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#Pegida läuft zwar – aber keiner hört sie

Am gestrigen Abend, den 3. November, fand zum 18. Mal eine Kundgebung mit anschließendem Spaziergang nach Pegida-Vorbild des Karlsruher Ablegers Widerstand Karlsruhe statt – wie sie sich ja zwischenzeitlich nennen. Nichtsdestotrotz sind sie Pegida – ein Haufen rechtsextremer Rassisten unter der Leitung von Thomas Rettig, bekennender AfDler (und Alfa-Gegner) und damit Teil der neuen NPD. Ihre verzweifelten Versuche, sich davon zu distanzieren, indem sie behaupten, sie ließen sich nicht vereinnahmen, funktionieren nicht (mehr). Als Großdemonstration, überparteilich angekündigt, landeten sie dabei dort, wo sie seit dem Frühsommer immer waren: keine hundert Teilnehmer*innen, Bettvorleger statt Tiger. Überparteilich war: AfD (Rettig), Freiheit (Stürzenberger) und sonstige Neonazis (Mannheimer, Bückle) und ihre Mitläufer.

Screenshot der Ankündigung bei Facebook

Screenshot der Ankündigung bei Facebook

Zurück am Stephanplatz: WiKa dachte wohl, dort könnten sie ungestörter reden, ihre Hetze verbreiten. Unser lautstarker Widerstand, zum 18. Mal, trifft sie offenbar ins Mark. Ihre Demorouten immer abgesichert durch Polizei, erreichen niemanden in der Bevölkerung. Seit 9 Monaten schmoren sie im eigenen Saft – und so war wohl ihr Gedanke, dass sie dort, wo sie aus ihrer Sicht früher erfolgreicher waren, nun vielleicht wieder mehr Leute anziehen.
Trotz des Aufgebots rechtsextremer Stars wie Michael Stürzenberger, vom Verfassungsschutz beobachteter Vorsitzender der „Freiheit“, Michael Merkle alias Mannheimer, der öffentlich als „bekannter Neonazi“ bezeichnet werden darf, waren erneut wieder nur 60 Neonazis dort aufgetaucht.

Mannheimer verglich Merkel mit Hitler, was sogar den SWR zu einer Meldung veranlasste (hier der Link zu ka-news, damit sehen kann, wie die braune Suppe dort relativiert). Mannheimer hat ähnliche Äußerungen bereits im Sommer, als er das letzte Mal da war, getan.

Sie wurden lautstark begrüßt – zwischenzeitlich werden Vuvuzelas, Trillerpfeifen und Tröten verliehen/verschenkt – danke an die Spender an dieser Stelle.
Kein Wort, allenfalls ab und zu ein paar Wortfetzen drangen über den Stephanplatz hinaus, niemand aus der Bevölkerung hatte Zugang. Ihr „Spaziergang“ war von massiven Polizeikräften begleitet. Hatten sie zu Beginn noch ihre übliche kleine Bühne, kam Stürzenberger wohl im Wahn, eine Großdemonstration beschallen zu müssen, mit einem LKW von München, den er als Bühne nutzte. Offenbar hat er wieder ein paar Spender gefunden.
Für #Nokargida und den gesamten Widerstand gegen die Karlsruher Nazis war es ein erfolgreicher Abend, der insgesamt friedlich ablief. Es gab keine Verhaftungen, lediglich kleinere verbale Auseinandersetzungen mit überaggresiven Polizisten:
Nach der Spontandemo der Antifa durch die Innenstadt – völlig ohne Polizeibegleitung – ereiferte sich ein Polizist, was das denn solle. Und schließlich fand er uns sowieso unnötig, weil ja Pegida etwas angemeldet habe. Ich musste ihn über das Demonstrationsrecht aufklären – und dass die Gegeveranstaltung selbstversändlich angemeldet war. Ein Pegidafan unter den Polizisten. Ein farbiger Journalist wurde durch Polizisten in seiner Arbeit gestört und offensichtlich auch körperlich angegangen, was zu einer minutenlangen Auseinandersetzung mit verschiedenen Polizisten unterschiedlicher Leitungsebenen führten – der Journalist war deutlich angefressen. Ich weiß leider nicht, von welchem Medium er war, falls er dies hier liest, soll er sich doch gerne bei uns melden – wir würden seine Erfahrungen gerne in unsere Lageberichte einfließen lassen.

