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3 Wochen im Team Sandra Schlensog

Ich kenne Sandra Schlensog seit einem Jahr – wir kommen beide aus Karlsruhe bzw. von „drumrum“ und wir waren die ersten beiden bei Demokratie in Bewegung in Baden-Württemberg. Wir haben uns sofort gut verstanden, in und mit der Organisation des ersten Infostandes am Karsamstag 2017 – etwas mehr als ein Jahr ist das jetzt her. Wir waren zusammen im Landesvorstand, haben gemeinsam den Karlsruher Kreisverband gegründet und haben in vielen Dingen eine ähnliche Meinung und mögen uns – über das Politische hinaus.

Als sie ihre Petition „Herr Spahn, leben Sie für einen Monat vom HartzIV-Grundregelsatz!“ startet und der Presserummel losging, war es daher klar, dass ich mich ins Team einbringen würde, dass versuchte, die Petition zu bewerben und am Laufen zu halten – was ja mehr oder weniger von alleine ging. So berieten wir sie mehr und mehr im strategischen Umgang mit der Presse – was sie auch fast nicht brauchte – sie ist ein Naturtalent. Trotzdem hilft es ja, Klarheit in die Gedanken zu bringen, wenn man Überlegenswertes durchspricht. Die Journalisten mögen sie und ihre klare, geradlinige Art, ihren Mut, ihre klare Sprache. Trotzdem waren Pressetexte zu verfassen und zu koordinieren und und Updates der Petition gegenzulesen, eine Zeitlang war es nötig, die größten Spinner in den Kommentaren in der  Petition zu bändigen, Ihr den Rücken zu stärken, wenn es nötig war. Als klar war, dass Spahn kommen würde, war die Demo zu organisieren, die Karlsruher Verbände mit ins Boot zu holen, also mein Netzwerk zu nutzen und meine Erfahrung im organisieren von Demos. Die LINKE in Karlsruhe hat uns dabei einen guten Teil der Arbeit mit abgenommen. Zwei Tage habe ich ihre Presseanrufe entgegen genommen – von der Minute, ab der ich in Feierabend am vergangenen Donnerstag ging bis am Freitag war ich immer wieder mit Telefonaten beschäftigt. Und ich übernahm die Koordination des Besuchs – also hielt den Kontakt zu seinem Pressesprecher – und ging mit zum Gespräch mit Jens Spahn. Er versuchte von Anfang an, das Gespräch als privates Gespräch auszugeben, die politische Dimension seiner Äußerungen zu negieren. Aber für Sandra und uns alle, die wir die Petition unterschrieben hatten, machte ja ein rein persönliches Gespräch keinen Sinn. Und natürlich war es hilfreich, wenn jemand, der eine so lange politische Erfahrung hat wie Jens Spahn, bei so einem Treffen dabei ist.

Zum Gespräch gab es natürlich Vereinbarungen die getroffen werden mussten. Leider

unscharfe, noch nicht pressegerechte Situation in Sandras Küche

hat Spahn keine Pressekonferenz gewollt – sondern  mit dem Gespräch sollte wohl ein Ende der Diskussion um seine Äußerungen, dass Hartz IV keine Armut sei, eintreten. Das nicht zuzulassen, wird die Arbeit der nächsten Wochen sein.

Das Gespräch selbst war ein „nettes“ Gespräch, Spahn macht einen netten Eindruck, er schien mir im Gespräch mit Sandra ehrlich an ihrer Situation interessiert und das war auch das, was er vordergründig transportieren wollte. Ein symphatischer Mann, mit dem ich sicher drei Bier trinken könnte, solange wir nicht politisch diskutieren. Denn er vertritt klar die CDU-Positionen in den Fragen um die Grundsicherung und führt die bekannten Argumente ins Feld, warum es Sanktionen geben sollte, warum man den Beitrag nicht einfach erhöhen könne, dass man mehr an der Infrastruktur arbeiten müsse. Nebelkerzen, eine nach der anderen – und die reale Not der Menschen ausblendend bzw. eine Lösung auf irgendwann verschiebend. Da war kein Blumentopf zu gewinnen und seine Reaktion auf die Forderung, sich für seine Äußerung zu entschuldigen, fiel auch entsprechend (nonverbal) aus – und spätestens ab diesem Moment war klar, dass der nette Herr Spahn nicht verstanden hat, was mehr als 210.000 Menschen dazu gebracht hat, die Petition zu unterzeichnen. Dass er Obstkuchen mitbrachte, war angesichts des fälschlicherweise Marie Antoinette zugeschriebenen Zitats „Wenn sie kein Brot haben, sollen sie doch Kuchen essen“ ziemlich mutig.

Die gemeinsame Erklärung war dann auch dementsprechend soft:

Sandra Schlensog nimmt zum heutigen Treffen mit Bundesgesundheitsminister Jens Spahn wie folgt Stellung:
Sandra Schlensog bleibt bei der Aussage, dass Hartz IV in der Regel, unabhängig davon, wie gut oder schlecht der/die Einzelne damit zurechtkommt, Armut bedeutet, vor allem (aber nicht nur), wenn Menschen längere Zeit im Hartz IV-Bezug leben müssen. Leider konnte sie den Minister von ihrer Sicht der Dinge nicht überzeugen. Es ist ein wenig schade, dass er sich nicht auf das Experiment einlassen möchte, einen Monat von Hartz IV zu leben, wobei seine Einwände dagegen nicht völlig von der Hand zu weisen sind.

Sie fand, dass das Gespräch mit Herrn Spahn in einer angenehemen Atmosphäre statttfand, wenn auch unter den Bedingungen einer engen Sozialwohnung. Herr Spahn war sehr interessiert an ihrer persönlichen Situation und Perspektive. Nichtsdesttrotz zeigte sich am Ende, dass es politisch weiterhin Differenzen zwischen beiden geben wird. Sie rückt von ihren Forderungen nicht ab, weiß aber auch, dass der Gesundheitsminister nicht der richtige Ansprechpartner. Daran wird zu arbeiten sein.

Jens Spahn äußert sich zu der Begegnung wie folgt:

„Mit Hartz I‎V zu leben ist ohne Zweifel schwierig, denn es deckt als soziale Grundsicherung nur das Nötigste ab. Es war hilfreich, mit Frau Schlensog die konkreten Probleme ihres Alltags zu besprechen. Es beeindruckt mich, wie wichtig ihr das Ziel ist, so weit als möglich wieder auf eigenen Beinen stehen zu können. Was ich gut finde: Frau Schlensog kann neben ihren Bemühungen, Arbeit zu finden, eine so beeindruckende Kampagne auf die Füße stellen. Das zeigt aus meiner Sicht, dass die Grundsicherung funktioniert und eine Teilnahme am sozialen und politischen Leben ohne existentielle Not möglich ist.
Es ist zudem bemerkenswert, wie viele Unterschriften online gesammelt werden konnten. Allerdings denke ich, dass es viele Bürger eher als Farce empfänden, wenn ich als Bundesminister versuchte, für einen Monat von Hartz IV zu leben. Denn zu offenkundig käme mein beruflicher Alltag auch dann der realen Lage eines Hartz-IV-Empfängers nicht nahe. Ich möchte meine ganze Kraft als Bundesminister für Gesundheit darauf verwende, dass Leben möglichst vieler Menschen konkret besser zu machen. Dafür ist mir das heutige Gespräch mit Frau Schlensog Ansporn.“

Bitte sehen Sie anbei ein Bild des Treffens, auf dem Frau Schlensog Herrn Spahn die Unterschriften der Petition in Form eines USB-Sticks übergibt.

Sandra Schlensog erfüllt nicht das Bild der Hartz-IV-Empfängerin, die sich in ihrer Situation ergibt. Sie ist nicht die, die wie viele, von der Not getrieben, „Guten Tag“ sagen – und dann sofort ihre oft kaum auszuhaltende Situation schildern. Sie kämpft, sie begreift die politische Dimension – und hält die Klappe nicht.Die Kritik mancher Empfänger*in in den Kommentaren der Petition richten sich daher auch gegen sie:  sie kommt einigermaßen zurecht – solange die Waschmaschine noch hält und sagt das auch so. Aber soll sie ihre Lage dramatisieren? Ich habe in 10 Jahren Betreuung auch von Hartz IV-Empfänger*innen viele erlebt, die damit zurecht kamen, sich eingerichtet haben, solange nichts Außergewöhnliches passierte – und viele, die es nicht konnten. Die Idee, dass jemand in großer Not in der Lage sein soll, Rücklagen zu bilden, ist eine der aberwitzigsten Ideen in diesem System – übrigens.

Demovorbereitungsteam (Foto: Michael M. Roth, MicialMedia (micialmedia.de))

Ob es ihr und uns es gelingt, in den nächsten Wochen, mehr Menschen zu mobilisieren, wird darüber entscheiden, ob wir den nächsten Schritt gehen können. Das hängt nicht zuletzt an den Medien und den Journalisten – ob sie einen Mehrwert finden. Alle, die die Petition unterschrieben haben, sind gefordert, das Thema weiter zu forcieren. Briefe an den Minister Heil und auch weiterhin Jens Spahn, der/den örtlichen Bundestagsabgeordneten, den Fachpolitiker*innen, Anrufe bei Medien. Immer und immer wieder, das Thema am Laufen halten. Alleine schaffen wir das nicht – und die Presse muss halt Sandra weiter portraitieren und zu Diskussionen einladen. Und Organisationen ebenfalls. Nur dann wird es gelingen, tatsächlich wirklich was zu ändern. Wenn wir keine Ruhe geben

Demo vor dem Besuch

arm in einem der reichsten Länder der Welt

Der deutsche Staat hat im vergangenen Jahr 38,4 Milliarden Euro mehr eingenommen als ausgegeben. Das teilte das Statistische Bundesamt mit. Schreibt die Zeit.

