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Heimat, Hightech, Highspeed – was nützt es den Menschen?

Innerhalb kürzester Zeit sind ein Papier aus dem Realolager aufgetaucht, parallel dazu ein Interview mit Andrea Lindlohr auf der Seite der Landtagsfraktion –  beide haben auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun – und doch gibt es eine Linie, die sich ähnelt.

Das  Papier von Ekin Deligöz, Dieter Janecek, Kerstin Andreae, Anja Hajduk, Kordula Schulz-Asche, Thomas Gambke, Kai Gehring, das sie „Gerechte Gesellschaft schaffen“ nennen. Ein Papier mit dem großartigen Untertitel „Plädoyer für eine Sozialpolitik der Teilhabe“. Wenn jemand ein Plädoyer hält, dann erwartet man Fakten – aber das Papier bleibt gerade in der Frage des starken Sozialstaats derartig wolkig, das man bass erstaunt zurück bleibt.

Es braucht 12(!) Absätze, bis die erste konkrete Forderung erhoben wird – die Bürgerversicherung. Davor eine nebulöse Ist-Zustandsbeschreibung, die im Bereich solche „sagenhafte“ Aussagen formuliert:

Die Digitalisierung prägt unser Leben immer mehr, sie hat vieles vereinfacht, bringt Menschen zusammen und bietet Chancen, die wir uns zum Teil noch gar nicht vorstellen können – sie geschieht rasant, wird Arbeitsplätze mindestens verändern, teilweise ersetzen und droht Teile der Gesellschaft abzuhängen. Die neue Arbeitswelt bietet für viele große Möglichkeiten der Entfaltung, fordert aber auch viel, wird weniger verlässlich und steckt mitten in einem starken Umbruch, der von der Politik einen Rahmen braucht.

Und wie soll dieser Rahmen aussehen? Man sucht, und findet:

Umfassende Qualifizierungen und Weiterbildungen werden vor dem Hintergrund der Industrie 4.0 an Bedeutung gewinnen. Sie spielen aber bereits heute beim Wiedereinstieg in Arbeit eine große Rolle und tragen darüber hinaus zur Jobsicherheit bei. Für Menschen, die trotz aller Bemühungen und Unterstützung keine Chance auf dem regulären Arbeitsmarkt haben, schafft der Soziale Arbeitsmarkt Teilhabe und neue Perspektiven. Investitionen in die Menschen und ihre Fähigkeiten ist hier immer die erfolgversprechendste Strategie.

Und das ist das zynischste in diesem Papier, was ich seit langem gelesen habe. Hier steht, ein wenig verpackt: die Digitalisierung wird zu Arbeitsplatzverlusten führen. Wer es nicht schafft, sich anzupassen, der wird auf dem sozialen Arbeitsmarkt landen. Was das bedeutet, kann man sich kaum ausdenken. Er ist beachtenswert, dieser Absatz, weil beide Dinge zusammen in einem Absatz formuliert werden. Und er ist in der Ausrichtung grundfalsch.

Mein tägliches Erleben, als Vermittler bei einem Bildungsträger, im Auftrag von Arbeitsagentur und Jobcenter ist: von Menschen mit schon einfachen Vermittlungshemmnissen kann nicht erwartet werden, dass sie diesem Bild des arbeitenden Menschen gerecht werden. Sie werden sich nicht immer anpassen können an die moderne sich rasend schnell verändernde Arbeitswelt. Und es gibt bei den Fortschrittsgläubigen keinen Plan, wie damit umgegangen werden soll. Ich glaube, es gibt noch nicht einmal ein wirkliches Bewusstsein für die Problematik. Denn ein Bewusstsein dafür würde bedeuten, dass man formuliert, was überfällig ist:  die Gewinne, die aus der Digitalisierung resultieren, müssen zu einem relevanten Teil – ich formulier mal vorsichtige 50% – sozialisiert werden.

Denn was soll ein Mensch mit sagen wir einer Lernbehinderung machen, der beispielsweise Maler gelernt hat? Keine Arbeit mehr auf dem 1. Arbeitsmarkt vorfinden, dafür ab in die Werkstätten, wo teilweise für Taschengeld gearbeitet wird? Was soll er/sie tun, wenn in der Fortentwicklung von Saug- oder Putzrobotern demnächst der Malerroboter eintönige Tätigkeiten wie Zimmer streichen ausübt? Wenn der Elektrikerhelfer ersetzt wird durch ein kleines Maschinchen, das, bis der Strom ausgeht (und mit Kabel verbunden noch nicht einmal das)  unermüdlich Schlitze in die Wände von Wohnungen klopft oder fräst? Beide werden kaum in der Lage sein, den Roboter umzuprogrammieren, wenn Anpassungen an den Auftrag notwendig sind.

