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Zweierlei Maß?

Nadja Benaissa
Nadja Benaissa

Diese Woche erging das Urteil gegen Nadja Benaissa, die einen Mann beim ungeschützten Geschlechtsverkehr mit hoher Wahrscheinlichkeit mit dem HIV-Virus angesteckt hat. Ich denke mal, dass die Details hinreichend bekannt sind. Zwei Dinge treiben mich in dieser Sache um:

Erstens: Vorverurteilung und Schlüsselloch

Da ist einerseits eine prominente Frau, eine gutaussehende (soweit man das anhand der Pressefotos beurteilen kann), ehemals erfolgreiche Frau, die zwar mit der Band „No Angels“ große Popularität erfuhr, andererseits offenbar, soviel kann der Berichterstattung entnehmen, mit ihrem Leben im Glitzerschein nicht wirklich zurecht gekommen ist. Jetzt stand sie vor Gericht. Und natürlich stürzt sich nicht nur der Boulevard auf die Geschichte dieser Frau.  Teilweise genüsslich. Respektvolle Berichterstattung fand ich im Nachhinein unter anderem in diesem taz-Artikel.

Benaissa hat Liebhaber, so viel wird in den Zeugenbefragungen deutlich, denen sie ihre Infektion offenbarte, und es gibt andere, denen sie sie verschwieg. Warum sie so vorgeht und was dahinter steckt, ist nicht Gegenstand in den öffentlichen Vernehmungen. Dass Schuld, Scham, Druck durchs Management der No Angels, dass Angst oder das teils muslimisch geprägte Elternhaus Benaissa in Zwangssituationen brachten, dass zudem Alkohol im Spiel war, wird erwähnt. Was es jedoch mit einer Frau macht, die zum Zeitpunkt eines Teils der Delikte noch Teenager war, ist nicht Gegenstand der Betrachtung.

Ich hatte in dem, was ich von diesem Prozess wahrnahm, durchaus das Gefühl, dass vor allem der „Sex Sells“- Anteil an dieser Geschichte ausgebreitet wurde. Und natürlich schwang der Vorwurf immer mit. Die Hintergründe interessierten nicht weiter. Und es erinnerte mich an den Fall Kachelmann. Prominent. Angeklagt. Eingesperrt. Verdacht(!) via Staatsanwalt veröffentlicht. Wo bleibt da die Unschuldsvermutung und damit der Schutz der Bürgerin Nadja Benaissa vor der möglichen falschen Anklage?

Interessant dabei: am Ende schien es so zu sein, dass die Ansteckung des ehemaligen Sexualpartners tatsächlich aufgrund der Seltenheit des Virustypes festzustellen war. Aber als man sie Karsamstag 2009 eingesperrt hatte, war  auf Spiegel Online Folgendes lesen:

„Der absolute Nachweis, dass Person A die Person B mit HIV infiziert hat, ist nach einigen Jahren mit medizinischen Mitteln nicht mehr zu führen“, sagte der Bochumer Professor für Dermatologie und Allergologie SPIEGEL ONLINE. Dafür mutierten die Viren in beiden Körpern zu stark – insbesondere wenn sich die Betreffenden Therapien unterzögen.

Wie aus Justizkreisen verlautete, soll der letzte sexuelle Kontakt Benaissas zu dem Mann, der sie angezeigt hat, im Frühjahr 2004 stattgefunden haben.

Trotz dieser offensichtlich massiven Zweifel daran, eine eventuelle „Schuld“ überhaupt nachweisen zu können, implizierte der Haftrichter „Wiederholungsgefahr“ und sperrte sie ein. Da war das Urteil im Kopf wohl schon gesprochen. Jetzt hat sie zwei Jahre auf Bewährung bekommen. Und das ist falsch. Denn verurteilt wurde sie schon: mit ihrer Festnahme und der Berichterstattung darüber wird sie – wie zuletzt Kachelmann – öffentlich vermutlich immer mit dem Makel behaftet sein. Die Berichterstattung zeichnete das Bild einer Frau, der es egal war, mit wem sie ins Bett ging und unter Alkohol war es ihr auch egal – so die Botschaft. An diesem Pranger wird Frau Benaissa wohl noch lange stehen. Ob ihr ein Weg zurück zur Musik und/oder die Öffentlichkeit offen steht, wage ich zu bezweifeln. Dafür wäre sie nicht zu verurteilen, sondern zu entschädigen. (geradezu zynisch erscheint mir, dass ihre vermutlich geringere Lebenserwartung strafmildernd wirken soll)

Zweitens: die Schuldfrage.

