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auspressen

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Wir pressen aus. Menschen. Tiere. Bis zum geht-nicht-mehr. Mit nicht kleinem Erschrecken gibt es neue Berichte, über das, was man eh schon seit geraumer Zeit weiß – und über das ich beispielsweise hier schonmal geschrieben habe. Aber trotz Medienberichten über Ausbeutung, schlechte Arbeitsbedingungen denken LIDL, ALDI, KIK und Co., dass sie weiterhin produzieren können, wie sie wollen – der/die Kund_in wird doch weiter einkaufen. Nichts deutet derzeit daruf hin, dass die Marktmacht wankt – der LIDL-Skandal ist längst Geschichte – allein Schlecker scheint es etwas übertrieben zu haben. Nicht mit Ausbeutung in der dritten Welt – sondern „nur“ mit Ausbeutung in der westlichen Welt. Nachdem scheinbar massiv fest angestellten Arbeitnehmerinnen gekündigt wurde, um sie in neue Arbeitsverträge bei der eigenen Zeitarbeitsfirma zu zwingen, scheint die Empörung bei der Kundschaft so groß geworden zu sein, dass es Schlecker insgesamt wirtschaftlich nicht mehr so gut geht. Auch LIDL erlebte nach seinem Überwachungsskandal eine massiven Umsatzeinbruch – der aber wohl längst egalisiert scheint.

Ob die neuesten Berichte über die Zustände in Bangladesh daran etwas ändern, ist zu bezweifeln. Denn das Elend und die Not sind weit weg – und den meisten Leuten ist das eigene Hemd näher. Was will man machen – alleinerziehend, arbeitslos, in Hartz IV, andere Gründe wie Bequemlichkeit: gekauft wird in Deutschland sehr vielbeim Discounter. Das ein T-shirt-Preis von 1,00 €, produziert in Asien und hierher transportiert, beinahe zwangsläufig zu Ungerechtigkeiten führen muss, ist scheinbar egal (50 Prozent Gewinn und Kosten des Einzelhandels, 25 Prozent Markenwerbung, 13 Prozent Fabrikkosten, 11 Prozent Transport und Steuern. Ein Prozent Lohnkosten.). Wer’s nicht glaubt: ein Blick in die Diskussionsforen zu den diversen Artikeln bei SPON und anderswo spricht Bände:

grundsaetzlich ist fuer die einhaltung arbeitsrechtlicher vorschriften oder gesetze in bangladesh NICHT der deutsche staat, der deutsche importeur von bekleidung, der einzelhaendler oder (schon garnicht) der deutsche verbraucher verantwortlich, sondern die regierung bangladesh’s.

wenn die regierung dort dieser verpflichtung nicht nachkommt ist das nicht unser problem.

Kein Grund also, sich Gedanken über den Einkauf zu machen. Wobei es natürlich Alternativen gibt. Unser Geiz, unser Wunsch nach billig, billig, billig sorgt dafür, dass Menschen ausgebeutet werden müssen.

Der eigentliche Skandal ist aber, dass sich diese Ketten öffentlich verpflichtet haben, an den Missständen vor Ort etwas zu ändern. Sie labeln sich – und kontrollieren nicht. Augenwischerei. Bewusst. Menschen auspressen – und wenn sie nicht mehr können, wegwerfen. Sind ja genügend andere da – und vor allem genügend andere, die das vor Ort unterstützen, ausnutzen, mit daran verdienen.

Mit derselben Art und Weise wird eine alte tatsache breit getreten: Tieren in Massentierhaltung muss zur Krankheitsvorsorge massiv Antibiotika gegeben werden, damit sie nicht krank werden. Krankheitserreger entwicken Immunitäten dagegen, über das Fleisch kommen diese immunnen Erreger in den menschlichen Organismus. Kein wirklich neue Nachricht. Aber gerade wieder aktuell – weil aktuell der BUND zum wiederholten Mal solches nachgewiesen hat – bei Produkten, die bei LIDL, ALDI, REWE, Edeka und wie sie alle heißen, verkauft wird. Hähnchen von Wiesenhof, Rindfleisch von JA, Schweinfeleisch von irgend einem obskuren Hof – Fleisch aus Massentierhaltung. 3 Schnitzel für 1,99 € – das Grillfest oder der Sonntagsbraten sollen billig sein. Essen darf nichts bis wenig kosten. Wir wissen das, wir wissen, wie das Fleisch erzeugt wird, wir wissen, wie geschlachtet wird und wir wissen, wie es bei Tiertransporten zugeht. Edeka kann es sich leisten, sein Fleisch (aus Massentierhaltung in Ostdeutschland) im Schwäbischen schlachten zu lassen, um es dann in Rheinstetten zu portionieren – Transporte hin und her. Weil es offenbar Fleisch sein muss. Das Futtermittel für diese Tiere wird in Südamerika angebaut.

