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Schöne neue Welt

So heißt Claus Klebers Dokumentation über das Silicon Valley und er zeigt in einer Stunde an einem Sonntagabend, was man so im Silicon Valley für Zukunftsvisionen hat. Biotechnolgie, selbstfahrende Autos, Online-Universitäten, Facebook, Google, und so weiter, und so fort. Wem das zu spät war und es lieber als Roman hat, der lese Dave Eggers „The Circle“ – auch eine Zukunftsvision, die aber auch und vor allem die Überwachungsmöglichkeiten thematisiert und gut aufzeigt, was „BigData“ alles so möglich machen kann – heute schon, nicht erst morgen.

Beide zeigen eine Zukunft auf, die mehr oder weniger hinter der nächsten Ecke liegt. 2010 habe ich diesen Beitrag geschrieben und die Welt in diesem Konzern ist zwar einen Schritt weiter, aber gemessen an dem, was Dokus wie Klebers oder Science-Fiction-Romane aufzeigen – doch gemächlich, wenn man zurückblickt. Google ist längst nicht mehr alleine, war es eigentlich noch nie, und die Finanzkraft der Konzerne im Silicon Valley macht Dinge möglich, die dann trotzdem nicht wahr werden.

Denn egal wie schnell sich die Technik verändert – der Mensch braucht ein wenig länger. Die Hürden sind hoch, alle neuen Technologien basieren auf alten und nicht jeder kann oder will sich an neue Technologien anpassen. Was jedoch deutlich wird ist, dass die jüngeren Generationen mit einer Selbstverständlichkeit Dinge nutzen und benutzen, die älteren undenkbar, gar unmöglich erscheinen. Und dass Lösungen für Probleme gefunden werden, mit denen die Politik und politische Prozesse nichts mehr zu tun haben.

AirBNB, Uber sind Synonyme für eine Entwicklung, die zeigt, wie wenig sich diese Konzerne noch um politische Entscheidungen oder Gesetze kümmern. Die Ausbreitung von Uber in den USA ist kaum aufzuhalten, Menschen, die privat Zimmer vermieten werden sich aum mehr verhindern lassen und Googles (und anderer Hersteller) selbstfahrende Autos werden nach und nach die Straßen erobern. Mit den entsprechenden Milliarden ausgestattet, werden sich auch Wege finden, die Haftung bei Unfällen mit den Versicherungen so zu regeln, dass einer Zulassung nichts mehr im Wege steht. Und bis dahin werden mehr und mehr Automatisierungssysteme in den Autos Raum einnehmen. Heute schon könnte ich in Karlsruhe auf die Autobahn fahren und 1300 km weiter in unserem Lieblingsurlaubsort aus demAuto steigen, ausgeschlafen, weil mich die Kiste mittels Spurhalter, Abstandshalter, Bremsassistent und Tempomat sicher nach Italien gebracht hat. Die Autos werden fahren, die Leute werden mehr und mehr der Software das Fahren überlassen – die Genehmigung wird es geben, wenn ein gewisser Prozentsatz erreicht ist. Die Menschen und die Konzerne sind nicht mehr interessiert an den Gesetzen, die sie in ihrer Wirkung oder Bequemlichkeit einschränken – aber es wird dauern.

Es wird Menschen geben, die ihre Gehirne optimieren lassen werden, es wird Kinder geben, die nicht mehr zur Schule gehen, sondern mittels VR am Unterricht teilnehmen – was heute schon mittels Fernstudium, Fernfortbildung möglich ist (Dozent sitzt in Stadt XYZ, viele Zuhörer*innen in anderen Städten oder gar zu Hause), wird sich verbreiten – und eine Chance sein für Gegenden ohne schulische Infrastruktur. Bildung für alle auf dem ganzen Planeten, zu jeder Tags- und Nachtzeit und niemand wird etwas dagegen tun können, denn im Zweifel geht es über Satellit. Für jede Technologie wird es gute Absichten, Ausbeutung und Schaden in den Auswirkungen geben. Ein automatisierter Panzer sorgt dafür, dass ein Soldat nicht mehr erschossen werden muss. Ein Roboter, der sich im Geländer fortbewegen kann, kann Menschen von Bergen oder aus Wüsten retten – oder als Soldat andere Länder erobern. Gehirnoptimierungen werden vermutlich Krankheiten wie Alzheimer und Demenz heilen – aber eben auch für Entwicklungen sorgen, die wir weniger gutheißen werden.

Nur: solange alle diese Technologie unter einer hyperkapitalistischen Entwicklung unterliegen, wird nur realisiert werden, was Geld bringt. Ein wenig Altruistisches für das eigene Gewissen – der ganze Rest, über 99%, nur unter Marktbedingungen. Das ist das Problem. Denn die Ausbreitung von Technologie, die unter Marktbedingungen vorgehen wird, wird sich wenig darum kümmern, wie weit der Gesetzgeber ist. Irgendwann werden automatisierte Drohnen unseren Einkauf, den wir per APP bestellt haben, einfach nach Hause bringen. Weniger durch die Luft – aber wie Flurförderfahrzeuge im Lager nach und nach auf Gehwegen und Straßen. Und für jede Reglementierung wird es eine Ausweichmöglichkeit geben – bis hin zur Erlaubnis.