Die Aidshilfe kritisiert das Urteil völlig zu Recht. Verantwortlich für die Verhütung sind die (in diesem Fall) beiden Sexualpartner.  Wäre dies selbstverständlich gewesen, dann stellte sich die Frage gar nicht, ob sie hätte etwas sagen müssen. Aber es ist die gleiche Moralvorstellung, die damit einhergeht. Wäre sie aufgrund dieses Verkehrs schwanger geworden, hätte man ihr zugerufen: „selbst schuld, hätteste mal verhütet“.  Viele Männer gehen scheinbar davon aus, dass ihre Sexualpartnerinnen sie über alle Risiken des Geschlechtsverkehrs aufzuklären haben. Dabei kennen sie sie doch – sollte man meinen. Männer wissen, dass Frauen schwanger werden können. Männer wissen, dass es AIDS gibt und dass ein neuer Partner ein Vorleben hat – auch ein sexuelles. Hofft man. Nun aber schäumt sie, die maskulistische Männerwelt (die auch gerne mal den Samenraub als böse Absicht kommuniziert – das ist, wenn Frauen, die doch eigentlich verhüten sollen, nur damit sie Kindergeld und Kindesunterhalt bekommen, schwanger werden).  Einer schreibt zur Kritik der Aidshilfe:

Es ist schwer nachzuvollziehen, wie es zu einer solchen Reaktion seitens der AIDS-Hilfe kommen konnte. Schließlich handelt es sich hier um eine Organisation, die sich öffentlich für Prävention einsetzt. Wie kann eine solche Organisation sich schützend vor eine Person stellen, die wissentlich andere infiziert, also genau das Gegenteil dessen tut, wofür die AIDS-Hilfe eigentlich steht. Zumal es sich bei Benaissa um eine prominente Person mit Vorbildfunktion handelt, an der sich junge Menschen orientieren. Welches Signal setzen die Justiz, die AIDS-Hilfe, und die Medien? Lautet die Botschaft „Es ist OK, wenn Du Deine Partner ansteckst, sie sind selbst schuld wenn sie Dir vertrauen“?

was natürlich leider in einschlägigen Foren unkritisch wild beklatscht wird. (Und angesichts der vielen Bilder, die es von dieser Frau gibt, fand ich es offenbarend, dass dieser Maskunaut ein Posing-Bild genommen hat) Diese Männerwelt sieht natürlich nicht ein, dass ein Mann seinen Teil zur Verhütung und zum Schutz vor AIDS beizutragen hat.

Womit allerdings die einzig berechtigte Kritik an der Kritik der AIDS-Hilfe anzubringen wäre. In vergleichbaren Prozessen gegen Männer hören wir eine solche Kritik nicht.  Zu diesem Fall

Im Januar 2007 wurde ein HIV-infizierter Mann vom Landgericht Würzburg zu fünfeinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. Der Kenianer hatte mit mehreren Frauen ohne Kondom geschlafen und ihnen nichts von seiner Infektion erzählt. Das Gericht verurteilte den 38-Jährigen wegen versuchter und gefährlicher Körperverletzung in neun Fällen. Zwei seiner Ex-Freundinnen steckten sich mit dem HI-Virus an.

findet sich bei der AIDS-Hilfe keine Meldung, keine Kritik. (Juristisch stellt sich die Frage, warum die Staatsanwaltschaft nicht die deutsche Frau, bei der er sich angesteckt hat, anklagt). Und das ist nicht in Ordnung. Denn die AIDS-Hilfe müsste sich bei allen entsprechenden Fällen zu Wort melden, nicht nur bei Promis. Und sie müsste sich auch zu Wort melden, wenn ein Mann betroffen ist. Für beides finde ich weder Pressemeldungen noch irgendwas auf der Seite der AIDS-Hilfe. Natürlich sagen sie, dass alle Partner verpflichtet sind, sich zu schützen. Aber in diesem Sinne Partei ergreifen tun sie nur für die öffentliche Frau.

