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Artikel-Schlagworte: „Gender“

NPD-Burn-Out

“Als jemand, der selbst einmal an einer Depression litt, bin ich ziemlich unschlüssig, ob mir die Häme gefällt, die über Holger Apfel angesichts seines Burnouts ausgeschüttet wird. Ich kann das zwar verstehen, Apfel ist politisch schlicht ein Scheißkerl und niemand, mit ich auch nur ansatzweise etwas zu tun haben will, weder menschlich noch politisch – aber so verstehe ich Auseinandersetzungen grundsätzlich nicht – egal welcher Art. Wer am Boden liegt, auf den tritt man nicht mehr drauf. Ich verstehe auch Politik für sexuelle Freiheit nicht so, dass jemand, der seine Homosexualität nicht leben kann – in dem Fall aus selbst gewählten Zwängen – deshalb Ziel von noch dazu ätzendem Spott sein sollte. Egal wie es ist – die Politik Holger Apfels lehne ich aus tiefstem Herzen ab – aber ansonsten wünschte ich mir, dass in dieser Frage mehr nach dem Motto: “was du nicht willst, das man dir tut, das füg’ auch keinem andren zu” gehandelt würde – auch oder gerade bei Menschen wie Apfel. Denn wir sollten niemandem das Menschsein absprechen.”

hab ich heute bei Facebook geschrieben – und irgendwie finde ich, fehlt das in allen Berichten über ihn. Es ist die schwierigste Übung in der Auseinandersetzung. Apfel hat alles dafür getan, dass man ihn außerhalb des eigenen Lagers und der Naziszene nicht mögen kann. Die NPD-Plakate in diesem Wahlkampf sind unvergessen, die Tour durch Deutschland, sich auf vielen Plätzen der Antifa und aufgebrachten Bürgern zu stellen, um damit zu demonstrieren, “ihr könnt uns nicht verhindern”, machen ihn auch nicht symphatischer.

Aber auch Holger Apfel ist ein Mensch. Ein Mensch, für den alle Kapitel des Grundgesetzes gelten, von der unantastbaren Würde bis hin zum Recht auf körperliche Unversehrtheit. Er hat eine psychische Erkrankung zugegeben, darüber hinaus gibt es Gerüchte, dass er homo- mindestens bisexuell ist. Beides verkehren die Bild ins verkehrte – ein Nazi hat stark zu sein und heterosexuell. Homosexualität wird von der NPD bekämpft und Homosexuelle mit verbalem Unrat übergossen. Ich habe seinen Brief zu seinem Rücktritt gelesen – und wenn alle stimmt, was da drin steht, dann ist er psychisch krank. Und alles, was nun an Häme über ihn ausgeschüttet wird, ist verbale Gewalt, verschlimmert seine Situation. Ich bin niemand, der “wie du mir, so ich dir” gut findet – obwohl ich das durchaus verstehen kann und ich solche Impulse ebenfalls kenne – und auch schon danach gehandelt habe. Nobody’s perfect. Aber in Ordnung ist es trotzdem nicht – und in der Geballtheit, mit (fast) ein ganzes Land und nahezu alle Medien nun über ihn herfallen – da fehlt die Stimme die sagt: “Stopp. Auch Holger Apfel hat ein Recht darauf, gesund zu werden.” Danach kann man sich wieder mit ihm auseinandersetzen. So schwer das auch sein mag. Das ist der Maßstab, an dem ich gemessen werden möchte. Das das nicht seiner ist, ist mir wohl bewusst. Aber in Auseinandersetzungen bspw. um den Moscheebau, wenn es heißt: “aber in der Türkei oder in Saudi-Arabien, da darf man auch keine Kirchen bauen” sage ich immer: Unrecht ist nicht mein Maßstab. Und das gilt nun auch in diesem Fall.

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her mit den wilden Weibern

oder so ähnlich könnte die Forderung aussehen, liest man Tills Blog von heute zur Verteilung von Männern und Frauen als Autor_innen der letzten 100 Beiträge bei Carta. Till ist ja selbst Autor dort. In einem längeren P.S. zu diesem Artikel klärt er nochmal näher auf, wie lange die Debatte um diese Frage auch schon carta selbst beschäftigt, deren Empfehlung lautet:

Aber sie (Frauen) sollten es (bloggen/schreiben)lauter tun. Eine Flüstertüte nehmen und rufen, ‘seht her, ich hab was geschrieben, das euch interessieren wird!’. Mit Leuchtfarbe auf Twitter, facebook, identi.ca – wo auch immer, annoncieren. In anderen Blogs Werbung machen. Sich vernetzen. Sich was trauen. Für Öffentlichkeit sorgen.

Ein kurzer Vergleich. Die Netzpiloten stehen scheinbar vor einem ähnlichen Problem:

https://twitter.com/Isarmatrose/status/319446876149657600

Und schaue ich in die Liste der Autoren bei heises Telepolis  zeichnet eine Frau unter lauter Männern als Autor_innen und Blogger_innen. SChaue ich ins baden-württembergische Blog von uns Grünen, in dem ich auch sporadisch mitschreiben, dann finde ich dort 10 Autor_innen von 20. Die letzten 15 Beiträge sind von Männern geschrieben – das war kaum besser, auch solange noch Silke Krebs ihre Freitagskolumne dort geschrieben hatte.

Als mögliche Lösung schlägt sie einen Ort vor, an dem quasi das Schwimmen geübt werden kann, der sanfte Übergang von Tweets und Kommentaren zu eigenen Blogtexten.

kann man bei Till noch als Lösungsvorschlag von Vera Bunse von Carta nachlesen.

Ist es das? Oder ist es das nicht?

Am 15. November veröffentlicht die AGOF folgende Studie:

Während Sport- und Testergebnisse bei den männlichen Onlinern stark nachgefragt sind (76,6% bzw. 68,7%), interessieren sich zwei Drittel der Frauen für Lifestyle-Themen wie VIP-News oder Horoskope. Bei weit über 50 Prozent der Männer stehen zudem Nachrichten (Weltgeschehen oder regional), der Bereich „Flirten und Kontakte“ so­wie Webblogs/ Blogs auf der Liste der häufig genutzten Aktivitäten. Sechs von zehn Frauen wiederum nehmen im Internet besonders oft die Themenkomplexe „Familie und Kinder“, „Essen, Trinken und Genießen“ in Anspruch, sowie jede Zweite außerdem Jobbörsen.

Ähnliche Ergebnisse bekommt man auch für die Nutzung von Smartphones:

Frauen wollen wissen, wie es ihren Freundinnen und Verwandten geht. […]Männer dagegen fokussieren sich stärker auf praktische Anwendungen.

