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die neue Arbeitswelt?

Junge Beschäftigte verlangen eine neue Arbeitswelt. Sonst ziehen sie weiter zum nächsten Job. Ihre Ansprüche verändern die gesamte Wirtschaft.

schreibt die Zeit in einem offenbar zumindest in meiner Twitter-Timeline viel beachteten Artikel.

Die Haltung des »Ich achte darauf, dass ich bekomme, was mir guttut« ist nicht nur auf eine Elite beschränkt.

schreibt die Zeit außerdem in dem Artikel – was ich vollkommen anders sehe. Tenor ist, die sogenannte Generation Y (gesprochen: „why“) gestalte sich die Arbeitswelt „wie sie ihr gefällt (ohne auf den den sich anbietenden Pippi-Langstrumpf-Vergleich zu verzichten) und vereinbare dabei auch selbstverständlich Familie, Freizeit und Beruf. Wo das nicht gehe, würden sie kündigen und wechseln und da das bekannt ist, umworben.

Ja, mag sein, dass das für eine kleine, feine Elite gilt. Akademiker_innen mit guter Ausbildung. Nicht umsonst beschreibt die Zeit Unternehmen wie die Bahn und BASF. Da mag das möglich sein, da wird entsprechend investiert. Aber für das Gros der Arbeitnehmer_innen wird das auf Jahre hinaus Illusion bleiben. Denn weder das kleine Hotel, der kleine metallverarbeitende Betrieb oder die nach wie vor wachsenden Sicherheitsunternehmen bieten solche Arbeitsplätze. Wer für (3x) 450 € im Monat in Supermärkten Regale auffüllt anstatt festangestelleR Verkäufer_in zu sein, hat keine Wahl. Und wer Überstunden in von Personalknappheit geplagten Pflegeheimen, Kindertagesstätten oder Krankenhäusern (dann jeweils noch bei der Kirche als Träger, ohne Rechte aus dem Betriebsverfasungsgesetz oder dem AGG), der kann sich über solche Artikel nur wundern. Ich geb ja zu, es gibt solche paradiesischen Zustände, ich selbst arbeite bei einem Arbeitgeber, bei dem ich weitgehend klar meine Lebenslagen definieren kann und im Bedarfsfall ich klar anmelden kann, was ich brauche und auch bekomme – aber das ist doch nach wie vor die Ausnahme. Mich ärgert an Artikeln wie in der Zeit, dass lapidar beschrieben wird:

 Zwar hat etwa ein Fünftel der Generation Y heute keinen Schulabschluss und – laut Hurrelmann – sehr schlechte Berufsperspektiven. Unter den Verlierern sind auffällig viele junge Männer. Früher hätten die einen Job als Hilfsarbeiter gefunden, heute sitzen sie vor dem Fernseher oder Computer, weil niemand mehr Ungelernte brauchen kann. Da sieht der Soziologe ein Problem auf die Gesellschaft zukommen.

Und damit weiter zu den Gewinnern, den anderen vier Fünfteln. Ich glaube nicht daran. Es wird wohl umgekehrt sein: ein Fünftel bekommt solche Jobs und kann solche Forderungen stellen, ein Fünftel ist tatsächlich ungelernt und landet wenn überhaupt in Zeitarbeit und Produktion, soweit noch vorhanden oder ist arbeitslos, die anderen drei Fünftel arbeiten, so wie es immer war und stehen unter Druck, weil es genügend Konkurrenz gibt. Viele sind nicht gut ausgebildet, einer ganzen Reihe von Menschen der Generation Y fehlt es an der Einsicht, das in 10 Jahren der Wachbrettbauch nur noch mit Mühe zu erhalten ist und der Push-Up-BH die Schwerkraft im Zaum hält – sprich, es für die Jobs, in denen man heute „vor allem“ jung und up-to-date sein muss (Verkäuferin in einer Boutique oder Sport-und Fitnesskaufmann) eben dann nicht mehr reicht – weil jung und up-to-date vorbei ist oder sich dem Ende zuneigt.

