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grüner Rückblick und Ausblick 1

Ich beginne mit diesem Artikel eine kleine Artikelserie mit einem Rückblick auf meine grüne Geschichte, deren Ende wohl mein Austritt stehen wird. Es sei denn, es geschehen noch Wunder.

Heute (20.08.2016):

Es gibt in Baden-Württemberg ein zweites Geheimpapier zum Koalitionsvertrag. Offensichtlich „nur“ von Kretschmann und Strobl unterschrieben, mit einem Stellenabbau von 5000 Stellen als politisches Ziel versehen, Einschränkungen bei Beamtenpensionen, erneute Erhöhung der Grunderwerbssteuer und so weiter: ein Zusatzabkommen, das die Haushaltskonsolidierung an erster Stelle steht. Der Schuldenabbau, das Missverständnis von grünen BWLern, die das mit der Volkswirtschaft nicht verstanden haben, steht nun im Mittelpunkt grüner Politik. Intransparent, erneut gemauschelt und man fragt sich unwillkürlich, was noch geheim abgesprochen wurde – womöglich ohne eine schriftliche Fixierung. Einer grünen Partei, deren Säulen die Bundeszentrale für politische Bildung zur Wahl 2013 so beschreibt:

Die vier Grundsäulen ihrer Programmatik definierten die Grünen in ihrem ersten Grundsatzprogramm 1980 als ökologisch, sozial, basisdemokratisch und gewaltfrei. Auch wenn die Partei mit einem 2002 verabschiedeten neuen Grundsatzprogramm Teile dieser vier Säulen aktualisiert und neuen Gegebenheiten angepasst hat, ist die programmatische Grundausrichtung mit einer starken Orientierung auf Umweltschutz, Bürger- und Menschenrechte und die Demokratisierung der Gesellschaft unverändert geblieben.

Ich bin 1998, nach meiner Heimkehr von Saarbrücken nach Ettlingen, wieder bei den GRÜNEN aktiv geworden. Zunächst als einfaches Mitglied, habe ich ab 1999 Verantwortung übernommen, war zunächst Ortsvorstand und ab 2001 im Kreisvorstand.

Das, obwohl ich grüne Politik in Zeite der Regierung durchaus kritisch sah. Bei meiner ersten LDK in Ulm fand ich mich in einer emotionalen Diskussion mit unter anderem Fitz Kuhn wieder, in der es um die deutsche Beteiligung am völkerrechtswidrigen Kosovokrieg ging. 2001 dann die Debatte um den Afghanistaneinsatz, die die Partei nicht nur gespalten, sondern nachhaltig verändert hatte. Die GRÜNEN im Bundestag unter Fischer & his friends und den beiden Kriegseinsätzen und der Ukraine-Visa-Affäre veränderten die Partei nachhaltig. Hinzu kam das Erneuerbare-Energien-Gesetz, das aus der Anti-Atom-sofortiger-Ausstieg-Partei durch Jürgen Trittin plötzlich die Partei machte, die einen geordneten Atomausstieg möglich machte, mit Restproduktionsmengen für jedes Atomkraftwerk und prognostizierten Laufzeiten bis 2020 – unvorstellbar für viele Grüne im Jahr 2001. Von mehr als 51.000 Mitgliedern 1998 verließen in der Folge der grünen, pragmatischen Politik rund 8000 Menschen die Partei – jeder sechste Grüne, der die Partei als linkes Projekt verstand, ging. 2002 waren es noch 43.000. Das Gleichgewicht zwischen Linken und Realos begann sich zu verändern. Und obwohl viele Linke weiterhin aktiv waren, auf BDKen fuhren, Anträge stellten – veränderte sich die Partei. Unter Steffi Lemkes rigoroser Führung professionalisierten sich die Parteitage und mit der neuen Regierung 2002, unter leichtem Stimmengewinn und mehr Repräsentanz, dem „vergessen“ der Kröten, die geschluckt werden mussten, begann sich die Partei zu konsolidieren. Für mich unvergessen bleibt in diesen Tagen, dass aus dem Atomkonsens, auf dessen Gefahren damals schon hingewiesen wurde

Unions-Fraktionschef Friedrich Merz (CDU) sagte, die Union werde den Atomausstieg nach einem Regierungswechsel wieder rückgängig machen. Deutschland steige mit dem Konsens aus dem Kreis der Hochtechnologie-Staaten aus.