Ich glaube, Till beschreibt das Problem schon selbst ganz gut:

[…]ich kenne mich da allerdings zugegebenermaßen nicht so besonders aus, was Männerthemen wären

Es ist ein klassisches Genderproblem. Männer sind anders, Frauen auch. Es ist das selbe wie mit Frauen in der Politik: die wenigsten drängen sich auf. Deshalb gibt es keine Frauen bei den Piraten, also so gut wie keine (ja, ich weiß, die Berliner Liste!) und wenige bei der CDU und erst recht wenige bei der SPD. Bei uns funktioniert das nur über die Quote. Weil sich sonst die Männer vordrängen würden und die Frauen mit der Schulter zucken. Klar, nicht alle. Aber selbst toughe Frauen wie Kerstin Andreae, die 3 Kinder während des Mandats auf die Welt bringen und wieder Spitzenkandidatin der baden-württembergischen Grünen ist – ist weit seltener in der Presse als ihr Mitspitzendkandidat Cem Özdemir.

Frauen schreiben schon – nur eben nicht so sehr zu Politik wie Männer. Wir finden eine gleichwertige oder sogar andere Geschlechterverteilung bei Themenblogs, die außerhalb der Politik angesiedelt sind. Politische Blogs von Frauen sind halt eher selten. Es gibt keine Quote,. die das unsichtbar macht. Sondern es liegt hier. Auf dem Präsentierteller. Man muss es nur sehen wollen.

Frauen sind anders sozialisiert. Verhalten wird über Generationen weiter gegeben. Das ist nicht innerhalb von wenigen Jahrzehnten grundlegend zu ändern. Wir sind nicht da, wo wir hin wollen. Auch daher war das piratige “postgender” eine Negierung gesellschaftlicher Realitäten.

Das “Politikgeschäft” ist eines, das typisch männliche Verhaltensweisen erfordert. Das politische Bloggeschäft auch: zeig dich, melde dich zu Wort, sag offen Deine Meinung, versuche nicht, zu vermitteln, präsentiere dich.

Wenn wir das in Bezug setzen zu dem, was wir über das Nutzungsverhalten wissen, dann passt das einfach. Die traditionellen Protagonisten der Geschlechter verharren überwiegend in traditionellen Geschlechterrollen. Ausnahmen gibt es. Das Ziel bleibt: umgekehrt muss es sein. Das Verharren in Geschlechterrollen muss die Ausnahme werden. Nicht nur deshalb ist und bleibt Feminismus notwendig. An den Stellen, an denen es keinen Einfluss gibt, wird es überdeutlich.

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Hallo Rapunzel, wir müssen reden

ein “offener Brief”

Hallo Rapunzel,

ich kaufe viel Eurer Produkte im Bioladen oder bei Alnatura, seit vielen, vielen Jahren. Ihr macht leckerer Schokolade, tolle Müslis, ein fabelhaftes Samba und sehr leckere Penne. Heute fiel ich in meinem Bioladen über Euren Schokoladenaufsteller – passend zu Ostern wohl – und musste mit Entsetzen die Produkte “MilchMichl” und “MichMarie” als neue Produkte entdecken.

2013-03-26 18.00.04

Das ist klassische, sexistische Produktpolitik. Klar, die “Mädchenschokolade” ist rosa, die “Michl” ist ganz klar hell(!!)blau. Ich weiß echt nicht mehr, was ich sagen soll. Ich kann kaum annehmen, dass Ihr die Debatten um die rosa Überraschungseier nicht mitbekommen habt.

Dieser taz-Artikel beschreibt es eigentlich ziemlich gut –

Wahrscheinlich gibt es bald auch die Kinder-Schokolade in Rosa, in Konkurrenz zur lila Milka.

nur ist es nicht die böse Kinderschokolade, mit der Ferrero weiter in die Sexismusfalle tappt, sondern Ihr, die “Guten” (dachte ich und ihr wohl auch) von Rapunzel. Ja, in Eurer Firmenphilosophie steht nichts von “Sexismus vermeiden”. Aber trotzdem dachte ich irgendwie, das wäre für ein Unternehmen, wie Ihr es seid, gar kein Thema. Faire Schokolade, sexistische Kackscheiße. Eine Kombination, die ich mir nicht hätte ausdenken können.

Die Emma schreibt dazu:

,Rosa macht Mädchen dümmer'”. Zum Wohl ihrer Profitraten vermüllt die Pink-Industrie den kleinen Mädchen das Gehirn.” Heraus kämen Prinzessinnen, die nur eins im Kopf haben: Konsum

Ich bin frustriert und sauer und werde vorerst auf Eure Produkte verzichten.

Frohe Ostern

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der #aufschrei fängt erst an

oder: ist das der Beginn vom Ende des Patriarchats, wie wir es kennen?

Unter dem Hashtag #aufschrei ist eine Debatte entbrannt, die mehr als überfällig war. Mein eigenes Unbehagen mit vermeintlich männlichem Gehabe hab ich im Blog “Bin ich auch so einer” weitgehend ausformuliert. Gut 2000 Zugriffe hat es auf diesen Text gegeben. Und doch bin ich auch kaum weiter. Mein eigenes Verhalten kann ich reflektieren, ändern oder zumindest damit leben. Das meiner Geschlechtsgenossen nicht. Und das von Frauen, die sich dem nicht mehr ganz so herrschenden Meinungsdruck unterwerfen, erst recht nicht.

Jan Fleischhauer heute im Spiegel ist so einer dieser Verharmloser.

Schwer zu sagen, was man bei dem neuerlichen Aufschrei mehr bewundern soll: den Empörungsgestus, der genau jenen “Tugendfuror” unter Beweis stellt, den Gauck im SPIEGEL beklagt hat. Oder den hochgespannten Zentralratston, den man normalerweise von Institutionen wie der Synode der Evangelischen Kirche, dem Bundesvorstand der Grünen oder dem Paritätischen Wohlfahrtsverband kennt.

schreibt er. Er hat es nicht verstanden, will es nicht verstehen. Denn es geht doch ihm und anderen darum, den im #aufschrei dokumentierten alltäglichen Sexismus, vom Herrenwitz bis zu gefährlicher sexueller Belästigung, von Ausnutzen und Einfordern von Sex als “Belohnung” nicht verächtlich zu machen, sondern ihn schuldlos weiter tot zu schweigen, ihn zu akzeptieren, ihn schuldlos zu halten. Es erinnert mich an eine große Grüne der ersten Stunden, Waltraut Schoppe.

Zur Erinnerung:

Doch die “Reala”, wie pragmatisch orientierte grüne Frauen damals genannt wurden, ließ nicht locker und forderte vor dem Deutschen Bundestag bis dato Unvorstellbares – eine “Bestrafung bei Vergewaltigung in der Ehe”, was prompt Tumulte im Hohen Haus auslöste. Als die mutige Novizin auch noch zur Einstellung des “alltäglichen Sexismus hier im Parlament” aufrief und Formen des lustvollen schwangerschaftsverhütenden Liebesspiels empfahl, glich der Bundestag einem Tollhaus. Selten fielen wohl in dem männerdominierten Plenum obszönere Zwischenrufe als nach dieser tabubrechenden Attacke.

