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Elternangst

Während der Arzt mit dem Ultraschall über den Bauch meines Sohnes fährt, mit dem Gerät vermisst, wieder und wieder über den Bauch, die Seiten fährt, wieder misst, hämmert es in meinem Kopf „Tumor, Tumor, Tumor“. „Tief einatmen“- – ich denke andauernd: „wann sagt er es mir?“, sehe mich vor meinem inneren Auge zusammenbrechen, mich aufrichten, stark sein. Nach außen. In mir schreit es.

Nein, natürlich ist es das nicht, sondern vermutlich eine Blinddarmreitzung oder vielleicht ist es auch eine Blinddarmentzündung. Aber da liegt mein 13-jähriger Sohn vor mir auf der Behandlungsliege, hat unspezifische Unterbauchschmerzen. Ein bisschen Fieber. Nichts ungewöhnliches.

Gerade waren wir noch zu Hause, nachfeiern mit den Freunden, die seit vielen Jahren zu Silvester kommen. Wir hatten einen schönen Abend zusammen, haben alle viel gegessen und sind heute morgen aufgewacht. J. ist 13, seit mehreren Wochen mehr im Bett als außerhalb zu finden, wenn er zu Hause ist (oder vor dem PC) und so haben wir uns am Neujahrsmorgen keine großen Gedanken gemacht, als er nicht runter kam zum Frühstück. Das macht er manchmal und da die Bude voll ist mit Familie, mitwohnendem Syrer, Nichte, Neffe, befreundete Familie und wir – ist es nicht weiter schlimm, wenn ein Platz am unregelmäßigen Frühstück frei bleibt. Um 13 Uhr beschließen wir, dass wir einen gemeinsamen Spaziergang machen. Meine Frau will ihn holen, kommt runter, sagt, er habe Bauchschmerzen und er wolle zu Hause bleiben.

Zwischen Hundegebell, lärmenden Kindern, dem Duft nach Neujahrsbrezel, Früchtebrot und Toast stehe ich kurz unentschlossen – und gehe nach oben. Ich brumme was von „ich schau mal nach ihm“ – mehr zu mir als zu den anderen und ja, da liegt er, begraben unter Decken, Kissen, Micky-Maus-Büchern. Kaum zu sehen, irgendwo entdecke ich seine Mähne unter dem Kissen vorlugen. Halb scherzhaft unterstelle ich ihm „faule Ausrede, haha!“ aber sein Blick lässt mich verstummen. Er wiederholt, was er zu meiner Frau gesagt hat. Ich bitte ihn, doch aufzustehen, Zähne zu putzen – vielleicht geht der Schmerz weg, wenn er sich ein bisschen bewegt. Ich gehe schon mal wieder runter. Wird schon nichts sein. 5 Minuten später ist er noch nicht da, meine Frau schaut noch einmal – und sagt, er habe es versucht, stehend sei es dann aber schlimmer geworden. Er habe sich wieder hingelegt. Ich geh ebenfalls nochmal, untersuche jetzt seinen Bauch, rechts zuckt er zusammen, wenn ich drauf drücke. „Tut sehr weh, Papa“. Er jammert selten.

„Auf, Zähne putzen, zieh dich an – wir fahren ins Krankenhaus. Das soll sich jemand anschauen.“

Ich erzähle es unten der versammelten, wartenden Mannschaft. „Pack ne Tasche, wenn es so unspezifisch ist, behalten sie ihn wahrscheinlich zur Beobachtung über Nacht“. Meine Frau, praktisch und an Dinge denkend, auf die ich in der Schaffenswut nicht gekommen wäre. Ich gehe nach oben, das Kind schaut mich etwas ungläubig an, als ich eine Tasche mit Jogginghosen, T-Shirt, Hoodie (wieso haben 13-jährige keine Schlafanzüge mehr?), Waschsachen, Buch, Ladegerät, Handy und Kopfhörer packe. „Können wir wieder auspacken, wenn wir wieder da sind, aber sicher ist sicher“ sage ich leichthin und denke mir nichts weiter.

Wir fahren in die Kindernotaufnahme des Städtischen Klinikums. Er kommt schnell dran, die Schwester ist nett. Der Arzt auch. Aber jetzt habe ich Angst. Angst, die ich nicht zeigen darf, weil sie völlig unbegründet ist. Aber sie ist da. Ich halte das Kind fest, während ihn der Arzt mit Ultraschall untersucht und auch mich selbst. Scherze mit Kloß im Hals. begleite ihn zur Toilette (Urinabnahme, Penis säubern, da ist Seife, dann Mittelstrahl, wissen Sie wie das geht? Ein bisschen in die Toilette, dann in den Becher, den Rest in die Toilette). Das willst Du sicher alleine machen, frage ich erklärend. „Ja, bitte“. Drei Minuten später, während ich versuche, meine Frau per WhatsApp zu informieren und das beste Netz Deutschlands mal wieder keinen Empfang hat, kommt mir aus der Toilette  ein weißbleiches Kind entgegen. „Tut wieder sehr weh, vom sitzen und das pinkeln auch“. Die Panik schreit jubilierend „Tumor“ in mein Hirn und ich bringe das Kind zurück zum Behandlungsbett. Füße hoch, Blutdruckmanschette, die herbhumorige Schwester sagt „bei dem Blutdruck wäre ich schon umgefallen“ und ich sitze neben dem Bett – und sehe mich in der Rolle des allmächtigen Vaters, der nichts tun kann. Es gibt ja auch nichts zu tun.

Sie stechen mein Kind, nehmen Blut, einmal, zweimal, dann noch einmal, und ich kann nur daneben sitzen und warten. „Die Ergebnisse kriegen wir so gegen 15 Uhr“ – also in 45 Minuten. T-Mobile ist noch immer offline und ich fotografiere zumindest mein Kind – dass es sehen kann, WIE bleich es ist. „Siehste! Totkrank!“ schreit mein Gehirn.