Die ganze Ignoranz wird in einem Absatz deutlich:

Beispielspielhaft dafür steht auch eine qualitativ hochwertige Bildungsinfrastruktur. Ein inklusives Bildungsaufsteigerland schafft Zugänge zu Bildung und Förderung von Anfang an und kann jedes Kind mitnehmen – unabhängig davon, welche Voraussetzungen das Elternhaus bietet.

 

Falsch. Es gibt Voraussetzungen physischer Art, die lassen sich nicht ausgleichen. Es gibt Erkrankungen, die wirken nicht nur physisch, sondern sind fortschreitend und zerstören auch intellektuelle Fähigkeiten. Es gibt Menschen, die können nicht mit – die schaffen mit Ach und Krach einen Hauptschulabschluss. Weil es neben der Bildungsfrage eben auch soziale Fragen gibt: wie sieht das Umfeld aus? Kinder brechen aus Rebellion in der Pubertät aus – oder die Eltern lassen sich scheiden, hören nicht auf zu streiten und das Kind bleibt dabei auf der Strecke. Menschen nehmen Drogen, werden depressiv, haben Zwangserkrankungen, haben Unfälle, Bandscheibenvorfälle, Herzinfarkte, Hirninfarkte, Traumata, Geburts“fehler“, undundund. Nein, dieses Papier ist eines nicht: es ist kein Plädoyer für eine Sozialpolitik der Teilhabe, sondern ein Plädoyer für eine Wirtschaftspolitik, die keine Rücksicht nimmt. Es ist ein Papier, das in die FDP passen würde: wir schaffen das Bildungsangebot, danach ist jedeR seines Glückes Schmied und wer das nicht schafft, der geht auf den sozialen Arbeitsmarkt (der noch nicht einmal definiert bzw. angesprochen wird, der aber vor allem eines heißt: weniger Geld, weniger Teilhabe und im schlimmsten Fall Kontrolle und Druck à la Hartz IV). Kein Wort in diesem Papier zu guter Arbeit und guten Löhnen.

Bildung ist nicht die Lösung auf alle Fragen und selbst wenn das so stimmte, gibt es keine Antwort auf die Frage, was denn passieren soll, bis ein solches System  der Bildungsinfrastruktur, das es in ganz Deutschland nicht gibt, implementiert ist. Und vor allem: bis wann es manifestiert sein soll?  Eine Infrastruktur, die alle und jeden mitnehmen soll – wenn ich schätzen müsste, bis wann es sie gibt, wenn wir heute damit beginnen würden, sie zu implementieren? 30 Jahre mindestens. Was passiert bis dahin und was passiert mit den Menschen, die ein solches System nicht durchlaufen haben – sondern das der schulischen Ausgrenzung, des Wettbewerbs und der Gleichmachung, das in allen 16 Bundesländern vorherrscht? Ein solches Bildungssystem, das bisher nur im Privatschulbereich vorzufinden ist – strukturell durchgängig, von Einzelfällen an Projektschulen oder besonders engagierten Erzieher_innen/Lehrer_innen einmal abgesehen. Und wo ist dann der Arbeitsmarkt, der allen eine Chance bietet?

Achso – ja, man denkt immerhin noch an

„die gleichzeitige Teilnahme am Erwerbsleben und das Kümmern um nahestehende Menschen, seien es Kinder, Pflegebedürftige oder alte Eltern, zu fördern und diese Menschen wo nötig finanziell, aber vor allem strukturell, entlasten.“

Es geht nicht um Entlastung – es geht um Ermöglichung. Gerade wenn von Pflege gesprochen wird, bleibt nur zu sagen: das System wird über kurz oder lang implodieren. Diese System, ebenso wie das Gesundheitssytem, benötigt eine Menge mehr Geld und eine Menge mehr an sozialem Willen, FÜR die Menschen, die sie benötigen, da zu sein. Dieses Geld muss irgendwo her kommen. Und ich sage es am Schluss: ohne Steuererhöhungen wird es nicht gehen. Die Schere zwischen Arm und Reich geht auch in diesem Land weiter und weiter auf, der Exportüberschuss dieses Landes, der europaweit für hohe soziale Verwerfungen führt, weil er andernorts Arbeit zerstört – muss reguliert werden, ebenso wie die Ausbeutung durch Zeitarbeit und Diskriminierung durch Hartz IV. Und dieses Papier, das von GRÜNEN kommt, auf Bundesebene maßgeblichen GRÜNEN in diesen Fragen – dieses Papier ist dazu da, genau das zu verhindern.

