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Atomendlager – wie die Information darüber für Generationen bewahrt werden können

Ich weiß, dass dies sicherlich ein Thema für Doktorarbeiten und Wissenschaftler mit dem entsprechenden Fachbegriff ist – aber ein paar Gedanken habe ich mir schon über die Problematik, wie eine Information über einen Lagerort für hochradioaktiven Müll auf deutschem Boden (und in jedem anderen Land auch) über Generationen hinweg bewahrt werden kann. Schließlich komme ich aus der Anti-AKW-Bewegung, das Thema treibt mich daher grundsätzlich um, bin bekennender Science-Fiction-Fan und habe einen Faible für Dystopien und „weiß“ daher, was sich einige gute Autoren grundsätzlich zur Bewahrung von Informationen dazu gemacht haben. Und ich komme aus der IT und habe schon mit Großkommunikationsservern gearbeitet – insofern ist mir die Problematik der Langzeitarchivierung bewusst.

Während physische Objekte seit langer Zeit unter anderem in Archiven, Museen und Bibliotheken aufbewahrt und erhalten werden, stellen sich bei elektronischen Publikationen ganz neue Probleme. Daten, die auf digitalen Datenträgern gespeichert sind, können in relativ kurzer Zeit nicht mehr lesbar sein („digitales Vergessen“). Die Ursachen für diesen Informationsverlust sind die begrenzte Haltbarkeit der Trägermedien und der schnelle Medien- und Systemwandel. Bei der Umgehung dieser Schranken bereiten unter anderem proprietäre Formate und urheberrechtliche Beschränkungen Probleme.

Betrachtet man den Wikipedia-Eintrag kann man erkennen, dass unsere Speichermedien für Informationen von wenigen Ausnahmen abgesehen immer kurzlebiger werden – in der Frage einer Einlagerung von hochgiftigen Stoffen über einen Zeitraum von rund einer Million Jahre ist also neben dem Finde des vermutlich geeigneten Standorts die Informationsübertragung an kommende Generation eine zentrale Frage.

Die Endlagersuchkommission schreibt dazu lediglich (PDF, Seite 471):

Die Kommission empfiehlt daher die Einrichtung einer zentralen staatlichen Stelle, die als
hauptamtlich mit der Dokumentation befasste Organisation diese Daten und Dokumente
dauerhaft bewahrt und ein institutionelles „Bewusstsein“ für deren sicherheitstechnische Bedeutung hat

Wenn ich mir ins Bewusstsein rufe, welche Informationen wir noch aus der Römerzeit haben oder gar dem alten Ägypten, dann scheint mir das etwas wenig zu sein. Ich hätte erwartet, dass die Endlagersuchkommission sich der Tragweite dieser Frage bewusst ist und nicht nur eine staatliche Stelle empfiehlt, sondern eine Kommission einrichtet, die sich dieser Frage dauerhaft annimmt – mit Autoren, Religionswissenschaftlern, IT-lern, Ethnologen, Archäologen, Philosophen, Psychologen, Politikern besetzt, die sich offen dieser Frage annehmen.

 Bild: feuerle  / pixelio.de

Bild: feuerle / pixelio.de

Meine einfache Antwort auf diese Frage war bislang immer: gründet eine Religion. Aber die älteste, organisierte Religion, die wir kennen, ist das Judentum – und nur 3500 Jahre alt. Die Weltreligionen Christentum und Islam beruhen darauf. Aber nicht nur sie enthalten ältere Mythen und Übertragungen, die aus früheren Religionen stammen. So wissen wir, dass das Christentum „heidnische“ Feiertage und Gebräuche übernommen und adaptiert hat – und damit Informationen über einen wesentlich längeren Zeitraum transportiert, als die Religion existiert.

Laut dem Wikipedia-Artikel ist es so, dass :

Bestattungen und (später) Grabbeigaben als frühe archäologische Zeichen religiösen Ausdrucks anerkannt werden, die sich ab etwa 120.000 Jahren v. Chr. im Mittelpaläolithikum sowohl bei Homo sapiens als auch beim Neandertaler nachweisen lassen.