Update:

Trotz Aids-Erkrankung ungeschützten Sex
48 Jahre alter Mann muss für 18 Monate hinter Gitter — Keine der Frauen angesteckt

titelt nordbayern.de am heutigen 07.09.2010. Der Fall ist vergleichbar. Nur stand keine Prominente Frau vor Gericht, sondern ein männlicher Migrant, der zudem offenbar noch Unterstützung durch Dolmetscher benötigte. Verurteilt wurde der Mann zu einer Freiheitsstrafe von 18 Monaten. Von einer Selbstverantwortung der Frauen, Schutz vor Schwangerschaft oder Aids, war im Verfahren offenbar nicht die Rede. Und auch über Verlautbarungen der AIDS-Hilfe konnte ich bislang nichts finden. Zweierlei Maß. Ganz offensichtlich.

Leserbriefe

Kurzkommentar:

Ich habe diese Woche einen Leserbrief geschrieben, weil im taz-Artikel zur gemeinsamen Sorge von unverheirateten Vätern mal wieder die Angst vor prügelnden Vätern in den Vordergrund gestellt wurde. Gut, kann man erwarten, wenn es von den Frauenhäusern kommt. Von einer Zeitung erwarte ich dann aber etwas differenzierende Berichterstattung, so beispielsweise die Erkenntnis, dass Mütter ihre Kinder ungefähr genauso oft schlagen wie Väter. Dazu gibt es genügend scheuklappenlose Erkenntnisse. Die taz aber nun kürzt meinen Leserbrief aber dann genau um die kursive Stelle:

Selbstverständlich müssen Gewaltopfer geschützt werden. Und es ist eine berechtigte Forderung, dass Frauenhausadressen geheim bleiben müssen. Aber wenn es um die Kinder geht, um elterliche Sorge, dann steht das eben hintendran und nicht vornedran. Dann muss der Kontakt eben über Dritte wie Großeltern oder Jugendamt gewährleistet werden. Denn die Strafe für Körerverletzung heißt nicht: lebenslanger Kinderentzug oder Entväterung.

Darüber hinaus bleibt windmühlenartig zu wiederholen: Kinder werden zu gleichen Teilen Opfer von Gewalt durch Männer und Frauen. Wenn eine Frau ihr Kind drischt, soll man sie dann auch davon ausschließen, über die Schule ihres Kindes eine Entscheidung treffen zu dürfen? Oder ihr lebenslang den Kontakt zu ihrem Kind untersagen dürfen?

Das ist regelrecht sinnenstellend. Und ich finde es schlimm, weil es genau dieser Aspekt ist, der im Ursprungsartikel fehlt und damit einseitig Gewalt Vätern zuordnet. Leider erlbt man das in der Debatte um Gewalt immer wieder. Nicht das Opfer muss geschützt werden, sondern der männliche Täter soll angeprangert werden. Schade taz.

vom Hass auf Andersdenkende

Im Jahr 1998 beschloss mein damals 8-jähriger Sohn, dass er nicht mehr bei seiner Mutter leben wollte. Nachdem ich seinen Wunsch auf Ernthaftigkeit geprüft hatte und sicher war, das es dass war, was er wollte, wandte ich mich hilfesuchend ans Jugendamt und versuchte mit ihr eine Einigung zu treffen – denn einfach so konnte und wollte sie wohl nicht zustimmen. Anfang August 1999 fand dieser Termin statt. Am Freitag davor telefonierte ich mit ihr, es war Umgangswochenende, die Kinder waren bei mir – mein Vater hatte sie schon bei ihr abgeholt. Sie äußerte eindeutig ihre Zustimmung zum Umzug, sodass wir am Wochenende schon Pläne schmiedeten. Dann kam Mitte der Woche der Termin. Einer ihrer ersten Sätze war, dass sie dem Umzug nicht zustimmen würde, weil die Betreuung des Kinder nicht gewährleistet wäre, weil ich Vollzeit berufstätig war. Das Jugendamt hatte keine Handhabe, in die eine oder andere Richtung zu intervenieren und ich hatte keine große Ahnung, was möglich war und was nicht. Am nächsten Tag reichte ich die damals schon seitens meiner Rechtsanwältin vorbereitete Klage ein mit dem Ergebnis, dass er im Oktober 1999 aufgrund einer am Tag der Gerichtsentscheidung gefällten Zustimmung meiner Exfrau endlich zu mir ziehen konnte – wobei das Urteil trotzdem noch entsprechend gesprochen wurde.