Eine Demoteilnehmerin wurde mehrfach von einer Polizistin beleidigt, sie würde ja wohl keine Steuern zahlen (als dürfe man nur demonstrieren, wenn man Steuern bezahlt). Hintergrund war die absurde Forderung der Polizei, dass man die Hamburger Gitter nicht mehr betreten dürfe. An anderer Stelle wurde einer Demoteilnehmerin verboten, Seifenblasen zu machen.
Mannheimer hat übrigens versucht, mit mir zu sprechen – von einer Gitterseite zur nächsten. Was auch immer er wollte – mit Nazis gibt es keine Kommunikation, nur Verachtung. Stürzenberger lies es sich nicht nehmen, mit Fotoaufnahmen der Gegendemo aus nächster Nähe zu provozieren, was er ja immer tut. Die Polizei, die sonst immer bei linken Demonstranten gleich draufschlägt, ermittelt oder sonstwie handgreiflich wird, ließ ihn gewähren.

Am Hauptbahnhof konnte ich übrigens sehen, wie Mathias Bückle mit ein paar seiner „Hools“ unter massiver Polizeibegleitung zum Bahnsteig begleitet wurde. WiKa hat ihn rausgeschmissen – er kommt trotzdem weiterhin angedackelt.
Trotz dieser Nickeligkeiten war es ein erfolgreicher Abend. Egal wo in Karlsruhe – den Nazis trifft immer ein in der Anzahl vielfacher Widerstand entgegen, wir sind immer mehr, wir sind immer lauter. Sie reden für sich – inkl. Spaziergang durch leere Straßen knapp 3 Stunden gestern (Sehr schön auch die Bewohner der Waldstraße, die ihre Fenster verdunkelt hatten – WiKa lief durch eine dunkle Straße ) – und erzählen sich immer denselben Mist. Sie bekommen weiterhin so wenig Raum wie möglich.

Update:

Bericht über die Kundgebung und Demo bei Beobachternews:

“Widerstand Karlsruhe” unerwünscht

Dort wird auch die Sache mit dem Journalisten aufgeklärt:

Bei der Veranstaltung und Gegenveranstaltung zu „Widerstand Karlsruhe“ forderte die Polizei unseren Reporter auf, mit ihr zusammenzuarbeiten. Sie ignorierte dabei die Bewegungs- und Pressefreiheit. Es ist nicht zulässig, dass JournalistInnen und PressefotografInnen in enger Begleitung von PolizeisprecherInnen ihre Arbeit durchführen müssen. Unser Vertreter durfte sich zwar im Absperrungsbereich der Polizei bewegen, jedoch musste er in Begleitung des Pressesprechers der Polizei arbeiten, der ihm auf Schritt und Tritt folgte.

Er fühlte sich als Journalist und Pressefotograf überwacht und ausgegrenzt. Gegen Ende der Veranstaltung und Gegenveranstaltung, wurde er von einem Polizisten auch noch aufgefordert, seine Personalien preiszugeben, weil er einen Polizisten, der friedliche DemonstrantInnen filmte, fotografiert hatte. Der Polizist wollte wissen, wer er sei und warf ihm vor, gegen das Kunsturheberrechtsgesetz verstoßen zu haben. Das Bild des Polizisten, das wir hier veröffentlichen, spricht aber eine andere Sprache. Von daher wäre es wünschenswert, wenn die Polizei unsere VertreterInnen frei arbeiten lässt.

 

engagiert euch gegen rechts – oder lieber doch nicht?