Der technische Fortschritt wird darüber hinaus einen weiteren Abbau von Arbeitsplätzen nach sich ziehen. Wer braucht noch Verkäufer_innen, wenn ein Heer von Minijobbern (oder Robotern wie in Großlagern) die Regale oder Palettenplätze auffüllt, jeder Artikel mit einem RFID-Chip ausgestattet ist und von vorne am Ausgang ein Kassenautomat steht, der diese ausliest und gegen Bargeld oder EC-Karte eine Schranke öffnet? Den Rest macht der Sicherheitsdienst – aufschließen, Kontrolle, Diebstahlsicherung, womöglich noch von externer Stelle mit Fernwartung, Fernschließen und Fernüberwachung. Gegenstände des täglichen Gebrauchs werden von unterbezahlten Ausliferungsfahrern in Haus geliefert, der sich zunehmend verbreitende 3-D-Drucker wird viele Dinge einfach zu Hause herstellen:

Schuhe und Klamotten komme heute schon via Paket. Vieles andere wird im Zuge der Globalisierung weiter woanders produziert werden, weil selbst der selbstausgebeutet Leiharbeiter noch teurer ist als der Wanderarbeiter aus China oder Polynesien und solange der Transport so günstig ist, wie er ist, wird sich daran nichts ändern. Und so weiter und so fort. Ich warte noch auf den ersten Friseurroboter, der nicht weit weg sein kann,wenn es schon OP-Roboter gibt.

Was ich sagen will: die Vision dieser Generation Y wird sich nur erfüllen, wenn wir in einer weiteren Agenda gute Arbeitsplätze definieren, mit Mindestlöhnen über 8,50 € hinaus, mit maßvoller Einführung neuer Technologien und einem gesellschaftlich gewollten Erhalt einfacher Arbeitsplätze. Das muss auch bezahlt werden. Wir werden weiterhin Menschen brauchen, die in so einer Arbeitswelt nicht zurecht kommen. Wir werden Menschen haben, die gar nicht wissen, was sie wollen geschweige denn ohne Hilfe herausfinden, was sie wollen könnten. Und bis die Arbeitszeitmodelle der Generation Y im realen Arbeitsleben der nicht akademischen Jobs angekommen ist, wird sicherlich eine neue Arbeitsweltsau durchs Dorf getrieben. Dabei wäre der erste, reale Schritt der einer radikalen Arbeitszeitverkürzung. Eine Umwidmung von jetzt Arbeitslosengeldern in die Förderung anderen Arbeitszeitmodelle. Warum einem Menschen Arbeitslosengeld bezahlen, wenn doch ein zweiter bereit wäre, seinen Job mit ihm zu tauschen – und dafür erhält der Arbeitgeber, der da mitspielt, eine Förderung, sodass beide von ihrem nun mit niedrigerer Arbeitszeit ausgestattetem Arbeitsplatz gut leben können?

Artikel über Friseur_innen, Florist_innen, Taxifahrer_innen, Verkäufer_innen, Altenpfleger_innen und so weiter mit vidionären Ideen, wie deren Arbeitsleben zukünftig gut aussehen kann, finde ich selten. Wahrscheinlich, weil sie so viele sind, dass eine Veränderung richtig teuer wäre. Da schreibt man lieber über eine kleine Elite und definiert die zum Modell um – schade: Zeit.

 

ich sprüh’s an jede Wand?

Ina Deter hat sie gefordert – die neuen Männer. Sie hat dabei sehr offen gelassen, was sie damit meint – was vielen den Raum lies, dort hinein zu interpretieren, was man so für sich selbst dachte. Gemeinhin wird der „neue Mann“ aber als das Gegenteil vom Mann im Patriarchat interpretiert – wie er – überdeutlich – hier dargestellt wird. Seine Rolle neu finden soll er, im Haushalt helfen, Kinder betreuen, emotional sein, reflektiert, nicht Sonntag früh beim Stammtisch, Partner, nicht der, der „die Hosen anhat“. Ein Partner in einer Beziehung auf Augenhöhe.

Zwischenzeitlich redet man sogar über das „Nice-Guy-Syndrom, das dramatischerweise dazu führt, dass offenbar

Frauen  Männer sexuell unattraktiv finden, die ständig nur als der Nette und Harmoniesuchende agieren und Konfrontationen stets ausweichen.

