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Tag der deutschen Zukunft in Karlsruhe – eine Antwort auf eine Einladung

Seit ich im Januar 2015 Teil des Teams war, das #Nokargida initiiert hat und als Redner, als Moderator, als Anmelder auf verschiedenen Demonstrationen war, habe ich die besondere Aufmerksamkeit der Rechten in Karlsruhe und Umgebung. Ich hab die Vorfälle und Bedrohungen mehrfach hier beschrieben.

Am 3. Juni findet in Karlsruhe der Tag der deutschen Zukunft statt.

Nun haben sie mich mit ihrem zweifelhaften Humor eingeladen, beim TddZ zu sprechen:

Nun, ich bin sicher, meine Rede hätten den „hohen, qualitativen Ansprüchen“ nicht entsprochen.

Denn ich hätte davon gesprochen, dass Flucht und Asyl grundlegende Menschenrechte sind, dass Abschiebungen nicht lösen und dass die deutsche Zukunft auf multikulturellen Säulen steht – denn der Region Deutschland mit zufälligen Grenzen, den Bäumen, der Erde, den hier lebenden Tieren, der Natur und allen – außer ein paar Nazis und anderen Nationalisten – ist es sehr egal, wer hier lebt.

Wir sind alle Kinder dieser Erde, wir leben in und auf einer Welt. JedeR sollte das Recht haben, dort zu leben, wo er oder sie möchte. Die Zukunft liegt mir am Herzen, die Deutsche Zukunft – naja. Nationalismus ist mir völlig fremd.

Insofern hätten sie mich sicherlich wieder ausladen müssen. 🙂

tot ist tot, oder?

Ich weiß, man kann es nicht vergleichen. Ich will es auch nicht vergleichen.

Was man aber vergleichen kann, sind die Reaktionen.

Von was ich rede?

Von einem Terroranschlag auf feiernde junge Menschen nach einem Konzert. Und einem verunglückten Boot auf dem Mittelmeer, voll mit Geflüchteten – davon viele Kinder.

Es sind Menschen gestorben. In Manchester. Auf dem Mittelmeer. Ich lese:

Zum Gedenken an die Opfer des Terroranschlags von Manchester sind die Fahnen auf allen offiziellen Gebäuden in Deutschland auf Halbmast gesetzt worden.

Und ich lese:

Die Hilfsorganisation MOAS erklärte, drei Holzschiffe mit rund 1500 Menschen seien am Mittwoch vor der libyschen Küste unterwegs gewesen. Eines der Boote sei gekentert. Rund 200 Menschen seien ins Wasser gefallen, darunter zahlreiche Kinder.

Wer gedenkt ihrer? Ihrer und den hunderten, tausenden anderen, die ebenso qualvoll ertrunken sind in den letzten Monaten, Jahren? Ertrunken auf der Flucht vor genau dem Terror, dem die Menschen in Manchester zum Opfer gefallen sind? Warum wird für die einen die Flagge auf Halbmast gezogen – und die anderen interessieren nicht?

Diese Heuchelei, diese Doppelstandards, diese Verkommenheit. Ich halte sie manchmal kaum mehr aus.

Öffnet die Grenzen. Rettet Leben.

Rede #NoKargida vom 22. Februar 2016

Es gilt das gesprochene Wort:

1 Jahr Kargida – 13 Monate Nokargida

Liebe Karlsruher_innen,

da drüben wollen sie heute feiern: 1 Jahr Kargida. Sie wenden sich gegen die „Systemmedien“ und die Lügenpresse, gegen „Asylwahnsinn“  – dabei ist schon „1 Jahr Kargida“ gelogen. Denn mit viel Tamtam hat man sich im Sommer letzten Jahres umbenannt – in „Widerstand“ und sich von der Pegidabewegung losgesagt.

Nun ist zwischenzeitlich auch „Widerstand“ Geschichte – die Organisator_innen bekommen keinen Fuß auf den Boden. Egal wo sie sind – es kommen nie mehr als 40 Personen und meist sind es dieselben. Jetzt heißen sie „Karlsruhe wehrt sich“, aber heute irgendwie auch nicht, obwohl  Karlsruhe wehrt sich – also die Fanboygruppe von Ester Seitz und anderen, rechtsnationalen Frauen wie Melanie Dittmer und Sabine Schüssler, auch hierhin mobilisiert. Umgekehrt nicht. 40 waren es im August im thüringischen  Suhl, als man dachte, man könne auf der Asylwelle surfen und so mehr Leute mobilisieren. Im Großen und Ganzen dieselben, die heute Abend auch hier sein werden, standen dort. Allein, verlassen, isoliert, kein Mensch interessierte sich für sie. Außer sie selbst. Und 40 waren es dann auch letzte Woche beim SWR in Mainz, dieselben 40 Gesichter, 40 Leute und dann zu doof, ihre Aussagen auch nur ansatzweise zu belegen. Noch nicht einmal  das schon immer wiederholte „Lügenpresse“-Geschreie konnte man auch nur einen geraden Satz belegen – dafür bescherte uns Ester Seitz, nachdem sie drei Tage lang darüber nachgedacht hatte auf Facebook die Botschaft: auch verschweigen sei Lüge und dass ja bekannt wäre, dass ganz viel verschwiegen würde.

Es ist ein Witz, eine Zumutung, dass diese Menschen seit einem Jahr, uneinsichtig ihrer Unbedeutsamkeit, ungeachtet, dass ihnen immer mehr Leute davon gelaufen sind, kaum einer ihre Youtube-Videos anschaut, kaum einer es aushält, Bücklingen und Rettichen zuzuhören oder einem Michael Mannheimer und wie sie alle hießen, die sich in Karlsruhe ein Stelldichein gaben in diesem vergangenen Jahr. Und warum stehen wir noch hier? Weil es weder die Stadt noch die Ordnungsbehörden oder gar die Polizei in diesem Jahr geschafft hat, bei offen volksverhetzenden Aussagen den Stecker zu ziehen, den Rechtsstaat zu schützen. Geschafft hat man es allerdings, dass diesen Nazis – und ich habe heute Morgen nochmal in meine Rede vom 10. März letzten Jahres geschaut, so habe ich sie schon damals richtigerweise benannt – der Weg freigeprügelt wurde, ziviler Ungehorsam kriminalisiert wurde, Sitzblockaden mit unangemessener Gewalt aufgelöst wurden.

Wir haben erlebt, dass Zaungästen dieser Kundgebungen bedroht wurden, wir haben erlebt, dass Stadträten und anderen Morddrohungen zugeschickt wurden. Und egal was passiert ist – sie durften reden, sich versammeln, es wurde ihnen der Weg freigemacht, wir wurden kriminalisiert, beschimpft. Die BNN behauptet bis heute, dass es besser wäre, man würde sie ignorieren. Zuletzt im Dezember forderte ihr Chefredakteur Leiter der Karlsruher Lokalredaktion erneut, die Gegendemonstrationen zu unterlassen. Auch weil die Polizist_innen unangemessen belastet würden, die hier Dienst tun, weil sie eh schon viele Überstunden haben. Und das nur, weil wir, die Gegendemonstrat_innen ihnen mehr Aufmerksamket schenkten, als ihnen gebührt. Aber mit der Demokratie spielt man nicht.

Und es geht diesen Leuten nicht nur um Aufmerksamkeit, sondern es geht ihnen um mehr.

Diese Leute wollen einen anderen Staat. Diese Leute denken, sie sprächen für die schweigende Mehrheit der Bevölkerung. Diese Leute glauben, dass, wenn sie es nur oft genug wiederholten, dann würde man ihnen ihre hetzerischen Thesen schon glauben. Heute konnte man lesen, dass Frauke Petry von einer AfD-Regierungsbeteiligung träumt.

Diese Leute verstehen sich als Vorhut. Als diejenigen, denen man später – wer immer „man“ auch ist – auf die Schulter klopft und sie lobt für ihr Durchhaltevermögen – so Michael Mannheimer in seiner Rede vom 30. Juni. Sie saugen nicht den Honig aus der Aufmerksamkeit – sie saugen den Honig aus der Selbstbestätigung – und der Tatsache, dass wir alleine gelassen werden von der Presse und von der Stadt. Denn der Widerstand gegen diese Neonazis, Rassisten, Rechtsextremen – der könnte von einem breiteren Bündnis getragen werden. Aber von Beginn an hat man lieber über vermeintliche Randale – ohne die Polizei dabei zu hinterfragen – berichtet, als sich kritisch damit auseinandergesetzt was hier, mitten in der Hauptstadt des Rechts, durch Mikrofone gebrüllt wurde.

Der Spuk wäre längst vorbei – wären Stadt und regionale Presse Hand in Hand zusammen mit uns gegen diese Leute vorgegangen. Der OB und der Stadtrat in der ersten Reihe. Man ist froh, wenn man überhaupt Gemeinderatsmitglieder sieht, geschweige denn Parteivertreter_innen oder gar ihre Fahnen.