Am gestrigen Abend, 5.8.2015, gab es im Pavillon im Schlossgarten das 6. Stadtgespräch: Die Lehren aus 12 Jahren Nationalsozialismus (hier der Trailer dazu). In einer eindrücklichen Einführung, in dem Schüler die Ergebnisses eines Schülerprojektes über Gerhard Caemmerer vorstellten, der während der Nazizeit in Karlsruhe befreundete Juden versteckte und versorgte.

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Anschließend gab es eine Podiumsdiskussion, mit Ellen Esen, dem Innenminister Gall, ernst Otto Bräuche, Leiter des Stadtarchivs und Stefan Nüersch, als Teil der Schülerprojektgruppe, der die Ergebnisse in einer tollen Präsentation vorgestellt hatte, unter dem Titel

„1933: Karlsruhe unterm Hakenkreuz. 2015: Brauchen wir ein NPD-Verbot? Die Lehren aus 12 Jahren Nationalsozialismus“.

Caemmerer hat in Karlsruhe sicherlich mehr Aufmerksamkeit verdient (dass die von ihm gegründete Kanzlei heute den Pfadfinderbund Süd vertritt, würde ihm aber imho vermutlich zu schaffen machen).

Der Innenminister war sich nicht zu schade, Engagement gegenüber rechten Hetzern einzufordern und zu loben. Allerdings blieben Fragen offen. Ich hatte mich zu Wort gemeldet  und unter viel Beifall ein Statement abgegeben und folgende Punkte thematisiert:

  • Es dauerte in Karlsruhe bis in den April hinein, dass sich Presse und Oberbürgermeister auf die Seite derjenigen stellte, die sich seit Februar als Kargida, Pegida Karlsruhe und heute Widerstand Karlsruhe entgegen stellten
  • Bis heute wird diese Gegenbewegung kriminalisiert, wie ich es am eigenen Leib erfahren durfte
  • Nach wie vor wird Rechtsextremismus in Debatten in einem Atemzug mit Linksextremismus benannt, obwohl es verschiedene Dinge sind (was der Innenminister eine halbe Stunde dann auch gleich mal vorführte, in dem er Rechtsextreme, Salafisten und Linksextreme letztendlich gleichsetzte)
  • Die Antifa macht letztendlich die Drecksarbeit, stellt sich auf die Straße und wird dafür belangt, noch nicht einmal Mittel des zivilen Ungehorsams werden anerkannt. Über die Antifa wird abfällig berichtet. Und das, obwohl bspw. am Mittwoch durch die Infos aus dem Umfeld der Antifa ein Anschlag auf die Notunterkunft in Bruchsal verhindert wurde
  • Die (regionale) Presse hat kaum kritisch über die Rechtsextremen berichtet, sich kaum mit deren Inhalten auseinandergesetzt, letztendlich für sie ein Wohlfühlklima geschaffen – bis durch die Aufbereitung der Infos und der Übergabe dieser Zusammenfassung der OB sich auf die Seite der Antifa schlug. Erst dann kippte es, die Reden und Redner, die von Anfang an eindeutig waren, schafften dies nicht.
  • Medien stellen sich rechtsradikaler Wortergreifungsstrategien nicht entgegen, berichten verharmlosend über AfD und Pegida. Rassisten werden zu Asylkritikern, antimuslimischer Rassismus zu Islamkritik, Rechtsextreme zu „besorgten Bürgern“. Die Politik nimmt das hin und übernimmt sogar die Begriffe

Ich erhielt nicht nur Beifall, sondern in weiteren Redebeiträgen aus dem Publikum wurde teilweise ähnliches moniert. Leider sah auch der BNN-Redakteur, der moderierte, keinen Anlass zur Selbstkritik.

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Foto: Michael M. Roth, MicialMedia

Lehren aus 12 Jahren Nationalsozialismus? Wie Otto Bräuche richtig anmerkte, muss dafür unbedingt die Zeit der Weimarer Republik mit betrachtet werden und eine Gesellschaft, die eine Demokratie leichtfertig opferte. Dabei geht es nicht um Schuld – sondern um Verantwortung.

