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Fußball und Rassismus gehören zusammen

Zu viele aktive Fußballfans sind kleine Nationalisten – zu viele, nicht alle. Gewinnen soll immer der eigene Verein, wie bei Staaten spricht man von „wir“ und nur bei internationalen Wettbewerben findet dann man auch mal andere Mannschaften gut – so wie man halt sonst andere Staaten für minderwertig hält – aber wenn sie zusammen mit einem andere, noch minderwertige Länder bombardieren,dürfen sie ne Zeitlang auch „zu uns“ gehören.

Wenn verfeindete Fans aufeinandertreffen, gibt es immer wieder Ausschreitungen – als im Karlsruher Umland lebender, mit einer Schwäbin verheirateter Mann weiß ich, wovon ich rede. Ich war früher auch ab und an im KSC-Stadion, gerne auf der Gegengerade, aber die dumpfen Fangesänge und die Menschenfeindlichkeit, die gegenüber Menschen herrscht, die sich „nur“ für einen anderen Verein, der zudem aus demselben Bundesland kommt, engagieren,ist kaum auszuhalten. Meine Frau erzählt bis heute, wie es für sie im Stuttgarter Stadion war, als wir im KSC-Fanblock saßen. Damals (Ende der 1990er, selbst noch aktiver Fußballer), dachte ich immer noch, dass das ja alles eher spaßig ist. Ist es nicht (die kreative Rechtschreibung erinnert an zahllose AfD-Kommentare):

Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=koKEtEd3SVs

Der eigene Verein des deutschen Vaterlandes ist für diese Menschen „Die Nationalmannschaft“ – nicht „die Mannschaft“, wie sich diese aus Marketinggründen neuerdings nennt (und vor allem ja immer die Männermannschaft) . Obwohl in dieser Mannschaft nur Menschen spielen dürfen, die Deutsche sind und wer Deutscher ist, vom Staatsbürgerrecht geregelt wird, kursiert derzeit dieses Bild in den sozialen Medien:

Quelle: Internet

Deutlicher kann man es kaum machen, wie stark Kulturrassismus in Teilen der „Fans“ verwurzelt ist. Deutsch sein ist eng verbunden mit der Idee, dass man nicht „Deutsch werden“ kann, sondern nur Deutsch ist. Für diese Leute ist erst Mesut Özils Urururenkel Deutscher. Frühestens. Und selbst dann würden sie anhand des Nachnamens noch fragen: „wo kommst du her“?

Özil und Gündogan übrigens – beide Spieler haben sich in einer politisch dummen Aktion mit Erdogan fotografieren lassen und von „Ihrem“ Präsidenten gesprochen. In einer Erklärung nach einem Treffen mit dem deutschen Präsidenten Steinmeier haben sie erklärt, dass dies aus Respekt gegenüber ihren Eltern und ihren Wurzeln geschehen ist – sie wollen ihre Wurzeln nicht totschweigen,sie gehören zu ihnen. Die Herkunft ihrer Familien ist Teil ihrer Identität.

Dass daraufhin ein regelrechter Shitstorm über die beiden hereingebrochen ist, war zu erwarten – insofern spreche ich von einer „dummen“ Aktion, gerade so kurz vor der WM, wo der Nationalismus eh die breite Bevölkerungsmehrheit erfasst. Dass sie sich instrumentalisieren haben lassen, darf angenommen werden – wer politisch nicht gebildet ist, mag sowas schon einmal unterlaufen. Beide haben vernünftige Erklärungen dazu abgegeben.

Dass nun ein Teil des Fandoms nicht bereit ist, dies anzuerkennen und neben den in den sozialen Medien kursierenden „werft sie aus der Nationalmannschaft raus“ nun Gündogan sogar ausgepfiffen wurde, als der beim Spiel Deutschland gegen Saudi-Arabien zum Einsatz kam, zeigt, wie tief verwurzelt die Vorbehalte gegen die Spieler sind, die kein „Biodeutschen“ sind. Dabei geht es nicht gegen den Diktator Erdogan – sondern gegen die Tatsache, dass die beiden nicht so tun, als hätte ihre Familie nicht anderswo auf der Welt ihre Wurzeln. Sie bekennen sich dazu, dass sie Deutsche sind – aber wie für viele Einwandererkinder der zweiten oder dritten Generation eben noch eine Verbundenheit zur „alten Heimat“ besteht. Ein möglicherweise über die Eltern auch transportiertes Heimweh und man mag sich vorstellen, was in Kindern vorgeht, deren Eltern in möglichst vielen Ferien in die Heimat geflogen sind und dort emotionale Wiedersehensfeiern und tränenreiche Abschiede erlebt haben. Ich kann das anerkennen, aber ich bin ja eh ein linksgrünversiffter Gutmensch.