So müssen wir weiterhin dulden, dass gegen diejenigen, die hier Schutz suchen, gehetzt wird, dieselbe Presse, die sich weigert, die Inhalte zu thematisieren, als Lügenpresse beschimpft wird. Wir müssen dulden, dass Demokraten in Gefängnisse gewunschen werden und wir müssen ertragen, dass mit schriller Stimme Parolen geschrien werden, als hätte es nie eine Aufarbeitung deutscher Geschichte gegeben. Wir müssen weiterhin ertragen, dass von Kundgebung zu Kundgebung Menschen von außerhalb Karlsruhes hierher gebracht werden, die sich dann „Widerstand Karlsruhe“ oder „Karlsruhe wehrt sich“ nennen – weil es sonst überall gelungen ist, mit einem breiten Bündnis und viel Präsenz, gelungen ist, sie aus den Städten zu jagen. Nur in Karlsruhe nicht. Warum das so ist? Schauen Sie sich um. Lesen Sie Zeitung. Bis hin zu Leserbriefen dieser Kameraden findet man dort alles – nur keine kritische Auseinadersetzung mit ihnen. Selbst wenn Leute reden, die in jedem zweiten Satz „Jetz sag ich euch was, des isch de Knaller“ rufen.

Karlsruher_innen, wehrt Euch endlich gegen diese Leute. Geht auf die Straße, samstags, dienstags, wann immer sie da sind, wenn es regnet, stürmt oder schneit. Macht Lärm, lasst nicht zu, dass ihre Parolen in den Straßen widerhallen. Es ist höchste Zeit, diese Leute, die auf der nationalen Welle, die durch dieses Land rollt, surfen, die sich Pöstchen und politische Karrieren versprechen, aus dieser Stadt zu vertreiben. Aber dazu müssen hier jede Woche noch mehr Menschen stehen. Menschen, die sich ihnen laut und entschlossen entgegen stellen. Menschen, die die Polizei nicht einfach als „irgendwie Antifa“ kriminalisieren oder denunzieren kann. Menschen, die erkannt haben, dass es zu spät ist, sich den Anfängen zu wehren – es hat bereits angefangen. Dass da drüben – das ist ein kleiner Auswuchs, ein kleiner Pickel am Arsch der Rechtsextremen und Nationalisten in diesem Land. Aber er ist eben auch ein Teil davon. Wir wollen sie hier nicht.

In diesen Zeiten, in denen Asylpakete geschnürt werden, Folterstaaten zu sicheren Herkunftsländern erklärt werden, Unrechtsstaaten zum Freund und Handlungsgehilfen, da ist es wichtig, zusammen zu stehen und die Demokratie zu verteidigen. Die Asylbewerber_innen, die Menschen,die hier Schutz suchen, die hierher Geflüchteten – sie reißen diesem Land die Maske vom Gesicht. Während 11% der Bevölkerung die Aufgabe annehmen, die damit einhergeht, Menschen menschenwürdig zu behandeln, unterzubringen, zu versorgen, schnüren die Bundes- und Landesregierungen Pakete, die die Menschenrechte in diesem Land zur schieren Verhandlungsmasse machen. Menschenrechte sind aber keine Verhandlungsmasse!

Diese Krise, die keine Flüchtlingskrise, sondern eine Demokratiekrise ist, offenbart, wie leichtfertig man bereit ist, die Menschlichkeit auf dem Altar einer schwarzen Null im Haushalt zu opfern. Wie leicht ist man bereit, eigentlich unveränderbare Grundgesetzartikel bis zur Unkenntlichkeit zu verändern. Welches ist der nächste Artikel? Gesundheitliche Unversehrtheit? Es gab schon Ansätze, Folter wieder zu erlauben, wenn nur der Grund wichtig genug ist. Pressefreiheit? Wir erinnern uns, wie schwer es war und ist, die Politik aus den Rundfunkräten herauszuhalten und an der Geschichte des ZDF, wie sehr die Politik versucht, Einfluss zu nehmen!

Stehen Sie auf, erheben Sie sich, empören Sie sich, wehren Sie sich. Dieser Staat ist der Beste, den wir auf dem Gebiet der Bundesrepublik jemals hatten. Weder das Grundgesetz noch alle Gesetze sind perfekt. Und es gibt natürlich Problem mit rechtsstaatlichen Verfahren und politischen Prozessen. Aber im Vergleich sind wir weit, sind wir sicher, funktioniert das alles noch. Aber jetzt müssen wir selbst das verteidigen. Gegen wieder auferstandene Nazibewegungen, gegen eine Kanzlerin und ihre CDU, wie das Gegenteil dessen tun, was sie sagen und Europa zu einer Festung ausbauen wollen, gegen wildgewordene CSUler, gegen willfährige Sozialdemokraten und rückgratlose Grüne, gegen FDPler, bei denen die Freiheit erst da anfängt, wo die Steuerlast am geringsten ist und Linke, die lieber dem Antiamerikanismus frönen als sich für die Menschenrechte aller einzusetzen. Nobodys perfect – aber alles ist besser als das, was die da drüben wollen.

Und daher, zu guter Letzt:

Am 13. März ist Landtagswahl. Gehen Sie wählen. Wählen Sie schwarz, gelb, grün, rot, noch roter – jede Stimme, die nicht an die AfD und andere rechte Parteien geht, ist eine Stimme gegen Rechte in den Parlamenten. Jede nicht abgegebene Stimme ist ein für sie. Und sie dürfen mir glauben: auch mir fällt es dieses Jahr nicht leicht, wählen zu gehen. Überzeugen Sie Freund_innen, Nachbar_innen, Bekannte, Kolleg_innen davon, zur Wahl gegen rechts zu gehen.

Wählen Sie notfalls die Tierschutzpartei – das ist immer noch besser, als gar nicht zur Wahl zu gehen.

Ich danke für die Aufmerksamkeit

Haare spalten in der Asyldebatte

Winfried Kretschmann tut es, Sigmar Gabriel tut es und viele andere mehr. Sie spalten Haare in der Debatte darüber, wie aufnahmebereit dieses Land sein soll und kann.  Sie spalten Haare, weil sie nicht sagen wollen, was sie sagen: sie fordern eine Obergrenze für die Aufnahme von Flüchtlingen, sie sagen: das Boot ist (zumindest fast) voll. Aber sie tun es nicht so offensichtlich. Sie tun es auf die typische Art von Politikern, die nicht gerne auf unbequeme Wahrheiten festgelegt werden wollen oder die ihren Wähler*innen gerne etwas verkaufen möchten. Etwas, von dem sie sagen können: das hab ich aber anders gesagt, als Du es jetzt verstanden hast.

Bei Gabriel und Steinmeier, also der SPD, klingt das dann so:

„Wir können nicht dauerhaft in jedem Jahr mehr als eine Million Flüchtlinge aufnehmen und integrieren“

aber

Natürlich kenne das Asylrecht keine Obergrenzen.

Ebenso wird Winfried Kretschmann nicht müde zu betonen, dass das individuelle Recht auf Asyl nicht eingeschränkt werde durch die Ausweisung weiterer sicherer Herkunftsländer.

Nun muss man sich zunächst einmal anschauen, was denn überhaupt gewährt wird:

  1. Asylberechtigung (Art. 16a GG i.V.m. § 2 AsylVfG)
  2. Anerkennung als Flüchtling (§ 3 AsylVfG i.V.m. § 60 Abs. 1 AufenthG)
  3. Gewährung subsidiären Schutzes (§ 4 AsylVfG i.V.m. § 60 Abs. 2 AufenthG)
  4. Abschiebungsverbote (§ 60 Abs. 5, 7 AufenthG)

Mit jedem Asylantrag wird grundsätzlich die Anerkennung als Asylberechtigter, als Flüchtling
und als subsidiär Schutzberechtigter beantragt (§ 13 Abs. 2 Satz 1 AsylVfG)

Ja, das Recht auf Asyl(berechtigung) lässt sich nicht eingrenzen. Allerdings lässt sich an den anderen Statusen durchaus herumschrauben.  Und das ist das, was man tut.

Im § 3 des Asylverfahrensgesetz (AsylVfG), in dem es um die Zuerkennung der Flüchtlingseigenschaft geht, steht:

(1) Ein Ausländer ist Flüchtling im Sinne des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (BGBl. 1953 II S. 559, 560), wenn er sich

 

1.

aus begründeter Furcht vor Verfolgung wegen seiner Rasse, Religion, Nationalität, politischen Überzeugung oder Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe

 

2.außerhalb des Landes (Herkunftsland) befindet,

a) dessen Staatsangehörigkeit er besitzt und dessen Schutz er nicht in Anspruch nehmen kann oder wegen dieser Furcht nicht in Anspruch nehmen will oder

b) in dem er als Staatenloser seinen vorherigen gewöhnlichen Aufenthalt hatte und in das er nicht zurückkehren kann oder wegen dieser Furcht nicht zurückkehren will.