Weder die Jamaika – noch GROKO-Verhandlungen haben gezeigt, dass das Geld da hingehen soll, wo es am nötigsten gebraucht wird: bei den Ärmsten, bei den Pflegebedürftigen, bei den Armen.

Dabei sind sie es, die diesen Aufschwung, der in Wahrheit eine Blase ist, erst möglich gemacht haben – indem man sie gezwungen hat, einen übergroßen Teil der Lasten zu tragen, während sich die, die eh schon etwas besitzen oder sich rauskaufen können, über die Maßen profitieren.

Die Armut steigt – und das selbst in einer Region wie dem Mittleren Oberrhein, die zu einer der reicheren Regionen im Land gehört.

Quelle: Der Paritätische

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Grafik zeigt: Die Armut steigt kontinuierlich, selbst bei bester Konjunktur, selbst in Regionen, in denen teilweise nahezu Vollbeschäftigung herrscht.

Wir erinnern uns. SPD und GRÜNE haben mit der Agenda 2010 Hartz IV eingeführt. Der Bezug von Arbeitslosengeld I wurde verkürzt, die bis dahin getrennte Arbeitslosenhilfe und die Sozialhilfe für Erwerbsfähige wurden zum Arbeitslosengeld II zusammengelegt. Vor der Reform wurde mindestens sechs, maximal 32 Monate Arbeitslosengeld gezahlt, jetzt ist nach 12 Monaten Schluss. Man fiel vor der Reform zunächst ins ALG II, das 57% des Nettolohns betrug. Diese Leistung unterlag einer Kürzung, wurde aber bis zur Rente bezahlt.

Die Reformen wurden durchgeführt, weil man sich eine Belebung des Arbeitsmarktes versprach und die Einsparung von Sozialleistungen. Die Deregulierung der Zeitarbeit als Druckmittel und die Personalvermittler, die zusammen, Hand in Hand und teilweise als ein Unternehmen an der Arbeit verdienten, die zuvor die Arbeitsämter durchgeführt haben. Dumpinglöhne, schlechte Arbeitsbedingungen und eine hohe Wahrscheinlichkeit, gleich wieder arbeitslos zu sein – das sind die Kennzeichen der allermeisten Zeitarbeitsstellen. Trotzdem wird sie nicht rereguliert, mittlerweile sind fast 1 Mio Menschen in Zeitarbeit gefangen und keine der Jamaika – oder GROKO-Parteien hat diese Forderung auf dem Schirm. Sie ist Teil der Repressionsmaschinerie und sie ist Teil des Armutsproblems. Und niemand möchte daran etwas ändern. Einzig die Linke scheint in dieser Frage einigermaßen glaubwürdig – wobei sie es beweisen müsste.

Es gibt keinen Aufschrei – alleine die Debatte um die aktuelle Position von Jens Spahn zeigt, dass zumindest eine Debatte nötig scheint. Vielleicht ist es möglich, etwas zu ändern – alleine, wenn die tagesaktuelle Debatte vorbei ist, 150.000, 200.000 oder eine Million diese Petition von Sandra unterzeichnen: Um JETZT etwas zu ändern, und dazu ist es eine Chance, muss es einen Weg geben, die Debatte am Laufen zu halten.

Wir alle sind gefragt, JETZT nicht aufzuhören. Hartz IV reicht nicht zum Leben. JETZT muss sich etwas ändern.

Wir leben in einem der reichsten Länder der Welt. Menschen können sich Medikamente und Therapien nicht leisten, Menschen können sich Ernährung nicht leisten, benötigen Tafeln und Suppenküchen, um satt zu werden, es gibt zu wenige Pflegeplätze, es kommt vor, dass alte Menschen  in Pflegeheimen vor sich hin vegetieren, während sie medikamentös ruhig gestellt werden oder fixiert. Die Bezahlung in den sozialen Berufen ist schrecklich, während über Steuererleichtungen für die Mittelschicht gesprochen wird.

Hartz-IV-Leistungen bekommt man nicht, wenn man nicht weiß, dass es sie gibt

Seit Mitte 2007 bin ich in der Betreuung, Qualifizierung und Integration arbeitsloser Menschen einigen hundert Schicksalen in diesen Jahren begegnet. Menschen, die keine Arbeit mehr fanden, Menschen, die keine Arbeit mehr wollten, Menschen, die wollten, aber nicht mehr konnten. Viele dieser Menschen bezogen Hartz IV, andere bekamen noch Geld von der Rentenkasse, andere bezogen ALG 1.

Was mir früh auffiel, war die manches Mal herrschende Hilflosigkeit dieser Menschen diesem übermächtigen Apparat gegenüber. Bei mir im Coaching oder Unterricht landeten ja die, in die der Staat bereit war, zu investieren. Denen die Arbeitsagentur oder das Jobcenter etwas Gutes tun wollte, sie unterstützen wollte bei der Suche nach Arbeit, beim bewerben, bei der Auswahl der Arbeitgeber, beim Berufsweg umplanen.  Hier ging es weniger um drangsalieren, sondern um echte Unterstützung – so wie ich auch die allermeisten Arbeitsagentur- und Jobcentermitarbeiter*innen als hilfsbereit und den Kunden zugewandt erlebt habe.

Und doch begegneten mir immer wieder Menschen, die Leistungen nicht bekamen, obwohl sie eigentlich einen Anspruch darauf hatten. Zwei Fälle aus mehreren zusammen gemischt, sodass die Personen, sollten sie zufällig hier mitlesen, sich nicht geoutet fühlen müssen:

Da ist der Mann nach einer Krebs-OP. Er hat einen Teil des Darms heraus genommen bekommen. Seitdem benötigt er nicht nur eine Arbeitsstelle mit Toilette in direkter Nähe, sondern er muss auch eine bestimmte Diät halten. Diese Diät ist eine medizinisch notwendige Diät, sie ist dauerhaft einzuhalten und sie bedeutet einen dauerhaften Mehraufwand. Dies ist  als Sonderbedarf zu erstatten, der Betrag umfasst ungefähr 40 €/Monat. Die Jobcentermitarbeiter*in kennt die Krankengeschichte, er weiß um die Diät. Aber er/sie weiß offenbar nichts von dem Sonderbedarf oder will es nicht wissen. Mir fällt in einem Gespräch mit dem Kunden ein, dass ich da mal etwas dazu gelesen habe, werfe Google an und finde die entsprechende Regelung für genau die Erkrankung/Diät. Auf einen Antrag hin erhält der Mann ab sofort die Mehrleistungen – rückwirkend erhält er sie nicht. Wäre er nicht zufällig auf mich getroffen (er hatte schon andere Maßnahmen zuvor) und hätte ich nicht zufällig etwas gehört/gelesen – er hätte das Geld nicht bekommen. Sollte er seine gefundene Arbeitsstelle wieder verlieren, weiß er zumindest, dass es das gibt und er kann es von Anfang an beantragen.

Da ist die Frau, die mit anderen Familienmitgliedern alleinerziehend zusammen lebt. Eines ihrer Kinder ist alt genug, eine Arbeit oder eine Ausbildungsstelle zu haben, kümmert sich aber nicht darum. Sie arbeitet nicht, schreibt keine Bewerbungen, nimmt die Jobcentertermine nicht wahr und ist tagelang nicht zu Hause. Die Mutter bekommt Hartz IV, die Tochter hat einen eigenen Anspruch. Aus diesem wird auch Miete für die gemeinsame Wohnung bezahlt, sie sind eine Erwerbsgemeinschaft. Da sie ihre Termine nicht wahrnimmt, wird sie nach mehreren Aufforderungen um 100% ihrer Leistungen gekürzt, das heißt, sie bekommt weder Geld – und auch keine Miete mehr. Die Mutter, die ebenfalls einen Anteil der Miete über ihr Hartz IV bezahlt und Hauptmieterin ist, bekommt darüber weder Bescheid – noch geht die Mietbegleichung automatisch an sie über. Nachdem ein Brief des Jobcenters an die Tochter mehrere Tage ungeöffnet herumliegt,  öffnet sie ihn – und stellt fest, dass sie ein Problem hat. Sie muss, um den Mietvertrag zu erhalten und nicht gekündigt zu bekommen, die andere Hälfte der Miete bezahlen. Nach Abzug dieser Zahlung bleiben ihr von ihrem eigenen Hartz IV fast nichts. Auf die Idee, dass der Sozialstaat ihre Hälfte übernehmen müsste, kommt sie nicht. Auf die Idee, sich vertrauensvoll an das Jobcenter zu wenden, ebenfalls nicht. Als sie mir davon erzählt, ist mir klar, dass das so nicht geht. Ich schicke sie zum Jobcenter, einen Termin ausmachen. Am Ende ist alles problemlos, sie muss diese Übernahme der Mietkosten allerdings beantragen – es gibt da keinen Automatismus (wenn die Miete für die Tochter wieder anläuft, wird es allerdings einen geben). Wäre sie nicht auf mich getroffen, hätte sie die Miete von ihrem wenigen Hartz IV bezahlt und wenn es dann endlich mal jemandem aufgefallen wäre, hätte sie das zuviel bezahlte Geld nicht rückwirkend zurück bekommen, hätte möglicherweise klagen müssen – was sie sich nicht getraut hätte, weil sie Angst vor den Anwaltskosten gehabt hätte. Jetzt weiß sie zumindest, dass es Beratungsscheine gibt.

Beiden Fällen, die nur ähnlich passiert sind, ist gleich, dass sich beide Leistungsbezieher*innen nicht darüber im klaren sind, welche Rechte sie haben, welche Rechte sie in Anspruch nehmen können. Das Verhältnis zum Jobcenter ist nicht so, dass sie auf die Idee kämen, dass sie dort Hilfe bekämen oder eine Beratung, die sie über ihre Rechte aufklärt. Die ihnen Hilfe in ihrer Lebenslage angedeihen lässt, die sie im Dschungel der Rechte, Maßnahmen und Leistungen umfassend und proaktiv beraten.