Dieses Bild, dass die Nationalspieler auf ihre Herkunft reduziert, ist Rassismus. Ein Rassismus, der daraus entsteht, dass man den eigenen Verein, die eigene Mannschaft als das Nonplusultra betrachtet, man wertet alle anderen ab. Die Pfiffe gegen Gündogan sind die nahtlose Fortsetzung der Diskriminierung von Boateng durch Alexander Gauland. Die Botschaft der AfD ist in großen Teilen des Fandoms angekommen, im schlimmsten Fall wird dies die Mannschaft spalten – und so möglicherweise einen Turniererfolg verhindern. Dem DFB sei ans Herz gelegt, sich nicht spalten zu lassen und sich hinter die beiden Spieler zu stellen – und den pfeifenden Fans eine Absage zu erteilen. Es wäre gut, wenn „Die Mannschaft“ das in irgendeiner Form beim ersten WM-Spiel tun würde – sichtbar, auf dem Platz, vor dem Spiel.

Die WM ist jedoch ein Fußballfest. Man mag sich über FIFA-Praktiken mit allem Recht echauffieren – aber es ist kaum besserer Fußball zu sehen als in diesen wenigen Wochen. Um den es eigentlich gehen sollte. Mein Herz schlägt auch für „Die Mannschaft“, aber ich war schon immer ein Kamerun-Fan und ich konnte als jemand, dessen erste bewusst wahr genommene WM die von 1974 mit dem WM-Sieg gegen Holland war, immer schon gut gegen „Oranje“ frotzeln. Aber wir schauen die WM und versuchen unseren Kindern auch zu vermitteln, dass andere Mannschaften auch tollen Fußball spielen – und dass es gerade bei diesem Spiel auch um Glück geht – und nicht immer die überlegene Mannschaft gewinnt. Weltmeisterschaften könnten völkerverbindend sein – zerstört hat dies in Deutschland vor allem die unselige WM 2006, bei der die Welt angeblich zu Gast bei Freunden war – aber die ein Baustein in der Rückkehr des Nationalismus in der Breite  der Bevölkerung war. Auch dies zeigt: die Lage ist ernster, als man bislang bereit war, anzuerkennen. Wie lange dauert es noch, bis die Bevölkerung aufwacht – und sich gegen „das Volk“ wehrt? Oder ist es gar schon zu spät?

Fußball

Fußball ist unser Leben, denn König Fußball regiert die Welt – so klang es 1974 vom Plattenspieler meiner Eltern. Fußball interessiert mich als Menschen recht wenig, auch wenn ich früher in der Jugend im Verein gespielt habe, später dann, mit Mitte 20 nochmal in der zweiten Mannschaft in Ettlingen. In der Zeit hatte ich auch mal für zwei/drei jahre eine Jahreskarte für den KSC – es war die Zeit der UEFA-Cup-Teilnahme. Seitdem ist das Interesse mehr oder weniger abgeflacht. Sportschau schaue ich selten, ab und an ein Spiel in der Kneipe oder ein Montagsabendspiel in der zweiten Liga. Ein bißchen mitleiden muss ich aber trotzdem mit den blau-weißen – alte Liebe rostet nicht, oder so. Und die WM-Spiele Deutschland gegen irgendwen hab ich auch alle gesehen und mitgejubelt – aber nicht groß getrauert – höchstens mit meinem siebenjährigen Sohn, für den das Verlieren im Halbfinale schon arg war.

So, das mal zum Hintergrund. Fußball ist für mich ein Sport. Aber dabei ist er das gar nicht mehr. Er ist der fleischgewordene Kapitalismus. Zu diesem Beitrag haben mich zwei Meldungen getrieben: da schreibt einerseits der Stern: Mesut Özil ist 250 Millionen Euro wert. Und: der KSC hat einen neuen Hauptsponsor, mit Ach und Krach gerade noch rechtzeitig zum Saisonstart gefunden. Die Gerüchteküche im ka-news-Kommentarforum spricht von 500 bis 700.000 €, die KLAIBER Sonnen- und Wetterschutztechnik bezahlen wird. Schon hier wird eine Dimension ersichtlich, die kaum erträglich scheint. Man stelle sich vor, der KSC hätte ein Talent wie Özil, wie lange könnten sie ihn halten?

