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die hässliche Fratze der AfD

direkt vor der Nase. Mal wieder.

Gestern, am 14.7.16, gab es im Facebookprofil des rechten Grünen Boris Palmer eine Diskussion um und über seine andauernden Provokationen und tw. rassistischen Thesen in Hinblick auf Flüchtlingspolitik und immer und immer wieder die Ereignisse der Silvesternacht von Köln.

Ich diskutiere eigentlich immer mit bzw. schreibe bei ihm  mit, damit nicht der Eindruck stehen bleibt, er tue dies vollkommen ohne Widerspruch aus der grünen Partei – wiewohl ernsthafter Widerspruch der Führungsriege aus Baden-Württemberg fehlt. Ich gehe weiterhin davon aus, dass Palmer der Tabubrecher der Real-los in BW ist und er seine Thesen mit Einverständnis derjenigen verbreitet, die in Stuttgart an der Macht sind.

Bei ihm schreiben viele Menschen mit, die AfD-Positionen teilen, die Verständnis für Abschiebungen, geschlossene Grenzen haben, auch für bewaffnete Grenzer und die Implikation von Waffengebrauch. Palmer wird gerne zitiert, er und Kretschmann sind Kronzeugen rechter Ideologen, werden als „vernünftige Stimme bei den GRÜNEN“ bezeichnet, von AfDlern und Schlimmeren wie Michael Mannheimer, der schreibt:

Ich habe darüber schon mehrfach berichtet – doch die Information ist im Dschungel der sich überschlagenden Nachrichten des vom Wahnsinn befallenen politischen Deutschlands untergegangen: Während die Altparteien nun, nach der Forderung  der AfD-Chefin Petry zu bewaffneten Grenzkontrollen, vor Hysterie fast kollabieren und die AfD mit Hilfe der Systempresse als „Kindermörder-Partei“ zu denunzieren suchen (weil die Waffen ja auch gegen Flüchtlingskinder eingesetzt werden könnten), blieb eine identische Forderung des Grünen-Politikers und OB Tübingens von der Systemmedien und -Parteien völlig unbeachtet.

fuegner

Comic-Vorschau.

Nun schreib gestern ein AfD-Politker aus Bayern mit, Thomas Fügner aus Bayern, Mitglied des Landesvorstands, RTL2-Script-Reality-Macher mit einem Comic, auf die aktuelle Debatte um „Nein heißt Nein“ und dem rassistischen Vorwurf an die hierher Geflüchteten, sie würden viele Vergewaltigungen ausüben.  „Herr“ Fügner ist darüber hinaus auch beim maskulistischen Verein Agens e. V. – die Maskuszene ist, wie schon mehrfach hier beschrieben, sehr rechtslastig.

Der Beitrag steht noch immer dort, Palmer hat ihn bislang nicht gelöscht, Facebook auch nicht. Ich habe RTL2 angeschrieben, ebenso den Münchner Merkur und die Süddeutsche und die taz. Leider erfolgte bislang keine Reaktion (man erinnere sich an meinen Shitstorm – ich war auch nur Landesvorstand und mein Tweet kommt an dieses Machwerk um Lichtjahre nicht heran). Hinzu kommt ein weiterer Link auf einen rassistischen Blogbeitrag mit Interview mit  Nicolai Sennels, in dem man solche Sätze wie

„In der muslimischen Kultur, in der „Macht ist im Recht“ gilt, wird Wut als Stärke gesehen. „

lesen kann. RTL interessiert sich bislang nicht großartig dafür und verweist an das Zuschaueertelefon. Ich hoffe mal, dass die Zeitungsredaktionen das aufgreifen.

RTL2 hat reagiert:

 RTL II distanziert sich in aller Form von diskriminierenden, beleidigenden oder vorverurteilenden Äußerungen. Unser Land, unsere Gesellschaft – und auch unser TV-Programm – werden durch den Einfluss unterschiedlicher Kulturen und Lebensweisen erst vielfältig und abwechslungsreich.
  