Stattdessen nehmen sie das Jobcenter – und es waren in beiden Fällen nette und zuvorkommende Mitarbeiter dort – als die Behörde wahr, die sie drangsaliert. Das war in beiden Fällen nicht so – aber im Falle des Mannes wurde letztendlich eine Leistung vorenthalten – ob mit Absicht oder nicht, ist dabei ungeklärt und auch nicht aufklärbar. Die Frau wusste schlicht nicht, an wen sie sich wenden könnte. Sie hat eine positive Erfahrung gemacht und traut sich zukünftig hoffentlich mehr, sofern sie ihre Arbeitsstelle wieder verliert oder aus anderen Gründen wieder Hartz IV beziehen muss.

Bild: lannyboy89@pixabay.com

Mir fällt immer wieder auf, dass es an Lotsen in diesem System fehlt. Selbst Jobcentermitarbeiter*innen sind teilweise mit Antragsstellung und Leistungsgewährung überfordert, nicht umsonst gibt es immer wieder erfolgreiche Klagen gegen die Bescheide. Oft ist es einfach, mit ein bisschen googeln hat man zumindest die Idee, dass es da etwas geben könnte. Manchmal ist es hilfreich, wenn jemand wie ich dort anruft und sich erkundigt. Manchmal bleibt am Ende nur eine Klage. Vom System her ist es aber so angelegt, dass Leute ihre Leistungen nicht abrufen. Man wünscht sich eine Studie, die das genauer untersuchte: wie hoch ist der Anteil der Menschen, die weniger Leistungen erhalten, als ihnen zustünde – einfach aus dem Grund heraus, weil sie es nicht beantragen. Und was sind die Gründe dafür? Angst? Unwissen? Unwillen?

Wie wäre es denn mit einer Maßnahme für Hartz IV-Beziher*innen/Aufstocker*innen, die automatisch, wenn jemand Hartz-IV-beziehen muss, den Menschen beibringt, welche Rechte und Pflichten sie haben? (solange es dieses System noch gibt)

Und die Gretchenfrage: wie hoch ist der Anteil und die Kosten für diese Sozialleistungen, wenn alles bezahlt würde, was den Leuten zusteht? Und wieviel hat der Staat seit der Einführung von Hartz IV durch nicht erbrachte Leistung eingespart?

Wie Geschichte verändert wird

am Beispiel der Niederlage der GRÜNEN im Jahre 2013.

Schauen wir zurück ins Jahr 2012. Die GRÜNEN beschließen ein relativ linkes Wahlprogramm, mit Steuererhöhungen. Diese Steuererhöhungen waren bei der November-Delegiertenversammlung Ende 2011 beschlossen worden, sie waren angepasst an die SPD-Forderungen zur Steuererhöhung und gingen nur leicht darüber hinaus (Anstieg des  Spitzensteuersatzes ab 60.000 € versteuerbares Einkommen anstatt ab 80.000 €, nur 49% Spitzensteuersatz). Ich hatte damals für einen noch höheren Spitzensteuersatz gesprochen und auch gestimmt. Ein Teil des Realolagers war gegen diese Erhöhung, vor allem diejenigen aus Baden-Württemberg.

Und so begann spätestens Mitte 2013 ein denkwürdiger Wahlkampf: Realos vor allem aus Baden-Württemberg, Bayern und Hessen bekämpften öffentlich über die Presse die eigenen Steuerbeschlüsse.  Mit großer Anstrengung gelang es, trotz des permanenten „friendly-fire“, die Umfragewerte einigermaßen konstant zu halten – bis in den Sommer hinein:

Umfragewerte des Instituts Emnid, Quelle: www.wahlrecht.de

Im August 2013 – kurz nachdem die Debatte um den Veggieday sich Bahn brach, dann erstes, zählbares Nachlassen der Werte. Kurz zuvor spülte die Debatte um Daniel Cohn-Bendit und die Vorwürfe gegen ihn wegen Pädophilie noch einmal an die Öffentlichkeit. Grund war die Entscheidung der Theodor-Heuss-Stiftung, ihn als Preisträger  der Stiftung zu ehren:

Er bekommt die Auszeichnung angesichts seines langjährigen außerordentlichen Engagements, als Ideengeber und Politiker immer wieder auf Veränderung einzugehen, Lösungen zu suchen und dadurch stets neue Wege in der Demokratie zu beschreiten.

Im Vorstand der Stiftung: Winfried Kretschmann, der sich nicht dagegen ausgesprochen hat. Ich erinnere mich noch gut an die Debatte im Landesvorstand.

Beide Kampagnen, aus der konservativen Ecke, die gegen Cohn-Bendit noch dazu vorangetrieben vom heutigen Koalitionspartner der GRÜNEN im Land, sorgten für nachhaltige Einbrüche der Umfragewerte. Kurz vor der Wahl gerieten dann neben Cohn-Bendit auch zuerst Jürgen Trittin und in der Woche der Wahl Volker Beck ins Visier. Beck wurde zudem der Unwahrheit überführt – zumindest in den Augen der Öffentlichkeit:

Artikel aus der Welt (https://www.welt.de/politik/deutschland/article120237364/Beck-wollte-Sex-mit-Zwoelfjaehrigen-straffrei-machen.html)

Am Ende blieben 8,4%. Ich kann mich daran erinnern, wie die Stimmung an den Infoständen umschlug, man sich als Grüner Wahlkämpfer selbst mit Pädophilievorwürfen auseinandersetzen musste.

Der Veggieday war ein jahrealter Beschluss, der eigentlich in jedem Wahlprogramm stand. Die Pädovorwürfe gegen Cohn-Bendit und Beck ebenfalls nichts Neues – der aktuelle Chefredaktuer des Freitag hat ja immer wieder versucht, diesen Bogen zwischen den Generationen der Grünen zu schlagen. Die 8,4% waren das Resultat einer Medienkampagne, der die GRÜNEN nichts entgegen zu setzen hatten. Im Ergebnis

Das ist die wahre Geschichte des Wahlkampfes 2013. Nachzulesen in alten Presseberichten, überprüfbar anhand der Umfragewerte. Den einzigen Bezug, den man zu den Steuerbeschlüssen herstellen könnte ist, dass diese Kampagne losgetreten wurde, weil es diese Steuerbeschlüsse gab. Aber das hat bislang niemand getan.

Die Realos haben vor, während und nach der Wahl an der Legende gestrickt, die Steuerbeschlüsse allein wären am schlechten Ergebnis schuld gewesen. Damit zwangen sie nicht nur Jürgen Trittin, sondern auch Claudia Roth zum Rückzug – aus dem Nichts tauchte Toni Hofreiter auf. Innerparteilich wurde die alte grüne Linke zerschlagen und mit einer pragmatischeren Gruppe unter Toni Hofreiter und jungen Abgeordneten wie Agnieszka Brugger ersetzt.

Unentwegt wurde behauptet, dass der Steuerwahlkampf, den man so nie mehr führen wollte – und das, wo es doch gelungen war, alle Behauptungen zu widerlegen und ein kompliziertes Thema wirklich vielen Leuten nahe gebracht hatte – daran schuld war. Bis heute wird Jürgen Trittin dafür verantwortlich gemacht:

Jürgen Trittin musste an der Niederlage von 2013 schuld sein, aber dafür hatte er vorher auch die Richtlinienkompetenz im Wahlkampf

schreibt Peter Unfried in der taz.

Jetzt, wo die Realos alleine an der Macht sind – die Partei von Özdemir und Göring-Eckart in den Wahlkampf geführt wird, am G-Kamin, dem inoffiziellen Sprachrohr der Grünen, die irgendwo in den Ländern am regieren sind, sie ebenfalls die Mehrheit haben – jetzt sollte sich doch alles zum besseren wenden. Tut es nicht – offensichtlich.

Geprägt von einer öffentlichen Debatte um die Abschiebepolitik, an deren vorderster Front die GRÜNEN aus Baden-Württemberg den Abschiebestopp nach Afghanistan verhindern, von einer Debatte um soziale Gerechtigkeit, die Martin Schulz voran treibt – und die die GRÜNEN nicht führen möchten, weil sie nicht von der Agenda 2010 lassen können. Mit Özdemir und Göring-Eckart stehen die Vertreter des Flügels im Mittelpunkt, die nicht nur (erneut) den Krieg nach Afghanistan gebracht haben, sondern die die Menschen, die von dort flüchten, auch dorthin zurückschicken wollen. Und es stehen die Protagonisten im Blick der Öffentlichkeit, die  gegen die Änderungen an der Agendapolitik innerhalb der GRÜNEN gekämpft haben. Viele Wähler*innen der GRÜNEN kommen aus dem rot-grünen Lager. Sie wollen eine andere Politik. Diese Wähler*innen wenden sich jetzt der SPD zu – oder wenden sich ganz ab. Es geht vielen wie mir: ich weiß momentan nicht, wen oder was ich wählen werde. (29.4.17: ich weiß es: ich wähle DiB) Ich traue der SPD nicht, die in den letzten Jahren, als sie die Politik hätte umsetzen können, die Schulz jetzt formuliert, versagt hat und bei der Union untergekrochen ist. Und ich traue der Linken nicht, die zu viele nationalistische Signale sendet. Ich mag keine autoritäre Partei. Die GRÜNEN als Abschiebepartei sind für mich durch.

Die GRÜNEN könnten die Politik der SPD da, wo sie angesichts Schulz‘ Rhetorik unvollständig ist und in den letzten Jahren vor allem widersprüchlich, thematisieren. Da wäre nicht nur die Sanktionsfreiheit bei Hartz IV, die von der Herbst-BDK beschlossen wurde. Da wäre zudem die Reregulierung des zentralen Instruments der Gängelung der Arbeitslosen: die Zeitarbeit und ein genereller Mindestlohn – kein halbseidene Mindestlohnregelung wie anno 2014. Man muss es deutlich sagen: wer die Zeitarbeit nicht rereguliert, lässt den Jobcentern die Möglichkeit, Arbeitslose in jeden Job unter jeden Umständen zu zwingen. Und angesichts der zunehmenden digitalen Automatisierung eine generelle Arbeitszeitverkürzung.