Auch der Energiekonzern E.ON nannte den Ausstieg „nicht unumkehrbar“. Vorstandsschef Ulrich Hartmann, der seine Unterschrift unter die Atomvereinbarung setze, sagte, in einer Demokratie sei nichts unumkehrbar.

und unter Merkel dann ja auch umgesetzt wurde, wurde mit der Zeit in Neusprech ein grüner Atomausstieg. Das war auch möglich, weil die, die das nicht länger mittragen konnten, gegangen waren. ich selbst hatte nach dem Afghanistanparteitag in Rostock beschlossen, die Flinte nichts ins Korn zu werfen, um meine Positionen zu kämpfen, die GRÜNEN nicht den Realos zu überlassen. In Baden-Württemberg gründete sich die Linken in Baden-Württemberg, kurz LIB genannt, unter Federführung von Sylvia Kotting-Uhl und Winne Hermann.  Ich selbst setzte mich an  die Spitze eines kleinen Kreisverbandes und begriff allmählich, dass ich damit innerparteiliche Gestaltungshoheit gewann – und bekam. Ich war auf jedem Treffen der Kreisvorsitzenden, stellte Anträge, die ich zuvor im Kreisverband durchsetzte und wurde so 2005, zur vorgezogenen Bundestagswahl das erste Mal Kandidat.

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In Ettlingen begann in dieser Zeit eine heiße Debatte um das islamische Kopftuch. Meine ersten Auseinandersetzungen mit dem heute noch aktiven Kreis um Michael Körner begann – die am Ende zu meinem Nichtwiederantritt zum Kreisvorsitzenden.

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aus dem Kreisrundbrief des KV Ettlingen 10/11/12 – 2003

Obwohl ich noch in einer Mail im Dezember des Jahres 2003 versuchte, die Wogen zu glätten, für eine Haltung der Toleranz warb,  auch gegenüber denen, die sich für die Freiheit, ein Kopftuch zu tragen, einsetzen – eine Haltung, die 2015 vom BVerfG bestätigt wurde – eskalierte der Streit. Körner muss heute zu den radikalen Antimuslimen in der grünen Partei gezählt werden, die kulturrassistisch argumentieren und der sich unter anderem neben anderen GRÜNEN solidarisch mit dem Pro-NRW-Redner Daniel Krause oder Heinz Buschkowsky solidarisiert.

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Diese Gruppe – zu der auch der achgut-Autor Paul Nellen aus Hamburg gehört, ebenfalls grünes Mitglied – hat eine Zeitlang versucht, den AK Säkulare Grüne zu unterwandern, mit antiislamischen und auch antiziganisitsichen Haltungen. Es ist schwierig in dieser Partei, solche Haltungen zu kritisieren und aus der Partei herauszuhalten. Der Landesschatzmeister des Landesverbandes BW hat mich im Spätjahr 2015 gebeten, diese Debatte um Körner und den Kulturrassismus erst nach der Wahl zu führen. Im Herbst soll es nun wohl endlich eine Debatte darüber geben – aber auch erst, nachdem ich diese Haltung erneut angesprochen habe.

Es ist bis heute nicht möglich, kulturrassistische Töne aus dieser Partei herauszuhalten, es gibt eine falsche Toleranz gegenüber diesen Leuten, die Herkunft zwangsläufig mit Verhalten verbinden – kleine Grüne wie Körner und Nellen oder dann aktuell bekanntere wie Boris Palmer.

Grün wohin?

Zahlreiche Analysen rollen durch die Zeitungen, die Magazine, die Online-Ausgaben derselben und die sozialen Medien. Wir streiten und resümieren auf Mitgliederversammlungen, streiten um die einzig wahre Interpretation, jeder auf der Suche nach der einfachen Wahrheit für diese nicht zu beschönigende Wahlniederlage. Die Flügel bringen sich in Position und Parteimumien wie Joschka Fischer, der sich jahrelang aus allem herausgehalten hat und sein Geld mit Sachen verdient, für die er früher gegen sich demonstriert hätte, meint ebenfalls, er müsse sich zu Wort melden – und alles besser wissen. Hinterher sind wir alle immer schlauer. Über Plakate, Kurs, Programm, Personal.

