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tot ist tot, oder?

Ich weiß, man kann es nicht vergleichen. Ich will es auch nicht vergleichen.

Was man aber vergleichen kann, sind die Reaktionen.

Von was ich rede?

Von einem Terroranschlag auf feiernde junge Menschen nach einem Konzert. Und einem verunglückten Boot auf dem Mittelmeer, voll mit Geflüchteten – davon viele Kinder.

Es sind Menschen gestorben. In Manchester. Auf dem Mittelmeer. Ich lese:

Zum Gedenken an die Opfer des Terroranschlags von Manchester sind die Fahnen auf allen offiziellen Gebäuden in Deutschland auf Halbmast gesetzt worden.

Und ich lese:

Die Hilfsorganisation MOAS erklärte, drei Holzschiffe mit rund 1500 Menschen seien am Mittwoch vor der libyschen Küste unterwegs gewesen. Eines der Boote sei gekentert. Rund 200 Menschen seien ins Wasser gefallen, darunter zahlreiche Kinder.

Wer gedenkt ihrer? Ihrer und den hunderten, tausenden anderen, die ebenso qualvoll ertrunken sind in den letzten Monaten, Jahren? Ertrunken auf der Flucht vor genau dem Terror, dem die Menschen in Manchester zum Opfer gefallen sind? Warum wird für die einen die Flagge auf Halbmast gezogen – und die anderen interessieren nicht?

Diese Heuchelei, diese Doppelstandards, diese Verkommenheit. Ich halte sie manchmal kaum mehr aus.

Öffnet die Grenzen. Rettet Leben.

von Dingen, die gesagt werden müssen

das hier war auch immer ein persönliches Blog. Nicht mehr sehr oft in letzter Zeit, aber so ab und an soll es das auch bleiben. Es ist schwer, persönliche oder gar sehr persönliche Dinge darzulegen, wenn man weiß, dass hier auch Menschen lesen, die mir kaum wohlgesonnen sind. Und trotzdem ist das hier auch mein Tagebuch. Oder das, was ein Tagebuch sein könnte, wenn ich eines schreiben könnte/wollte/würde. Also will ich es mal wieder wagen – nicht zu sehr detailliert.

Vor einem Jahr und drei Monaten ist meine erste Frau gestorben. Von heute auf morgen, wie man so schön sagt. Ich habe ein paar Sätze dazu geschrieben im Jahresrückblick. Irgendwie reicht das aber nicht.

Als ich sie kennen gelernt habe, war ich 18. Ein viertel Jahr später, als ich zu ihr gezogen war, grade 19 geworden. Wir haben viel miteinander durchgemacht. Jung geheiratet, jung Kinder bekommen. Sie hatte schon eines. Sascha, der für mich immer wie mein eigener Sohn war. Ich erinnere mich gut an seine anfängliche Skepsis und ich erinner mich gut an mich, wie ich mit den vererbten Erziehungsmethoden meiner Eltern kämpfte. In diesen jungen Jahren. Wir hatten kein Geld, als sie schwanger wurde – sie hatte ohne mein Wissen die Pille abgesetzt – war ich im zweiten Lehrjahr im Lebensmitteleinzelhandel. Wir brauchten eine andere Wohnung und ich saß zum ersten Mal in meinem Leben auf dem Sozialamt. Mit dann grade mal 20 Jahren. Es war ein Kulturschock für mich, der aus einem behüteten, gutbürgerlichen Haushalt kam. Wir lebten, zogen 1988 wieder in meinem Elternhaus ein, manchmal reichte das Geld, manchmal hatten wir bei den Eltern Schulden und als es zu viel wurde, fuhr ich nebenher Taxi, um die Nebenkosten zu bezahlen. Sie behielt ihre Aushilfsjobs nie lange, außerdem kamen 1990 und 1992 zwei weitere Kinder auf die Welt. Mit 26 war ich Vater von vier Söhnen. Und alleine fürs Familieneinkommen zuständig.

Wir versuchten uns mit einem Taxiunternehmen selbstständig zu machen, was 1997 scheiterte. Wir trennten uns allerdings schon 1995. Ich zog aus, als ich es nicht mehr aushielt. Ich kämpfte, stritt, diskutierte, weinte. Am Ende war es nicht genug. Ich liebte sie, aber ich musste gehen. Der Tropfen im Fass war meine jetzige Frau, mit der ich seit damals zusammen bin. Fast nahtlos.