Von der Sendung „Trennungskinder – Wenn aus Eltern Gegner werden“ wurde im Jahr 2014 eine Episode bei RTL II ausgestrahlt – weitere Ausstrahlungen sind nicht geplant.

das Problem heißt Sexismus

und nicht „Straftaten von Ausländern“.

Eine große Gruppe von Männern, alkoholisiert, weitgehend unbehelligt von der Polizei, lässt es in der Silvesternacht richtig krachen – und greift in kleineren Gruppen immer und immer wieder Frauen an, um sie mittels des Antanztricks um Handys, Bargeld zu erleichtern und in diesem Fall mittels einer besonders widerlichen Abart: sexuelle Übergriffe.

Der Antanztrick geht so:

Während einer jemanden als scheinbaren alten Bekannten überschwänglich begrüßt, ihn dabei spontan antanzt oder hochhebt, drängeln sich die anderen heran.

Anscheinend wurde diese Variante benutzt, weil die Ablenkung garantiert zu 100% funktioniert – geht der Täter einer Frau an die Wäsche gehe, hat sie andere Sorgen als ihren Geldbeutel.

Wenn man sich die unterschiedlichen Videos anschaut, die es zu diesem Silvesterabend am Kölner Dom gibt, oder den Polizeibericht liest, dann wird eines deutlich: die Polizei hat die Situation entweder unterschätzt, oder war schlicht durch zu geringe Präsenz nicht in der Lage, die Versammlung entweder aufzulösen oder für die Sicherheit der Menschen dort zu sorgen.

31.12.2015 – 21 Uhr: Auf dem Bahnhofsvorplatz und der Domtreppe befinden sich bereits 400 – 500 augenscheinlich alkoholisierte Personen, die durch aggressives Verhalten auffallen. Es handelt sich in der Mehrzahl um Männer, die unkontrolliert Böller und Raketen abbrennen und diese zum Teil gegen Unbeteiligte einsetzen.

31.12.2015 – 23 Uhr: Die genannte Menschenmenge ist auf über tausend Menschen angewachsen. Es handelt sich bei den Anwesenden größtenteils um Männer, die unter anderem durch Alkoholkonsum bereits enthemmt sind. Das Abbrennen von Feuerwerkskörpern nimmt immer mehr zu. Raketen werden häufig absichtlich in die Menge geschossen. Die Stimmung wird zunehmend aggressiver.

Es waren also insgesamt über tausend Menschen auf dem Platz und es konnten auch noch 2 Stunden nach den ersten gefährlichen Vorkommnissen weiterhin Straftaten verübt werden – das abschießen von Raketen in eine Menschenmenge hinein nimmt schwere Verletzungen bei Getroffenen in Kauf, die Polizei schaut über einen so langen Zeitraum zu, räumt die Treppe und den Bahnhofsplatz – allerdings erst um 23:30 Uhr. Gleichzeitig hat sie wohl nicht erkannt, dass sich unter diesen tausend Menschen eine erhebliche Anzahl – wenn die Berichte stimmen, dann kann man von rund hundert Männern ausgehen – bekannter Trickdiebe, Straftäter, polizeibekannte Personen, befinden.

Diese Personen werden als „nordafrikanisch“ aussehend – eine ungenaue Beschreibung, die vermutlich auf italienischstämmmige, auf türkischstämmige, ich würde sagen,  irgendwie „fremd“ aussehende Menschen zutreffen kann. So ein Südländer halt.

Aber wir wissen nichts über diese Personen. Es gibt bis heute keine genaue Beschreibung der Tätergruppe. Der Antanztrick ist zugegebenermaßen ein bekannter Trick, den vor allem der als „nordafrikanisch“ beschriebenen Tätergruppe zugeordnet wird.  Eine Gruppe von Menschen, so wie sie beschrieben wird, ist immer wieder anzutreffen. Eine Horde junger Männer, respektlos, kriminell, gewaltbereit, stark in der Gruppe. Und mit einem zweifelhaften Frauenbild. Dieses Bild ließe sich problemlos übertragen auf andere Gruppen junger Männer. Ich fand solche Ansammlungen schon immer komisch, vor allem als Mann. Und ich kenne sie gut, diese Ansammlungen. Ich kenne sie von Fasching, ich kenne sie von Straßenfesten, ich kenne sie aus Fußballstadien, ich kenne sie von anderen Veranstaltungen, bei denen viel Alkohol konsumiert wird, wenige Frauen dabei sind – höchstens ein paar „laute“ Frauen. Sie trinken, pöbeln, machen sich lustig und reißen sexistische Witze, wer seiner Missbilligung ihnen gegenüber Ausdruck verleiht, wird angepöbelt, mit Gewalt bedroht. Man macht große Bogen um sie – und es ist egal, welcher Nationalität oder Abstammung sie haben – es ist immer wieder dasselbe. Alkohol ist dabei ein wesentlicher Beschleuniger für Enthemmung.