Schlimm? Nein. Die Dinge verändern sich. Die Frage ist nur: wollen wir am Ende, dass Konzerne die Regeln bestimmen oder wollen wir weiterhin demokratische Staatsformen? Heute schon ist Lobbyismus weit verbreitet und Fakten schaffende Technologien nehmen mehr und mehr Raum ein. Die Praxis muss demokratisiert werden, die Erträge müssen der Gesellschaft zugute kommen und nicht nur den Konzernen und aus Goodwill allen Menschen. Dazu muss der Kapitalismus überwunden werden. Denn die Entwicklung wird weiter gehen und der Antrieb ist bei vielen nicht nur das Geld – sondern die Möglichkeiten. Wenn man dazu Sicherheit hat, ein Auskommen, das einem ein angenehmes Leben bietet, Bildung, Wertschätzung und die Annahme der eigenen Person, Arbeit mit Sinn fördert und sinnentleerte Tätigkeiten mehr und mehr automatisiert oder abschafft – dann machen wird sich vieles zum Besseren wenden. Die Energieerzeugung mittels Erneuerbarer Energien wäre heute weitaus mehr verbreitet, wenn sie nicht dem Markt unterläge. Denn die ökologische Notwendigkeit zweifelt ja niemand an – aber die ökonomische Umsetzbarkeit. Wir müssen den Kapitalismus überwinden, um das Wissen der Menschheit allen Menschen zur Verfügung zu stellen. Dann werden wir in einer schönen neuen Welt leben. Aber nur – wenn wir dabei nicht vergessen, dass wir die Menschen mitbestimmen lassen müssen. Denn auch die Demokratie wird sich weiter entwickeln müssen.

Off-Piraten

Am 20. Mai wurden die Server der Piratenpartei durchsucht, vorher abgeschaltet. Wie man zwischenzeitlich hört, fanden sich im Piratenpad, einer Software, mit der man via Browser online gemeinsam on-the-fly an Texten arbeiten kann, auf einem Pad eine Linksammlung  für DDoS-Attacken, die wohl für einen Angriff auf französische AKW-Betreiber gedacht waren. Zumindest fühlte sich jemand in Frankreich in dieser Hinsicht bedroht, bat bei der deutschen Polizei um Ermittlungshilfe und so rückten die deutschen Polizisten, nicht dafür bekannt, besonders IT-affin zu sein, beim Hoster der Piraten an und kaperten deren Server – und schickten auf diese Weise die Partei offline. Das dauerte bis gestern abend an, seither sind sie aber wieder da.

Das Verhalten der Ermittlungsbehörden ist glasklar zu kritisieren. Es kann ja wohl nicht sein, dass die Server einer wenn auch kleinen Partei von jetzt auf nachher einfach abgeschaltet werden. Zumal die Piraten ja wie keine andere Partei im Internet „leben“. Und es kann nicht sein, dass die Ermittlungsbehörden auf so einem Weg schlicht Server mit beliebigen Inhalten aus dem Netz nehmen können. Das ist nicht, wie man mit einiger Ironie sagen kann, löschen statt sperren, sondern tatsächlich sperren – und wenn man den Stecker zieht, zunächst einmal sehr endgültig. Insofern war dies ein Angriff auf die Meinungsfreiheit – denn aufgrund eines einzigen Dokumentes die komplette Kommunikationsinfratruktur abzuschalten, ist weder angemessen noch war sie notwendig. Ich bin ziemlich sicher, hätte man bei der Piratenpartei angefragt, hätte man dort kooperiert und das Dokument zutage gebracht, gelöscht oder zumindest vom Server genommen und – achso, IP-Nummern werden dort ja nicht gespeichert…..

Dass wie so oft einige Piraten das überbewerten und gar eine Verschwörung draus machen und zumnindest versuchen, einen Zusammenhang zur Wahl in Bremen herzustellen – nun, das trägt nicht dazu bei, diese Partei ernster zu nehmen. Und das ein Ausfall der Server – föderale Infratruktur war ja auch noch vorhanden – eine Auswirkung auf das Wahlergebnis haben wird – nun, das wird niemand ernsthaft behaupten. Sonst spiegeln sie ja alles, diese Piraten – ihre eigenen Bundesinhalte auf Landesserver offenbar nicht…

Womit wir auch schon bei der Kritik wären. Fachlich gesehen ist es natürlich fatal, wenn man die eigene Kommunikationsstruktur dort angesiedelt hat, wo Menschen, die man weder kennt, noch identifizieren kann noch etwas über deren Absichten weiß, Zugang zur eigenen, zentralen IT-Infradtruktur gewährt – bzw. Anwendungen auf demselben Server laufen hat, wo diese auch angesiedelt ist. Das ist sicherheitstechnisch schlicht fahrlässig – was man ja am Ergebnis sieht….

Die andere Frage ist, ob es die Aufgabe einer Partei ist, solche Dinge so laufen zu lassen. Meinem Gefühl und meiner Meinung nach machen die Piraten Dinge, die eigentlich eher außerhalb einer Partei angesiedelt sein müssten. Dazu gehören Aktionen, wie Wikileaks zu spiegeln oder eben ein Etherpad zu betreiben, das dann im Schutz der Piratendomain dazu benutzt wird, DDoS-Attacken möglicherweise vorzubereiten. Aber das muss die Partei für sich beantworten. Ich denke aber, hier ist die Rolle, die eine Partei hat, nicht so ganz klar. Gedanken würde ich mir jedenfalls nach so einem Vorfall machen. Nicht, dass ich es nicht gut finde. Aber ist das tatsächlich Parteiarbeit?