In der Zeit findet sich ein derzeit stark debattierter Beitrag von Nina Pauer, in der sie klischeehaft beschreibt

Heute tragen die jungen Männer Bärte und spielen Gitarre. Sie sind lieb, melancholisch und sehr mit sich selbst beschäftigt. Für die Frauen wird das zum Problem.

wie neue Männer, belastet mit dem Nice-Guy-Syndrom Frauen frustrieren, sie sich doch eher den zupackenden Mann wünschten. Sie stellt es so dar, als wären es vor allem auch eigene Erfahrungen, aus denen sie auf den Rest der Männerwelt schließt. Und das Bild des gitarrespielenden Bartträgers, der es dann nicht schafft „richtig“ zu flirten oder gar ma Ende „einfach mal küsst“ ohne zu fragen, der zupackende Mann, der Aufreißer – der fehlt ihr. Überhaupt das Küssen: in einem klugen Artikel im FAZ-Blog beschreibt Julia Seeliger aka @zeitrafferin, dsas es -nicht nur eigentlich – uncool ist, ungefragt zu küssen. Womit sie recht hat. Und schreibt die Botschaft aus ihren „geheimen Kanälen“:

Im Übrigen würden sich viele Männer auch freuen, wenn die Frau mal den ersten Schritt macht.

Korrekt. Kann ich bestätigen. So geheim ist das gar nicht. Ich habe in meinem Leben auch nicht immer der Forderung nach dem „ersten Schritt“  erfüllt. Das klassische „willst du mit mir gehen“ – gab es nie. Aber bis heute ist diese Erwartungshaltung da. Der Mann hat den ersten Schritt zu tun. Die Frage nach „willst du mich heiraten“ – die hat vor allem der Mann zu stellen und bitte noch gleich die wunderschönen Ringe mitzukaufen. Die Frage muss natürlich romantsich verbrämt an einem besonderen Ort – Urlaub, gutes Restaurant – gestellt werden und nicht bloß nicht nach einem durchschwitzten Beischlaf im gemeinsamen Bett. Er kauft die Ringe – sie kümmert sich dann zusammen mit einer Horde Freundinnen um die gelungene Ausrichtung der Hochzeitsfeier, schleppt ihn auf Hochzeitstage, das Kleid muss auch sauteuer sein – ein unvergesslicher Tag, bombastisch – durch und durch amerikanisiert.

Der Rollback findet statt – und er findet sich in Artikeln wie dem von Nina Pauer wieder. Einem Artikel, der nicht in der Bunten gestanden ist – sondern im intellektuellen Blatt „Zeit“. Wollte die Redaktion provozieren? Man weiß es nicht. Ich finde es aber erschreckend, dass sich solche Plattitüden verbreiten. Denn es ist ja nicht nur dieser Artikel, es ist eine ganze Reihe von ihnen – die das Bild der modernen Familie/Beziehung humorvoll, überspitzt und voller überkommener Klischees insLächerliche zieht. Wie das Herumhacken auf den angeblichen Latte-Macchiato-Müttern in Berlin und Frankfurt. Und wir, die wir uns dafür einsetzen, die klassiche Männerrollen zu überwinden, müssen rückwärtsgewandt Kämpfe führen. Autor_innen wie Nina Pauer gehen hand ind Hand mit der maskulistischen Szene, die ebenfalls gerne vom „richtigen Mann“ schwärmt und alle, die sich für „neue Männer“ einsetzen, als Pudel beschimpft – die, die noch dazu für die Gleichberechtigung kämpfen und Feminismus nicht er se vedammen, gar als „Lila Pudel“.

Das Bild des gehemmnten jungen Mannes, der sich nicht an die Frau traut, gezeichnet mit

Statt seinen Stolz zu nehmen und nach einem letzten romantisch-heroischen Versuch einzusehen, dass es richtig wäre aufzugeben, trauert er, wochen-, monatelang.

ist sowas von 1950er, dass es weh tut. Ja, Männer dürfen weinen, Männer dürfen trauern, Männer dürfen unerfüllt lieben und Männer dürfen nicht wissen, wie sie die Angebetene herumkriegen – zu was auch immer. Und wenn eine Frau dsa merkt – dann kann sie sich ja trauen und sagen: trau dich ruhig. Ich wünsch es mir. Ich bin sicher, das würde es so leicht machen, wie Frau Pauer sich das wünscht. Eine Rückkehr zum Macho, der sich „die Weiber schnappt“ – die darf gerne weiter an Stammtischen und in Maskuforen gefordert werden, der Zugang und der Ausdruck von Gefühlen gerne weiter pudelig. Wir sind da weiter.