Statt dessen definiert das Realolager um Göring-Eckart einen 8-Punkte-Plan, der noch nicht einmal das Ende der Sanktionen, gerade erst beschlossen, beinhaltet. In allen anderen Punkten bleibt man vage – dem alten Credo der Realos folgend, dass man mit konkreten Zahlen angreifbar ist – und hinterher schwerer verhandelt, weil man sich ja messen lassen muss.

Unfried stelle in seinem Artikel übrigens die Frage, ob die GRÜNEN am Ende seien. Die GRÜNEN, die schwarz-grün wollen, wozu die Kameradschaft(!) mit der CSU unweigerlich gehört, sind zumindest als progressive Kraft am Ende. Sie wird Scharnierpartei, bei der jeder Inhalt verhandelbar ist und bleibt – und damit beliebig (weswegen man ja nichts konkretes formulieren darf).

Spannend ist und bleibt, dass sich die falsche Darstellung bis in „linke“ Medien hinein hält, die GRÜNEN hätten wegen der Steuer und damit wegen Jürgen Trittin verloren. Das ist Fakenews. Oder schlicht: gelogen, wie man in der guten alten Zeit sagte.

Was die GRÜNEN retten könnte? Ich weiß es nicht. Es ist mir (eigentlich) auch egal. Vielleicht wäre es am besten, sie flögen mit 4,9% aus dem Bundestag.

Was ist Sicherheit?

Es wird in diesen Tagen viel von Sicherheit geredet. Allerdings nur über die Sicherheit, die Bürger*innen vor Straftätern, speziell vor Leuten, die sie überfallen, begrapschen, vergewaltigen, niederschlagen, schützt. Taten, die speziell Migranten zugeordnet werden.

So, als hätte es das vor der Zuwanderung von Migranten nicht gegeben.

Aber, ist das alleine das, was einen Menschen sich sicher fühlen lässt – die Sicherheit vor Verbrechen? Oder ist Sicherheit mehr?

Im Duden findet man folgende Definitionen:

  1. Zustand des Sicherseins, Geschütztseins vor Gefahr oder Schaden; höchstmögliches Freisein von Gefährdungen
  2. Gewissheit, Bestimmtheit
  3. das Freisein von Fehlern und Irrtümern; Zuverlässigkeit
  4. Gewandtheit, Selbstbewusstsein, sicheres Auftreten
  5. (Wirtschaft) hinterlegtes Geld, Wertpapiere o. Ä. als Bürgschaft, Pfand für einen Kredit
  6. (DDR) Kurzform für: Staatssicherheit

Laut der Maslow’schen Bedürfnispyramide ist Sicherheit nicht das erste Bedürfnis – das sind physiologische Bedürfnisse – Essen, Trinken, Schlaf.

Sicherheit kommt erst an zweiter Stelle – und Maslow ergänzt, dass

Menschen, bei denen die Sicherheitsbedürfnisse aktuell motivierende Kraft haben, oft spezifisch dadurch charakterisiert sind, dass für sie Suche nach einem Beschützer, einer stärkeren Person, von der man abhängt, von großer Bedeutung ist.

Mit den Hartz-IV-Reformen kam die Unsicherheit ins Land. Die Unsicherheit, dass die physiologischen Grundbedürfnisse nicht mehr befriedigt werden können.

Knapp 82 Millionen Menschen leben in Deutschland, das heißt, jeder Zwölfte ist im Hartz -IV-Bezug.

Was Hartz IV bedeutet, wissen die meisten Menschen zwischenzeitlich:

Hartz IV Regelbedarf Übersicht

Bedarf ab
01.01.2017
bis 31.12.2016
Regelbedarf für Alleinstehende/ Alleinerziehende 409 € 404 €
Volljährige Partner innerhalb einer Bedarfsgemeinschaft 368 € 364 €
RL unter 25-Jährige im Haushalt der Eltern /  Strafregelleistung für ohne Zustimmung  ausgezogene U 25’er 327 € 324 €
Kinder 0 bis 6 Jahre 237 € 237 €
RL für Kinder von 6 bis unter 14 Jahre 291 € 270 €
Kinder 14 bis unter 18 Jahre 311 € 306 €

(Quelle: HartzIV.org)

In zahlreichen Diskussionen haben Sozialpolitiker immer wieder betont, dass dieses Geld zu wenig ist. Deutlich höhere Sätze wurden verlangt. Aus dem täglichen Erleben – ich arbeite seit dem Sommer wieder bei einem Bildungsträger – kann ich das bestätigen. Seit der Zeit betreue ich an einem Tag in der Woche auch Menschen mit Suchterkrankungen, die auch immer wieder Sanktionen ausgesetzt sind.

Zum geringen, nicht ausreichenden Satz der Bedarfskosten kommt das stranden in einem System, das keine Rücksicht auf die Bedarfe des Leistungsempfängers nimmt. Der „Kunde“ ist im Leistungsbezug, er muss seinen Anspruch begründen, alle halbe Jahr neu und wenn er arbeitsfähig ist, dann wird er einem System ausgesetzt, dass ihn letztendlich in jeden Job pressen kann. Das ist eine vereinfachte Darstellung, die Realität ist natürlich komplizierter und ich persönlich habe bis auf eine ganz wenige Ausnahmen durchaus hilfsbereite Jobcentermitarbeiter_innen erlebt, denen das wohl ihrer Kunden am Herzen lag und liegt. Aber ich kenne nur wenige und ein ehemaliger Mitarbeiter, mit dem ich heute noch privaten Kontakt habe, schildert das glaubwürdig aus interner Sicht für den Großteil anders.

Die Leute wissen das – schließlich kennt man die Realität nicht nur aus der Nähe, sondern auch vom Hörensagen –  und sie wollen es auf jeden Fall vermeiden, im Hartz-IV-Bezug zu landen. Oft genug sind damit dann auch Umzug, kleinere Wohnung, Verlust von Status, Auto, Freunden, Leben verbunden. Wer in eine kleinere Wohnung zieht, muss sich von vielen Dingen trennen. Wer Geld angespart hat, wer eine Abfindung bekommen hat – muss dieses Geld erst bis zu einem Schonbetrag verbrauchen, Lebensversicherungen auflösen, Sparbücher plündern. Dieses Damoklesschwert, begründet von SPD und GRÜNEN, verschärft von jeder nachfolgenden Regierung, die seit 2005 unter der Führung der CDU steht, begründet massive Unsicherheit. Im Grunde genommen hat ein Hartz-IV-Empfänger_in heute den Status, den früher der Sozialhilfeempfänger_in hatte. Und hinzu kommen natürlich die Unsicherheiten, die aus der unregulierten Zeitarbeit resultieren.

Ich kenne Hartz-Empfänger_innen, die sich gut im System eingerichtet haben, innerlich resigniert, aber ihre Würde bewahrend. Ich kenne andere, die sich gehen lassen. Hinzu kommt ein System, das bei denen, die schon ganz unten sind, Zustände zulassen, die  Politiker_innen, wenn man sie darauf anspricht, als „nicht wahr“ verleugnen. Ich lasse mir ab und an Bilder zeigen von Wohnungen, in denen manche dieser Menschen hausen müssen. Wohnen ist kein Ausdruck dafür. Es gibt darüber hinaus Probleme bei Möbelbeschaffung, Genehmigung von Sonderzahlungen bei Krankheit und so weiter.

Parallel steigt wahrnehmbar auch die Zahl der Wohnungslosen:

Die BAG Wohnungslosenhilfe (BAG W) ermittelt einen drastischen Anstieg der Wohnungslosigkeit in Deutschland: 2014 waren ca. 335.000 Menschen in Deutschland ohne Wohnung – seit 2012 ist dies ein Anstieg um ca. 18 %.
Die Zahl der Menschen, die „Platte machen“, die also ohne jede Unterkunft auf der Straße leben, stieg seit 2012 um 50 % auf ca. 39.000 in 2014 (ca. 26.000 in 2012).

Und im Zuge weiter Kosteneinsparungen, Outsourcing sinkt die Sauberkeit im öffentlichen Raum. Wände werden beschmiert, Hundekot liegt herum, Müll wird wild gelagert, Sperrmüll auseinander gerissen, an Sperrmülltagen fahren Suchtransporter durch die Straßen und es gibt erhöhte Wohnungseinbrüche oder Diebstähle. Sauberkeit im öffentlichen Raum ist allerdings ein wichtiges Kriterium für das Sicherheitsgefühl der Bevölkerung.

In den letzten Jahren häufen sich Berichte über durch Europa nomadisierenden Diebstahlsbanden, die sich im Schengenraum bewegen.

Die Ermittler unterscheiden zwischen den „Ameisen“, den Arbeitern, die einbrechen, und den Nutznießern im Hintergrund. An sie ist kaum heranzukommen. Es fehlt an Personal für die komplexen und aufwendigen Ermittlungen. Die Täter kommunizieren hochmodern und verschlüsselt.

Das Grundproblem aber sei, sagt Kriminalist Eschemann: „Die Kriminellen können samt Beute problemlos kreuz und quer durch die EU reisen. Die Ermittlungsbehörden aber arbeiten erst einmal national.“ Das Überschreiten jeder Grenze koste sehr viel Zeit. Daher müsse die internationale Zusammenarbeit, der schnelle Datenaustausch, dringend verbessert werden: „Der Haftrichter in NRW muss auch Informationen über Taten in anderen EU-Staaten bekommen können“, sagt Eschemann.

Viele Berichte über Einbrüche werden zudem über die Tagespresse oder regionale (Online)-Zeitungen verbreitet – die Polizei wirbt auf großen Plakatwänden für mehr Sicherheitsmaßnahmen.

