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Alleinerziehend – alleine gelassen

Noch während ich den Satz lese, explodiert der Zorn in meinem Bauch. Es ist ein alter Zorn, nicht mehr so mächtig, wie er war und er ist lange nicht mehr so heiß. Aber er ist mehr als eine Erinnerung an ein Gefühl, er ist präsent und er ist wohl bekannt. Es ist das Gefühl, dass eine Ungerechtigkeit geschieht und dass sie geschieht, hängt damit zusammen, dass die, die darüber entscheiden, nicht wissen wollen, was sie anrichten.

Die Sätze, die ihn auslösen, gehen so:

Es ist weiterhin unklar, ob jene Mütter und Väter, die von ihren getrennten PartnerInnen keinen Unterhalt für ihre minderjährigen Kinder bekommen, bald mit mehr Geld vom Staat rechnen können.

Die 16 MinisterpräsidentInnen der Länder, die sich am Donnerstag darüber mit dem Bund verständigen wollten, machten eine Einigung zur umstrittenen Reform des Unterhaltsvorschusses davon abhängig, ob die höheren Kosten dafür fair zwischen Bund und Ländern verteilt werden.

Es ist sehr egal, wie die Kosten zwischen Bund und Ländern verteilt werden – denn derzeit werden sie alleine den Alleinerziehenden angelastet – und das war schon immer falsch.

Unterhaltsvorschuss gibt es für die Alleinerziehenden – ich bevorzuge ja eigentlich immer noch Getrennterziehende – deren Expartner, der nicht mit den Kindern zusammen lebt, keinen Kindesunterhalt bezahlt.  Ich kenne dieses Problem aus langen Jahren Präsenz in Expartnerforen und vor allem aus eigener Erfahrung. Meine eigene Erfahrung dazu ist darüber hinaus die eines alleinerziehenden Mannes. Was der Sache noch einmal eine besondere Würze gibt.

Exkurs: „alleinerziehend“ ist man, solange man mit einer/m neuen Partner*in verheiratet ist, Zusammenleben ändert diesen Status nicht. (Die 1950er Jahre haben angerufen und wollen abgeholt werden)

Unterhaltsvorschuss gibt es für Kinder für maximal 72 Monate und bis maximal dem vollendeten 12. Lebensjahr. (Bis dahin werden die Frauen, für dieses Gesetz vermutlich mal geschrieben war, wohl wieder einen neuen Mann, der sie und das fremde Kind versorgt,  gefunden haben^^). Danach müssen die Eltern, deren Kinder unterhaltsberechtigt sind, alleine klar kommen (wenn sie schon keinen mehr ab bekommen oder gar in wilder Ehe leben^^). So ist das Gesetz seit ich es kenne und es ist, seitdem ich es kenne, ein schlechtes Gesetz. Politiker*innen, die darüber sprechen, nutzen die Gelegenheit immer, über die schlechte Zahlungsmoral der Väter zu spekulieren und wie die sich grundsätzlich arm rechnen, damit sie ihren Kindern keinen Unterhalt zahlen müssen. Über zahlungsunwillige Mütter reden sie dabei nie.

Wenn der Staat Unterhalt bezahlt, tritt er für die/den säumigeN Zahler*in ein. In der Regel beantragt man dann zusätzlich eine Beistandschaft, um die Unterhaltsansprüche auch durchzusetzen oder sich zumindest einen einklagbaren Unterhaltstitel zu besorgen.

Ist das Kind dann aber plötzlich – und wer Kinder hat, weiß, wie schnell das gehen kann – 6 Jahre alt oder 6 Jahre lang ohne zweite Erziehungsperson im Haushalt oder wird gar noch 12 Jahre alt während dessen – dann ist es vorbei damit, das der Staat hilft.

Dann muss man die Weihnachts- und Geburtstagsgeschenke, die Klassenfahrten, die durchlöcherten Jeans, den geänderten Modegeschmack, den Wachstumsschub, den PC, damit das Kind auch beim digitalen Lernen, das ja alle Kinder brauchen, mitmachen kann und alles andere eben auch noch, alleine bezahlen. Wenn man Glück hat, kriegt man Job und Kind unter einen Hut und Kind dann auch noch gut betreut – wenn man Pech hat, nicht. Die Ministerpäsidenten interessiert das nicht, Herrn Schäuble sowieso nicht – solche Probleme gibt’s in katholischen Familien nicht – die interessieren alleine die Kosten der Staatskasse – nicht die Sorgen und Nöte derer am anderen Ende der gesellschaftlichen Leiter. Denn wieso soll der Staat denn für all diese Drückeberger (nicht gegendert!) bezahlen? Diese Haltung bleibt gleich – auch wenn die Finanzminister, die Kämmerer der Landkreise wissen, dass sie, selbst wenn sie mal wieder zum großen „wir holen uns den Unterhaltsvorschuss zurück“-Hallali blasen, sie immer nur ca. 1/4 der säumigen Zahler*innen dazu bringen können, zu bezahlen.