Richtigerweise gibt es eine Reihe von Rücktritten und die ersten Papiere werden herumgeschickt. Ich merke an mir selbst, dass ich an das eine oder ander Papier den Zettel „Realo“ hefte – und schon gewisse Vorbehalte beim Lesen habe. Finde ich nicht gut – ist aber so.  Mir wird halt komisch, wenn ich aus den Stiften derjenigen, die sich im Programmprozess nicht durchsetzen konnten, nun die Rezepte formuliert sehe, die die Partei nicht wollte. Wenn der  in der Öffentlichkeit nicht bekannte Peter Siller ein Papier formuliert, in dem zwar viel richtiges steht – aber schon wieder endgültige Wahrheiten formuliert sind. Ralf Fücks weiß auch, wo es lang gehen muss, auch Boris Palmer und Joschka Fischer. Und Winfried Kretschmann. Oder Alex Bonde.

Warum ich sie aufzähle? Weil sie alle nichts zu verlieren haben. Siller wähnt sich weiter in der nicht von der Basis bestimmten Schreibgruppe und im grünen Umfeld, das ihn schon wieder irgendwo anstellen wird – so wie das immer schon seit Rezzo Schlauch war. Fücks sitzt in der Böllstiftung – dem kann nix passieren. Boris Palmer will eh in Tübingen bleiben – solange er nicht Bundesverkehrsminister oder Ministerpräsident von Baden-Württemberg werden kann. Und Winfried Kretschmann ist unangefochten in unserer Partei.

Ich vermisse aber über all diesen Wahrheiten, an deren Endgültigkeit kein Zweifel aufkommen darf, die Reflektion und den Blick darauf, dass ein solcher Schock in Ruhe aufgearbeitet werden muss. Es ist fast Leichenschänderei, wenn man jetzt versucht, der Partei von außen einen anderen Kurs aufzudiktieren und zu sagen: Hey, das habt ihr alles falsch gemacht. Es ist kein Wunder, dass jemand wie Fischer meint, die Fehler vor allem in der Parteiführung zu verorten – hat er doch selbst zusammen mit Fritz Kuhn die Fraktion und die Partei äußerst autoritär geführt – ich erinnere mich an manche „Geschichte“ aus der Fraktion über 6-Augen-Gespräche.

Dieser Niederlage gehen einer ganzen Reihe von falschen Entscheidungen voraus. Plakatkampagne – noch dazu ohne erkennbares Logo, fehlende Antworten auf Kampagnen wie den Veggieday und der Steigerung „Verbotspartei“, das sich solidarisch mit Daniel Cohn-Bendit zeigen, das in den Fokus gerückte Steuerprogramm, und so weiter. Alles irgendwo von verschiedenen Leuten unter verschiedenen Geischtspunkten nachzulesen. Nicht alles falsch – aber nirgendwo die ganz vollständige Wahrheit.

Daraus resultieren parallel eine Reihe von Richtungsvorgaben, die man zu machen sucht. Sie sind gespeist von eigenen Vorstellungen, Karrierewünschen, individuellen Zielen und so einem „jetzt sag ich auch mal, was mich gestört hat“. Ich finde das wenig zielführend. Ich finde es auch nicht zielführend, wenn diejenigen, die dieses Wahlergebnis und diese fehlerbehafteten Entscheidungen mit verursacht haben, mir versuchen zu erklären, was schief gelaufen ist – und wie es in Zukunft anders laufen muss. Das scheint mir nicht sinnvoll. Also wenn Peter Siller, der den Programmentwurf mit „verbrochen“ hat, mir nun schreibt, was wir wie anders oder überhaupt machen müssen – dann find ich das wenig hilfreich.

Ich würde gerne in Ruhe diskutieren, Wahrnehmungen aufnehmen, darüber nachdenken. So wie man das zum Beispiel auf einem Parteitag machen kann – und ich deshalb auch die Initiative für die Beibehaltung der BDK im Oktober gestartet habe – weil ich finde, sowas muss auch zeitnah stattfinden. Eine BDK kann ein großes Brainstorming sein – zumindest für mich.  Ich fände es gut, wenn er Personalwechsel, der Generationswechsel durchgängig ist. Ich wünsche mir mehr Basispräsenz im Parteirat. (überlege, ob ich selbst kandidieren soll).