Es ist so ähnlich heute. Es sind nicht nur die Männer derselben Parteien CDUCSUFDPSPD im Deutschen Bundestag, die auch damals schon mit ausfallenden Bemerkungen auf sich aufmerksam machten, es sind auch dieselben Reaktionen, von denen die Fleischhauers nur eine von vielen ist, die systematisch sind für die Art und Weise, wie mit der Frage umgegangen wird.

Joachim Gauck hat es versucht, der von einem breiten Bündnis gewählte Präsident, ein Mann, von dem Mann es nicht erwartet hätte, diese Reaktion. Er spricht vom Tugendfuror und der flächendeckenden Fehlhaltung, die er nicht erkennen möchte. Doch die Reaktion blieb nicht aus, auch wenn die konservativen Männer dieser Republik versuchen, aus dem #aufschrei eine “Jugendbewegung” zu machen oder den Sturm der Entrüstung zu einem Stürmchen herunter zu schreiben, weil es ja angeblich nur viele Retweets waren – also nur “Kopien”. Nun ja, er hat vermutlich Twitter nicht verstanden. Aber Gauck hat verstanden – und heute seine Position korrigiert.

Ich schäme mich für Männer und Frauen, die sich auf die Fahnen haben, diese ungestüme Leid, dass sich hier endlich Bahn bricht, lächerlich zu machen. Der Tenor geht dabei in bekannte Richtungen – bis hin zu Frauen, die andere Frauen beschuldigen, durch ihr aufreizendes Äußeres doch selbst schuld zu sein an der Belästigung (Zitat: “aber die Bluse haben sie auf”). Und viel zu viele Männer machen das auch.

Nein, liebe Männer, liebe Frauen, liebe Einhörnchen: ich will mich nicht nur unbefangen Frauen nähern, ohne Angst haben zu müssen, sie habe Angst, sondern mich auch meines Interesses nicht schämen zu müssen. Ich fahre viel ÖPNV mir begegnen viele in meinen Augen gut aussehende Frauen. Und manche durchaus aufreizend angezogen (aber nicht, um mich! anzumachen). Und einigen davon werfe ich gerne einen zweiten Blick zu. Aber verdammt noch mal: ich käme doch keine Sekunde auf die Idee, mich an sie ranzumachen, mich an sie zu drücken im engen Bahnwaggon, in der Menschenmenge, “aus Versehen” ihre Brust zu berühren. Ich spräche sie nicht an und machte Bemerkungen über ihre Oberweite. Nein, es ist nicht in Ordnung, von einer Frau, die ich gut aussehend finde und einen Kurs bei meinem Bildungsträger besucht, als “Lohn” für eine Vermittlung oder Beratung zu ihren Bewerbungsunterlagen Sex im Beratungszimmer einzufordern – und sie zu mobben und ihr Unterstützung zu verweigern, wenn sie sich weigert. Sie womöglich anzuschwärzen bei der Arbeitsagentur oder dem Jobcenter. Ja, ich frotzle mal, mache Witze, flirte. Aber ich vergewissere mich – indem ich darauf achte, wie das Gegenüber reagiert – dass ich keine Grenze überschreite und im Zweifel frage ich! Das geht und keiner fällt davon tot um und meine Krone hat hinterher noch alle Zacken.

Nicht das, was Ihr Fleischhauers unter “ganz normal” versteht ist normal, sondern es ist übergriffig und ekelhaft. Das was ich mache – so ungefähr zumindest -sollte normal sein.

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bin ich auch so einer?

Das wird ein schwieriger Text. Als Mann bin ich vordergründig immer des Sexismusses verdächtig – schlimm genug! Und insofern mag es mir passieren, dass ich Formulierungen wähle, die andere (Frauen?) als nicht angemessen betrachten. Ich gebe mir zwar Mühe, das zu vermeiden, aber wer weiß?!

Schon der Anfang dieses Artikels zeigt mir, wie schwer das alles ist. Wenn man nicht “so einer” sein möchte. Ich gebe zu – ich bin nicht gefeit vor der Attraktivität anderer Frauen als meiner eigenen, ich nehme Dekolletés ebenso wahr wie kurze Röcke und befürchte: würde ich von Alkohol nicht müde, würde ich meine Außenwirkung nach dem 5. Bier womöglich ebenfalls mächtig überschätzen. Und vielleicht ist es mein Glück, das ich nie der Aufreißer-Typ war, ich hab immer auf eindeutige Signale gewartet, sodass ich sicher war, ich würde mich weder aufdrängen noch könnte der Korb zu groß werden.

Seit vielen Jahren mache ich Politik auch im Themengebiet Gender. Ich hab am Maskulismusbuch von Andreas Kemper mitgeschrieben, kenne also ziemlich viel unangenehme sexitische Kackscheiße, verbunden mit rechtsgerichteten, rückwärtsgewandten Ansichten sogenannter Männerrechtler.

Was mich an dieser Debatte, die auf Twitter aber jetzt unter dem hashtag #aufschrei sich seine Bahn bricht, erschrickt, ist zum einen eine gewisse Undifferenziertheit. Mich macht es als Mann unsicher, wenn ich das Gefühl bekomme, ein nicht vermeidbarer Blick auf einen Busen macht mich schon zum Sexisten. Dabei ist mir das selbst unangenehm. Das ist die eine Seite. Die andere Seite ist das, was da an täglichem Angebagger, Angegrapsche bis hin zu sexueller Gewalt beschrieben wird. Von Frauen und Männern. Home- und heterosexuell. Es ist schlicht unerträglich. Weil scheinbar so normal.

Und das ist es wohl. Gesellschaftlich anerkannt, geduldet, gewollt. Ich brech’s jetzt mal auf  “Frau ist Mann zu Willen” herunter.

Das Privatfernsehen trägt viel dazu bei. Sendungen wie “Der Bachelor”, “Bauer sucht Frau” sind Beispiele dafür – bei letzterem vor allem die begleitende Berichterstattung gerade von Blättern wie dem Stern und Spiegel bis hin zur Tagespresse. Im ZDF sind es Stars wie Thomas Gottschalk, der durch solche Aussagen glänzt: (übrigens ganz unbeachtet im Stern veröffentlicht):

“Wenn es in Deutschland ein paar hunderttausend Männer gibt, die künftig schon deshalb ‘Wetten, dass…?’ anschalten, weil sie in Michelles Dekolleté sehen wollen, soll’s mir recht sein”, sagte Gottschalk dem “Spiegel”.

