Schlagwort-Archive: Streamen

die Entwicklung verpennt

…und nichts gelernt. Mein Fazit einer tollen Debatte am Mittwoch abend in Heidelberg mit

Es war eine gute Diskussion aber an irgend einem Punkt musste ich einsehen, dass wir mit Menschen imGespräch waren, die offenbar keine Lust hatten, die Entwicklungen, die sich durch die Einführung des Internets und der Technologien eröffneten, Rechnung zu tragen und im klassischen Sinne dachten, die könnten irgendwie „einfach so“ weiter machen, der Rest mache schon irgendwie die Strafverfolgung. Herr Greve war der festen Überzeugung, die Störerhaftung bleibe durchsetzbar und erhalten und würde nie fallen. STrafverfolgung fand er okay und irgendwie Flatrate schon, aber auf Internetanschlüsse – das schine ihm ausreichend Geld in (seine) die Kassen zu spülen. Und auch Herr Metzner hat die Chancen eines breiten eBook-Marktes nicht erkannt, schwört auf Haptik beim Buch – als gäbe es selbst für Kunstdrucke keine Alterantiven als Druck auf Papier – und findet, ihn betrifft das ja alles eh nicht. Seine Nische, in der er produziert, wird kaum größer werden, eher kleiner.

Meine Vision für diese Welt in wenigen Jahren: ich glaube kaum, dass sich die Freifunk-Initiativen wieder zurückdrängen lassen. Ich erwarte, dass sich das mehr und mehr ausbreitet. Dann wird das nichts mehr mit „5 € pro Internetanschluss“. Zumindest wird das nicht der erwartete Reibach (denn die wissen ja auch, dass viele Menschen mehrere Anschlüse haben). Wer versuchen wird, das  zurückzudrängen, wird erleben, das Router illegal installiert werden. Nichts einfacher als das.

Ich glaube außerdem, was ich überspitzt marktradikal in „Wir sind die Kunden“ formuliert habe:

Wieso, lieber Urheber_innen schafft ihr es nicht, diejenigen, die Millionen und Abermillionen damit gescheffelt haben, einen Top-10-Hit zu schreiben, einen Blockbuster abgefilmt zu haben, einen Topseller geschrieben – wieso schafft Ihr es nicht, mit diesen Millionen ein Portal zu schaffen, in dem all das, was angeboten wird, mit Zugang für jeden Künstler auf der Welt, unabhängig vom Einkommen, auch für die schrägste Kunst, offen für Mashups, für neu gemixtes, für halbfertige Romane, für Kurz- und Überlangfilme, für Neues, für altes? Ein Portal, in dem auch Werke zu laden sind, die sich Sony und CO weigern, zu vermarkten, weil es sich nicht mehr rentiert? Wer braucht Youtube unter diesen Umständen?

Wir werden erleben, dass Bücher ebenso getauscht werden wie Musik. Filme streamen geht heute schon, mit der Verbreitung schneller Internetanschlüsse wird dies weiter zunehmen. Auch Bücher werden gestreamt werden können – zumindest Leseproben. Viele Menschen werden keine Lust haben, mit Kisten von Büchern von Wohnort zu Wohnort zu ziehen. DVDs in Regal und Schubladen zu stecken, um sie einmal im Jahr anzusehen. Haptischer, materieller Besitz wird für diese Produkte abnehmen.

Weder Verleger noch Tatort-Autor waren diese Überlegungen völlig fremd – aber anstatt als Chance haben sie es nur als Bedrohung verstanden. Wenn sie nicht erkennen, was sich verändert und vor allem mit welcher Geschwindigkeit, werden sie am Ende dastehen wie der Drogist, der noch über die Ausbreitung von Drogeriemärkten lamentiert, während andere längst das Geld verdienen, das er meint, dass es ihm gehöre.

Wahrnehmung

Die Wikipedia schreibt:

In der Psychologie und der Physiologie bezeichnet Wahrnehmung die Summe der Schritte Aufnahme, Auswahl, Verarbeitung (z. B. Abgleich mit Vorwissen) und Interpretation von sensorischen Informationen – und zwar nur jener Informationen, die der Anpassung (Adaptation) des Wahrnehmenden an die Umwelt dienen oder die ihm eine Rückmeldung über Auswirkungen seines Verhaltens geben. Gemäß dieser Definition sind also nicht alle Sinnesreize Wahrnehmungen, sondern nur diejenigen, die kognitiv verarbeitet werden und der Orientierung eines Subjekts dienen. Wahrnehmung ermöglicht sinnvolles Handeln und, bei höheren Lebewesen, den Aufbau von mentalen Modellen der Welt und dadurch antizipatorisches und planerisches Denken. Wahrnehmung ist eine Grundlage von Lernprozessen.