Kurz nach drei dann leichte Entzündungswerte im Blut feststellbar, „wir behalten ihn da“. Er weint, will nicht bleiben. Möchte nach Hause, in sein Bett „Wenn ich da geblieben wäre, dann wüsstest Du das nicht, dann wird das schon wieder gut“. „Liebes Kind, eine Blinddarmentzündung ist lebensbedrohend“. „Ja, aber ich will heim“.

Ich hab Angst.

Wir ziehen ein, ich fülle fröhlich den Schrank, „brauchst Du die Haarbürste am Bett? Nein?“ und das Bad, die Schublade mit Handy, da Buch auf den Nachttisch, frage die Schwester nach einem Ladegerät fürs Handy, weil wir nur eines für den Ohrhörer dabei haben, der Kloß wird größer und größer und er weint, weil er heim will und nicht bleiben und ich will das auch alles gar nicht haben, weil ich noch immer Angst habe um mein Kind. Und er lacht, weil ich einen Scherz mache und zwischendurch ist er ganz vernünftig, weil es ja sein muss, so wie es sein muss. „Wird schon werden“.

Es gibt einen Fernseher und die Mama kommt sicher auch noch – und so verabschieden wir uns. Er küsst noch, mit 13 und er wir sagen uns „ich hab dich lieb“ ohne dass es peinlich wäre. Mein Herz ist schwer, so schwer vor Angst und Trauer, er will heim, er will, dass ich bleibe aber auch, dass die Mama auch noch kommt. Er weint, weil er heim will und ich möchte am liebsten mitweinen. Aber ich bin der Papa und ich bin stark.

Die Frau sagt: „wie kannst du ihn alleine lassen“ und ich sage: „du kannst ja auch noch gleich hin“ und denke: “ ich hab’s grad gar nicht mehr ausgehalten, aber das könnte ich kaum sagen“.

Zu Hause angekommen, verabschieden wir Freunde, Nichte, Neffe und meine Frau packt Ladegerät und noch was zu lesen und fährt weg. Ich sitze fast alleine im Sessel und weiß, dass es keinen Grund für Angst gibt, aber ich möchte weinen und das dann aber doch auch wieder nicht. Es zehrt und zehrt und ich will keine Angst um mein Kind haben und habe sie doch. Es ist die Angst, die ich um alle sechse (siebene mit Fastschwiegertochter) habe, die Angst, es könnte ihnen was zustoßen, bei dem ich nichts machen kann,nicht helfen kann, nichts regulieren kann, wo ich Zuschauer sein muss, obwohl ich doch der Vater bin.

Und das musste jetzt raus, geschrieben stehen, weil es vielleicht ein bisschen hilft, wenn ich es aufschreibe. Sein Bett ist leer heute Nacht – und ich werde  diesen Schmerz erst wieder weniger spüren, wenn er wieder lachend zu Hause ist.

Vater sein

Der Till Westermayer inspiriert mich zu einem Artikel über Familie. Hab ich lange nicht gemacht, obwohl sie doch im letzten Jahr nach dem Tod meiner Exfrau eine ganz neue Bedeutung bekommen hat.

In der ZEIT ist aktuell ein Text zu lesen, in dem zwei Väter sich beklagen. Weil … das wir nicht so ganz klar. Irgendwie klappt es nicht so richtig mit der Vereinbarkeit von Beruf und Familie, Kindern und Karriere. Sie fühlen sich schlecht, weil sie, wenn sie denn schon mal Zeit für das Kind haben, doch berufliche SMS schreiben, und überhaupt: Überforderung. Und dann: Ratlosigkeit. Ich kann das zum Teil nachvollziehen

schreibt er. Ich hab den Artikel auch gelesen und entdecke in ihm Parallelen zu diesem Text, ebenfalls aus der Zeit. Es geht letztendlich darum, wie ein gutes Leben mit Kindern aussehen kann. Bei dem „Vereinbarkeitstext“ geht’s mir ähnlich wie Till, der schreibt:

Verzicht auf Perfektion aber nicht nur auf der Karriereseite, sondern auch auf der Kinderseite: Kinder großzuziehen, ist, sollte, finde ich, Alltag sein. Familienarbeit heißt eben auch Kochen, Waschen, Putzen, Kinder ins Bett bringen, … und nicht nur: »Qualitätszeit«.

Darüber hinaus – und das fehlte mir und ich wollte es nicht nur bei ihm kommentieren – gehört auch, dass man sich und seine eigenen Bedürfnisse ernst und wichtig nimmt – und diese auch lebt. Die beiden Journalisten reklamieren Sigmar Gabriel, der 3 Monate „Auszeit“ genommen hat und sich  trotzdem um seinen Beruf gekümmert hat:

Gleich in den ersten Tagen twitterte er ein Bild von sich, vor dem Laptop sitzend, die Kaffeetasse in der Hand: „Mariechen ist abgefüttert, der Kaffee ist da, also kann’s losgehen :-))“. Und dann diskutierte er online eine Stunde lang über die Rente, den Euro, die SPD. Genau das ist er doch, der tägliche Selbstbetrug:

Und? Ist das nicht okay? Die Krux ist doch, dass man sich selbst so völlig unwichtig nimmt, dass man gar nicht mehr vorkommt oder zumindest in angemessenem Abstand zum Lebensmittelpunkt „Kind“, dass einem gar nichts mehr übrig bleibt, als zum Helikopter-Elter zu werden. „Hyperprotektion“ nennt es Nina Pauer in der Zeit. (Leider verliert sie ein bisschen den Faden und diskriminiert echte Allergien/Unverträglichkeiten wie Laktose-Intoleranz. Wir wissen hier wie das ist, wenn ein Kind nach einem halben Glas „normale“ Milch erst mit Bauschmerzen auf der Couch liegt – und dann aufs Klo rast. Sowas ist vermeidungspflichtig). Aber im Grund genommen ist es das: der Wusch, alles Schlimme und Böse von den Kindern fernhalten. Das Kind soll die Eltern cool finden, am besten noch vom Kind während der Pubertät zum Kumpel mutieren (weshalb man sich auch noch mit 49 jugendlich kleiden muss und bei Primark und H&M einkauft), nur die beste Bildung erhalten und bloß nie krank werden. Deshalb findet Sagrotan einen reißenden Absatz – ich nenne es bei mir immer die Generation „Sagrotan“, die garantiert ohne einer einzigen Bakterie in der Umwelt getroffen zu haben, groß wird – und fahren Mütter und Väter ihre Kinder zur Schule und Kindergarten.