Kein Aufreger, weil normal. Mario Barth’s beinahe komplettes Programm basiert auf Sexismus – und er füllt damit Fußballstadien und darf damit auch noch den Werbe-Anchorman machen – was offenbar funktioniert. Nicht wenige Filme zeigen Szenen, in denen Männer der Widerspenstigen dann doch endlich am Ende den Kuss aufdrängen – und sie sich nach anfänglichem Wehren dem hingibt – “nein” bedeutet ja doch “ja”. In diesen  Tagen beginnt die sogenannte 5. Jahreszeit – Fasching. Ich bin im Fastnachtsverein groß geworden, habe dort in meiner Jugend Musik gemacht. Es wird wieder tausende Prunksitzungen geben, in denen Männer und Frauen über sexitische Witze zu Lasten beider Geschlechter lachen. Und nicht nur harmlose. Wir alle kennen das, die meisten von uns ertragen es oder gehen dem aus dem Weg – Protest dagegen hört man selten.

Alles nicht so schlimm? Doch – denn die Normalität, mit der sexuelle Belästigung, Beleidigung, Sexismus herunter gespielt wird, die Art und Weise, wie Männer Rainer Brüderle ihre Solidarität zusichern – ganz vorne die unerträgliche BILD – die Sprüche von “ach hab dich nicht so” bis hin zu “die will  doch, die tut nur so”, all das ist schlimm.

Ich weiß, das ich kein Sexist bin. Und ich weiß, dass so, wie ich mich verhalte, ich mich nicht für Männer, die sich absolut Scheiße verhalten, rechtfertigen muss.  Aber trotzdem bleibt bei mir ein Gefühl des Unwohlseins. Bin ich irgendwo respektlos? Überschreite ich Grenzen? Wie deutet sie meinen Blick? Hat sie bemerkt, dass ich auf ihren Busen geschaut hat (hat sie vermutlich)?

Für mich als Mann stellt sich am Ende die Frage: wie kann ich angesichts der Übermacht dieser ganzen sexistischen Arschlöcher noch völlig unbefangen eine Frau nett und attraktiv zu finden und mit ihr flirten (was ich gerne tue!) – ohne am Ende Angst haben zu müssen, dass mir mein Interesse (vielleicht noch nicht einmal von der Frau selbst, sondern auch noch von jemandem Dritten) falsch ausgelegt wird? Dafür gibt es eine Lösung – und weil es so ist, finde ich dieses ganzen Kackmist, den Leute wie Mario Barth und Rainer Brüderle mit ihrem bescheuerten, ekelhaften Verhalten anrichten, zum Kotzen. Nicht weil ich auch so bin. Sondern weil ich nicht mehr unbefangen bin. Und das wäre ich gern. Wieder.

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Gleichstellungspolitik

oder doch nur Frauenpolitik?

Die grüne Bundestagsfraktion befand sich in Klausur. Das nutzt sie dazu, ein paar Beschlüsse zu fällen. Es muss ja nicht nur Papier, sondern auch Inhalte produziert werden, Handlungsmöglichkeiten ausgelotet, Leitlinien und Perspektiven beschlossen werden. Dazu sind Klausuren unter anderem da.

Zu einem relevanten Teil ging es um Gleichstellungspolitik und ich hatte dazu einen kurzen Twitterdisput mit Beate Müller-Gemecke, die ich ja als Sozial- und Arbeitspolitikerin sehr schätze, in dem ich schon vermutete, dass es weniger um Gleichstellungs- sondern eher um Frauenpolitik ginge. Das Papier, das dazu heute veröffentlich wurde, heißt dann wohlweislich:  GLEICHSTELLUNG IM LEBENSVERLAUF – die PDF_Datei aber “Beschluss_Weimar_Frauen” und das Papier dreht sich auch praktisch um die Rolle der Frau in der Welt und ihre Benachteiligung. Nicht das ich das alles negieren würde, aber ich finde nach wie vor, dass zu einer erfolgreichen Frauenpolitik auch eine erfolgreiche eigenständige Männerpolitik gehört – oder aber eine deutlichere Unterwerfung unter das Prinzip Gender Mainstreaming.

Das Papier beginnt mit Sätzen wie:

Frauen sind weniger erwerbstätig als Männer und arbeiten in schlechter bezahlten Branchen, sie sind öfter in beruflichen Auszeiten oder Arbeit in Teilzeit oder Minijobs.

Das ist richtig.  Aber eben nicht nur. Daher gehe ich einen Schritt zurück und hole mir mal aus der Wikipedia die Definition von “Gleichstellung“:

Unter Gleichstellung versteht man die Maßnahmen der Angleichung der Lebenssituation von im Prinzip als gleichwertig zu behandelnden Bevölkerungsgruppen (wie Frau und Mann) in allen Lebensbereichen.

Und daher muss dieser Satz entpauschalisiert werden. Das Bremer Institut für Arbeitsmarktforschung und Jugendberufshilfe liefert für Dezember dazu folgende Zahlen:

Der Anteil der Frauen an der registrierten Arbeitslosigkeit in der Bundesrepublik Deutschland betrug im Dezember 2012 46,0%. (Dezember 2011: 46,9%)

Die schlechter bezahlten Branchen in dieser Pauschalität wage ich zu bezweifeln, denn wenn ich dran denke, dass Männer bspw. überwiegend im Paketdienst arbeiten und mir dazu noch ein paar weitere Beispiele einfallen würden wie der Sicherheitsdienst, Gebäudereiniger (da wo Fensterreinigung mit drin ist) Haus- und Hofdienste, und so weiter – dann ist diese Verpauschalierung ein Schlag ins Gesicht der Männer, die ebenfalls von Niedriglöhnen betroffen sind. Und ob wie so bei “überwiegend” landen, ist für mich nciht völlig klar – aber möglicherweise gibt es irgendwo eine Statistik?

Die beruflichen Auszeiten und die Mini- und Teilzeitjobs – das sehe ich ähnlich. Aber hier fängts dann an: wieso ist das nur ein Problem, bei dem die Politik auf die Frauen schauen muss? Ist es denn nicht eher so, dass man auch Männern dringend den Weg in Teilzeitarbeit leichter machen muss? Ist die Anforderung an “Männerjobs” nicht praktisch ausschließlich die Bereitschaft, Vollzeit zu arbeiten. Ich sehe täglich, dass es gerade Männer, die gesundheitlich angeschlagen sind, schwer haben, eine Stelle zu finden, die ihrer verminderten Leistungsfähigkeit entsprechen. Und junge Familienväter, die gerne ihre Arbeitszeit reduzieren möchten, stehen oft genug vor dem Problem, dass sie das nicht können.

Im Papier geht es weiter mit:

Eine moderne Gleichstellungspolitik muss also den gesamten Lebensverlauf in den Blick nehmen

Korrekt – aber warum wird dann nur wieder über Frauen geredet? Nur wenn sich für Männer und Frauen etwas ändert, wird sich die Situation für beide Geschlchter verbessern.

