarrazins und wie sie alle heißen geben wird, die selbstverständlich hier gerne Deutsche sind oder Europäer werden und die dann vielleicht auch mal solch krude Thesen über die, die es noch nicht sind, sagen dürfen – ganz im Sinne der Meinungsfreiheit.