In Karlsruhe konnte man in den letzten 6 Monaten sehen, wie wenig die Wohlfühlgesellschaft Anteil nimmt an der Entstehung einer solchen Bewegung – die flankiert wird von der Politik. Seehofer möchte Zigeunerlager Abschiebezentren für Flüchtlinge vom Balkan an den bayrischen Grenzen errichten, die BNN berichtet nahezu völlig unkritisch über die AfD und ihren rechtsextremen Kern. Die ka-news beherbergt nach wie vor das Zentrum der Karlsruher Rassisten und Fremdenfeinde und bietet ihnen ein Vernetzungstool – und das noch nach außen anonym. Auf der Straße aber stellen sich den Rechtsextremen diejenigen entgegen, die man anschließend wieder kriminalisiert.

Die Gesellschaft schaut zu, die Politik fordert Engagement – aber diese Engagement darf nicht zu laut sein. Es war eine doppeldeutige Botschaft, die der Innenminister gestern Abend gab. Im Gegensatz dazu war der philosophische Ansatz des letzen Fragenden: wie stelle ich mich der NPD in mir und in meinem Umkreis entgegen, tatsächlich des Pudels Kern: kann ich wegsehen, wen über Asylbewerber geschimpft, Muslime diskriminiert und Roma verurteilt werden, nur weil sie anders sind, anders aussehen oder gar noch anders riechen, sich anders verhalten?

Zustimmung allenthalben – bei der nächsten Kundgebung gegen den Widerstand aber, so vermute ich – werden wieder viele Leute aus der Antifa und ein paar wenige Bürger_innen auf die Straße gehen – neben noch weniger politischen Aktivisten wie ich es einer bin. Auch weil zu viele Angst haben, es anschließend mit der Polizei zu tun zu bekommen. Was das über unsere Polizei und den Innenminister aussagt – das wäre eine spannende Debatte über die Lehre aus dem Nationalsozialismus.

Nokargida am 14.04

Am heutigen Abend sind wir zum siebten mal gegen Kargida auf die Straße gegangen.

Es hat schön begonnen – Sonnenschein, Außentemperaturen von über 20° – und ein gut gefüllter Stephanplatz ab 16:00 Uhr zur angekündigten Mahnwache. Es fanden sich hier schon über 100 Leute ein – und mit gut 50 Leuten mehr hätten wir den Platz nicht räumen müssen – sondern uns wegtragen lassen. Lobenswert die Teilnahme von ca. 40 Leuten vom Staatstheater, die eigens dazu gekommen sind. Wären noch 30 Grüne, 30 SPDler, 30 Linke und 30 Gewerkschaftler dagewesen  – wer weiß, was hätte passieren können heute…

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So sind wir nach der letzten Aufforderung, den Platz freizumachen, in Ruhe, friedlich – aber nicht allzu schnell, vom Platz gegangen.

Nach kurzer Pause besetzten wir dann die Kreuzung Amalienstraße/Karlstraße,  und gaben sie vorerst nicht mehr frei. ‚Kargida musste den umgekehrten Weg laufen – warum auch immer die Stadt ihr einen längeren Spaziergang als bisher genehmigt hatte. So liefen sie Wohnstraßen entlang – und die Polizei sorgte am Ende dafür, dass sie auch über unsere Kreuzung gehen konnten.

In einem brutalen Polizeieinsatz, der durch nichts gerechtfertigt war, drängten sie die Blockade zurück. Mit Gewalt drängten Stoßtrupps in die Menge hinein,

so dicht stand die Menge, in die Polizei hineingestürmt ist

die anderen Polizisten schoben die Blockade vor sich her. Obwohl es Alternativrouten für die #Kargida gegeben hätte, setzte man eine Route für die Nazis durch und nahm in Kauf, dass friedliche Gegendemonstrant_innen verletzt wurden – was auch geschehen ist. Wie ich erfuhr ist eine zerknüllte Plastikflasche von den Gegendemonstranten in Richtung Spaziergang geworfen worden und später flog auch ein Stein (etwas abseits). Nicht okay, vor allem der Stein.

