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das Problem heißt Sexismus

und nicht „Straftaten von Ausländern“.

Eine große Gruppe von Männern, alkoholisiert, weitgehend unbehelligt von der Polizei, lässt es in der Silvesternacht richtig krachen – und greift in kleineren Gruppen immer und immer wieder Frauen an, um sie mittels des Antanztricks um Handys, Bargeld zu erleichtern und in diesem Fall mittels einer besonders widerlichen Abart: sexuelle Übergriffe.

Der Antanztrick geht so:

Während einer jemanden als scheinbaren alten Bekannten überschwänglich begrüßt, ihn dabei spontan antanzt oder hochhebt, drängeln sich die anderen heran.

Anscheinend wurde diese Variante benutzt, weil die Ablenkung garantiert zu 100% funktioniert – geht der Täter einer Frau an die Wäsche gehe, hat sie andere Sorgen als ihren Geldbeutel.

Wenn man sich die unterschiedlichen Videos anschaut, die es zu diesem Silvesterabend am Kölner Dom gibt, oder den Polizeibericht liest, dann wird eines deutlich: die Polizei hat die Situation entweder unterschätzt, oder war schlicht durch zu geringe Präsenz nicht in der Lage, die Versammlung entweder aufzulösen oder für die Sicherheit der Menschen dort zu sorgen.

31.12.2015 – 21 Uhr: Auf dem Bahnhofsvorplatz und der Domtreppe befinden sich bereits 400 – 500 augenscheinlich alkoholisierte Personen, die durch aggressives Verhalten auffallen. Es handelt sich in der Mehrzahl um Männer, die unkontrolliert Böller und Raketen abbrennen und diese zum Teil gegen Unbeteiligte einsetzen.

31.12.2015 – 23 Uhr: Die genannte Menschenmenge ist auf über tausend Menschen angewachsen. Es handelt sich bei den Anwesenden größtenteils um Männer, die unter anderem durch Alkoholkonsum bereits enthemmt sind. Das Abbrennen von Feuerwerkskörpern nimmt immer mehr zu. Raketen werden häufig absichtlich in die Menge geschossen. Die Stimmung wird zunehmend aggressiver.

Es waren also insgesamt über tausend Menschen auf dem Platz und es konnten auch noch 2 Stunden nach den ersten gefährlichen Vorkommnissen weiterhin Straftaten verübt werden – das abschießen von Raketen in eine Menschenmenge hinein nimmt schwere Verletzungen bei Getroffenen in Kauf, die Polizei schaut über einen so langen Zeitraum zu, räumt die Treppe und den Bahnhofsplatz – allerdings erst um 23:30 Uhr. Gleichzeitig hat sie wohl nicht erkannt, dass sich unter diesen tausend Menschen eine erhebliche Anzahl – wenn die Berichte stimmen, dann kann man von rund hundert Männern ausgehen – bekannter Trickdiebe, Straftäter, polizeibekannte Personen, befinden.

Diese Personen werden als „nordafrikanisch“ aussehend – eine ungenaue Beschreibung, die vermutlich auf italienischstämmmige, auf türkischstämmige, ich würde sagen,  irgendwie „fremd“ aussehende Menschen zutreffen kann. So ein Südländer halt.

Aber wir wissen nichts über diese Personen. Es gibt bis heute keine genaue Beschreibung der Tätergruppe. Der Antanztrick ist zugegebenermaßen ein bekannter Trick, den vor allem der als „nordafrikanisch“ beschriebenen Tätergruppe zugeordnet wird.  Eine Gruppe von Menschen, so wie sie beschrieben wird, ist immer wieder anzutreffen. Eine Horde junger Männer, respektlos, kriminell, gewaltbereit, stark in der Gruppe. Und mit einem zweifelhaften Frauenbild. Dieses Bild ließe sich problemlos übertragen auf andere Gruppen junger Männer. Ich fand solche Ansammlungen schon immer komisch, vor allem als Mann. Und ich kenne sie gut, diese Ansammlungen. Ich kenne sie von Fasching, ich kenne sie von Straßenfesten, ich kenne sie aus Fußballstadien, ich kenne sie von anderen Veranstaltungen, bei denen viel Alkohol konsumiert wird, wenige Frauen dabei sind – höchstens ein paar „laute“ Frauen. Sie trinken, pöbeln, machen sich lustig und reißen sexistische Witze, wer seiner Missbilligung ihnen gegenüber Ausdruck verleiht, wird angepöbelt, mit Gewalt bedroht. Man macht große Bogen um sie – und es ist egal, welcher Nationalität oder Abstammung sie haben – es ist immer wieder dasselbe. Alkohol ist dabei ein wesentlicher Beschleuniger für Enthemmung.