Ich habe 5 (6) Söhne. Mit zwei Frauen. Meine erste Frau hatte glücklicherweise muss ich schon fast sagen, schon ein Kind, als wir uns kennen gelernt haben. Das hat entspannt – wie Pauer richtig schreibt, war beim ersten eigenen Kind nicht immer dauernd alles neu für mich. Also hab ich eigentlich 6 Söhne. Ich selbst bin halt auch irgendwie kein Superpapa. Ich spiele nicht gerne. Weder Brettspiele, noch Indianer und Cowboy, ich finde selbst erfundenes Theater meiner Kinder langweilig und interessiere mich kein bisschen für den Inhalt der Computerspiele und zum Fußballspielen (der Kleinste) nehme ich mein eBook mit oder fahre währenddessen einkaufen. Wenn er ein Supertalent ist, werd ich das rechtzeitig erfahren und wenn ich nur jedes zweite Tor von ihm sehe, wird die Welt – weder seine noch meine – untergehen. Ich will wissen, was in der Schule läuft – aber nicht jedes Detail. Ich will wissen, wer seine Freunde sind – kann mir aber auch nicht immer alle Namen aller Kinder merken, die ich noch nie gesehen hab. Die, die schon mal hier waren, kenne ich. Ich hab bis heute nicht mit allen Eltern aus der Schule telefoniert, kenne aber die meisten zumindest vom sehen  – auf einer freien Schule bist du mehr anwesend als bei einer regulären. Ich mach mir Sorgen – vor allem nach den zwei Unfällen im letzten Jahr, die beide hätte das Leben kosten können – aber ich werd den Teufel tun, sie ab da einzusperren.

Und ich hab ein eigenes Leben. Eines, das einen 40-Stunden-Job beinhaltet und sicherlich nochmal 10 Stunden Politik in der Woche – Sitzungen, Blogbeiträge, Facebookdebatten, Anträge schreiben, Wahlprogramme lesen, zu Parteitagen und AG-Sitzungen fahren, …). Ich mache nebenberuflich eine Ausbildung in Transaktionsanalyse mit 6 Wochenenden im Jahr + Lesen und Lernen, damit mein Quereinstieg in die Sozialpädagogik ein fachliches Fundament erhält.

Aber als im letzten Jahr meine Exfrau starb, mit der ich mich lange gestritten habe – viel um Geld, direkt (Unterhalt) und indirekt (wer versichert die Kinder) und natürlich auch um Verletzungen vielerlei Art – hab ich erst um sie getrauert und tue dies immer noch. Und hab versucht, so gut wie möglich für meine großen Söhne, die gerade alle drei im Umbruch entweder aus (abgebrochenem Studium) ins Berufsleben oder Ausbildungsplatzsuche oder Schule in „was will ich werden“ standen. Ich habe Waisenrentenanträge ausgefüllt, aktuell einen Grabstein für das Grab organisiert, weil der Witwer das scheinbar nicht auf die Reihe kriegt und es ihnen wichtig ist, ich hab versucht, sie zu trösten, ich hab versucht, heraus zu finden, wie man bei drei erwachsenen Söhnen mehr präsent ist, ohne zu übertreiben und es damit irgendwie zu entwerten und ohne sie zu vernachlässigen. Es scheint mir gut gelungen zu sein, wenn ich ihre Raktionen richtig werte.

Und ich mache morgens die Kinder fertig  (meine Frau ist ein Morgenmuffel und ich mit dem ersten Hahnenschrei normalerweise wach), mache meinen Teil des Haushaltes, bring den größeren der beiden auf die Straßenbahn, weil ich eh in die gleiche Richtung muss und den kleinen auf dem Weg dahin in die KiTa. Ich versuche, gemeinsam mit meiner Frau, ihnen möglichst viel Freiraum für ihre Entwicklung zu geben. Sie herausfinden zu lassen, was sie wollen. Dazu gehört Klavier – weil es in der freien Schule ein Musikzimmer gab, auf dem man in freien Schulen einfach so rumklimpern kann und der Wunsch so aus dem Kind entstehen kann. Dazu gehört Sport. Dazu gehören Grenzen (Schmatz nicht, man sagt Danke und Bitte und solche Dinge) und Regeln.

Kinder müssen frei sein, sich selbst zu finden. Kinder sind eigenständige Wesen, die niemandem gehören, außer sich selbst. Sie sind kein Selbstverwirklichungsobjekt und wollen ab der Pubertät wenig mit uns Eltern zu tun haben. Wenn wir Glück haben und wir nicht allzuviel falsch gemacht haben, ändert sich das wieder. Und wenn Kinder lernen sollen, wer sie selbst sind und was sie glücklich macht – dann brauchen Sie dafür Vorbilder von Menschen, die das auch wissen – und sich selbst den Raum geben. Manchmal in zeitlichen Konflikt – aber in der Abwägung um Zeit oder nicht dürfen nie immer die Kinder gewinnen. Ich liebe meinen Job so wie meine Frau den ihren liebt – das können die Kinder erfahren, wenn wir davon sprechen oder sie damit in Berührung kommen. Ich liebe mein Hobby Politik – und die Kinder konnten erfahren, dass ich in der Abwägung zu anderen Hobbies auch Dinge sausen lies, was mir auch Spaß gemacht hat.  „Meine Kinder“ sind ein wichtiger Teil meines Lebens, aber eben ein Teil und nicht mein „Ein und Alles“. Ich würde alles für sie tun – aber doch nicht dauernd – sondern wenn sie es brauchen. Klar, wenn einer der Großen anruft, dass er pleite ist und er Geld braucht, dann kriegt er Geld. Aber wenn er es zurückzahlen kann – dann soll er das auch tun. Nicht weil wir es (immer) brauchen – sondern weil er Verantwortung für sich selbst hat, wenn er erwachsen ist.

