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Habecks Vorschlag zur Hartz-IV-Reform verfehlt das Thema

Thema verfehlt, Inhalt nicht durchdrungen. Mangelhaft.

Mehr bleibt nicht vom großen Vorschlag des grünen Bundesvorsitzenden, der den großen Durchbruch in der Hartz-Reformierungswunschliste sein soll. Ähnlich wie Nahles'“Bürgergeld“-Vorschlag bleibt er im Ungefähren stecken und verweigert die Ursache der Misere zu benennen: den Kapitalismus.

Dabei fängt er gut an, er beschreibt die Dinge, wie sie sind (und holt damit die Leute ab):

Höhere Bildung ist für Kinder aus ärmeren Haushalten oder von Migrant*innen kaum zu erreichen. In unseren Großstädten können immer mehr Menschen die steigenden Mieten nicht bezahlen. Auf dem Land schließt die letzte öffentliche Bibliothek, Bus- und Bahnverbindungen werden eingestellt. Und es herrscht Pflegenotstand. Diese Probleme lassen sich nicht mit Sozialtransferleistungen bekämpfen. Nur die Kombination aus einer guten öffentlichen Infrastruktur, guter und fair bezahlter Arbeit und einer funktionierenden Einkommenssicherung schafft die nötige Sicherheit.

Der falsche Gedanke ist und bleibt: alle müssen sich irgendwie über Leistung das Vertrauen in die öffentlichen Institutionen zurückerwirtschaften können.

Er nennt als

zentrale Elemente eines neuen Garantiesystems:
• Anreiz statt Bestrafung
• Die Höhe der Garantiesicherung muss existenzsichernd sein
• Der Zuverdienst wird attraktiver, damit Menschen von ihrer Arbeit wirklich profitieren
• Das Schonvermögen wird deutlich angehoben.
• Die Zahlungen erfolgen bedingungslos, aber bedarfsgeprüft.
• Bündelung aller existenzsichernden Leistungen

Das Grundproblem bleibt die Idee, dass jede*r sich über Arbeit zu definieren hat, dass Gerechtigkeit und Zufriedenheit irgend etwas mit Geld zu tun haben könnte. Und an der Stelle kann man eigentlich aufhören zu lesen, weil auch das Habeck-System, bis es durch die Gremien und mögliche Koalitionen ist, sich nicht allzusehr von Hartz-IV unterscheiden wird. Wer Zahlungen an Bedingungen knüpfen möchte, diese aber Bedarf nennt, hat nicht im Ansatz begriffen, um was es tatsächlich geht. Die Beschreibung der Realität sind Lippenbekenntnisse – weil die Realität so weit weg ist von dem, was er erlebt und erleben kann, dass er es nicht durchdringt.

Das setzt sich fort mit „Leistungsprämien statt Sanktionen“:

Mit Arbeitslosen sollen die Jobcenter auch weiterhin Eingliederungsvereinbarungen schließen können, aber diese sollten belohnt und angereizt werden. Für diese Anreize sollen die Jobcenter einen eigenen Etat und verschiedene Instrumente der Förderung erhalten.

Wer funktioniert, wer sich dem Arbeitsmarkt unterwirft, der wird belohnt. Wer das nicht tut, wird damit nicht belohnt – also bestraft.

Bis hin zu

Eine Frage der Gerechtigkeit: Wer arbeitet, muss davon profitieren

ist dieser Vorschlag eine Fortsetzung der grünen „Fördern und Fordern“-Losung, mit der Katrin Göring-Eckart dieses unselige, menschenverachtende System so viele Jahre verteidigt hat. Nichts Neues also – als Nachricht bleibt übrig: „Grünen wollen Hartz-IV-abschaffen“ – und durch ein neues, gleichartiges System ersetzen.

Um  zurück zur Beschreibung zu kommen:

Höhere Bildung ist für Kinder aus ärmeren Haushalten oder von Migrant*innen kaum zu erreichen.