Ich esse auch Fleisch, gerne sogar. Ich halte Fleisch essen für einen natürlichen Vorgang, weil ich auch an Kreisläufe glaube und daran, dass der Mensch ein Raubtier ist. Ich kaufe mein Fleisch dort, wo ich sehen kann, wie das Tier gehalten wird und gefüttert wird. Ich kaufe große Mengen und friere sie ein – weil ich es nur so bezahlen kann. Oder kaufe reduziertes Fleisch im Bioladen oder -supermarkt. Und esse halt immer öfter mal vegetarisch. Werfe fast nichts weg.

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Offenbar führt die neue Armut dazu, dass die Menschen weiterhin nicht auf das verzichten möchten, was sie sich früher leisten konnten. Zu Lasten von uns allen, zu Lasten unserer Umwelt.

Ich erwarte einen medialen Aufschrei, der noch eine Weile nachhallen wird, neue Absichtserklärungen, niemand, der das kontrolliert – und weiterhin jedes Jahr Lebensmisttelskandale. Weil die Menschen nicht bereit sind, nicht mehr bei ALDI einzukaufen. Auch die nicht, die das nicht müssten. Leider.

 

Boykott Til Schweiger?

Ja, wie soll das gehen?

Ich seh Til Schweiger ja eigentlich nicht so gerne. Entweder ne Hollywoodschnulze oder eben Infofernsehen. Oder „schweres“ deutsches Kino. Aber ab und zu will man sich abends einfach nur auf die Couch setzen, ein Glas Wein und ein paar Salt & Vinegar-Chips neben sich und einfach mal die Seele baumeln lassen – Fernsehen konsumieren und dabei so wenig wie möglich denken.

Gestern abend zum Beispiel. Meine Frau hatte Chorkonzert wegen US-amerikanischem Freundschaftsbesuch beim Gesangsverein, ich kaum zu  Hause hatte die Kinder – und das nach einem langen Tag gestern. Um viertel nach acht saß ich endlich in einem stillen Haus auf dem Sofa und zappte – um bei Til Schweiger hängen zu bleiben – Männerherzen heißt der Film. Deutsche Komödie, ein paar Schmunzler, ein paar Lacher, ein paar schlechte Witze und oft genug Til Schweiger zwischendrin. Tja, und eigentlich wollte ich wegschalten. Und zwar deshalb: (tw. aus dem offenen Brief kopiert)

Schweiger hat am 09.11, an den Charles Vögele Fashion Days in Zürich seine Männer-Modelinie präsentiert. Ein Viertel aller Charles Vögele-Produkte kommt aus Bangladesch – auch Hosen, die er entworfen hat. Der monatliche  Mindestlohn in Bangladesch beträgt 34 Franken – eine Familie braucht aber alleine für Lebensmittel gut 50 Franken im Monat. Das führt dazu, dass die Menschen regelmässig mehr als 12 Stunden am Tag arbeiten, um ihre Familien ernähren zu können. Ein Lohn von nur 147 Franken würde die Existenz der meisten Familien sichern.

In der Schweiz investiert Charles Vögele Millionen in eine Fashion Show, weigert sich aber gleichzeitig, in asiatischen Kleiderfabriken existenzsichernde Löhne zu garantieren.

Diesen Brief kann man selbst wegschicken und bekommt dann diese abenteuerliche Antwort:

Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass sich Herr Schweiger als Werbebotschafter und Designer der Charles Vögele Trading AG keine Meinung zu operativen Fragen des Managements bilden kann und somit auch nicht in der Lage ist, hierzu Position zu beziehen.

schreibt mir Maximiliane Rinninger von der  Fred Kogel GmbH in 82031 Grünwald, die sich um die Geschäfte und Angelegenheiten von Til Schweiger kümmert.

Ich bin platt. Selbst aktiv in der Modebranche will Herr Schweiger nichts  wissen von Ausbeutung, unmenschlichen Arbeitsbedingungen und Hungerlöhnen? Als hätte es nie die Erklärung von Bern gegeben, nie einen Film über KIK,

nie Berichte über die Folgen von Jeansbleiche mittels Sandstrahlen, ….

Tja, da ist der Herr Schweiger vermutlich schlicht ignorant gegenüber der existenziellen Nöte, die er mit seiner Kleidung mit schafft, für die er mit verantwortlich ist. Ob das die Werte sind, die er seinen Kindern vermitteln will? Oder sammelt er zusammen mit BILD das nächste Mal auch 13,5 Millionen – für Kinder in Bangladesh, die oder deren Eltern bei der Produktion seiner Klamotten ausgebeutet werden?

Schlicht zum Kotzen ist es,

dass sich Herr Schweiger als Werbebotschafter und Designer der Charles Vögele Trading AG keine Meinung zu operativen Fragen des Managements bilden kann und somit auch nicht in der Lage ist, hierzu Position zu beziehen.

Ich hab den Film dann trotzdem gesehen. Ins Kino werd ich aber nicht gehen. Til Schweiger gibts bei mir wie eh und jeh nur im Free-TV – wenn überhaupt noch.

P.S.: die Charles Vögele GmbH etc. hat doch noch Stellung genommen (PDF), was sie alles so Gutes tut in der Welt.