Insgesamt ist eine Verrohung festzustellen, nicht nur in der politischen Auseinandersetzung, sondern auch im Umgang miteinander. Viele Taten werden Menschen zugeordnet, die irgendwie „südländisch“ aussehen – was etwas über ihre Vorfahren aussagt, aber nicht über sie selbst. Im Rahmen von Berichten über Überfälle auf der Straße steigt mit der Berichterstattung die Angst, ebenfalls Opfer einer solchen Tat zu werden – selbst, wenn man offensichtlich nicht viel mehr Wertvolles als ein Smartphone besitzt. Da aber Eltern ihren Kindern oft genug schon ihr abgelegtes iPhone aushändigen, können Täter_innen davon ausgehen, dass sie meist irgendwie zumindest ein wertvolles Gerät erbeuten können. Hinzu kommen skandalisierende Berichterstattung. Ich bin an Öffentliches Fernsehen und Rundfunk gewöhnt – die Art und Weise, wie privater Rundfunk über die Dinge, oft verkürzt und ohne Hintergrund berichtet – ist für mich oftmals kaum nachvollziehbar und erkennbar als unseriös wahrzunehmen. Viele Leute schauen/hören aber keinen ÖR mehr, die Information kommt von privaten Sendern oder schlimmer noch – Internetinformationen, Portalen wie RTDeutsch oder noch schlimmer. Informationen werden aufgebauscht, verkürzt, verfälscht, skandalisiert. Bestes Beispiel sind die Vorkommnisse von Köln, die jetzt dazu geführt haben, dass Racial Profiling, eigentlich verboten, nicht nur praktiziert wurde, sondern auch noch verteidigt wird. Die Tätergruppe sind irgendwie „Nordafrikaner“, rassistisch als „Nafris“ bezeichnet, was wohl zum Ersatz zum N-Wort wird und die vom Aussehen her kaum zu unterscheiden sind von längst integrierten Menschen aus südlichen Ländern.  Mit Köln 2016/17 ist der Pauschalverdacht aber wieder salonfähig geworden.

Dazu kommt ein bei der Ankunft und Verwaltung einer großen Anzahl von Asylbewerber*innen im Jahr 2015 und 2016 ein mit Recht erkennbares Staatsversagen und ein Terroranschlag in Berlin, zwei in Würzburg und Ansbach, die für mich nicht klar als terroristisch sind, aber allgemein dazu gezählt werden. Dass mit NSU-Morden und ungeklärtem Hintergrund und dem Münchner Terroranschlag, der als Amoklauf betituliert wird, aber eindeutig ein rechter Terroranschlag war, diese Gefahr kaum beleuchtet wird und die Gefahr marodierender Rechtsextremer wie in Heidenau sowie knapp 1000 Anschlägen auf Asylunterkünfte, die auch als terroristische Anschläge gewertet werden müssten, nicht in der Berichterstattung vorkommen, verschiebt das Bedrohungsgefühl in eine Richtung – die der irgendwie südländisch aussehenden Menschen, oder noch einfacher: Nafris – worunter alles subsummiert wird, gegen das man Vorurteile haben kann. Hinzu kommt eine Gesellschaft, die die Normalität noch immer durchgängig  als weiß definiert, sich des alltäglichen Rassismus und Kolonialismus in den Köpfen kaum bewusst ist und sich nach wie vor auf Hinweise auf praktizierten Rassismus mit Unverständnis wirbt – und sich heraus nimmt, zu bestimmen, was der rassistisch beleidigte Mensch als Rassismus wahrnehmen darf (das hab ich doch nicht so gemeint) –  wie man es aktuell wieder beim Blackfacing der Hl. Drei Könige erleben muss. Dabei liegt die Definitionshoheit nicht beim Sender_in, sondern beim Empfänger_in.

Die aktuellen Zahlen vom Deutschlandtrend Januar 2017 ist dabei ein richtiger Augenöffner – es wird deutlich, was getan werden muss, um nicht nur die AfD zurückzudrängen. AfD-Wähler_innen fühlen sich im Gegensatz zu den Anhänger_innen aller anderen Parteien deutlich unsicherer – und glauben, dass sie in einer schlechteren Situation leben als ihre Großeltern (früher war alles besser!).

Wenn die Dinge, die ich oben beschrieben habe (und es ist nicht vollständig), abgestellt würden, was eine immense Menge Geld kosten würde, womit an Steuererhöhungen nicht vorbei kommt, wäre die AfD binnen weniger Monate zurückgedrängt. Steuererhöhungen beschließen, damit Hartz IV erhöhen, Sanktionen aussetzen, Reregulierung der Zeitarbeit, ein Wohnungsbauprogramm auflegen, die Asylbewerber schneller integrieren, in dem sie mittels Wohnungsbau in der Gesellschaft aufgehen lässt, eine Investition in Sauberkeit und Polizei, bspw durch flächendeckenden Finanzierung von Kommunaler Ordnungdienst-Programmen, die nach und nach in reguläre Polizei überführt würden,  würde die AfD auf NPD-Größe zusammenschrumpfen lassen, die Luft raus lassen aus dem aufgeblähten nationalistischen Ballon. (Wie oft hab ich jetzt in der Zeitung gelesen, dass Leute AfD als „Denkzettel“ wählen?) Vielleicht müsste man sie eine Legislatur im Bundestag aushalten. Aber ihre pure Existenz hätte etwas Gutes bewirkt. Das wäre „besorgte Bürger_innen ernst nehmen“.

Das Sicherheitsgefühl resultiert aus mehr als der Sicherheit vor Terroranschlägen und Begrapschen an Silvester in Köln. Sicherheit resultiert aus der Realisierung der in den ersten 19 Artikeln des Grundgesetzes formulierten Grundrechte. Dies – und nicht die Aushöhlung derselben aus populistischen Gründen – sollte das Ziel aller demokratischen Parteien sein. Ich sehe allerdings derzeit keine, die sich dies zum Ziel gesetzt hat. Es sollte irgendeine damit JETZT!ANFANGEN.

wo Bildung versagt

ich war mal ein Fan von Stefan Raab. Als TV Total noch einmal die Woche oder so kam, die Gags noch originell waren und er kein Superstar, bevor die Bühne hin und her fuhr – zu „Maschendrahtzaun“-Zeiten oder „Gebt das Hanf frei“.

Heute bin ich bei Facebook auf dieses Video gestoßen:

Im ersten Moment musste ich lachen, teilweise ist es echt absurd. Man hat ja immer die Hoffnung, dass das alles gestellt ist.

Dann eine Diskussion bei Facebook dazu – und dann war ich auf einmal mitten im Berufsleben und in der Politik – und mir war klar, dass das ganze nicht lustig ist.

Da werden junge Menschen vorgeführt – egal ob gestellt oder nicht, denn es gibt tatsächlich Menschen, die schlicht ungebildet sind, keine Ahnung haben, wie viele Menschen in Deutschland leben oder nicht in der Lage sind, einzuschätzen, wie viel Prozent von irgendwas 10.000 Menschen sind. Auch damit habe ich manchmal zu tun.

Wenn man wie ich daran glaubt, dass kein Mensch dumm geboren wird – dann ist es ein gesellschaftlicher Skandal, dass es menschenmöglich ist, sich so um Bildung herumzudrücken, dass Kindern die Möglichkeit nicht gegeben wird, schlau(er) zu werden. In Kindergarten und Schule ist es oft genug so, dass Lehrer_innen oder Erzieher_innen resignieren. Wir kennen Berichte aus Problemschulen, aus Kindergärten mit „bildungsfernen Elternhäusern“. Es gibt kein Geld für intensivere Betreuung, andere Bildung. Diese Menschen werden dann, wenn sie aus dem „kostenlosen“ Schulsystem fallen, aber zum gesellschaftlichen Problem. Sie bekommen keinen Ausbildungsplatz oder oft genug nur eine Hilfsarbeit. Unter 25 Jahren greift Hartz IV nicht – sie sollen noch zu Hause wohnen und fallen in die Erwerbsgemeinschaft. Ja, es gibt Programme für Menschen unter 25 – aber da ist es doch eigentlich längst zu spät. Ich treffe hin und weider auf Menschen, die noch nicht einmal einen Hauptschulabschluss haben – wie kann sowas zugelassen werden? Die Unfähigkeit zur Eigenverantwortung oder die der Eltern – das hätte doch in den Jahren zuvor jemand feststellen können?

Erst wenn diese Menschen kostenpflichtig ins System kommen – Hartz IV, Erziehungsberatung, Maßnahmen, Drogen, Knast – dann auf einmal wird gejammert. Und über sie gelästert.Sie diskriminiert. Vorgeführt. Ausgelacht. Wie bei Stefan Raab – oder eben als „Sozialschmarotzer“ bezeichnet. Wer kennt sie nicht, die „Problemviertel“ in seiner/ihrer Stadt, wo sie dann wohnen?

Vielleicht ist der Weg, de ich bisher vertreten habe – erst Qualität in die Kitas zu bringen und sie dann verpflichtend zu machen, doch nicht der Richtige? Und warum wollen wir Qualität – aber wo bleibt die Offensive? Ich hatte schon einmal eine sehr harte Auseinandersetzung mit Grünen, als ich vorschlug, aus den Frauen, die von der Schleckerpleite betroffen waren, diejenigen zu identifizieren, die eine Umschulung zur Erzieherin machen können. Ich erlebe immer wieder, dass gerade die Hürde Englisch für den Erzieher_innenberuf eine hohe Hürde ist – wusstet ihr, dass immer noch Leute von der Schule abgehen, die kein Wort Englisch sprechen können, oder dass Lehrer_innen Leute aus Englisch rauswerfen, weil sie es eh nicht könnten? Höre ich immer wieder. Auch die Hürde für die Kinderpflegerin ist hoch – und trotzdem gibt es viele junge Menschen – Frauen und auch Männer – die diesen Beruf ausüben könnten. Hilfskräfte im Kindergarten, die Erzieher_innen entlasten – und so den WEg frei machen für mehr Qualität.

