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auch Männer brauchen eine #metoo-Kampagne

Am 25. November ist der Internationale Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen. Nachdem in den sozialen Medien im vergangenen Jahr mit #MenAreTrash und #metoo zwei Kampagnen Aufmerksamkeit erregten, war das Thema „Gewalt gegen Frauen“, vor allem sexualisierte Gewalt gegen Frauen ganzjährig im Fokus gewesen.

Die nicht neue Erkenntnis im Jahr 2018: 113.965 Frauen wurden Opfer häuslicher Gewalt unter den 138.893 gesamten Anzahl an Opfern – das sind 82%. Es sind rund 4.000 Frauen mehr als im Vorjahr, weil Freiheitsberaubung, Zwangsprostitution und Zuhälterei neu mit eingerechnet werden (komisch, dass man das früher herausgerechnet hat) und 147 Tötungsdelikte sind darunter – 147 Frauen wurden Opfer von ihres aktuellen oder ehemaligen Partners.

Und, bekannt wie unverändert seit Jahren:

Der überwiegende Teil der Täter sei „bio-deutsch“. „Häusliche Gewalt geht durch alle Gruppen“, betonte die Ministerin. Generell sei die Gefahr höher, wenn Alkohol, Geldsorgen und psychische Probleme im Spiel seien. Doch auch in gut situierten Familien gebe es Fälle.

Unter dem Hashtag „MenAreTrash“, zu Deutsch: „Männer sind Müll“, twitterte Sibel Schick vor einiger Zeit: „Es ist ein strukturelles Problem, dass Männer Arschlöcher sind“. Das ist natürlich ein Problem für Männer, die zu denen gehören, die keine Gewalt ausüben. Noch schlimmer für die, die sich selbst als Opfer von Frauen sehen. Man mag darüber streiten, ob eine solche massive Abwertung der gesamten Gattung „Mann“ zielführend ist – allerdings entspricht es durchaus der Sprache dieser Männer, wenn sie über Frauen reden, der gemeint ist. Insofern: weiter so!

Und was ist denn mit den Männern? Sie schaffen es nicht, ihr Problem in den Fokus zu rücken – weil sie kein Verständnis dafür haben, dass männliche Gewalt an Frauen (und Männern) ein eigenständiges Thema ist, das aber ein gerüttelt Maß an männlicher Reflektion benötigt. Etwas, das mit dem Selbstverständnis dieser Art von Männern, die das diskutieren, oft genug unvereinbar ist. Maskulisten nennt man sie – und unter der Federführung von Andreas Kemper und vielen anderen habe ich sogar mal einen Artikel zu einem Buch über sie beigetragen.

Ja, es gibt da ein Problem. Männer, abseits vom sich prügelnden Mann, werden Opfer häuslicher Gewalt. Subtrahiert man die Zahlen von oben, kommt man auf 24.928 männlicher Opfer. Ein Teil davon wird in homosexuellen Beziehungen Opfer eines Mannes werden, aber das lassen wir mal dahingestellt. Knapp 25.000 Männer werden in Deutschland Opfer gewalttätiger Frauen. Wieso interessiert das keinen?

Unter anderem deshalb:

Männer schaffen es nahezu nicht, dieses Thema auf eine Art und Weise zu thematisieren, die kein Antifeminismus ist. Sie präsentieren es oft genug gewalttätig oder mit gewalttätiger Sprache, sie sprechen dabei oft sexistisch und sie präsentieren es unreflektiert, sie versuchen, Kampagnen gegen Gewalt an Frauen mit „aber die Männer!“ zu instrumentalisieren. Sie weigern sich, anzuerkennen, dass männliche Gewalt in der Regel in ihren Auswirkungen vehementer ist als die von Frauen. Und das es keine Männerhäuser gibt, ist nach ihrer Meinung alleine der Tatsache geschuldet, dass Frauen als Gleichstellungsbeauftragte dieses Thema unter den Teppich kehren.

