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Tatort Internet

Da ist sie wieder, die Debatte um Kinderpornografie im Internet. Mit ein bißchen Verspätung reagiere ich hier, bin ich doch ein bißchen erstaunt, woher ein Verein wie „Innocence in Danger“ die Chuzpe nimmt, derartig einseitig an diese Thematik heranzugehen.

Auf der Webseite des Vereins findet man folgende Infos (Auzug), warum sie tun:

strebt eine Vernetzung zwischen Jugendhilfeorganisationen, die gegen sexuellen Missbrauch und pornografische Ausbeutung an Kindern im Internet arbeiten, und Sponsoren aus der Wirtschaft an

nutzt zudem seine bereits bestehenden Verbindungen zu Politik und Wirtschaft […] und weitere Gesetzesänderungen angeregt werden

Verkürze ich das, dann will man Spendengeldern eintreiben und die Gesetze verschärfen. Nur welche. Da ist zum Beispiel das, das die Anbahnung sexueller Kontakte mit Kindern mittels Chats zukünftig unter Strafe zu stellen sei. Das ist es jedoch schon. Bleiben nur die Netzsperren und die Löschung. Ja, nur um die Produktion. Da wirds schwierig.

In der taz findet sich dazu ein aufschlussreicher Artikel:

Wir haben immer gesagt, es muss gelöscht werden und dass die Hoster, Provider und die Produzenten zur Rechenschaft gezogen werden müssen. Unsere Agenda ist der Opferschutz – alles, was dem dient, fordern wir.

Das ist banal. Und geradezu peinlich, wenn man sich ihre anderen Antworten anschaut.

Zur Produktion – in meinen Augen der zentrale Ansatzpunkt. Nur ging den bislang niemand in dieser Debatte wirklich an. Denn das hieße, sich mit dem Thema sexuellem Missbrauch mitten in der Gesellschaft auseinaderzusetzen. 80-90% der TäterInnen kommen aus dem persönlichen Umfeld der Opfer. Die TäterInnen kommen aus der Mitte der Gesellschaft. Sind Familienangehörige, Tanten, Onkel, FreundInnen der familie, Väter, Mütter, Brüder, Schwestern, …

Und deshalb ist es notwendig, Zeugs wie „Tatort Internet“ zu produzieren. Es lenkt ab. Es lenkt ab von den Schandtaten der Pfarrer und ErzieherInnen, die in den vergangenen Monaten Schlagzeilen gemacht haben. Endlich ist der/die TäterIn wieder irgendein so „perverses Schwein“. Die Welt wieder gerade gerückt, noch dazu von der konservativen Königin der Herzen, Stephanie zu Guttenberg. Sicherlich einer der Gründe, warum „Tatort Internet“ jetzt gesendet wird.

Um Paulus und Gallwitz zu zitieren, zwei Polizeibeamte, die dieses Feld gut genug kannten, um ein leider vergriffenes Buch zu schreiben:

So sind wir nicht und das sind ja keine Menschen. Die gehören alle weg aus unserer Gesellschaft. Dann ist wieder alles in Ordnung.

Das funktionierte bei den Pfarrern nicht. Und wo noch nicht? Bei den Familienmitgliedern. Wenn soviele Taten im direkten Umfeld stattfinden – wie verbreitet ist sexueller Missbrauch im Bürgertum? Und: da bleibt das leidige Thema Sextourismus. Eine Form der Ausbeutung der Entwicklungsländer. Dabei entsteht oft genug ebenfalls kinderpornografisches Material. Viele zigtausende Reisen werden jährlich gemacht, einzig mit dem Ziel „Sex mit Minderjährigen“ und teilweise auch mit der Produktion von Filmen und Fotos. Das zu hinterfragen – würde das nicht auch bedeuten, die Reisegesellschaften und Fluglinien zu hinterfragen, wo ihre Verantwortung liegt? Da geht es nicht nur um Thailand – da geht es auch um die Tschechei und um Rumänien oder Ungarn.

Wollte „Innocence in Danger“ tatsächlich Kinderpornografie im Internet bekämpfen, dann müssten sie dorthin, wohin es weh tut. Mitten hinein in die gutbürgerliche Gesellschaft. In die Familien. Auf wie vielen Geschäftsreisen nach Osteuropa oder Asien oder Südamerika werden wohl durch feiste Familienväter und -mütter Kinder missbraucht, die nicht älter sind als ihre eigenen zu Hause? Diese Frage zu beantworten wird die Lösung bringen. Gesellschaftliche Ächtung – nicht Akzeptanz und Schweigen.