Hier werden also Gebräuche über einen Zeitraum transportiert – das beerdigen und die Beigabe von Gaben zum Grab – was ja abgeschwächt heute in Form von Grabsteinen immer noch stattfindet – die relevant sind für die Betrachtung, wie wir die Informationen über die Lagerung von giftigen Stoffen, die abgeschlossen von der Umwelt bleiben müssen, über diesen Zeitraum transportiert bekommen. Es ist ein religiöser Akt, der immer weiter gegeben wurde. Der Völkerwanderungen, Grenzverschiebungen, Hungersnöte, Dürren, die Ausbreitung des Menschen überhaupt, überlebt hat.

Quelle: https://www.planet-schule.de/sf/php/mmewin.php?id=145

Quelle: https://www.planet-schule.de/sf/php/mmewin.php?id=145

Es wäre also notwendig, in den Regionen, in denen Atommüll gelagert wird, Rituale, Symbole und Festtage zu erfinden und zu praktizieren, die Hinweise auf die Gefährlichkeit des Lagerortes geben, ebenso wie auf mögliche Handlungsmöglichkeiten. Um etwas so Langlebiges zu entwickeln, braucht es etwas volksnahes und etwas, das mit großem Ernst praktiziert wird. Dazu gehören Rituale, die bspw. Daten neu speichert und umformatiert,  Schriftstücke an bestimmten Orten niederlegt. Die Gründung einer Religion könnte ein Nebeneffekt sein, muss aber nicht.

Es gibt keine einfache Antwort auf die Frage. Aber es wird Zeit, dass sie ernsthaft gestellt wird und ernsthaft in Handlungen mündet. Denn wenn ich heute eine Diskette aus der Anfangszeit meiner Computernutzung finde – dann habe ich schon Schwierigkeiten, die Daten darauf zu lesen. Es ist möglich und im wissenschaftlichen Umfeld sicherlich einfach – aber wer weiß, ob das so in der Form erhalten bleibt?! Offensichtlich ist: es besteht Handlungsbedarf.

von der normativen Kraft des Faktischen

oder auch einfach: die äußeren Umstände zwingen einen, Dinge zu tun, die man auch durchaus anders sehen mag.

Antiatom KopieIn Philippsburg stehen zwei Atomkraftwerke. Sie heißen, wie üblich I und II. Der Reaktor Eins wurde 1980 im Regelbetrieb ans Stromnetz genommen. 2011 wurde er stillgelegt. Der Reaktor Zwei läuft noch und ist seit 1985 im Regelbetrieb am Netz. (beide Reaktoren lieferten vorher schon im Probetrieb) Der zweite Reaktor soll 2019 vom Netz gehen. Bis dahin produziert dieser Reaktor weiterhin Atommüll – neben dem Strom.

Auf dem Gelände befindet sich ein Zwischenlager mit einer Standfläche für 152 Castoren. Mit dem Endlagersuchgesetz  ändert sich aber etwas wesentliches: es werden keine Castoren mehr nach Gorleben gebracht. Damit ist die Verhandlungsrunde den Niedersachsen entgegen gekommen – ein Kompromiss zwischen der weißen Karte, also einer Suche über das ganze Bundesgebiet inklusive Gorleben und einem Ausschluss von Gorleben, wie von vielen Niedersachsen und Atomkraftgegnern auch innerhalb der grünen Partei gewollt. 26 Castoren sind noch in Sellafield bzw. La Hague. Insgesamt sollen diese Castoren auf die Kraftwerkststandorte, an denen jetzt schon Zwischenlager existieren, verteilt werden. Im Norden (Brunsbüttel unter anderem) sollen die Castoren aus Sellafield gelagert werden. Und hier im Süden wären die fünf Castoren aus La Hague aufzunehmen.