Es folgen 5 Punkte, die ich alle so unterschreibe – bis auf

Beim Unterhaltsrecht wiederum wird die sonst so dominante Absicherung über die Ehe durchbrochen, hier wird die schnelle finanzielle Eigenständigkeit der Partner nach einer Scheidung gefordert.

was völlig in Ordnung ist, wenn man davon ausgeht, dass man nach einer gewissen Zeit, die ja auch immer noch vorgesehen ist, sich wieder um sein eigenes Leben kümmert, wenn man geschieden ist. Ja, es braucht Übergansfristen für Ehen, die schon länger andauern – aber ich finde, ab einem bestimmten Stichtag ist das nicht mehr zu rechtfertigen. Daher konstatiert man weiter unten auch richtig:

Frauen müssen heute – genauso wie Männer – grundsätzlich selbst für ihren Unterhalt sorgen.

Väter und Männer kommen zwar vor in diesem Papier – aber eben “auch” vor.

Aber auch Väter wünschen sich mehr Zeit mit der Familie

Der Satz ist falsch. Familien wünschen sich, dass beide zusammen mehr Zeit für Familie haben. Kein “auch”. Keine Überraschung, keine Almosen, kein Ergebnis von Erziehung – sondern eine Selbstverständlichkeit. Noch immer wird so getan, als müssten Männer dazu getrieben werden, Familienarbeit zu leisten:

Auch für Männer wären die Anreize größer, ihre Arbeitszeit zeitweise für Sorgearbeit zu reduzieren

Ansonsten steht da natürlich viel richtiges drin – aber der Grundtenor bleibt gleich: in diesem Politikfeld machen wir vor allem Politik für Frauen. Eine eigenständige Männerpolitik in diesem Bereich ist nicht notwendig – sagt ja auch Katrin Göring-Eckart in diesem Streitinterview mit Ursula von der Leyen.

Wenn Jungs das Gefühl haben, dass das tollste Vorbild ein Macho ist, sollte man darüber reden. Dafür brauchen wir aber keine neue Männerpolitik, das ist ganz normale Bildungspolitik.

So ist das nur ein weiteres Papier, das alte Forderungen zwar richtigerweise neu auflegt – aber immer noch nicht den Sprung zu einer Gleichstellungspolitik schafft, die diesen Namen auch verdient. Der Grundton bleibt: Männer müssen zu richtigem Verhalten erzogen werden. Und auch wenn ich das bei einzelnen MdBs nicht wahrnehme, so bleibt bei mir, der ich jetzt viele Jahre Genderpolitik mache, diese Wahrnehmung da. Ich erinnere mich gut,  wie ich angegangen wurde, als ich vor 4 Jahren den Halbsatz “aber auch Männer sind zunehmend davon (Vereinbarkeit von Familie und Beruf) betroffen” im Wahlprogramm haben wollte. Dafür habe ich einen ganzen Tag lang verhandelt.

Solange sich meine grüne Partei nicht wirklich innerlich von dieser Haltung löst, solange wird sie nicht in der Lage sein, eine gerechte Gleichstellungspolitik zumindest einmal zu formulieren. Männer wie Frauen brauchen eigenständige Akzente, individuelle Anreize und Rücksichtnahme. Scheißjobs gibt es für jedes Geschlecht. Katrin bestätigt diese Haltung, während ich diesen Beitrag schreibe übrigens mit diesem Tweet:

Welche Männer will man mit solchen Aussagen erreichen? Welche Frauen?

Für die ganz normalen Menschen da draußen ist das so nicht relevant. Menschen brauchen Vorbilder.

Wenn die smarte Biochemikerin in der TV-Serie “Post Mortem” einen grausamen Mordfall löst, dann begeistert das Frauen für den Beruf. Die TU Berlin will deshalb in Serien für technische Berufe werben.

Wem ständig der Zeigefinger gezeigt wird, wird sich nicht kooperativ verhalten, sondern rebellieren (oder resignieren).  Deshalb wird es Zeit für eine echte grüne , die Frauen und Männer ernst nimmt in dem, was sie brauchen, um diese für sich auch umzusetzen. Männer sind anders. Frauen auch. Aber gemeinsam sind sie vor allem Menschen, mit meist ganz ähnlichen Bedürfnissen, abseits aller Klischees. Ein gutes Leben, genug zum Leben, Sicherheit. Daran gilt’s zu arbeiten – nicht neue Klischees zu produzieren.

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ich sprüh’s an jede Wand?

Ina Deter hat sie gefordert – die neuen Männer. Sie hat dabei sehr offen gelassen, was sie damit meint – was vielen den Raum lies, dort hinein zu interpretieren, was man so für sich selbst dachte. Gemeinhin wird der “neue Mann” aber als das Gegenteil vom Mann im Patriarchat interpretiert – wie er – überdeutlich – hier dargestellt wird. Seine Rolle neu finden soll er, im Haushalt helfen, Kinder betreuen, emotional sein, reflektiert, nicht Sonntag früh beim Stammtisch, Partner, nicht der, der “die Hosen anhat”. Ein Partner in einer Beziehung auf Augenhöhe.

Zwischenzeitlich redet man sogar über das “Nice-Guy-Syndrom, das dramatischerweise dazu führt, dass offenbar

Frauen  Männer sexuell unattraktiv finden, die ständig nur als der Nette und Harmoniesuchende agieren und Konfrontationen stets ausweichen.

In der Zeit findet sich ein derzeit stark debattierter Beitrag von Nina Pauer, in der sie klischeehaft beschreibt

Heute tragen die jungen Männer Bärte und spielen Gitarre. Sie sind lieb, melancholisch und sehr mit sich selbst beschäftigt. Für die Frauen wird das zum Problem.

wie neue Männer, belastet mit dem Nice-Guy-Syndrom Frauen frustrieren, sie sich doch eher den zupackenden Mann wünschten. Sie stellt es so dar, als wären es vor allem auch eigene Erfahrungen, aus denen sie auf den Rest der Männerwelt schließt. Und das Bild des gitarrespielenden Bartträgers, der es dann nicht schafft “richtig” zu flirten oder gar ma Ende “einfach mal küsst” ohne zu fragen, der zupackende Mann, der Aufreißer – der fehlt ihr. Überhaupt das Küssen: in einem klugen Artikel im FAZ-Blog beschreibt Julia Seeliger aka @zeitrafferin, dsas es -nicht nur eigentlich – uncool ist, ungefragt zu küssen. Womit sie recht hat. Und schreibt die Botschaft aus ihren “geheimen Kanälen”:

Im Übrigen würden sich viele Männer auch freuen, wenn die Frau mal den ersten Schritt macht.

Korrekt. Kann ich bestätigen. So geheim ist das gar nicht. Ich habe in meinem Leben auch nicht immer der Forderung nach dem “ersten Schritt”  erfüllt. Das klassische “willst du mit mir gehen” – gab es nie. Aber bis heute ist diese Erwartungshaltung da. Der Mann hat den ersten Schritt zu tun. Die Frage nach “willst du mich heiraten” – die hat vor allem der Mann zu stellen und bitte noch gleich die wunderschönen Ringe mitzukaufen. Die Frage muss natürlich romantsich verbrämt an einem besonderen Ort – Urlaub, gutes Restaurant – gestellt werden und nicht bloß nicht nach einem durchschwitzten Beischlaf im gemeinsamen Bett. Er kauft die Ringe – sie kümmert sich dann zusammen mit einer Horde Freundinnen um die gelungene Ausrichtung der Hochzeitsfeier, schleppt ihn auf Hochzeitstage, das Kleid muss auch sauteuer sein – ein unvergesslicher Tag, bombastisch – durch und durch amerikanisiert.