„Innocence in Danger“ – zum Abschluss ein Zitat aus der „taz“, das zeigt, wie ahnungslos und heuchlicherisch sie doch sind:

Wie wird kinderpornografisches Material verbreitet?

Über ganz verschiedene Wege. Als sich Innocence Ende der 1990er gründete, konnte man Kinderpornografie über viele Webseiten abrufen. Es handelte sich um altes Material, das digitalisiert aufbereitet und ins Netz gestellt worden war. Mittlerweile kommen die Sachen anders an den Mann, etwa durch sogenannte Peer2Peer- und Filesharing-Netzwerke statt nur über Webseiten.

Webseiten. Da fehlt das damalige halbe Netz. Da fehlte neues Material, das es damals schon gab – verbreitet übers Internet und – über konventionelle Wege wie Post und über Kleinanzeigen. Und der typische Lapsus: an den Mann. Aber klar, das Undenkbare – für viele – kann so ein Verein ja erst recht nicht thematisieren: den sexuellen Missbrauch durch Frauen.

Kindesmissbrauch in der Kirche

In aller Munde ist die derzeit laufende Debatte über Kindesmissbrauch in der katholischen Kirche. Dass die Kirche hier ein ernsthaftes Problem hat, dürfte zwischenzeitlich allen klar sein – bis auf jene, die die Existenz derartiger Vorfälle per se leugnen.

In die Debatte schwappt auch die Forderung nach Strafverschärfung. Denn die jetzt bekannt werdenden Fälle sind alle zwischen 1950 und 1980 passiert. Kindesmissbrauch ist aber 20 Jahre, nachdem das Opfer 18 geworden ist, verjährt – nach also maximal 38 Jahren. Damit ist praktisch keine Strafverfolgung mehr möglich. Ich halte es daher für richtig, die Verjährung bei sexuellem Missbrauch, nicht nur bei schwerem Missbrauch von Schutzbefohlenen und Kindern aufzuheben. Gleichzeitig gibt es keine Anzeigepflicht, die gibt es nur bei Gefahrenabwehr. Auch unterlassene Hilfeleistung ist in den Fällen wohl verjährt und so sind die TäterInnen fein raus. Oh natürlich, sie müssen mit ihrer Schuld leben – aber das tun sie ja wohl nun schon ein paar Jahre. Und offensichtlich ist hier die Schweigepflicht (und die fehlende Anzeigepflicht) des Beichtvaters kontraproduktiv – denn auch dies hat weitere Missbräuche erlaubt. Aber auch das müssen diese Beichtväter mit sich ausmachen. (Wobei es tatsächlich sachlich gute Gründe gibt, auf eine Anzeigepflicht zu verzichten.) Ich denke aber, die Güterabwägung sollte im Strafverfahren getroffen werden, sicherlich fände man eine Regelung, nach der nach einer Anzeige und Strafverfolgung auf jeden Fall die Jugendämter und Sexualtherapeuten mit einzubeziehen hat, ehe die Staatsanswaltschaft irgendeinen Dorfpolizisten zur Befragung losschickt.

Gleichzeitig ist der Umgang mit den Fällen durch die Kirche geradezu abenteuerlich. Offensichtlich wurde nach dem Bekanntwerden von solchen Fällen der entsprechende Missbraucher lediglich versetzt. Keine Kündigung, keine Entlassung – sondern den Tätern wurde ein neues Spielfeld zugewiesen. Dabei kam es wohl zu neuen Missbräuchen. Aber ach – auch alles schon zu lange her. Keine Strafverfolgung.

