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von Unerwartetem, dass das Herz zum Überlaufen bringt

Es passieren Dinge im Leben, die einen so mitnehmen, dass man kaum zeigen kann, was sie mit einem machen. Auch heute noch, 6 Tage nach dem es geschehen ist, sitze ich wie paralysiert hier und versuche, Gefühle und Erinnerungen zu ordnen.

Anfang 2013 ist meine erste Ehefrau gestorben. Ich habe im Jahr 2014 darüber geschrieben, was damals mit mir los war, was das mit mir gemacht hat. Was ich nicht schrieb, damals, dass Sie alle Familienbilder – außer den Dias – bei sich hatte – in Fotoalben und lose. Ihr Witwer wollte sie nicht herausgeben, genauso wenig wie das Familienbuch. Es war kein Kontakt darüber möglich, ein Rechtsstreit nicht denkbar. Es hat mich all diese Jahre – fast sieben Jahre sind es jetzt – beschäftigt – weil ich schon zuvor versucht hatte, an diese Bilder zu kommen. WEil sie mir fehlten. Sie hatte zugesagt, die Bilder zu sortieren, die heraus zu nehmen, die mich nichts angingen, was verständlich war, und mir dann alle zum Scannen zu geben. Bevor ihr das gelingen konnte, starb sie. Unvermutet, von heute auf morgen.

Ich habe die Kinder gedrängt, auf ihn einzuwirken, sie herauszugeben – was nie wirklich gelang. Ich hatte immer Angst, dass er sie in Wut oder Trauer oder beidem wegwirft. Vor ein paar Jahren hatte ich Kontakt mit seiner Tochter, sie wusste, dass die Fotoalben noch in der gemeinsamen Wohnung im Schrank standen. Ich bin fast verrückt geworden, weil sie so nahe waren – und unerreichbar.

Am 1. Feiertag hat sie früher traditioneller Weise mit den Kindern und ihrer Familie zusammen gefeiert. Der zweite Feiertag gehörte den Rupps – dort sitzen wir mit meinem Bruder bei meinen Eltern und allen Kindern. All die Jahre, seit sie gestorben ist, habe ich diesen Tag mit den Jungs verbracht, die mit da sein wollten. Im Laufe des Tages sind wir immer an ihr Grab gefahren. In diesem Jahr haben sie sich verabredet, die vier Kinder, die hier sind. Ihr Erstgeborener, der 10 Jahre lang mein Sohn war und es heute noch gefühlt ist, zwei unserer Söhne und ihre Tochter. Sie waren zusammen dort und dabei hatte ich nichts zu suchen.

Am Abend kam unser jüngster Sohn zurück – und hatte den Arm mit Fotoalben voll. Ihr Witwer hatte seiner Tochter, die zuvor bei ihm gewesen war, alles mitgegeben. Ganz ohne Streit, von sich aus, weil er „nichts damit anfangen kann“. Und so liegen diese Alben jetzt bei mir und gehen an den jüngsten Sohn, der sie scannen wird. Eines davon wird bei mir bleiben, wenn sie gesannt sind. Die lose Sammlung wird vom Erstgeborenen sortiert und gescannt. Ich habe einen Link zur Cloud, auf den sie eingestellt sind und ich sitze hier zwischen Weinen und Lachen und warte darauf, dass mehr Fotos dort auftauchen. Ich schaue die Bilder nicht an, wenn es geht, von denen ich weiß, dass sie das nicht wollte. Ich erinnere mich an Dinge, die ich längst vergessen habe, ich erinnere mich an die guten Tage, die eh schon längst überwiegen.  Ich schrieb ihm damals:

Für [sie] die Jungs sind diese Bilder ein ungehobener Schatz, den ich als ihr Vater gerne mit ihnen heben möchte, ihnen dazu etwas erzählen kann. Etwas, dass sie für sich haben können. Es gibt Dinge, an die sie sich erinnern können, Erinnerungen, die wir gemeinsam wieder finden können. Denn mehr als Erinnerungen an ihre Mutter haben sie nun nicht mehr.

Es ist auch für mich heute ein endlich gehobener Schatz. Ein Teil der Bilder, die ich am schmerzlichsten vermisst habe, sind die wenigen Bilder, die es vom Mittleren der gemeinsamen Söhne gibt, der als Säugling mit 5 Tagen ins Kinderkrankenhaus musste, weil er überhöhte Billirubinwerte hatte. Diese Tage voller Angst um ihn – sie haben ihm am Ende des Blut getauscht –  waren für mich so prägend. Er war 5 Tage jung – ich war 24 Jahre alt und wir mussten damals, im Sommer 1990, so stark sein. Es hat unser Verhältnis mit geprägt, im Guten wie im Schlechten.