Diese Gruppen Männer haben eines gemeinsam, über Alters- und Nationalitätsgrenzen hinweg: ein Frauenbild, dass sie meinen lässt – spätestens unter Alkohol, wenn zivilisatorische Schranken unwichtiger werden – dass Frauen zu beeindrucken sind, wenn man sie antatscht. Dass es okay ist, wenn man auch nach dem 5. Nein immer noch behaupten kann, dass sie vermutlich, nein, ganz sicher doch „Ja“ meint. Dass Frauen betrachten, als Objekt, nicht als Subjekt, in Ordnung ist. Wieso sonst gäbe es nackte Busen in der BILD und zum Glück noch im europäischen Playboy? Oder eben, dass man es sich unter Alkohol erlauben könne, sowas zu tun.

Foto: https://pixabay.com/de/users/isabellaquintana-457900/

Foto: https://pixabay.com/de/users/isabellaquintana-457900/

Wir müssen also über zwei Dinge reden, nein, doch besser über drei:

  1. Wie können Frauen im öffentlichen Raum vor sexuellen Übergriffen geschützt werden. Wo fängt (und das sag ich ganz bewusst) bewusster und unbewusster Sexismus an.
  2. Wie kann es geschehen, dass sich eine ganze Menge polizeibekannter Kleinkrimineller treffen und Straftaten (Taschendiebstahl, seit Max der Taschendieb nun wirklich eine Straftat, die bekanntermaßen keine Nationalität bei den Tätern kennt) unter den Augen der Polizei durchführen
  3. Und wie kann es sein, dass sexuelle Belästigung in dem beschriebenen Maße bis hin zur Vergewaltigung unter den Augen vieler anderer Menschen, die ja auch noch da gewesen sein müssen (Augenzeugen berichten von einer dramatischen Silvesternacht in Köln., stattfinden können – ohne dass jemand einschreitet.

 

Wir müssen über Männlichkeiten reden, über Sexismus und über die Art und Weise, wie damit umgegangen wird.  Und wir müssen endlich darüber reden, wie eine Debatte über ein solches Geschehen – und weitere, wie auf der Reeperbahn, so entgleisen kann.  Wie kann es am Ende passieren, dass angesichts der dürren Faktenlage der Innenminister über Abschiebungsgründe für geflüchtete Personen spricht? Wieso ist der eigentlich noch im Amt?

Denn wenn wir diese Debatte so führen, dass wir anerkennen, dass Sexismus keine Frage der Herkunft ist – was sich angesichts der Vorfälle auf Oktoberfesten, Cannstatter Wasen, Karneval, Fasching und so weiter ja auch kaum leugnen lässt – sondern eine Frage, welche Frauenbild dahinter steckt, dass sich Männer immer noch meinen, sie könnten sich einfach nehmen, was sie wollen. Woher kommt diese Respektlosigkeit? Und mal ehrlich: Sex mit jemandem, der nicht mitmacht, sich gar wehrt, weint, schreit oder stillschweigend und wie erstarrt über sich ergehen lässt? Die Grenzen so überschreiten, dass man einer Frau an intime Stellen greift mit – ja, mit welchem Ziel? Glauben die tatsächlich, man könnte einer Frau in die Bluse oder Hose fassen und die wird davon so elektrisiert, dass sie über ihn herfällt? Oder geht es nur um die Berührung? Und dann? „Ich hab’s angefasst?“ Ja, toll. Und weiter? Ernsthaft?