Ich kann nicht alles Böse von ihnen fernhalten. So sehr es mir weh tut – sie müssen Enttäuschungen kennen lernen, Streit mit Freunden, Trennungen, Misserfolge, Niederlagen, Streit mit den Eltern, sterbende Haustiere und Großeltern. Als ich sechs Jahre alt war, ist meine Oma, zu der ich einen starken Bezug hatte, gestorben. Ich durfte aus Überbehütung meiner Eltern nicht mit auf die Beerdigung. Ich bin heute, 41 Jahre später, zwar etwas milder – aber immer noch unglaublich zornig auf sie deshalb. Wer in der Welt und der Gesellschaft (über)leben soll, der muss lernen, wie sie funktioniert und was das Leben ausmacht – Geburt, Leben, Streben, Tod.

Bin ich ein Rabenvater? Keine Ahnung. Ich hab für mich und hoffentlich auch für meine Kinder einen Weg gefunden, mit dem wir alle leben können. Ja, ich könnte mehr präsent sein. Die Frage ist, ob ein unzufriedener, präsenter Vater irgendwem etwas bringt. Leben mit Kindern heißt, sie zu lehren, dass sie wichtig sind – für mich, aber eben auch für sich. Wenn  ich ihnen vorlebe, dass ich selbst nicht mehr wichtig bin, weil sie auf der Welt sind – wie sollten sie lernen, dass sie selbst wichtig sind?

Sorgerecht

der vorletzte Schritt ist getan. Schon bald können uneheliche Väter beim Familiengericht einen Antrag auf gemeinsame Elterliche Sorge stellen und bekommen es auch, sofern dem Kindeswohl nichts weiter entgegen steht. Ein richtiger, ein wichtiger Schritt – und doch noch nicht genug.

Die grüne Bundestagsfraktion und sie vor allem auch durch die Arbeit der in diesen Fragen sehr gut aufgestellten Katja Dörner haben darüber hinaus in einem Entschließungsantrag die vorhandenen Lücken im jetzigen Gesetzentwurf der Regierung offen gelegt.

Der Antrag sollte beim Jugendamt gestellt werden. Das Jugendamt kann die Mutter informieren udn gleichzeitig eine vernünftige Beratung anbieten. Gleichzeitig müssten Jugendämteraber endlich kontrolliert werden, ob sie ihre Rolle neutral wahrnehmen. Eine Beratung für antragstellende Väter gehört da natürlich dazu. Ohne die Schaffung einer solchen Infrastruktur ist das dann zwar niederschwelliger, allerdings ist die Neutralität nicht gewährleistet.

Die Widerspruchsfrist von 6 Wochen für die Mutter sollte länger und flexibler gehandhabt werden.  Eine Hemmung während der Mutteschutzfrist (8 Wochen nach der Geburt) gehört dazu. 14 Tage mehr können hilfreich sein.

Konflikte sollen verstärkt durch Beratungs- und Mediationsangebote gelöst werden. Eine Mediationspflicht von mindestens 5 Stunden scheint mir allerdings angemessen zu sein. Konflikte lassen sich unter professioneller, guter Anleitung oft entschärfen.
In der taz erschienen dazu drei Artikel, eine Beschreibung, ein Pro– und ein Kontraartikel. Der Kontraartikel von Isabel Lott hat mich dazu motiviert, dazu zu bloggen. Sie zeichnet das Bild des ignoranten Vaters und hat natürlich passende Beispiele für die Männer, die sich ja grundsätzlich seltenst um ihren Nachwuchs kümmern wollen:

über unzuverlässige Väter, die Termine mit den Kindern absagten, weil sie lieber ins Kino gingen, oder den Unterhalt nicht bezahlten, weil ihre zwei Motorräder so teuer waren