Hier kann man sehen, wie einer der Vorstöße ablief – anlasslose Gewalt:

Sehr viele normale Leute, die teilweise mit Kindern da waren, waren völlig entsetzt über das Vorgehen der Polizei. Den Nazis wurde der Weg freigeräumt – und das, obwohl sie deutlicher als jemals zuvor, auch eindeutige Parolen brüllten:

Die Gruppe aus dem rechten Spektrum sorgte bereits bei Krawallen von Hooligans und Rechtsextremen in Köln im Oktober 2014 für negative Schlagzeilen (HoGeSa). Die Gruppe aus Pforzheim – unter anderem erkennbar an Shirts und Fahnen – rief immer wieder: „Unsere Fahnen, unser Land – nationaler Widerstand.“ Slogans wie sie auch von klassischen Neonazi-Aufmärschen bekannt sind.

 

Offenbar wurden Anweisungen des Anmelders der Pegida-Demos, dies zu unterlassen, ignoriert. Er ist wohl nur noch eine Marionette der Rechtsextremen.

Insgesamt waren wir sicherlich 500 Leute heute Abend, und Pegida höchstens noch 100. Wir werden mehr, die weniger.

Wie wir erfahren konnten, kam die Anweisung, die Strecke freizuprügeln, aus dem Ordnungsamt. Morgen ist treffen mit dem OB Mentrup – mal sehen, was er dazu sagt, dass seine Behörde für unnötige gewalttätige Aktionen der Polizei gegen die friedliche Karlsruher Bevölkerung sorgt – und wie das ganze zu seinen letzten Äußerungen in Sachen Pegida passen soll.

 

Rede #Norkargida am 10. März

es gilt das gesprochene Wort:

Liebe Karlsruherinnen und Karlsruher,

vielen Dank, dass Sie alle so zahlreich heute Abend hierhergekommen sind. Aber ich befürchte, wir sind noch immer nicht genug, um ein noch deutlicheres Zeichen zu setzen, gegen diesen Aufmarsch, der hier wenige Meter von uns auf der Rückseite der Post Galerie stattfindet.

Ich sage „Aufmarsch“, weil das genau beschreibt, was dort stattfindet. Ein Aufmarsch von NPD-Kadern und bekannten Karlsruher Rassisten und Fremdenfeinden, die den Worten eines bundesweit bekannten Rassisten und Fremdenfeind lauschen und ihm zujubeln werden. Dies unter dem Deckmantel einer Bewegung, die für sich in Anspruch nimmt, für die Mehrheit der angeblich besorgten Bürger_innen dieses Landes, in diesem Fall dieser Stadt zu sprechen.

Vielleicht war es ganz zu Beginn so, dass sich unter denen, die der Pegida folgten, auch welche befanden, die sich Sorgen machten – Sorgen um ihre Zukunft, Sorgen vor den Umtrieben dem islamistischen Terror nahestehenden Salafisten, Sorgen wegen Terrorwarnungen, Sorgen um – ja was weiß ich noch alles. Sorgen, die kaum zu benennen waren und die konservative Politiker trotzdem bereit waren, irgendwie ernst zu nehmen – und so einer Bewegung Legitimation verschaffte, deren Anführer Selfies von sich als Adolf Hitler verbreitete.

Aber das ist lange vorbei. Es gibt genügend Aufnahmen derjenigen, die sich bspw. letzte Woche hier versammelt haben: bekannte Neonazis aus Stadt und Land – gewaltbereite Hooligans und ein paar sonstig Verwirrte. Diesen Sonntag hatten sie noch versucht, die NPD-Kader auszuladen – 2 Stunden nachdem sie veröffentlicht hatten: „NPD-Mitglieder“ nicht willkommen muss es wohl so gewesen sein, dass sie diszipliniert wurden – und dieser Satz von ihre Facebook-Einladung verschwunden ist. Diese Information wurde der Presse zur Verfügung gestellt – berichtet wurde nicht darüber. (wie mir Radio Regenbogen zwischenzeitlich per SMS versicherte, haben sie darüber berichtet. Sorry, ich hatte es nicht gehört)