Und da beginnt das Problem. Dieses ganze Fußballding ist darauf ausgelegt, zu gewinnen. Klar, es ist ein Wettkampf. Aber gehört für die Spannung nicht auch dazu, dass nicht immer derselbe gewinnt? Und gehört zu einem fairen Wettkampf nicht dazu, dass die Gegner sich auf Augenhöhe begegnen? Wo aber ist die Augenhöhe, wenn ein Verein wie Bayern München seit Jahr und Tag in Geld schwimmend die besten Spieler der Liga (und teilweise des Auslands) verpflichten kann? Wenn ein Verein wie Hoffenheim, mit dem Geld des Herrn Hopp sich eine Mannschaft zusammenkauft und so einen Verein in die 1. Liga bringt. Klar, es gehört noch viel mehr dazu, außer gute Spieler aufzustellen – aber wann war der FC Bayern zum letzten Mal auf Platz 10? In den letzten 10 Jahren waren sie immer unter den ersten 4! Ist das noch das, was tatsächlich gewollt ist? Sollte in so einer Liga über viele Jahre gesehen,  nicht eine gewisse Fluktuation herrschen? Aber es sind fast immer dieselben Mannschaften, die auf- und absteigen, die Meister werden oder in die europäischen Wettbewerbe gehen. Es passiert mal was wie letztes Jahr mit Hertha BSC, aber schon der Aufsteig von Hoffenheim zeigt die Verbindung von Geld und Erfolg.

(Dazu betrachtet, wie kommerziell Fanartikel gehandelt werden, wie bspw. die FIFA es geschafft hat, die Gewinne der von ihr ausgetragenen WM steuerfrei in einem Land wie Südafrika zu bekommen, das es dringend nötig hätte, dass die Steuereinnahmen aus so einer Veranstaltung bei ihr bleiben. Wieviel Leid könnte in diesem armen Land beseitigt werden, hätte werden können. Nun fließt/floss das Geld stattdessen in die Kassen der Funktionäre, von der Ausschaltung lokaler Händler mal ganz abgesehen.)

Ich finde, irgendwo ist die Grenze erreicht. Es kann nicht sein, dass Spieler – bald auch schon Spielerinnen – absurde Millionengehälter kassieren, Kopfprämien in noch absurderer Höhe bezahlt werden – nur um zu gewinnen – weil nur der andauernde Gewinn eines Spieles für dauerhafte, sehr hohe Werbeeinnahmen führt. Wie konnte es nur soweit kommen?

Für den Sport, glaube ich, wäre es besser, fände man eine Handhabe, dies einzuschränken. Man muss diesen Zirkus nicht mitmachen. Wer sagt, dass die FIFA die WM ausrichten muss? Wieso können das nicht die Sportministerien? Wieso nicht die Umwandlung von Vereinen in AGs unterbinden, den Zugang zur Bundesliga nur noch e. V.s zu gewähren und im Vereinsrecht Regelungen finden, die solch horrende Summen unmöglich machen?

Mag sein, dass Bayern dann mal absteigt. Mag sein, dass kein deutscher Verein auf Jahre hinaus die Champions League gewinnt. Aber vielleicht würde es dazu führen, dass die Vereine wieder mehr auf Nachwuchsförderung setzen würden.  Dass, wer keine Abermillionen für Spieler und Stab benötigt, auch mal wieder Eintrittskarten verkaufen kann, die sich jemand, der nicht so reich ist, auch leisten kann. Vielleicht hätte ein Stuttgarter Verein wieder überwiegend Stuttgarter (oder schwäbische) Spieler. Vielleicht wären dann 700K € von einem Sponsor das, was sie sind – ein Haufen Geld. Und kein Grund zur Häme. Und vielleicht würde die deutsche Nationalmannschaft trotzdem die WM gewinnen….

Ich würde mir kleinere Brötchen wünschen, in dieser Branche. Ich hab nichts dagegen, wenn Menschen mit etwas Geld verdienen, das anderen ein Hobby ist. Aber die Dimensionen sind so aberwitzig wie bei Film- oder Popstars. Denn wenn am Ende das Geld den Ausschlag gibt, wer weiß, wieviele Talente so ungehört und ungesehen verloren gehen. Wer weiß, wieviele Erfolgsgeschichten so nicht geschrieben werden. Und wer weiß – wieviel mehr Spaß würde das alles machen.