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mir fehlen die Worte

um zu beschreiben, wie sehr mich dieser Anschlag in Paris schockiert hat. Nicht die Tat an und für sich – das Grauen darüber ist so immens, dass ich die Nachricht darüber nach wie vor nicht verarbeitet habe, meine Gefühle nicht klar sind, meine Gedanken wegdenken von Berichten über Opfer, Geschehen, Reaktionen von Angehörigen, Opfern, Bilder von Trauer und Wut.

Der Schock über das, was daraus resultiert, der macht mich fast sprachlos, beinahe handlungsunfähig. Ich spüre, wie ich ringe um Worte, um Sätze, um Gedanken, um zu begreifen, wie eine angeblich zivilisierte Gesellschaft das Maß verliert, wie das Denken aussetzt von Menschen, die Verantwortung tragen, wie  kurzfristige Reaktionen hervorgerufen werden,wie der Tod mit einer lässigen Selbstverständlichkeit weiteren Tod hervorruft, wie der Terrorismus im Vorbeigehen siegt, wie anfällig wir doch sind für Gedanken an Rache, an Vergeltung, an den Glauben an Gewalt als Lösung.

Ich glaube an das Gute im Menschen und ich glaube daran, dass zumindest in unserer sogenannten westlichen Welt jedeR die Wahl hat, darüber zu entscheiden, wie er handeln möchte. Ich weiß, dass es Hilfen gibt für Menschen,die unter denkbar schlechtesten Umständen aufwachsen oder hineinwachsen und ich weiß, dass es Situationen gibt, in denen man nicht wirklich die Wahl haben kann – aus den verschiedensten Gründen.

Aber ich glaube daran, dass wir alle wissen, dass Gewalt keine Lösung ist, sein kann. Für nichts. Für niemanden. Ich habe gelernt, dass man sich manchmal, in extremen Situationen, nur mit Gewalt wehren kann, aber niemals muss man angreifen. „Angriff ist die beste Verteidigung“ ist eine Geschichte, die uns Leute erzählen, die lieber schießen anstatt zu fragen.

Wenn nun dieses schreckliche Attentat dazu benutzt wird, Krieg zu führen, Krieg zu fordern, von Waffengewalt zu reden, darüber zu jubeln, dass die französische Luftwaffe Angriffe gegen IS-Ziele fliegt, dann frage ich: und wenn es einen weiteren Anschlag gibt? Was tut ihr dann? Noch mehr Gewalt? Noch mehr Waffen? Eine Atombombe auf – ja, wohin?

Wenn ich lese, wie dieses Attentat von rechten Kräften genutzt wird, um ihre menschenfeindlichen Parolen zu untermauern, indem sie aus Terroristen Muslime machen und im Umkehrschluss dann aus allen Muslimen gerne Terroristen machen wollen, dann verzweifle ich, weil sich ihnen fast niemand entgegen stellt.

Wenn Politiker in Verantwortung weiterhin Menschen in unhaltbare Zustände abschieben wollen, in Tod und Elend – dann frage ich mich, wieviel Elend es noch geben muss, um zu verstehen, dass für manchen, der sich nicht mehr anders zu helfen weiß, nur noch der Weg in die Gewalt der Weg aus dem Elend ist – oder die eigene Lage so hoffnungslos, dass es egal ist, ob man lebt oder stirbt.

parispeace

Nichts und niemand hat das Recht, anderen das Recht auf ein gutes Leben abzusprechen. Rache und Vergeltungssucht sind ein schlechter Ratgeber. Ich befürchte nur, die Stimmen der Vernunft dringen kaum durch – wenn selbst der Bundespräsident von „Krieg“ spricht. Und was ich mich am Ende frage: wird der Tag kommen, an dem ich mich bewaffnen oder fliehen muss, um zu überleben oder meine Kinder zu verteidigen? Oder sind wir als Gesellschaft stark genug, uns den Racheengeln und den vermeintlich starken Männern, die so schwach sind, entgegen zu stellen?

Ich weiß darauf zurzeit keine Antwort. Und das, das ist lähmend.

Terror

„Weil nicht alle Gymnasiasten Terroristen sind wie Christian Klar, weil nicht alle Norweger Terroristen sind wie Andres Breivik, weil nicht alle Ostdeutschen Terroristen sind wie die NSU und nicht alle Christen Terroristen sind wie die „Army of God“ – genau deshalb hat Terrorismus nichts mit dem Islam zu tun – sondern nur alleine mit Terrorismus.“

habe ich gestern als Reaktion auf die Debatten bei Facebook mit Peginesen und anderen Muslimhassern geschrieben. Menschen, die mit der selben Gnadenlosigkeit dieses Attentat auf CharlieHebdo für ihre islamophoben Ressentiments benutzen, wie dieser Terrorakt durchgeführt worden ist.

Es kann nur eine Reaktion auf diesen Anschlag geben: hinzustehen und für unsere Freiheit einzustehen. Nicht rächen, sondern urteilen. Rechtsstaatlichkeit. Demokratie. Das ist schwer – angesichts der Wut und der Fassungslosigkeit, die einen erfüllt angesichts dieses Aktes terroristischer Barbarei. Er ist geschehen, weil es Menschen gibt, die Religion als Vorwand dazu benutzen, Gewalt gegen Andersdenkende auszuüben. Es ihnen gleichzutun, macht uns ihnen gleich. Reagieren wir mit Hass und Rache, sind wir nicht anders als sie. Und die, die jetzt behaupten, wer gegen Pegida demonstriert, habe Blut an den Händen, hat dem Terror schon den Sieg gegeben.

Blut haben diejenigen an den Händen, die getötet haben. Wer sich für ein freies Land einsetzt, indem die Menschenrechte – und damit auch das Recht der Menschen, vor Terroristen wie IS oder dem syrischen Terror hierher zu fliehen- gewahrt sind, der ganz sicher nicht. Ich trauere – aber ich werde nicht den Fehler begehen, meine Werte deshalb aufzugeben. Wir sind Charlie – das bedeutet, wir haben vielleicht Angst – aber wir lassen diese Angst hinter uns, weil das, was diese Angst gebären könnte, wäre noch viel schlimmer als dieser Terrorakt.

Auch ich bin in den Tagen seit Weihnachten – seit ich gegen Kardiga organisiere – bedroht worden – durch eine E-Mail, durch Veröffentlichungen, durch die Androhung von „Hausbesuchen“. Ich werde trotzdem nicht aufhören, meine Stimme gegen die menschenfeindliche Pegida zu erheben. Denn: Je suis Charlie.

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