Vor drei Wochen war es Karl-Michael Merkle alias Michael Mannheimer, den man schlicht als Hassblogger bezeichnen muss. Der „Stern“ beschreibt das so: „Es überrascht nicht, dass sich die Staatsanwaltschaft diesen Menschen, der grundsätzlich Islam und islamistisch gleichsetzt und der rechtsgerichtete Internetseiten verteidigt, die zum bewaffneten Widerstand gegen Menschen mit anderen Ansichten aufrufen, nun vornimmt.“

Die Rednerin der letzten Woche, die eigentlich auf Pegida-Kundgebungen aufgrund ihrer abstrusen Thesen Redeverbot hat, muss man nicht erwähnen.

Aber diese Woche spricht Michael Stürzenberger. Stürzenberger ist Bundesvorsitzender der Partei „Die Freiheit“. Stürzenberger ist Redner und Mitorganisator der Münchner Bagida-Bewegung, eine Bewegung, die von Anfang an von Neonazis und gewaltbereiten Hooligans dominiert war. Kein Wunder fühlt er sich hier wohl. Stürzenberger gilt als Extremist, er wird vom Verfassungsschutz beobachtet, ebenso wie seine Partei. Er ist Islamhasser. Ebenso wie Mannheimer differenziert er nicht zwischen Islam und Islamismus. Dieser Mann redet hier, diesem Mann bietet Kargida, Pegida Karlsruhe und die Karlsruher Tea Party eine Bühne für seine hasserfüllten Parolen. Und nun sollen wir glauben, dass das eine wie auch immer geartete bürgerliche Bewegung sein soll? Wir sagen: Nein!

Wer sich gegen Hassprediger ausspricht und Nazi-Hasspredigern eine Bühne bietet – der beweist nicht nur ein besonderes Maß an Doppelmoral – der beweist, dass die Friedfertigkeit nur Tünche ist. Als sie letzte Woche nicht mehr im Polizeikessel marschieren konnten, haben sie gezeigt, wie wenig friedfertig sie sind. Wollen wir das? Wir sagen: Nein!

Pegida ist keine Bewegung von wie auch immer besorgten Bürgern mehr. Wenn es jemals eine bürgerliche Maske gegeben hat – so ist die längst von ihrer hässlichen Fratze gerissen worden. In Karlsruhe zeigt sich das nicht nur an der Auswahl der Redner – es zeigt sich auch daran, wer sich von ihnen angesprochen fühlt – und wer dort mitläuft.

Umso unverständlicher ist es, dass auch das KIT, das Karlsruher Institut für Technologie, unsere Universität, zur Verharmlosung dieser Bewegung beiträgt. Hat sie doch den Pegidaversteher Prof Dr. Werner Patzelt aus Dresden, der in der Pegidabewegung keine Fremdenfeindlichkeit erkennen wollte, mit Teilnahme an den Karlsruher Gesprächen im Februar geadelt – und seine Teilnahme auch gegen Kritik aus der Wissenschaft durchgesetzt. Das ist weder verständlich sondern nur noch aufs Schärfste zu kritisieren.

Ich muss hier an dieser Stelle kaum mehr sagen, dass alle Religionen und Glaubensgemeinschaften in diesem Land ihren Platz haben. Der Islam gehört zu Deutschland, ebenso wie die Menschen, die diesem Glauben angehören. Wir sind ein Volk aus Menschen mit Wurzeln in aller Herren Länder, aus Anhängern verschiedener und unterschiedlichster Religionen und Weltanschauungen. Wir haben uns, nachdem wir einen verheerenden Krieg über andere gebracht haben, in einem Moment der absoluten Niederlage eines menschenverachtenden Systems, von diesem abgewandt. Wir haben eine Verfassung, die Freiheit garantiert. Eine Verfassung, die auf dem Fundament nicht nur des sogenannten christlichen Abendlandes steht, sondern auf dem Fundament der internationalen Charta der Menschenrechte und dem Vertrauen auf Mitmenschlichkeit.

