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nein, so geht es nicht

Im letzten Beitrag habe ich deutlich gemacht, dass ich mich nicht länger vor Ulf Dunkel stellen kann. Und auch wenn ich Tobias Raff und seine Art, mit anderen Menschen umzugehen nicht mag, muss ich doch konstatieren, dass er ein eindeutiges Bild von Ulf und seinen Äußerungen gezeichnet hat. Ich teile das – nicht immer in der Wortwahl, vor allem nicht in den Kommentaren – aber ich muss mir leider eingestehen, mich vor einen offensichtlich grünen Antisemiten gestellt zu haben. Ich hätte nicht geglaubt, dass es grünen Antisemitismus geben kann – und halte das nach wie vor für die große, extreme Ausnahme – aber offenbar ist auch das möglich.

Ich war bis Freitag Mitglied einer Mailingliste zur Beschneidung. Ich wurde dorthin eingeladen und habe aber nicht an der Debatte teilgenommen, weil mir zu viele Mails kamen. Ich habe sie als Informationsquelle genutzt, was ich mit anderen Mailinglisten auch tue.

Am Donnerstag schreib ich folgende Mail als Reaktion auf Beschwerden nach Ulfs Ankündigung, sollte er sein Mandat gewinnen, es nicht anzutreten:

Ich weiß nicht, was unverständlich daran ist, dass es Antisemitismus  ist, wenn jemand behauptet, die „deutsche Schuld“ in Anführungszeichen
würde von den Juden dazu benutzt, die Debatte über die Beschneidung zu
unterdrücken. Gleichzeitig verklausuliert er die ebenfalls  antisemitische Behauptung der jüdischen Verschwörung, die die Politik  in ihrem Sinne beeinflusst.
Das ist alles ganz eindeutig und auch ganz klar – und es gibt weder
eine Entschuldigung noch eine Röcknahme dafür.

Es folgten Mails mit Sätzen wie

Zur inflationären Benutzung des Antisemitismusvorwurfs

Ach so Rabbi Ehrenberg hat gar nicht gesagt, der alternative Gesetzentwurf sei schlimmer als die Shoa??? Wer vom ZdJ hat sich je von dieser Verhöhnung der Shoaopfer und unfassbaren Beleidigung von unzähligen für Kinderrechte eintretenden Menschen distanziert?

Relativierungen wie:

Das Gesetze auf Druck von Lobbygruppen beschlossen, verhindert oder abgewandeltwerden ist ein alltäglicher Vorgang.

Hierbei ist es schwierig, zwischen Judentum als Zugehörigkeit zu einem Volk und einer Religionsgruppe zu trennen, da zum einen die Grenzen im Gegensatz zu anderen Religionen und Völkern hier viel stärker verwischen, und es zum anderen in der  deutschenSprache keine direkte Unterscheidung zwischen diesen gibt.

Die Juden sind selbst schuld:

Auch dem ZdJ muss klar sein, daß so drastische Aussagen, wie sie gemacht wurden, in Deutschland eine besondere Wirkung erzielen.

Auch mit Ulf Dunkel habe ich mich ausgetauscht. Er leugnet nicht, die Aussagen getätigt zu haben. Er beschwert sich eher darüber, dass die Screenshots mittels Accounts gewonnen wurden, die er  Fakeaccounts nennt.  Aber er sieht eindeutig keinen Antisemitismus in seinen Beiträgen. Lenkt ab und bezieht sich in der Definition der „Erbsünde“, die er eindeutig im Zusammenhang mit „deutscher Schuld“ – die er analog wie Nazis den Holocuast in Anführungszeichen setzt – allein auf die christliche Definition aus der Wikipedia. Das macht es schier unerträglich.

Ich habe mich geirrt und mich vor jemanden gestellt, der eindeutig antisemitische Sprache nutzt. Ich habe die Befürchtungen mancher Parteifreund_innen – vor allem Claudia Roth und Steffi Lemke – die Debatte könnte innerhalb der grünen Partei solch groteske Züge annehmen, unterschätzt – auch wenn ich auf der BDK wahrgenommen haben, wie verbissen debattiert wird, und mich daraufhin sehr deutlich für den am Ende herausgekommen Kompromiss Debatte ohne Abstimmung eingesetzt – was mir den Vorwurf einbrachte:

auf dem BDK am Wochenende hatte ich das Gefühl das Thema „Beschneidung“ wäre für Dich irgendwie durch, also uninteressant, oder vielleicht auch nervig.