Ich verlor darüber meinen besten Freund (und es ist seither sehr schwer, mein Vertrauen zu gewinnen) und ich verlor meinen ersten Sohn, der sich pubertierend und von ihr gelenkt von mir distanzierte. Ein blöder Artikel über meine ehrenamtliche Tätigkeit bei einem Verein, der sich gegen Kinderpornografie engagierte (1997!) und in dem die Journalistin aus vier Söhnen drei machte – weil der eine meine Stiefsohn war und wir getrennt waren. Das hat er wohl – wenn ich seinen Brüdern glauben darf – mir nie verziehen.

Zu Anfang blieben wir Freunde, wie wir es uns versprochen hatte. Dann wurden aus neuen Freunden neue Partnerschaften, der mittlere der großen Söhne zog zu mir und musste diesen Umzug vor Gericht erstreiten. Wir sahen uns viel vor Gericht, sparten nicht mit bösen Briefen und dann irgendwann E-Mails. Eine versuchte Mediation ging schief, nachdem wir wieder zusammen gelacht hatten. Bei aller Wut auf sie freute ich mich insgeheim, wenn wir uns zulächelten – was bei unvorhergesehenen Treffen wie beim Einkaufen schon mal vorkam – sie lebte am Schluss auch in Malsch – und hoffte, dass irgendwann trotz aller Verletzungen, die wir uns in den Jahren zugefügt hatten, es eine Chance auf eine Versöhnung gab. Ich hatte schon angefragt, ob wir uns nicht einmal zu einem Kaffee oder Spaziergang treffen könnten. Sie war noch skeptisch – sagte nicht nein – aber auch nicht sofort ja.

Und auch wenn ich mir manchmal, wenn ich sehr wütend war, gewünscht hatte, dass sie vor mir stürbe, so schockte mich doch dieser Dienstag, an dem der jüngste von den Großen zu mir kam und mir sagte, dass sie im Koma läge. die WhatsApp-Nchricht, dass sie tot sei, erreichte mich 24 Stunden später, als ich gerade am Kopierer auf Start gedrückt hatte. Es ist kaum zu beschreiben, was ich empfand. Neben dem, was ich im Jahresrückblick beschrieb

In Gedanken hastete ich voraus, Geburtstage, Weihnachten ohne sie. (und irgendwie kam mir auch die Hochzeit einer der Söhne in den Sinn und wie die wohl sein wird ohne sie). Ich machte mir ganz viele Gedanken, was denn alles so anders werden würde und hatte und habe auch nicht wenig Angst davor, mit den großen Jungs nun ohne sie zu sein – auch wenn wir eine Art Patchworkfamilie geworden sind mit meiner zweiten Frau. Die wird für Enkel, so denn sie denn jemals kommen, die Oma werden – ihr seht, so weit kann man voraus schweifen und solche teilweise absurden Gedanken machen einem zu schaffen.

konnte ich es kaum glauben. Ich wollte es nicht glauben. Es war völlig unwirklich – und ist es irgendwie bis heute.

Ich habe in dem Jahr erkannt, dass sie immer noch einen Platz in meinem Herzen hat. Ich habe sie geheiratet, weil ich sie liebte. Wir hatten wundervolle Jahre miteinander. Sie fehlt mir. Die Waisenrente zu organisieren, für die beiden Jungs, die Anspruch darauf haben, hat mir schier das Herz zerrissen. An Weihnachten kamen sie und sagten mir, dass auf dem Grab noch kein Grabstein sei. Ich fuhr mit ihnen hin, an dem Tag, den sie sonst mit ihr verbrachten, und organisierte hinterher auch das – damit dieses Grab – im Familiengrab der neuen Familie – ein Ort ist, an den meine Söhne zum trauern gehen, ein angemessener Ort ist. Als ich vor Weihnachten alte Dias scannte und viele Bilder aus unserer Ehezeit wiedersah – saß ich oft lange vor Bildern von ihr aus der Zeit, in der wir noch glücklich waren. Eine Woche lang dauerte das scannen – es war eine Woche voller Höhen und Tiefen. Ich trauere noch immer um sie. Ich muss immer noch drüber reden, dass sie nicht mehr da ist. Und auch über das, was sich verändert dadurch. Der Große mit Freundin in Vancouver – zwei bis drei Jahre Work&Travel von Kanada nach Australien. Der Mittlere in München – und offenbar glücklich mit dem Beruf, den er erlernt. Alle beide sehr erwachsene Männer. Der „Kleine“ – irgendwie und irgendwo  wird er anfangen zu studieren. Sie fehlt ihnen.