Bildquelle: https://pixabay.com/de/m%C3%A4dchen-asyl-politisch-politik-982119/

Bildquelle: https://pixabay.com/de/m%C3%A4dchen-asyl-politisch-politik-982119/

Wenn man jetzt also sichere Herkunftsländer ausweist, dann verneint man die begründete Furcht. Bei Menschen aus „sicheren Herkunftsstaaten“ wird gesetzlich vermutet, dass sie nicht verfolgt werden. Denn:

Auf Absatz 1 kann sich nicht berufen, wer aus einem Mitgliedstaat der Europäischen Gemeinschaften oder aus einem anderen Drittstaat einreist, in dem die Anwendung des Abkommens über die Rechtsstellung der Flüchtlinge und der Konvention zum Schutze der Menschenrechte und Grundfreiheiten sichergestellt ist.

Das Recht auf politisches Asyl bleibt davon völlig unberührt – und diesen rhetorischen Trick wenden sie an – skrupellos, ohne wirklich über die Begriffe und was dahinter steckt aufzuklären. Denn eines ist klar: ändert sich die Lage in Syrien, gibt es dort keinen Bürgerkrieg mehr und vielleicht sogar noch freie Wahlen – dann wird nach und nach den hier lebenden Syrern, die „nur“ einen Flüchtlingsstatus haben, der Aufenthalt untersagt werden und sie müssen nach Hause.

Und damit die Dimension klar wird, um die es geht:

Von Januar bis September 2015 bei 174.545 Anträgen eine Schutzquote von rund 50% ausgesprochen, also ca. 50% der Anträge auf Asyl wurden „bewilligt“, allerdings mit folgenden Statusen:

● 0,9 % Asylberechtigung

● 37,6 % Anerkennung als Flüchtling

● 0,7 % subsidiärer Schutz

● 0,8 % nationale Abschiebungsverbote

(38,4% wurden abgelehnt, 22,5% abgelehnt aus formellen Gründen, das heißt aus Gründen Dublinverfahren. Bereinigt man die Zahlen um die Dublinfälle, kommen rund 50% raus).

Will heißen: Gabriel, Steinmeier, Kretschman, Palmer und so weiter betonen immer wieder, dass das Recht auf Asyl, im umgangssprachlichen Gebrauch mit „politischem Asyl“ besetzt, nicht angetastet wird. Das ist auch nicht nötig – es werden nur 0,9% der Antragsteller*innen politisches Asyl zugesprochen.  Aber das Recht darauf, sich Flüchtling zu nennen, das stellen sie für einzelne Personenkreise in Frage und reduzieren so die Anzahl der Menschen, die hier bleiben können, OBWOHL sie in ihrem Herkunftsland „aus begründeter Furcht vor Verfolgung wegen ihrer „Rasse“, Religion, Nationalität, politischen Überzeugung oder Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe“ leben müssen.

Während sie gleichzeitig betonen, man könne nicht Millionen dauerhaft aufnehmen, bedienen sie die „Das Boot ist voll“-Rhetorik der AfD, Pegida, NPD, Republikaner – und wundern sich, warum diese immer und immer stärker werden. Sie werden stärker, weil die Menschen in diesem Land verstehen, was diese Haarspalterei aussagen möchte, ohne es zu benennen – und wählen die, bzw. erklären, die Absicht, die zu wählen, die schon immer dafür waren, die Grenzen dicht zu machen. Und die, die SPD und GRÜNE gewählt haben – die verstehen es ebenso und wenden sich mit Grausen ab. Und in meinem Umfeld höre ich zunehmend: „so ganz allmählich verstehe ich, was 1933 passiert ist“. Ich übrigens auch. Und ich weiß, wer mitschuldig ist.

wenn man nicht wegschauen kann

Ich habe es bei Facebook gestern Abend schon gepostet und zwischenzeitlich knapp 500 „Gefällt mir“.  Sehr spontan habe ich am Donnerstag Abend auf dem Heimweg eine syrische Familie „eingesammelt“ – aber ich will es noch einmal etwas ausführlicher schildern, weil es mich tatsächlich sehr beeindruckt hat – mit wie wenig Unterstützung, Hilfe man zumindest für ein paar Stunden die Situation für Menschen auf der Flucht besser machen, erträglicher machen kann.

Ich kam mit dem Zug von Heidelberg und war auf dem Weg nach Hause. Eine gute halbe Stunde Aufenthalt am Karlsruher Bahnhof gehört zu dieser regelmäßigen Fahrt dazu und ausnahmsweise hatte ich tatsächlich „meinen“ aktuellen Perry Rhodan auf dem eBook gelesen und ich ging noch in die Bahnhofsbuchhandlung. Dort stolperte ich über den neuesten Stephen-King-Roman – und King-Bücher kaufe ich immer, wenn’s geht, als Hardcover. Ich dachte so bei mir: „ach schön, noch ne knappe halbe Stunde einlesen“ und ging gleich auf den Bahnsteig – sonst drück ich mich manches Mal noch in der Buchhandlung rum oder lauf ein bisschen durch die Gegend. Wer den Karlsruher Bahnhof kennt, weiß – ein attraktiver Ort zum Aufhalten ist das eigentlich nicht.

Am Aufgang zu dem Gleis, von dem ich nach Hause fahren wollte, saß eine 7-köpfige syrische Familie, sichtbar etwas hilflos. Ich sprach den Mann auf Englisch an – er verstand offensichtlich nur schlecht. Mit Händen und Füßen und ein paar Brocken Englisch bekam ich raus: das Prepaid-Volumen seines Handys war aufgebraucht. Sie waren mit dem ICE von München kommend hier gestrandet, er musste jemanden anrufen. Die Frau sah ganz müde aus, die größeren der Kinder ebenfalls – die zwei kleinsten spielte auf der Treppe.

Ich lieh ihm mein Handy und so stellte sich heraus, dass er nicht mehr weiter kam an dem Abend. Zwischenzeitlich war ein Student aus Syrien dazu gekommen, der seine Hilfe anbot und übersetzte. Die Schwester der Frau aus Reutlingen konnte sie nicht mehr abholen – sie wäre mit dem Bus gekommen – erst jetzt wussten sie, wo sie genau waren. Sie wären besser in Stuttgart ausgestiegen, wussten das aber nicht. Der Bahnbedienstete, der auch daneben stand, aber sehr hilflos aussah, schaute schon misstrauisch. Zwischenzeitlich kam die Abfahrt meiner S-Bahn näher – und auch der syrische Student wollte mit dieser Bahn mitfahren. Mit seiner Hilfe konnten wir sie davon überzeugen, mit mir zu gehen und die Nacht bei uns zu verbringen – aber erst, nachdem ich versichert hatte, dass auch eine Frau in meinem Haushalt wohnt. Auf dem Bahnsteig konnten sie nicht bleiben, auf die Idee mit der Bahnhofsmission kam ich in der Eile nicht.

Wir kamen dann hier an. Meine Frau wusste nichts – ich hatte versucht, sie anzurufen und „Vorzuwarnen“ – sie brachte gerade die Kinder ins Bett und las ihnen gerade vor.  Der Mann und zwei Kinder standen schon im Flur – die Frau stand draußen vor dem Haus und sagte „Madam!“. Sie hatte Angst, das war offensichtlich. Also kam meine Frau nach unten und endlich saßen alle erschöpft auf der Couch. Meine Kinder, schon fast eingeschlafen, schauten mit großen Augen – hier mitten in unserem Wohnzimmer standen Menschen, aus einem fernen Land, geflüchtet – davon hörten sie die ganze Zeit bei Logo. Ich radelte zum REWE, der noch auf hatte, besorgte Aufladung für die Prepaid-Karte, 3 Beutel Bio-Pommes und Äpfel.  Ich wusste von einer syrischen Familie in der näheren Nachbarschaft – die Frau kam dann nach einem Anruf von mir nach der Spätschicht und half mit Übersetzung und Kommunikation. Nahm Ängste, ging mit aufs Kinderzimmer, das meine beiden Jungs bereitwillig räumten.

Wir aßen  – zuerst die Kinder, dann die Erwachsenen, versuchten, ein bisschen miteinander zu sprechen – und dann waren sie deutlich erschöpft und gingen ins Bett. Heute Morgen dann – ein kleines Frühstück, Kaffee, Brötchen, der Rest vom vorigen Abend.