Ich finde, wir sollten uns nochmal in Ruhe anschauen, was wir in der Kommunikation anders machen können. Das Etikett „Verbotspartei bspw. klebte sehr leicht an uns – und es gab keine Antwort. Welche unserer Regeln wollen und können wir aufgeben?  (Da muss ich mich auch selbst in Frage stellen, wenn ich die Reaktionen auf „die Waffen weg, oder meinen „Liebe Beamte“-Rant sehen) So könnte ich mir vorstellen, stärker Anreizsysteme zu propagieren – anstatt Tempolimit könnte der Anreiz, langsamere Autos mit schwächeren Motoren respektive alternative Antriebe das ausschließliche Steuerungskonzept werden. Und warum nicht wieder zurück zu Konzepten wie dem „Ökobonus“?

Wir sollten versuchen, zu analysieren, wie die Gesellschaft tickt – siehe oben „Verbote“ – und dann formulieren, wie man dahin kommt, wohin wir wollen. Ich glaube kaum, dass jemand Wiesenhof-Hähnchen essen will. Aber wenn die Alternative das 6-fache kostet – entscheidet seltenst die Ratio – sondern der Geldbeutel. Insofern scheint mir die beste Lösung zu sein, auf der einen Seite den Willen zu stärken, so etwas nicht nur nicht zu wollen, sondern auch nicht zu tun – und auf der anderen Seite Anreize schaffen, die auch Wiesenhof dazu bringen, umzudenken. So könnte man mit vielen, strittigen Punkten umgehen.

Ein solcher Prozess kann nicht von heute auf morgen begonnen und abgeschlossen sein. Für mich wäre denkbar, dass wir in einen ca. 2-jährigen Grundsatzprogrammprozess einsteigen, an dessen Ende wir neu definieren, was für eine Politik wir wollen. Ein Prozess, der über viele Regionalkonferenzen und Thementage  und -kongresse Raum schafft, Inhalte zu diskutieren – und am Ende das neue Grundsatzprogramm stehen könnte.

Insofern scheint mir der Weg in die Opposition, als ein Weg in die Regeneration, mit personeller Erneuerung – die auch nicht sofort abgeschlossen sein muss – und programmatischer Erneuerung einhergehen kann. Wünschenswert wäre dabei eine Schwächung der Flügel, die viel zu sehr miteinander aushandeln, was wer wo machen kann und wird, Machtzirkel sind. Es scheint mir wichtig, dies zu überwinden – nicht völlig, aber doch weitaus stärker als bisher. Denn außerhalb der Partei gibt es dafür kein großes Interesse – außer bei der Presse, die gerne über Streits berichtet. Vielleicht sollten wir darauf achten, dass der und die neuen Vorsitzenden nicht so sehr in den Flügeln verhaftet sind.  Aber egal wer – die Basis sollte wieder mehr Gewicht bekommen. Wir brauchen auch dafür Tools, die alle bedienen können – über Parteitage und Wurzelwerk hinaus.  Anstatt weniger Basisdemokratie brauchen wir mehr. In dieser Partei gibt es ein Füllhorn an Ideen und guten Leuten. Zu viele kommen nicht zu Wort, zu viele setzen sich nicht durch. Wir sollten diese Ressource mehr nutzen. Wann, wenn nicht jetzt?

Über den Tellerrand

Schaut man sich die derzeitigen Umfrageergebnisse an, so reibt sich manch Grüner und vor allem manch Außenstehender verwundert die Augen. Die letzte Forsa-Umfrage ergibt für die „kleinen“ Parteien: Grüne 20%, Linke 11%, FDP 3%. Election, die den Schnitt der letzten Umfragen abbilden, kommen auf Grüne 20%, Linke 10% und FDP 4%. Damit wäre die FDP raus aus dem Bundestag, wenn jetzt Wahl wäre. Ja, wenn.