Beinahe erwartungsgemäß wehrt sich die Gemeinde Phlippsburg, allen voran ihr Bürgermeister Martus von der CDU, gegen dieses Ansinnen.

«Wir würden zivilen Ungehorsam leisten und dagegen auf die Straße gehen», sagte Bürgermeister Stefan Martus (CDU) am Mittwoch der Nachrichtenagentur dpa.

kann man der Presse entnehmen. Martus war ganz glücklich über den Ausstieg aus dem Ausstieg, den seine Partei vollzogen hatte. In Philippsburg wird das ja durchaus realistisch gesehen:

 […]wie das AKW kam und nicht nur Energie, sondern auch Reichtum brachte. Es gibt eine Musikschule, ein Freibad, ein Bootshaus, ein Hallenbad, ein Schulzentrum und wunderschön herausgeputzte Denkmäler.

Philippsburg hat gut von der Atomkraft gelebt. Jetzt die Einlagerung der Castoren nihct zu wollen, zeigt von einer scheinheiligen Haltung. Atommüll aus Philippsburg lagert schon in Gorleben. Insofern kann Philippsburg getrost Atommüll aus La Hague aufnehmen. Bisher hat man sich auch nicht darum geschert, was mit den „eigenen“ Hinterlassenschaften aus der Atomkraft, die der Gemeinde relativen Reichtum gebracht hat, passiert. Nun wird es Zeit, einen eigenen Beitrag zur Durchschlagung des gordischen Knotens in Sachen Endlager zu leisten.

Die CDU in der Region hat mit ihrer Mehrheit in vielen Gemeinderäten oder mit Unterstützung konservativer Wählervereinigungen in der ganzen Region eine Resolution verfasst und Ende 2011, Anfang 2012 auch in mehreren Gemeinden und im Kreistag in Solidarität mit der ablehnenden Haltung von Philippsburg verabschiedet. Eine Resolution, deren Ziel es war, das „Aus“ für Gorleben zu verhindern. Es gibt eine Reihe von grünen Gemeinderäten, die dieser Resolution zugestimmt haben. Die grüne Kreistagsfraktion, allen voran ihr Vorsitzender Karl Mittag, ebenfalls – es gab bei der Abstimmung im Februar 2012 nur 3 Gegenstimmen im Kreistag – die grüne Fraktion umfasst 8 Menschen.  Es wäre an der Zeit, die Zustimmung zu dieser Resolution angesichts der Veränderungen rückgängig zu machen – zwar damals die Zustimmung schon falsch, jetzt, mit diesem Kompromiss, der ein bundesweit geeignetes, standortunabhängiges Endlager sucht, wird es Zeit, die Blockade der CDU zu durchbrechen. Leider will man nun nicht mehr zuständig sein für End- und Zwischenlagerung von Atommüll. Das war man zwar damals auch nicht. Aber da war es wohlfeil, zuzustimmen. Jetzt will man sich davon nicht distanzieren. Ein Trauerspiel grüner Antiatompolitik, ein Beispiel für Kirchturmpolitik und St. Florians-Prinzip. Und das in einem Landkreis, in dem die deutsche Atomindustrie und ihre Hinterlassenschaften das Licht der Welt erblickt hat. Manchmal bin ich fassungslos.

Update: heute (19.4.) ein Beitrag des FDP-Abgeordneten Meinhardt in den BNN, der sich erwartungsgemäß auf die Seite des CDU-Bürgermeisters stellt. Das gipfelt in dem Satz: „Selbstverständlich, so Meinhardt, habe der Philippsburger Bürgermeister recht, wenn er den Widerstand dagegen ankündigt, Gorleben II zu werden.“

Bei allem was recht ist: ein Teil von maximal 5 Castoren zusätzlich in Philippsburg ist kein „Gorleben II“. Da fehlt jede Relation, sondern da wird nur versucht, Schlagworte zu produzieren – fern jeder Sachkenntnis.