Brötchen, Butter, Marmelade, Schokocreme

Brötchen, Butter, Marmelade, Schokocreme

Sie fuhren mit mir zurück nach Karlsruhe – die Fahrkarten durfte ich dann nicht mehr bezahlen. Wir hatten sie mit Kleidern für die Kinder, soweit vorhanden – einer der Jungen trug nur Badelatschen, wie auch der Mann –  ausgestattet – wir hatten eh gerade für die Flüchtlingshilfe – Malsch bekommt eine Flüchtlingsunterkunft mit 200 Menschen noch in diesem Jahr – die Schränke ausgeräumt. Ich lies sie am Südausgang des Bahnhofs dann zurück, sie wollten auf die Schwester warten, die gegen 10 Uhr da sein wollte. Ich weiß nicht, ob alles geklappt hat – als ich nach Hause fuhr, waren sie jedenfalls weg.

Sie sahen heute Morgen anders aus. Sie hatten wieder Energie. Die Frau nicht mehr misstrauisch, lachte, die Kinder schäkerten mit uns, der Mann sah zuversichtlicher aus. Ein bisschen Menschlichkeit, ein Dach, ein Bett, etwas zu trinken und zu essen hatte geholfen. Bescheiden. Und mit Würde, wollten keine Almosen. 5 wundervolle, nette Kinder. Es hat mich beeindruckt. Ihre Würde in all ihrem Unglück, ihr Vertrauen auf die Familie. Ihr Vertrauen zu mir, einem wildfremden Mann. Ich wünsche ihnen von Herzen dass alles gut wird für sie.

Gastbeitrag Seeking Shelter – über Menschlichkeit und Flucht

Dieser Beitrag erreicht mich gestern per E-Mail via #Nokargida, mit der Bitte, ihn publik zu machen – was ich sehr gerne tue. Ich habe gestern Abend in Ettlingen auf dem Marktfest von einer lieben alten Bekannten, die sich dort für Flüchtlinge engagiert, Ähnliches gehört, aber vor allem von ihr auch den Satz: wenn jedeR darüber nachdenkt, was er selbst bräuchte – dann können wir doch gar nicht anders als zu helfen. [JR]

In den letzten Tagen habe ich immer wieder gelesen, dass wir, diejenigen die nicht taub, abgestumpft, egoistisch und satt sind, unser Maul aufreißen sollen – Gegen den Hass, die Gewalt und die Vorurteile. Dies ist die Geschichte von jemandem der aus seinem Sessel gerissen und zum – ja was? Aktivisten? Helfer? Gutmenschen? – wurde… Von mir.

Ich bin leider gezwungen dieses Statement über Umwege zu veröffentlichen. Nicht, weil ich Angst vor Nazis habe, sondern weil ich die Identitäten der Flüchtlinge von denen diese Geschichte handelt schützen muss. Außerdem werde ich kein Herkunftsland oder den Ort an dem die Menschen dieser Geschichte jetzt leben nennen. Ich kann auch nicht detailliert über die Gründe schreiben die zur Flucht geführt haben, weil die Familien daheim nicht sicher sind, vor Verfolgung durch ihre Regierung und Geheimdienst.

Seeking Shelter

Es war im Januar dieses Jahres. Saukalt. Wollte Tabak kaufen an der Tanke um die Ecke. In der Schlange vor mir ein Schwarzafrikaner der ein SIM-Karte kaufen wollte. Gibt’s nicht an der Tanke. Ich hab ihm gesagt er soll kurz warten dann erkläre ich ihm wo er ne SIM kaufen kann. Kurze Zeit später sind wir ins Gespräch gekommen. Der Mann war völlig durch den Wind. Es war sein erster Tag in Deutschland. In der Nacht zuvor ist er in der LEA in Karlsruhe angekommen und sein sehnlichster Wunsch war es seine Mom anzurufen und ihr zu sagen dass er noch am Leben ist und in Deutschland und das Sie sich keine Sorgen um ihn machen muss. Und zu erfahren ob seine Frau noch lebt. Sie wurde am Tag seiner Flucht vom Geheimdienst verhaftet und in seiner Heimat ist das kein gutes Zeichen. Wir haben lange miteinander gesprochen, er kommt aus einem dieser winzigen Staaten in Westafrika – Man muss schon genau hin gucken um das Land bei Google-Maps zu finden. Er zeigte mir Fotos von sich in Uniform. Blaues Barrett – UN-Friedensmission. In seiner Heimat gab es einen Putschversuch der scheiterte. Sein Präsident hat reagiert wie er immer reagiert, wenn etwas schief läuft. Verhaftungen, Hinrichtungen, Menschen verschwinden und tauchen nie wieder auf. Er stand auf der Liste – nicht weil er ein Putschist ist sondern weil er als Sündenbock gebraucht wurde. Das war der Grund warum er Hals über Kopf geflohen ist. Mit dem Boot aufs Mittelmeer – von der Italienischen Marine gerettet. Über Italien nach Frankreich nach Deutschland. Nach Karlsruhe. Direkt vor meine Nase.

Ich habe ihm aus einer spontanen Laune heraus meine Visitenkarte gegeben und ihm gesagt, dass er sich melden soll wenn er eine SIM hat. Tat er auch. Ich habe ihn dann abends zum Essen in eine Studentenkneipe eingeladen und er hat mir seine Geschichte erzählt. Damit war ich mitten drin. In der Flüchtlingskrise, dem Asylansturm oder wie auch immer die Zündler das nennen wollen. Ich nenne es eine Katastrophe – Eine Krise habe ich, wenn morgens der Durchlauferhitzer nicht funktioniert und ich kalt duschen muss, oder kein Kaffee mehr da ist. „Mein“ Flüchtling hatte eine andere Krise.

Bild freundlicherweise zur Verfügung gestellt von Martin Gommel

Bild freundlicherweise zur Verfügung gestellt von Martin Gommel

Zum Beispiel das der 30 minütige Anruf bei seiner Mutter ihn 50€ gekostet hat und das die letzte Kohle war die er hatte und keiner wusste wo seine Frau war und ob sie noch lebt. Zum Abschied sagte er, dass er nicht glaubt, dass sie gefoltert wird, weil sie noch stillt… Am nächsten Tag hing ich am Telefon: Amnesty International, Pro-Asyl, Freundeskreis-Asyl, die Kirche, die muslimische Gemeinde. Ich hab sie alle angerufen oder bin hin gegangen und habe gefragt was wir machen können, wie wir an Infos kommen und herausfinden können was mit der Frau ist. Keiner konnte helfen – Aber alle waren dankbar das ich mich kümmere – so als hätte ich was getan außer zu telefonieren und zu reden. Gleichzeitig habe ich Klamotten organisiert, versucht heraus zu finden wie man günstig in seiner Heimat anrufen kann, wo die nächste Moschee ist und was für Hilfe es für Flüchtlinge gibt. Abends habe ich ihn ins Internationale-Kaffee vom Freundeskreis-Asyl gebracht. Bei den Kollegen im Existenzgründerzentrum habe ich wegen Kleidung rumgefragt. Es war unglaublich: Innerhalb kürzester Zeit hatte ich Schuhe, Jacken, Mützen, Pullover, Unterwäsche und Socken beisammen. Genug für drei Leute. Ich habe alles an die LEA gebracht und am Tor auf ihn gewartet. Da kamen mir ein paar Afrikaner entgegen und haben gefragt „Are you Mister M?“ Ich war baff. Jeder begrüßte mich mit Handschlag und kannte mich irgendwie schon. Krasses Gefühl. Die Klamotten waren schnell verteilt. Einer der Leidensgenossen meines Freundes stand in Flip-Flops, Jogginghose und T-Shirt rum. Ich fragte ihn: „Don’t you have shoes? A jacket? It’s fucking cold!“ „No, I only got what I wear.“ 30 Sekunden später war der Mann für den deutschen Winter gerüstet und den Tränen nahe. Er wollte wissen wie er mir danken kann. „Just gimme a smile!“. Es war ein Gefühl zwischen Scham und Stolz. Scham weil es nun wirklich kein Ding ist alte Klamotten zu organisieren und Stolz weil ich noch nie so viel Herzlichkeit und Dankbarkeit erlebt habe.

Kurze Zeit später wurden mein Freund und seine Leute nach Mannheim verlegt. Da ging das Spiel von vorne los. Wo ist die nächste Moschee, was für Initiativen gibt es in der Nähe, wo können die Leute ins Internet? Heißer Tipp: In öffentlichen Büchereien gibt es Internet. Kostet nix und bis jetzt hat jede Bücherei sich gefreut wenn ich angerufen habe – Frei nach dem Motto: Jeder ist hier willkommen und wir können auch versuchen englische Literatur zu besorgen! Mein Kumpel ist jeden Tag in die Bücherei gegangen und hat mit Hilfe von deutschen Schulbüchern für den Englischunterricht versucht Deutsch zu lernen. Sozusagen Reverse-Engineering.