Andrea bekommt “

Drei Fragen an Andrea Lindlohr zu den Chancen der Digitalisierung“

und auf die Chancen geht sie auch ein. Im letzten Absatz dann zumindest ein Satz der Hoffnung macht

Der kritische Umgang mit den Möglichkeiten einer hochtechnisierten Welt ist enorm wichtig.

aber leider kommt auch hier wieder nichts zu Bürgerrechten, Industriespionage, Überwachung, Vernichtung von Arbeitsplätzen vor allem im Niedrig- und geringqualifizierten Bereich (die bspw. benötigt werden, wenn nicht nur Schule, sondern eben auch die Arbeitswelt inklusiv sein soll). Sie bleibt darüber hinaus – und so ist es ja schon länger in Baden-Württemberg Kommunikationslinie in Sachen Digitalisierung – bei den Chancen für die Wirtschaft hängen – die Chancen für die Menschen werden noch nicht einmal erwähnt: Chancen auf Arbeitszeitkürzung, die Notwendigkeit, die Digitale Rendite nicht alleine den Unternehmen zu belassen und allen Bürger_innen davon profitieren zu lassen. Es bestätigt letztendlich meine Aussagen aus meinem letzten Text – zu „Wirtschaft 4.0″.

Wirtschaft 4.0

„Die Grünen müssen eine neue Wirtschaftspartei werden, eine „Wirtschaftspartei 4.0“.

so ist es im Interview des baden-württembergischen Ministerpräsidenten mit dem Handelsblatt nachzulesen. Im Verlauf des Interviews zeigt er die Strategien auf, mit denen er Partei und Wirtschaft – oder umgekehrt – dazu bringen will, den besonderen „Spirit“ der Entwicklungen, wie sie im Silicon Valley stattfinden, mitbekommen. Anlass für die Reise des Ministerpräsidenten und seiner Entourage nach Kalifornien, die Produktion hübscher Bilder von Kretschmann mit diversen Internetgrößen

Der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann (rechts, Bündnis 90/Die Grünen) und Google-Manager Urs Hölzle (Bild: dpa)

Die Absicht war gut, der Impuls wichtig, die Bilder schön anzuschauen, die Presseberichte wohlwollend – was gibt’s also wieder zu kritisieren, Rupp?

Fangen wir mal hier an:

Schon am 26. März wurde in BW die „Gründung der Allianz Industrie 4.0 BW“ bekannt gegeben. Ziel:

„Die Allianzpartner wollen vorrangig kleinen und mittleren Unternehmen Orientierung auf dem Weg zur Industrie 4.0 geben und dazu beitragen, dass sich Beschäftigte auf ein sich veränderndes Aufgabenspektrum vorbereiten können.“

Ja, die Beschäftigten. Wie soll das aussehen, das „veränderte Aufgabenspektrum“ – die veränderte Arbeitswelt? Meint er das? ist das „Spirit des Silicon Valley“?

Dem Google-Mitarbeiter und Internet-Pionier Brian Reid, damals 54, wurde wenige Tage vor dem Börsengang des Unternehmens im Jahr 2004 gekündigt. Reid, der unter anderem an der Entwicklung der ersten Firewall, des Usenet und der Suchmaschine Altavista beteiligt war, vertrat die Ansicht, er sei wegen seines Alters gefeuert worden und verklagte Google. (Durch die Kündigung war ihm unter anderem eine günstige Aktienoption für Mitarbeiter entgangen, die in der Zwischenzeit Millionen wert wäre.)

Während seiner Zeit bei Google sei er ständig als „alter Mann“ und „hoffnungslos altmodisch“ abqualifiziert worden. Auch sein Vorgesetzter, Ende 30, habe seine Ideen immer wieder als „veraltet“ abgetan und ihn als „energielos“ bezeichnet. Jüngere Mitarbeiter würden grundsätzlich bessere Beurteilungen und höhere Boni bekommen, so Reid. Nach einer Nichtigkeitsbeschwerde durch mehrere Instanzen wurde die Klage 2010 endgültig zugelassen. Zwei Jahre später einigten sich Reid und sein Ex-Arbeitgeber außergerichtlich, wobei über die Konditionen, wie in solchen Fällen meist üblich, Stillschweigen vereinbart wurde.