Ich bin sehr dankbar, dass ich diesen Schatz jetzt mit heben darf. Denn, wie sich jetzt schon zeigt, gibt es Dinge, die nur ich den Kindern erzählen und Irrtümer aufklären kann. Danke Matthias, dass du die Bilder aufgehoben hast, danke, dass Du sie ihren Kindern ausgehändigt hast.

sehr persönlicher Jahresrückblick 2013

das Jahr 2013 war mehr als durchwachsen und ich sehne das Ende herbei – verbunden mit der Hoffnung, dass das neue besser wird. Ist ja schon ein bisschen albern, wenn man sich das so überlegt, aber diese paar Tage, in Ruhe, am Ende des Jahres, verbunden mit dem Luxus einiger Tage Urlaub bis 7. Januar (kurz unterbrochen von einem halben Tag arbeiten am 2.1.), haben doch etas von einem “ da ist jetzt was vorbei, jetzt beginnt was Neues“ an sich. Man blickt zurück auf ein Jahr, überlegt sich, wo stand ich denn im letzten Jahr und wo steh ich heute. Was hat sich verändert? Eigentlich etwas, für das erst in einer Woche wirklich die Zeit wäre, aber die vorweihnachtliche Stimmung, die Freude auf ein Weihnachten mit den Söhnen – bringt mich jetzt schon dazu, diesen Artikel schreiben zu müssen.

firework-display-29261295172514WkQIch war Weihnachten und Silvester 2012 noch einigermaßen damit beschäftigt, die Niederlage auf dem Listenparteitag zu verabeiten. Der größte Teil war zwar geschafft – aber gearbeitet hat es trotzdem noch in mir. Eigentlich dachte ich ja, ich könne politisch etwas kürzer treten. Dachte ich. Das hat 2013 nicht ganz geklappt. Schließlich war trotzdem Bundestagswahlkampf. Aber das Jahr hat ruhig begonnen. Wir saßen hier mit Freunden, mit denen wir seit ein paar Jahren irgendwie jedes Silvester verbringen, hatten Raclette, das bisschen Feuerwerk, das man gerade noch so als Grüner vertreten kann, wenn man Kinder hat 🙂 und im Großen und Ganzen schien es so zu laufen, wie es halt so läuft.

Dann kam am 29. Januar, ein Dienstag, mein Sohn, der noch im Haus wohnt, zu mir und meinte: „Papa, ich muss Dir was sagen.“ Er teilte mir mit, dass meine Exfrau, mit ich mich in den letzten 12/13 Jahren fast nur noch gestritten hatte, im Koma läge. Ich kann mich daran erinnern, als wäre es gestern gewesen. Sie hatte am Sonntag davor ein Aneurysma im Gehirn gehabt. Und während ich noch dabei war, Durchhalteparolen und Trost zu spenden, war wohl klar, dass es nichts mehr werden wird. Am Tag darauf starb sie. Ich fand mich in einer absurden Situation wieder – einerseits war da noch immer diese Wut – andererseits war da eine tiefe Trauer um die Frau, ich mal geliebt hatte und mit der ich drei Kinder habe. Und, was mir erst in den nächsten Tagen auffiel, der völlige Verlust auf  die Chance, sich jemals wieder zu versöhnen – auf die ich gehofft hatte, wenn die Jungs mal groß wären und auf eigenen Beinen stünden. In Gedanken hastete ich voraus, Geburtstage, Weihnachten ohne sie. (und irgendwie kam mir auch die Hochzeit einer der Söhne in den Sinn und wie die wohl sein wird ohne sie). Ich machte mir ganz viele Gedanken, was denn alles so anders werden würde und hatte und habe auch nicht wenig Angst davor, mit den großen Jungs nun ohne sie zu sein – auch wenn wir eine Art Patchworkfamilie geworden sind mit meiner zweiten Frau. Die wird für Enkel, so denn sie denn jemals kommen, die Oma werden – ihr seht, so weit kann man voraus schweifen und solche teilweise absurden Gedanken machen einem zu schaffen. In  wenigen Tagen ist das erste Weihnachten ohne sie. Ich hoffe, ich mache alles richtig. Sie haben von ihren Eltern nur noch mich, mit dem sie die Dinge in ihrem Leben teilen können – naja, und meine Eltern. Blut ist dicker als Wasser, sagt man.