Ein paar Wochen später wurden er und seine Leute wieder verlegt. In den Süden Richtung Bodensee. In eine Gemeinde die ein riesiges Unterstützernetzwerk hat, mit einem Koordinator, der extrem Engagiert ist und alles tut was er kann um den Menschen dort zu helfen und Farbe in den tristen Alltag bringt. Das ist nicht die Ausnahme in Deutschland. Das gibt es an sehr vielen Orten, aber die positiven Nachrichten gehen im Strom der Schreckensmeldungen unter. Oder sie werden nicht gehört, weil sie zu leise sind und nicht brüllend auf der Straße stehen.

Mittlerweile bin ich mit einigen der Jungs aus der Gruppe meines Kumpels befreundet. Ein paar haben eine Arbeitserlaubnis bekommen, die Meisten haben „den Brief“ gekriegt. „Der Brief“ ist der Brief, den du bekommst, wenn du deine Fingerabdrücke in Italien, Griechenland oder sonst wo hinterlegt hast. „Der Brief“ sagt, dass du Deutschland verlassen musst, weil ein anderes Land für deinen Asylantrag zuständig ist. Das nennt sich Dublin III. Mein Freund wurde zuerst in Deutschland registriert deshalb darf er bleiben. Die meisten seiner Landsleute sollen gehen. Sie versuchen derzeit mit Anwälten dagegen zu klagen weil sie wissen wie es in Italien und Griechenland ist. Sie waren schon dort. Haben auf der Straße gelebt. Ohne Versorgung, ohne Sprachkurs, ohne Chancen. Niemand von ihnen möchte zurück. „Deutschland is so nice. The people here are so friendly. They give us shelter and hope. I don’t want to go back to Italy. There is nothing. No life.“

Ich habe in den letzten 8 Monaten viel gelernt über das Asylverfahren in Deutschland, über Rassismus in den Institutionen, darüber das es einen Unterschied macht wenn Flüchtlinge deutsche Betreuer oder Paten haben, darüber wie freiwillige Hilfe von Behörden verhindert und blockiert wird und das es Menschen gibt denen es nicht egal ist was passiert – die dagegen arbeiten und das repräsentieren, was ich als ein herausragendes Merkmal meiner Heimat sehe: Menschlichkeit.

Leider sehe ich diese Menschlichkeit nicht im Handeln unserer Regierung. Ich erlebe, dass darüber nachgedacht wird die Residenzpflicht auszuweiten, die Abschiebungen zu beschleunigen und muss erleben das Vertriebene als illegale Einwanderer bezeichnet werden. Das ist ein Schlag ins Gesicht aller, die sich einsetzen für die Menschen, die Alles verloren haben und versuchen eben Jenen ein menschenwürdiges Leben und vor allem Schutz zu geben. Das ist eine Schande für dieses Land und mit den Werten die ich von meinen Eltern und unserem System vermittelt bekommen habe nicht vereinbar. Mittlerweile ist die Frau meines Freundes wieder zu Hause bei Ihren Kindern. Sie wurde nicht gefoltert und wird auch nicht mehr vom Staat bedroht – was sich aber jederzeit ändern kann. Ich hoffe ich kann eines Tages schreiben, dass der Asylantrag meines Freundes akzeptiert wurde und er seine Frau und Kinder nach Deutschland holen kann. Derzeit liegt die Bearbeitungszeit für seine Region bei 2-3 Jahren. Bis dahin wird noch viel Wasser den Rhein runter fließen und unsere Gesellschaft wird sich radikalisieren. Die Rechten werden radikaler – Die Linken werden ebenso darauf antworten. Ich für meinen Teil werde versuchen zu bleiben wie ich bin – Radikal Menschlich – und jeden als das sehen, was Er oder Sie ist: Ein Mensch. -M

PS: Wenn Du auch helfen willst: Tu es einfach. Es beginnt mit einem „How are you?“ und einem Handschlag. Aber sei gewarnt: Es gibt kein Zurück und es wird Dein Leben verändern.

#mundaufmachen #refugeeswelcome #nokargida #fcknzs #radikalmenschlich

Fluchtursachen bekämpfen

Das höre ich, seit ich mich für Flüchtlingspolitik so interessiere, dass ich mich etwas mehr damit beschäftige. Es ist eine alte Forderung – die genau jetzt wieder erhoben wird.

Über die Fluchtursache Krieg wird viel dieser Tage geschrieben und der Zusammenhang zu den Waffenlieferungen ist offenbar.

Schon in den ersten sechs Monaten 2015 hat die Bundesregierung fast so viele Waffenexporte genehmigt wie im ganzen vergangenen Jahr, für etwa 6,5 Milliarden Euro.

Denn besonders stark sollen die Exporte auch in konfliktgeladene Nahost- und Golfstaaten und in die Krisenregion Nordafrika zunehmen. Hier verdoppelte sich das Volumen zu 2014, Richtung Riad ist es sogar eine Verdreifachung: Spürpanzer »Fuchs« für Kuwait, Kampfpanzer nach Oman, Patrouillenboote für Saudi-Arabien, ein U-Boot der »Dolphin«-Klasse für Israel usw. usf. Israel und Saudi-Arabien etwa sind in der aktuellen Statistik nach Großbritannien die wichtigsten Empfängerländer.

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Das ist das eine. Auch wenn es Vorbehalte gegen alle Asylbeweber_innen gibt, zumindest offen gegenüber Kriegsflüchtlingen will sich noch niemand positionieren. Aber sie gelten als „richtige Flüchtlinge“, was bedeutet, es gibt auch unrichtige, falsche Flüchtlinge. Das sind die Sozialschmarotzer, die faulen Asylanten, die Wirtschaftsflüchtlinge, wie sie benannt werden – von Pegida, Widerstand, AfD, NPD und CSU. Ganz vornedran in der Liste – die Roma vom Balkan, die „Asylmissbrauch“ betreiben. Beide Gruppen werden gegeneinander ausgespielt, andere, von Armut betroffene, Rentner_innen, Hartz-IV-Empfänger_innen, Wohnungslose kommen oft noch als Argument hinzu.

Auch Boris Palmer spielt in diesem Reigen neuerdings mit, agiert (mal wieder) als Wellenbrecher, um uns GRÜNE schussreif zu machen – für die nächsten sicheren Herkunftsländer:

Ich glaube, dass alle sich einig sind in Deutschland, dass wir den Menschen, die von Krieg betroffen sind, zum Beispiel in Syrien, helfen müssen. Und da werden noch wesentlich mehr kommen übers Mittelmeer, als heute schon da sind. Und dann ist es auf der anderen Seite auch nicht mehr vertretbar, dass fast die Hälfte aller Plätze in den Flüchtlingsaufnahmelagern von Menschen aus den Balkanstaaten belegt werden und deswegen nicht für die Menschen aus Syrien zur Verfügung stehen. Das heißt in der Konsequenz: Man muss zwei verschiedene Asylverfahren haben, man muss sichere Herkunftsländer definieren und man muss auch, so hart es für Einzelne dann ist, abschieben. Und das alles ist für uns Grüne schwer.

Und das ist falsch. Es gibt andere Möglichkeiten, der Lage Herr zu werden, dem Umsetzungsstau, der seit 3 Jahren vorhanden ist, denn solange ist mindestens klar, dass die Flüchtlinge nicht weniger, sondern mehr werden, zu beenden. Ein paar Vorschläge will ich machen:

Die Balkanländer sind für die überwiegend Roma, die hierher kommen, keine sicheren Länder. Weder die neuen, die es werden sollen, noch die, die im letzten Jahr fälschlicherweise dazu erklärt wurden. Roma werden in Europa systematisch diskriminiert, verfolgt. Die richtige Antwort wäre:

  • Wir müssen die Möglichkeiten, Bauland zu eröffnen, für sozialen Wohnungsbau, stark vereinfachen und da auch bei der Flächenversiegelung Kompromisse eingehen. Rückbau möglich machen.
  • Der Kreiskämmerer des Landkreises hat gesagt, es gäbe eigentlich genügend Bauland – nur ist nirgendwo Geschossbau geplant. Eine einfache Verordnung, die es möglich macht, schon ausgewiesene Bebauungspläne zu ändern und einen Anteil an sozialem Wohnungsbau festzuschreiben, der bei Neubaugebieten ausgewiesen werden muss, wäre nicht so schwer auf den Weg zu bringen
  • Statt nur Container, die knapp und teuer werden, kann auch mit Modulbauten, bspw aus Holz, sehr viel schneller bauen, als man es bislang tut oder wie man zurzeit Gebäude umbaut.

Wir brauchen Lösungen „vor Ort“, das ist sicher richtig. Aber diese Lösungen „vor Ort“ finden erst morgen statt und wirken auch erst morgen – wir können also heute nicht abschieben. Wenn diese Länder sicher sind, können wir fragen, ob die Leute zurück wollen. Je schneller wir dort Sicherheit erreichen, umso schneller wird das passieren.