Seit 1999 treibe ich mich im Internet in sogenannten „Scheidungsforen“ herum. Grund waren eine äußerst strittige Sorgerechtsstreiterei zu Beginn, dazu Hilfe suchen und Unterhaltsstreitereien mit der Mutter meiner Kinder. Fachliche und emotionales Unterstützung – die ich von Frauen wie Männern erfahren habe. Ich kenne diese Materie durch und durch, ich kenne Geschichten von treulosen und ignoranten Vätern – und solche von umgangsverweigernden Müttern. Aber es gibt auch jeweils die Gegenseite dazu und oft genug ist das, was erzählt wird, nur die halbe Wahrheit.
So wie es beschrieben ist, sind das auch heutzutage schon  Gründe für eine Aufhebung der gemeinsame Sorge. Schwerer wiegt in den Augen von Frau Lott offenbar die Sorge, dass sich
One-Night-Stands und Kurzaffären, also fremde Männer
in dsa Leben einer Frau einmischen können. Liebe Frau Lott, bei gemeinsamer elterlicher Sorge geht es um „das Leben einer Frau“ nur sekundär – es geht vor allem darum, einem Kind zu ermöglichen, dass die leiblichen Eltern auch die sorgenden Eltern sein können. Ein One-Night-Stand, sodenn er denn irgendwie bekannt oder auffindbar sein sollte, muss „auch“ Unterhalt für das Kind bezahlen. Das tut er in aller Regel auch gerne – sofern er das kann (da. 1/3 aller Unterhaltsschuldner können nicht mehr oder überhaupt bezahlen, das belegen alle Zahlen über die Versuche, die Gelder einzutreiben). Er soll aber auch Verantwortung übernehmen, für sein Kind da sein, es versorgen können, es kennen können. Das tut er gemeinhin viel lieber, wenn er auch das Gefühl hat, dass seine Meinung in Erziehungsfragen auch etwas zählt. Wenn ihn das alles nicht interessiert – dann wird er auch keine gemeinsam Sorge beantragen. Das gilt ebenso für „Kurzaffairen“. Die Frage ist aber: wieso sollen Väter, die offenbar ein Interesse daran haben, sich um ihre Kinder zu kümmern, davon ausgeschlossen werden, auch etwas entscheiden zu können? Frau Lott reklamiert ja abwesende Väter. Jetzt gibt es welche, die so sind, wie sie das will – also interessiert an ihren Kindern – und die sollen aber bitte keine gemeinsame Sorge haben dürfen? Das ist widersinnig.
Nicht mal ein Konto für das Kind kann eine Mutter ohne den Vater eröffnen. Er kann verhindern, dass die Mutter mit dem Kind aus beruflichen Gründen in eine andere Stadt zieht.
schimpft sie am Ende ihres Kontra-Artikels. Gut so, finde ich. Es geht beim Konto ja nicht nur um die Kontoeröffnung – sondern auch um die Verfügbarkeit über die dort hinterlegten Beträge. Die kann sie nur noch gemeinsam mit dem sorgeberechtigten Vater abheben. Und der Umzug: wenn eine gute Bezeihung zwischen Vater und Kind besteht und dieses bei der Mutter wohnt, ist es im Interesse des Kindes, dass der Kontakt zum Vater erhalten werden kann. Ein Umzug kann dafür sorgen, dass dieser Kontakt völlig abbricht. Das entpräche nicht dem Kindeswohl.
Frau Lott argumentiert einzig und allein für eine fiktive Alleinerziehende, die das Leben ihres Kindes alleine bestimmen will. Sich nicht darum scheren will, was ein möglicher sorgender Vater zu ihren Entscheidungen zu sagen hat. Sie argumentiert alleine aus der Sicht einer Frau, die schlechte Erfahrungen gemacht hat. Sie argumentiert keine Sekunde im Interesse des Kindes. Aber bei der elterlichen Sorge geht es alleine darum. Um das, was dem Kind gut tut. Das ist schon in bestehenden Beziehungen mit Kindern schwer genug. Aber auch da ist man nicht immer einer Meinung. Aber selten hat jemand per se einfach so recht. Und auch Mütter können sich irren. Und falsche Entscheidungen treffen.
Eltern sollten Eltern bleiben können. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie man miteinander streiten kann, obwohl man es besser weiß. Das liegt aber nicht am der gemeinsamen Sorge, sondern an der fehlenden Einsicht bei den streitenden Eltern. Manches in meiner eigenen Geschichte wäre mit ein bißchen gutem Willen auf der jeweils anderen Seite (als auch auf meiner) vermeidbar gewesen und friedlicher zu lösen. Hinterher ist man immer schlauer. Aber mit dieser Erfahrung plädiere ich für gemeinsame Sorge von Geburt an, automatisch mit einer zur obigen Regelung adäquaten Einspruchsfrist- und möglichkeit der Mutter – sowie einer Mediations oder niedrigschwelliger Beratungspflicht in jedem Streitfall. Um einen Ausgleich der Elterninteressen und den immer im Vordergrund stehenden Kindesinteressen. Das Leben mit Kindern ist gezeichnet von Kompromissen. Eltern haben oft unterschiedliche Vorstellungen. In einer funktionierenden Beziehung sind sie daran gewöhnt, diese Kompromisse selbst zu finden. Sie haben eine gemeinsame Wertebasis, sonst würde die Beziehung nicht funktionieren. Das schließt zwar Streitigkeiten nicht aus, macht sie aber unwahrscheinlicher als wenn zwei Menschen jeweils alleine oder gar in anderen Beziehungen leben. Kinder aber wollen beide Elternteile. In aller Regel. Dem wird die gemeinsame Sorge gerecht. Gemeinsame Sorge fördert das. Alleinige wirkt dem entgegen.

Grüne Familienpolitik

Seit nunmehr 12 Jahren kämpfe ich innerhalb der grünen Partei um eine gerechtere Familienpolitik, die einen Ausgleich zwischen den berechtigten Interessen von Frauen, Männern und vor allem Kindern schafft. In einem wegweisenden Urteil hat in diesem Jahr der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte die Verbesserung der rechtlichen Stellung von ledigen Vätern gegenüber Müttern und geschiedenen Vätern verlangt.

Nun hat die grüne Bundestagsfraktion einen Antrag zur Umsetzung eben dieses Urteils eingebracht. Ich habe diesen Antrag sorgfältig gelesen. Er gefällt mir in weiten Teilen gut, aber es gibt auch Kritikpunkte. Diese Kritikpunkte brechen in meinen Augen den von uns GRÜNEN immer propagierten Kurs des Gender Mainstreamings, weil er einseitig Männer in eine schlechtere Position bringt bzw. einseitig als Verursacher benennt:

Punkt 1 sowie der gesamte Antrag räumt Vätern keine Möglichkeit ein, die Vaterschaft einzuklagen. Was hilft ein Klagerecht auf gemeinsame elterliche Sorge, wenn vorher schon die Frau durch einfache Nichtnennung des Vaters jegliche rechtliche Handlungsmöglichkeit des nichtehelichen Vaters aushebeln kann?

Darüber hinaus fehlt die dringend notwendige Einspruchsmöglichkeit gegen eine Freigabe des gemeinsamen Kindes zur Adoption, sofern die Mutter den Namen des Vaters nicht nennt. (wie im Falle Görgülü)

Die Mediation sollte verpflichtend entsprechend dem Cochemer Modell verankert werden.

Wenn das Kind ein eigenständiges Recht auf Übernahme und Ausübung der elterlichen Sorge durch beide Eltern haben soll, dann muss es auch einen unabhängigen, eigenen Anwalt haben.

Der Gewaltschutz sollte vor allem für Kinder explizit benannt werden, weil Kinder zur Hälfte Opfer von Gewalt durch Frauen werden. Natürlich ist der Schutz von allen im Verfahren Beteiligten zu gewähren.