Derzeit zahlen die Jugendämter der Kommunen den Unterhaltsvorschuss und holen sich das Geld von den Vätern – und wenigen Müttern – zurück. Doch die „Rückholquote“ ist gering: Nur knapp ein Viertel fließt wieder zurück in die öffentlichen Kassen.

Weil die auch nicht mehr verdienen, weil die sich gar nicht arm rechnen, weil die vielleicht auch eine neue Beziehung haben und möglicherweise noch ein Kind bekommen haben,  weil sie keinen Job finden, der sie ernährt, undundund (kein Exkurs über ausbeuterische Arbeitsverhältnisse).

Ich habe es als alleinerziehender Vater erlebt: drei Kinder aus dieser ersten Ehe, einer ist 1998 zu mir gezogen. Ich war unterhaltspflichtig für 2 Kinder, sie war unterhaltspflichtig für eines. Ich habe gearbeitet, sie nicht. Ich habe meistens bezahlt – auch mal nicht, wenn ich arbeitslos war oder zu wenig Geld verdient hab – aber immer zumindest in Teilen und immer so viel ich konnte. Sie nicht. Da hat keine Beistandschaft geholfen. Sie hätte arbeiten können – hat aber keine Stelle „gefunden“ – das Arbeitsamt hat nicht den geringsten Druck auf sie ausgeübt. Sie hatte zwar gearbeitet – aber das nicht „offiziell“. So überwies ich meistens Unterhalt für 2 Kinder an sie – sie keinen an mich. Auch als der Jüngste dann mit 15 zu mir zog – keinen Cent. Ich will das alles nicht vertiefen – sie ist gestorben und es ist alles lange her.

Und trotzdem bleibt der Zorn auf dieses System, dass uns mit dieser Situation völlig alleine gelassen hat. Sie konnte oder wollte nicht, wohl beides und der Staat, dem Kinder so wichtig sind, Ehe und Familie unter den Schutz des Grundgesetzes gestellt hat, der lässt all diejenigen, die nicht für ihre Kinder zahlen können genauso im Stich wie die, die darauf angewiesen sind, dass das Geld kommt. Denn es ist ja in aller Regel nicht so, dass man gerne keinen Unterhalt bezahlt.

Es hängt soviel damit zusammen – wenn man sich trennt. Nehmen wir den Durchschnittsverdiener:

Verheiratet, ein Kind, 35.000 € im Jahr. Er oder sie verdient mit einem Kind und einem halben Kinderfreibetrag rund 2136,00 €. Wenn er/sie sich trennt, sind es nur noch 1882,00 € – weil er/sie sofort in die Steuerklasse 1 kommt. 250,00 € muss er sofort mehr an Steuern bezahlen. Und auch Steuerklasse 2 bedeutet einen sofortigen Einkommensverlust von 200 €.  Dabei müsste es ja anders sein: jetzt ist doppelte Haushaltsführung angesagt, Dinge müssen neu beschafft werden, Kinderzimmer in beiden Haushalten vorgehalten werden. Das Leben wird sofort teurer – Vater Staat, sind Kinder und Familie nur solange wichtig, wie sie in trauter Eintracht mit Trauschein leben. Steuerermäßigende doppelte Haushaltsführung gibt es nur aus beruflichen Gründen – nie aus Gründen der Lebensführung.

Und wenn das gemeinsame Kind schon 12 Jahre ist – dann müssen das beide irgendwie stemmen.

Das ist mein Zorn, meine Wut.

Von der Reform profitieren laut Schwesig 260.000 Kinder. Unter ihnen insbesondere Mütter mit geringen Einkommen, die durch mehr Unterhalt aus der Armutsfalle geholt werden könnten. Hartz-IV-EmpfängerInnen haben nichts von dem erweiterten Unterhaltsvorschuss, weil die Leistung mit dem Sozialgeld verrechnet wird.