Ich verstehe es nicht und lese es doch immer wieder. Steckengeblieben in der Entwicklung, in der man alle Dinge greifen und anfassen muss – also so ungefähr bei einem Jahr?

Und ein Kommentar zu all den Rechten, die jetzt aufschreien. Die dieses widerliche Ereignis ausnutzen für rechte Hetze gegen Migranten, gar Flüchtlinge.  Wie ist denn Euer Frauenbild? Wie behandelt Ihr Frauen? Setzt Ihr Euch für Gleichberechtigung ein – oder höre ich nicht aus Eurer Ecke seit Jahr und Tag, dass man mit dem Genderzeugs aufhören müsse? Klassische Rollenverteilung? Frauen sollen wieder Frauen sein und Männer Männer?

Eine andere Variante ist die völkische Frau, die brav ihre Mutterrolle erfüllt, einen Rock trägt und sich dem Mann unterordnet – also das traditionell nazistische Vorbild bedient: Die Frau gehört an den Herd und hat viele Kinder zu kriegen.

All das ist das Gegenteil von dem, was notwendig ist, all das ist das, was zu sowas führt. Ihr wisst das. Und wenn Ihr es nicht wisst, solltet ihr am besten die Klappe halten (was ich vermute, schließlich lese ich jetzt auch schon in diversen rechten Gruppen bei Facebook „mit“).

Und zu guter Letzt: die Täter müssen gefasst werden, die Täter müssen bestraft werden. Aber damit ist das alles nicht zu Ende. Mit den Flüchtlingen hat all das nichts zu tun. Lasst uns endlich über Rollenbilder reden. Und immer und immer wieder über Seximus. Und seine Verharmlosung.

der Tag danach

Heute morgen bin ich aufgewacht und was sofort bei dieser verbalen Entgleisung, die ich mir gestern geleistet habe. Es drängt in mir, aufzuschreiben, was mir dazu durch den Kopf geht.

Das Motiv

Ich wollte provozieren und ich wollte verkürzen. Und ich war verärgert. Ich erinnerte mich an einen Spiegelartikel von Vera Kämper, den ich sehr eindrücklich fand und in dem Katja Suding mit den Worten zitiert wird:

„Attraktivität hilft, Aufmerksamkeit zu bekommen“, erklärt die FDP-Politikerin,

und schon das fand ich ärgerlich. Nicht, dass ich sie wegen ihrer vermeintlichen Attraktivität als nicht intelligent empfand, sondern weil ich finde, dass Äußerlichkeiten, als Attribut im Wahlkampf nichts verloren haben. Weder bei Frauen noch bei Männern. Es gibt und gab recht breite Debatte über Schröder in teuren Anzügen mit den Insignien der Macht – teuerer Anzug, Rotwein und Zigarre – und es scheint mir zweifelhaft, ob sich ein Mann als „James Bond“ inszenieren würde, um Stimmen zu fangen – naja, außer er ist bei der: FDP. Das obige Zitat entlarvt die Kampagne auch soweit, dass sie einen Aspekt nach vorne stellt, der mit Inhalten nicht zu verknüpfen ist. Und es gibt durchaus Stimmen, die meinen Eindruck bestätigen:

Die FDP kämpft mit allen Mitteln. Lange Beine und mit Six Pack“ bis zu „Sex sells. Auch hier der bewährte Altherren-Schwenk. Top!!“

Interessant dabei auch, dass die Bläßing-Kampagne bundesweit kaum Aufmerksamkeit erzeugt hat. Auch das für mich eine Bestätigung meines Eindrucks, dass die sexistische Kampagne frauenzentriert ist. Viele Medien sprechen ja auch ganz bewusst von einer „sexy Kampagne“. Ich finde das schlicht unagemessen.