Der Teil mit dem Unterhaltsvorschussgesetz benennt einseitig Männer als Unterhaltsschuldner, obwohl prozentual mehr Frauen unterhaltssäumig sind. Selbst wenn man das nicht annähme, gibt es genügend Fälle, um hier beide Geschlechter zu benennen. Das nicht zu tun, ist fahrlässig, falsch und politisch ein Skandal. Darüber hinaus verkennt dieser Teil, dass selbst bei massiver Sanktionsandrohung und Einschaltung auch privater Inkassounternehmen nur bis ca 1/3 aller Unterhaltsvorschussbeträge rückholbar (ein Beispiel aus Bayern) waren. Dazu gibt es genügend Untersuchungen aus den letzten Jahren. Und es liegt nicht an der Zahlungsunwilligkeit – diese UnterhaltszahlerInnen können schlicht nicht bezahlen. Insofern muss die Einschränkung des Unterhaltsvorschusses auf 72 Monate bzw. max 12. Lebensjahr aufgehoben werden und Unterhaltsvorschuss uneingeschränkt bis zur Vollendung des 25. LJ – analog zur Unterhaltspflicht bei Hartz IV – bezahlt werden.

Schade, dass man die innerparteiliche Fachlichkeit so wenig abruft.

Väter

Ein uneheliches Kind hatte ich. Das vierte ist unehelich geboren. 2003. Nicht 1987. Und ich erinnere mich noch sehr genau an die Prozedur, als wir die gemeinsame Sorge eintragen lassen wollten. Wir gingen gemeinsam zum Jugendamt, nachdem wir einen Termin bekommen hatten und wurden dann beraten. Wie gesagt, ich hatte schon 3 größere Söhne und hatte lange Kämpfe geführt, auch um regelmäßigen Umgang zu erreichen, der nicht willkürlich von der Mutter abgesagt werden konnte oder um den Umzug eines Sohnes zu mir zu ermöglichen, gegen den ausdrücklichen Wunsch der Mutter (bei gemeinsamer Sorge) bzw. Unterhaltszahlungen zu erreichen (da hab ich zwar jedes Verfahren gewonnen, aber nie Unterhalt erhalten)….

Meine damalige zukünftige Frau wurde nach meinem kurzen Gespräch sehr intensiv vom Jugendamtsmitarbeiter „beraten“. Und erst als sie sagte, sie räume mir selbstverständlich jetzt die gemeinsame Sorge ein, da sie angesichts der Streitigkeiten aus meiner ersten Ehe vermute, dass sie es mir im Falle einer Trennung nicht mehr zugestehen würde, hörte der Jugendamtsmitarbeiter (ein Mann!) auf, sie vor diesem Schritt zu warnen.

Ich bin kein perfekter Vater, sowenig wie die Mütter meiner Söhne perfekte Mütter sind. Ich mache Fehler, raste auch mal aus, schimpfe, verliere die Geduld. Aber ich gebe mir Mühe, es gut zu machen. So gut es geht. Kümmere mich. Sorge mich. Handle. Ich liebe meine leiblichen Söhne über alles. Und auch der verlorene Stiefsohn ist nicht vergessen.

Vor dem Hintergrund meiner eigenen Erfahrungen mit Scheidung, Trennung und den Folgen und meinen Anschauungen in 10 Jahren (Internet-)Foren und Selbsthilfe mit Männern und Frauen in diesem Kontext kann ich das gestrige Urteil (SPON-Artikel) des BVerfG zur gemeinsamen elterlichen Sorge auch für uneheliche Väter nur begrüßen. Es ist ein Schritt in die richtige Richtung. Ich würde mir wünschen, dass die gemeinsame Sorge die Regel ist, mit der geringen Einschränkung eines Vetorechts eines der beiden Elternteile, das ausschließlich von Familiengerichten behandelt werden darf.

Interessant finde ich die Debatte drumherum: von Antje Schrupp, die sich irgendwie nicht so recht davon lösen will, dass man Männern sagen muss, was ein guter Vater ist (Männer sollten einmal darüber nachdenken, was genau sie sich eigentlich unter Vaterschaft vorstellen und was ihnen daran wichtig ist), gleichzeitig aber den Weg aufmacht in Richtung Familienvertrag, denn es kann ja auch andere Elternkonstelletationen als nur VaterMutterKind geben. In der taz dagegen findet sich ein differenziertes Bild auf der Leserbriefseite, wobei die rückwärtsgewandte Sicht mancher Frau dabei eher erschreckt. Und auch Till Westermayer findet 11 interessante Sätze zum Urteil. Man hat wohl gerne Männern gesagt, dass sie gute Väter sein sollen, jetzt, wo sie es wollen, scheint das auch irgendwie nicht richtig zu sein – ich vermute, weil Väter (wie ich) selbst bestimmen, auf welche Art sie Kinder erziehen.

Dabei bleibt doch eins gewiss: es gibt zunehmend andere Formen des Zusammenlebens als die klassische Ehe. Dieser Tendenz muss die Gesellschaft endlich Rechnung tragen. Dass die Bundesregierung nun aktiv wird, dazu aber ein Urteil des EuGH sowie des Verfassungsgerichts braucht, um diesen Missstand zu beheben – und da nehme ich sieben rot-grüne Jahre nicht aus – ist dabei eine Schande. Und auch wenn der Familienvertrag irgendwann kommen wird, wird es nicht unnötiger werden, die Folgen strittiger Trennungen gesetzlich und gerichtlich abzufedern. Dazu gehört auch ein Konzept wie das Cochemer oder andere Modelle – und für die, die es dann immer noch nicht können, klare Gesetzesregelungen und vor allem einklagbare Konsequenzen. Und selbst wenn es mir geholfen hätte – die Grenzen zu Zwangsarbeit für Unterhaltsschuldner oder Wegzugbegrenzungen sollten dabei nicht überschritten werden – höchstens durch die Pflicht zur Kostenübernahme des Wegziehenden.

Wichtig ist aber, dass mit diesem Urteil ein weiterer Wegstein auf dem Weg zur gleichberechtigten Elternschaft erreicht ist. Langfristig, ich bin mir sicher, werden sich mehr Eltern darauf einigen, Umgang und Aufenthalt im Sinne des Kindes zu regeln.