Aber Hauptsache, der Haushalt der Länder und des Bundes stimmen. Ach so – und ganz am Ende fällt mir noch ein:

Schlechte Bildungschancen stehen in engem Verhältnis zu materieller Armut. Und von Armut sind in Deutschland rund zehn Prozent aller Kinder betroffen – das sind 1,5 Millionen Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren. Im internationalen Vergleich liegt Deutschland damit im Mittelfeld der wirtschaftlich am weitesten entwickelten Staaten – so das Ergebnis der UNICEF-Vergleichsstudie „Child Poverty in Rich Countries 2005“. Den engen Zusammenhang zwischen Bildungsabschlüssen und sozialer Herkunft sprach auch Bundespräsident Horst Köhler in seiner Berliner Grundsatzrede an. Er forderte Chancengleichheit im Bildungssystem: „Bildungschancen sind Lebenschancen. Sie dürfen nicht von der Herkunft abhängen.“

Das meine ich. Darüber geredet wird schon lange (deshalb ein Köhler-Zitat). Gefordert wird schon lange. Jetzt könnte man endlich etwas tun. Aber:

DSGB-Geschäftsführer Gerd Landsberg forderte vor dem Treffen der Ministerpräsidenten, Bund und Länder müssten „sämtliche Mehrkosten“ übernehmen, die den Kommunen entstehen. Inklusive der Personal- und Sachkosten.

Wie wäre es denn damit: Die Kosten tragen nicht länger die Väter und Mütter, wenn sie nicht können und ihr streitet Euch so lange ihr wollt, wer die Kosten übernimmt. Bis dahin ist der, der bestellt, der, der bezahlt. Es ist ein Bundesgesetz, der Herr Schäuble ist hat eh ne schwarze Null und alles andere kann so schwer nicht sein.

von Dingen, die gesagt werden müssen

das hier war auch immer ein persönliches Blog. Nicht mehr sehr oft in letzter Zeit, aber so ab und an soll es das auch bleiben. Es ist schwer, persönliche oder gar sehr persönliche Dinge darzulegen, wenn man weiß, dass hier auch Menschen lesen, die mir kaum wohlgesonnen sind. Und trotzdem ist das hier auch mein Tagebuch. Oder das, was ein Tagebuch sein könnte, wenn ich eines schreiben könnte/wollte/würde. Also will ich es mal wieder wagen – nicht zu sehr detailliert.

Vor einem Jahr und drei Monaten ist meine erste Frau gestorben. Von heute auf morgen, wie man so schön sagt. Ich habe ein paar Sätze dazu geschrieben im Jahresrückblick. Irgendwie reicht das aber nicht.

Als ich sie kennen gelernt habe, war ich 18. Ein viertel Jahr später, als ich zu ihr gezogen war, grade 19 geworden. Wir haben viel miteinander durchgemacht. Jung geheiratet, jung Kinder bekommen. Sie hatte schon eines. Sascha, der für mich immer wie mein eigener Sohn war. Ich erinnere mich gut an seine anfängliche Skepsis und ich erinner mich gut an mich, wie ich mit den vererbten Erziehungsmethoden meiner Eltern kämpfte. In diesen jungen Jahren. Wir hatten kein Geld, als sie schwanger wurde – sie hatte ohne mein Wissen die Pille abgesetzt – war ich im zweiten Lehrjahr im Lebensmitteleinzelhandel. Wir brauchten eine andere Wohnung und ich saß zum ersten Mal in meinem Leben auf dem Sozialamt. Mit dann grade mal 20 Jahren. Es war ein Kulturschock für mich, der aus einem behüteten, gutbürgerlichen Haushalt kam. Wir lebten, zogen 1988 wieder in meinem Elternhaus ein, manchmal reichte das Geld, manchmal hatten wir bei den Eltern Schulden und als es zu viel wurde, fuhr ich nebenher Taxi, um die Nebenkosten zu bezahlen. Sie behielt ihre Aushilfsjobs nie lange, außerdem kamen 1990 und 1992 zwei weitere Kinder auf die Welt. Mit 26 war ich Vater von vier Söhnen. Und alleine fürs Familieneinkommen zuständig.

Wir versuchten uns mit einem Taxiunternehmen selbstständig zu machen, was 1997 scheiterte. Wir trennten uns allerdings schon 1995. Ich zog aus, als ich es nicht mehr aushielt. Ich kämpfte, stritt, diskutierte, weinte. Am Ende war es nicht genug. Ich liebte sie, aber ich musste gehen. Der Tropfen im Fass war meine jetzige Frau, mit der ich seit damals zusammen bin. Fast nahtlos.

Ich verlor darüber meinen besten Freund (und es ist seither sehr schwer, mein Vertrauen zu gewinnen) und ich verlor meinen ersten Sohn, der sich pubertierend und von ihr gelenkt von mir distanzierte. Ein blöder Artikel über meine ehrenamtliche Tätigkeit bei einem Verein, der sich gegen Kinderpornografie engagierte (1997!) und in dem die Journalistin aus vier Söhnen drei machte – weil der eine meine Stiefsohn war und wir getrennt waren. Das hat er wohl – wenn ich seinen Brüdern glauben darf – mir nie verziehen.