Es ist schade – denn 25.000 Opfer wären es wert, dass man sich für sie so einsetzt, dass man sich auch damit beschäftigen möchte. So ist das übrigens seit Jahren und das hängt auch damit zusammen, dass diese Gruppe von Männern dabei deutlich im rechten politischen Milieu zu verorten ist.

Mir ist diese Art von Antifeminismus, wie ich es im Buch beschreibe, zum ersten Mal in Bezug auf Trennung und Scheidung zu Ohren gekommen. Politisch links sozialisiert war ich ziemlich erschrocken – erstens über den Tonfall und zweitens über die Fälle, über die in der Öffentlichkeit so gut wie nichts bekannt war.

Im Laufe meines privaten und politischen Lebens begegnete mir das Thema dann immer wieder.  Meine Scheidung und die Folgen waren nicht gewaltfrei. Ich habe meine Exfrau nicht geschlagen und sie mich nicht. Aber wir haben uns nichts gegönnt und sind übereinander verbal hergefallen, haben uns weh getan, uns abgewertet, die Schwachstelle gesucht. Ihr neuer Mann hat einmal versucht, mich zu provozieren, sodass ich ausraste. Er hat mich mehrfach verbal bedroht, sie hat es vor den Kindern geschehen lassen – aber es ist nie etwas passiert. Die Scheidung und die Folgen war keine meiner Ruhmestaten und heute würde ich manches anders machen. Dass sie gestorben ist, macht es nicht einfacher, so kann ich manches nicht mehr gerade rücken, den Ausgleich nach all der Wut suchen.

Zuletzt hatte ich ewig lange Debatten bei Demokratie in Bewegung, als wir die Frauenquote installiert haben. Ich weiß nicht, wie oft dieses Thema immer und immer wieder von Männern hochgezogen wurde, thematisiert wurde – die armen Männlein, die ihre Macht, die so noch gar nicht hatten, teilen sollten. Schon die Hoffnung auf einen Posten, ein Mandat zu teilen, war ihnen unmöglich und die Diskussionen darüber ermüdend, oft gewalttätig und bösartig.

Bei Facebook  habe ich Manndat abonniert und im Internet schaue ich ab und an bei Wikimannia vorbei. So kann ich sehen, wo diese Debatte steht.

Manndat hat dieser Tage einen Text veröffentlicht, über das „Manifest der Gesellschaft zur Vernichtung der Männer, SCUM“ von Valerie Solanas. Sie setzen #metoo und #MenAreTrash mit Männerhass gleich, stellen Feminismus in Bezug zu SCUM und behaupten „dass Männerhass für Frauenpolitik so wichtig ist“ – und sind damit mal wieder in der Debatte an dem Punkt, an dem sie schon vor 20 Jahren waren. Keinen Schritt weiter gekommen. Bis heute haben diese Männer (und genau diese Debatte habe ich auch bei Demokratie in Bewegung immer wieder geführt) nicht begriffen, dass es bei Feminismus nicht um „Antimännerpolitik“ geht, sondern sich Feminismus für Gleichberechtigung aller Geschlechter einsetzt. Und dass #MenAreTrash überhaupt kein Fundament mehr hat, wenn Männer endlich anfangen, sich und ihre Rolle zu reflektieren.

Mannsein bedeutet für diese Typen,stark zu sein. Ihr Problem mit Streit nach Trennung und Scheidung ist nicht nur der Streit,verbotener Umgang, Frauen, Unterhaltszahlungen, sondern dass sie nicht bestimmen können, wie alles so abläuft, die Frau sich nicht unterordnet. Es gibt strukturelle Ungerechtigkeiten, es gibt böse Frauen, das ist richtig – nur hat all dies auch maßgeblich etwas damit zu tun, dass (gesellschaftlich) davon ausgegangen wird, dass Kinder besser bei der Frau aufgehoben sind – das ist ein patriarchalisches Muster.  Sie bekämpfen seit vielen Jahren die SPD und ihre Aussage „Wir müssen die männliche Gesellschaft überwinden“ – weil sie denken, dass sie irgendwie ausgerottet werden sollen – anstatt zu begreifen, dass männliche Strukturen für die Ungerechtigkeiten sorgen, denen sie auch ausgesetzt sind. Und dass es männliches Selbstverständnis ist, das neben ihre unermüdlichen Versuchen, #metoo und ähnliche Kampagnen zu kapern, verhindert, dass über das Notwendige gesprochen wird. Sie bekämpfen die „Genderideologie“ mit Worten, wie sie die AfD benutzt und sind dabei auch allem, was irgendwie mit LGBT zu tun hat. So lehnen sie die Tatsache ab, dass es mehr als zwei Geeschlechter gibt.