Update 11.08.:

die Debatte bekommt dabei natürlich teilweise bizarre Züge. In der taz melden sich jetzt Frauenhausvertreterinnen, die die Sorge ins Feld führen, das gemeinsame Sorgerecht mit ledigen Vätern sei eine Gefahr für Frauen, die Opfer häuslicher Gewalt wurden. Als würde der Trauschein Schutz vor häuslicher Gewalt gewähren. Darüber hinaus wird die Durchsetzung des Umgangsrechts bemängelt. Ich hab einen Leserbrief dazu geschrieben:

Selbstverständlich müssen Gewaltopfer geschützt werden. Und es ist eine berechtigte Forderung, dass Frauenhausadressen geheim bleiben müssen. Aber wenn es um die Kinder geht, um elterliche Sorge, dann steht das eben hintendran und nicht vornedran. Dann muss der Kontakt eben über Dritte wie Großeltern oder Jugendamt gewährleistet werden. Denn die Strafe für Körerverletzung heißt nicht: lebenslanger Kinderentzug oder Entväterung. Darüber hinaus bleibt windmühlenartig zu wiederholen: Kinder werden zu gleichen Teilen Opfer von Gewalt durch Männer und Frauen. Wenn eine Frau ihr Kind drischt, soll man sie dann auch davon ausschließen, über die Schule ihres Kindes eine Entscheidung treffen zu dürfen? Oder ihr lebenslang den Kontakt zu ihrem Kind untersagen dürfen?

Auch die Mädchenmannschaft beschäftigt sich mit dem Thema, auch hier überwiegt der Eindruck, dass Frauen sich jetzt zwar schon lange keine Familienpatriarchen mehr wünschen, aber selbst gerne noch die Definitionsmacht darüber hätten, wie dend ein Vater zu sein habe. Und klar wird gleichzeitig gefordert, dass Väter doch bitteschön erstmal ihren Pflichten nachkommen müssten. Also, Rechtstaat hin oder her: erst wenn alle Väter sich so um ihre Kinder kümmern, wie Frauen das gerne hätten, dann können alle Väter, auch die, die sich jetzt schon kümmern wollen, das Recht auf gemeinsame Sorge zugesprochen werden. „Sippen“ (Sippe=Mann)haft gibt es nicht mehr in diesem Staat, dachte ich. Ein getrennt von der Mutter und den Kindern lebender Vater gehört aber scheinbar grundsätzlich zur unzuverlässigen Sorte. Fast alle Väter wollen sich kümmern. 50% der Väter aber verlieren im ersten Jahr nach der Trennung den Kontakt zu ihren Kindern. Warum wissen wir nicht. Aber der alleinige Grund ist sicher nicht ein Nicht-Wollen. Ich vermute eher Vorschriften, Besserwisserei, Kontaktabbruch durch die Mutter und Willkür und Streit – und bei manchem Vater sicherlich die Schmerzen, die mit dem von oben verordneten 14-tägigen Umgangsrecht einhergehen. Ich hab sehr oft „Ain’t no sunshine“ gehört, nachdem ich die Jungs zurück gebracht hatte. Und das hielt oft noch tagelang an. Trennten sich alle friedlich, gäben sich Mühe, im Sinn ihrer Kinder zu entscheidden – diese Diskussion wäre gar nicht notwendig. Fazit: Rollen zu überwinden erfordert Mut zur Reflektion von allen Beteiligten.

vom Hass auf Andersdenkende

Im Jahr 1998 beschloss mein damals 8-jähriger Sohn, dass er nicht mehr bei seiner Mutter leben wollte. Nachdem ich seinen Wunsch auf Ernthaftigkeit geprüft hatte und sicher war, das es dass war, was er wollte, wandte ich mich hilfesuchend ans Jugendamt und versuchte mit ihr eine Einigung zu treffen – denn einfach so konnte und wollte sie wohl nicht zustimmen. Anfang August 1999 fand dieser Termin statt. Am Freitag davor telefonierte ich mit ihr, es war Umgangswochenende, die Kinder waren bei mir – mein Vater hatte sie schon bei ihr abgeholt. Sie äußerte eindeutig ihre Zustimmung zum Umzug, sodass wir am Wochenende schon Pläne schmiedeten. Dann kam Mitte der Woche der Termin. Einer ihrer ersten Sätze war, dass sie dem Umzug nicht zustimmen würde, weil die Betreuung des Kinder nicht gewährleistet wäre, weil ich Vollzeit berufstätig war. Das Jugendamt hatte keine Handhabe, in die eine oder andere Richtung zu intervenieren und ich hatte keine große Ahnung, was möglich war und was nicht. Am nächsten Tag reichte ich die damals schon seitens meiner Rechtsanwältin vorbereitete Klage ein mit dem Ergebnis, dass er im Oktober 1999 aufgrund einer am Tag der Gerichtsentscheidung gefällten Zustimmung meiner Exfrau endlich zu mir ziehen konnte – wobei das Urteil trotzdem noch entsprechend gesprochen wurde.

In der Folge kam ich in Kontakt mit der im Internet aktiven Männer- und Väterbewegung, damals noch überwiegend in Foren aktiv. Ich benötigte Unterstützung in allem familienrechtlichen Angelegenheiten. Am Ende sollte dieser Streit andauern, mit Unterbrechungen bis eigentlich heute in verschiedenen Ausprägungen und Intentionen.

Ich benötigte auch Wissen, dass ich mir durch Beiträge in Foren und aktive Hilfe, wälzen von Rechtshilfeseiten angeeignet hatte. Wissen, damit ich nachvollziehen konnte, was meine Anwältin da machte und schrieb und warum. Mit der Zeit war ich selbst in der Lage zu beraten. Und mehr und mehr wurde mir die politische Dimension bewusst. Und grenzte mich sehr schnell von der radikalisierten Männerbewegung ab, die mir zum einen in ihren Äußerungen sehr rechtslastig erschien und darüber hinaus sehr frauenfeindlich und rückwärtsgewandt.