kein Endlager in Sicht

ich weiß jetzt auch nicht, was mich zur Zeit umtreibt, aber irgendwie stelle ich gerade alles in Frage. Vielleicht ist es die gewonnene Freiheit: kein Mandat in Sicht. 🙂

Und ein Endlager für den Atommüll in diesem Lande auch nicht. Philippsburg, hier ganz in der Nähe, zittert davor, Dauerzwischenlager zu werden. Der dort vorhandene Müll und der, der durch den Abbau der beiden Reaktoren entstehen wird (zunächst erst der von Philippsburg I) müssen vor Ort bleiben. Gleiches steht in der ehemaligen Wiederaufbereitungsanlage Karlsruhe an: auch dort soll Atommüll zwischengelagert werden. Denn die Chance, dass Gorleben kein Endlager wird, sind gut. Aber was passiert, wenn jetzt dann irgendwann ein Endlagersuchgesetz geschrieben wird, Gorleben als Standort ausfällt? Wir als grüne Partei gehen davon aus, dass evtl. 2042 (!) ein mögliches Endlager in Betrieb gehen kann. Immer unter der Voraussetzung, das eines gefunden wird.

Aber was, wenn nicht?

Und wieso eigentlich suchen?

Im grünen Papier ist folgendes zu lesen:

Wir wollen die Rückholbarkeit für die Dauer der Betriebsphase des Endlagers, die gleichzeitig als Beobachtungsphase gilt. Danach wird das Endlager von der Biosphäre abgeschlossen. Eine Bergbarkeit für mindestens 500 Jahre muss durch die Behälter gewährleistet werden.

Ist nicht viel eher die Frage, dass man zunächst einmal überlegen müsste, wie man garantieren kann, dass die Informationen über den Müll und seine Gefährlichkeit über Jahrhunderte weitergegeben werden können? Und wäre es nicht besser, den Atommüll sichtbar und erreichbar zu lagern? Oberirdisch?

Ist die Suche nach einem Lager im Boden denn nicht vom allzu menschlichen Gedanken getrieben, dass Dinge, die man nicht mehr sieht, auch nicht mehr da sind. Weg? Aus den Augen, aus dem Sinn?

Wäre es da nicht sinnvoller, man beließe den Müll dort, wo er entsteht, anstatt ihn zu transportieren, an einen zentralen Ort? Wäre es nicht sinnvoller, an jedem Atomstandort ein Endlager zu errichten? Auf den Kühlturm einen großen Totenkopf und das Zeichen für Radioaktivität zu malen und dann einen Wachdienst zu organisieren und dafür zu sorgen, dass dieses Gelände immer überwacht wird?

Wer weiß, vielleicht gibt es in zweihundert Jahren eine schwere Krise, eine Epidemie, einen Krieg, bei denen ganze Landstriche entvölkert werden? Wäre es dann nicht sinnvoller, es gäbe Warnhinweise und Zugang, um den Müll entweder schnell wegzuschaffen oder erkennbar zu lassen? Wenn Gebiete wieder bevölkert werden und keiner weiß etwas von unterirdischen Lagern bekommt ja der Fluch der Mumie eine ganz neue Bedeutung….

Ist alles jetzt sehr ins Unreine geschrieben, so wie es mir an einem sonnigen Sonntagnachmittag grade in den Sinn gekommen ist. Ist es besser, dass das, worüber wir Informationen über Generationen weiter geben müssen, erkennbar bleibt oder nicht? Denken wir daran, was wir wissen über die Zeit von vor 500 Jahren, also 1513?. Und das, obwohl mit Schrift und Papier Medien vorhanden waren, die die Zeit überdauerten? Heute können wir tw. nicht mehr auf Daten zugreifen, die in der Pionierzeit der Computer erzeugt wurden. Wir verstehen vieles nicht.

Das scheint mir die viel wichtigere Frage zu sein: wer sorgt wie dafür, dass die Information über ein mögliches (End-)Lager für Atommüll und seine Gefährlichkeit die Zeiten überdauert? Und: wer bezahlt das….