 

Die Wortwahl

Absolut unangemessen. Irgendwer twitterte gestern

aber dass DIESE Formulierung nicht gerade (ich sage mal) „glücklich gewählt“ war, konnte man eigentlich auch vorher wissen.

und das ist das, was mich ja am meisten an mir selbst ärgert. Selbstverständlich hätte ich mir denken können, was passiert, wenn man so Worte wählt. Und spätestens heute morgen mit dem Aufwachen ist es auch ganz deutlich. Ich wollte den Sexismus anprangern, dabei provokant sein – und habe mich sexistisch geäußert. Das ist durch nichts zu rechtfertigen – kurzfristige geistige Umnachtung  vielleicht gerade noch. Ich fand vor allem auch nach der Brüderle-Geschichte, dass ausgerechnet eine FDP-Spitzenkandidatin genau die Klischees widerspiegelt, die damals so viel begründete Entrüstung hervorgebracht hatten, eine Respektlosigkeit sondergleichen. Und bin dabei selbst respektlos geworden. Sowas darf nicht passieren.

Dazu hab ich den Tweet abgesetzt – und war dann für ne halbe Stunde außer Haus ohne PC und Smartphone, danach hab ich meine Familie bekocht und so ne ganze Zeit nicht so recht mitgekriegt, dass der Sturm am Himmel aufzieht – sonst hätt ich den Tweet sofort gelöscht und mich sofort entschuldigt. Zwischendurch dacht ich dann mal: naja, halb so wild, dass sich ein paar FDPler aufregen, ist ja klar – aber während ich mir den englischen Patienten auf arte angesehen habe, hab ich auch nichts mehr mitgekriegt. Erst danach saß ich wieder am PC – aber da war es schon zu spät. Ich bin, entgegen meiner sonstigen Art, weggetaucht.

Mein eigenes Frauenbild wurde mir dabei per Twitter entgegengehalten. Ich hab mich dazu ja im Rahmen des #aufschreis geäußert:

Mich macht es als Mann unsicher, wenn ich das Gefühl bekomme, ein nicht vermeidbarer Blick auf einen Busen macht mich schon zum Sexisten. Dabei ist mir das selbst unangenehm.

Und der Blick sollte dahin gelenkt werden. Mit tiefen Dekolletee, mit Oberkörperprofilfotos. Das lass ich mir auch nicht ausreden. Aber mit meiner eigenen Ablehnung deshalb – da muss ich was unternehmen.

…weil ich nicht mehr unbefangen bin. Und das wäre ich gern.

Insofern kann ich nur wiederholen: ich empfinde Scham und es tut mir sehr leid.

Hallo Rapunzel, wir müssen reden

ein „offener Brief“

Hallo Rapunzel,

ich kaufe viel Eurer Produkte im Bioladen oder bei Alnatura, seit vielen, vielen Jahren. Ihr macht leckerer Schokolade, tolle Müslis, ein fabelhaftes Samba und sehr leckere Penne. Heute fiel ich in meinem Bioladen über Euren Schokoladenaufsteller – passend zu Ostern wohl – und musste mit Entsetzen die Produkte „MilchMichl“ und „MichMarie“ als neue Produkte entdecken.

2013-03-26 18.00.04

Das ist klassische, sexistische Produktpolitik. Klar, die „Mädchenschokolade“ ist rosa, die „Michl“ ist ganz klar hell(!!)blau. Ich weiß echt nicht mehr, was ich sagen soll. Ich kann kaum annehmen, dass Ihr die Debatten um die rosa Überraschungseier nicht mitbekommen habt.

Dieser taz-Artikel beschreibt es eigentlich ziemlich gut –

Wahrscheinlich gibt es bald auch die Kinder-Schokolade in Rosa, in Konkurrenz zur lila Milka.

nur ist es nicht die böse Kinderschokolade, mit der Ferrero weiter in die Sexismusfalle tappt, sondern Ihr, die „Guten“ (dachte ich und ihr wohl auch) von Rapunzel. Ja, in Eurer Firmenphilosophie steht nichts von „Sexismus vermeiden“. Aber trotzdem dachte ich irgendwie, das wäre für ein Unternehmen, wie Ihr es seid, gar kein Thema. Faire Schokolade, sexistische Kackscheiße. Eine Kombination, die ich mir nicht hätte ausdenken können.