Ich bin letztendlich froh, rechtzeitig die Kurve gekriegt zu haben. Und ich hoffe für viele andere, die an der Thematik entlang debattieren, dass sie diese auch bekommen. Das Thema Beschneidung ist zu wichtig, um es den Antisemiten zu überlassen. Denn dann wird man nichts erreichen. Ich bin der festen Überzeugung, dass nur Reformen an diesem unsäglichen Ritual, die die jüdische Community von sich aus in die Wege leitet, eine Änderung herbeiführen werden. Dazu muss diese Debatte auch mit dem notwendigen Fingerspitzengefühl und der permanenten Reflektion geführt werden. Und mit dem Bewusstsein, wie schmal der Grat ist, auf dem diese Debatte geführt werden kann. Und mit Respekt.

Diskriminierungen

Gerade lese ich einen Kommentar über den neuen Polizeichef von Stuttgart im Rahmen der Stuttgart 21 – Debatte in der Stuttgarter Zeitung. Wie immer in Kommentarspalten von Onlinezeitungen geht es nicht nur nett zu. Es ist oft einfacher, nicht im Angesicht des Gegenübers fiese und beleidigende Kommentare abzugeben. Das passiert oft – ich habe reichlich Forenerfahrung (seit dem Ende der 1990er) und insofern bin ich einiges gewöhnt.

Also, ich lese diesen Artikel heute und da steht zwischendrin ein Kommentar, der mich jetzt dazu gebracht hat, zu bloggen:

Sie zeigen mit ihren leichten ortographischen Schwächen eindrucksvoll, mit welches Geistes Kindern wir uns hier unterhalten.

Einer meiner Söhne ist Legastheniker. Er ist intelligent, hat die Mittlere Reife und geht nach vielen Problemen in der Schule unter anderem wegen der Legasthenie heute seinen Weg. Er musste schon in der Schulzeit Umwege in Kauf nehmen, wir mussten bei Lehreren und Schulleitern vorstellig werden und um die Umsetzung des Legasthenieerlasses (PDF) des Landes kämpfen. Die Grundschule tat sich sehr schwer damit, das anzuerkennen (unter anderem Schreibarbeiten als Strafarbeiten, die Probleme bei schriftlichen Textaufgaben in Mathematik wurde nur nach massiver Interverntion meinerseits überhaupt in Erwägung gezogen, dabei erzählte selbst die Lehrerin:“Herr Rupp, wenn er die schrifltiche Aufgabe lösen soll, benötigt er sehr lange, lese ich sie dagegen vor, hat er als erster die Lösung…) und letztendlich landete er unter anderem deshalb auf der Hauptschule und musste die Mittlere Reife auf einem Umweg machen.

Insofern wünsche ich mir, dass wir die Argumente von Menschen, die nicht immer richtig schreiben, weil sie es nicht können, ernster nehmen und Rechtschreibfehler nicht als Grund zur Häme benutzen – sondern uns darüber bewusst sind, dass es Menschen gibt, die es einfach nicht besser können. Auch diese Menschen müssen uneingeschränkten Zugang zu Bildung und Beuf haben und ihre Argumente zählen nicht weniger, nur weil sie orthografisch nicht (ganz) richtig sind (von der Problematik, die eigenen Fehler zu erkennen, mal ganz abgesehen, das erlebe ich als Vielschreiber immer wieder). Das gebietet nicht zuletzt das Antidiskrimierungsgesetz. Niemand käme auf die Idee, Wolfgang Schäuble weniger ernst zu nehmen, nur weil er im Rollstuhl sitzt. (sondern höchstens wegen seiner schlechten Argumente)….

 

ich werde alt!?

gänzlich unpolitisch und mal ganz persönlich:

Ganz real werd ich am Dienstag nächste Woche 44 Jahre alt – aber das ist nicht der Grund für diesen Blogeintrag.

Eigentlich geht es mir mehr sowas wie „Werte“, professionales Handeln in mancherlei Hinsicht. Zwei Dinge haben mich bewogen, das hier zu schreiben. Da ist einerseits ein kleiner Laden eines Telekommunikationsanbieters in Karlsruhe auf der Kaiserstraße. (17032010145Wir alle wissen, dass viele dieser Läden oft genug prekär arbeiten. Es sind Franchisingsysteme. Die Angebote, einen solchen Laden zu übernehmen oder zu gründen, finden sich oft in der Stellenbörse der Arbeitsagentur. Fachliche Voraussetzungen sind eine irgendwie verkäuferische Ader und Ahnung von aktueller Telekommunikationstechnik – also, aktuelle Handies sozusagen – und die Bereitschaft, sich selbstständig zu machen.) Und dieser Laden wirbt für seine Sonderangebote mit selbst gemalten Verkaufsplakaten. Das aktuelle ist ja noch geradezu nett . Bis letzte Woche war das nur mit einem „normalen“ Edding auf Flipchartpapier geschrieben, keine Gestaltung außer Absätzen. und ich muss sagen, dieses Schild hat mich so geärgert, dass ich mich als potentieller Kunde regelrecht beleidigt fühle. Plakatschrift kann man lernen, das ist nicht sonderlich schwer. Zu Plakatgestaltung findet man auch einiges. Man könnte das Ding am PC entwerfen und auf A1 plotten lassen – ist unter 5 € zu haben. Es gäbe viele Möglichkeiten und Infos darüber sind gar nicht schwer zu finden – aber scheinbar ist sich der Mensch, der diesen Shop betreibt, gar nicht darüber im klaren, wie negativ seine schlecht und unprofessionell gestalteten Plakate wirken. Ich als Kunde möchte gerne, dass man sich zumindest ein bißchen mehr Mühe gibt, mich anzusprechen. Und ich erwarte von jemandem, der so unprofessionell seine Außenwerbung auf der Karlsruher Kaiserstraße gestaltet, auch ehrlich gesagt wenig Sachkenntnis – und möglicherweise auch ein unprofessionelles Verhalten im Umgang mit einer möglichen Reklamation. Geht anderen Menschen vermutlich ähnlich.