Ich hab das Gefühl – ich hab das meiste richtig gemacht für sie im letzten Jahr. Und trotzdem erwisch mich, wie ich mit ihr bespreche, was los ist mit den Jungs, was los war mit uns. Sie fehlt mir auch. Sie – und die Hoffnung auf eine Versöhnung. Auf einen Kaffee. Auf ein Lächeln beim Einkaufen, das in die Zukunft weist. Es gibt keine solche Zukunft mehr. Nicht mit ihr. Das heißt nicht, dass diese Zukunft schlecht wäre. Es wird nur anders.

sehr persönlicher Jahresrückblick 2013

das Jahr 2013 war mehr als durchwachsen und ich sehne das Ende herbei – verbunden mit der Hoffnung, dass das neue besser wird. Ist ja schon ein bisschen albern, wenn man sich das so überlegt, aber diese paar Tage, in Ruhe, am Ende des Jahres, verbunden mit dem Luxus einiger Tage Urlaub bis 7. Januar (kurz unterbrochen von einem halben Tag arbeiten am 2.1.), haben doch etas von einem “ da ist jetzt was vorbei, jetzt beginnt was Neues“ an sich. Man blickt zurück auf ein Jahr, überlegt sich, wo stand ich denn im letzten Jahr und wo steh ich heute. Was hat sich verändert? Eigentlich etwas, für das erst in einer Woche wirklich die Zeit wäre, aber die vorweihnachtliche Stimmung, die Freude auf ein Weihnachten mit den Söhnen – bringt mich jetzt schon dazu, diesen Artikel schreiben zu müssen.

firework-display-29261295172514WkQIch war Weihnachten und Silvester 2012 noch einigermaßen damit beschäftigt, die Niederlage auf dem Listenparteitag zu verabeiten. Der größte Teil war zwar geschafft – aber gearbeitet hat es trotzdem noch in mir. Eigentlich dachte ich ja, ich könne politisch etwas kürzer treten. Dachte ich. Das hat 2013 nicht ganz geklappt. Schließlich war trotzdem Bundestagswahlkampf. Aber das Jahr hat ruhig begonnen. Wir saßen hier mit Freunden, mit denen wir seit ein paar Jahren irgendwie jedes Silvester verbringen, hatten Raclette, das bisschen Feuerwerk, das man gerade noch so als Grüner vertreten kann, wenn man Kinder hat 🙂 und im Großen und Ganzen schien es so zu laufen, wie es halt so läuft.

Dann kam am 29. Januar, ein Dienstag, mein Sohn, der noch im Haus wohnt, zu mir und meinte: „Papa, ich muss Dir was sagen.“ Er teilte mir mit, dass meine Exfrau, mit ich mich in den letzten 12/13 Jahren fast nur noch gestritten hatte, im Koma läge. Ich kann mich daran erinnern, als wäre es gestern gewesen. Sie hatte am Sonntag davor ein Aneurysma im Gehirn gehabt. Und während ich noch dabei war, Durchhalteparolen und Trost zu spenden, war wohl klar, dass es nichts mehr werden wird. Am Tag darauf starb sie. Ich fand mich in einer absurden Situation wieder – einerseits war da noch immer diese Wut – andererseits war da eine tiefe Trauer um die Frau, ich mal geliebt hatte und mit der ich drei Kinder habe. Und, was mir erst in den nächsten Tagen auffiel, der völlige Verlust auf  die Chance, sich jemals wieder zu versöhnen – auf die ich gehofft hatte, wenn die Jungs mal groß wären und auf eigenen Beinen stünden. In Gedanken hastete ich voraus, Geburtstage, Weihnachten ohne sie. (und irgendwie kam mir auch die Hochzeit einer der Söhne in den Sinn und wie die wohl sein wird ohne sie). Ich machte mir ganz viele Gedanken, was denn alles so anders werden würde und hatte und habe auch nicht wenig Angst davor, mit den großen Jungs nun ohne sie zu sein – auch wenn wir eine Art Patchworkfamilie geworden sind mit meiner zweiten Frau. Die wird für Enkel, so denn sie denn jemals kommen, die Oma werden – ihr seht, so weit kann man voraus schweifen und solche teilweise absurden Gedanken machen einem zu schaffen. In  wenigen Tagen ist das erste Weihnachten ohne sie. Ich hoffe, ich mache alles richtig. Sie haben von ihren Eltern nur noch mich, mit dem sie die Dinge in ihrem Leben teilen können – naja, und meine Eltern. Blut ist dicker als Wasser, sagt man.