Zu Anfang blieben wir Freunde, wie wir es uns versprochen hatte. Dann wurden aus neuen Freunden neue Partnerschaften, der mittlere der großen Söhne zog zu mir und musste diesen Umzug vor Gericht erstreiten. Wir sahen uns viel vor Gericht, sparten nicht mit bösen Briefen und dann irgendwann E-Mails. Eine versuchte Mediation ging schief, nachdem wir wieder zusammen gelacht hatten. Bei aller Wut auf sie freute ich mich insgeheim, wenn wir uns zulächelten – was bei unvorhergesehenen Treffen wie beim Einkaufen schon mal vorkam – sie lebte am Schluss auch in Malsch – und hoffte, dass irgendwann trotz aller Verletzungen, die wir uns in den Jahren zugefügt hatten, es eine Chance auf eine Versöhnung gab. Ich hatte schon angefragt, ob wir uns nicht einmal zu einem Kaffee oder Spaziergang treffen könnten. Sie war noch skeptisch – sagte nicht nein – aber auch nicht sofort ja.

Und auch wenn ich mir manchmal, wenn ich sehr wütend war, gewünscht hatte, dass sie vor mir stürbe, so schockte mich doch dieser Dienstag, an dem der jüngste von den Großen zu mir kam und mir sagte, dass sie im Koma läge. die WhatsApp-Nchricht, dass sie tot sei, erreichte mich 24 Stunden später, als ich gerade am Kopierer auf Start gedrückt hatte. Es ist kaum zu beschreiben, was ich empfand. Neben dem, was ich im Jahresrückblick beschrieb

In Gedanken hastete ich voraus, Geburtstage, Weihnachten ohne sie. (und irgendwie kam mir auch die Hochzeit einer der Söhne in den Sinn und wie die wohl sein wird ohne sie). Ich machte mir ganz viele Gedanken, was denn alles so anders werden würde und hatte und habe auch nicht wenig Angst davor, mit den großen Jungs nun ohne sie zu sein – auch wenn wir eine Art Patchworkfamilie geworden sind mit meiner zweiten Frau. Die wird für Enkel, so denn sie denn jemals kommen, die Oma werden – ihr seht, so weit kann man voraus schweifen und solche teilweise absurden Gedanken machen einem zu schaffen.

konnte ich es kaum glauben. Ich wollte es nicht glauben. Es war völlig unwirklich – und ist es irgendwie bis heute.

Ich habe in dem Jahr erkannt, dass sie immer noch einen Platz in meinem Herzen hat. Ich habe sie geheiratet, weil ich sie liebte. Wir hatten wundervolle Jahre miteinander. Sie fehlt mir. Die Waisenrente zu organisieren, für die beiden Jungs, die Anspruch darauf haben, hat mir schier das Herz zerrissen. An Weihnachten kamen sie und sagten mir, dass auf dem Grab noch kein Grabstein sei. Ich fuhr mit ihnen hin, an dem Tag, den sie sonst mit ihr verbrachten, und organisierte hinterher auch das – damit dieses Grab – im Familiengrab der neuen Familie – ein Ort ist, an den meine Söhne zum trauern gehen, ein angemessener Ort ist. Als ich vor Weihnachten alte Dias scannte und viele Bilder aus unserer Ehezeit wiedersah – saß ich oft lange vor Bildern von ihr aus der Zeit, in der wir noch glücklich waren. Eine Woche lang dauerte das scannen – es war eine Woche voller Höhen und Tiefen. Ich trauere noch immer um sie. Ich muss immer noch drüber reden, dass sie nicht mehr da ist. Und auch über das, was sich verändert dadurch. Der Große mit Freundin in Vancouver – zwei bis drei Jahre Work&Travel von Kanada nach Australien. Der Mittlere in München – und offenbar glücklich mit dem Beruf, den er erlernt. Alle beide sehr erwachsene Männer. Der „Kleine“ – irgendwie und irgendwo  wird er anfangen zu studieren. Sie fehlt ihnen.

Ich hab das Gefühl – ich hab das meiste richtig gemacht für sie im letzten Jahr. Und trotzdem erwisch mich, wie ich mit ihr bespreche, was los ist mit den Jungs, was los war mit uns. Sie fehlt mir auch. Sie – und die Hoffnung auf eine Versöhnung. Auf einen Kaffee. Auf ein Lächeln beim Einkaufen, das in die Zukunft weist. Es gibt keine solche Zukunft mehr. Nicht mit ihr. Das heißt nicht, dass diese Zukunft schlecht wäre. Es wird nur anders.