Als Gemeinderat weiß ich: das kostet Geld. Aber kostet es denn am Ende nicht nur noch mehr Geld, wenn wir es weiterhin zulassen, dass das System an den Kindern versagt? Und kostet es nicht noch weitaus mehr Geld, diese Menschen durchs Sozialsystem zu schleifen?

Gemeinden – die Träger_innen der Kindergärten und KiTas, können das nicht allein tragen, das ist klar. Es muss Geld her.

die Arbeitslosenzahlen

waren es, die mit dafür gesorgt haben, dass rot-grün 2005 die Wahl verloren hat. Und damit Angela Merkel an die Macht verhalf, die zwischenzeitlich für eine Stimmung sorgt, die durchaus mit der am Ende der Kohl-Ära vergleichbar ist und die Herbert Grönemeyer so beschrieb:

witze kursieren
industrielle gehen schmieren
das geld ist wiedermal allmächtig
die politiker funktionieren prächtig
alles läuft auf wunsch

[…]

ein lächeln liegt auf diesem land
grinst unerträglich ignorant
lächeln wird bei uns zur pflicht
witz komm ‚raus
langsam wird’s lächerlich

5 Millionen Arbeitslose waren es Anfang 2005. Durch die Veränderungen, die die Umstellung der Sozialsysteme gebracht hatten, wurden erstmals arbeitslose, arbeitsfähige Sozialhilfeempfänger_innen sichtbar. Der Zugang dieser Gruppe, die bislang immer ausgeblendet war, explodierten die Zahlen.

Auch Grünen-Chefin Claudia Roth betonte, die Überschreitung der Fünf-Millionen-Marke sei auf mehr Ehrlichkeit in der Statistik zurückzuführen.

Wie ist es heute?

Die aktuellen Zahlen sehen so aus:

Im August 2013 waren in Deutschland rund 2,95 Millionen Arbeitslose registriert. Die Bundesagentur für Arbeit definiert dabei Arbeitslosigkeit wie folgt: „Arbeitslos ist, wer keine Beschäftigung hat (weniger als 15 Wochenstunden), Arbeit sucht, dem Arbeitsmarkt zur Verfügung steht und bei einer Agentur für Arbeit oder einem Träger der Grundsicherung arbeitslos gemeldet ist. Nach dieser Definition sind nicht alle erwerbsfähigen Hilfebedürftigen als arbeitslos zu zählen.“

Auf der selben Seite findet sich folgender, interessanter Satz:

Die Arbeitslosigkeit steigt im Vergleich zum Vormonat um 1,1 % und im Vergleich zum Vorjahresmonat um 1,4 % auf 2,9 Mio. Die Unterbeschäftigung ohne Kurzarbeit ist um 0,1 % im Vergleich zum Vormonat gesunken und zum Vorjahresmonat sinkt sie um 0,2 %. Sie beträgt nun 3,9 Mio. Die Arbeitslosenquote beträgt 6,8 %, die Unterbeschäftigungsquote 8,8 %.

Dazu muss man wissen, was Unterbeschäftigung ist:

Unterbeschäftigt ist, wer an Maßnahmen der beruflichen Aktivierung und Reintegration teilnimmt.

Alle, die älter als 58 sind und arbeitslos sind, sind nicht arbeitslos:

Erwerbsfähige Leistungsberechtigte, die nach Vollendung des 58. Lebensjahres mindestens für die Dauer von zwölf Monaten Leistungen der Grundsicherung für Arbeitsuchende bezogen haben, ohne dass ihnen eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung angeboten worden ist, gelten nach Ablauf dieses Zeitraums für die Dauer des jeweiligen Leistungsbezugs nicht als arbeitslos.

ebenso wie die, die im 2. Arbeitsmarkt beschäftigt sind, im Vorruhestand oder kurzfristig arbeitslos.

Allenfalls bei Kurzarbeit, geförderter Selbstständigkeit und Altersteilzeit ist einzusehen, dass sie nicht mitgezählt werden.

boots-are-made-for-workinNichtsdestotrotz ist es so, dass die Arbeitslosenzahl (PDF) inkl. derer, die auf diese Art und Weile herausgerechnet werden, nicht 2,95 Millionen Menschen beträgt, sondern de facto: 3,8 Millionen Arbeitslose. Das klingt natürlich nicht so gut. Berücksichtigt man jetzt noch, dass ein Vierteil (rund 8 Millionen) im Niedriglohnbereich beschäftigt ist, also Arbeit haben, die sonst keiner bezahlt, die aufstocken müssen, Bedenkt man außerdem, dass wir 2005 noch eine um 2 Millionen höhere Bevölkerungszahl hatten, der Anteil der Ü60-jährigen gestiegen ist – dann wird klar, dass die Zahl irgendwas mit mehr als 4 Millionen (4,4 Millionen Empfänger_innen Hartz IV), vermutlich fast 5 Millionen Arbeitslose heißen muss – sprich – es hat sich fast nichts verändert. Und nicht zu vergessen: die Umwandlung von Vollzeitstellen in Teilzeitstellen – teilweise in 450-€-Jobs (wie z.B. Auspackteams in Supermärkten)

Lug und Trug bei den Arbeitslosenzahlen – und wenn man sich der Effekte aus dem Jahr 2005 auf das Wahlergebnis bewusst ist, dann wird auch klar, warum. Dass die Presse das mitmacht, steht auf einem ganz anderen Blatt.

Zahlenspiele mit AufstockerInnen

Zwei große deutsche Zeitungen liefern unterschiedliche Interpretationen eigentlich eindeutiger Zahlen. Deutlicher kann man es kaum machen, dass die Hoheit über die Statistik nicht in den Zahlen selbst liegt – sondern in ihrer Interpretation. Was ist passiert?

Die Süddeutsche Zeitung titelt:

Staat muss immer öfter Löhne aufstocken

und erklärt:

Nach den BA-Angaben gab es 2012 im Jahresdurchschnitt etwa 323.000 Haushalte mit einem sogenannten Hartz-IV-Aufstocker, der ein sozialversicherungspflichtiges Bruttoeinkommen von mehr als 800 Euro bezieht. 2009 waren es noch etwa 20.000 weniger.

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung meint:

Weniger Aufstocker in Deutschland

und gibt die Zahlen des DIW wieder, die sagen:

die Zahl der sozialversicherten Aufstocker über alle Gehaltsklassen hinweg zwischen 2009 und 2012 sei um 19.000 gesunken.

Einig sind sie sich im Zitat der BA-Sprecherin:

SZ:

Der Anstieg der Single-Aufstocker könne auch mit höheren Mietkosten und gestiegenen Hartz-IV-Leistungen zu tun haben. „Je höher die Kosten für die Unterkunft und je höher der Hartz-IV-Regelsatz, desto mehr Menschen haben Anspruch auf unsere Hilfe, die vorher ihren Lebensunterhalt allein bestreiten konnten.“

FAZ:

 Es sei vielmehr empirisch bewiesen, dass die Erhöhung der Hartz-IV-Regelsätze mehr Menschen einen Anspruch auf staatliche Leistungen ermöglicht haben, die zuvor keinen hatten. Außerdem zwängen die steigenden Wohn- und vor allem Energiekosten mehr Menschen, sich Unterstützung vom Amt zu holen.

Die FAZ belegt eindrucksvoll, wie man sich die Welt schön rechnen kann: 1325.438 Aufstocker über tatsächlich alle Gehaltsklassen hinweg (bezieht man die Selbständigen mit ein) in 2009 gegenüber  1.324.387 in 2012 sind tatsächlich 1.051 weniger Aufstocker.

Was nicht erzählt wird:

Das Arbeitsvolumen ist von 2009 von 55.881.Mio Stunden auf 58.115 Mio Stunden gestiegen. Die Anzahl der Beschäftigten von 40.362.000 auf 41.613.000. Die durchschnittliche Arbeitszeit stieg dabei von 26,83 Stunden pro Woche auf 27,07 Stunden.

Die Frage ist allerdings, warum man die 2012er Zahlen in Bezug zu denen aus 2009 setzt – dem Höhepunkt der Krise?

Betrachtet man längerfristige Zahlenreihen, so ergibt sich folgendes Bild:

Die gestiegene Zahl der Erwerbstätigen ging allerdings nicht mit einem gestiegenen Arbeitsvolumen einher, denn die geleisteten jährlichen Arbeitsstunden der Erwerbstätigen gingen im gleichen Zeitraum (zwischen 1991 und 2012) von 59,7 Mrd. Stunden auf 58,1 Mrd. Stunden zurück. Das entspricht einem Minus von 1,6 Mrd. Stunden oder von 2,7%.
Das reduzierte Arbeitsvolumen und die gestiegene Zahl der Erwerbstätigen spiegeln sich in der gesunkenen Zahl der geleisteten jährlichen Arbeitsstunden je Erwerbstätigen wieder. Diese Zahl ging zwischen 1991 und 2012 von 1.545 Stunden auf 1.397 Stunden (um 9,6 %) zurück

Die Arbeitsmarktreformen, die demografische Entwicklung (von Gerhard Schröder ja vorausgesagt und daher Agenda 2010 genannt!) haben einen Teil der Arbeitslosenzahlen erwartungsgemäß aufgefangen. Fakt bleibt aber die Tatsache, dass es insgesamt weniger Arbeit gibt, die auf mehr Schultern verteilt wird. Der Nebeneffekt – verstärkt durch fehlende Tarifbindung, Lohndumping – ist,  dass immer mehr Menschen nicht mehr in der Lage sind, die gestiegenen Lebenshaltungskosten aus eigener Kraft zu schultern – wie es die BA-Sprecherin ja richtigerweise sagt. Aus eigener Erfahrung (Maßnahmeteilnehmer_innen) weiß ich, das viele vor allem dann aus der BA-Statistik fallen, wenn sie gerade noch Wohngeld beziehen. Und da ist die Statistik eindeutig: trotz von 2009 auf 2010 gestiegener Arbeitsstunden und Erwerbstätigen, ist die Zahl der Wohngeldempfänger_innen 2010 drastisch gestiegen. Wenn das Wohngeld nicht vom Jobcenter kommt sondern direkt von der Gemeinde – dann taucht es in der Aufstocker_innenstatistik nicht mehr auf.