Einigermaßen wieder auf dem Damm hatte mein 4. Kind, das erste aus der zweiten Ehe, einen Autounfall. Ich hatte dazu schon was geschrieben. Beschäftigt hat uns das weiter in diesem Jahr, es gibt da schon noch Nachwirkungen – und ich stelle fest, dass ich ängstlicher um ihn geworden bin. Und mit der Ängstlichkeit meiner Frau ungeduldiger. Weil ich Ängstlichkeit nicht mag und Angst(!!) habe, die Kinder zu sehr einzuschränken. In ihrer Freiheit, hier raus zu gehen, in diesem Wohngebiet, in dem das noch möglich ist. Aber ich merke selbst, wie sehr ich ihn beobachte und auf Zeichen achte, ob da doch noch was nachkommt.

In den Sommerferien hatten wir uns die Kinderbetreuung geteilt und ich fuhr zu einem alten Schulfreund nach Hassfurth – etwas, das ich schon lange mal vorhatte. Der Jüngste ist dabei von einer kleinen Brücke aus 2,50m Höhe in ein Bächlein gestürzt, beim Steine runterwerfen hat er das Gleichgewicht verloren. Die Brücke hatte kein Geländer. Wäre auf der anderen Seite der Brücke runter gefallen, wäre er auf Steine gefallen und zumindest schwer verletzt gewesen. So ist nichts passiert, außer dass er sich erschreckt hat – und ich mich erst. Meine Frau war ganz bleich, als ich es ihr erzählte, (erst) als wir wieder daheim waren.

Hoch emotional belastende Momente, alle drei einhergehend mit wirklich essentiellen Fragen. Parallel dazu die Sorge um die Ausbildung der großen Söhne. Einer in München, wollte verständlicherweise 8bestätigt durch meine eigenen Erfahrungen) weg von Lilalu – und hatte bei Backstage etwas gefunden. Endlich die gewünschte Ausbildung – davor aber musste er aus seiner WG raus, der alte Vermieter drangsalierte mich wegen angeblichem schlechten Zustand der Mietsache, ohne mir die Möglichkeit gegeben zu haben, selbst nach zu bessern, und am 15.August ein Anruf um 10 Uhr morgens (ich arbeitete): Papa, ich muss aus der WG raus, kannst Du meine Sachen holen. Das konnte ich – aber danach 6 Wochen einen Sohn, der eigentlich obdachlos war. Ich hatte schon angefangen, bei ebay auf Wohnwagen mit zu steigern. Am Ende ging es gut, dank seiner Freunde und meiner Freunde und ein bisschen Glück (und 50 E-Mails) an Münchner Makler. Die Sorgen zwischendrin – permanent im Kopf. Der Kleinere noch immer auf der Suche nach dem, was er wollte – das Abi zu schlecht, um damit das zu studieren, was er will – Sonderpädagogik – und was macht man sonst. Nun, das scheint dieser Tage geklärt zu sein – ich bin etwas ruhige,r auch wenn ich in Sorge bleibe. Und ich merke in beiden Fällen – die Mutter, mit der ich das nicht hätte alleine tragen müssen – fehlt. Der ganz Große mit den üblichen Sorgen – aber das hat sich im Laufe des Jahres gegeben und im nächsten Jahr will er  ein bis zwei Jahre auf Work & Travel mit seiner sehr hübschen und netten Freundin, die ihn in der Trauerzeit aufgefangen hat. Um ihn mache ich mir – außer in finanziellen Fragen – derzeit die wenigsten Sorgen.

Parallel dazu Politik, ein Bürgermeisterwahlkampf, die Windräder in Malsch, ein Arbeitgeber, der mich immer voll und ganz fordert -was ich ja auch brauche – und natürlich die Familie. Ich habe im letzten Jahr die Ausbildung zur Transaktionsanalyse wieder aufgenommen – das fordert mich dann wieder sehr stark selbst. Es bleibt doch einiges unbearbeitet nach solchen Wochenenden, an denen man das eigene Modell ist, zurück.

Durchatmen. Manchmal denke ich, es wird Zeit, ein wenige kürzer zu treten aber hey – da wartet schon die nächste Aufgabe. Ich schaffe es (noch) und solange werde ich tun, was ich kann. Ich möchte im nächsten Jahr Gemeinderat hier in Malsch werden und werde danach einiges neu sortieren müssen, so denn es denn klappt. Jetzt freu ich mich auf drei Tage im Kreis der ganzen Familie, einen 2. Feiertag dazu mit meinen Eltern und meinem Bruder plus Kindern. Danach Silvester, dieses Jahr in Wannweil bei eben diesen Freunden, und dann geht’s ganz langsam wieder los. Mal sehen, was 2014 wird. Ich hoffe auf weniger einschneidende Nachrichten und Erlebnisse.