Die Ergebnisse sind sehr interessant. Da ist einerseits die Linke, die in ihrem Umfrage- und Wahlergebnissen seit langem auf gleichem Niveau verharrt. Schaut man sich bei Wahlrecht.de die Forsa-Werte an, dann findet man weit zurückreichend immer Werte um die 11% herum, was sie ja auch bei der Bundestagswahl nur knapp überschritten hatten. (Umfragen haben eine Unschärfe von 3%, daher dürfte das Linkenergebnis ungefähr stimmen). Seit dem Abgang Lafonaines sind die Nachrichten aus der Linken eher durchwachsen. Gysi kann die Lücke nicht füllen, Ernst und Lötzsch sind eher unscheinbar und haben sich noch nicht in ihre Rolle gefunden, Ernst ist in meiner Wahrnehmung ja eher der Schicki-Micki-Linke, mit Hang zu teuren Autos und anderereits einem autoritären Führungsstil bis hin zu Versuchen, Debatten zu unterdrücken. Dass er da in der Kritik steht, verwundert beinahe, denn insofern steht er ja für einen Lafontaine-Stil – der es aber geschickt verstand, immer glaubhaft zu machen, dass er sich für die gesellschaftlich Benachteiligten einsetzt. Hinzu kommt die durch Wikileaks dokumentierte eigentlich nur vorgeschobene Forderung nach der Auflösung der NATO, die lediglich die „Fundis“ bei den Linken beruhigen soll. Ich habe das Gefühl, die LINKE hat ihren Zenit erreicht. Der Programmprozess kommt nicht in die Gänge und die Forderungen nach der Abschaffung von Hartz IV – so richtig sie ist – bleibt seltsam substanzlos – die Rückkehr zum alten System politisch kaum durchsetzbar, die Vision des Grundeinkommens nicht vorhanden. Dafür Mindestlohn.  Viel mehr fällt mir zu der Linken nicht ein – und ich beobachte die politischen Lager sicherlich aufmerksam.

Die FDP dümpelt bei 3%/4%. Parallel dazu hat sie eine Personaldebatte. Westerwelle, wohin man hört. Ja, das ist ihr Problem. Es gibt in der FDP Guido Westerwelle, dann – man fragt sich, ob man dann zuerst Genscher oder Leutheuser-Schnarrenberger nennen soll. Ich weiß es nicht. Die FDP ist zu einer Ein-Themen-Partei geworden. Steuersenkung. Viel mehr ist nicht wahrnehmbar. Allerdings im Ohr ist Westerwelles Predigt zur spätrömischen Dekadenz geblieben. Die Gesundheitsreform ist ur ein Ausdruck dafür, dass sie es ersnt meint damit. Die Mövenpick-Spende in Verbindung mit der Entlastung der Hoteliers – Dehoga-Politik – kam ebenfalls nicht gut und passt gut ins Bild des Klöientelpolitik, die nicht nur Rösler, sondern auch Niebel betreibt, der dem Ministerium vorsteht, das er abschaffen wollte und nun Positionen mit seinen Leuten besetzt. Die ganze Partei ist das Problem. Klar, ziemlich jedeR will Steuersenkungen. Mehr Geld jeden Monat. Aber selbst FDP-WählerInnen haben eingesehen, dass man Löcher im Asphalt nicht mit Luft füllen kann. Und dass jemand das bezahlen muss. Nein, ich glaube nicht, dass es viele Leute in der FDP gibt, die ernsthaft eine sozialere Politik wollen. Ich glaube, die FDP hat sich überlebt. Das Wunschmodell Schwarz-Gelb, nostalgisch verbrämte Kohlregierungszeit, ist entzaubert. Und da die FDP in dieser Wunschkoalition nur noch ein Thema besetzen konnte, nämlich das der Steuersenkungen, braucht sie keiner mehr. Es gab in Baden-Württemberg im letzten halben Jahr zwei Gelegenheiten, Flagge zu FDP-ureigensten Themen zu zeigen: Stuttgart 21 – und die Bürgerrechte. Egal wie man inhaltlich zum Bahnhof steht, so kann man als angebliche Bürgerrechtspartei diesen Umgang des Staates mit seinen BürgerInnen nicht gutheißen. Und man kann nicht gutheißen, dass der Ministerpräsident in Berlusconi-Manier die EnBW kauft – mithilfe eines alten Freundes, am Parlament vorbei. In beiden Fällen hat man versagt, weil die Klappe gehalten. Als Außenminister ist Westerwelle darüber hinaus eine Nullnummer, auch da zeigen sich keine Visionen, kein roter Faden. Diese Partei setzt keine Akzente und dafür aber lieber auf die Wahlkampfinhalte – die gegen die CDU nicht durchsetzbar sind. Eine innerparteiliche Debatte gibt es dazu inhaltlich nicht – dafür eine Personaldebatte. Das ist das eigentliche Dilemma.