Dass sich Kirchenvertreter dabei gleichzeitig genötigt fühlen, ihrerseits in den Angriff zu gehen und sich zu erdreisten, sie sexuelle Revolution der 68er für die Missbräuche verantwortlich zu machen, entbehrt nicht einer gewissen Komik. Denn alles was mit Sex zu tun hat, der nicht zur Fortpflanzung führt, ist konservativen Kirchenvertretern ja schon immer supekt. Gleichzeit zeigt der Vorstoß des Herrn Mixa, dass der auch von grünen Vertretern wie Winfried Kretschmannvermutet Lerneffekt bei der Kirche tatsächlich nicht eingetreten ist. Das scheint mir eher Wunschdenken zu sein. Wunschdenken, das negiert, dass es in der Kirche immer wieder Fälle von schwerer Gewalt bis hin zu sexuellen Übergriffen gegenüber ihren Schutzbefohlenen gegeben hat, in Heimen, in Pfarreien. Nun so zu tun, als wäre das etwas Neues oder jetzt würde endlich etwas getan, scheint mir sehr illusorisch. Denn bislang wurde auch nichts getan – und Herr Mixa zeigt ja, wie groß klein das Schuldbewusstsein ist.

Ich vermute, dass das Zölibat eine Mitursache ist. Denn eine aktive Sexualität ist ein Grundbedürfnis. Dies zu dem Körper zu verweigern, muss letztendlich krank machen. Gleichzeitig weiß man aus anderen Fällen von Missbrauch Schutzbefohlener, dass sich Pädophile oft beruflich entsprechend orientieren, um Kindern nahe zu sein. Dass da die Kirche auch daher ein Ort der Berufung ist, ist dabei völlig klar, wurde aber bislang völlig ausgeblendet. Warum aber die Kirche ein derart gestörtes Verhältnis zur Sexualität hat, sollte sie vielleicht zunächst selbst klären. Und die Gesellschaft darüber eine Debatte führen. (Und: ich frage mich, wieso zwischenzeitlich wieder nur noch über missbrauchende Pfarrer gerdet wird und nicht auch über den sexuellen Missbrauch durch Frauen in der Kirche)

Warum schreibe ich das hier? Ein weiterer Beitrag in einem Blog eines Feierabendprovinzpolitikers?

Weil es mich umtreibt, wie wenig aus diesen Fällen und dem Umgang damit die gesellschaftliche Rolle der Kirche in Frage gestellt wird. Angesichts dieser Fälle muss man sich doch fragen: hat das aufgehört, schlagartig, in den 80ern? Was passiert heute? In Pfarreien mit Ministranten. Im Kommunionsunterricht. In Zeltlagern. In Heimen. Wieviel Kinderpornos findet man wohl, untersuchte man (ohne Vorwarnung) Kirchencomputer? Und wieso untersucht das niemand? Nicht genügend Anfangsverdacht? Ich finde: doch. Warum blicken wir nur zurück. Und warum reden wir erneut nur über die Männer in der Kirche. Und welche Rolle spielt dabei der Papst. Und für mich die allerwichtigste: müssen wir nicht endlich dafür sorgen, dass dieser Staat kein säkulärer mehr ist, sondern wir eine strikte Trennung von Staat und Kirche durchführen? Nicht weil es einzelne Fälle von Kindesmissbrauch gegeben hat – sondern weil diese Kirche wohl offensichtlich nicht in der Lage ist, selbst begangenes Unrecht ihrer Mitarbeiter zu ahnden, sie lieber Taten verschleiert, schlimmer noch, Schutzbefohlene weiter gefährdet durch Versetzungen der TäterInnen? Wollen wir für eine solche Organisation, die neben diesem Problem ja auch eins hat mit ihrer Rolle im dritten Reich, mit ihrer Rolle in Fragen des Gender Mainstreaming, und vieler anderer Vorfälle, wollen wir einer solchen Organsation weiterhin die Macht einräumen, die sie einfordert?

Ich meine Nein. Es wird Zeit dass wir aussteigen. Jede/r soll an das glauben, wonach ihr oder ihm ist. Sei es Gott, Abraham, Jahwe, Allah, Buddha oder das fliegende Spaghettimonster – oder natürlich an keine „übergeordnete Entität“. Alleine oder in Gemeinschaften. Aber bitte ohne staatliche Unterstützung. Ohne Einzug der Zwangsbeiträge durch die Finanzämter. Ohne Zugriff auf neue Opfer als Träger von Kindergärten. Ohne Meinungshoheit durch Rundfunkstaatsverträge. Ohne staatliche Gottesdienste als Trauerakte. Eine Gleichberechtigung aller Glaubensrichtungen – auch derjenigen, die nicht glauben.