Woran das liegen mag? Das liegt an einem Schulsystem, dass immer noch sortiert, das vor allem Leistung in den Vordergrund stellt und so früh Weichen stellt, die bei Anfangsschwierigkeiten Einfluss auf den gesamten Schulweg haben. Höhere Bildung für alle wäre zu erreichen, schaffte man morgen die Noten während der Schullaufbahn ab und ersetzte sie durch ein System der Wertschätzung für jede Leistung. Dann ist es irrelevant, wie die Basis beim gemeinsamen Start war – alle werden gesehen, alle werden dafür geschätzt, was sie können. Das frappierendste Beispiel bleibt für mich dafür das unsportliche Kind, das es nach dem 20. Versuch endlich schafft, über einen Kasten zu springen, vielleicht seine Angst endlich überwindet – und das Kind aus dem Sportverein, das dies einfach „so“ kann. Die größere Leistung liegt beim ersten Kind, besser benotet wird das zweite Kind. Dabei erbringen beide im Rahmen ihrer Möglichkeiten etwas Großartiges. Relevant wird die tatsächliche benotete Leistung aber erst in der Frage, ob jemand diesen Sport z. B. zum Beruf machen möchte.

In unseren Großstädten können immer mehr Menschen die steigenden Mieten nicht bezahlen.

Das liegt an einem von der Leine gelassenen Wohnungsmarkt, der Umwandlung von sozial gefördertem Wohnungsbau und dem fehlenden Ersatz und Ausbau desselben. In den Städten wird es in guten Wohnlagen enger und teurer – auf dem Land baut man nur Reihenhäuser. Dort (hier!) wird man – etwas überspitzt formuliert – schon als Kommunist betrachtet, wenn man „Geschosswohnungsbau“ in den Mund nimmt. Instrumente, mit denen Leerstand reduziert werden könnte, aber in das Eigentumsrecht eingreifen, werden immer als „Enteignung“ gebrandmarkt. Aber ist das Ziel mehr Einkommen zu erzielen, um die höheren Mieten bezahlen zu können oder sollte das Ziel nicht besser sein, die Mieten wieder radikal zu senken?

Auf dem Land schließt die letzte öffentliche Bibliothek, Bus- und Bahnverbindungen werden eingestellt.

Weil auch diese Einrichtungen dem „Markt“ unterworfen sind. Eine Kommune, die finanziell schlecht ausgestattet ist, wird natürlich solche Einrichtungen schließen. So wird aus notwendiger Infrastruktur ein „nice-to-have“ – wie man es hier seitens der CDU-Bank immer wieder gerne formuliert. Wer aber keine Bücher kaufen kann und keine leihen, wer sich kein Internet leisten kann bzw. schon gar keine Geräte, um Inhalte gut darzustellen, anzuzeigen, zu bearbeiten – sondern mit altem Smartphone und einer Daten-Pre-Paid angewiesen ist, der hat keinen oder schlechteren Zugang zu Wissen.

Und es herrscht Pflegenotstand.

Weil die Bedingungen unerhört und unerträglich sind. Das wird seit Jahren beschrieben. Da aufzudröseln, sprengt den hiesigen Rahmen. Aber das fängt nicht nur bei der Bezahlung an. Sondern vor allem bei der Belastung. Und die geht einher mit: Pflege ist dem Markt unterworfen.