Einigermaßen wieder auf dem Damm hatte mein 4. Kind, das erste aus der zweiten Ehe, einen Autounfall. Ich hatte dazu schon was geschrieben. Beschäftigt hat uns das weiter in diesem Jahr, es gibt da schon noch Nachwirkungen – und ich stelle fest, dass ich ängstlicher um ihn geworden bin. Und mit der Ängstlichkeit meiner Frau ungeduldiger. Weil ich Ängstlichkeit nicht mag und Angst(!!) habe, die Kinder zu sehr einzuschränken. In ihrer Freiheit, hier raus zu gehen, in diesem Wohngebiet, in dem das noch möglich ist. Aber ich merke selbst, wie sehr ich ihn beobachte und auf Zeichen achte, ob da doch noch was nachkommt.

In den Sommerferien hatten wir uns die Kinderbetreuung geteilt und ich fuhr zu einem alten Schulfreund nach Hassfurth – etwas, das ich schon lange mal vorhatte. Der Jüngste ist dabei von einer kleinen Brücke aus 2,50m Höhe in ein Bächlein gestürzt, beim Steine runterwerfen hat er das Gleichgewicht verloren. Die Brücke hatte kein Geländer. Wäre auf der anderen Seite der Brücke runter gefallen, wäre er auf Steine gefallen und zumindest schwer verletzt gewesen. So ist nichts passiert, außer dass er sich erschreckt hat – und ich mich erst. Meine Frau war ganz bleich, als ich es ihr erzählte, (erst) als wir wieder daheim waren.

Hoch emotional belastende Momente, alle drei einhergehend mit wirklich essentiellen Fragen. Parallel dazu die Sorge um die Ausbildung der großen Söhne. Einer in München, wollte verständlicherweise 8bestätigt durch meine eigenen Erfahrungen) weg von Lilalu – und hatte bei Backstage etwas gefunden. Endlich die gewünschte Ausbildung – davor aber musste er aus seiner WG raus, der alte Vermieter drangsalierte mich wegen angeblichem schlechten Zustand der Mietsache, ohne mir die Möglichkeit gegeben zu haben, selbst nach zu bessern, und am 15.August ein Anruf um 10 Uhr morgens (ich arbeitete): Papa, ich muss aus der WG raus, kannst Du meine Sachen holen. Das konnte ich – aber danach 6 Wochen einen Sohn, der eigentlich obdachlos war. Ich hatte schon angefangen, bei ebay auf Wohnwagen mit zu steigern. Am Ende ging es gut, dank seiner Freunde und meiner Freunde und ein bisschen Glück (und 50 E-Mails) an Münchner Makler. Die Sorgen zwischendrin – permanent im Kopf. Der Kleinere noch immer auf der Suche nach dem, was er wollte – das Abi zu schlecht, um damit das zu studieren, was er will – Sonderpädagogik – und was macht man sonst. Nun, das scheint dieser Tage geklärt zu sein – ich bin etwas ruhige,r auch wenn ich in Sorge bleibe. Und ich merke in beiden Fällen – die Mutter, mit der ich das nicht hätte alleine tragen müssen – fehlt. Der ganz Große mit den üblichen Sorgen – aber das hat sich im Laufe des Jahres gegeben und im nächsten Jahr will er  ein bis zwei Jahre auf Work & Travel mit seiner sehr hübschen und netten Freundin, die ihn in der Trauerzeit aufgefangen hat. Um ihn mache ich mir – außer in finanziellen Fragen – derzeit die wenigsten Sorgen.

Parallel dazu Politik, ein Bürgermeisterwahlkampf, die Windräder in Malsch, ein Arbeitgeber, der mich immer voll und ganz fordert -was ich ja auch brauche – und natürlich die Familie. Ich habe im letzten Jahr die Ausbildung zur Transaktionsanalyse wieder aufgenommen – das fordert mich dann wieder sehr stark selbst. Es bleibt doch einiges unbearbeitet nach solchen Wochenenden, an denen man das eigene Modell ist, zurück.

Durchatmen. Manchmal denke ich, es wird Zeit, ein wenige kürzer zu treten aber hey – da wartet schon die nächste Aufgabe. Ich schaffe es (noch) und solange werde ich tun, was ich kann. Ich möchte im nächsten Jahr Gemeinderat hier in Malsch werden und werde danach einiges neu sortieren müssen, so denn es denn klappt. Jetzt freu ich mich auf drei Tage im Kreis der ganzen Familie, einen 2. Feiertag dazu mit meinen Eltern und meinem Bruder plus Kindern. Danach Silvester, dieses Jahr in Wannweil bei eben diesen Freunden, und dann geht’s ganz langsam wieder los. Mal sehen, was 2014 wird. Ich hoffe auf weniger einschneidende Nachrichten und Erlebnisse.