Trotz aller Erfahrungen mit meiner Exfrau erscheint es mir nicht angebracht, meine negativen Erfahrungen auf andere Frauen zu projezieren. Sicher, ich bin wacher geworden – und manchmal etwas übervorsichtig. Ich weiß auch, dass es meine Sicht ist, die ich habe – und meine Ex die Dinge natürlich ganz anders wahrnimmt. Aber ansonsten erschließt es sich mir nicht, wie man bspw. ernsthaft sich den Thesen einer Eva Hermann oder Christa Müller anschließen kann, die ja mehr oder weniger offen von der Rückkehr der Frau an Heim und Herd propagieren. Und es gibt einen relevanten Teil der sogenannten Männerbewegung, die diesen Thesen anhängt. Hinzu kommen radikale Katholiken, Männer, für die Frauen lediglich zum be-Sexen da zu sein scheinen, andere, die offen für die Vorherrschaft der Männer plädieren. Männer, deren Hauptaugenmerk „der Feminismus“ ist, für die Schließung von Frauenhäusern plädieren – wie Professor Amendt oder gar die Adressen von Frauenhäusern im Internet veröffentlichen wollen. Rechts ist wohl die richtige Einschätzung für diese Männer – und Frauen, die es auch darunter gibt. Eine davon – Foren- und Blogbetreiberin – lebte mal für 4 Wochen mit ihrem Sohn bei mir, als sie kurzfristig eine Wohnung suchte, nachdem ihr „Mann“ ihren damals 13-jährigen Sohn aus der gemeinsamen Wohnung geschmissen hatte. Ihre Helden sind Männer, die offen beschreiben, dass sie ihre Kinder verlassen hätten und dafür jetzt mit einer – oft – viel jüngeren Frau in Thailand oder sonstwo leben.

Aktuell kann man in der Debatte um das grüne Männermanifest – das ich mitunterzeichnet habe – mitlesen, wie sie sich selbst in Wut schreiben und ihre Argumente oder solche, die sie dafür halten, wiederholen und ihre rein optische Übermacht durch viele Beiträge, bei denen sie gar nicht mehr auf Antworten warten und diese teils selbst geben, meinen, die Meinungshoheit zu haben. Sie belegen sich selbst – Andersdenkende werden niedergepöbelt und wo das nicht funktioniert, soviel geschrieben, dass man auch gar keinen Sinn mehr drin seiht, auch nur einen Satz zu antworten. Auch zeitversetzte Kommunikation muss einen Dialog möglich machen – aber daran sind sie nicht interessiert. Seit Jahren sitzen diese Männer hinter ihren PCs und trauen sich nicht dahinter hervor. Keine Aktionen, keine Zusammenschlüsse. Keine Männerhäuser, für die sie öffentliche Gelder erwarten, ohne nachweisen zu können, dass es einen Bedarf gibt. Keinen Boys Day – soll Vater Staat machen. Keinen Mut, Maulhelden, sozusagen. Dafür wird alljährlich darüber geschimpft, dass es einen Girl’s Day gibt. Die Alternative wäre, selbst entsprechende Aktionen für Jungs zu organisieren, wenn man die einseitige Praxis des Staates – mit Recht – kritisiert und sowas für notwendig hält (ich find’s grundsätzlich etwas schräg). Aber motzen am PC, versteckt hinter einem Pseudonym, ist einfacher.

Das dabei mögliche Mitstreiter vergrault werden, ist dabei uninteressant. Ich denke, insgesamt, gibt es berechtigte Anliegen der Männerbewegung. (und irgendwann hab ich auch wieder mein männer-/vätergrün online). Es gibt Missstände, gerade in Sachen Väterrechte. Es gibt gesellschaftlichen Handlungsbedarf, weil alte Rollenbilder überwunden werden müssen. Wenn ich bspw. heute in unserer Tageszeitung, die es online nur gegen Geld gibt, lesen muss, dass Bärbel Schäfer, Ex-Moderatorin eines Talksendung, im Interview sagt:

Alle Mütter, egal wo auf der Welt, wollen das Beste für ihre Kinder und sie beschützen vor Widrigkeiten des Lebens. Gemeinsamkeiten gibt es im Blick voller Liebe auf unsere Kleinen.

dann zeigt das doch, wie künstlich dieses Bild immer noch überhöht ist. Auch Mütter tun Kindern Furchtbares an. Sexueller Missbrauch durch Mütter und Frauen ist ebenso eine gesellschaftliche Tatsache wie in diesem Zusammenhang das Wegschauen von Müttern, wenn ihre Partner die eigenen Kinder missbrauchen. Das Münchhausen-by-proxy-Syndrom betrifft beinahe ausschließlich Mütter. Mütter ermorden ihre eigenen Kinder. In Sorgerechtsstreitigkeiten kommt es eben nicht nur zu männlichen Unterhaltsflüchlingen, sondern prozentual gesehen zahlen Frauen sogar schlechter – wie ich aus eigener Erfahrung weiß. Umgangsverweigerungen, Kindesentzug – das sind nicht nur die Männer, die ihre Kinder ins Auslang entführen, sondern Mütter tun das auch – vor allem auch schon im eigenen Land, manchmal unter tätiger Mithilfe der Jungendämter. Um solche Missstände aufzudecken, um hier einen offenen gesellschaftlichen Blick zu erreichen, einen Bewusstseinswandel, bedarf es aller Kräfte. Diejenigen, die einen gleichberechtigte Gesellschaft wollen, auch viele Feministinnen, wollen, dass diese Gleichberechtigung für Frau und Mann gilt. Und für Frauen gibt es gerade in Hinblick auf berufliche Teilhabe großen Nachholbedarf, das ist schon historisch bedingt. Und für Männer eben in anderen Bereichen. Gemeinsam und getrennt sollten sich aber alle, die eine gleichberechtigte Gesellschaft wollen, dafür einsetzen. Aber was es nicht braucht, sind Pöbeleien und Herabwürdigungen.

Im weitesten Sinne Konsens zu meiner Analyse auch der Artikel in der „Zeit“ zu Thomas Gesterkamps Expertise „Geschlechterkampf von rechts (PDF)“