Die Emma schreibt dazu:

,Rosa macht Mädchen dümmer'“. Zum Wohl ihrer Profitraten vermüllt die Pink-Industrie den kleinen Mädchen das Gehirn.“ Heraus kämen Prinzessinnen, die nur eins im Kopf haben: Konsum

Ich bin frustriert und sauer und werde vorerst auf Eure Produkte verzichten.

Frohe Ostern

der #aufschrei fängt erst an

oder: ist das der Beginn vom Ende des Patriarchats, wie wir es kennen?

Unter dem Hashtag #aufschrei ist eine Debatte entbrannt, die mehr als überfällig war. Mein eigenes Unbehagen mit vermeintlich männlichem Gehabe hab ich im Blog „Bin ich auch so einer“ weitgehend ausformuliert. Gut 2000 Zugriffe hat es auf diesen Text gegeben. Und doch bin ich auch kaum weiter. Mein eigenes Verhalten kann ich reflektieren, ändern oder zumindest damit leben. Das meiner Geschlechtsgenossen nicht. Und das von Frauen, die sich dem nicht mehr ganz so herrschenden Meinungsdruck unterwerfen, erst recht nicht.

Jan Fleischhauer heute im Spiegel ist so einer dieser Verharmloser.

Schwer zu sagen, was man bei dem neuerlichen Aufschrei mehr bewundern soll: den Empörungsgestus, der genau jenen „Tugendfuror“ unter Beweis stellt, den Gauck im SPIEGEL beklagt hat. Oder den hochgespannten Zentralratston, den man normalerweise von Institutionen wie der Synode der Evangelischen Kirche, dem Bundesvorstand der Grünen oder dem Paritätischen Wohlfahrtsverband kennt.

schreibt er. Er hat es nicht verstanden, will es nicht verstehen. Denn es geht doch ihm und anderen darum, den im #aufschrei dokumentierten alltäglichen Sexismus, vom Herrenwitz bis zu gefährlicher sexueller Belästigung, von Ausnutzen und Einfordern von Sex als „Belohnung“ nicht verächtlich zu machen, sondern ihn schuldlos weiter tot zu schweigen, ihn zu akzeptieren, ihn schuldlos zu halten. Es erinnert mich an eine große Grüne der ersten Stunden, Waltraut Schoppe.

Zur Erinnerung:

Doch die „Reala“, wie pragmatisch orientierte grüne Frauen damals genannt wurden, ließ nicht locker und forderte vor dem Deutschen Bundestag bis dato Unvorstellbares – eine „Bestrafung bei Vergewaltigung in der Ehe“, was prompt Tumulte im Hohen Haus auslöste. Als die mutige Novizin auch noch zur Einstellung des „alltäglichen Sexismus hier im Parlament“ aufrief und Formen des lustvollen schwangerschaftsverhütenden Liebesspiels empfahl, glich der Bundestag einem Tollhaus. Selten fielen wohl in dem männerdominierten Plenum obszönere Zwischenrufe als nach dieser tabubrechenden Attacke.

Es ist so ähnlich heute. Es sind nicht nur die Männer derselben Parteien CDUCSUFDPSPD im Deutschen Bundestag, die auch damals schon mit ausfallenden Bemerkungen auf sich aufmerksam machten, es sind auch dieselben Reaktionen, von denen die Fleischhauers nur eine von vielen ist, die systematisch sind für die Art und Weise, wie mit der Frage umgegangen wird.

Joachim Gauck hat es versucht, der von einem breiten Bündnis gewählte Präsident, ein Mann, von dem Mann es nicht erwartet hätte, diese Reaktion. Er spricht vom Tugendfuror und der flächendeckenden Fehlhaltung, die er nicht erkennen möchte. Doch die Reaktion blieb nicht aus, auch wenn die konservativen Männer dieser Republik versuchen, aus dem #aufschrei eine „Jugendbewegung“ zu machen oder den Sturm der Entrüstung zu einem Stürmchen herunter zu schreiben, weil es ja angeblich nur viele Retweets waren – also nur „Kopien“. Nun ja, er hat vermutlich Twitter nicht verstanden. Aber Gauck hat verstanden – und heute seine Position korrigiert.