In der Folge kam ich in Kontakt mit der im Internet aktiven Männer- und Väterbewegung, damals noch überwiegend in Foren aktiv. Ich benötigte Unterstützung in allem familienrechtlichen Angelegenheiten. Am Ende sollte dieser Streit andauern, mit Unterbrechungen bis eigentlich heute in verschiedenen Ausprägungen und Intentionen.

Ich benötigte auch Wissen, dass ich mir durch Beiträge in Foren und aktive Hilfe, wälzen von Rechtshilfeseiten angeeignet hatte. Wissen, damit ich nachvollziehen konnte, was meine Anwältin da machte und schrieb und warum. Mit der Zeit war ich selbst in der Lage zu beraten. Und mehr und mehr wurde mir die politische Dimension bewusst. Und grenzte mich sehr schnell von der radikalisierten Männerbewegung ab, die mir zum einen in ihren Äußerungen sehr rechtslastig erschien und darüber hinaus sehr frauenfeindlich und rückwärtsgewandt.

Trotz aller Erfahrungen mit meiner Exfrau erscheint es mir nicht angebracht, meine negativen Erfahrungen auf andere Frauen zu projezieren. Sicher, ich bin wacher geworden – und manchmal etwas übervorsichtig. Ich weiß auch, dass es meine Sicht ist, die ich habe – und meine Ex die Dinge natürlich ganz anders wahrnimmt. Aber ansonsten erschließt es sich mir nicht, wie man bspw. ernsthaft sich den Thesen einer Eva Hermann oder Christa Müller anschließen kann, die ja mehr oder weniger offen von der Rückkehr der Frau an Heim und Herd propagieren. Und es gibt einen relevanten Teil der sogenannten Männerbewegung, die diesen Thesen anhängt. Hinzu kommen radikale Katholiken, Männer, für die Frauen lediglich zum be-Sexen da zu sein scheinen, andere, die offen für die Vorherrschaft der Männer plädieren. Männer, deren Hauptaugenmerk „der Feminismus“ ist, für die Schließung von Frauenhäusern plädieren – wie Professor Amendt oder gar die Adressen von Frauenhäusern im Internet veröffentlichen wollen. Rechts ist wohl die richtige Einschätzung für diese Männer – und Frauen, die es auch darunter gibt. Eine davon – Foren- und Blogbetreiberin – lebte mal für 4 Wochen mit ihrem Sohn bei mir, als sie kurzfristig eine Wohnung suchte, nachdem ihr „Mann“ ihren damals 13-jährigen Sohn aus der gemeinsamen Wohnung geschmissen hatte. Ihre Helden sind Männer, die offen beschreiben, dass sie ihre Kinder verlassen hätten und dafür jetzt mit einer – oft – viel jüngeren Frau in Thailand oder sonstwo leben.

Aktuell kann man in der Debatte um das grüne Männermanifest – das ich mitunterzeichnet habe – mitlesen, wie sie sich selbst in Wut schreiben und ihre Argumente oder solche, die sie dafür halten, wiederholen und ihre rein optische Übermacht durch viele Beiträge, bei denen sie gar nicht mehr auf Antworten warten und diese teils selbst geben, meinen, die Meinungshoheit zu haben. Sie belegen sich selbst – Andersdenkende werden niedergepöbelt und wo das nicht funktioniert, soviel geschrieben, dass man auch gar keinen Sinn mehr drin seiht, auch nur einen Satz zu antworten. Auch zeitversetzte Kommunikation muss einen Dialog möglich machen – aber daran sind sie nicht interessiert. Seit Jahren sitzen diese Männer hinter ihren PCs und trauen sich nicht dahinter hervor. Keine Aktionen, keine Zusammenschlüsse. Keine Männerhäuser, für die sie öffentliche Gelder erwarten, ohne nachweisen zu können, dass es einen Bedarf gibt. Keinen Boys Day – soll Vater Staat machen. Keinen Mut, Maulhelden, sozusagen. Dafür wird alljährlich darüber geschimpft, dass es einen Girl’s Day gibt. Die Alternative wäre, selbst entsprechende Aktionen für Jungs zu organisieren, wenn man die einseitige Praxis des Staates – mit Recht – kritisiert und sowas für notwendig hält (ich find’s grundsätzlich etwas schräg). Aber motzen am PC, versteckt hinter einem Pseudonym, ist einfacher.