Es gibt darüber hinaus in all den Jahren keine gesellschaftlich spürbare positive Kampagne von Männern für beispielsweise aktive Vaterschaft. Männer, die dem Maskulager zuzuordnen sind, fällt in aller Regel erst nach der Trennung ein, dass Vater sein mehr bedeutet, als das Geld zu verdienen. Ich kenne keine Kampagne von Männerrechtlern, die sich für Arbeitszeitverkürzungen einsetzt, damit Familienväter mehr Zeit für die Familie haben und sich Eltern gleichberechtigt um Familie und Broterwerb kümmern können. Und Männer, die sich dafür einsetzen, das toxisch weiße maskuline Rollenbild zu überwinden, werden bekämpft.

Nichtsdestotrotz sind 25.000 Männer,die Opfer häuslicher Gewalt werden, nicht wegzudiskutieren.  Sie brauchen Hilfe, sie brauchen Anlaufstellen. Sie brauchen eine Kampagne, die ihnen eine Stimme gibt. Denn auch sie werden sich überwiegend nicht trauen, an die Öffentlichkeit zu gehen, sich zu offenbaren. Denn auch das ist eine Frage männlichen Selbstverständnisses.  Unterlegen zu sein, passt bei vielen nicht ins Bild. Egal ob vor Gericht – oder ob ihnen eine Frau eine Ohrfeige verpasst hat oder sie verprügelt wurden.

Es gibt herzzereissende Geschichten. Es gibt Geschichten voller Hass und psychischer und physischer Gewalt. Vielleicht findet sich ja jemand, der einen Weg findet, diesen Männern eine Stimme zu geben,ohne in einen antifeministischen Reflex zu verfallen. Wünschenswert wäre es.

ich sprüh’s an jede Wand?

Ina Deter hat sie gefordert – die neuen Männer. Sie hat dabei sehr offen gelassen, was sie damit meint – was vielen den Raum lies, dort hinein zu interpretieren, was man so für sich selbst dachte. Gemeinhin wird der „neue Mann“ aber als das Gegenteil vom Mann im Patriarchat interpretiert – wie er – überdeutlich – hier dargestellt wird. Seine Rolle neu finden soll er, im Haushalt helfen, Kinder betreuen, emotional sein, reflektiert, nicht Sonntag früh beim Stammtisch, Partner, nicht der, der „die Hosen anhat“. Ein Partner in einer Beziehung auf Augenhöhe.

Zwischenzeitlich redet man sogar über das „Nice-Guy-Syndrom, das dramatischerweise dazu führt, dass offenbar

Frauen  Männer sexuell unattraktiv finden, die ständig nur als der Nette und Harmoniesuchende agieren und Konfrontationen stets ausweichen.

In der Zeit findet sich ein derzeit stark debattierter Beitrag von Nina Pauer, in der sie klischeehaft beschreibt

Heute tragen die jungen Männer Bärte und spielen Gitarre. Sie sind lieb, melancholisch und sehr mit sich selbst beschäftigt. Für die Frauen wird das zum Problem.