Niemand, der das negiert, der anderen das Recht abspricht, in Frieden zu leben und sich nach einem Leben ohne Verfolgung und Krieg zu sehnen hat das Recht von sich als „Wir sind das Volk“ zu sprechen. Diejenigen, die heute hier auf der anderen Seite dieses Gebäudes stehen, sind nicht das Volk – sie sind Anhänger einer Ideologie, die aus der Angst vor dem Anderen geboren ist, eine Ideologie, die den weißen, mittelalten Mann als die Krönung der Schöpfung begreift – und alle anderen, die sie nicht verstehen, als unwert verdammt. Aber deren Zeiten sind vorbei, in Karlsruhe und in Deutschland. Es wird Zeit, dass sie es endlich begreifen.

Liebe Karlsruherinnen und Karlsruher – sie werden erst wieder hinter ihre Öfen kriechen, wenn sie deutlich erkennen müssen, dass sie in Karlsruhe keinen Fußbreit Platz mehr haben. Deshalb müssen wir mehr werden, noch viel mehr werden. Der nächste Aufmarsch soll am 23. März stattfinden –kommen Sie wieder. Bringen Sie nicht nur die Nachbarn mit – sondern Ihren ganzen Straßenzug. In Karlsruhe darf es nie wieder so viel Platz für Nazis geben, wie es ihn in den letzten drei Wochen gegeben hat. „Neonazis können sich noch so bürgerlich geben und den Weg über die Parlamente suchen. Am Ende funktioniert ihre Einschüchterung und ihr Machtanspruch noch immer – wie schon 1933 – über die Straße. Ihnen die Straße preiszugeben bedeutet aufzugeben.“ Darum: wenn die kommen, werden wir wieder da sein – und wir werden immer mehr werden.

No Pasaran!

 

Meine Damen und Herrn, liebe Karlsruherinnen und Karlsruher,

 

mit dieser Rede ist der offizielle Teil der Kundgebung vorbei, es gibt keine weiteren Redebeiträge mehr. Wir machen hier am Kundgebungsplatz weiterhin Musik für sie und stehen für Fragen und Diskussionen mit Ihnen zur Verfügung.

Ich weiß, dass viele von Ihnen jetzt zum Stephanplatz streben und dort Ihren Unmut über diese Nazis dort hinten lautstark kundgeben wollen und müssen. Ich bitte Sie alle: bleiben Sie dabei friedlich! Ja, es wäre schön, wenn es gelänge, diesen Pseudospaziergang, der in Wahrheit ein Naziaufmarsch ist, zu blockieren. Aber nicht um jeden Preis. Jeder Böllerwurf, jede geworfene Stein, jede Provokation, die in einer Verhaftung endet, bestimmt am Ende das, was die Medien berichten (und ich kann aus eigener Erfahrung sagen: selbst wenn man Frieden stiften will, kann es sein, dass man von dieser Polizei festgenommen wird). Wer auch immer versucht, diesen Aufmarsch mit Gewalt zu blockieren, soll und muss sich dieser Verantwortung bewusst sein. Sein Handeln fällt auf die vielen hundert anderen zurück. Über keine unserer Botschaften wird berichtet werden, eine kritische Auseinandersetzung mit den hasserfüllten Reden und den Personen, die dort geredet haben, findet nicht statt.

Friedlich zu bleiben, besonnen zu bleiben, kostet mehr Mut als seiner Aggression Raum zu geben.

Ich möchte diesen Abend mit den Worten der großen Antje Vollmer beenden:

„An der Gewaltfreiheit entscheidet sich im Kern das Verhältnis zur Welt; an ihr entscheidet sich, ob wir eine gute Zukunft bereits aufgegeben haben“

oder aber:

Die Freiheit, die eigene Faust zu schwingen endet an der Nase des Anderen.

In diesem Sinne: einen schönen, gewaltfreien Abend