Diese Gruppen Männer haben eines gemeinsam, über Alters- und Nationalitätsgrenzen hinweg: ein Frauenbild, dass sie meinen lässt – spätestens unter Alkohol, wenn zivilisatorische Schranken unwichtiger werden – dass Frauen zu beeindrucken sind, wenn man sie antatscht. Dass es okay ist, wenn man auch nach dem 5. Nein immer noch behaupten kann, dass sie vermutlich, nein, ganz sicher doch „Ja“ meint. Dass Frauen betrachten, als Objekt, nicht als Subjekt, in Ordnung ist. Wieso sonst gäbe es nackte Busen in der BILD und zum Glück noch im europäischen Playboy? Oder eben, dass man es sich unter Alkohol erlauben könne, sowas zu tun.

Foto: https://pixabay.com/de/users/isabellaquintana-457900/

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Wir müssen also über zwei Dinge reden, nein, doch besser über drei:

  1. Wie können Frauen im öffentlichen Raum vor sexuellen Übergriffen geschützt werden. Wo fängt (und das sag ich ganz bewusst) bewusster und unbewusster Sexismus an.
  2. Wie kann es geschehen, dass sich eine ganze Menge polizeibekannter Kleinkrimineller treffen und Straftaten (Taschendiebstahl, seit Max der Taschendieb nun wirklich eine Straftat, die bekanntermaßen keine Nationalität bei den Tätern kennt) unter den Augen der Polizei durchführen
  3. Und wie kann es sein, dass sexuelle Belästigung in dem beschriebenen Maße bis hin zur Vergewaltigung unter den Augen vieler anderer Menschen, die ja auch noch da gewesen sein müssen (Augenzeugen berichten von einer dramatischen Silvesternacht in Köln., stattfinden können – ohne dass jemand einschreitet.

 

Wir müssen über Männlichkeiten reden, über Sexismus und über die Art und Weise, wie damit umgegangen wird.  Und wir müssen endlich darüber reden, wie eine Debatte über ein solches Geschehen – und weitere, wie auf der Reeperbahn, so entgleisen kann.  Wie kann es am Ende passieren, dass angesichts der dürren Faktenlage der Innenminister über Abschiebungsgründe für geflüchtete Personen spricht? Wieso ist der eigentlich noch im Amt?

Denn wenn wir diese Debatte so führen, dass wir anerkennen, dass Sexismus keine Frage der Herkunft ist – was sich angesichts der Vorfälle auf Oktoberfesten, Cannstatter Wasen, Karneval, Fasching und so weiter ja auch kaum leugnen lässt – sondern eine Frage, welche Frauenbild dahinter steckt, dass sich Männer immer noch meinen, sie könnten sich einfach nehmen, was sie wollen. Woher kommt diese Respektlosigkeit? Und mal ehrlich: Sex mit jemandem, der nicht mitmacht, sich gar wehrt, weint, schreit oder stillschweigend und wie erstarrt über sich ergehen lässt? Die Grenzen so überschreiten, dass man einer Frau an intime Stellen greift mit – ja, mit welchem Ziel? Glauben die tatsächlich, man könnte einer Frau in die Bluse oder Hose fassen und die wird davon so elektrisiert, dass sie über ihn herfällt? Oder geht es nur um die Berührung? Und dann? „Ich hab’s angefasst?“ Ja, toll. Und weiter? Ernsthaft?

Ich verstehe es nicht und lese es doch immer wieder. Steckengeblieben in der Entwicklung, in der man alle Dinge greifen und anfassen muss – also so ungefähr bei einem Jahr?

Und ein Kommentar zu all den Rechten, die jetzt aufschreien. Die dieses widerliche Ereignis ausnutzen für rechte Hetze gegen Migranten, gar Flüchtlinge.  Wie ist denn Euer Frauenbild? Wie behandelt Ihr Frauen? Setzt Ihr Euch für Gleichberechtigung ein – oder höre ich nicht aus Eurer Ecke seit Jahr und Tag, dass man mit dem Genderzeugs aufhören müsse? Klassische Rollenverteilung? Frauen sollen wieder Frauen sein und Männer Männer?

Eine andere Variante ist die völkische Frau, die brav ihre Mutterrolle erfüllt, einen Rock trägt und sich dem Mann unterordnet – also das traditionell nazistische Vorbild bedient: Die Frau gehört an den Herd und hat viele Kinder zu kriegen.

All das ist das Gegenteil von dem, was notwendig ist, all das ist das, was zu sowas führt. Ihr wisst das. Und wenn Ihr es nicht wisst, solltet ihr am besten die Klappe halten (was ich vermute, schließlich lese ich jetzt auch schon in diversen rechten Gruppen bei Facebook „mit“).

Und zu guter Letzt: die Täter müssen gefasst werden, die Täter müssen bestraft werden. Aber damit ist das alles nicht zu Ende. Mit den Flüchtlingen hat all das nichts zu tun. Lasst uns endlich über Rollenbilder reden. Und immer und immer wieder über Seximus. Und seine Verharmlosung.