Der Rollback findet statt – und er findet sich in Artikeln wie dem von Nina Pauer wieder. Einem Artikel, der nicht in der Bunten gestanden ist – sondern im intellektuellen Blatt “Zeit”. Wollte die Redaktion provozieren? Man weiß es nicht. Ich finde es aber erschreckend, dass sich solche Plattitüden verbreiten. Denn es ist ja nicht nur dieser Artikel, es ist eine ganze Reihe von ihnen – die das Bild der modernen Familie/Beziehung humorvoll, überspitzt und voller überkommener Klischees insLächerliche zieht. Wie das Herumhacken auf den angeblichen Latte-Macchiato-Müttern in Berlin und Frankfurt. Und wir, die wir uns dafür einsetzen, die klassiche Männerrollen zu überwinden, müssen rückwärtsgewandt Kämpfe führen. Autor_innen wie Nina Pauer gehen hand ind Hand mit der maskulistischen Szene, die ebenfalls gerne vom “richtigen Mann” schwärmt und alle, die sich für “neue Männer” einsetzen, als Pudel beschimpft – die, die noch dazu für die Gleichberechtigung kämpfen und Feminismus nicht er se vedammen, gar als “Lila Pudel”.

Das Bild des gehemmnten jungen Mannes, der sich nicht an die Frau traut, gezeichnet mit

Statt seinen Stolz zu nehmen und nach einem letzten romantisch-heroischen Versuch einzusehen, dass es richtig wäre aufzugeben, trauert er, wochen-, monatelang.

ist sowas von 1950er, dass es weh tut. Ja, Männer dürfen weinen, Männer dürfen trauern, Männer dürfen unerfüllt lieben und Männer dürfen nicht wissen, wie sie die Angebetene herumkriegen – zu was auch immer. Und wenn eine Frau dsa merkt – dann kann sie sich ja trauen und sagen: trau dich ruhig. Ich wünsch es mir. Ich bin sicher, das würde es so leicht machen, wie Frau Pauer sich das wünscht. Eine Rückkehr zum Macho, der sich “die Weiber schnappt” – die darf gerne weiter an Stammtischen und in Maskuforen gefordert werden, der Zugang und der Ausdruck von Gefühlen gerne weiter pudelig. Wir sind da weiter.

 

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Frauen in die Politik

In diesen modernen Zeiten sprechen moderne Parteien gerne von den Zeiten, in denen wir alle postgender sind. Postgender ist die Überwindung von Geschlecht und damit bedingter Diskriminierung. Damit geht einher, dass wir alle als Menschen betrachtet werden und es egal ist, wer welchen Geschlechtes ist, der was politisches sagt. Oder überhaupt was sagt. Oder tut. (OK, das führt jetzt zu weit)

Man kann natürlich so tun, als wäre das so. Ein Hoax. Sozusagen. Nur fragt man sich, ob das glaubhaft ist.Denn nur weil man etwas nicht sehen möchte, was gesellschaftlich passiert, ist es noch lange nicht verschwunden. Und nur weil ich selbst schon weiter bin, muss ich doch dran denken, was mit denen los ist, die das ganz anders sehen. Zwei Beispiele:

Die Böllstiftung hat ein Genderranking Deutscher Mittelstädte erarbeiten lassen. Das Ergebnis ist erschütternd.

Aus den erhobenen Frauenanteilen in den einzelnen politischen Positionen der Mittelstädte lässt sich ein Genderindex bilden, der die Grundlage unseres Genderrankings bildet, das detaillierte Angaben über die Repräsentation von Frauen im Städtevergleich präsentiert.

Das Ergebnis ist: Aktuelle Spitzenreiterin ist die Stadt Frechen mit 36,4% Frauenanteil in verantwortlichen und führenden Positionen (inkl. Fraktionsvoristzende). Im Ranking noch angegeben ist als Erstplatzierte meine Heimatstadt Ettlingen mit 37,5% Anteil. Mit ausschlaggebend war die bis Oktober regierende OB Gabriela Büssemaker. Im Landkreis Karlsruhe liegt noch Bruchsal, mit einem Anteil von 17,1%!  Das Schlusslicht bildet deutschlandweit Merzig im Saarland mit 13,3%

Interessant auch:

Zunächst ist ähnlich, wie für die von uns 2010 untersuchten Großstädte festzustellen, dass die Frauen-repräsentanz mit der Bedeutung der Position tendenziell abnimmt. Der Frauen-anteil unter allen Ratsmitgliedern in deutschen Mittelstädten liegt bei 26,4 %. Bei den Ausschussvorsitzenden ist nur noch einen Frauenanteil von 19,2 %, bei den Fraktionsvorsitzenden von 18,4 %, bei den Dezernent/innen und Dezernen-ten von 14,0 % und bei den Bürgermeister/innen und Bürgermeistern von 9,9 % zu verzeichnen.

Das ist die Manifestation der berühmten gläsernen Decke. Und der Grund für eine Frauenquote bei uns GRÜNEN. Denn wenn man die Dinge dem freien Spiel der Kräfte überlässt, kommt als Ergebnis ein solches heraus –  was man ja auch gut an der postgender-Partei sieht. Die Reaktion darauf darf aber nicht sein, so zu tun, als gäbe es das alles nicht oder hätte keine Relevanz, sonder, wie es Antje Schrupp sagt:

8. Eine freiheitliche Politik besteht nicht in der Behauptung einer (immer nur abstrakt denkbaren) Gleichheit der Menschen, sondern in kreativen und dem jeweiligen Kontext angemessenen Wegen, mit der (real vorhandenen) Ungleichheit der Menschen umzugehen, ohne dass daraus Herrschaft entsteht.

Passend dazu erschien im September 2010 im Tagesspiegel ein Artikel, der sich mit der Schönheit von Frauen in der Politik beschäftigt. Interessant der Blick durch die Brille einer Sarah Wagenknecht, Doro Baer, Agnes Krumwiede und ihrem Umgang mit der Differenzierung aufgrund ihres Geschlechts. Wichtig auch der Blick zurück:

Bundestagsvizepräsident Richard Jaeger (CSU) war jedenfalls strikt dagegen. Er werde keine Frauen in Hosen dulden, verkündete er 1970 unter heftigstem Gejohle der Parlamentarier. Nicht in diesem hohen Hause! Und schon gar nicht am Rednerpult!

Oder der Blog-Artikel von Marina Weisband, politische Geschäftsführerin der Piraten, über ihre Wahrnehmung, wie sie von Mdien und Öffentlichkeit wahrgenommen wird.