Man muss befürchten – und das ist ebenso real wie die Ausgrenzung älterer Mitarbeiter  (was kenne ich übrigens auch aus eigener Erfahrung aus meinem Berufsleben (Herr Rupp, Ihre Referenzen und Zeugnisse sind ja gut, aber schauen Sie: unser Team ist im Schnitt 30 Jahre alt und keineR hat Kinder – da war ich Ende 30, es ging um eine Stelle als IT-Kaufmann) dass zum „Spirit“ auch die weitere Entgrenzung der Arbeitszeit gehört, Überstunden, Arbeit in der Freizeit, im Urlaub, Leben und Arbeiten an einem Platz und damit dann auch soziales Leben rund um die Arbeit herum, also, das Verwischen der Grenzen von Arbeit und Privatleben. Ein typisches Beispiel auch für die moderne, junge Unternehmen hierzulande. Mir begegnen auch heute bei der Stellensuche für Teilnehmer entsprechende Anzeigen, wo das eingefordert wird. Zuletzt für eine Hausmeisterstelle (!) in einem IT-Unternehmen, wo explizit auf die regelmäßig stattfindenden Grillpartys auf der Dachterrasse des Unternehmens hingewiesen wurde.

Was Kretschmann möchte, ist klar. Es ist auch richtig, das zu wollen. Wieso sollen große Entwicklungen fast nur in den USA stattfinden? Aber in diesem ganzen Prozess kommt eben nichts von ihm zum Thema „wie sollen die Menschen arbeiten“, was bedeutet das für Arbeitsplätze, vor allem auch, was bedeutet die zunehmende Automatisierung, was ist mit Überwachung, Bürgerrechten? Er setzt dazu nicht einen Punkt.

Und im Handelsblattartikel erneuert er seinen Hinweis darauf, dass er zu CISCO eingeladen wurde und dort geredet hat – offenbar zum zweiten Mal. Ich weiß auch nicht – aber ein Unternehmen wie CISCO sind Teil der Überwachungsstruktur des Internets oder liefern Staaten wie China die Werkzeuge zur Zensur und Kontrolle. Er findet zu solchen Unternehmen nicht die notwendige kritische Distanz.

Meine eigenen Bemühungen, kritische Positionen im Landesvorstand zu unterzubringen, werden von der Mehrheit aus Kretschmann-nahen Realos verunmöglicht. Ein Text zu Automatisierung, den ich zu einem Wirtschaftspapier unterzubringen versuchte, hatte keine Chance. Es ist offensichtlich – es geht um eine unkritische Ermöglichung dieser Technologien. Auch ich bin begeistert, wenn ich sehe, dass „die Zukunft naht“. Ich weiß, Energiewende ist ohne Netzsteuerung nicht möglich. Toll, das man seine Haustechnik auch vom Strand aus steuern kann. Autos fahren von alleine (endlich!) und Bahnen auch. Aber all diese Technologie ist auch angreifbar. All das geht nur, wenn man reguliert, Normen setzt, den Menschen die Kompetenz ermöglicht, verantwortungsvoll damit umzugehen, Big Data als Chance – aber auch die Risiken sieht, sich für Bürgerrechte einsetzt, ohne nur wolkig über „Datenschutz“ zu reden und so weiter. Das tut Kretschmann nicht – und das ist das, was an dieser Strategie, die im Grunde richtig ist, aber nicht die Debatte um Risiken ausblenden darf, zu kritisieren ist und bleibt.  Mit seinem Kurs werden wir wirklich zur klassischen Wirtschaftspartei, die annimmt, dass „sozial ist, was Arbeit schafft“. Aber es ist halt so, dass, wenn es der Wirtschaft gut geht, es der Wirtschaft gut geht – sonst zunächst niemandem. Und ohne eine Sozialpolitik, die den Menschen, der arbeitet oder arbeiten möchte, in den Mittelpunkt stellt, zu berücksichtigen, ist diese Politik eben in meinen Augen nicht nur falsch – sondern gefährlich.  Grüne Politik muss die Rahmenbedingungen setzen – nicht, die Notwendigkeit, sie zu setzen, komplett ausblenden. Wer das tut, muss kritisiert werden – so leid mir das dann auch tut, wennn’s der eigene, grüne Ministerpräsident ist.