wie neue Männer, belastet mit dem Nice-Guy-Syndrom Frauen frustrieren, sie sich doch eher den zupackenden Mann wünschten. Sie stellt es so dar, als wären es vor allem auch eigene Erfahrungen, aus denen sie auf den Rest der Männerwelt schließt. Und das Bild des gitarrespielenden Bartträgers, der es dann nicht schafft „richtig“ zu flirten oder gar ma Ende „einfach mal küsst“ ohne zu fragen, der zupackende Mann, der Aufreißer – der fehlt ihr. Überhaupt das Küssen: in einem klugen Artikel im FAZ-Blog beschreibt Julia Seeliger aka @zeitrafferin, dsas es -nicht nur eigentlich – uncool ist, ungefragt zu küssen. Womit sie recht hat. Und schreibt die Botschaft aus ihren „geheimen Kanälen“:

Im Übrigen würden sich viele Männer auch freuen, wenn die Frau mal den ersten Schritt macht.

Korrekt. Kann ich bestätigen. So geheim ist das gar nicht. Ich habe in meinem Leben auch nicht immer der Forderung nach dem „ersten Schritt“  erfüllt. Das klassische „willst du mit mir gehen“ – gab es nie. Aber bis heute ist diese Erwartungshaltung da. Der Mann hat den ersten Schritt zu tun. Die Frage nach „willst du mich heiraten“ – die hat vor allem der Mann zu stellen und bitte noch gleich die wunderschönen Ringe mitzukaufen. Die Frage muss natürlich romantsich verbrämt an einem besonderen Ort – Urlaub, gutes Restaurant – gestellt werden und nicht bloß nicht nach einem durchschwitzten Beischlaf im gemeinsamen Bett. Er kauft die Ringe – sie kümmert sich dann zusammen mit einer Horde Freundinnen um die gelungene Ausrichtung der Hochzeitsfeier, schleppt ihn auf Hochzeitstage, das Kleid muss auch sauteuer sein – ein unvergesslicher Tag, bombastisch – durch und durch amerikanisiert.

Der Rollback findet statt – und er findet sich in Artikeln wie dem von Nina Pauer wieder. Einem Artikel, der nicht in der Bunten gestanden ist – sondern im intellektuellen Blatt „Zeit“. Wollte die Redaktion provozieren? Man weiß es nicht. Ich finde es aber erschreckend, dass sich solche Plattitüden verbreiten. Denn es ist ja nicht nur dieser Artikel, es ist eine ganze Reihe von ihnen – die das Bild der modernen Familie/Beziehung humorvoll, überspitzt und voller überkommener Klischees insLächerliche zieht. Wie das Herumhacken auf den angeblichen Latte-Macchiato-Müttern in Berlin und Frankfurt. Und wir, die wir uns dafür einsetzen, die klassiche Männerrollen zu überwinden, müssen rückwärtsgewandt Kämpfe führen. Autor_innen wie Nina Pauer gehen hand ind Hand mit der maskulistischen Szene, die ebenfalls gerne vom „richtigen Mann“ schwärmt und alle, die sich für „neue Männer“ einsetzen, als Pudel beschimpft – die, die noch dazu für die Gleichberechtigung kämpfen und Feminismus nicht er se vedammen, gar als „Lila Pudel“.

Das Bild des gehemmnten jungen Mannes, der sich nicht an die Frau traut, gezeichnet mit

Statt seinen Stolz zu nehmen und nach einem letzten romantisch-heroischen Versuch einzusehen, dass es richtig wäre aufzugeben, trauert er, wochen-, monatelang.

ist sowas von 1950er, dass es weh tut. Ja, Männer dürfen weinen, Männer dürfen trauern, Männer dürfen unerfüllt lieben und Männer dürfen nicht wissen, wie sie die Angebetene herumkriegen – zu was auch immer. Und wenn eine Frau dsa merkt – dann kann sie sich ja trauen und sagen: trau dich ruhig. Ich wünsch es mir. Ich bin sicher, das würde es so leicht machen, wie Frau Pauer sich das wünscht. Eine Rückkehr zum Macho, der sich „die Weiber schnappt“ – die darf gerne weiter an Stammtischen und in Maskuforen gefordert werden, der Zugang und der Ausdruck von Gefühlen gerne weiter pudelig. Wir sind da weiter.