Ich schäme mich für Männer und Frauen, die sich auf die Fahnen haben, diese ungestüme Leid, dass sich hier endlich Bahn bricht, lächerlich zu machen. Der Tenor geht dabei in bekannte Richtungen – bis hin zu Frauen, die andere Frauen beschuldigen, durch ihr aufreizendes Äußeres doch selbst schuld zu sein an der Belästigung (Zitat: „aber die Bluse haben sie auf“). Und viel zu viele Männer machen das auch.

Nein, liebe Männer, liebe Frauen, liebe Einhörnchen: ich will mich nicht nur unbefangen Frauen nähern, ohne Angst haben zu müssen, sie habe Angst, sondern mich auch meines Interesses nicht schämen zu müssen. Ich fahre viel ÖPNV mir begegnen viele in meinen Augen gut aussehende Frauen. Und manche durchaus aufreizend angezogen (aber nicht, um mich! anzumachen). Und einigen davon werfe ich gerne einen zweiten Blick zu. Aber verdammt noch mal: ich käme doch keine Sekunde auf die Idee, mich an sie ranzumachen, mich an sie zu drücken im engen Bahnwaggon, in der Menschenmenge, „aus Versehen“ ihre Brust zu berühren. Ich spräche sie nicht an und machte Bemerkungen über ihre Oberweite. Nein, es ist nicht in Ordnung, von einer Frau, die ich gut aussehend finde und einen Kurs bei meinem Bildungsträger besucht, als „Lohn“ für eine Vermittlung oder Beratung zu ihren Bewerbungsunterlagen Sex im Beratungszimmer einzufordern – und sie zu mobben und ihr Unterstützung zu verweigern, wenn sie sich weigert. Sie womöglich anzuschwärzen bei der Arbeitsagentur oder dem Jobcenter. Ja, ich frotzle mal, mache Witze, flirte. Aber ich vergewissere mich – indem ich darauf achte, wie das Gegenüber reagiert – dass ich keine Grenze überschreite und im Zweifel frage ich! Das geht und keiner fällt davon tot um und meine Krone hat hinterher noch alle Zacken.

Nicht das, was Ihr Fleischhauers unter „ganz normal“ versteht ist normal, sondern es ist übergriffig und ekelhaft. Das was ich mache – so ungefähr zumindest -sollte normal sein.

bin ich auch so einer?

Das wird ein schwieriger Text. Als Mann bin ich vordergründig immer des Sexismusses verdächtig – schlimm genug! Und insofern mag es mir passieren, dass ich Formulierungen wähle, die andere (Frauen?) als nicht angemessen betrachten. Ich gebe mir zwar Mühe, das zu vermeiden, aber wer weiß?!

Schon der Anfang dieses Artikels zeigt mir, wie schwer das alles ist. Wenn man nicht „so einer“ sein möchte. Ich gebe zu – ich bin nicht gefeit vor der Attraktivität anderer Frauen als meiner eigenen, ich nehme Dekolletés ebenso wahr wie kurze Röcke und befürchte: würde ich von Alkohol nicht müde, würde ich meine Außenwirkung nach dem 5. Bier womöglich ebenfalls mächtig überschätzen. Und vielleicht ist es mein Glück, das ich nie der Aufreißer-Typ war, ich hab immer auf eindeutige Signale gewartet, sodass ich sicher war, ich würde mich weder aufdrängen noch könnte der Korb zu groß werden.

Seit vielen Jahren mache ich Politik auch im Themengebiet Gender. Ich hab am Maskulismusbuch von Andreas Kemper mitgeschrieben, kenne also ziemlich viel unangenehme sexitische Kackscheiße, verbunden mit rechtsgerichteten, rückwärtsgewandten Ansichten sogenannter Männerrechtler.