Das dabei mögliche Mitstreiter vergrault werden, ist dabei uninteressant. Ich denke, insgesamt, gibt es berechtigte Anliegen der Männerbewegung. (und irgendwann hab ich auch wieder mein männer-/vätergrün online). Es gibt Missstände, gerade in Sachen Väterrechte. Es gibt gesellschaftlichen Handlungsbedarf, weil alte Rollenbilder überwunden werden müssen. Wenn ich bspw. heute in unserer Tageszeitung, die es online nur gegen Geld gibt, lesen muss, dass Bärbel Schäfer, Ex-Moderatorin eines Talksendung, im Interview sagt:

Alle Mütter, egal wo auf der Welt, wollen das Beste für ihre Kinder und sie beschützen vor Widrigkeiten des Lebens. Gemeinsamkeiten gibt es im Blick voller Liebe auf unsere Kleinen.

dann zeigt das doch, wie künstlich dieses Bild immer noch überhöht ist. Auch Mütter tun Kindern Furchtbares an. Sexueller Missbrauch durch Mütter und Frauen ist ebenso eine gesellschaftliche Tatsache wie in diesem Zusammenhang das Wegschauen von Müttern, wenn ihre Partner die eigenen Kinder missbrauchen. Das Münchhausen-by-proxy-Syndrom betrifft beinahe ausschließlich Mütter. Mütter ermorden ihre eigenen Kinder. In Sorgerechtsstreitigkeiten kommt es eben nicht nur zu männlichen Unterhaltsflüchlingen, sondern prozentual gesehen zahlen Frauen sogar schlechter – wie ich aus eigener Erfahrung weiß. Umgangsverweigerungen, Kindesentzug – das sind nicht nur die Männer, die ihre Kinder ins Auslang entführen, sondern Mütter tun das auch – vor allem auch schon im eigenen Land, manchmal unter tätiger Mithilfe der Jungendämter. Um solche Missstände aufzudecken, um hier einen offenen gesellschaftlichen Blick zu erreichen, einen Bewusstseinswandel, bedarf es aller Kräfte. Diejenigen, die einen gleichberechtigte Gesellschaft wollen, auch viele Feministinnen, wollen, dass diese Gleichberechtigung für Frau und Mann gilt. Und für Frauen gibt es gerade in Hinblick auf berufliche Teilhabe großen Nachholbedarf, das ist schon historisch bedingt. Und für Männer eben in anderen Bereichen. Gemeinsam und getrennt sollten sich aber alle, die eine gleichberechtigte Gesellschaft wollen, dafür einsetzen. Aber was es nicht braucht, sind Pöbeleien und Herabwürdigungen.

Im weitesten Sinne Konsens zu meiner Analyse auch der Artikel in der „Zeit“ zu Thomas Gesterkamps Expertise „Geschlechterkampf von rechts (PDF)“

Gender Mainstreaming – eine Antwort auf eine grüne Pressemitteilung

Liebe Steffi, liebe Anne,

ich reagiere mit einem halboffenen Brief – das heißt, er geht nicht an die Presse, aber in mein Blog und den einen oder anderen Verteiler – auf Eure Pressemitteilung zu den Berichterstattungen zu Professor Amendt und seiner Forderung, die Frauenhäuser abzuschaffen.

In Eurer Pressemitteilung sprecht Ihr von einem „ typischen Männerreflex“ auf die Existenz von Frauenhäusern. Nun, dieser Halbsatz ist der Anlass, mich zu äußern.