Der andere Grund waren zwei Praktikumsbesuche, die ich durchgeführt habe. Bei beiden hatte ich es mit zwei Unternehmern zu tun, die „Verkäufer der alten Schule“ waren – und ich hab 1985 ja auch mal Verkauf gelernt. Was beide beschreiben, fand ich höchst bemerkenswert – es ging dabei nicht um „meine“ Praktikanten. Beide erzählen, dass sie öfter mal junge Leute /Schüler für ein Kurzpratkikum oder auch für einen 400-€-Job bei sich arbeiten lassen. Diese jungen Leute beherrschen im Umgang mit Kunden dann aber selten die grundlegenden kommunikativen Fertigkeiten wie jemanden begrüßen, wenn er oder sie den Laden betritt. Verabschieden ist oft noch schwerer.

Ich hab mir natürlich Gedanken gemacht. Wo kommt das her. Im Großen und Ganzen halte ich „die Jugend von heute“ nicht für schlechter erzogen als wir es waren – sie sind halt anders, weil es eine andere Zeit ist und die Umstände andere. Vieles kann ich verstehen – z. B. im Umgang mit den Medien, anderes wird mir verschlossen bleiben, weil ich eben keine 15 oder 20 mehr bin. Ich denke mir, es hängt auch damit zusammen, dass sie Einkaufen ganz anders erelben, als wir das durften. Viele kennen gar keine Supermärkte mehr, in denen Personal Zeit hat, zu beraten. Tante-Emma-Läden, wo der Verkäufer/die Verkäuferin gar noch jeden Kunden mit Namen kannte, gleich gar nicht. Wenn man heute mit Namen angesprochen werden will, muss man mit EC-Karte (oder irgendeiner Kundenkarte) bezahlen – wobei das noch lange keine Garantie ist. Ich finde das schon traurig. Der VerkäuferInnenberuf umfasst eigentlich sehr direkt das „verkaufen“ – doch es kommt in der Praxis oft genug nicht mehr vor. Und verkaufen kann man nur, wenn man auch die Leute kennt, die bei einem einkaufen. Im Aldi kann man das vergessen und im Media Markt gibt es das schonmal gar nicht. In den kleineren Läden – mein letzter Supermarkt, den ich leitete, hatte knapp über 500 m², heute undenkbar für eine Kette und es waren mindestens immer 3 Leute im Laden – an der Kasse, an der Wurst und jemand im Laden, der auf-/einräumte, aber auch Ansprechpartner für die KundInnen war – hat man beim Umgang gerlent, dass zwischenmenschliche Beziehungen auch etwas wert sind. Nicht nur der Verkaufspreis ist wichtig – sondern auch das Verkaufsgespräch. Die Empfehlung. Die Rückmeldung: danke für den guten Rat. STeaks macht man so. Kein Problem, Sie bekommen ein Ersatzgerät, solange Ihr Fernseher hier in der Reparatur ist (stell Dir das mal heute bei einem handy vor…).

Ja, ich werde alt. Die Servicewüste, das Verschwinden von Selbstverstänldichkeiten im persönlichen Umgang – das fehlt mir. Ich finde es heute dort, wo noch mehr Personal ist – z. B. im Bioladen. Bei meinem Getränkehändler. Dort, wo ich meine Hemden bügeln lasse. Auf dem Markt – aber selbst da nicht bei jedem/r. Da nimmt man sich noch Zeit für den/die KundIn und behandelt ihn/sie mit dem Respekt, der ihm zukommt – schließlich bringt er/sie sein Geld. In großen Ketten muss man froh sein, wenn sich die KassiererInnen nicht nebenbei unterhalten, während sie dich abkassieren.

Ja,ich glaube, ich werde alt. Weil ich tatsächlich entdecke, dass es Dinge gibt, die „früher“ besser waren – und für die es keinen adäquaten Ersatz gibt.