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sexualisierte Gewalt: Täter: Mann, Opfer:Mann

Ein wunderschöner Sommertag. Ich flaniere in der Innenstadt. Hab einen privaten Termin, bin aber zu früh unterwegs. Ich bin Anfang 30. Während ich die Straßen entlang laufe – einmal die eine Seite der Fußgängerzone hinauf, einmal hinunter, fallen mir die Blicke eines Mannes auf einem Fahrrad auf. Ich denke mir zunächst nichts dabei. Er begegnet mir wieder – er schaut mich an. Sagt kein Wort. Hält Abstand, gut und gerne 25 Meter. Aber er ist da. Ich glaube an Zufall. Noch. Ich gehe weiter, kaufe mir ein Eis und esse es im Laufen. Schaue mir Schaufenster an. Da ist er wieder. Hinter mir. Ich bekomme ein komisches Gefühl. Kann es nicht genau beschreiben – fühle mich sehr unwohl. Kein Zufall mehr. Was will er von mir? Ich gehe weiter, schaue mich um, schau, ob er sich in Scheiben spiegelt. Tut er. Eindringlicher Blick. Ich biege ab, zu einem Platz, von dem ich weiß, dass er öffentliche Toiletten hat. Ich will mich verstecken, fliehen kann ich offensichtlich nicht. Schnell die Treppe hinunter. Atemlos. Erschrocken. Panisch.

Ich betrete die Toilette, gehe in eine Kabine, setze mich auf die Schüssel und warte. Hoffe, dass er weg ist, wenn ich nach einiger Zeit wieder rauf gehe.

Kurz darauf höre ich Schritte auf der Treppe. Die Kabinentür neben mir geht auf. Schließt sich. Ich bin schweißnass. Wie in vielen öffentlichen Toiletten hat die Trennwand ein kleines Loch. Ich lehne mich mit dem Rücken dagegen.

Dann höre ich Geräusche von nebenan. Ich kann jetzt nicht widerstehen. Ich schaue durch das Loch – und sehe einen erregierten Penis. Er onaniert. Ich öffne schnell die Tür, renne die Treppen hinauf. Sehe sein Fahrrad oben angeschlossen. Renne weiter, raus aus der Innenstadt, hin zu meinem Auto. Fahre die wenigen Meter zu meinem Termin. Bin käseweiß. Bin den Rest vom Tag und der Woche ziemlich durch den Wind.

Ist gut 25 Jahre her. Der Schrecken, die Angst sind noch immer präsent. Die Panik, die Unfähigkeit, der Situation angemessen zu begegnen und ihr zu entgehen, beschäftigt mich bis heute. Ich denke, ich würde heute anders reagieren. Ihn konfrontieren. Fragen, warum er mich verfolgt. Damals konnte ich das nicht, das brach einfach auf mich herein an diesem Tag. Vom diffusen Gefühl zum „der will was (WAS?) von mir“ war ein zäher Prozess, die Erkenntnis ein Schock. Die einzige Reaktion, die mir einfiel, war mich zu verstecken.