Dazu gehört auch, die Wirtschaft in die Pflicht zu nehmen:

  • als Ausgleich für die Gigaliner mit einem Mercedes-Werk in Mazedonien, in Bosnien, im Kosovo – verbunden mit einer Ausbildungsoffensive für junge Roma?
  • Ein Bosch-Werk in Serbien?
  • Porsche – gebaut in Albanien?
  • Solarkollektoren von Paradigma – hergestellt in Pristina?
  • es gibt viele weiter TOP-Player in der Wirtschaft, die dort produzieren könnten.
  • Warum nicht in Deutschland wieder mehr selbst produzieren? Kleider – wir könnten Näher_innen ohne Ende qualifizieren.
  • und so weiter, …
  • Eine Anwerbeoffensive für junge Handwerker_innen in diesen Ländern?
  • Ein Vertrag mit diesen Ländern, dass wir dort, auf unsere Kosten, wenn es sein muss, Slums, in denen Roma hausen müssen, umbauen, dort Wohnungen (siehe oben) bauen dun den Leuten dort eine Perspektive bieten?
  •  Schulen in solche Gebiete bauen, Kinder und Lehrer bilden und ausbilden, alphabetisieren

Es gibt so vieles, was wir tun können, alleine, in Zusammenarbeit mit anderen Institutionen. Aber nicht nur immer davon reden oder zwei Minister in den Kosovo schicken, die dann in Zusammenarbeit mit einem korrupten System, dem niemand traut,  versuchen zu erklären, das es eh kein Asyl gibt. Viele glauben das einfach nicht. Und verkaufen weiterhin ihre 6 Kühe, damit sie hierher kommen können. Hier ein Portrait von vielen, die Martin Gommel, Fotojournalist, bei seiner Reise in den Kosovo in diesem Jahr gemacht hat, die einem das näher bringen kann.

Fluchtursachen müssen bekämpft werden – aber nicht, indem man zum zweiten Male in diesem Land „Zigeunerlager“ baut, indem man Menschen diskriminiert, ihre Diskriminierung negiert und ignoriert. Es gibt mehr als eine Lösung. Viele der möglichen Lösungen haben eines gemeinsam: sie kosten Geld. Aber was ist wichtiger: Menschenleben, Menschenwürde oder eine Einhaltung der Schuldenbremse? Was würde Jesus sagen – möchte man die fragen, die an ihn glauben.

Asylpolitik in Baden-Württemberg

Gestern wurde über die Kreisverbände ein Brief von Winfried Kretschmann (PDF) an die Mitglieder verteilt. Er nimmt zur aktuellen Asylpolitik Stellung.

Wie es so ist mit solchen Briefen, wird die Lage zuckersüß dargestellt. Das eigene Handeln ist ohne Zweifel, man macht angesichts der schwierigen Lage das beste, was möglich ist.

Ist das so?

Das erste Mal schlucken musste ich an dieser Stelle:

Art. 16 a unseres Grundgesetzes ist glasklar:
Politisch Verfolgte genießen Asylrecht.
Und das bedeutet: Für diese Menschen sind wir da. Sie brauchen unsere Hilfe und deshalb bekommen sie unsere volle, bestmögliche Unterstützung. Und ja: Für Verfolgte ist das Boot bei uns nie voll.

Und was ist mit allen anderen die hierher kommen? Die ein Bleiberecht haben – auf der Basis verschiedener Abkommen? Die sind also ausgeschlossen. Oder zumindest keine richtigen Flüchtlinge. Klingt so, oder? Wir kennen diese Aussagen. Es scheint also so zu sein, dass nun auch ein grün geführte Landesregierung Schutzsuchende sortiert – in gute und falsche Schutzsuchende.

Danach muss ich lesen:

Wir nehmen unsere Verantwortung sehr konkret wahr: Die Landesregierung hat in kürzester Zeit tausende neue Plätze in Aufnahmeeinrichtungen überall im Land ge-schaffen, mit denen wir die stark steigende Zahl von Flüchtlingen bewältigen.

Ja, inzwischen. Und nur einigermaßen. Ich erinnere mich noch gut an die Situation Ende 2012. Nachdem ich an einer Notunterkunft in der Karlsruher Delawarestraße einen PKW-Kofferraum voller Winterkleider und zwei Pakete Windeln abgegeben hatte, stand ich das erste Mal im Malscher Gemeinderat (in der Bürgerfragestunde) und hatte die Gemeinde gebeten, doch endlich ebenfalls Notunterkünfte bereit zu stellen – obwohl sie ursächlich nicht zuständig gewesen wäre. Ich wusste, in der Notunterkunft in der Delawaresteßae (das ist hinter dem Schulgebäude, wo meine Kinder zur Schule gehen, daher war ich da ganz gut informiert) wohnten, nein, man muss sagen hausten, teilweise bis zu 5 Familien in einem Zimmer. Kein Schreibfehler. Zimmer. Nicht Wohnung. Der Gemeinderat sah sich natürlich nicht in der Lage, etwas zu unternehmen. Bis heute sind die Aktivitäten auf das allernotwendigste beschränkt, wir haben nach wie vor keinen Raum, es fehlt an Platz für Gemeinschaftsunterkünfte, gebaut werden schonmal gar keine, bei der Anschlussunterbringung hinken wir auch hinterher.

sculpture-of-a-child-in-the-shadeAnstrengungen der Landesregierung, sofort Abhilfe zu schaffen: praktisch keine. Die grün geführte Landesregierung hat abgewartet, ob der Flüchtlingsstrom (ja, auch das höre ich aus manch grünem Munde, verbunden mit dem unsäglichen Hochwasservergleich) wieder „abebbt“ (um im Sprachbild zu bleiben). 2014, endlich, die Initiative zu neuen Erstaufnahmeeinrichtungen. Ein wenig Geld für den Bau von Gemeinschaftsunterkünften. 15 Millionen für 2015. Die waren Ende Januar weg. Und es gab nichts für kleine Gemeinden. Neuauflage, mehr Geld? Fehlanzeige,

In Malsch wurden, wie anderswo, nach 1992 (Asylkompromiss I) die Infrastruktur zur Aufnahme von vielen Schutzsuchenden zerschlagen, aufgelöst, umgewidmet. Geld, diese einfach wieder so herzustellen, ist nicht vorhanden, müsste aufgenommen werden. Auf meine Frage in der letzten Landesvorstandsklausur, ob da nochmal was käme: eisiges Schweigen.

Stattdessen kommt nun dieser Brief – der nichts falsch darstellt – aber geschönt und den Blick auf die Probleme verstellen möchte.

Der Asylkompromiss hat die Lage nicht verbessert. Er war ein Fehler – hat er doch die Ressentiments nicht nur geschürt – sondern gesellschaftsfähig gemacht. Er hat bestätigt, dass es gute und schlechte Flüchtlinge gibt – und all denen REcht gegeben, die das die ganze Zeit behaupten.

Es gibt in diesem Brief keine Aussicht auf Verbesserung der Abschiebepraxis. Wieso nimmt das Land nicht seinen Handlungsspielraum und sorgt da, wo es abschieben muss, aufgrund der Bundesgesetzgebung, nicht für eine humanere Abschiebepraxis? wieso kein Winterabschiebestopp? Wieso muss man Menschen so abschieben:

aus einer Mail:
Eine traurige Nachricht: Kaum sind die Flüchtlinge aus ihrem Massenquartier Turnhalle in das Hotel Bauer umgezogen, erfolgte in der Nacht zum Montag, den 16. März die erste Abschiebung.
In der Nacht um 3.00 Uhr wurde ein junger Mann aus Gambia aus der Unterkunft geholt, mit Handschellen gefesselt über Freiburg nach Frankfurt überstellt und dort nach Mailand verbracht.

Das Gute, was Kretschmann in Sachen Asyl tut, wiegt das Schlechte bei weitem nicht auf. Was er aufzählt – richtig. Aber da, wo er konkret bei den Schutzsuchenden, die hier sind, Hilfe leisten könnte, lässt er es bleiben. Wieso muss dieses Land schuldenfrei sein, 4 Jahre vor dem Tag, an dem es das wirklcih sein muss – und Menschen, die hierher kommen, auf der Flucht, müssen unter den unwürdigsten Umständen hausen, teilweise in Containern, teilweise weitab von der Bevölkerung? Eine grün geführte Landesregierung stellt Geld über Menschen. Das hätte ich mir in meinen schlimmsten Albträumen nicht vorzustellen gewagt.

Und am Schlimmsten: kein Wort zu den Roma. Kein Wort der Anerkennung, dass sie europaweit einen Schutzstatus benötigen. Achso – das widerspräche ja der Blindheit, die zum Asylkompromiss geführt hat.

Diese grün-rote Asylpolitik ist nicht zum aushalten. Vornerum macht man auf schön, hintenrum praktiziert man weiter wie es auch die CDU tun würde. Ich bin beschämt.