Seien wir ehrlich. Meine Medienpräsenz besteht zu 80% aus Fotos, Kommentaren über meine Frisur, meine Kleidung, meine Hobbies, meine Art. Hach, wie hübsch und hach, wie erfrischend, heißt es da immer.

So würden heute noch manche Herren Frauen in der Politik sehen. Ich bin da scheinbar einigermaßen gefeit – ich stimme Agnes Krumwiedes Thesen zum Urheberrecht trotzdem nicht zu und lehne nicht alle Argumente der immer schlecht gelaunt aussehenden Renate Künast ab.

Ich möchte mehr Frauen den Zugang zur Politik ermöglich wissen. Ich wünsche mir eine gleichberechtigte Gesellschaft, in der eine (politische) Karriere unabhängig vom Geschlecht möglich ist. Wenn man dies will, kommt man nicht darum herum, Regeln aufzustellen, die dies garantieren. Denn Frauen tun Dinge anders. Männer auch.

Das schwierigste daran, für eine Quote einzutreten, ist, sich selbst zurückzunehmen. Seien wir ehrlich, so ein bißchen Rampensau sind wir alle, die wir Politik machen. Die eine mehr, der andere weniger. Und es tut weh, dass man Dinge nur, weil man ein Mann ist, nicht tun kann. Offen noch dazu. Das ist auch lehrreich. 2005 wurde ich nicht in den Parteirat gewählt, weil eine Frau auf den offenen Plätzen angetreten ist. Und wäre die grünen Wahllisten zur Bundestagswahl nicht “gegendert”, wäre ich vermutlich heute auch schon im Bundestag. Trotzdem trete ich weiter dafür ein, dass es Quoten gibt. Und möglicherweise müssen andere Gruppen auch Quotierung in solche Positionen gebracht werden. Die Vernachlässigung der Barrierefreiheit wäre sicherlich zu lösen über mehr Einfluss von mehr Menschen mit Behinderungen.

Das ist in meinen Augen der “angemessene Weg” mit diesen Unterschieden so umzugehen. Vor der Realität die Augen zu verschließen, ist der falsche Weg.

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Zukunftskonferenz

Auch schon wieder ne Woche her ist die grüne Zukunftskonferenz. Ein Ort, an dem man (grüne) Politik weiter denken kann, teilweise sagenhaften Input erhält, nicht nur im Rahmen von gewissen Zwängen auf Parteitagen (Losverfahren, vor mehreren hundert Leuten 3 Minuten reden, thematisch eingeschränkt, …) diskutieren kann – mit Fachleuten, mit der Parteispitze, mit Parteifremden. Traditionell am Ende eine Runde mit Externen, die die Konferenz bewerten und nochmal ein paar allgemeine Sätze zu Grüns sagen. Dieses Jahr mit viel Applaus bedacht mit Ulrike Herrmann, die ganz klar einerseits die Art der debatte begrüßte, aber auch (im Rückblick) auf die fehlende Aufarbeitung rot-grüner Regierungspolitik monierte – vor allem da ja noch teilweise dieselben Personen agieren wie 1998-2005. Dazu aber an anderer Stelle mehr.

Sehr beeindruckt hat mich die Keynote von Saskia Sassen (Soziologin an der Columbia University und LSE, Autorin).

Ich habe an zwei Workshops teilgenommen, an einem zur Geschlechtergerechtigkeit, weil diese Thematik ja nach wei vor mein politisches Hobby ist und ich nach wie vor eine sehr große Einseitigkeit meiner Partei in Genderfragen wahrnehme. Hier wollte ich auch als Mitunterzeichner des grünen Männermanifests Präsenz zeigen und dazu beitragen, den nächsten Schritt zu gehen, der langsam in Planung kommt. Es war auch notwendig, noch einmal darauf hinzuweisen, dass Männer genausowenig wie Frauen eine eigenständiges Recht auf Grundsicherung bei Hartz IV haben – auch wenn Frauen vermutlich stärker davon betroffen sind. Am Ende trifft es aber das Paar, das zusammenlebt – und nicht nur die Frau alleine. Mein Hinweis, dass Männer immer noch früher sterben als Frauen und man dort,wo klassische Rollenbilder in der Gesellschaft stärker abgefragt werden als bei uns, bspw. in Osteuropa, feststellt, dass die SChere noch weiter auseinadergeht, nämlich auf ca. 15 Jahre, wurde von Irmingard Schewe-Gerigk lapidar mit dem Hinweis beantwortet, dass die ja wohl selbst dran schuld sind – sie rauchten und tränken mehr und kümmerten sich (hier wie dort) weniger um die Gesundheitsvorsorge. Diese Antwort hat doch einiges an Empörung hervorgerufen, auch im Laufe der Konferenz wurde ich noch mehrfach angesprochen von Leuten – Männer wie Frauen – die sich diesen Satz völlig unmöglich fanden – und der wohl das Nichthandeln der Politik diesbezüglich begründen sollte. Auch finde ich, kann man das Bildungsproblem bei Jungen nciht damit wegdiskutieren, dass die beruflichen Chancen von Jungen auf den etwas höheren stufen der Karriereleiter besser sind. Ich habe darauf hingewiesen, dass im niedrigqualifizierten Bereich beide Geschlechter gleich betroffen sind. Frauen etwas mehr von Teilzeitarbeit – aber auch das liegt an den klassichen Rollenbildern, die es zu überwinden gilt.

Was ich verstehen kann – und was von rechten Männerrechtlern ja auch leider immer wieder gefodert wird – ist die Angst, dass Frauenprojekte zugunsten Männerprojekten diesbezglich zurückgefahren werden. Das halte ich für falsch – und trete an diesem Punkt den rechten Maskus ja auch entgegen, wenn sich die Gelegenheit ergibt. Es muss beides möglich sein. Schön auch, dass so ein neuer Kontakt zu Dag Schölper vom Bundesforum Männer entstanden ist.

Der zweite Workshop drehte sich um Urheberrecht und Meinungsfreiheit. Hier hatte ich eine Begegenung der dritten Art. Grundsätzlich aber vorweg: das Papier war eine gute Diskussionsgrundlage, durch die sehr wenig spezifierzte Festlegung natürlich auch provokant. Der Austausch auf dem Podium bewegte sich in bekannten Dimensionen.  Unsäglich aber der wiederkehrende Brötchenvergleich mit der Raubkopie. Auf dem Podium vertreten war Pit Budde, Musiker. Ich kenne ihn noch aus meiner Jugend. Er hat bei Cochise mitgewirkt, unter anderem mit so Titeln wie “Jetzt oder nie, Anarchie” oder das Sommerliedchen “Letztn Somma warn ma schwimmen” wo es um das illegale Schwimmen an einem Baggerseee geht. Dorthin kommt man wohl nur, wenn man ein Loch in einen Zaun schneidet. Die Übereinstimmung zu Musikdownloads war ihm nicht nahe zu bringen, er hat ja zuvor schon davon gesprochen, wenn man die Schutzfristen auf Grundstücke übertrage, sollten gekaufte Grundtücke nach 3 Jahren wieder in den Allgemeinbesitz übergehen. Zu “wir brauchen keine Gesetze, die uns knebeln” stünde er aber immer noch….Hmm, da bin ich jetzt ein bißchen desillusioniert.