Diese Annahme wird bestätigt durch den Trend, dass zunehmend Singles betroffen sind. (und sich hier vermutlich eine Reihe von Doppelhaushalten verbirgt, die eigentlich Erwerbsgemeinschaften sind).

Fazit:

Nichts ist besser, die Anzahl geleisteter Arbeitsstunden sinkt, obwohl tw. deutlich mehr Menschen Arbeitsverhältnisse haben.  Den Aufschwung bezahlen die Arbeitnehmer_innen. Und immer mehr müssen aufstocken, so sehr man mit zahlen rumtrickst. Übrigens: was die FAZ nicht erwähnt, nur abbildet: 2009 gab es 224.092 Aufstocker_innen aus dem Midijob-Bereich (400-800 € Einkommen), 2012 waren es 240.737. 16.645 mehr. Das deckt sich mit der gesunkenen Arbeitszeit und den zahlen aus der Vollzeitbeschäftigung, wo es auch mehr sind. Der Trend ist nur positiv, wenn ich die 400 €-Jobs und die Selbstständigen mit einbeziehe. Lass ich genau die weg, sind es sogar 36816 mehr Auftocker_innen. Will heißen: das bisschen Trend von 1051 (und das könnte der demografische Wandel sein) wird völlig aufgefressen von weniger Arbeitszeit, damit weniger Leben-Können von einem Vollzeitjob  und wachsender Unsicherheit am Arbeitsmarkt. Trendwende also Fehlanzeige.

der scheinheilige Pirat

Johannes Ponader

Der Versuch einer Antwort auf Johannes Ponader und seinem „Rückzug vom Amt“

Mein Name ist Johannes Ponader. Ich bin von Beruf Autor, Regisseur, Schauspieler, Theaterpädagoge. Ich bin seit 2010 Mitglied der Piratenpartei. Am 29. April 2012 werde ich zum ihrem politischen Geschäftsführer gewählt.

So beginnt der Artikel in der FAZ, indem der politische Geschäftsführer der Piratenpartei seinen Rückzug aus dem Hartz-IV-Bezug erklärt. In dem weit ausschweifenden Artikel erzählt er, wie das Jobcenter mit ihm umgeht. Er lenkt den Blick auf den Umgang der Jobcenter mit ihren Kunden. Ein Umgang, der geprägt ist von einem tiefen Misstrauen des Obrigkeitsstaates mit seinen Empfängern von Transferzahlungen und einem Obrigkeitsstaatsdenken, das davon ausgeht, dass Leistungen grundsätzlich erschlichen werden oder zumindest das jede_r potentiell tut. Eine Annahme, die Ponader entrüstet weit von sich weist. (Im übrigen kenne ich das Jobcenter hier in Karlsruhe anders. Zwar deutlich fordernd – das sieht das Gesetz schließlich vor, aber grundsätzlich hilfsbereit und auf den Menschen blickend) Er behauptet, er habe in den letzten 30 Monaten zu zwei Dritteln sein Geld selbst verdient – interessant wäre die Frage, warum er einen solche langen Zeitraum wählt und nicht das letzte Jahr oder die letzten drei Monate wählt. Sei’s drum.

Mich ärgert an diesem Artikel und dem Hype darum einiges. Da ist einerseits der Umgang mit der öffentlichen Person Ponader. Es kann nicht sein, dass seine Einkommenssituation als Leistungsempfänger transparent gemacht wird. Da hat er recht. Verlangen die Piraten aber nicht 100% Transpararenz in Bezug auf die Einnahmen auf Abgeordnete, damit man sehen kann, ob und wieviel und vor allem woher sie neben ihrer Abgeordnetentätigkeit Gelder beziehen – um Einflüsse auf die Person des Abgeordneten aufzudecken? Wie ist es mit dem Einfluss der Presse und der Medien auf die Person Johannes Ponader, wenn ein Teil seiner Einkünfte zukünftig von ihnen übernommen wird? Was kann man von ihm erwarten, damit er weiterhin attraktiv für die Medien bleiben wird? Was wird er dafür tun?

Ponader hat versucht, sein Ehrenamt bei den Piraten als politschen Geschäftsführer und seinen politischen Einfluss dazu zu benutzen, gleicher als andere Hartz-IV-Empfänger_innen in diesem Land zu sein. Ich spreche ihm nicht ab, dass es ihm frei stehen sollte, was er tut und ich bin vehementer und überzeugter Befürworter des Bedingslosen Grundeinkommens. Aber bisher gelten in diesem Land bei Bezug von Sozialleistungen ein paar Regeln, die Ponader für sich nicht gelten lassen wollte – und dass dieser Staat versucht hat, ihn daran zu erinnern, erzürnt ihn. Für ihn, der  über dem Gesetz stehende, sollte alles anders sein. Dabei musste er sich nicht wundern: in seiner Bewerbungsrede hatte er angekündigt, sich zukünftig nicht mehr um reguläre Arbeit kümmern zu wollen:

Aber ich will euch nicht nur online begegnen. Ich will in Schwerin, in Stuttgart, in Düsseldorf oder in Kiel genauso präsent sein wie im Liquid, im Mumble und im Wiki.

Ich will dort sein, wo unsere Politik entsteht. Meine berufliche Situation lässt mich vierzig Stunden und mehr wöchentlich in die Piratenpartei investieren, und das will ich tun. Vor Ort zu sein und zu vernetzen ist ein Element dessen, wie ich dieses Amt verstehe.

Anders sind diese Sätze nicht zu verstehen. Ich nehme an, es gibt Möglichkeiten, als Künstler, freischaffend, solche Touren mit Engaments zu verbinden. Aber meine ganze Erfahrung als Jobcoach sagt mir: nicht darauf ausgerichtet, den Lebensunterhalt selbst zu bestreiten. Johannes Ponader hat versucht, für sich ein BGE durchzusetzen. Als er merkt, dass ihm das nicht gelingt, das das Jobcenter diesem Treiben nicht kommentarlos zusehen wird, verabschiedet er sich aus dem System. Mithilfe von Fernsehgeldern und der Hilfe von Freunden will er zukünftig unabhängig leben. Das ist ehrenhaft – aber sollte man von einem politischen Geschäftsführer einer Partei nicht erwarten können, dass er sich einsetzt? Dass er vor Gericht zieht und sich die Erlaubnis, ehrenamtlich Geschäftsführer im Vollerwerb zu sein, durchklagt – bis hin zum BVerfG? Was könnte er nicht erreichen für alle anderen Ehrenamtlichen in diesem Land, die gerne ganztags Tiere pflegen würden, sich um Alte kümmern würden, die von den Pflegeheimen nicht bezahlt werden können, von Omas, die die fehlende KiTa-Struktur ersetzen, für Menschen, die Kulturstätten pflegen und das nur unter großem Einsatz in ihrer Freizeit und viele mehr? Nein, das will er nicht, der Johannes Ponader. Ihm geht es um sich und ihm geht es um eine Kampagne, die ihn als Opfer des Systems darstellt. Das generiert neue Einladungen zu Talkshows, sodass sein Lebesuterhalt gesichert ist (vielleicht) und das sichert der Piratenpartei Aufmerksamkeit in Hinblick auf diejenigen, die sich für das BGE einsetzen. Wenn es denn so wäre. Eigentlich ein Versuch, die Öffentlichkeit hinter’s Licht zu führen, ein Beitrag zu mehr Politikverdrossenheit – wenn Politiker versuchen, sich Sonderrechte zu genehmigen.

Und zu guter Letzt: die Piratenpartei geniert sich nicht, die Menschen, die für sie arbeiten, nicht oder nicht anständig zu entlohnen. Die Stelle der Bundessprecherin wurde als Teilzeitstelle für 800 € ausgelobt. Dabei ist jedem, der über die Ausgestaltung einer solchen Stelle nachdenkt, völlig klar, dass dies bedeutet, dass Mehrarbeit – unbezahlt – anfällt – in der Stellenbeschriebung als zeitliche Felexibilität ausgewiesen. Keine 5 € brutto erhält man für diese anspruchsvolle Stelle, legt man eine zu erwartende 40-Stunden-Woche zugrunde. Auch Ponader war sich seiner zeitlichen Belastung bewusst, wie seiner Bewerbungsrede zu entnehmen ist. Natürlich ist es für eine junge Partei schwer, solche Ämter zu bezahlen. Allerdings muss man fragen, warum sie es sich dann leisten möchten, lediglich 48 € Jahresbeitrag zu verlangen – als 4 € im Monat und von einem erheblichen Anteil (42%) an Mitgliedern erst gar keine Beiträge zu erheben. Wie können sie es sich da leisten, von ihren Abgeordneten keinen angemessenen Beitrag an den Diäten der Partei zuzuführen – bei uns sind das in Baden-Württemberg 10,5%, die von den MdLs bekommen. Zusätzlich geben viele Abgeordnete noch Gelder an die Kreisverbände, von unseren 11 MdBs aus Baden-Württmebrg finanzieren neun das ehemalige Abgeordnetenbüro des MdB Till Seiler, der sein Mandat ja letztes Jahr niedergelegt hat, um die Arbeitsstelle einer Mitarbeiterin zu erhalten.