Wir GRÜNEN dagegen standen ja in einer ähnlichen Gefahrenlage. Joschka Fischer & his friends waren ähnlich dominierend für die Partei wie es heute Westerwelle für die FDP ist. Aber es gab noch ähnlich starke Nebenfiguren wie Renate Künast, die sich zu einer sehr populären Ministerin entwickelt hatte und Jürgen Trittin, der zwar eine unglückliche Rolle zu spielen schien, aber doch einige wichtige Akzente setzen konnte. In der Partei war Claudia Roth ein Glücksfall, die sehr deutlich wahrnehmbar war (und ist) und mit ihrer Authentizität zwar polarisierte, aber dabei glaubwürdig blieb. Reinhard Bütikofer hatte sich vom politischen Geschäftsführer zu einer respektablen Größe als Co-Vorsitzender berappelt. Und das wichtigste: wir sind eine durch und durch basisdemokratische Partei. Starallüren wie die von Joschka Fischer stehen wir zunächst kritisch gegenüber. Auch wir sind Menschen, dem Charisma professioneller PolitkerInnen gegenüber empfänglich und auch wir jubeln guten Reden auf Parteitagen zu. Und auch wenn wir mehr inszenieren als früher, so bleibt immer der inhaltliche Diskurs im Vordergrund. Die Leute haben uns so auch in der Regierungszeit erlebt. Wir haben durch 7 Jahre rot-grüne Regeriungszeit im Bund mehr Disziplin und ein besseres Gefühl für den richtigen Zeitpunkt – aber insgesamt sind wir streitbar geblieben. Die Flügel sind nicht mehr so mächtig wie früher, aber nach wie vor ein gutes Instrument der Kontrolle. Der Ausgleich steht mehr im Vordergrund, wir ziehen gemeinsam an einem Strang – aber wie dieser Strang aussieht, darüber debattieren wir so gerne wie früher. „Eine Partei braucht zwei Flügel, um zu fliegen“ – so sagt man gerne in Parteitagsbewerbungsreden, wenn man sich einem Flügel zuordnet. Ja, und sie braucht den Diskurs. Den gibt es in der Form nur bei uns  GRÜNEN. Steffi Lemke hat mal vom grünen Familientreffen gesprochen, als sie in einem Interview über den Programmparteitag zum Bundestagswahlprogramm gesprochen hat. Das trifft die Atmosphäre bei Parteitagen sehr gut – viele Menschen, die sich oft sehr lange Jahre kennen, gemeinsam oder gegeneinander um Positionen gekämpft haben und viele Menschen, die da neu hineinwachsen und immer auch Zugang zu allen haben. Renate Künsast hat sich auch als Ministerin mitten unter die Leute gesetzt – Sylvia Löhrmann bei uns in BW vor kurzem ebenfalls. Das macht den Unterschied. Und viele, die glaubten, dass man mit 20 bei den GRÜNEN ist, wenn man ein Herz hat und mit 30 nicht mehr, wenn man Verstand hat – die haben zwischenzeitlich erkannt, dass man Verstand hat, wenn man mit 32 wieder GRÜN wählt oder am besten gleich geblieben wäre. Wir wären nie in die Situation gekommen, in der heute die FDP ist und wir laufen auch bei einer neuerlichen Regierungsbeteiligung nicht in diese Gefahr: es gibt immer genügend Leute, die denjenigen, die „an der Macht“ sind, nicht einfach so die Führung oder die Partei überlassen, sondern kritisch hinterfragen, was da eigentlich los ist. Die sind nicht immer in der Mehrheit – aber immer wahrnehmbar gewesen. Und wenn man geschlossen in Wahlkämpfe gehen will – dann muss man eben auch dafür sorgen, dass alle mitgehen können. Und sie nicht alle wegbeißen, wie das offenbar bei der FDP geschehen ist und bei der SPD und grade aktuell bei der CDU. 20% sind viel für uns – wir sind immer noch eine kleine Partei. Aber daraus lernen, was den anderen passiert, bedeutet: andere Flügel nicht als Störfaktor, sondern als Regulativ zu begreifen. Das fällt nicht immer leicht. Aber die Menschen wissen, dass man nicht die Weisheit mit Löffeln gefressen hat, nur weil man MdB oder MdL geworden ist – oder gar Minister. Wir wissen das auch. Und ich glaube, langfristig können wir auch noch stärker werden. Solange wir uns treu bleiben.