Was mich an dieser Debatte, die auf Twitter aber jetzt unter dem hashtag #aufschrei sich seine Bahn bricht, erschrickt, ist zum einen eine gewisse Undifferenziertheit. Mich macht es als Mann unsicher, wenn ich das Gefühl bekomme, ein nicht vermeidbarer Blick auf einen Busen macht mich schon zum Sexisten. Dabei ist mir das selbst unangenehm. Das ist die eine Seite. Die andere Seite ist das, was da an täglichem Angebagger, Angegrapsche bis hin zu sexueller Gewalt beschrieben wird. Von Frauen und Männern. Home- und heterosexuell. Es ist schlicht unerträglich. Weil scheinbar so normal.

Und das ist es wohl. Gesellschaftlich anerkannt, geduldet, gewollt. Ich brech’s jetzt mal auf  „Frau ist Mann zu Willen“ herunter.

Das Privatfernsehen trägt viel dazu bei. Sendungen wie „Der Bachelor“, „Bauer sucht Frau“ sind Beispiele dafür – bei letzterem vor allem die begleitende Berichterstattung gerade von Blättern wie dem Stern und Spiegel bis hin zur Tagespresse. Im ZDF sind es Stars wie Thomas Gottschalk, der durch solche Aussagen glänzt: (übrigens ganz unbeachtet im Stern veröffentlicht):

„Wenn es in Deutschland ein paar hunderttausend Männer gibt, die künftig schon deshalb ‚Wetten, dass…?‘ anschalten, weil sie in Michelles Dekolleté sehen wollen, soll’s mir recht sein“, sagte Gottschalk dem „Spiegel“.

Kein Aufreger, weil normal. Mario Barth’s beinahe komplettes Programm basiert auf Sexismus – und er füllt damit Fußballstadien und darf damit auch noch den Werbe-Anchorman machen – was offenbar funktioniert. Nicht wenige Filme zeigen Szenen, in denen Männer der Widerspenstigen dann doch endlich am Ende den Kuss aufdrängen – und sie sich nach anfänglichem Wehren dem hingibt – „nein“ bedeutet ja doch „ja“. In diesen  Tagen beginnt die sogenannte 5. Jahreszeit – Fasching. Ich bin im Fastnachtsverein groß geworden, habe dort in meiner Jugend Musik gemacht. Es wird wieder tausende Prunksitzungen geben, in denen Männer und Frauen über sexitische Witze zu Lasten beider Geschlechter lachen. Und nicht nur harmlose. Wir alle kennen das, die meisten von uns ertragen es oder gehen dem aus dem Weg – Protest dagegen hört man selten.

Alles nicht so schlimm? Doch – denn die Normalität, mit der sexuelle Belästigung, Beleidigung, Sexismus herunter gespielt wird, die Art und Weise, wie Männer Rainer Brüderle ihre Solidarität zusichern – ganz vorne die unerträgliche BILD – die Sprüche von „ach hab dich nicht so“ bis hin zu „die will  doch, die tut nur so“, all das ist schlimm.

Ich weiß, das ich kein Sexist bin. Und ich weiß, dass so, wie ich mich verhalte, ich mich nicht für Männer, die sich absolut Scheiße verhalten, rechtfertigen muss.  Aber trotzdem bleibt bei mir ein Gefühl des Unwohlseins. Bin ich irgendwo respektlos? Überschreite ich Grenzen? Wie deutet sie meinen Blick? Hat sie bemerkt, dass ich auf ihren Busen geschaut hat (hat sie vermutlich)?

Für mich als Mann stellt sich am Ende die Frage: wie kann ich angesichts der Übermacht dieser ganzen sexistischen Arschlöcher noch völlig unbefangen eine Frau nett und attraktiv zu finden und mit ihr flirten (was ich gerne tue!) – ohne am Ende Angst haben zu müssen, dass mir mein Interesse (vielleicht noch nicht einmal von der Frau selbst, sondern auch noch von jemandem Dritten) falsch ausgelegt wird? Dafür gibt es eine Lösung – und weil es so ist, finde ich dieses ganzen Kackmist, den Leute wie Mario Barth und Rainer Brüderle mit ihrem bescheuerten, ekelhaften Verhalten anrichten, zum Kotzen. Nicht weil ich auch so bin. Sondern weil ich nicht mehr unbefangen bin. Und das wäre ich gern. Wieder.