Ich glaube schon, dass man einen Weg finden muss, wie KünstlerInnen eine angemessene Vergütung für ihre Werke erhalten. Kulturflatrate oder die von der eidg beschlossene Förderung der CC-Verfahren halte ich da eine gute Lösung. Menschen, die “illegal” downloaden zu kriminalisieren mit der Begründung “die bekaluen mich” (Budde) halte ich für grundfalsch. KünstlerInnen müssensich an die Gegebenheiten, wie sie heute sind, anpassen. MusikerInnen speziell: man kauft heute eher keine Hardware mehr (LPs, CDs) mit kunstvollen Covern und Inlays, sondern oft genug nur Daten. Wenn die niemand findet – dann muss sich der/die KünstlerIn eben überlegen, wie man das macht, dass man gefunden wird. Ein gutes Beispiel dafür ist – gut vergleichbar zu Budde – die schwäbische Rockband Anyone’s Daughter. Ich beziehe den Newsletter, kriege so jede Neuveröffentlichung mit und kaufe, wenn mir danach ist – und zwischenzeitlich kann ich sogar downloaden, wenn ich will. So geht das. (und ganz ehrlich: das Remaster von Piktor’s Verwandlungen war ein echtes Geschenk an den Fan).

Fazit: eine tolle Konferenz, die von mir aus gerne jedes Jahr stattfinden könnte. Aber gerne lieber zweitägig – es hätte noch weitere Workshops gegeben,die ich gerne besucht hätte. Und ein Alleinstellungsmerkmal der grünen Partei.

 

 

 

 

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Monika Ebeling in Goslar

Die Männerbewegung Maskulisten haben einen neuen Helden. Ach, was red ich, sogar eine Heldin. Sag noch mal einer, die wären engstirnig. Monika Ebeling heißt sie und sie war Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Goslar.

Kurz zur Geschichte, die ja vielfach im Netz und den Medien kursiert ist: Frau Ebeling hat ihren Job ernst genommen und sich für Frauen und Männer eingesetzt. Von ihrem Amt wurde sie nach einem Antrag der Linksfraktion im Goslaer Gemeinderat abberufen. Denn sie tat etwas, was durchaus ungewöhnlich ist für Gleichstellungsbeauftragte: sie setzte sich auch für Männer ein und widersetzte sich einseitiger Frauenförderung bzw. dem einseitigen Schutz von Frauen vor Disksriminierungen.

So hat sie darauf aufmerksam gemacht, dass bei einer Kinderschutzwoche es durchaus unangebracht ist, Brötchentüten mit dem Text: “Gewalt an Frauen und Kindern kommt nicht in die Tüte” bei den Bäckern zu verwenden und doch die Frauen weglassen sollte oder geschlechtsneutral formulieren sollte. Ich denke auch, dass man bei einer Kinderschutzwoche durchaus den Fokus auf den Kindern lassen kann – denn diese werden durchaus auch Opfer von Frauen – und zwar, wenn man Studien glauben darf, zur Hälfte.

Im Handbuch der Wanderausstellung zu Gewalt in Paarbeziehungen stellte sie fest, dass dort entgegen der Datenlage ausschließlich von Männern als Täter und Frauen als Opfern die Rede war. Dies kritisierte sie.

Zwei Punkte, die ich für unsterstützenswert halte. Sie hat in diesen Punkten recht: Frauen sind TäterInnen auch bei Kindern, da in erheblichem Maße und bei Männern, da nicht so stark. Zum letzten Punkt gibt es differierende Zahlen, ich persönlich beziehe mich dabei in aller Regel auf die Zahlen der Pilotstudie “Gewalt gegen Männer“, die von ca. 5-10% ausgeht. Die Maskus reden davon, dass hier eine Gleichverteilung herrscht – die Realität – Krankenhausbelegungen, keine Männerhäuser – spricht da eine andere Sprache. Und bei Kindern halte ich die pauschale Vereinahmung der Kinder durch Feminstinnen in der Gewaltfrage für Opferverhöhnung.

Was sie allerdings veranlasst hat, auf die völlig dubiose Seite des “Väternotrufs” zu verlinken, verstehe ich nicht. Es gibt sachliche Informationen zu Väterfragen im Internet, vaeter.de bspw. hätte es sicherlich getan.

Erschreckend finde ich, dass die GRÜNEN in Goslar finden Benachteiligung von Männern aufzeigen und „beseitigen“ sei nicht ihr politischer Wille. Ich finde schon, dass man die Benachteiligung jedes Individuums aufzeigen und beseitigen muss, ob ein Mann, eine Frau, ein Kind, ein Junge, ein Mädchen, Transsexuelle und so weiter (sorry fürs “mitmeinen”) betroffen sind.

Ich finde es schade, dass angesichts der richtigen Feststellung, dass die Gleichberechtigung der Frau nach wie vor nicht erreicht wird, fälschlicherweise davon ausgegangen wird, die Gleichberechtigun des Mannes wäre erreicht. Gender Mainstreaming bezeichnet den Versuch, die Gleichstellung der Geschlechter auf allen gesellschaftlichen Ebenen durchzusetzen (wikipedia). Alle Geschlechter sind in irgendeiner Weise von Benachteiligung betroffen. Man sollte die beiden Problemfelder daher nicht gegeneinander aufrechnen oder zu vergleichen versuchen. Denn es sind grundlegend verschiedene Dinge – wobei manchmal des einen Vorteil des anderen Nachteil bedeutet. Was die Emotionaliät in die Debatte bringt. Leider. Wir grünen Männer haben ja an anderer Stelle versucht, mehr Sachlichkeit in die Debatte zu bringen – wobei hier auch der nächste Schritt notwendig ist.

Frau Ebeling könnte etwas ungeduldig gewesen sein – wie dieser taz-Artikel aufzeigt. Möglicherweise war sie auch nicht diplomatisch in ihrem Vorgehen. Sicherlich hat sie sich mit Agens und IGAF auf die Seite von Rechtspopulisten geschlagen. Und vermutlich haben einige überreagiert – meine grünen FreundInnen aus Goslar auf jeden Fall schon (update: in der Aussage, Gleichberechtigung vn Mänenrn wäre nicht das politische Ziel) . Ich kenne das aus eigener Erfahrung – es ist nicht immer leicht mit diesem Thema.  Aber es sollte möglich sein, dass beide Seiten – sodenn es denn tatsächlich welche sind, wenn man Extremisten außen vor lässt – Verständnis für die jeweils andere Seite aufbringt. Das scheint mir nach dem Fall Ebeling notwendiger denn je.

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