Antiziganismus

ist neben dem Antisemitismus ein weitgehend unbekannter Begriff. In diesen Tagen aber wird deutlich, wie sehr dieser Antiziganismus offenbar gesellschaftsfähig ist. Gesellschaftsfähig aus Angst vor etwas, das man nicht kennt und aus Angst vor Menschen und Angehörigen einer Menschengruppe, vor denen seit vielen hundert Jahren „gewarnt“ wird – gewarnt mit platten Vorurteilen, mit Ressentiments.

Es geht um diejenigen, die der Volksmund „Zigeuner“ nennt, eine ethnische Minderheit in Europa (und der ganzen Welt), deren Ursprünge wohl in Indien zu suchen sind und die seit mehren Jahrhunderten durch Europa ziehen. Es ist ein Volk ohne Nationalstaat und damit ohne eigene Staatsangehörigkeit. Das Volk der Roma (ich spreche hier nur über „Roma“, auch wenn die unterschiedlichen Gruppen stärker differenziert sind) wird und wurde immer mit konstruierten Vorurteilen verfolgt und aktuell nicht nur mit diesen, im Bewusstsein vieler Menschen in Europa und der ganzen Welt verankert (Diebe, Betrüger, ..) und dafür mit Diskriminierung, fehlender gesellschaftlicher Teilhabe, keinem Zugang zu Gesundheitswesen, Arbeitsplätzen, sozialen Sicherungssystemen, oft genug Wohnraum bestraft werden. Eine gesellschaftliche Strafe ohne Anklage, ohne Verhandlung. Eine Form des Rassismus. Und einer Doppelmoral, die sich in der romantischen Verbrämung des „Zigeuenerlebens“ als unabhängig, frei, sexuell attraktiven Frauen und Männern“ darstellt und in deutschen Schlagern wie bspw. Alexandras „Zigeunerjunge“ (1967) gipfelt.

Im letzten Jahr haben wir erlebt, wie der Druck der Diskriminierung auf die Roma vor allem in den Balkanländern dazu führte, dass immer mehr von ihnen in den Wintermonaten nach Deutschland flüchteten. Die Situation vor Ort war teilweise unerträglich, ich habe dazu im Oktober 2012 geschrieben. Auch in diesem Jahr werden für die Wintermonate wieder verstärkt  Zuwanderungen erwartet – für viele Familien der Roma die einzige Chance, um wenigstens eine warme Unterkunft in den kalten Tagen zu haben – und damit zu überleben.

Man muss nicht nur daran erinnern, dass der Innenminister das Ende der Visafreiheit für Serbien und Mazedonien gefordert hat, um die dort diskriminierten Roma, deren Diskriminierung er nicht anerkennt und damit ihr begründetes Asylbegehren, um zu erkennen, dass die Voruteile nicht nur latent vorhanden sind. Sie äußern sich dann auch, wenn Behördenvertreter äußern:

„Selbst sozial Engagierte sagen doch, dass nur wenige Roma integrationswillig sind“, meint der Beamte: „Die anderen kommen mit unserer Gesellschaft nicht klar. Die müssen weg.“

so der Duisburgs Polizeisprecher Ramon van der Maat(!). (Kling übrigens, als wäre er selbst Migrant).

Unter diesen Umständen ist es kaum verwunderlich, wenn sich NPD und AfD sicher fühlen, die Republikaner „das Boot ist voll“ plakatieren, wenn sie sich sicher sein können, dass Hetze und Widerstand vor allem gegen Roma  aufgrund des gesellschaftlichen Vorurteils und der geprägten Angst, geschürt von Volks- und Behördenvertretern auf Verständnis in der Bevölkerung stoßen. Und es wundert kaum,auch wenn es mich entsetzt, wenn dann gar Menschen aus der SPD wie Herr Korol aus Bremen diese rassistischen Stereotype wiederholen oder gar grüne Mitglieder dann erst meinen, diese Stereotype selbst beurteilen zu wollen, weil es ja doch irgendwelche Missstände geben könnte und damit Ursache und Wirkung vermischen.

Die Berichte aus „In den Peschen“ in Duisburg sind mehr als erschreckend, die Berichte aus Marzahn-Hellersdorf nicht minder. ein kleines bisschen Hoffnung machen Berichte, dass die Bewohner von #MaHe sich rechtfertigen müssen für die rechten Protest vor der zur Flüchtlingsunterkunft umfunktionierten Schule und dem Widerstand gegen die NPD-Kundgebungen. Aber die Frage, die sich die SPD-geführte Stadt stellen lassen muss ist: wieso werden eigentlich diese Kundgebungen zugelassen, die Menschen, die vor Hunger, Armut und Tod hierher geflüchtet sind, in Angst und Schrecken versetzen, das Trauma vertiefen? Das fragt offenbar niemand und Herr Wowereit gibt dazu natürlich keine Antwort. Spricht man darüber, so hört man einerseits Verständnis für die Anwohner, die diese Leute, die ja nur Dreck machen und einem das Kupfer aus der Stromversorgung klauen, nicht in der Nähe haben wollen und andererseits will niemand was mit der NPD zu tun haben. Ich habe im letzten Jahr versucht, hier in Malsch ein kurzfristiges Wohnheim dem Gemeinderat in der Bürgerfragestunde abzuringen. Niemand, kein Grüner, kein SPDLer, erst recht keine CDUler oder Freie Wähler haben versucht, etwas zu unternehmen. Praktisch nirgendwo werden Kommunalpolitiker_innen aktiv, um die Situation für diese Menschen, die Flüchtlinge, angenehmer, würdiger zu machen. Aus Angst vor dem latenten Rassismus in der Bevölkerung ducken sie sich weg, anstatt ihm entgegen zu treten. Es ist schlicht eine Schande.

Was kann man tun? Wir brauchen eine gesellschaftliche Debatte über Antiziganismus. Man könnte den 8. April, den internationalen Tag der Sinti und Roma zum Feiertag ausrufen (und parallel dazu noch einen islamischen Feiertag). Die Anerkennung der Verfolgungsgründe der Roma muss auf Bundesebene sofort erfolgen – damit kein Bundesland mehr gezwungen werden kann, Roma abzuschieben. Und ich erwarte von nicht nur den grünen Kommunalpolitikern, dass sie sich dafür einsetzen, Roma dezentral und integriert Unterkünfte zur Verfügung zu stellen. Ich erwarte von den Kirchen, dass sie die Vorurteile gegen Roma, die christlich geprägt sind (wie z. B. „Zigeuner“ haben die Nägel für das Kreuz Christi geschmiedet – Gott hat sie dafür bestraft und zu ewiger Wanderung verflucht (Wer also verhindert, dass Roma sich niederlassen, unterstützt Gottes Wille), „Zigeuner“ stehen mit dem Teufel im Bunde – von diesem bekamen sie die magischen Kräfte und die dunkle Hautfarbe) , in aller Deutlichkeit widerlegen. Ich vermute allerdings, dass all das Utopie bleiben wird.

Asylsuchende

Ich reibe mir die Augen. Täglich findet sich regelrecht ausländerfeindliche Hetze gegen Roma in den Medien. Und nicht nur das. Ein Teil des deutschen Ostens gilt als teilweise für fremdländisch aussehende Menschen über unbereisbar – bewohnbar ist fast undenkbar. In Berlin wird einfach so ein junger Mann zu Tode geprügelt – und ausländerfeindliche Sätze landen sogar im öffentlich ausliegenden Kondolenzbuch. „Meine“ Tageszeitung – es gibt hier keine andere – berichtet ungefiltert, ohne Nachrecherche und ohne Differenzierung von zureisenden Mazedoniern und Serben, die ja nur kommen, um Sozialhilfe abzugreifen – und kaut dabei den alltäglichen CDU-Rassismus wider.

Doch im Sommer sind die Zahlen noch einmal deutlich in die Höhe geschnellt. Hauptherkunftsländer sind Syrien, der Irak sowie Serbien und Mazedonien. Laut dapd sieht das bayerische Innenministerium eine Ursache für die Flut der Asylanträge aus den beiden letztgenannten Ländern in der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts vom Juli, wonach die Leistungen für Asylbewerber zu erhöhen sind. Und: Seit Dezember 2009 können Serben und Mazedonier ohne Visum in die EU einreisen.

schreibt sie am 4.10. im Regionalteil. Hintergrund ist: Der Landkreis hat es verpasst, für ausreichende Plätze zu sorgen. Dabei ist die Situation in den Ausfnahmestellen im Landkreis mehr als angespannt. Schon vor rund 2 Jahren habe ich auf die unerträgliche Situation in Ettlingen aufmerksam gemacht. Getan aht sich seitdem wenig – obwohl saniert, ist der Platz nicht mehr geworden, der Standort ist nach wie vor unfassbar menschenunwürdig.