Ich bin ein Mann und ich „reflexe“ in diesem Punkt nicht. Ich kenne viele andere Männer, darunter viele grüne Männer, die diesen „Reflex“, der doch so typisch sein soll, nicht drauf haben. Mit dieser Pressemitteilung diffamiert ihr pauschal alle Männer (in Deutschland) – und ich bin ziemlich sicher, dass die überwiegende Mehrheit der in Deutschland lebenden Männer überhaupt nichts gegen Frauenhäuser hat. Amendt steht für einen Teil der sehr radikalisierten Männerbewegung – nicht aller Männerbewegten, sondern nur für einen sehr speziellen Teil. Diese Männer sind unzufrieden mit ihrer Lebenssituation, haben oft sehr schlechte persönliche Erfahrungen mit Frauen gemacht, mokieren sich über Frauenbibliotheken (oder gar Frauenbadetage), als gäbe es sonst nichts auf der Welt, meinen, sie könnten einen erfolgreichen Zeugungsstreik organisieren oder gar die Uhr auf 1899 zurückdrehen. Sie finden die Losung „Frauen und Kinder zuerst“ diskriminierend und erzählen voller Stolz, dass sie auf einem Frauenparkplatz geparkt haben. Amendt ist einer ihrer Wortführer, andere sind Existenzen wie Arne Hoffmann. Ihr findet ihre Verlautbarungen im Internet, in Blogs wie Gendarama, oder Foren wie pappa- oder wgvdl.com (wo ja auch das grüne Frauenstatut als „Rassenstatut“ diffamiert wird). Darunter sind auch Männer aus der evangelikalen oder erzkatholischen Bewegung, die Frauen gerne wieder in aus ihrer Sicht „natürlichen“ Rolle sähen – an Heim und Herd.

Diese Männer stören sich daran, dass es für Frauen Frauenhäuser gibt, aber für Männer, die häusliche Gewalt erlebt haben, keine entsprechende Beratung oder gar Unterkunft. 5% der Männer machen eine solche Erfahrung, stellte das Familienministerium in der rot-grünen Regierungszeit in einer Pilotstudie fest. Und wir haben ja genau auch deshalb in unserem Wahlprogramm die Forderung erhoben, dass dieser Pilotstudie eine ordentliche Studie folgen muss.

Diese Männer bilden sich ein, Frauen würden milder bestraft. Sie denken – und zerren an den Haaren Beweise herbei – wonach es einen Lohnunterschied zwischen Männern und Frauen nicht gäbe. Sie sind keinen Argumenten zugänglich und interessanterweise finden sich auch eine ganze Reihe von Frauen unter ihnen. Dabei sind sie allerdings nicht in der Lage, selbst etwas an dem von ihnen so wahrgenommen Unrecht auf die Beine zu stellen oder sich gar erfolgreich dagegen zu engagieren.

Und diese Leute glauben eben auch, dass „die Emanzen“ das Ruder übernommen hätten – nun, alleine diese Phantasie sagt mehr über ihre Ängste als ihnen lieb sein könnte. Es gibt diese Männer, so wie es immer noch Frauen gibt, die der „Schwanz ab“- Fraktion angehören – oder Männer grundsätzlich verteufeln. Meine eigenen Erfahrungen innerhalb der grünen Partei, als ich begonnen habe, mich um die Vernetzung von Männern zu bemühen, sind mir da noch sehr gegenwärtig.

Ich und viele anderen Männer in diesem Land sind bei Euch in der Frage, dass die Frauenhäuser erhalten bleiben müssen. Auch wenn es glaubwürdige Berichte darüber gibt, dass dort nicht immer nur parteiisch, was legitim ist, sondern auch tatsächlich manchmal auch eskalierend beraten wurde. Doch das ändert nichts an der Notwendigkeit von Frauenhäusern.

Aber bei allem, was Recht ist, und was notwendig ist an öffentlicher Reaktion auf eine Gestalt wie Professor Amendt – Männer wie ich möchten von Euch nicht mit denen in Sippenhaft genommen werden. Ihr tut damit der Männerbewegung, – wie ihr sie bspw. bei der Böllstiftung antrefft – die auf Dialog in der Frage der Geschlechtergerechtigkeit setzt, keinen Gefallen. Die gesellschaftlichen Aufgabenstellungen in Hinblick auf Geschlechtergerechtigkeit oder „Gender Mainstraming“ werden nur Männer UND Frauen und alle anderen gemeinsam lösen können. Eine Klarstellung wäre, denke ich, angebracht.

männergrüne Grüße