Wie kann also mit diesen Voraussetzungen diese Partei einen Mindestlohn verlangen, wenn sie selbst entweder Dumpinglöhne bezahlt oder die Menschen, die für sie arbeiten gar nicht – und dann erwarten, dass sie sich entweder selbst ausbeuten wie beim Beispiel Pressesprecher oder gar erwarten, dass der Steuerzahler in Form der Grundsicherung die Leistungen übernimmt, die sie und ihre Mitglieder selbst nicht bereit sind zu leisten?

Als Sozialpolitiker kann ich nur den Kopf schütteln über soviel Dreistigkeit. Ich kann eine Partei, die ernsthaft sozialpolitische Ziele verfolgt, sich als Vorreiterin für das BGE oder Mindestlohn einsetzt, an diesem Punkt nicht ernst nehmen. Die Piratenpartei hat zum heutigen Tag genügend Abgeordnete, um Herrn Ponader ein seiner Tätigkeit angemessenes Gehalt zu bezahlen. Und er sollte sich, anstatt sich aus dem System zu flüchten und die Auseinandersetzung zu scheuen, entweder gerichtlich mit dem Jobcenter auseinandersetzen – oder von seiner Partei einen fairen Lohn für seine nicht zu verachtende Arbeit verlangen. Alles andere ist nicht mehr als eine Kampagne, die für mich an Verlogenheit fast nicht mehr zu überbieten ist und allen die Verantwortung für seine Situation zuweist, die aufgrund der Gesetzeslage nichts dafür können. Seine eigene Verantwortung – nun, über die sollte man sprechen.  Mit dieser Kampagne hat sich für mich die Piratenpartei als ernst zu nehmender Partner bei den notwendigen Reformen im Arbeits- und Sozialrecht verabschiedet.

Rettung für Schleckerbeschäftigte?

Schlecker ist insolvent. Und so ganz langsam beginnt die Steuergeldmaschine zu rollen, denn Schlecker will rund 12.000 Arbeitsplätze abbauen. 12.000 Arbeitsplätze, beinahe ausschließlich werden Frauen arbeitslos werden, die sich über Jahre in die schlecht bezahlten Jobs haben pressen lassen. Sie verlangen jetzt gesellschaftliche Solidarität. Aber warum sollte die geleistet werden?

Meine Parteifreundin Charlotte Schneidewind-Hartnagel begründet das so:

„Die Tatsache, dass 12.000 Schlecker-Frauen vor dem existenziellen Ruin stehen und sich der Bund bedeckt hält, was die Schaffung von Perspektiven für die Beschäftigten angeht, zeigt einmal mehr, welche Wertigkeit Branchen, in denen überwiegend Frauen arbeiten, haben.“

Also, zunächst mal bekommen die Schleckerfrauen ALG1, was nicht den exitenziellen Ruin bedeutet. Und welche Perspektiven will man schaffen? Seit Jahren findet im Einzelhandel eine zunehmende Konzentration auf wenige Unternehmen statt – dies wird nicht verhindert, sondern durch Ausweisung großer Flächen geradezu gefördert. Ich habe im Einzelhandel mal gelernt – damals gab es noch Lebensmittelsupermärkte mit 500 m² – heute undenkbar. Nachbarschaftsmärkte sind fast keine mehr zu finden, der Kunde will Einkaufserlebnisse oder zumindest alles unter einem Dach, sodass man nur einen Laden anfahren muss. Kleine Läden, Fachgeschäfte, bleiben dabei auf der Strecke. Hipp ist es höchstens noch, auf einen Markt zu gehen und sich dort mit frischer Ware einzudecken. Also, was soll man mit 12.000 arbeitslosen Verkäuferinnen anfangen auf einem solchen Arbeitsmarkt? Wohin sollen sie qualifiziert werden?

Ich frage das ernsthaft – schließlich ist genau das mein tägliches Brot. In den Bürobereich hinein – kaum möglich. Als kaufmännische Mitarbeiterin ist selbst in 4%-Arbeitslosenquoten-Zonen wie Karlsruhe und Region kaum ein Arbeitsplatz außerhalb von Zeitarbeit zu finden. Ältere Mitarbeiter_innen ab Mitte 40 sind auch mit Praktika und Eingliederungszuschüssen nur schwer zu vermitteln.  Was bleibt dann auf der Basis Einzelhandelskauffrau? Call-Center? Möglich, da werden immer Leute gesucht. Und zu ähnlichen Konditionen wie bei Schlecker. Bäckerein boomen. Ich weiß zwar auch nicht, wer die ganzen, schlecht schmeckenden aufgebackenen Teiglinge aus ganz Europa isst, aber scheinbar läuft das gut. Die Bezahlung ist ähnlich wie bei Schlecker schlecht. Aber immerhin gibt’s da zumindest noch ab und an Stellenangebote.

Erzieher_innen werden händeringend gesucht. Aber da will man ja keine einfachen Frauen mit Hauptschul- oder Realschulabschluss, da soll ja mehr Qualität geliefert werden – was ich hier schon kritisiert habe. Meine Antwort mit „einfachen Erzieher_innen“ wäre eine Perspektive – aber dazu müsste sich die Landtagsfraktion bewegen. Eine gute Option, finde ich.

Tja, und was machen wir eigentlich mit den anderen 12.072 (2010) durch Insovenz arbeitslos gewordenen Menschen in Baden-Württemberg. Wer setzt sich für die ein?

Ich finde es völlig unverständlich, dass sich die Landesregierung und die Fraktion so für Schlecker ins Zeug legt. Die Insolvenz von Schlecker ist selbst verschuldet. Sie basiert einerseits darauf, dass der alte Schlecker nichts in die Märkte investiert hat. Klein, muffig, Warenpräsentation unter aller Kanone – das wollten die Kunden bei vorhandener Konkurrenz wie dm und Rossmann mit modernen, großen (sic!) Märkten nicht. Sie basiert darauf, dass die Kunden dort nicht mehr einkauften, weil sie die Berichte über Lohndumping und schlechtem Image leid waren. Boykott einer Ladenkette – nicht mehr überraschend, nachdem sogar LIDL die öffentlich bekannt gewordnen Auswirkungen seines Umgangs mit Mitarbeiter_innen gespürt hat. Und wir wollen nicht vergessen – die Schlecker-Frauen, die jetzt um Solidarität bitten, haben jahrelang die Verhältnisse dort mit beschönigt. Sie verteidigt. Trotz bekannter Probleme dort beworben und dort gearbeitet.

Nach diversen Rückmeldungen merke ich, dass ich das ein bißchen schräg formuliert habe und möchte das korrigieren. Natürlich kann man aus der Loyalität, die ein Arbeitnehmer seinem Arbeitgeber gegenüber haben muss, kein „selbst schuld“ formulieren – und ist auch nicht so gemeint. Die Jobsituation im Einzelhandel habe ich ja ausreichend beschrieben. Das hat für viele der Schleckerfrauen natürlich zu keiner guten Perspektive geführt.

Es gibt Lösungen für diese Frauen. Wie für andere Arbeitslose auch. Es gibt Qualifizierungsmaßnahmen. Als ALG1-Bezieherinnen sind sie durchgängig besser gestellt als erwerbslose Verkäuferinnen im ALG2-Bezug. Wer kümmert sich um die – und die gibt es auch! Wer geht für die auf die Straße – ist ja leider nicht ganz so öffentlichkeitswirksam wie zusammen mit dem DGB für Schlecker?

Was nicht lösbar ist, ist der problematische Arbeitsmarkt im Einzelhandel.  Konzentration auf wenige Ketten. Schlechte Arbeitsbedingungen. Outsourcing klassischer Verkäufer_innentätigkeiten auf 400-€-Job-Unternehmen, die bspw. Regalservice machen oder Inventuren durchführen – außerhalb der Öffnungszeiten. Mehr und mehr Selbstbedienungskassen in Supermärkten, Warenwirtschaftssysteme, die eigenhändig Bestellungen durchführen, Regale, d ie überall gleich aussehen und zentral geplant werden. SB-Gemüse, SB-Fleisch, SB-Wurst, SB-Käse, Drogerieprodukte ohne Beratung. Kostenreduktion wo immer man hinschaut. Kein Wunder beim Preisverfall in diesen Segmenten. Die ARbeitslosigkeit in diesen Bereichen wird weiterhin hoch sein. Hier findet ein Wandel statt. Wenn es bald nur noch SB-Kassen und externe Auffüller gibt, werden nur noch ein paar türkische und andere kleine Händler Arbeitsplätze anbieten, wie sie jetzt gesucht werden – bei weitem nicht genügend,

Die Probleme liegen anderswo. Es hilft nicht, am Frauentag für Verkäuferinnen auf die Straße zu gehen. Es braucht zahlreiche Initiativen und Flexibilität auch in Hinblick auf andere Berufe. Mehr Geld für die Pflege – und auch hier wie im Erzieher_innenbereich geringer qualifizierte Tätigkeiten. Die Re-Regulierung von Zeitarbeit und vor allem von 400-€-Jobs, die sofort mit einem System ersetzt werden müssten, das Geschäftsmodelle mit 95% Mitarbeiter_innen auf Aushilfsbasis unterbindet.

Als letztes: der Vergleich mit den Jobs in der Autoindustrie ist nicht gerechtfertigt. Dort wurde Kurzarbeitergeld bezahlt – übrigens mit einer Regelung, die für alle Kurzarbeiter egal in welchen Branchen gilt. Das könnte ja Schlecker übrigens auch tun: seine Verkäufer_innen auf mehrere Filialen verteilen und die Arbeitszeit bei ihnen reduzieren. Den Vorschlag hör ich nirgends….Und es hätte einen weiteren Vorteil: sollte Schlecker auf die Idee kommen, die Öffnungszeiten seinen Mitbewerbern gegenüber anzupassen, hat er schon Personal, dass er nur wieder so bezahlen muss wie vorher – würde bedeuten, er könnte viele der Frauen behalten.

Kein Geld für Schlecker. Die Ursachen bekämpfen, nicht die Symptome.