Was ich wahrnehme, ist oft etwas anderes als das, was mein Gegenüber wahrnimmt. Es ist in diesem zitierten Absatz schon beschrieben – nach der Verarbeitung, also dem Abgleich von Vorwissen und der Interpretation sind Dinge oft anders, als sie tatsächlich oder auch nur jemand anderem erscheinen.

Wer kennt es nicht: es ist ein Unterschied, ob ich beschreibe, ob mein Gegenüber eine Brille trägt oder schlecht sieht. Ersteres kann ich sehen – letzteres nur annehmen. Auch wissen wir alle um den Effekt von „Kleider machen Leute“ – durch Kleidung kann der Eindruck von Kompetenz erweckt werden, man unabhängig wirken oder besonders vertrauenswürdig erscheinen.

Ich hab am eigenen Beispiel erlebt, was passiert, wenn ein Satz, ein Wort, aus dem Zusammenhang gerissen wird und (bewusst) fehlinterpretiert wird. Wir kennen die Empörungswelle, wenn jemand etwas sagt, dass er so nicht meint – Röttgen und sein „leider bestimmt der Wähler und nicht die CDU“ ist ja ein klassisches Beispiel dafür. Natürlich ist es empörend – aber Hand aufs Herz, wem rutscht sowas nicht mal raus (nicht gerne und nicht so gemeint!)? Meine Parteifreundin Uschi Eid hat mal von einer „schief gegangenen Wahl“ gesprochen – damit meinte sie zwar nur, dass sie sie verloren hatte, aber aus ihrer Sicht war das halt „schief gegangen“ – ein demokratischer Prozess kann aber nicht „schief gehen“. Die alltägliche Empörung – und natürlich benutzt man solche Ausrutscher schon mal gerne, um jemanden in schlechtem Licht dastehen zu lassen.

Warum die Vorrede? Weil heute folgende Vorabmeldung kursiert:

Piraten in Schleswig-Holstein verschrecken die SPD mit der Ankündigung, Sondierungsgespräche ins Netz streamen zu wollen

Und ich finde es korrekt, wenn solche Sondierungsgespräche oder Verhandlungen nicht gestreamt werden. Es wird genügend Menschen geben, die zuschauen wollen. Es wird genügend Menschen geben, die nicht guten Willens sind und sich zu einee objektiven Berichterstattung werden durchringen können – man denke nur an die interessierte Presse. Und es wird genügend Menschen geben, die je nach Äußerung, das oder jenes in einzelne Äußerungen interpretieren. Ich weiß aus der Erfahrung mit zu coachenden Teilnehmer_innen aus meinem Job, dass es schon für sich selbst oft schwer ist, eine korrekte Sichtweise zu erlangen.

Verhandlungen benötigen auch Vertraulichkeit. Ich finde es auch interessant, was bei solchen Verhandlungen gesprochen wird. Aber ich weiß um die öffentliche Erregbarkeit bei solchen Prozessen. Und das allerwichtigste: der Gedanke, mit einer so hergestellten Öffentlichkeit liese sich Mauschelei verhindern (und das interpretiere ich jetzt mal als die Absicht, die dahinter steht), ist eine Illusion. Erstens lässt es immer noch die Möglichkeit zu, sich bei ausgeschalteten Kameras weiter zu unterhalten und Vereinbarungen zu treffen. Und zweitens benötigen Politik und die handelnden Personen auch Vertrauen. Wer das ständig wie die Piraten (auch ne Wahrnehmung, daher durchgestrichen) negiert und so tut, als wären die, die gewählt wurden, nicht vertrauenswürdig – der arbeitet tatsächlich daran, die Demokratie, in der wir leben, zu zerstören. Die repräsentative Demokratie ist durch das Grundgesetz und seine Auslegung festgelegt. Wenn sich am Ende einer Verhandlungsrunde die Partner auf eine gemeinsame Sprachregelung zu Inhalt, Ergebnissen (und Stimmung) der Gespräche festlegen können, ist meines Erachtens der Transparenz genüge getan.  Alles andere ist Populismus. (was nichts daran ändert, dass man wissen sollte, wer Verhandlungen führt)