Also wäre der große Wurf, die richtige Antwort:

Wer möchte, dass alle Menschen in diesem Land dieselben Chancen haben, muss sie freistellen von der täglichen Existenznot. Wer einsieht, dass es Menschen gibt, die nicht unter kapitalistischen Bedingungen arbeiten möchten oder können, muss ihnen ihre Entfaltung ermöglichen – steht eigentlich so im Grundgesetz. Ein bedingungsloses Grundeinkommen, auskömmlich, mit angemessenem Wohnraum und freien Zugang zum Internet, zu ÖPNV, zu Bibliotheken und Museen, zur öffentlichen Infrastruktur, die komplett zurück muss in die öffentliche Hand. Von der Wiege bis zur Bahre. Das wie eine negative Einkommenssteuer wirkt und daher hohe Einkommen davon ausnimmt – sodasss nicht auch derdie Zahnärzt*in oder derdie Erb*in Grundeinkommen ausbezahlt bekommt. Steuergerechtigkeit herzustellen – zurück zur hohen Besteuerung hoher Einkommen und dem Schließen von Steuerschlupflöchern – um all das adäquat finanzieren zu können. Denn das Geld ist da – aber so wie die Armut-Reichtumsschere immer weiter auseinandergeht (in den westlichen Staaten), landet es offenbar bei denen, die eh schon zu viel haben.

All das bietet das Habeckpapier nicht – und lässt natürlich das größte Problem außer Acht: Zeitarbeit, Werkverträge und Personalvermittlung, privatisiert und ein wesentliches Erpressungsinstrument der Jobcenter. Und mit einem großen Anteil an der Tatsache, dass Arbeit heute nicht mehr auskömmlich für viel zu viele Menschen ist. Ein Grundeinkommen würde diese einfach vom Markt fegen – wei niemand mehr zu diesen Bedingungen arbeiten müsste. Aber da kneift die grüne Partei. Wie eh und je.

Schultrauma

Es gibt gute Gründe, die in meiner eigenen Geschichte liegen, warum ich für Reformpädagogik, für notenfreies Lernen, mich für freie oder demokratische Schulen oder zumindest Gemeinschaftsschulen einsetze. Es muss natürlich immer für das Kind passen und  für unseren Jüngsten suchen wir derzeit ein Gymnasium.

Ich habe eine typische „ich scheitere auf dem Gymnasium“-Karriere gemacht – guter Grundschüler, aber ab der Mittelstufe wurden die Noten nach und nach schlechter. Bis dahin fiel mir alles zu, ab da musste ich lernen – und das fiel mir schwer. Hinzu kamen Lehrer, die es in sich hatten. Schreiende, fiese Gymnasiallehrer, ungerecht benotend und natürlich von Pädagogik keine Spur. Ich war schon als Jugendlicher keiner, der sich ins Muster pressen lies.  Bis heute bin ich Volltischler – als Schüler eben jemand, der zwar nicht alles ordentlich im Heft hatte, aber trotzdem wusste, wo die Dinge sind. Meine Lehrer*innen und Schule generell ist aber auf Leertischler geeicht – damals wie heute.  Und mit unnötig langen Rechenwegen hatte ich ebenfalls Probleme (und Punktabzug), Sprachen lernte ich lieber durch Sprechen als durch Vokabeln büffeln oder Buchseiten abschreiben und so weiter.  „Aus heutiger Sicht kann ich meinen Teil erkennen, ich weiß aber auch, woran es bei den Lehrer*innen lag.

Meine ganze Berufswahl und -„karriere“ ist ein Muster meines chaotischen Lerntyps

Der kreativ-chaotische Lerntyp nehmen die Welt hauptsächlich über die Augen auf und es gelingt ihnen gut, sich Texte bildlich vorzustellen, was gleichzeitig für seine große Phantasie und kreative Neigung spricht. Kreativ-chaotische Lerner sind sehr unterhaltsame, positive und harmonische Zeitgenossen, aber ihr Schreibtisch ist leicht mit einem Schlachtfeld zu verwechseln. Spaß, Abwechslung und neue Herausforderungen lassen sie auf Hochtouren laufen, doch sind sie unter Druck, verlieren sie den Überblick über ihr Chaos und machen Flüchtigkeitsfehler. Unbehagen bereitet ihnen daher penibler Ordnungssinn und festgefahrene Prozesse. Ihm hilft eine größere Aufmerksamkeitsspanne und einmal mehr hinschauen, hinhören und überlegen. (Stangl, 2018).