Der Bericht hat mich zu einem Leserbrief förmlich getrieben:

Ihr Bericht stellt die Situation ziemlich unbefriedigend dar. Der Landkreis hat es verpasst, für ausreichend menschenwürdige Unterkünfte zu sorgen, die Zahlen sind schon länger bekannt. Die Notlage jetzt, unter der vor allem die Asylsuchenden leiden müssen, ist hausgemacht. Schaut man sich bspw. die Unterkunft in Ettlingen genau an, dann wird man sehr schnell feststellen, dass es sich dabei kaum um eine menschenwürdige Unterkunft handelt. Hineingequetscht zwischen Autohaus nund 24h-Tankstellenbestrieb, ohne Anschluss an den ÖPNV (der sich mittels Bedarfshaltestelle sogar leicht einrichten liese) hat das, was der Landkreis dort leistet, wenig mit einer so dringend benötigten Willkommenskultur oder gar der im Grundgesetz garantierten Menschenwürde zu tun.
Leider erweckt auch Ihr Artikel den Eindruck, als ginge es den Flüchtlingen aus Serbien und Mazedonien alleine um den Leistungsbezug. Es fehlt die grundlegende Information, wer denn von dort hierher flüchtet: es sind vor allem Roma, von deren Situation vor Ort Pro Asyl sagt: „Wenn man mal akribisch zusammenstellen würde, was eine Roma-Familie alles an Ausgrenzung und Gewalt erlebt, dann wäre das Maß einer Gruppenverfolgung wohl erreicht.“ Und die Schnapsidee, die Visumspflicht wieder einzuführen, wird genau dieser Bevölkerungsgruppe dort wieder als negativ ausgelegt werden – und für eine weitere Verschärfung ihrer Situation sorgen. Viele andere Flüchtlinge kommen aus den Krisengebieten der Welt wie Afghanistan, Iran, Syrien, Irak – ich glaube kaum, dass irgendwer annimmt, man flöhe von dort aus Jux und Dollerei.
Asylsuchendenunterkünfte haben in Industriegebieten nichts verloren. Es wird Zeit, dass alle Gemeinden ihrer Unterbringungspflicht genüge tun und die Menschen innerhalb dieser Gemeinden in guten Unterkünften unterbringen. Flüchtlinge brauchen Solidarität, keine Gängelung oder Unterstellung niederer Absichten, wie es leider auch in Ihrem Artikel zwischen den Zeilen mitschwingt.

Währenddessen wird am Baden-Airpark weiter abgeschoben. Auch und vor allem Roma, die kein Asyl erhalten. Zurückgeschickt nach Serbien, Mazedonien und in den Kosovo – obwohl man ihre Situation dort kennt – keine Chance auf Arbeit, keine Chance auf Integration in die Gesellschaft. Auch Frankreich handelt so – teilweise widerrechtlich wie wir wissen. Die Roma sind weiterhin verfolgt, verachtet, schikaniert. Das Mahnmal in Berlin, das an die von den Nazis ermordeten Sinti und Roma erinnern soll – es ist Hohn angesichts dessen, was wir mit diesen Menschen in diesem Land anstellen.

Blogedit:

Der niedersächsische Innenminister Uwe Schünemann (CDU) etwa unterstellte den Roma unlängst „tausendfachen Asyl-Missbrauch“, da sie aus rein wirtschaftlichen Gründen nach Deutschland kämen. Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) hat gefordert, die seit Ende 2009 bestehende Visafreiheit für Bürger Serbiens und Mazedoniens wieder aufzuheben, die den jetzigen Zustrom erst möglich gemacht hat. Nur den Satz „Das Boot ist voll“ hat bisher noch niemand benutzt.

Anders, als die Frankfurter Rundschau in einem wirklich nachdenklich machenden Artikel vermutet, wird der Satz doch benutzt – meist von Kommentatoren auf Nachrichtenseiten wie der ka-news. Nicht das ich die latente Ausländerfeindlichkeit nicht kennen würde – aber die Ignoranz gegenüber Asylsuchenden und ihrer Notlage ist erschreckend. Dabie geht es auch anders. Hinter unserer Schule, der FASKA in Karlsruhe, sind seit kurzer Zeit Asylbewerber_innen aus Serbien und Mazedonien untergebracht. Ein Bürogebäude – ich würde darin vielleicht 30 Personen vermuten. Die Stadt Karlsruhe hat darin 250 Menschen untergebracht. Teilweise leben bis zu 5 Familien in einem Zimmer. Die Menschen sind sich selbst überlassen. Kleine Kinder, Jugendliche, Erwachsene, sie sprechen fast kein Deutsch. Viele FASKA-Eltern haben in den letzten Tagen warme Kleider und Spielsachen gesammelt und dort vorbei gebracht – weil die Not so völlig offensichtlich ist, die Perspektivlosigkeit fast mit Händen greifbar.

Wie kann jemand ernsthaft von Wirtschaftsflüchtlingen reden, wenn er von solchen Schicksalen liest:

Die Armee-Rente wurde ihm verweigert. Die Fabrik, in der er arbeitete, entließ ihn. Sein Vermieter setzte ihn und seine Familie vor die Tür. Als ihm nichts anderes mehr übrig blieb, zog er mit Frau und Kindern auf die Mülldeponie. Sie wühlten nach allem, was sich noch irgendwie verkaufen ließ. „Und dann wollten die Lehrer meine Kinder nicht mehr unterrichten. Weil sie stinken. Wie soll man nicht stinken, wenn man von der Deponie lebt?“

Und wie kann man einem Menschen ein menschenwürdiges Leben verweigern – in einem der reichsten Länder der Welt?

Blogedit 2:

Heute ein Leserbrief in den BNN, Ausgabe Ettlingen zu meinem Leserbrief:

 

Blogedit vom 23.11.2012

Am Mittwoch hatten wir eine Mitgliederversammlung und ich habe die Unterbringung von Asylbewerbern eine „humanitäre Katastrophe genannt – was die BNN auch zitiert hat. Daraufhin habe ich heute folgende Mail erhalten:

eine humanitäre Katastrophe .. mitten in Deutschland. Eine Kleinstadt am Rande des Schwarzwaldes ist Zentrum einer Tragödie, erschütternde Szenen,
Flüchtlinge in Notunterkünften, der Winter steht vor der Tür, rationierte Lebensmittel und Seuchengefahr, die Hilfskräfte kommen nicht an den Ort des Geschehens …
aber Jörg Rupp ist schon da, und damit die Grünen, als erste reichen sie die Hände und blicken in große, dankbare Kinderaugen. Es ist so gut ein Grüner zu sein und für das Menschliche in unserer herzlosen Welt zu kämpfen …
Mir wird übel, wenn ich die Berichte und eure Kommentare zum Thema Asylpolitik lese. Gibt es bei euch Gutmenschen nicht irgendwann auch ein Stimmchen, das euch darauf hinweist, he, du wirst hier verarscht. Kommt euch nicht in den Sinn, daß Zigeuner über Jahrhunderte Strategien entwickelt haben, wie sie den Sesshaften die Hühner aus dem Stall klauen.
Jetzt, wo unsere Hühner auf der Hühner-Bank sicher sind, nehmen sie die Gelegenheit war und machen sich bei uns wenigstens einen warmen Winter.
Da passt es, das auch gerade Weihnachten vor der Tür steht und die jämmerliche Erscheinung von Frau und Kinder so manch einen „erbettelten“ Euro in den Beutel des Sippenoberhauptes spült.
Eigentlich habe ich erwartet, dass der Gerechtigkeitssinn der Grünen irgendwann wach wird und unterscheidet zwischen Flüchtlingen deren Geschichte tatsächlich von Krieg und Vertreibung erzählt und den Anderen, die sich hier bedienen wollen.
Dann, diesen Zustand – humanitäre Katastrophe – nennen, ist eine rethorische Entgleisung besonderer Art. Was schlägst Du vor, eine dezentrale Lösung. Ist in deiner Nachbarschaft noch eine Wohnung frei
oder etwa in deinem Haus? Versuchs mal mit gutem Zureden, wenn deine Lebensumfeld plötzlich durch eine Zigeunersippe „bereichert“ wird.
Multikulti kann so farbig sein …

Macht nur weiter so, ich sehe eine große Wut in unserer Gesellschaft wachsen. Mag sie gerecht sein oder ungerecht,
euer Geschwafel trägt dazu bei, dass die Gemeinschaft der Bürger zwar noch links/grün wählt aber rechts denkt.

Ich war Grüner der ersten Stunde, hab mich bis zuletzt gefreut über die vielen Wahlerfolge – aber ich kann es nicht mehr hören, das sozialromantische Gelabere, das feuchtwarme Ärschekriechen in die Hintern der Minderheitenverbände.

Jetzt ist für mich Schluss – nie wieder Grün!

für Natur und Umwelt