Verwendete Literatur
Stangl, W. (2018). Die Lerntypentheorie – eine Kritik. [werner stangl]s arbeitsblätter.
WWW: http://www.stangl-taller.at/ARBEITSBLAETTER/LERNEN/Lerntypen.shtml (2018-03-10).

– ich habe immer Stellen gebraucht, in denen ich viel Freiheit hatte. Als 22-jähriger Marktleiter, als Auslieferungsfahrer, als Call-Agent, in der als GF-Assistent,  in der Flüchtlingshilfe, heute als Standortleiter – ich brauche Entscheidungsfreheit und eine „lange Leine“, wie man so schön sagt. Wenn es eng wird, durch Vorschriften, Regeln, dann geh ich in die Rebellion. Ich bin zwar fähig, mein Verhalten zu ändern oder den Gegebenheiten anzupassen – aber ich brauche dafür Zeit  oder muss die Stelle wechseln.

Jedenfalls waren wir gestern an dem Gymnasium, das ich damals nach der 9. Klasse verlassen musste, um am Tag der offenen Tür zu sehen, ob es für unseren Sohn in Frage kommt. Und obwohl ich ja immer mal wieder in diesem Gebäude war – immer bei außerschulischen Veranstaltungen -, seitdem ich dort wegging, war es mir gestern unheimlich. Kaum im Gebäude, fing ich an zu schwitzen, ich bekam Atemnot, musste raus. Meine Frau sagte, dass ich einen hochroten Kopf hatte und ich hatte ein permanent schlechtes Gefühl. Ich konnte es sofort identifizieren. Mein Kind hierhin? Meine Alarmanlagen schrillten, ich wollte raus aus dem Gebäude, ich wollte hier nicht auf Elternabende. Ich schritt auf den Wegen, die ich als Jugendlicher ging, sah in Zimmer, in denen ich maximale Demütigung erfuhr (Rupp, im Arrest sortierst du die Kabel der Länge und Farbe nach) und mir wurde richtig, richtig eng.

Ich habe das meiner Frau gegenüber angesprochen und so ging sie alleine mit dem Sohn durchs Gebäude, schaute sich mit ihm zusammen die Angebote an und ich suchte mir meinen eigenen Weg. Sprach mit Lehrer*innen, Schüler*innen und anderen Eltern, was sie über die Schule wussten. Betrachtete die Übersicht über den Lehrkörper und was natürlich klar war – keiner der Lehrerinnen, die damals an der Schule waren, unterrichteten heute noch dort. Nach und nach beruhigte ich mich – aber ich hab auch heute Nacht von Schule geträumt und insgesamt weiß ich, dass das Trauma, das ich überwunden glaubte, doch tiefer sitzt als gedacht. Vor Jahren bin ich einem der damaligen Lehrer begegnet, er hat einen flotten Spruch über mich als Schüler gemacht (Sie waren ja damals ein komplizierter Schüler) und ich bin fast explodiert. Es ist nach wie vor präsent in mir.

Quelle: http://kraetzae.de/_de/inhalt.gfx/wik1.gif

Was ist das für ein Schulsystem, das so etwas einem Kind, einem Jugendlichen antun kann? Ich werde mit meiner immer vorhandenen Wut auf diese Lehrer*innen leben müssen, weiter Reinhard Mey’s „Zeugnistag“ singen und daran arbeiten, dass ich das nicht auf die Lehrer*innen meiner Kinder projiziere. Einfach ist das nicht – aber alleine die Bewusstheit und das meine Frau das weiß und mich notfalls bremst, gibt mir Hoffnung, dass ich das gut hinbekomme. Schlimm genug, dass es so ist.

Und wenn Sie das hier lesen, Frau N*, Frau P* oder Herr G* – schämen Sie sich.